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Vortrag am 18. Januar 2024 in der Fachhochschule Salzburg,

Fachbereichsleiter Möbel & Innenbau Dr. Michael Ebner, DPM Design & Produktmanagement, HTB Holztechnologie & Holzbau



 

Was können wir tun

Wie Ressourcen zu erhalten sind

                                                                                                                                                                           

 

Das Grundlegende – alles flirtet miteinander

 

I. Woher die Menschen stammen


1. Weltall und Erde

2. Zellen

3. Bewusstsein und Kultur

4. Sesshaftwerdung, Bodenöffnung, Erfindung des Produkts

5. Der Mensch als Möglichkeitswesen

 

II. Wohin die Menschen gelangt sind


1. Ankunft im Anthropozän

2. Was im Anthropozän schon getan wird

 

III. Was wir tun können


1. Alternatives Handeln des Individuums oder sei mal ein Virus

2. Alternatives Handeln der Gesellschaft

3. Handeln und Philosophie




Das Grundlegende – alles flirtet miteinander


Der Text beschreibt eine Struktur in drei Teilen: Wo wir herkommen, wo wir angelangt sind und wo wir hingehen können: Mit anderen Worten: Wer wir sind, wie wir gehandelt haben und wie wir in Zukunft handeln könnten.

   Um über Ressourcen und ihren Erhalt zu sprechen, müssen wir zuerst einmal klären, was Ressourcen sind und woher die Menschen stammen. Dadurch erhalten wir eine Richtung für die Frage, was wir in Zukunft tun sollten. Menschen haben Poesie, Philosophie und fantastische Apparaturen wie Smartphones geschaffen, und ebenso Wissenschaft und Demokratie. Menschen lieben, helfen einander, schlichten Streit. Dennoch kann einem angst und bange werden, betrachtet man, wie sie selbstverschuldet in eine möglicherweise schicksalhafte Krise hineinschlittern und das Gegebene und ihre Errungenschaften zerstören.

   Ressourcen sind Potenziale. Möglichkeiten. Ausgangspunkte oder Quellen für anderes. Ursprünge für all das, was werden kann. Die allgemeinste Ressource ist das Weltall. Die Ur-Ressource, die alles andere hervorbringt. Galaxien, Sterne (Sonnen), das Sonnensystem mit Sonne und Planeten wie die Erde, die Wasser und Luft und das Leben hervorbringt, aus der wiederum Ressourcen wie Bewusstsein, Kultur und Wissen entstehen. Auch tägliche Gegenstände wie Lebensmittel, Gebrauchsgüter und Häuser, wie Geld, Zeit und Mikrochips sind Ressourcen. Daher erweist sich das Weltall als eine unendliche Stufenfolge von Ressourcen und ein Kommunikationssystem, in dem alles miteinander flirtet.

   Ressourcen wie Mineralien sind endlich, doch wie Boden, Wasser und Luft ließen sie sich immer wieder durch Recycling erneuern, wenn mit ihnen schonend umgegangen wird. Ressourcen wie Bodenschätze sind auf der Erde ungleich verteilt und haben eine eminent wichtige geopolitische Bedeutung – daher sollten Ressourcen niemandem gehören.

   

I. Woher die Menschen stammen

 

1. Weltall und Erde

Das Weltall ist aus dem Urknall hervorgegangen. Hypothetisch. Doch es gibt zwei Ereignisse, die davor zu liegen scheinen. Die Kosmische Inflation und das Kosmische dunkle Zeitalter. Die Inflation ist eine Ausdehnung im Bruchteil einer Sekunde (10-30   sec). Durch den gewaltigen Temperaturanstieg entstand eine lichtundurchlässige Struktur, so dass Messungen über den Anfang des Alls erst mit dem Ende des Dunklen Zeitalters möglich sind. Seit der Zeit dehnt sich das Weltall aus. Die Vorgänge des Weltalls sind ein unablässiges Kreisen, Explodieren, Umwälzen und Driften, die unter Regeln wie Kausalität, Energieerhaltung und Gravitation stattfinden. Galaxien entstehen in Jahrmilliarden und in ihrem Bereich werden Sonnen geboren, die sich zu Systemen mit Planeten entwickeln können. Es gibt Milliarden Galaxien. Das Licht, das in 3 Sekunden 1 Million Kilometer zurücklegt, braucht zum Durchqueren unserer Galaxie (Milchstraße) 200.000 Jahre. Das Weltall ist ein physikalisch-chemisches Kommunikationssystem unfassbaren Ausmaßes.

   Die Erde beginnt leb- und bewusstlos als riesiger glühender Stein. Sonne sowie Erdboden, Wasser und Luft sind Ressourcen für das Leben. Die Sonne spendet Energie und treibt die Entwicklung an. Die Oberfläche der Erde (Lithosphäre) kühlt ab, die Atmosphäre entsteht durch Vulkanausbrüche und die Ausgasung der Erde. Sie besteht erst aus Kohlendioxid, später aus Wasserdampf, der in der Erdabkühlung kondensiert, als Regen auf die Erde stürzt und die Meere entstehen lässt. Der Boden wird nun physikalisch und chemisch durch Wasser und Luft zersetzt und durchlässig gemacht. In Jahrmilliarden treffen unendlich viele Kombinationen von Molekülen aufeinander, bis aus ihrem Zusammentreffen die ersten organischen Moleküle entstehen, die sich wiederum in Milliarden Jahren zu einer Einheit finden, die in der Lage ist, sich fortzupflanzen und sich zu ernähren: aufnehmen, in sich Arbeit verrichten, ausscheiden. Das sind die ersten Einzeller, die den aufbereiteten Boden nutzen, um sich zu ernähren und weiterzuentwickeln. So entsteht der erste fruchtbare Boden: der Humus – die Ressource für alles Leben. Durch die Photosynthese müssen sich die ersten Lebewesen nicht gegenseitig fressen, sondern die Pflanzen nehmen Sonnenenergie und Mineralien auf und wandeln sie in organische Stoffe um, durch die sie wachsen und sich fortpflanzen. Sie binden Kohlendioxyd (CO2) und erzeugen Sauerstoff (O2), den sie in die Atmosphäre entlassen.

   

2. Zellen

Die ersten Einzeller sind Bakterien (Prokaryoten). Sie haben keinen Zellkern. Dagegen haben die später entstandenen Amöben (Eukaryoten) einen Zellkern, in dem die DNA geschützt aufbewahrt ist. Eine Zelle mit Zellkern ist ein von einer Doppelmembran umschlossener, mit Zytoplasma gefüllter Beutel, in der unterschiedliche Organellen gelagert sind wie der Zellkern, Mitochondrien, Ribosomen oder der Golgi-Apparat. Mitochondrien sind ursprüngliche Bakterien, die Zellen in sich aufgenommen, aber nicht verdaut, sondern ihnen eine neue Funktion gegeben haben – nämlich Energie zu erzeugen. In einer Zelle können sich bis zu fünftausend Mitochondrien befinden, abhängig von der zu verrichten Arbeit: Die meisten Mitochondrien befinden sich in den pausenlos arbeitenden Herzzellen. Immer wieder wird im Zellkern ein Abschnitt der DNA kopiert und aus dem Zellkern heraus- und zu den Ribosomen hingeführt, den Werkbänken der Zelle, wo sie in Stoffe umgewandelt werden, die eine Zelle aktuell benötigt, etwa Proteine. Eukaryotische Zellen ernähren sich nicht länger allein durch Photosynthese, sondern auch durch andere Einzeller wie Bakterien oder Amöben. Einzelner haben die Fähigkeit zu einer Art Erkenntnis. Wenn Amöben angreifen, treten andere Einzeller die Flucht an. Jäger und Beute erkennen sich - eine Amöbenerkenntnis.

   Um im unendlichen Strom des Aufeinandertreffens der Einzeller Zweizeller zu bilden, haben sie 800 Millionen Jahre gebraucht. Das war eine Revolution, denn mit dieser Fähigkeit waren sie in der Lage, sich relativ rasch zu Drei-, Vier- und Mehrzellern zu entwickeln bis hin zu komplexen Zellsystemen.

   Alle Zellen von Mehrzellern stehen in einem unablässigen Austausch miteinander und sorgen dafür, dass der Gesamtorganismus auch in Gefahrensituationen erhalten bleibt, bis sich zu ihrer Koordination ein Organ ausbildet, das ihre Abstimmung regelt: das Gehirn. Den Menschen ist dieses Koordinationsorgan eine besondere Ressource geworden, denn es hat sie befähigt, an jedem Ort der Erde zu leben, sie technisch zu überformen und in den planetarischen Raum vorzudringen.

 

3. Bewusstsein und Kultur

Menschen sind gleichermaßen Wesen der Natur wie der Kultur. Eine Konsequenz aus der Nutzung der frei gewordenen Hände und dem Gehirnwachstum. Aber auch dem Lösen der Enge von Reiz und Reaktion, mit dem sich den Menschen ein Raum öffnet, der ihnen die Möglichkeit bietet, innezuhalten. Eine Öffnung oder ein Zeitraum, der erlaubt, zu Bedenken, ob eine Reaktion auf den Reiz sofort, verzögert oder überhaupt nicht folgen soll. Mit diesem Raum des Erwägens können Entscheidungen getroffen werden, etwa den Reiz und seine Folgen zu analysieren, so dass der Zeitpunkt einer Handlung in Frage steht. Mit dieser Entscheidungsfähigkeit kann ihnen der Vorgang von Reiz und Erwägung bewusstwerden. Hier entsteht Bewusstsein. Eine Grundlage für die Ausbildung der Kultur des Menschen, die sich in Ritualen und Wissen, in Können und in Werten zeigt, die ihnen Mitte und Sinn geben: sichtbar in Architektur, Kleidung, Waffen und Musikinstrumenten, unsichtbar in Geboten und Gesetzen, die das gemeinschaftliche Leben regeln.

   Das Bewusstsein gibt den Menschen enorme Möglichkeiten. So ist er in der Lage, dem Leben Formen zu geben und die Ressourcen gezielt menschlichen Zwecken zu unterwerfen. Diese Formen haben eine rationale und zugleich zufällige Struktur, die den Menschen zum geschöpften Schöpfer macht. Dem Rationalen folgt der Mensch allerdings oft weniger als dem Zufall, so dass ihm die Einsicht versperrt bleibt, dass zu seiner Existenz der Erhalt aller anderen Ressourcen notwendig ist.

   Es ist ebenso unglaublich wie berührend, vergleicht man die kulturellen Errungenschaften des Menschen mit dem glühenden Feuerball Erde. Denn alle Errungenschaften, die wir sehen können, wie Häuser, Werkzeuge, Kleider, Flugzeuge und Mikrochips, wie die Errungenschaften, die wir nicht sehen können wie Ideen, Gebote, Theorien und nicht zuletzt Physis, Emotionen und Wahrnehmung sind aus dieser Feuerglut entstanden – auf der wir immer noch stehen. Es ist eine ununterbrochene Kette von Umformungen vom glühenden Erdball zum Leben, zur bewaldeten Erde, zur Kultur, zum bewussten Handeln bis hin zu seinen raffiniertesten Erfindungen. Das Überraschende ist, dass die geistigen und emotionalen Fähigkeiten der Menschen wie Sprache, Philosophie und Kunst, wie Ideen und Zukunftsvisionen potenziell in dem Stein angelegt sind. Ein Vorgang, den wir nicht wahrnehmen, sondern nur erschließen können.

   Harald Welzer, ein Soziologe des Handelns, sagt, wir wissen schon alles, wir müssen endlich ins Handeln kommen. Das stimmt nur bedingt. Vieles wissen die Menschen überhaupt nicht, wie die Entstehung der Welt, des Lebens, der Kulturen und der Psyche, und vieles wissen sie nicht genau genug, wie die Dimensionen von Weltall und Zelle, von der Entstehung des Zeitraumes nach einem Reiz oder den Gesetzen der Kulturen und der Geschlechter. Alle maßgeblichen Anfänge der Evolution sind unbekannt und beruhen auf Hypothesen. Dennoch ist Harald Welzer zuzustimmen: Wir müssten handeln, auch ohne, dass wir alles wissen. Was aber behindert unser Handeln? Oft ist zu hören, die Dinge seien komplex. Das stimmt. Deshalb werden wir das Ganze nie unter Kontrolle haben. Um zu handeln ist es deshalb nötig, Komplexität in unserem Bewusstsein und unserer Kommunikation zu reduzieren. Punkt für Punkt, Ort für Ort. Was den Menschen fehlt, ist die emotionale Kraft – das Gespür. Was sich auch auf die aktuelle Krise bezieht.

 

4. Sesshaftwerdung, Bodenöffnung, Erfindung des Produkts

Die ersten Menschen halten vor etwa zwölftausend Jahren an und werden sesshaft, was Hausbau und Bleiben an einem Ort bedeutet. Das ist ein sozialer, architektonischer, ökologischer und geistiger Vorgang, dem eine Revolutionierung der Lebensweise folgt. Jäger und Sammler leben in frischer Luft und bewältigen regelmäßig körperliche Leistungen, sie haben starke Muskeln und weite Lungen. Sie sind ganz an ihr Wanderleben angepasst, bis sie anhalten und alles an sich ändern. Sie müssen ihre Muskeln umordnen, ihren Atemrhythmus ändern, sich an neue soziale und emotionale Bedingungen anpassen. Sie müssen ihr Leben planen und sich eine neue Erzählung geben – einen neuen Mythos.

   Sesshaftwerdung bedeutet vor allem aber die Öffnung des Bodens. Bis dahin war es verboten, die Erde zu verletzen. Von nun an wird der Boden geöffnet, um die Saat hineinzulegen und um Material aus dem Boden herauszuheben. Das dient sowohl der Lebensmittelproduktion als auch der Produktion von Dingen. Es ist das erste Mal, dass Menschen etwas herstellen: etwas schöpfen, produzieren und gestalten. In der Sesshaftigkeit werden Produkte erzeugt, da der Gebrauch von Werkzeugen und Gebrauchsgütern erforderlich ist: Aufbewahrungsbehälter, Schüsseln, Messer, Hämmer, Pflüge, Äxte, Fäden und Zäune. Die Bodenöffnung liefert erfolgreich Lebensmittel, aber auch Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände, während die Tierhaltung erfolgreich die Jagd verdrängt, weil Tiere in ihre Falle hineingeboren werden.

   Produkte (producere) entstehen, indem Material aus dem Boden heraus (pro) geführt (ducere) und in Form gebracht wird. Etwa wenn Lehmboden emporgehoben, in eine Vasenform gebracht und getrocknet wird.

   Zwar haben Sesshafte durch Handel und Handwerk Überschüsse sowie Handelswege und Märkte geschaffen, dennoch war die Sesshaftigkeit nicht der Übergang zu einer einfachen und besseren Lebensform, denn die ersten Sesshaften sind kleiner als Jäger und Sammler ihrer Region, haben schlechtere Zähne, leiden durch strenge Planung des Lebens unter Stress und sind durch einseitige Kost schlecht ernährt. Hinzu kommt, dass sie durch das enge Zusammenleben mit Tieren immer wieder Seuchen ausgesetzt sind.

   Sesshaftwerdung bedeutet Besitz an Boden, Haus und Dorf. Von diesem gesicherten Ort aus beginnen die Sesshaften, ihren Einflussbereich auszuweiten, indem sie in sicherer Distanz weitere Häuser und Dörfer errichten, die neuen Räume sichern und sich von hier aus erneut in unbekanntes Gelände vorwagen. So sind die ersten Großreiche entstanden, die allerdings immer wieder durch Kriege oder Klimawandel zerbrochen sind. Das erste große Wegenetz, das nicht wieder zerbrach, war das Römische Reich. Es entstand eine stabile Struktur dadurch, dass die Römer für Technik und Verwaltung begabt waren und das gesamte Reich bis nach Britannien mit einem Netz geradliniger Straßen im rechten Winkel ausstatteten, was den Transport von Waffen, Waren, Menschen und Informationen beschleunigte, was das Öffnen und Versiegeln des Bodens und das Erzeugen von Dingen fortsetzte.

 

5. Der Mensch als Möglichkeitswesen

Menschen sind kreativ, intelligent, erfindungsreich. Sie haben unterschiedliche Möglichkeiten gefunden, sich in die Welt einzurichten. Sie können leben wie die Pygmäen in Äquatorialafrika, wie die Yanomami im brasilianischen Regenwald oder wie die Papua auf Neuguinea. Sie sind Jäger und Sammler und partiell auch sesshaft. Sie leben in einer begrenzten Region. Eine andere Möglichkeit erfindet das europäische Bürgertum. Es hat nach seinem ökonomischen Aufschwung Handwerk und Handel direkt mit Bildung und Ausbildung verbunden und konnte so im 18. Jahrhundert die Industrie entwickeln – eine arbeitsteilige, mechanisierte und automatisierte Produktionsform – die eine enorme Ausweitung und Optimierung der Produktion mit sich brachte. Das erforderte Kapital – Gebäude, Maschinen, ausreichend Arbeitskräfte sowie Versicherungen und Banken. Durch Konkurrenz und den beständigen Zwang zu Investitionen braucht Industriekapital Wachstum, das wiederum ständig die Produktivität und Massenproduktion erhöhte, weshalb immer tiefer in den Boden eingegriffen werden musste. Mit dem höheren Wohlstand stiegen Weltbevölkerung und Weltenergieverbrauch an und die Erde wird seitdem vernutzt, bis heute die Masse aller technischen Artefakte – die Technosphäre – die Masse der Biosphäre überwiegt.

   Ehrgeiz ist produktiv. Doch wenn die Logik bloßen Machens und der Perfektion zu stark wird, entwickelt sich Entfremdung, die zum Verlust von Empathie und zur Verantwortungslosigkeit führt. Die Folge ist eine Rücksichtslosigkeit im Umgang mit sich und anderen Menschen und ein fehlendes Bewusstsein dafür, dass Wälder, Tiere und die Artenvielfalt für eine gedeihende Welt erforderlich sind. Die Menschen befällt ein Unwohlsein und sie geraten in Not. Vermüllung, Klimawandel und Artensterben richten sich gegen alle Menschen. Die Schäden durch Waldbrände (es sind vor allem Tierbrände), Überschwemmungen und Versteppungen und die Leiden durch Krieg, Vertreibung und Hunger sind unerträglich und unbezahlbar und erzeugen die Imagination, an der Schwelle einer umfassenden und alles übertreffenden Katastrophe zu stehen. Um diese Not abzuwenden, ist es notwendig, dass der Mensch sein Möglichkeitsfeld erweitert, indem er seine geistige Haltung ändert. Etwa um neue Unternehmensmodelle zu erproben und um den Weg in eine Weltwirtschaft einzuleiten, in der konsistente Kreisläufe der Natur nachgebildet und Stoffe genutzt werden, ohne sie in Mülldeponien zu verlieren.

 

II. Wohin die Menschen gelangt sind

 

1. Ankunft im Anthropozän

Menschen verfügen über ein enormes Potenzial zur Veränderung der Erde. Angesichts der Wirkungen von Feuer, Ackerbau, Viehzucht, Handwerk, Industrie und Digitalisierung haben Paläologen und Anthropologen ein neues Zeitalter ausgerufen – das Anthropozän. Die Industrie beutet Lebewesen sowie die Ressourcen Erde, Wasser und Luft aus, bis die Zerstörung ein Niveau erreicht hat, von dem an die Menschheit als Naturkraft gilt, da ihr Einfluss noch in hunderttausend Jahren durch fossile Objekte wahrnehmbar sein wird.

   Im Anthropozän wird alles, was Menschen erreichen können, beeinträchtigt, zerstört, verschwendet. Das betrifft Böden, Gewässer und die Atmosphäre, die Tierwelt, die Menschen und den planetarischen Raum.

   Biotope sind vernetzte Lebensgemeinschaften von Tieren und Pflanzen einschließlich Klima, Licht und Geologie. Die Menschen haben ihre Biotope stark verändert und mit ihnen die Biotope der Pflanzen und Tiere. Von der Savanne über Wälder zu sesshaften Regionen bis hin zu Städten, Megaagglomeraten und dem planetarischen Raum. Jede neue Raum- und Bodenform verwandelt die Menschen, da sie eine neue Geisteshaltung und Körperstruktur benötigen.

   Der Mensch steht mit den Füßen auf dem Boden. Das ist seine Basis. Mit diesem Grund geht er nicht gut um. Mit Monokulturen, Waldabbau und Massentierhaltung vertreibt er Wildtiere, die neue Lebensräume suchen müssen. Hinzukommt das Ausstreuen von Glyphosat und Gülle, die im Boden lebende Mikroorganismen dezimieren und mit ihnen Insekten, Vögel und Säugetiere. Die Biodiversität geht zurück und der Boden verliert an Qualität und Fruchtbarkeit.

   Der Mensch steht in der Atmosphäre. Sie ist über Lungen, Blut, Kohlendioxyd und Sauerstoff mit den Zellen verbunden. Im Anthropozän wird die Atmosphäre durch Treibhausgase wie Kohlendioxid, Methan und Wasserdampf erhitzt und durch Feinstaub aus Autoreifenabrieb, durch Ruß und Rauch verschmutzt. Die Menschen sind mobil durch Autos und Flugzeuge – permanent sind 15.000 Flugzeuge in der Luft –, die enorme Mengen CO2   ausstoßen. Da die Menschen viel Fleisch essen, sondern die Milliarden Rinder und Schweine große Mengen Methan ab. Eine erhitzte Atmosphäre und eine erwärmte Oberfläche der Ozeane erzeugt mehr Wasserdampf, der wiederum die Temperatur der Atmosphäre erhöht. Die verschmutzte und erhitzte Atmosphäre ist unsere Atemluft, die Lunge und Herz belastet.

   Menschen bestehen zu etwa 65% aus Wasser. Ohne Wasser keine menschliche Zivilisation, denn Wasser ist ein Grundbaustein des Lebens. Im Anthropozän werden Gewässer durch Gifte der Industrie, Kunstdünger, verschmutzten Regen, Gifte aus Müllhalden, die ins Grundwasser sickern, Plastik in den Weltmeeren sowie deren „Übersäuerung“ belastet.

   Menschen sind im Anthropozän vielfältigen Gefahren ausgesetzt. Zellen brauchen Sauerstoff, doch die Atmosphäre ist verschmutzt, sie brauchen Nahrung, doch Lebensmittel verlieren ihre Qualität durch Zucht, Mikroplastik, radioaktive Substanzen und Medikamenten-Rückstände, sie brauchen Wasser, doch auch das ist verunreinigt. Das Anthropozän gefährdet das physische und psychische Wohlbefinden und stört das soziale und politische Miteinander.

   Bereits über 500 Menschen waren auf dem Mond oder in der Umlaufbahn um die Erde und haben den planetarischen Raum in Besitz genommen. In Besitz nehmen ihn auch Satelliten, Raumstationen und Teleskope, die der Tele-Kommunikation, der Erforschung der Planeten, der Experimente in der Schwerelosigkeit oder der Beobachtung des Weltalls dienen. Zurückgeblieben sind Tausende von Tonnen an Weltraumschrott aus funktionslosen Satelliten und Millionen kleinster Splitter, entstanden durch die Kollision von ausrangierten Geräten. Da er für bewohnte Raumstationen sowie für die Erde Gefahr bedeutet, sollen Spezialfangnetze Teile des Schrotts einsammeln und zur Erde zurückführen.

   Im Anthropozän liegen auch Chancen: Menschen erkennen, selbst Ausbeuter ihrer Lebensgrundlage zu sein. Sie können aus- und aufbrechen aus ihrem alltäglichen Trott und aktiv werden, wie das in der Wissenschaft, Technik, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft bereits geschieht. Sie verstehen allmählich, dass im Anthropozän leben heißt, sich anzustrengen, politische Aufgaben neu zu definieren und Verantwortung für zukünftige Generationen zu übernehmen.

 

2. Was im Anthropozän schon getan wird

Es gibt eine Menge angemessener Reaktionen auf das Anthropozän. Indem Ressourcenverschwendung, Klimawandel und Atmosphärenverschmutzung als Gefahr für die eigene Existenz und für das Überleben der Menschheit begriffen werden, lassen Menschen die Erkenntnis zu und greifen zur Hilfe und Selbsthilfe. Krisen sind Initiatoren und Beschleuniger für Veränderung.

   Die Ökologie dringt vor in die Ökonomie. Die Vereinten Nationen haben 1989 den Weltressourcenrat gegründet, um den Rohstoffverbrauch weltweit zu analysieren und Konsequenzen daraus zu ziehen. Er wacht darüber, dass die Rohstoffe schonend behandelt und die erzeugten Gegenstände recycelt, repariert und gemeinsam genutzt werden. Die G-7-Staaten haben 2015 den Bericht „Ressourceneffizienz: Potenzial und wirtschaftliche Implikationen“ in Auftrag gegeben und für die G-20-Staaten veröffentlicht. Das Resultat: Eine erhöhte Ressourceneffizienz ist möglich; Ressourceneffizienz kann zum wirtschaftlichen Wachstum werden; um die Klimaziele zu erreichen, ist eine Verbesserung der Ressourceneffizienz unabdingbar.

   Paradigmenwechsel finden in Unternehmen und in der Politik statt. Mittlerweile gibt es Lieferkettengesetze, die Unternehmen empfehlen oder zwingen, die Herkunft ihrer Rohstoffe nachzuverfolgen. Selbst Finanzmärkte halten Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz für ökonomisch maßgeblich. Diese Ansichten und Praktiken sind in der Welt, werden kommuniziert und üben Einfluss aus.

   Solche Ideen werden auch privat und zivilgesellschaftlich realisiert: Förderung des Handwerks, Anbau regionaler Produkte, Mäßigung des Konsums, gesunde Ernährung, Reduktion von Plastikerzeugnissen, weniger Autofahren und Fliegen und weg von der Wegwerfmentalität und dem permanenten Tun. Natur kennt keinen Müll. Auch das Lassen ist eine neue Qualität. Ein Nichttun, das nicht Verzicht, sondern ein leidenschaftliches Wollen zum Erhalt der Welt bedeutet. Für das zerstörerische Potenzial gilt das Umgekehrte: Nichthandeln ist oft unfinanzierbar und entmutigend. Daher begrenzt Paris den Autoverkehr im Zentrum und baut großflächig Fahrradwege aus. In London etabliert sich das Urban gardening – überall sprießen Minigärten, und das Underground growing hat Hochkonjunktur. In den unterirdischen Räumen des Tunnelsystems aus dem zweiten Weltkrieg werden Gemüse und Kräuter ohne Pestizide, aber auch ohne Humus in hoher Qualität produziert. Gegen Klimawandel und Umweltzerstörung helfen Bildung, Ausbildung und ungewöhnliche und kluge Ideen.

   Es gibt also bereits internationale Kooperationen von Wissenschaft, Unternehmen, Politik und Zivilgesellschaft, die ein neues Wertesystem vertreten und kluge Theorien, verantwortungsvolle Produktionen, zukunftsorientierte Politiken und innovative Unternehmensmodelle entwickeln, um eine faire Verteilung der Lasten im Rahmen einer politischen Welt-Ökologie und um eine Kreislauf-Weltwirtschaft einzuleiten. Nicht Übermenschen oder Künstliche Intelligenzen werden die Probleme lösen, sondern verantwortungsbewusste Menschen, die an den Prozessen zur Lösung der Weltprobleme teilnehmen.

 

III. Was wir tun können – Handlungsalternativen

 

1. Alternatives Handeln des Individuums

Moral und Wissen allein führen nicht zum alternativen Handeln. Sie sind die rationale Seite der Erkenntnis. Wir brauchen aber auch einen emotionalen Zugang – das Gespür. Dazu gehören Intuition, Sinnlichkeit und Poesie. Das Gespür ist das Gedächtnis der Menschheit – ihre angesammelte Erfahrung, die ein unbewusstes Weltwissen darstellt. Es steht ihnen aber nur zur Verfügung, wenn sie auch gefühlsmäßig bewegt sind. Auf der Grundlage der Verarbeitung unendlich vielfältiger Erfahrung hat das Gespür eine an der Realität ausgerichtete (rationale) Struktur.

   Da alternatives Handeln Entscheidungen fordert, müssen Menschen ihrem Gespür folgen und das Gefühl im Handeln zulassen. Wer aus physischen Gründen nicht fühlen kann, kann sich auch nicht entscheiden. Und da der emotionale Anteil am Wissen über Krisen meist rationale Erwägungen sind, ist das Wissen nicht genau genug, und es entsteht die Zögerlichkeit bei Entscheidung, für ein alternatives Handeln einzutreten. Menschen wissen die Krise, fühlen sie aber nicht. Sie erscheint ihnen abstrakt und die Katastrophe kommt vielleicht erst in hundert Jahren. Menschen müssen Dinge oder Prozesse wahrnehmen, weil sie nur dann auf eine Krise angemessen reagieren können, wenn sie die Angst zulassen und dadurch die Krise fühlen. Dazu erscheint es notwendig, dass sich der Einzelne dekonditioniert, ein positiver Ausdruck dafür, dass er sich von einer Beschränkung freimacht - seiner begrenzenden Geisteshaltung.

   Entweder gilt der einzelne, insbesondere westlich orientierte Mensch, als Faktor, der die Welt zerstöre und daher aufgefordert sei, sie zu verbessern. Oder die Struktur von Politik und Wirtschaft, die dem Individuum keinen Spielraum für eigene Initiativen lasse, sei der Grund der Weltzerstörung und müsse daher verändert werden. Zielführend kann aber nur das Beschreiten beider Wege sein, das gemeinsame Handeln. Der Einzelne ist aufgefordert, am Erhalt der Welt mitzuwirken, und die Vertreter von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sind aufgefordert, der Gesellschaft ein gemeinschaftliches Handeln und den Menschen Teilhabe zu ermöglichen. Die Spaltung der Gesellschaft ist das größte Hindernis einer positiven Entwicklung. Wir müssen wieder Vertrauen zueinander aufbauen. Der Mensch besitzt ein Urvertrauen und wir beobachten in Katastrophensituationen, dass Menschen einander selbstverständlich helfen. Sie verhalten sich zuverlässig und verantwortlich und bringen kulturelle Errungenschaften wie Sorge, Aufrichtigkeit und Pflege hervor. Empathie ist ein wirkungsvolles Vermögen für alternatives Handeln. Sie schafft Verbindlichkeit und Sicherheit. Wer einmal das Gemeinsame erfahren hat und vom Du und vom Wir weiß und von der Freude gemeinschaftlichen Handelns, wird sich zugehörig fühlen und mitarbeiten wollen an übergreifenden, globalen Prozessen.

   Die Grundlage für diesen Weg sind Kommunikationsformen, in denen Emotionen eine entscheidende Rolle spielen. Wie die gewaltfreie Kommunikation von Marshall B. Rosenberg und das Eskalations-Stufenmodell von Friedrich Gerstl. In der Gewaltfreien Kommunikation gehen Menschen gut mit sich und mit anderen um. Jeder nimmt sich so ernst, wie jeden anderen, und übernimmt für sein Handeln Verantwortung. Es sind Wege vom Ich zum Ich, vom Ich zum Du und vom Ich zum Wir, die Handlungsalternativen ermöglichen. Gewaltfrei heißt nicht, allem zuzustimmen, sondern sich ernst zu nehmen, indem man seine Bedürfnisse vertritt. Das Bemerkenswerte gewaltfreier Kommunikation ist das Erleben, dass hinter fast jeder Handlung und Ansicht eine gute Absicht steckt. Es geht um Toleranz, Respekt und um Streitvermeidung, wie im Eskalationsmodell, das für Situationen, die zu eskalieren drohen, einen Kanon abgestufter Verhaltensweisen bereithält.

   Handlungsalternativen lassen sich überall und in nahezu allen alltäglichen Situation praktizieren: im guten Umgang miteinander; indem man so gut als möglich auf die Welt zugeht; im Überschreiten der eigenen Grenzen hin auf andere zu, um den Gemeinsinn zu pflegen; im Blick in Unternehmen und Institutionen, um zu sehen, was schon gut läuft; das Beachten guter Nachrichten – etwa dass Menschen ihre Arbeit lieben, verliebt sind, spenden oder pflegen; ein Ehrenamt ausüben – ein Engagement aus Leidenschaft oder aus der Not, zu helfen.

   Wer trotz Engagement kein positives Resultat erkennt, sollte nicht verzagen, da die Realität ein gewaltiges Schwungrad ist, das sich nicht einfach anhalten lässt. Veränderungen brauchen Zeit, da Realität in jahrtausendealten Strukturen besteht und eine hohe Stabilität hat. Denn die Welt funktioniert bis zum Eintreten der Katastrophe mit ihren Fehlern, die aus dieser Perspektive keine sind, sondern Bestandteile von Funktionen, die hinterfragt werden müssen. Ein Grund, zuversichtlich zu bleiben und sich auch in alltäglichen Situationen zu engagieren.

   Zum alternativen Handeln gehören Qualität und Schönheit: das Material, das Design, Verfahrensweisen, das Umfeld der Gestaltung. Alles, was ist, ist gestaltet. Design ist ein Ausdruck, der aus etwas Vergleichbarem im Innern entsteht – aus einer inneren Struktur. Design ist ein im Außen wahrgenommenes inneres Design, aus dem heraus entworfen, skizziert und umgesetzt wird. Es ist diese Einheit von innerem Design und äußerer Form, die Sinn und Bedeutung und damit Stabilität gibt. Auch in der Lebensqualität geht es um gutes Design – das sind die guten Formen des Miteinanderseins.

 

2. Alternatives Handeln der Gesellschaft oder Sei mal ein Virus

Ein lebhaftes moralisches Interesse für eine Welt, in der Menschen die Verantwortung für sich und für Pflanzen, Tiere und Menschen übernehmen, kann sich nur in einer Gemeinschaft entzünden, in der viele mitwirken. Dazu wurde die Demokratie als Gesellschaftsform erfunden.

   Eine Aufgabe der Politik, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft besteht darin, das Allgemeinwohl zu schützen und zu befördern. Dazu müssen die politischen Parteien parteipolitische Ziele überwinden, um gemeinsam an der Verbesserung des allgemeinen Wohls mitzuwirken. Ein wichtiger Schritt wäre, die Marktwirtschaft endlich zu einer freien Marktwirtschaft zu machen.

   Eine Variante der Demokratie ist das Modell des Sozialkritischen Arbeitskreises. Es soll das gemeinsame Vorgehen bei Entscheidungsfindungen erleichtern, indem nicht ein einfaches Nein Abstimmungen blockiert, sondern indem statt eines Nein ein gewichtiger Einwand vorgetragen werden muss sowie ein neuer Vorschlag zu unterbreiten ist.

   Die Politik der Bundesrepublik war während der Coronapandemie in der Lage, die Wirtschaft zu blockieren. Sie nahm den bestimmenden Mächten des Landes die Macht, indem sie die Arbeit auf das Nötigste reduzierte. Es gab Maskenpflicht, Kitas und Schulen blieben geschlossen, Fabrik- und Büroarbeit wurde begrenzt, Restaurants gab es nur ambulant und Sportveranstaltungen fielen aus, da das Allgemeinwohl auf dem Spiel stand. Die Viren schafften, was seit Jahrzehnten tabu war: Die Politik regierte – nicht die Wirtschaft.

   In fast allen Lebensbereichen der vergangenen Jahrhunderte sind die Lebensverhältnisse verbessert worden. Dennoch befindet sich die Menschheit akut in Not, weil diejenigen, die für einen Wandel eintreten, noch in der Minderheit sind. Für Wege in eine friedliche und freie Zukunft hat sich eine Transformationsforschung gebildet, die danach fragt, wie Menschen, Unternehmen und Institutionen handeln und agieren müssen, um von einer Wirtschaft des Wachstums zu einer der Kreisläufigkeit zu gelangen. Dazu sind Änderungen im Konsumverhalten (Suffizienz), das Erreichen guter Ergebnisse bei geringem Einsatz (Effizienz) und eine Orientierung am Vorbild geschlossener Kreisläufe der Natur (Konsistenz) erforderlich.

   Wie wollen Menschen leben? Welche Perspektiven sehen sie im Leben und welche gestehen sie ihren Nachkommen zu? Wer erkennt, dass er selbst es ist, der sich in Not gebracht hat und zugleich spürt, dass es für ihn existenziell, sozial und finanziell von Vorteil ist, im Einklang mit sich und seiner Welt zu leben, wird eher handelnd eingreifen, um durch Klima- und Kulturschutz das Leben zu verbessern. Sie werden mithandeln wollen am Aufbau einer fairen Zukunft für nachfolgende Generationen, was einer vielfältigen Aufklärung bedarf: auch gegen das destruktive Handeln durch Fake News, Verschwörungsparolen und absichtliche politischen Lügen, die die Gemeinschaft spalten. Dagegen muss die Politik das World-Wide-Web, die globalen Medienkonzerne, die künstliche Intelligenz und den planetarischen Raum kontrollieren, denn diese sind Teil der Krise und Teil der Lösung der Krise.

   

3. Handeln und Philosophie

Philosophie ist eine diskursive Wissenschaft und belastet mit der Schwierigkeit, vom Diskutieren zum Handeln zu kommen. Meist liegt alternativem Handeln ein Bewusstseinswandel zu Grunde – eine Neuformulierung von Werten.

   Friedrich Nietzsche sagt: Gott ist tot. Wir haben ihn getötet und müssen uns nun selbst Trost und Zuversicht geben. Das hat Menschen überfordert, weshalb sie sich unterschiedliche Ersatzgötter geschaffen haben wie den Nationalismus, den Sündenbock oder den Kapitalismus. Dabei wäre wichtiger gewesen, dass sie selbst zu starken Persönlichkeiten würden – zu Übermenschen, die die Umwertung aller Werte leisten würden. Nietzsche beschreibt Übermenschen als den Typus höchster Wohlgeratenheit. Zu Übermenschen führen ihm zufolge drei Gestalten: das Kamel, der Löwe und das Kind. Kamele seien passiv und geduldig, Löwen aktiv und stark und das Kind sei das Vergessen, die Unschuld und das Wesen, dass neue Werte schafft.

   Auch wir brauchen neue Werte. Nicht Perfektion und Geld, nicht Titel und Reichtum, nicht Rache und Überlegenheit. Nicht einmal Gerechtigkeit. Wir brauchen zum Vorteil des Lebens auf der Erde Gemeinsinn und Empathie, Respekt, Verantwortung und Würde.

   Nach Jean Paul Sartre ist der Mensch in die Welt geworfen und muss sich zu dem machen, was er sein will. Da er ein Möglichkeitsfeld ist, kann er das unter bestimmten Bedingungen tatsächlich werden. Wenn er herausfindet, was er unbedingt will und was er gut kann, könnte das seine Berufung sein. Dazu muss er vielleicht Kind werden. Frithjof Bergmann war Philosoph und Arbeitswissenschaftler. In Thüringen geboren, mit sechs Jahren nach Wien und mit 19 Jahren nach New York gezogen, erhielt er ein Stipendium in die USA aufgrund seines Schulaufsatzes „Wie wollen wir leben?“ Dort entwickelt er seine Idee weiter zur „New Work“. Die alltägliche Arbeit soll mit Leidenschaft ausgeführt werden und Selbständigkeit, Teilhabe und Teamwork fördern. Wer sein Handeln bedenkt, soll nicht fragen, was er will, sondern was er wirklich will? Und noch besser: Was er wirklich, wirklich will? Das Eintreten für diese Emphase ist das politische Statement eines Neunzehnjährigen, was zeigt, dass jede Generation sich neu auf den Weg machen kann.

   Handeln wir möglichst mit Leidenschaft und Freude, mit Engagement und Lust – Bedingungen eines guten Lebens, das die Widerstandskraft erhöht, leiblich, emotional und geistig. Manche Menschen kommen in schwierigsten Situationen gut zurecht, andere scheitern bereits bei kleinsten Konflikten. Jeder hat seine Resilienz, die allerdings trainiert werden kann. Im guten Leben sind die Sinne mitbeteiligt. Was Hoffnung macht, ist das Potenzial der Lebewesen, das sich im Potenzial der Menschen fortsetzt.

   Das Weltall ist ein Rausch an Kommunikation. Da alles miteinander flirtet, ist jeder menschliche Flirt die Wiederholung des ersten, kosmischen Flirts, der zur kosmischen Inflation führte. Immer müssen mindestens zwei Elemente zusammenkommen, damit etwas beginnen kann. Man darf Eigenbrötler sein, dennoch bleiben Verbundenheit und die kommunikative Sorge eine Basis für den Gemeinsinn der Menschen.                             

   Immanuel Kant sieht im zukünftigen Menschen den Weltbürger, von dem er „Sapere aude“ (Wage zu denken) fordert. Menschen denken immer, doch denken zu wagen, bedeutet für Kant, ein Denken zu praktizieren, das sich kritisch mit den Gegebenheiten einer Gemeinschaft auseinandersetzt, was potenziell im Handeln mündet. Wir können das Denken überprüfen mit dem wunderbaren Satz von Meng Tzu: „Es ist möglich, als großer Mensch zu handeln.“ Was immer wir getan haben, wir können unser Verhalten prüfen, ob wir unser Handeln groß nennen können. Gleichgültig, was „groß“ bedeutet, wir werden uns eine angemessene Antwort geben.



 

Literatur


Michael Braungart, Wir müssen lernen, nützlich zu sein… In: Martin Häusler, Als ich mich auf den Weg machte, die Erde zu retten, München 2023

Hajo Eickhoff, Resources belong to no one. The Anthropocene. In: Wallenhorst, N./ Wulf, C. (ed.), Handbook of the Anthropocene. Humans between Heritage and Future, New York 2023

Maja Göpel, Wir können auch anders. Aufbruch in die Welt von Morgen, Berlin 2022

Ulrike Herrmann, Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen, München 2013

Bruno Latour, Das terrestrische Manifest, Berlin 2018

Niko Paech, Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, München 2012

Josef Settele, Die Triplekrise. Artensterben, Klimawandel, Pandemien. Warum wir dringend handeln müssen, Hamburg 2020

Harald Welzer, Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand, Frankfurt/ M. 2013

 


 




© Hajo Eickhoff 2024

 



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