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aus: Mensch und Ding – Ähnlichkeit und Differenz

Zur Fotokunst von Angela Bröhan

 

 

 

 

Dinge

 

Das Herstellen von Dingen beginnt mit Schmuck und gehört ursprünglich in den Bereich von Magie, Glaube und Ästhetik. Nicht des Nutzens. Die Dingproduktion beginnt also mit Luxus. Der Mensch schmückt sich mit Pflanzenblättern, Vogelfedern und Tierfellen. Die Felle dienen nicht dem Schutz oder dem Speichern der Körperwärme, sondern Merkmale und Kräfte von Pflanzen und Tieren sollen auf den Menschen übergehen.

Dinge sind Erzeugnisse des Menschen. Das andere zur Natur, dem von Natur aus Vorhandenen. Dinge sind seine eigentliche Kulturarbeit. Mit dem selbst erzeugten Produkt erhält er eine neue Identität, indem er sich Fremdes zu eigen macht.

In ihrer aktuellen künstlerischen Arbeit beschäftigt sich Angela Bröhan mit Dingen. Mit Gegenständen, Stoffen und Objekten eines speziellen Bereichs – der Medizin und Medizintechnik –, die der Diagnostik und Behandlung des Menschen dienen. Dinge wie Beinschienen, Hörgeräte, Nierenschalen, Handtrainer, Operationshauben, Hüftstützen und Kühlbrillen.

Mit der Produktion von Dingen wird der Mensch von den Wirkungen der Dinge abhängig. Denn wer erst einmal damit beginnt, ein Fell zu tragen, wird bald ohne Fell frieren, so dass er gezwungen wird, einen Teil seiner Zeit mit dem Herstellen von Kleidung zuzubringen. Die Abhängigkeit von den erzeugten Dingen weitet den Werkzeuggebrauch, aus dem sich Freude am Erfinden und Entdecken entwickelt, die zur Technik führt, dem systematischen Herstellen von Werkzeugen und Gütern. Im Laufe der Jahrtausende hat der Mensch mit Hilfe der Technik eine immense Dingwelt in die Natur gestellt.

 Das Wort Ding leitet sich von Thing ab, der germanischen Volks- und Gerichtsversammlung, in der die Dinge der Gemeinschaft besprochen und verhandelt wurden. Das Ding war ein gesellschaftlicher Diskurs, in dem Sachverhalte wie das Festlegen von Festtagen, die Verteilung der Arbeit und die Erziehung der Kinder verhandelt, oder zu Gericht gesessen wurden. Bedeutet Ding ursprünglich also Kommunikation, Planung und Verhandlung, wird seine Bedeutung im Laufe der Zeit verschoben und verallgemeinert, bis das Wort Ding für das Feste, Gegenständliche steht wie Körper, Gegenstände und Objekte, weniger für Kommunikation und Diskurs.

 Gegenwärtig gibt es für nahezu jeden Zustand des Menschen und für alle seine möglichen Verrichtungen geeignete Dinge, denn, ob nützlich oder nicht, was der Mensch erzeugen konnte, hat er erzeugt: Die moderne Welt ist eine Dingwelt. Die Fülle der Dinge und die Gewöhnung an ihren Gebrauch und Nutzen verdecken das Wesen und den Ursprung der Dinge aus dem Schmuck und dem Diskurs. Sie werden vor allem als Produkte der Technik angesehen.

Die Leere, die die Masse und Gewöhnlichkeit der Dinge erzeugen, machen Dinge für Maler und Fotografen interessant: Sie untersuchen ihren Sinn, ihre innere, verborgene Ordnung und Logik und kommunizieren ihr Rätsel. Ein wiederkehrendes Element in der Arbeit von Angela Bröhan ist das Bemühen, das Alltägliche und Gewohnheitsmäßige durch Poetisierung in das Besondere und Schöne zu wandeln.

 

 

Dinge als Objekte der Fotografie

 

Die in der Medizin verwendeten technischen Apparaturen, Geräte und Prothesen sind Verweise auf die Verletzbarkeit des Menschen, die ihn jederzeit in eine existenzielle Notlage bringen können: nämlich wenn Orthesen und andere Hilfsmittel den Körper stützen, Gliedmaßen korrigieren und Körperpartien schützen, kann er seine Freiheit einbüßen und seine Souveränität verlieren. Ein anderer Typ medizinischer Objekte dient denen, die im medizinischen Bereich tätig sind, bei Behandlungen und Untersuchungen.

Diese Objekte haben eine Eigenheit und oft eine spezifische Schönheit, die erst in ihrer künstlerischen Bearbeitung und Verfremdung zum Ausdruck kommen, wie in den Fotoarbeiten von Angela Bröhan.

Bilder können etwas dokumentieren und demonstrieren, etwas bewahren und der Andacht dienen. Das sind historisch ihre Funktionen. Die Fotografie hat diese Aufgabe von der Bildkunst übernommen, da ihre Wiedergabe als wahrheitsgetreuer gilt. Nun sind es Fotografien, die Erinnerungen bewahren, der Wissenschaft Informationen geben, Weltansichten zum Ausdruck bringen und Ereignisse dokumentieren sollen. In der Fotokunst vermögen sie darüber hinaus hinter und unter die Dinge zu blicken.

Eine Fotokamera ist ein Ding. Ein Ding unter Dingen. Ein technisches Ding, ein High-Tech-Apparat. Obwohl er Ansichten von der Welt wiedergeben und vervielfältigen kann, bedeutet Fotografieren nicht die wirklichkeitsgetreue Wiedergabe der Welt, denn der Fotoapparat ist ein technisches Werkzeug, das die Wirklichkeit modifiziert darstellt – etwa durch Bedingungen des Objektivs. Zwar lassen Fotografien Dinge wiedererkennen, aber die Kamera macht aus einem Ding ein Bild – aus einem Dreidimensionalen ein Zweidimensionales. Sie projiziert die Dinge.

 Wenn Fotografen versuchen, wirklichkeitsgetreue Bilder zu machen, entstehen lediglich Illusionen der Dinge. Dann arbeiten sie wie Künstler der Perspektivmalerei der Renaissance, denn der Fotoapparat ist nur bedingt Kopiergerät, er ist vor allem Projektor und Übersetzer in eine andere Dimension.

Das Produkt einer Fotoaufnahme, wiederum ein Ding, ist ein technisches Produkt, das deshalb der Beherrschung der Technik durch Fotografen und Fotokünstler bedarf, die sie ihrem Willen unterwerfen.

Angela Bröhan handhabt ihre Kamera meisterlich und bringt die in Raum und Zeit gegebenen Dinge ins Schweben. Sie gibt ihnen eine zerbrechliche Schönheit, eine schlichte Eigenart und eine anschauliche Wahrheit.

Sie nutzt die Kamera, um Dingen nachzuspüren, ihr Wesen zu erfassen und um die stereotypen Anschauungsformen der Dinge zu verwandeln. In ihren Arbeiten laufen alle drei Motive zusammen. Sie stellt die Dinge dar, wie sie sie sieht und sehen will, wird der Logik der Dinge gerecht und rückverwandelt die Dinge, indem sie ihnen ihre Eigenart zurückgibt, die Gewohnheit und alltäglicher Gebrauch unkenntlich gemacht haben.

Als Bilder sind Fotografien Dinge, doch als Werke der Kunst liegt ihr Wesen nicht in ihrer Dinglichkeit. Zwar besteht Kunst in sinnlich wahrnehmbaren Werken, aber sie geht über das Sinnliche hinaus, hat einen geistigen Gehalt und trifft und berührt den Menschen. Das Kunstwerk geht über seine Stofflichkeit hinaus – sowohl über das, was es als Ding, als auch über das, was es als Bild darstellt.

 

 

Mensch und Ding

 

Für ihre aktuellen Arbeiten hat die Künstlerin ein besonderes Sujet gewählt. Dinge aus dem Bereich der Medizin. Sie hat die aufgenommenen Objekte in den Hintergrund eingebunden, sie aber aus den Zusammenhängen herausgelöst, an die sie gewöhnlich gebunden sind. Die Objekte weisen eine Feinheit und Zartheit auf. Die in Raum und Zeit gegebenen Körper erscheinen flächig – was nur ein scheinbarer Widerspruch ist. Nicht sofort und nicht immer sind die Objekte zu erkennen, die Werke zu deuten, doch bald stellt sich eine Ahnung ein, dass das Dargestellte unmittelbar mit dem Menschen zu tun hat.

 Auf den ersten Blick erscheinen die Arbeiten abstrakt. Sie sind aus dem Zusammenhang herausgenommen. So wie nicht immer deutlich wird, welche Funktion Objekte haben, so sind sie auch nicht sofort durch ein Wort zu benennen. Ganz im Gegenteil bleiben die Namen der Dinge unbekannt und Zusammenhänge werden erst allmählich erkennbar. Sie erscheinen jenseits ihrer Bestimmung als Dinge und als Objekte der Anschauung. Doch auch ohne Kenntnis von Namen, Funktion und Bedeutung haben die Dinge ihre Eigenständigkeit. Das macht sie – wie die abstrakte Malerei – frei von Zuordnungen, denen Dinge unterliegen und öffnet sie für eine andere Dimension des Menschseins – für geistige Räume und für Ahnungen und Gefühle.

 Dass sie nicht sofort mit einem Begriff zu belegen sind, gibt ihnen eine große Faszination. Sie fordern auf, nach Analogien und Verwandtem zu suchen und sich in die eigentümliche Welt einzufühlen und hineinzudenken.

Die Dinge erscheinen flächig, nicht räumlich. Andererseits erscheinen sie durch ihre Isolation räumlich – wie Skulpturen. Ebene Skulpturen, wie es der Bildhauer Adolf von Hildebrand ausdrücklich fordert: Das Wesen der Skulptur ist das Flächige – nicht das Räumliche. Die Arbeiten weisen durch die Isolation der Objekte eine hohe Dichte und Konzentration auf und ihre Wahrnehmung erzeugt die ästhetische Form.

Die Fotografien scheinen wie gemalt. Die handwerklich perfekten Fotoarbeiten mit ihrer enormen Präzision und Schärfe tauchen die Dinge in ein besonderes Licht, das ihnen eine Transparenz gibt. Dadurch sind die Objekte nicht festgehalten, sondern gelöst, nicht feststellt, sondern scheinen zu schweben. Es ist diese scheinbare Leichtigkeit, die das beschwerliche Thema von Krankheit, Versehrtheit und existenzieller Not balanciert.

Der Mensch fehlt in den Fotoarbeiten. In seiner leiblichen Gestalt ist er abwesend, aber mitgedacht. Bildet sogar ihr Zentrum. Denn an den Objekten erscheint er als Umkehr- und Negativform, als komplementäre Struktur. Er wird negativ sichtbar in freien Räumen, in Öffnungen und Aushöhlungen. Darin liegt die Adaption des Menschen an medizinische Hilfsmittel. Zugleich ist der fehlende Mensch anwesend als Produzent der Dinge, die dargestellt sind. Ebenso als derjenige, für den die Dinge gemacht sind und in die er sich fügen soll. So können die Dinge Funktionsersatz für den Menschen sein.

 

 

Werke der Stille

 

Die Arbeiten zeigen Kontur und Fläche. Die Kontur begrenzt das Objekt und die Fläche zeigt Struktur. Strukturen als Muster und Gliederung, als Gefüge, Netz und Textur, als Gebilde und Gerüst konstituieren ein Werk. In der wechselnden Wahrnehmung von begrenzender Kontur und innerer Struktur beruhigt sich allmählich das Auge und findet seine Ruhe in der Gesamtform.

So sind die Arbeiten Werke der Stille. Ruhepole im Strom der Zeit und im Strom der gegenwärtigen Bilderflut und Informationswut. Die Dinge sind in ihrer Ruhe aufgehoben und bei sich angekommen. Die Werke der Stille wiederholen die Stille der fotografierten Objekte, die selbständig, für sich stehen, aber inaktiv scheinen. Die Stille entspricht auch dem Verhalten derjenigen, die sich an medizinische Objekte, Geräte und Orthesen anpassen müssen, denn Anpassung ist eine Form der Beruhigung, Sedierung. In der Ruhe machen die Arbeiten die Objekte zu Monumenten der modernen Welt.

Als Werke der Stille sind sie Bilder der Beschaulichkeit und der Kontemplation. Bilder der Schönheit und der Erkenntnis, der Wahrheit und der Ruhe.

 

 

Poetische Erkenntnisdinge

 

Die einzelne Arbeit zeigt sich als ein Bestimmt-Unbestimm­tes ebenso wie ein Unbestimmt-Bestimmtes, aber die Gesamtheit der Arbeiten macht deutlich, dass der Mensch zur Frage und zur Diskussion steht und seine Verletzlichkeit angesprochen ist, die die Möglichkeit seiner existenziellen Not anschaulich macht.

Angela Bröhan erschafft in ihren künstlerischen Arbeiten poetische Werke. Werke der Poesie, die Geist und Gespür öffnen und den dargestellten Dingen über ihre Funktion und alltägliche Bedeutung hinaus Sinn geben. Sie behandelt die Objekte mit der Fotokamera als eigenständige und isolierte Elemente. Sie entstammen aber einem gesellschaftlichen Kontext und werden auch wieder in ihn hineingestellt.

 Sie macht die Objekte zu Erkenntnisdingen. Mit ihrer Art zu sehen und mit ihrer Kameraarbeit dringt sie in die Dinge ein, unter die Oberfläche, macht in der Eigenart einen Innenbereich sichtbar und schafft in dem neuen Kontext neue Bedeutungen.

Die Arbeiten zeigen Respekt vor den Dingen, die der Mensch entwickelt und erschaffen hat, sowie Achtung vor dem Stoff, aus dem die Dinge gemacht sind – dem Naturstoff. Angela Bröhan erhöht die Dinge des medizinischen und klinischen Alltags und gibt ihnen Eigenheit, Aura und Würde.

Die Darstellungsform – Stille und Stil, fehlender Kontext und Leerstelle Mensch, Transparenz und Namenlosigkeit – macht ihre Arbeiten zu Werken der Erkenntnis, indem sie in abstrakter Form den Dingen auf den Grund geht, die Kommunikation und den gesellschaftlichen Diskurs über einen sensiblen Lebensbereich der menschlichen Existenz belebt und die Dinge zur ursprünglichen Sache, zum Thing macht, in der über die Belange der Gemeinschaft gesprochen, gewertet und kommuniziert wird.

 

 

© Hajo Eickhoff 2004

 

 



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