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aus Werkbund Galerie Berlin, Horgenglarus – Stühle von Wettstein, Moser, Haefeli, Dudler, Berlin 2013




Kleine Kulturgeschichte des Sitzens

   

 

Einst eine Besonderheit ist Sitzen in modernen Gesellschaften eine Alltäglichkeit. Banal und gewöhnlich. Und doch – bei Betrachtung eines Sitzenden mit unbefangenem Blick – bizarr, fremdartig, denn die biologische Auszeichnung des Menschen im Tierreich ist das aufrechte Stehen und Gehen. Dabei beginnt der Stuhl seine Karriere als Thron.


Ursprünglich sind Menschen Wanderer. Ihre Basis ist der Fuß, ihr Le­ben das Unterwegssein. Als Sammler und Jäger durch­queren sie weite Gelände. Doch dann geschieht das Bemerkenswerte: Der Mensch hält inne, bleibt an einem Ort und erfindet das Haus. Er besetzt den Erdboden und wird sesshaft. Mit dem Haus verändert sich alles am Menschen. Die Muskulatur und die Atmung, das Gefühl, das Denken und Verhalten. Muskelkräfte und Atemvermögen infolge der langen, oft gefährlichen Wege werden reduziert und in Gesten der Häuslichkeit umgeformt, um den Acker bestellen, Tiere züchten und Werkzeuge herstellen zu können. Indem der Mensch das Haus – den Domus – erfindet, domestiziert er Pflanzen, Tiere und sich selbst.


Aus der Sesshaftwerdung resultiert ein Gestell mit unterschenkelhoher horizontaler Ebene – der Thron. Ein Ursprung ist der Opferstein. Auf Steinplatten opfern einst Gemeinschaften zum Zweck der Besänftigung der Götter einen Menschen. Als sie dazu übergehen, Tiere zu opfern, zerfällt der Opferstein in die Elemente Thron und Altar. Der Altar wird Opfertisch für das Tier, der Thron Opferstuhl für einen Menschen, den König, der nicht mehr getötet wird, denn sein Opfer ist seine Unbewegtheit in der Sitzhaltung.


Ein bemerkenswertes Thronvorbild für den Löwenthron der Pharaonen sind Tonfiguren aus Anatolien. Sie verkörpern hockend gebärende Fruchtbarkeitsgöttinnen, die von zwei Löwen flankiert werden. Die Göttinnen scheinen zu sitzen, hocken aber mit ihrem voluminösen Gesäß auf dem Boden. Die Komposition entspricht dem Löwenthron: die Löwenbeine als Thronbeine, die Schweife der Löwen als Rück­lehne, die Löwenköpfe als Armlehnen und der Schoß der Göttin als Sitzbrett.


Mit dem Haus – dem dritten Thronursprung – schneidet der Mensch aus dem Kosmos einen Raum heraus und separiert sich von den Göttern, indem er neben den Kosmos eine von Menschen gemachte Welt stellt. Um den Frevel zu mildern, erfindet er den Thron. Der Thronende hat in der Sitzhaltung nur eine Möglichkeit zu überleben – er muss seine Lebensenergie nach innen lenken und in sich abbauen. Das macht ihn zum ersten mit Methode kultivierten Menschen, der sein psychisches Wissen verfeinert, innere Regungen bewusst erlebt und sie in anderen wiedererkennt. Mit dieser spirituellen Fähigkeit begabt soll er – sitzend – die Trennung von den Göttern rückgängig machen.


So erweist sich der König als ambivalent: Er ist ein Geopferter und ein Wissender, ein Gesetzter und die politische Instanz seiner Gemeinschaft.


Die Griechen kennen von der Vasenmalerei vier Sitze: den Tronos (Armlehnstuhl), den Klismos (armlehnloser Stuhl), den Diphros (Hocker) und die Hedra (Falthocker). Erhalten sind allerdings nur steinerne Theatersitze. Die Römer kennen Sitze für Senatoren und den Kaiser. Der römische Kaiserthron ist die Sella curulis, ein Falthocker. Altrömische Senatoren sitzen bei politischen Versammlungen. Hatte sich ein Senator um das Gemeinwohl verdient gemacht, erhielt er das Recht, eine Zeitlang allein auf einem Doppelsitz – dem Bisellium – Platz zu nehmen.


Im Alltagsleben der Antike spielt das Sitzen auf Stühlen keine Rolle. Das gilt auch für das Mittelalter und die frühe Neuzeit. Bis dahin sind Stühle Objekte der Weihe und Zeichen göttlicher und staatlicher Autorität.


Das heutige Sitzen entwickelt sich im Rahmen der Christenheit. Christus thront seit dem vierten Jahrhundert wie ein römischer Kaiser auf der Sella curulis, die die Christen zum Papstthron machen. Danach erhalten Bi­schöfe und Priester das Sitzrecht und im 9. Jahrhundert Mönche, die das Chorgestühl aus der Forderung des Benedikt von Nursia herleiten, an einem begrenzten Ort stehen, knien und sitzen zu können. Im 14. Jahrhundert erhalten die Vorsteher der Zünfte, Gilden und Patronate chorstuhlähnliche Sitze in der Kirche: erste nichtgeweihte Sitze – Profanstühle.


Erfinder des Alltagssitzens sind die Bürger Mitteleuropas um 1500. Mit ihrem gewonnenen politischen Einfluss und neuem Selbstbewusstsein machen sie den Königsthron zum Stuhl und übernehmen die Thron-Geste. Doch anders als Herrscher verbinden Bürger den Stuhl mit dem Tisch und entwickeln beide zu einer Disziplinareinheit und mächtigen Produktivkraft, die den materiellen Reichtum und die differenzierte Kultur Europas begründen, den Menschen aber auch spröde und leiblich brüchig machen.


Erst sind es Regierungsherren, dann wohlhabende Kaufleute, am Ende einer dreihundert Jahre währenden politischen Auseinandersetzung sind es alle Bürger, die den Thron zum Stuhl machen: Die Französische Revolution hebt das Sitzprivileg auf und um 1800 erhält jeder Bürger das Sitzrecht. Allerdings gibt es kaum Stühle, bevor dem Möbelbauer Michael Thonet die Technik des Holzbiegens gelingt und er 1859 den ersten Massenstuhl als Wiener Kaffeehaus-Stuhl in die Fertigung gibt, durch den der Stuhl um die Welt kreist und den Homo sapiens in seiner äußeren und inneren Verfassung zum Homo sedens wandelt.


Das Sitzen auf Stühlen ist ambivalent: Es verspannt die Skelettmuskeln und setzt den Atem herab, kippt das Becken und reduziert die Höhlung der Lendenwirbelsäule. Da verspannte Muskeln den Atem begrenzen, der die Muskeln anspannt, die wiederum den Atem begrenzen, und so fort, geraten Atmung und Muskulatur in einen negativen Kreislauf und geben dem Sitzenden ein niedriges Energieniveau und eine geringe leibliche Beweglichkeit. Das macht sich die Schule zu Nutze: Schüler wachsen in den Stuhl hinein und lernen, sich zu verinnerlichen und Sinnesreize, die den Lernprozess stören, auszublenden, bis sie in der Lage sind, sich auf die Verfol­gung abstrakter Gedanken und logischer Opera­tionen zu konzentrieren. So zügelt das Sitzen Emotionen und fördert das Denken. Die Sedierung im Sitzen erweist sich als Beherrschung des Körpers, damit dieser nicht ausschweift, nicht in der Bewegung, nicht in den Emotionen. Das macht das Stuhlsitzen zu Europas Hauptwerkzeug der Kultivierung.


Sitzgesellschaften halten heute jedem einzelnen etwa vier Dutzend Sitze zum potenziellen Gebrauch bereit: in Schulen, Stuben und Cafés, in Büros, Kantinen und Bahnen, in Sportarenen, Kinos und Flugzeugen, mithilfe des Gartenstuhls aus Plastik mittlerweile auch in Wüsten und Hochgebirgen, in Steppen, Urwäldern und im ewigen Eis, denn der Sitzmensch will, soll und muss überall sitzen können.

 

Bisher ist es dem Homo sedens nicht gelungen, die im Stuhl liegenden Möglichkeiten zu nutzen und das Sitzen als eine schätzenswerte Leibeshaltung aufzufassen. Dazu muss er aus dem Sitzen ein Sinn gebendes Ritual machen mit einem hohen ästhetischen, moralischen und spirituellen Wert. Das bedarf einer aufrechten Haltung, regelmäßiger Haltungswechsel und ästhetisch ansprechender Sitze, die aus guten Materialien in nachhaltiger Weise gefertigt sind. Denn dann hat der Mensch Freude am Objekt Stuhl und an der eigenen Haltung.

 

 

© Hajo Eickhoff 2013




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