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Vortrag 19. Berliner Gespräch – Der Wert des Bodens,  BDA im DAZ Berlin, 6. 12 2014




Boden, Raum und Haus


Moderne Gesellschaften sind keine Zivilisationen.



1. Anhalten und Bleiben


Der Mensch ist ein Lauftier. Immer unterwegs. Immer auf dem Fuß. Sein Unterwegssein ist eine elementare Erfahrung, sein zweifüßiger Gang ein Hauptmerkmal seiner Fortbewegung. Keinem Ort verhaftet lebt er im Horizont der Passage. Die Fußsohlen tasten das Profil der Erdoberfläche ab und holen gemeinsam mit dem Ohr und dem Tiefensinn Gestalt und Beschaffenheit der Erde in den Organismus herein und machen das Reisen zu einer unmittelbaren Form der Erkenntnis.

Die Natur kennt keinen planen Boden, keinen Raum und kein Haus. Doch wie kommen sie in die Welt, wenn der Mensch 4 Millionen Jahre das Gelände durchstreift und sammelt und jagt. Weil vor etwa 12000 Jahren die ersten Menschen anhielten und an einem Ort blieben.

Doch bevor sie anhalten und ein Haus bauen konnten, mussten drei Bedingungen erfüllt sein. Weise Frauen und Männer mussten sich seit langem mit der Möglichkeit des Anhaltens beschäftigt haben, die Sippe musste genügend Wissen im Umgang mit Pflanzen und Tieren erworben haben, und die Gegend musste ausreichend zähmbare Tiere und Pflanzen aufweisen. Das war weltweit nur der fruchtbare Halbmond.



2. Der Boden


Anhalten und Bleiben ist an den Bau des Hauses gebunden. Wegen des Lagerns. Nicht grundlos heißt bauen sein. Ich bin, weil ich baue. Um zu bauen, braucht der Mensch zwei Gründe. Eine Idee, was und wie er bauen will und einen praktischen Grund: eine feste und plane Ebene. Daher geht dem Hausbau die Rodung voraus. Roden kommt von ruiten, root, das entwurzeln bedeutet. Der Boden muss von Bäumen und Sträuchern samt Wurzeln entfernt werden, um ihn zu ebnen. Zugleich entsteht mit der Erfindung des Bodens ein freies, offenes Gelände – Lichtung und Aufklärung.

Mit dem Bau des Hauses wird der Mensch sesshaft. Dieser Übergang von der mobilen Lebensform zur sesshaften reduziert die Mobilität des Menschen, zum anderen belegt der Boden ein Stück Naturboden und führt zur Immobilie. Die Immobilie ist der Boden einschließlich dessen, was sich auf und unter ihm befindet. So entstehen mit dem Boden Besitz und Eigentum und damit Wert.



3. Der Raum


Raum ist ein Abstraktum. Eine Idee. Ein Zwischenglied zwischen einem inneren Bild und seiner Realisierung. Wenn die Lichtung geschlagen und die struppige Erde zum Boden geglättet ist, wird gedanklich ein Stück aus dem Kosmos herausgeschnitten. Ein Luftstück, das zum Raum wird und bearbeitet werden kann.

Dieser Ausschnitt ist es, mit dem der Mensch der Welt etwas Humanes hinzufügen kann. Denn das, was Kosmos genannt wird, ist ein dichtes Ganzes. Mit der Idee des Raumes schafft er sich die Möglichkeit, aus der Dichte des Kosmos herauszutreten – das ist die Aufklärung des Menschen durch die Lichtung.



4. Das Haus


4.1 Beginn der Bebauung des Bodens

Wenn der Mensch beginnt, den gedanklichen Luftraum mit Material zu umhüllen, entsteht das Haus – die Umhüllung einer Idee. Etymologisch ist Haus das Umhüllende – wie Haut und Hose, Hemd und Hülse.

Das Haus ist ein gravierender Eingriff in die Ordnung der Natur, des Menschen und der Gemeinschaft. Der Mensch gibt sein Unterwegssein auf, tritt auf der Stelle und die langen Wege im Gelände werden zu kurzen Hin- und Her-Wegen des Wohnens.

Hausbau bedeutet Weltgründung. Eine neue Welt entsteht. Eine kleine, überschaubare Welt, die mehr Übersicht bietet als der weite Kosmos. Häuser schaffen reproduzierbare Strukturen. Oikos – Haus, Haushalt, Wirtschaft.

Häuser sind Ausdruck des Siedelns. Siedeln kommt von sedere und bedeutet besänftigen. Insofern ist Siedeln eine Form der Beruhigung des Menschen. Das nenne ich Sedierung.

Mit dem Haus entsteht die erste weithin sichtbare Gestalt menschlicher Kultur. Die Wände des Hauses bieten dem Menschen ein Anderes zur Natur. Sie bringen ihn in einen Abstand zu sich selbst, wodurch er sich im Haus wiedererkennt. Häuser sind Orte der Selbsterkenntnis.

 

4.2 Beginn der Bebauung des Bodens

Ackerbau und Tierzucht sind sehr produktiv, denn Pflanzen müssen nicht gesucht und Tiere nicht gejagt werden. Sie werden direkt in die Falle hineingeboren. Die neuen Tätigkeiten erfordern Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände, weshalb eine systematische Dingproduktion beginnt.

Häuser sind Laboratorien für das Gemeinschaftsleben. Schutzräume für Geborgenheit und Sicherheit. Daher sind Häuser Orte der Intimität und Gemeinschaftlichkeit. Hier erwirbt der Mensch die Fähigkeit, mit anderen auf engem Raum zusammenzuleben.

Häuslichkeit erzwingt auch Reduktionen. Der Mensch domestiziert Pflanzen und Tiere, aber auch sich selbst. Dazu muss er alles an sich ändern. Atem, Muskel, Organe und Sinne, Denken und Fühlen und die Moral. Hauptblickpunkt sind nicht mehr Weite und Horizont, sondern Nähe, die zu einer grundlegend neuen Weltvorstellung führt. Mit der Fähigkeit, planen, bauen und verzichten zu können, wird der Mensch zum Homo domesticus – zum beruhigten Hauswesen.


4.3 Beginn der Bebauung des Bodens

Der Mensch ist zu Planung und Weitsicht gezwungen. Ein völlig neues Element in seinem Dasein.

Häuser sind Orte des Verschließens. Deshalb gilt ihr Bau als Frevel, der rituell zu tilgen ist. So entsteht der Thron, auf den die Gemeinschaft ein Mitglied setzt, damit es in der rechtwinkligen Sitzhaltung und dem Festgehaltensein in sich spirituelle Fähigkeiten ausbildet, um den Ausschluss der Göttern durch das Dach des Hauses zu kompensieren.

Häuser sind strategische Orte. Im Unterwegssein lässt sich keine territoriale Macht aufbauen. Vom gesicherten Haus ausgehend erkunden Siedler umliegendes Gelände und kehren gesichert zurück oder bauen erneut Häuser und dehnen das Einflussgebiet aus, bis weitflächige Besiedlungen entstehen. Es hat sie vielfach gegeben, aber Kriege, Naturkatastrophen, falsche Kultvierung oder Vernachlässigung haben sie immer wieder zerstört. Der Boden muss immer gepflegt werden, da die Natur unermüdlich daran arbeitet, das ihr verlorengegangene Terrain zurückzuerobern.



5. Die Stadt – Ausweitung der Bebauung des Bodens


Das historische und theoretische Konzept von Boden, Raum und Haus ist dargelegt, und ich verfolge nun knapp ihre Wege in die Gegenwart.

Eine zweite – großflächigere – Siedlungsform und zweite Etappe der Beruhigung (sedere) ist die Stadt. Hier treffen sich nicht Menschen einer Sippe, sondern Menschen mit ähnlichen Berufen – Handwerker und Händler, Spezialisten, die mit Werkzeugen und Gebrauchsgütern umgehen und über ein technisches Wissen verfügen. Lebensmittel erwerben sie von den außerhalb der Stadtmauer Lebenden, und von denen sie sich ideologisch abgrenzen. Die Trennung von Stadt und Land. Denn die Stadt ist auch das Manifest eines neuen Selbstbewusstseins. Schulen entstehen.

Wie das Haus beginnt auch die Stadt als Umhüllung. Mit dem Bau einer Mauer, so dass sie den Menschen zweifach fasst: durch die Wände des Hauses und durch die Stadtmauer. Auch die Stadt gründet auf planer Fläche. Sie zivilisiert den domestizierten Siedler und zeigt, dass die Domestikation der Zivilisation historisch und logisch vorausgeht.

Frühe Städte wie Jericho im Hochland von Jordanien und Çatal Hüyük in Südanatolien entstanden vor etwa 10.000 Jahren.



6. Rom – Strukturierung und Vernetzung des Bodens


Ich hatte von weitflächigen Besiedlungsräumen gesprochen, die immer wieder verschwanden, und komme nun auf eine erste Infrastruktur, die blieb. Eine irreversible Ordnung – das Römische Reich.

Die Römer haben von Mesopotamien bis Spanien und von Nordafrika bis Britannien ein rechtwinkliges Straßennetz geschaffen, ein Netz mit einer enormen Stabilität für Verkehr und Wissenstransport, für Handel und Militäraufgaben.

Man würde erwarten, dass sich die Geschichte der Antike und die gewonnenen Strukturen von Boden, Raum und Haus geradlinig weiterentwickeln. Tatsächlich gibt es hier historisch eine Zäsur. Die großen Völkerwanderungen in Europa nördlich der Alpen bedrängen das Römische Reich und in der Mitte Europas beginnt die Entwicklung von Boden und Raum, Haus und Stadt noch einmal von vorne.



7. Der Beginn Europas


Mit dem Niedergang des Römischen Reiches, der Christianisierung Europas und dem Aufstieg germanischer Stämme beginnt ein Prozess, in dem andere Kulturen beginnen zu siedeln, Städte zu gründen. Sie haben eigene Ideen, greifen aber auch auf vorhandene Erfahrungen antiker Kulturen zurück.

Das zwölfte Jahrhundert ist in Europa die Zeit der Stadtgründungen. Die Bürger der Städte banden Handwerk und Handel von Anbeginn an eng an die Wissenschaften, um eine produktive Einheit von Praxis und Theorie zu schaffen, die Lehrbetriebe, Akademien und allgemeinbildende Schulen nach sich zogen und das Wissen auf viele übertrug und Erfahrungen, Fertigkeiten und Erkenntnisse verdichten, woraus ein Prozess der Technisierung hervorgegangen ist, der über die Manufaktur zur Industrie und von dort zur Informationstechnologie führt. Ein Prozess, der bis heute anhält.



8. Die totale Bebauung


Erzeugnisse wie Dampfschiffe, Lokomotive und Automobil durchquerten beschleunigt unerschlossene Gebiete und machten sie urbar. Unwegsame Natur wurde begehbar, befahrbar und bewohnbar gemacht, um die entstehende Besiedlung in eine Gesamtstruktur einer Nation einzubinden, aber ebenso, um internationale Verbindungen herzustellen und für internationale Absatzmärkte zu bereiten.

Diese neue Art des Unterwegsseins – das Fahren in Apparaturen – ist ein Schock für die Füße, denn sie werden vom Boden abgehoben und der Mensch kommt dennoch voran. Seine Eigenständigkeit ist sein Selbstbewusstsein sind herausgefordert.

Auf diesem Weg ist die Erde nach und nach verkehrstechnisch, merkantil und militärstrategisch zusammen gewachsen, bis die Erde restlos aufgeteilt ist.

Morsetechnik, Funk und die Beschleunigung der Transportmittel verdichten die Vernetzung, bis die Erde über ein Geflecht von Verkehrswegen, Energieströmen und Informationskanälen umspannt ist. Die Information bildet unendlich viele Knotenpunkte der nationalen und interkontinentalen Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft, von Militär und Kultur.



9. Das Haus – Beginn der Bebauung des Bodens


Die moderne Welt ist keine Zivilisation, weil ihr die Domestikation vorausgeht und ihr die Disziplinierung, die Sedierung und die Nodierung nachfolgen. Sie überlagern sich, beeinflussen sich gegenseitig und jede leitet für sich eine eigene Entwicklung ein. Zusammen bilden sie die Grundbausteine der abendländischen Kulturentwicklung.

  Ist die Erde horizontal angeeignet und der Boden verteilt, sucht der Mensch nach Alternativen. Ein Weg führt in die Vertikale zum Hochhaus, das zwölfstöckig in Chicago als Verwaltungs- und Bürogebäude beginnt. Die Bedingung seiner Entstehung: die Erfindung des Fahrstuhls. Hochhäuser sind Ausdruck des Willens zur radikalen Ausweitung des Bodens. Das Leben im Hochhaus erscheint bodenlos.

   Flughäuser verbinden die vertikale Aneignung des Bodens mit der horizontalen. Sie sind tatsächlich bodenlos. Flugzeug, Satellit und Space-Lab sind künstliche Ausweitungen des Bodens. Vor allem aber: Die Beruhigung geht weiter, denn das Fliegen soll die Sesshaftigkeit im planetarischen Raum installieren.



10. Wert des Bodens – Galaktische Pläne und andere Utopien


Boden ist nicht vermehrbar. Indem freier Boden knapp wird, kann er nur mit List (techne) erzeugt werden. Der planetarische Raum ist schon gut besiedelt. Touristische Weltraumflüge gibt es bereits und in wenigen Jahrzehnten möchten Menschen Mond und Mars, später die Galaxis besiedeln.

Der Mensch könnte auch versuchen, vergiftete und unbenutzbare Böden zurückzugewinnen oder vertikale Flächen nutzen – die Jugend versteht das schon gut mit Snow- und Skateboards. Auch die Arbeit mit dem Meeresboden ist denkbar.

Unschätzbaren Wert hat der Boden für Leib und Seele. Dabei spielt der Fuß die Hauptrolle. Seine Berührung mit dem Boden gibt uns Orientierung. Aufmerksamer für Fuß und Boden zu sein wäre sehr wertvoll. Vertrauter Boden kann Heimat bedeuten, die Balance verlieren könnte traumatisch werden und ein gutes Grounding gibt Kraft. Das aufrechte Stehen mit beiden Beinen auf dem Boden ist die Exzellenz des Menschen im Tierreich. Der Boden ist unsere emotionale und geistige Basis. Er wird uns dadurch bewusst, dass wir ihn früh verinnerlichen, denn wir werden früh an ihn gebunden.



© Hajo Eickhoff 2014







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