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Vortrag Symposion Unsicherheit, Gesellschaft für Historische Anthropologie, 8.11. - 10.11. 2014   Freie Universität Berlin,

 


Unsicherheitsabsorption und Resilienz

Strategien zur Bewältigung von Unsicherheit

 

 

1. Sorge um Sicherheit

 

1.1 Generation Sicherheits-Check

Nie wurde so viel gesichert und abgesichert wie heute. Überall

Sicherungsszenarien. In Gestalt von Türwächtern, verschlüsselten Websites, Polizeiaufgeboten, Vorbeuge-Impfungen, Versicherungen, Gefängnissen, Straßenbeleuchtungen und Sicherheits-Checks auf Flughäfen. Alles kann Objekt der Sicherung werden: Dinge, Wohnungen, Automobile,

Regierungssitze und Menschen.

Unsicherheit ist ein bewusst wahrgenommener Mangel an Sicherheit. In Zeiten großer Veränderung sucht der Mensch neuen Sinn. Das gilt in Situationen persönlicher Verunsicherung ebenso wie in Zeiten gesellschaftlicher Umwälzungen. Wie aber jemand auf unsichere Lebensverhältnisse reagiert, hängt davon ab, welche innere Haltung er dazu gewonnen und wie er sich mit der Welt verbunden hat.

Es gibt unterschiedliche Formen von Unsicherheit: Ungewissheit und Scham, Furcht und Entscheidungsunsicherheit, Ratlosigkeit und Ambivalenz. Aber nicht jede Form von Unsicherheit ist ein Gefühl, es gibt Unsicherheiten, die Bedenken sind.

Hält der Zustand einer Unsicherheit länger an, wirkt er belastend auf das Wohlbefinden. Daher die Wichtigkeit der Sicherheit für den Psychologen Abraham Maslow: In seiner Bedürfnis-Pyramide bildet sie die Basis. Doch ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit verweist auf eine grundsätzliche Unsicherheit. Und paradoxerweise scheint gerade Unsicherheit eine durch die Evolution gegebene Notwendigkeit menschlichen Lebens zu sein.

Unsicherheit hat negative und positive Konnotationen. Sie ist ein Kultur und ein Persönlichkeit formendes Element. Zum einen ist sie Anlass des Strebens nach Sicherheit, zum anderen ist sie eine Basis für positive Funktionen: Unsicherheit schärft den Blick für Entscheidungen, sucht die Überwindung von Ungewissheit, erhöht die Aufmerksamkeit und ist Motor für Neues.

Hinsichtlich der Akzeptanz von Unsicherheit unterscheiden sich Kulturen. Es heißt Schweizer, Österreicher und Deutsche gehen gern auf Nummer sicher. Risikobereiter sind Engländer, Spanier, Italiener, Griechen.

 

1.2 Herkunft von Unsicherheit

Angreifen und Verteidigen erfolgt bei Tieren rasch und mit großer Sicherheit. Unsicherheit dagegen setzt einen Mechanismus der Entkoppelung von Reiz und Reaktion voraus, eine Trennung, die insbesondere dem Menschen eigen ist und ihm Freiheit gibt und die Möglichkeit der Unsicherheit. In der Öffnung von Reiz und Reaktion liegt seine Offenheit zur Welt. Mit ihr beginnt die Kulturproduktion, kann der Mensch auf Reize alternativ reagieren und Selbstbewusstsein und Selbstbezug ausbilden.

Dieses Vermögen, inne halten, nachdenken und entscheiden zu können ist eine Basis aller Formen menschlicher Unsicherheit.

 

1.3 Tradition und Gewohnheit

Gewohnheit gibt Sicherheit. Automatismen entlasten den Menschen. Nach Gregory Bateson kann es sich kein Organismus leisten, mit Bewusstheit zu tun, was er auch ohne Bewusstheit tun kann. Das gewohnheitsmäßige Tun wird entlastet von Entscheidungen, vollzieht sich mit hoher Geschwindigkeit und gibt dem Menschen Stabilität.

Auch Tradition gibt Sicherheit. Sie ist die Gewohnheit einer Gemeinschaft, verankert in Ritualen, Werten und Verhaltensgeboten. Mechanismen, die der Gemeinschaft Stabilität, ein Zentrum und Fortdauer geben.

Andererseits können Gewohnheit und Tradition Entwicklungen blockieren. Das ist die Zeit der Tabubrecher, der Unsicherheits-Fachleute.

Wenn sich dann tatsächlich persönliche oder gesellschaftliche Verhältnisse ändern und Gewohnheit und Tradition an Sinn einbüßen, reagieren die meisten Menschen mit dem Gefühl der Unsicherheit, da der alte Sinn schwindet.

 

1.4 Sorge und Sorglosigkeit

Das Grundwort für Sicherheit und Unsicherheit heißt Sorge. Sorgen sind Gedanken und Gefühle um die Zukunft. Meistens. Sie haben die Struktur „Was wäre, wenn…“ mit möglichem negativen Ausgang.

Das Lateinische securus für sicher besteht aus den Wörtern cura und se. Cura bedeutet Sorge und se ihre Verneinung, weshalb se-curus sicher, ohne Sorge bedeutet, also sorglos, unbesorgt, geschützt. Dagegen ist un-sicher eine doppelte Verneinung und bedeutet ohne-ohne-Sorge, wie es das Englische, Französische und Italienische noch enthalten: in-se-cure, in-se-curité und in-si-curezza.

 

 

2. Unsicherheit des Lebens

 

2.1 Nahrungskette und Türöffner

Unsicherheit ist Bestandteil des Lebens. Gesichert sind die Arten über lange Zeiträume infolge des Prinzips der Arterhaltung. Die Evolution hat den Lebewesen ein festes Gerüst gegeben, das die genetische Substanz des Lebens sichert. Was für Arten gilt, gilt für die einzelnen Exemplare nur bedingt, denn Arterhaltung bedeutet auch, dass die Arten sich in einer Rangfolge als Nahrung dienen.

Auch der Mensch steht in dieser Kette, aber er hat Möglichkeiten entwickelt, sich den Gefahren anders zu stellen und sich an der Spitze der Nahrungskette einzurichten.

Die Natur schafft Unsicherheit durch diese besondere Ordnung: die Bedrohung einer Art durch andere Arten . Arthur Schopenhauer hat das Prinzip präzise formuliert: „Der Aufenthaltsort der Beute bestimmt die Gestalt des Verfolgers.“ Die Gestalt des Verfolgers, seine Struktur, ist der passende Schlüssel, um in das Versteck der Beute einzudringen, das Beutetier zu töten und sich einzuverleiben. Dieser Schlüssel besiegelt das Drama des Lebens – die grundsätzliche Unsicherheit aller Lebewesen.

 

2.2 Krankheit und Verletzung

Der Mensch lebt unsicher, denn Gesundheit und Leben sind von innen und außen latent in Gefahr. Innen arbeiten Bakterien, Viren und andere Zellen sowie nicht absterben wollende Körperzellen am Abbau und an der Zerstörung. Von außen arbeiten Schläge, Schnitte, Schüsse und offene Attacken von Tieren, Amokläufern und Kriegern. Auch seine geistig-seelische Verfassung kann durch Angriffe – etwa durch Verletzung oder Nichterfüllung grundlegender Bedürfnisse – versehrt werden. So kann der Mensch jederzeit von innen und außen am Vollzug seines aktiven Lebens gehindert werden. Von innen bietet die Immunität der organischen Systeme Schutz, von außen die Immunität einer Humanen Umwelt, der gute Umgang der Menschen miteinander und mit der Natur.

 

2.3 Körperliche Phänomene der Unsicherheit

Unsicherheit ist ein Wegbereiter für Scham und Angst und bringt unterschiedlichste körperliche Symptome hervor: belastet werden Herz und Kreislauf, Magen- und Darmtrakt und die Atmung; der Schlaf wird gestört und der Blutdruck und die Frequenz des Lidschlags erhöht; der Hände­druck ist schwach und die Stimme leise; weitere Symptome können zittrige Knie, Erröten und zerkaute Fingernägel sein.

 

 

3. Strategien der Unsicherheitsabsorption

 

Die Natur hat unterschiedliche Strategien erfunden, mit denen Lebewesen in Not Unsicherheit absorbieren. Die Strategien sind unbewusst. Wie ein Großteil der Strategien, über die der Mensch verfügt, doch er hat auch bewusst Strategien entwickelt.

Niklas Luhmann hat den Begriff der Unsicherheitsabsorption geprägt für Entscheidungsprozesse in Unternehmen. Er empfiehlt, Entscheidungen so zu treffen, dass Anschlussentscheidungen möglich bleiben. Eine Fußballmannschaft arbeitet wie ein Unternehmen. Da Fußballspiele enorm athletisch und schnell geworden sind, entstehen häufig Situationen, in denen Spieler den Ball zugespielt bekommen, obwohl erkennbar ist, dass sie ihn nicht behaupten können und der Ball für die Mannschaft verloren ist. Deshalb darf der Spieler den Ball nur den Spielern zuspielen, für den noch Zeit für eine Entscheidung bleibt, was er mit dem Ball macht. Trainer, die auf Ballbesitz achten, haben das Prinzip der Unsicherheitsabsorption verstanden.

 

3.1 Eine Vermeidungsstrategie

Eine Strategie zur Vermeidung von Unsicherheit ist das Meiden bedrohlicher Situationen. Dazu kann der Mensch versuchen, jedem Risiko aus dem Weg zu gehen. Das ist ein Übermaß an Sicherheit, die Ängstlichkeit und Stagnation verursacht und keine Grenzerfahrungen erlaubt. Nach T.S. Eliot kann nur derjenige herausfinden, wie weit er gehen kann, der bereit ist, zu weit zu gehen. Die Strategie garantiert keinen Erfolg und die Fülle des Lebens bleibt aus.

 

3.2 Biologische und mentale Strategien - Immunität und Resilienz

Das Immunsystem ist ein Schutzmechanismus der Lebewesen. Moleküle wie Phagozyten (Fresszellen) entfernen eingedrungene Mikroorganismen, zerstören fehlerhaft gewordene eigene Körperzellen und erkennen Eindringlinge wie Bakterien, Viren und Pilze, gegen die sie sofort Antikörper bilden.

Resilienz ist die Widerstandsfähigkeit eines Lebewesens: ein Vermögen, Lebensfunktionen in kritischen Situationen zu erhalten. Beim Menschen arbeiten biologische, soziale und psychische Strategien zusammen, um Krisen und Konflikte erfolgreich zu bewältigen.

 

3.3 Verteidigungsstrategien von Tier und Mensch

Wenn Verfolger Türschlüssel ihrer Beutetiere sind, brauchen Verfolgte gute Gegenstrategien. Sie können Fluchtwege einrichten, die Wohnung meiden, sich verkleiden oder Waffen entwickeln, um Angreifer unschädlich zu machen.

Frösche sind sofort weg. Sie fliehen. Ihr Sicherheits-Gen teilt ihnen mit: „Wenn du einen langen Schatten wahrnimmst, tauche ab.“ Sie brauchen keine Erfahrung mit langen Schatten, ihr Gen bringt sie sofort in Bewegung. Tintenfische versprühen Tinte und sind in der dunklen Wolke unsichtbar. Dagegen verschmelzen Blattschwanzgeckos so mit ihrem Untergrund, dass sie da sind, aber für andere nicht anwesend.

Auch Menschen verfügen über unbewusste Strategien. Ein Resultat von Gespür und Intuition. Im Straßenverkehr erlebt man nicht selten erfolgreiche Ausweichmanöver, obwohl ein Unfall unvermeidlich erscheint. In solchen Situationen trifft das Unterbewusstsein die Entscheidung: Es lässt bei großer Gefahr den Menschen mehr Eindrücke als gewöhnlich wahrnehmen, wodurch er die Zeit als gedehnt erlebt und für angemessene Ausweichmanöver scheinbar mehr Zeit bleibt.

In unsicheren Momenten kann er auch bewusst Strategien wählen. Er kann einen Plan machen und sich eine Struktur geben. Er kann die Komplexität reduzieren und kleine überschaubare Handlungsschritte entwerfen, die er bewältigen kann, so dass jeder Schritt Erfolg bringt, ein neues Nahziel erzeugt und Sicherheit zurückbringt.

 

3.4 Eine Entwicklungsstrategie

Gewaltfreie Kommunikation ist eine humane Form, mit anderen Menschen umzugehen. Eine Ökologie des Verhaltens. Sie lehnt Begriffe wie Schuld, Unrecht und Rache ab und der Mensch nimmt das Verhalten in die eigene Verantwortung. Sie bedeutet Verständnis und Einfühlung in Ängste, Unwissenheit und Hilflosigkeit aller an einer Situation kommunikativen Handelns Beteiligter.

 

3.5 Begrenzungsstrategien

Eine wichtige Aufgabe ist die Entscheidungsfindung. Für einen Beruf, eine Freundschaft, eine bestimmte Lebensform und für Veränderungen. Die Unsicherheit, sich entscheiden zu können, rührt oft daher, dass das Entscheidungsvermögen unmittelbar an Gefühle gebunden ist. Wer nicht fühlen kann, kann auch keine Entscheidung treffen. Antonio Damasio berichtet in Descartes‘ Irrtum von einem Anwalt, der infolge einer Nervenerkrankung unfähig ist zu fühlen. Er kann juristische Fälle analysieren, ist aber unfähig, Konsequenzen aus den Analysen zu ziehen.

Entscheidungsunsicherheit rührt oft auch daher, dass mit jeder Entscheidung Alternativen abgewählt werden, da jede Entscheidung durch Alternativkosten Trauer auslösen kann.

Weit gesteckte Freiheit und gewaltiger Überfluss mit den vielen Alternativen sind ein Grund für Unzufriedenheit und Entscheidungsunsicherheit. Der Wohlstand in den vergangenen Jahrzehnten hat in westlich orientierten Kulturen zugenommen, nicht aber die Zufriedenheit. Demokratie, Freiheit und Wohlhabenheit haben, wie Bas Kast in seinem Buch „Ich weiß nicht, was ich wollen soll“, eine Schattenseite: Wir können uns frei entscheiden, doch oft aus einer zu großen Anzahl von Alternativen. Deshalb lässt eine gute Begrenzungsstrategie Gefühle zu, trauert nicht um ausgeschlossene Alternativen und hält die Anzahl von Alternativen gering.

 

 

4. Interkulturelle Kompetenz – Ambiguitätstolerenz

Negativ Capability und Gewaltfreie Kommunikation

 

Wie können Menschen, fragt Else Frenkel-Brunswik, Mehrdeutigkeit

ertragen. Ihr Begriff Ambiguitätstoleranz bezeichnet die Fähigkeit, Widersprüche und gegensätzliche Sachverhalte – also Unsicherheit – auszuhalten. Ihre Strategie heißt Einfühlung in die Sichtweise anderer und der Wechsel eigener Perspektiven. Um sich mit der Gegensätzlichkeit verschiedener Kulturen auseinandersetzen zu können sind Vorurteile, Schwarz-Weiß-Denken und die vermeintliche Sicherheit durch die Abgrenzung von Andersdenkenden aufzugeben und die eigene Unsicherheit anzunehmen.

Ähnliches bedeutet der Begriff Negative Capability des Dichters John Keats. Diese Fähigkeit hat jemand, der zwischen Unsicherheiten, Geheimnissen und Zweifeln ausharren kann, ohne sich zu einer erregten Suche nach Fakten und Gründen gedrängt zu fühlen. In dieser Fähigkeit liegt eine gelassene Offenheit.

Der Begriff Doppelte Kontingenz von Talcott Parsons beschreibt eine

Situation von Personen, die sich wahrnehmen und in der noch unbe­stimmt ist, was als nächstes geschehen wird. In der Situation ist nichts notwendig und nichts unmöglich. In dieser Ausschließung von Notwendigkeit und Unmöglichkeit besteht die Doppelte Kontingenz, in der Ambiguitätstoleranz, Negative Capability und Gewaltfreie Kommunikation wünschenswert wäre, da sie angesichts des fortgeschrittenen Prozesses der Globalisierung die Interkulturelle Kompetenz verbessern würden.

 

 

© Hajo Eickhoff 2014


 

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