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aus: Christoph Wulf/ Jörg Zirfaß (Hrsg.), Rausch, Sucht, Ekstase, Paragrana, Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie, Band 13, Heft 2, Berlin 2004



Ekstase und Atem

Urknall, Ursprung, Urschrei


Ich male, wie ich atme.

Pablo Picasso


Und je freier man atmet,

um so mehr lebt man.

Theodor Fontane


Ekstase ist eine Allheitserfahrung. Eine spirituelle Form des Daseins und ein Tor zum schöpferischen Selbst, durch das der Mensch in tief liegende Schichten des Seins gelangt. Ekstatiker sind Begeisterte. Enthusiasten und Inspirierte: Vom Göttlichen durchdrungen (en theos) und beatmet (in spiriert) gehen sie in die Ekstase hinein und verbinden sich in der unio mystica mit dem Einen, Göttlichen. Was sie praktizieren ist das ekstatische Entfaltungsprinzip des Alls. Über den Atem wird der Leib aufnahmefähig für diejenigen Kräfte, die mit den Sinnesorganen nicht zu erfassen sind.

Atem ist Leben. Ebenso heißt es in den Upanishaden: „Die Luft webt das All, der Atem den Menschen.“ Von formenden Kräften ist die Rede und von Spiritualität, eine die Gesamtheit des Seins bedenkende Geisteshaltung. Atmen ist also nicht bloßes Luftholen, mechanisches Pumpen oder Ein- und Ausatmen, sondern spirituelles Prinzip und Lebenskraft. In der Ekstase gibt der Mensch sein Atemmuster auf, das ihn kulturell geprägt hat.

Das All ist das Potenzial des Seins. Die alles bewegende Kraft des Alls gliederte sich im Verlauf seiner Geschichte in vier Teilkräfte, durch die nach den Prinzipien Ekstase und Atem die vielgestaltige Welt in Erscheinung trat. In einem Milieu, dem begrenzten Lebensraum Erde, gliederte sich die Kraft erneut und wurde zur Kraft des Lebens und zur Geisteskraft.

Eine spirituelle Weltsicht scheint modernen Kulturen zu widersprechen, da sie die Erde in ein Arsenal von Gegenständen verwandelt haben und von der Vorstellung geleitet sind, das Sein sei vorwiegend materiell strukturiert. Gegenstände kommen durch Menschen in die Natur. Als Objekte, Zeug, Gebäude und Dinge sind sie Schöpfungen des Menschen, aus Naturstoff geschaffene Kulturprodukte. Natur dagegen, gemeint ist die Natur der Erde, kommt durch die selbstschöpferischen Kräfte des Alls in die Welt. Natur ist eine Schöpfung des Alls in fortgeschrittenem Stadium, hervorgebracht aus kosmischem Staub. Dieser Endlichkeit, die sich in der Unendlichkeit des Alls kristallisierte, entstammt der Mensch.

Wie die Ekstase und der freie Atem bezieht sich auch das Philosophieren auf das Jenseitige alltäglicher Wahrnehmung. Ekstase und Atem sind Kraftentfaltungen. Da jeder Mensch für die drängenden Fragen der Gegenwart Lebenskraft braucht, der moderne Mensch sie aber verlor, muss er sie suchen und dazu seine Quellen kennen: die Entstehung des Alls oder den Urknall, die Gründung der Gemeinschaft oder den Ursprung, den Start des einzelnen Menschen oder den Urschrei[1].



Das All


Am Anfang war der Staub. Aus ihm hat das All auf einem langen Weg den Menschen aus sich herausgestellt (ekstasis) und sich in ihm einen Atem geschaffen, durch den es sich zu Wort brachte. Hypothetisch ist es vor 13,7 Milliarden Jahren aus einem unermesslichen Knall hervorgetreten (ekstatis). Es begann sich auszudehnen, kühlte ab und schuf Zeit, Materie und Raum. Nach und nach atmete es in der Ausdehnung seine Möglichkeiten ins Dasein. Die Entfaltung des Alls ist eine sukzessive Ekstase und ein stufenweises Heraustreten und in Erscheinung treten seiner Kräfte und Formen.

  Das griechische Wort Kosmos, das lateinische Universum und das mittelhochdeutsche All sind Inbegriffe für die Gesamtheit des Seins und die mögliche Einheit des Gegebenen. Der Begriff Kosmos geht auf Pythagoras zurück, der in der Gesamtheit einen Schatz sah, ein harmonisch geordnetes, durch Zahlen bestimmtes Ganzes. Noch Sokrates ist der streitbare Philosoph einer Harmonie des Ganzen, doch seit Platons Gliederung des Seienden in Idee und Erscheinung gilt die Polarisierung von vorgestelltem und realem Sein als Grundfrage des Philosophierens. Aristoteles entwarf eine durch den unbewegten Beweger, Gott, geschaffene teleologische, zielgerichtete Welt. Das Christentum unterschied zwischen himmlischer und irdischer Ordnung, während Plotin in seiner Verbindung von Christentum und Platonismus im Weltganzen das Eine sah, das durch das Überfließen göttlicher Kraft – die Emanation – die Welt hervorbringe. Ziel des Menschen sei, sich ekstatisch mit dem jenseits aller Rationalität liegenden Einen zu verbinden, indem er sich in Meditationen vom leiblichen Wohlbehagen befreie. War den Empirikern John Locke, George Berkeley und David Hume die Welt reine Erfahrung, lagen dem Rationalisten Immanuel Kant Ding und Welt gerade jenseits aller Erfahrung. Modernen Naturwissenschaftlern gelten Natur und Welt als Summe physikalischer, chemischer und biologischer Gegebenheiten.

  Nach Ansicht heutiger Astrophysiker war der Staub des Alls materielos und bestand aus Photonen, Neutrinos, Elektronen und Quarks. Diese Formelemente wurden durch die vier Wechselwirkungskräfte Gravitation, elektromagnetische, schwache und starke Kraft gestaltet, indem sie das All aus der Potenzialität ins Dasein führten. Die vier Kräfte sind die Regenten der Welt der Physik und der Chemie. Ihre mögliche Einheit wäre eine Urkraft, Supersymmetrie oder SuSy-Kraft genannt, von der die Teilkräfte verschiedene Erscheinungsformen wären. Die Urkraft habe nach dem Urknall gewirkt und sich in der Abkühlung differenziert. Gravitation wirkt zwischen Massen, jede der anderen Kräfte zwischen elektrischen Ladungen.

  In der unermesslichen Hitze das Allanfangs von 1032 Grad Celsius war nichts von Dauer. In den ersten Bruchteilen von Sekunden nach der gewaltigen Explosion spielten sich dramatische Ereignisse ab. Die Temperatur verringerte sich unvorstellbar rasch und das Substrat setzte sich explosionsartig in Bewegung. Am Ende der ersten Sekunde war die Temperatur auf zehn Milliarden (1010) Grad Celsius gesunken. In den ersten hunderttausenden von Jahren ist das All vor allem Potenzialität. Ohne Materie. Scheinbar formlos. Doch die Form steckte in der Beschaffenheit des Staubs, der über Bildungskräfte verfügte und eine Art Kultivierung verursachte. Eine Domestikation, durch die in Jahrmilliarden der Ausdehnung die gestaltenden Kräfte den Staub formten.

Zuerst etablierte sich eine Ordnung im Kleinen. In den Maßen der Atome. Bereits eine Minute nach dem Urknall war die Temperatur unter eine Milliarde Grad gesunken und das erste ordnende Prinzip, die Kernkraft, wurde wirksam. Unter ihrem Einfluss vereinigten sich drei Quarks zu Neutronen, drei andere Quarks zu Protonen, den Atomkernen des Wasserstoffs. Sie konnte auch zwei Protonen zum Atomkern des Heliums verschmelzen. Als die Temperatur nach vielen hunderttausend Jahren unter drei Tausend Grad Celsius sank, wurde das zweite Ordnungsprinzip wirksam, die elektromagnetische Kraft. Sie brachte die ersten Atome hervor. Indem sie Elektronen auf die Umlaufbahn der Atomkerne hob. Die drei leichtesten Atome Wasserstoff, Helium und, weit weniger, Lithium, entstanden als Folge des Urknalls. Eine erste starke Ekstase des Alls: das In-Erscheinung-Treten der Materie.

Philosophen galten seit der Antike die vier Elemente Wasser, Erde, Feuer (Sonne) und Luft (Atmosphäre) als grundlegende Bestandteile des Alls. Doch schon Leukipp und Demokrit definierten als kleinstes Teilchen ein Atom. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde erkannt und 1913 im Atommodell von Nils Bohr veranschaulicht: Atome sind teilbar und bestehen aus den Elementarteilchen Neutron, Elektron und dem Proton, deren Anzahl physikalische und chemische Eigenschaften des Atoms bestimmt. Heute legt die Physik zwölf Teilchen zugrunde, sechs Quarks und sechs Leptonen.[2] Das dritte Ordnungsprinzip, die schwache Kraft, reduziert die zwölf subatomaren Teilchen jedoch wieder auf drei, so dass Atome – die Basis der Materie – aus Elektronen und zwei leichten Quarks bestehen.[3]

In diesem Entwicklungsstadium bestand das All zu Dreiviertel aus Wasserstoff, zu einem Viertel aus Helium,[4] aus masselosem Licht und aus Neutrinos, den Geisterteilchen.[5] Die Materiedichte des Alls war nun so gering, dass Licht – die Photonen – beginnen konnte, sich auszubreiten.


Nach weiterer Abkühlung wurde die vierte Ordnungskraft, die Gravitation wirksam, die eine Ordnung im Großen erzeugte. Sie zog gewaltige Massen ungleich verteilter Massefelder weiter zusammen und verdichtete sie zu Gaswolken und ließ die rotierenden Galaxien entstehen, die zu Milliarden das All besiedeln. Auch innerhalb der Galaxien wirkte die Gravitationskraft und löste die Bildung von Sternen oder Sonnen aus. Galaxien sind Materieanhäufungen, in denen sich Sterne bildeten und noch bilden. Sterne sind riesige Gasbälle, in denen Atomkerne miteinander verschmelzen und große Mengen an Energie abstrahlen. Die Gravitation verdichtet Gas- und Staubwolken, bis sie in sich zusammenstürzen, erhitzen und beginnen, Wasserstoffatomkerne zu Heliumatomkernen zu verschmelzen. Ist der Wasserstoff verbraucht, fusionieren die Heliumkerne zu Kernen von Kohlenstoff und Sauerstoff, die, wenn auch sie aufgebraucht sind, Kerne schwererer Atome bilden. Ist der Vorgang abgeschlossen, kann ein Stern explodieren und seine Kerne ins All schleudern, wo sie Elektronen einfangen und Atome und Moleküle bilden. Sterne sind die Produzenten schwerer Atome.[6]

Vor etwa 4,6 Milliarden Jahren entstand gemeinsam mit der Sonne, die ein Stern der späten Generation ist,[7] der Planet Erde. Planeten entstehen, wenn Materiewolken, die bereits schwere Atome enthalten, unter der eigenen Gravitation zu einem glühenden Feuerball fester Materie kollabieren, den ein Stern auf seine Umlaufbahn zwingt.

Wie das All ist die Evolution der Erde ein Vorgang der Abkühlung und Differenzierung. Ihre Besonderheit bestand in ihrem Abstand zur Sonne, in der Größe ihrer Masse, die eine Atmosphäre an sich binden konnte, im Vorkommen von Kohlenstoff und große Wassermengen in flüssigem Zustand. In der Begrenzung des Milieus Erde bildeten besondere Moleküle – die Aminosäuren – den Beginn einer neuen Organisationsform, das Leben, indem sie die Eigenschaft entwickelten, sich zu reproduzieren. Eine Ekstase des Alls, das im Hervorbringen von Leben mit sich selbst und seiner Physik bricht. Die Lebenskraft differenziert die Urkraft, die nur noch indirekten Einfluss auf das Wesen des Lebendigen hat, wodurch sich ein Spielraum anstelle bloßer physikalischer Notwendigkeit eröffnete. Kleinstlebewesen begannen, eine maßlose Aktivität zu entfalten. Sie verwandelten den Erdboden, der ein günstiges Milieu für die Ausbildung hochkomplexer Moleküle bot, deren Entfaltungsmöglichkeit im grenzenlosen Raum gering ist, da Differenzierung Begrenzung erfordert.

Die kleinste Einheit für das Leben ist die Zelle. Sie funktioniert selbsttätig, hat eine elastische Struktur, wächst und verarbeitet Energie, pflanzt sich fort und vererbt ihre Eigenart. Lebende Organismen entstehen aus einer einzigen befruchteten Eizelle durch Zellteilung. Das ist ihr Ursprung. Ihre zentrale Steuerung bewirkt der Zellkern mit seinem Erbgut – den Genen, die dafür verantwortlich sind, dass jede neue Zelle das gleiche Erbgut trägt, die gleiche DNS oder Erbsubstanz. Das Wachsen eines Organismus ist das immer erneute Teilen seiner Zellen. So stammen alle heute lebenden Zellen in einer ununterbrochenen Reihe von den ersten lebenden Zellen ab. Sie haben völlig andere Eigenschaften als Atome und Moleküle, aus denen sie bestehen. Die Produktion der Vielfalt des Lebendigen begann vor etwa 600 Millionen Jahren, indem die Kräfte der Biologie aus dem Anorganischen hervortraten.

Milliarden von Jahren nach ihrer Entstehung brachte das Milieu Erde den Menschen hervor, der den Prozess der Differenzierung des Lebens mit den Mitteln des Geistes fortsetzte: Reflexivität, Sammeln von Wissen, Erfindung von Werkzeugen, Trennung von Subjekt und Objekt, Atemdisziplin und zielgerichtetes Eingreifen in die Natur. Der Auftritt des Menschen war eine weitere große Ekstase: die Geburt des Geistes. Der Mensch trat aus dem All heraus, spaltete sich von der Lebenskraft ab, der er seine Geisteskraft entgegenstellte. Mit ihm betritt die Freiheit das All. Er kultivierte die Erde und sein Milieu und veränderte sich selbst nach eigenen Vorstellungen. Mit den Prinzipien der Physik sind die Kräfte des Lebendigen und des Geistes nicht zu erklären. Doch trotz seiner Freiheit bleibt der Mensch abhängig und Kind des Allstaubs. Jeder Mensch „hat 2 bis 3 Gramm des fast 14 Milliarden Jahre alten Original­materials aus der Zeit des Urknalls in seinem Körper.“[8]

Das All ist nicht auf den Menschen hin angelegt. Es hat unendlich viele Perspektiven, denen gegenüber die Erde inmitten einer gewöhnlichen Galaxie ein Krähenwinkel des Weltganzen ist. Lange Zeit glaubte der Mensch, er sei Mitte des Alls, da nur für ihn die Entwicklung von der Entstehung der Materie zu den Sternen bis hin zur Gestaltung von Leben und Kultur verlief. Doch der „Mensch trägt etwas in sich, das größer ist als er selber.“[9] Er ist eine beiläufige Realisierung unendlicher Möglichkeiten. Aber gerade der Krähenwinkel war es, der den Menschen auf eine hohe Entwicklungsstufe hob, denn erst unter den Bedingungen der Begrenzung reifte in ihm die Fähigkeit zur Symbolisierung und er konnte dem All Sprache und Reflexion geben, zu Individualität und Geist. Nach den großen Ekstasen der Formen und Kräfte, aus denen die vier Kräfte und die Galaxien, die Sterne, die Planeten und das Leben hervorgingen, wurden im Menschen existenzielle Ekstasen möglich. Ekstasen der Symbolisierung, die wir Mythos, Genesis, Geschichte, Evolution, Entwicklung, Wissenschaft, Fortschritt nennen, der Glaube an das schrittweise, logische Hervorgehen des Seins aus vorhergehenden Zuständen – die Creatio continua.



Geist und Materie


Ekstase und Herausstehen kommen in der Idee des Neuplatonismus zum Ausdruck. Seine Emanationslehre bedeutet das Ausfließen des Einen in der Entstehung des Alls. Bewusst und reflexiv wird das Herausstehen, wenn der Mensch, der nach Ansicht der Neuplatoniker aus der Einheit gefallen ist, in der Ekstase – der gnostischen Schau – die Trennung in der unmittelbaren Erkenntnis der göttlichen Wahrheit aufhebt und in seine Heimat, die spirituelle Sphäre des Transzendenten, zurückkehrt.

  Dass Wirklichkeit am Weltanfang Potenz, Licht und Idee, also Materielosigkeit gewesen sein könnte, muss Abendländer als Mitglieder einer materiell orientierten Welt überraschen, einer Welt, die nicht nur materiell eingerichtet ist, sondern die auch Apparate entwickelt hat, um in gewaltigen Unternehmungen mit den kleinsten Bauelementen der Materie zu experimentieren. Dem Überschreiten der Alltagserfahrung gilt nicht das Interesse der Abendländer, weshalb ihnen Ekstase und angemessenes Atmen schwer fallen.

  Sie behindert die Vorstellung, Natur sei von vornherein eine an Materie gebundene Form des Seins. Dem liegt die falsche Identifizierung der Natur mit der Natur unserer Erde als Mater, Mutter, Matrix, Materie zugrunde, als Natus, dem Geborenen. Natur wird als irdische und somit stoffliche, dinghafte Natur vorgestellt. Allerdings ist das nicht der Ursprung des Menschen, denn der liegt im materielosen Urstaub. Zwar haben Philosophen sich die Welt immer wieder als Idee, Konzept oder Geist gedacht und sind den modernen Astrophysikern sehr nahe gekommen, doch haben ihre Vorstellungen eine Menschheit, die sich ans Materielle heftet, nicht beeindrucken können. So ist sie überrascht, zu hören, Natur und Weltgrund seien unstofflich. Enggefasst ist Natur die Erscheinungsform der Erdoberfläche, einschließlich ihrer Flora und Fauna, allgemein ist sie Grundlage und Beschaffenheit des Urstaubs, der Basis allen Seins.

  Zugleich behindert die Welt der Gegenstände und Apparate die Vorstellung, Geist und Seele könnten grundlegende Kräfte und Substanzen sein. Sie sind das Verdeckende, die wahre Natur Verschließende, das sich als Scheinnatur zwischen die irdische Natur und die Vorstellung des Menschen schiebt, der verwundert fragt: „Wie kommen Geist und Seele in den Menschen, in das organische Gebilde aus Materie – aus Fleisch und Knochen?“ Rudolf Virchow sagte spöttisch: „Ich bin mit meinem Skalpell noch nie auf eine Seele gestoßen“. Kontrollgeräte wie Skalpell und Elektronenmikroskop dienen in dem Kontext der Rechtfertigung, der Welt liege Materie zugrunde.

  Da Materie nicht erstes, sondern zumindest scheinbar spätes Prinzip des Seins ist – tatsächlich ist sie ein integrales Element –, wird die umgekehrte Frage berechtigt: „Wie kommt Materie in die Welt?“ und „Wie heftet sich Materie an Konzepte und Ideen?“ Leibniz hat mit seiner Theorie der Monaden, Albert Einstein mit der Formel „E=mc2“, Buddha mit dem Nirwana geantwortet. Für Einstein sind Masse und Energie äquivalent, Buddha ist die vielheitliche Welt aus Materie und Geist Illusion, nach Leibniz bilden Stoff und Geist eine untrennbare Einheit (Monas). Diese Theorien und Philosophien beschreiben die Äquivalenz von Materie und Geist oder negieren ihre Dualität.



Die Ekstase


Die Extase ist das Heraustreten des Seins aus einer Potenz. Ein In-Erscheinung-Treten. Sie ist das Entfaltungsprinzip des Alls. Wie das All gerät auch der Mensch in der Ekstase außer sich. Ekstase ist Rausch, Meditation und Ergriffenheit. Sie tritt in geweihten Situationen der Religion und der Magie auf und ist das unmittelbare Erleben übersinnlicher Kräfte. Wenn Ekstatiker rauschhaft das von Gewohnheit geprägte Alltägliche – der kontrollierten Gefühle, des rationalen Denkens und des Alltagsbewusstseins – überwinden und in den Zustand der Entrückung geraten wollen, müssen sie grundlegende Daseinsgewissheiten aufgeben. Ekstase ist ein Moment erhöhter Reizaufnahme, der von der Last der durch die Kultur gesetzten Pflichten, Normen und Disziplinierungen befreit.

  Ekstase leitet sich von der äußeren Bewegtheit des Heraustretens und des Außer-Sich-Seins ab. Sie wird deshalb auch Begeisterung, Besessenheit, Erregung, Raserei und Ergriffenheit genannt. Als Außer-Sich kennt die Ekstase zwei Zustände. Der Mensch kann nach außen und nach innen aus sich heraustreten. Entweder lenkt er die Sinne von den Objekten ab und tritt in sich selbst ein (Askese) oder er füllt sie mit dem Gefühl der Hingabe und Liebe auf und tritt aus sich heraus (Ekstase). Außer sich ist er außerhalb von Zeit und Raum, von Gegenwart und Gegenstandswelt, in einer Welt ohne Ereignischarakter. Trotz ihrer Bewegtheit sind Ekstatiker wesentlich nach innen gerichtet, denn das All ist auch in ihnen. Sie suchen in beiden Richtungen nach Lebensenergie und Kraft, an die sie sich anbinden können.

  Ekstatiker sind Grenzgänger und Artisten der Kommunikation. In der Gegenwart lebend streben sie zurück zur eigenen Geburt, zum Ursprung des Stammes und zur Entstehung des Alls. Sie suchen die Quellen der Schöpfung und des Seins auf, um an der Kraft der letzten Ursache des Wirklichen teilzuhaben. Lebensenergie gewinnen sie aus der Berührung mit der Kraft der Schöpfung und aus dem Wissen, dass Ursprung und Gegenwart verbunden sind. In der Ekstase erfahren sie, wie die Dinge entstanden, denn alles, was der Mensch vollbringt, ist eine Wiederholung der primären Tat, der archetypischen Handlung des Schöpfergottes,[10] die Erschaffung des Alls. 

  Zur Kommunikation mit dem Übersinnlichen, Sakralen und Göttlichen muss sich der Mensch für eine Zeit vom Ich-Bewusstsein lösen. Der Eintritt in die Ekstase beginnt in einer Selbstentgrenzung und im Übergang vom gewöhnlichen Bewusstsein in einen Zustand erhöhter Erwartung. Der Leib wird vorbereitet im Fasten und rituellen Baden, im Beachten des Atems in der asketischen Übung und in der Versenkung. Schon die Erwartungshaltung, dass etwas Ungewöhnliches geschehen wird, ist ein Katalysator für Ekstase, die vier typische Elemente aufweist: das Aufgeben leiblichen Wohlergehens, die Reinigung des Willens, die Erhellung des Verstandes und die mystische Vereinigung mit dem Übersinnlichen. Die Lösung vom Ich-Bewusstsein erfolgt nicht vollständig, denn ein „enger Wahrnehmungskanal für äußere Stimuli bleibt,“[11] der auch die Rückkehr in den gewöhnlichen Bewusstseinszustand ebnet.

Der Atem bildet das Zentrum von Trance, Rausch und Ekstase. Vor dem Eintritt in die Ekstase wird der Atem gesteigert, um die Stimmung zu heben und dem Gehirn vermehrt Sauerstoff zuzuführen. Auch Singen, Trommeln und rhythmisches Ausrufen sind vorbereitende Elemente. Unmittelbar hinein in eine Ekstase führt das holotropische Atmen im Rebirthing. Es hebt Blockaden auf und lenkt den Menschen in seine Gefühlswelt zum Zeitpunkt der Geburt zurück, führt ihn unmittelbar zu seiner Quelle. Bewusstheit und Vernunft sind nicht ausgeschaltet, bilden in der Ekstase aber nicht das bestimmende Zentrum.

  In der Ekstase erhöhen sich kurzzeitig im Blut die Botenstoffe Adrenalin, Kortison und Noradrenalin. Zugleich nimmt das Beta-Endorphin zu und hält das erhöhte Niveau bis nach der Ekstase, worin der Grund für die nachekstatische Euphorie liegt. Bei extremer Beschleunigung der Pulsfrequenz sinkt der Blutdruck.[12] Die leiblichen Veränderungen sind Gründe für die Erfahrung der Grenzüberschreitung.

Alle Gemeinschaften waren und sind daran interessiert, Übersinnlichkeit zu kontrollieren und nur bestimmten Menschen zu gestatten, sie zu institutionalisieren. Schamanen waren Zauberpriester und hatten ein Amt inne. Die Ausweitung ihrer Praktiken wurde unterbunden und verfolgt. Jede Gesellschaft braucht aber Ausnahmezustände, etwa die der Jugend. In der Zeit, wenn junge Menschen sich lösen von der Schule und dem Elternhaus und beginnen, ihren eigenen Lebensweg zu beschreiten, entwickeln sie Sehnsucht nach Herausforderungen. Sie suchen das Besondere: ausgefallene Ideen, neue Grenzverläufe, idealisierte Lebensansichten und provozierende Umgangsformen, die sie – wie ekstatische Erschütterungen – aus dem Alltag herausheben. Vitalität und Stärke einer Kultur liegen in der Jugend, vor allem aber in einer Jugend, von der starke Impulse ausgehen. Gäbe es das Bedürfnis nach Grenzüberschreitung nicht, wären Gemeinschaften statisch und Überraschendes und Neues würde sich selten in der Welt ereignen. So hat Mircea Eliade die Ekstase als ein Urphänomen des Menschen bezeichnet und Allan Watts sah sie aus buddhistischer Sicht als Grundbedürfnis des Menschen an.

Das Einnehmen von Drogen wie Peyote, LSD, Haschisch oder Meskalin gleicht Initiationsriten, die an Ekstase und Überschreitung erinnern. Drogensüchtige wenden sich ab von der Gesellschaft. Oft ohne Umkehr. Ihr Drogenkonsum ist zwanghaft. Dennoch genießen sie nicht selten – von Vertretern der Gemeinschaft gemieden und bekämpft – ein heimliches Ansehen, weil sie ausbrechen aus der Enge des Zwangsläufigen und oberflächlich Sichtbaren. Sie werden aber auch, obwohl sie an einer anderen Welt teilhaben, mit Groll betrachtet, denn sie beugen sich nicht der Disziplin, der sich die meisten unterwerfen.

  Disziplin aber ist ein Kennzeichen des Schamanismus. In der Ekstase verlassen Schamanen die irdische, sinnlich strukturierte Welt nur vorübergehend. Ihre Seelenreisen sind zeitlich begrenzt, denn sie werden zurückkehren. Sie begeben sich auf den Weg zu Ahnen, Geistern, besonderen Orten, Ahnentieren. Sie nutzen die Kräfte des Alls als frei beweglichen Geist, mit dem sie sich aufladen und die sie als vitale Kraft an Menschen weitergeben. Ihre Reisen sind Modell und Denkfigur für die spirituelle Seite der Welt und Zeichen für Weite, Offenheit und freies Atmen: Spiritus ist Kraft der Transzendenz: Hauch, Wehen, Atem. Durch die Verbindung des eigenen Atems mit dem alles durchströmenden Atem des Alls sind Ekstatiker Mittler zwischen All und Mensch. Sie übertragen Motivation und vitale, heilende Kräfte, die sie aus dem Gefühl der Verbundenheit mit dem All gewinnen. Die Ekstase weitet ihr Bewusstsein und verbindet sie mit der Kraft in den Elementen, den Pflanzen und den Tieren, die ihnen Wissen und Rat vermitteln. Ekstatiker heilen, weissagen, orten Feinde und spüren Nahrung auf.

  Ekstasen sind Erkenntnisformen. Suchbewegungen. Propheten, Gnostiker und Visionäre suchen Wahrheit jenseits des sinnlich Gegebenen. Sie führen den Menschen an Gründe und Abgründe, machen das Verdrängte und Vergessene wahrnehmbar und eröffnen einen Weg in den Umkreis des Seins. Noch die abendländische Philosophie beginnt mit einem Philosophen, der Trunkenheit, Rausch und Ekstase enthusiastisch zugetan war: Sokrates. Er beherrschte die Balance zwischen Vernunftgebrauch und der Fähigkeit, sich rauschhaft auf Götter und All einzulassen. Als Suche und Erkenntnis ist Ekstase eine Weise der Sinnfindung.



Der Atem


Am Anfang war der Atem. Das große Ausdehnen des Alls. Atem ist ein allgemeines Prinzip des Seins. Ein Prozess des Austausches, des Wechsels, der Umwandlung. All und Natur, Pflanze, Tier und Mensch atmen.

Der Atem durchdringt das Universum. Er ist Ausdehnung des kosmischen Ursubstrats, wellenförmige Ausbreitung der Photonen und Rhythmus der Sterne, er ist Äther, Atmosphäre und Pneuma, Seele, Hauch und Fluidum. Er waltet auch im Kleinen, Mikroskopischen und Molekularen: als Impuls, Spin und Rhythmus der atomaren Subelemente.

Für Lebewesen ist Atmen ein schicksalhafter, ununterbrochener, mit Absterben und Tod endender Austausch von Kohlenstoff und Sauerstoff. Allen Zellen der Tiere muss ununterbrochen Sauerstoff zugeführt werden, denn untrennbar verbindet der Atem der Tiere innen und außen. Den Sauerstoff gewinnen sie durch die Kiemen-, Haut- und Lungenatmung. Pflanzen benötigen Kohlenstoff, den sie in der Photosynthese gewinnen.

Trancereisen, Rauschzustände und Ekstasen gab es einst und gibt es heute. Alle Kulturen haben sie genutzt und so unterschiedlich ihre Formen auch sind, gemeinsam ist ihnen der Zugang über den Atem. Ekstatische Erfahrungen sind Atemerfahrungen.

  Meister, Schamanen und Asketen sind die Bezwinger des Atems. Lange vor unserer Zeit erkannten sie, dass unter den Leibesfunktionen der Atem eine Sonderstellung einnimmt, da er über die Kraft verfügt, den Menschen aus seiner Gegenwärtigkeit herauszuheben. In Indien wurden Atemtechniken entwickelt, die Leib, Psyche und Geist formten. Im Yoga wurden Atemrhythmen eingeübt und der Atem kontrolliert, um seine Wirkung zu untersuchen. In buddhistischen Schulen beobachteten Schüler den ein- und ausströmenden Atem. In Meditationen und Ekstasen versuchten sie, die Geisteskräfte durch die Beherrschung der Sinne zu schulen. Dazu wendeten sie ihre Sinnesorgane von der Welt ab und richteten sie nach Innen. Indem sie ihren Atem mit dem göttlichen Atem und ihre Seele mit der göttlichen Seele zu verbinden suchten, machten sie sich von der Welt der Gegenstände frei und konzentrierten sich auf innere Instanzen. Alle fünf Weltreligionen – Buddhismus, Judaismus, Christentum, Islam und Hinduismus – stellen das Bemühen um die Befreiung von der Welt in den Mittelpunkt, unterscheiden sich aber in ihren Wegen und ihren Leibeshaltungen: die Technik des Lotussitzens der Buddhisten, das Meditieren über Sätze aus dem Talmud, der Haltungswechsel der Mönche im Chorstuhl, der ekstatische Tanz der Derwische, das Aussprechen eines Mantras der Hindus.

Atem leitet sich wohl von Atman ab, dem hinduistischen Begriff für Einzelseele, die mit der Weltseele eins ist. Atman ist als Weltatem die universelle Kraft und das wahre Wesen der Dinge. Er gilt als das einzige, das wirklich existiert: eine unvergängliche Substanz, wandernd von Leib zu Leib in den ewigen Wiedergeburten. Außer ihm gebe es nichts. Er bildet ein Ganzes wie das Tao des Laotse oder wie das Buddha-Wesen. Im Hinduismus wird die Trennung von Wesen und Erscheinung als Illusion angesehen, die im Einssein überwunden wird. Auch Begriffe der abendländischen Kultur wie Geist, Seele und Esprit verweisen auf Lebenskraft und Atem: das griechische Pneuma für Wind, Atem und Seele, Psyche für Hauch, Atem und Leben sowie das lateinische Spiritus für Mut, Atem und Geist.

  Die beiden Formen des Lebendigen, die der Planet Erde hervorbringt – Pflanze und Tier –, sind atmende Wesen. Die Atmung der Tiere wird getragen vom Hämoglobin, die der grünen Pflanzen vom Chlorophyll in der Photosynthese. Es hat eine Logik, dass es sich um zwei nahezu identische Moleküle handelt, hervorgegangen aus dem gleichen Urmolekül.

Der Atem der Tiere ist ein Energieträger des Organismus. Er fördert den Blutkreislauf, wirkt über Nervenbahnen auf den gesamten Leib und versorgt die Zellen. In der äußeren Atmung atmen Tiere Sauerstoff ein, den das Hämoglobin des Blutes von den Lungen zu den Körperzellen transportiert. Die innere Atmung findet in den Zellen statt, die mit Hilfe des Sauerstoffs Energie und neue Stoffe erzeugen: Sie nehmen Informationen auf und arbeiten Rohstoffe in zelleigene Substanz um, nehmen bewährte Reize und Substanzen auf und wehren negative ab. Das Kohlendioxid, das in dem Prozess entsteht, wird vom Hämoglobin zu den Lungen transportiert, die es über den Atem an die Atmosphäre abgeben. Als kleinstes selbständiges Element eines Organismus ist die Zelle ein gewaltiger Kosmos, der über den Atem mit dem großen Kosmos in permanentem Austausch steht.

  Die Atmung der grünen Pflanzen verläuft zur Atmung der Tiere konträr. Sie nehmen Wasser und Kohlendioxid – etwa das von den Tieren ausgeatmete – auf und verwandeln es mit Hilfe des Sonnenlichtes in der Photosynthese in Sauerstoff, den sie an die Atmosphäre abgeben. In der Umkehrung des Atems der Tiere reduzieren sie das Kohlendioxid der Atmosphäre und reinigen so den Lebensraum der Sauerstoff atmenden Lebewesen. Das Chlorophyll und die Sauerstoffproduktion der Pflanzen ist die Grundvoraussetzung allen höheren Lebens in der Biosphäre Erde.

  Der Atem des Menschen ist eine Sonderform. Der Mensch hat im Laufe seiner Kulturgeschichte einen besonderen Atem ausgebildet. In enger Zusammenarbeit mit seiner Leibeshaltung, seinen Muskeln und seinem Geist hat er seinen Atem formen und disziplinieren können. Zusätzlich also wie bei den Tieren, die spontan und gemäß ihrer jeweiligen Situation atmen, hat der Mensch die Fähigkeit erworben, mit dem Atem Leib, Geist und Seele zu einem Komplex zu verbinden, wodurch jedes Tun und jede Denkhaltung, jede Position und jedes Gefühl ihr charakteristisches Atemmuster erhalten und den Atem zu einem Seismographen der menschlichen Anstrengung und des Gemüts machen. Der Mensch kann über den Atem aber auch seine Motivation und seine emotionale Situation grundlegend ändern. Mit wenigen Atemzügen kann er sich zur Ruhe bringen, sich in eine andere Gefühlslage hineinatmen oder Anstrengung, Schmerz und Stress beiseiteatmen. Stimulierend auf jede Art von Wohlempfinden und auf die Atemtätigkeit wie in der Ekstase wirkt der vagische Teil des Zentralnervensystems. Deshalb sorgt jedes Zurückhalten des Atems für Unlust. Das Zurückhalten aber ist gerade das Mittel, das sich der Mensch im Verlauf seiner Kultivierung zu nutze gemacht hat, um den Atem zu einem Mittel für Kontrolle und Beherrschung auszubilden.

  Vom ersten Schrei bis zum letzten Atemzug begleitet der Atem den Menschen. Der erste Schrei ist Entspannung. Sie löst den Kehlkopfverschluss, der die Lungen vor dem Eindringen des Fruchtwassers schützt, und die Sauerstoffversorgung auf die Lungenatmung umstellt, bis Luft rhythmisch durch Mund, Rachen und Luftröhre in die Lungen strömt. Der Mensch beginnt mit einem Schrei und dem Ausatmen wie das All mit einem Knall und seiner Ausdehnung. Zwei Formen der Entspannung und des Gebens. Auch das Sprechen, entwickelt aus dem Schrei, ist an den Atem gebunden. Der Mensch spricht beim Ausatmen. Kindern geschieht es oft, dass sie nach überwältigenden Erlebnissen auch beim Einatmen sprechen und außer Atem geraten. Spontan aber wissen sie um die Regulierung der Emotionen: Sie bannen ihre Angstgefühle, indem sie den Atem, die Luft anhalten.

  Physiologisch benötigt der Mensch drei Dinge: feste Nahrung, Flüssigkeit und Sauerstoff. Ohne Essen kann er einige Wochen, ohne Trinken Tage, ohne Sauerstoff nur ein paar Minuten leben. Deshalb untersteht die Atmung dem vegetativen, dem Willen entzogenen Teil des Nervensystems. Über die Haltung des Leibes kann der Mensch seinen Atem manipulieren, insbesondere über die Muskulatur, die Haltungen und Haltungsänderungen hervorruft.

  Richtig atmen kann er nur, wenn die Muskulatur das Skelett der Schwere gemäß organisiert. Geschieht das nicht, wie unter den Bedingungen modernen Lebens infolge geringer Beweglichkeit, langen Sitzens oder einseitiger Belastungen, wird die Skelettmuskulatur verspannt und die Atmung in ihrem freien Rhythmus gestört. Muskulatur und Atem gehören so eng zusammen, dass verspannte Muskeln das einatembare Volumen und die Qualität der Atemluft reduzieren und der reduzierte Atem spannungserhöhend auf die Muskeln wirkt. So geraten beide in einen Zyklus von Muskelanspannung, die ein flaches Atmen verursacht, und flachem Atmen, das spannungsbildend auf die Muskulatur zurückwirkt, die wiederum reduzierend auf die Atmung einwirkt, bis sie auf geringem Energieniveau und hohem Grad chronischer Verspannung zur Ruhe kommen, in der das Zwerchfell, der Haupteinatmungsmuskel, nach und nach verkümmert und der Organismus infolge von Blockaden in seinem dynamischen Rhythmus gestört wird. Der frei strömende, unblockierte Atem erzeugt jenes Energieniveau, auf dem der Mensch sein Leben fühlt und auf dem die Kraft, zu leben, die Lebenskraft, offenbar wird. Diese Qualität von Atem, Sinnesorganen und Kraft fördert die Motivation und das Einfühlungsvermögen und gibt auf diesem Niveau den Menschen fast zwangsläufig das Gefühl der Verbundenheit mit einem Ganzen: mit der Menschengemeinschaft, der Natur und dem Kosmischen. Nicht zufällig wird ein solches Gefühl als ein Gefühl des Abhebens und Fliegens erlebt. Als Leichtigkeit und Freiheit. Der Verlust des freien Atems ist Teil der Krise moderner Menschen, die nichts weniger bedeutet als den Verlust an Motivation und Spiritualität, an Gefühl und Lebenskraft. In der Ekstase werden Muskelverspannungen vermindert und der schwache Atem gestärkt.

Die Atemlehre ist im Abendland eine junge Disziplin. Hier ahnt man erst, dass die Arbeit mit dem Atem keine esoterische Spielerei ist, sondern die Basis für das Erlangen von Motivation, Lebenskraft und gesunder Kooperation von Leib, Seele und Geist. Die Wichtigkeit des Atems für eine Kultur wird an der Schule und im Umgang mit dem Lebensraum des Menschen, der Atmosphäre deutlich.

Atmosphäre ist Atemsphäre. Das Atemhaus des Menschen. Sie ist wie ein nach außen verlegtes Organ, das ihn stetig anwesend ernährt. Sie stülpt sich wie ein Schlauch in den Menschen hinein und ist mit dem Menschen untrennbar verbunden. Der Umgang des modernen Menschen mit seinem luftigen Lebensraum offenbart eine selbstzerstörerische Grundhaltung, denn er hat den lebenswichtigen Bestandteil der Luft, den Sauerstoff, erheblich reduziert. Der jahrtausendelange Anteil von 21 Prozent ist gegenwärtig „in betroffenen Gebieten auf 19 Prozent und über Großstädten auf 12 bis 17 Prozent gefallen“[13]. Sachlich und etymologisch bedeuten atem und atmo dasselbe. An der Art, wie der Mensch sich in der Welt einrichtet – wie er atmet und wie er mit seinem Lebensraum und Haus, dem Oikos umgeht –, lässt sich seine geistige Haltung verstehen, denn Atmosphäre verbindet Atem, Lufthülle, Stimmung und Gemüt. Das zeigt, dass dem modernen Menschen die Balance von Natur, Erde und All fehlt.

Die Institutionen, die den Menschen durch den Atem erziehen, sind Formen der Schule: Klöster, Kontore, Universitäten, Akademien, moderne Berufe. Dem Wort Schule liegt das griechische Wort scholé zugrunde, das échein enthält und Zurückhaltung bedeutet, auch Zurückhaltung des Atems. Atemübungen disziplinieren Geist und Leib und führen den Schüler in der Übung an die Norm der Kultur heran. Der Atem hilft, leibliche Vorgänge zu kontrollieren und Innenräume für die Konzentration auf geistige Vorgänge zu errichten, damit Schüler lernen, sich auf das Nachgehen von Gedanken ohne Ablenkung durch Sinnesreize konzentrieren zu können, bis sie abstrakte Stoffe erfassen und in ihnen logische Manöver durchführen können. Kultur ist Atemformung. Ist Einübung in die Kultur und ins Atmen, ist Eingriff in das spontan verlaufende Ein- und Ausatmen. Das Atmen des Menschen ist ein Kulturatmen, das ihn genau in die Ruhe bringt, die ihn für seine Kultur geeignet macht, und das vom individuellen Atemmuster überlagert wird. Hochkulturen steuern mit dem Atmen den Abstraktionsgrad des Lebens. In der Ausbildung einer von der Unmittelbarkeit der Sinne freien Existenz ist das Abendland bisher am weitesten gegangen. Es ist die Ekstase, die für kurze Zeit die Atemdisziplin aufzuheben und den Menschen mit seiner Existenz in Einklang zu bringen vermag.

Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard, zeitlebens mit Schwierigkeiten des Atmens konfrontiert, hat sich vielfach mit dem Atem beschäftigt, wie in der autobiographischen Schrift Der Atem, ebenso in der Erzählung Am Ortler. Zwei Brüder, ein Wissenschaftler und ein Akrobat, erkennen in einem Gespräch auf einer Bergwanderung am Ortler, dass für die Ausübung ihrer Berufe die einzige nützliche Schule die Atmungsschule ist. Ihr Lernziel heißt: „Kopf, Denken, Körper durch die Atmung beherrschen“, denn wenn „man die Atmung beherrscht, beherrscht man alles.“ Die Atmungsschule ist eine extreme Institution, die zu einem Leiden infolge hoher Disziplin führt, die in der Beherrschung disziplinierten Handelns oder Wissens Freude bringt. Ständig steigern sie in der Atmungsschule Freude und Leid infolge ihre hochdisziplinierten Berufe durch immer höhere Formen der Disziplin, die noch größere Freude und noch größeres Leid verursachen und zum Wahnsinn führen können, obwohl sie das Leid mildern sollen. Tatsächlich beherrscht der Mensch eine Handlung oder ein Denken dann, wenn er den dazugehörigen Atem ausgebildet hat. So thematisiert Thomas Bernhard die Atmungsschule als paradoxe Institution: Um das Leiden am Leben zu beseitigen, unterwerfen sich seine Protagonisten der leidvollen Disziplin einer Atemschulung, die den Wissenschaftler nicht vor dem Wahnsinn zu schützen vermochte.



Atem, Ekstase und Existenz


Existenz beginnt mit dem Menschen. Sie ist ein Spezialfall der Ekstase und bedeutet das Herausstehen als Bewusstsein und als Überwindung des physikalischen, chemischen und biologischen Seins. Existenz ist ein vielfältiges Trennen und Brechen, um den Leib zu bändigen und sich seiner zu entledigen, und zugleich ein Öffnen, um den Geist frei heraustreten zu lassen. Eine Brechung, in der das Lebewesen Mensch in die Welt heraustritt und das Leben selbstbestimmt wird. Existenz hebt den Gleichklang mit dem All auf und belädt den Menschen mit bis dahin ungekannten Kräften: einer enormen geistigen Energie und der Last eines geistigen Leidens an der Welt.

Als Ende des kosmischen Gleichklangs und als Spezialfall der Ekstase begann das Leben des Menschen als existenzielle Ekstase. Er verfügte potenziell über enorme Geisteskräfte, die aber durch das Gefühl gebunden waren und erst im Verlauf der Kulturgeschichte entfesselt wurden. In dem Maß, in dem er seinen Geist freimachte, verlor er zugunsten der Existenz die Selbstverständlichkeit des Ekstatischen. Um den Verlust aufzuhalten und die Fähigkeit zu bewahren, etablierten sich die Institutionen der Schamanen und Meister, der weisen Frauen, Priester und Könige, die ihr Wissen an Nachfolger weitergaben.

In der Haltung des Leibes findet die Existenz ihre Stütze. Als einziges Lebewesen steht der Mensch mit vertikal gestellter Wirbelsäule, durchgedrückten Knien und gestreckter Hüfte auf zwei Beinen. Er steht sichtbar aus dem Tierkreis heraus in einer Leibeshaltung, die auf eine besondere Geisteshaltung verweist: die ekstatische Existenz oder existenzielle Ekstase.

Existenz ist ein Herausarbeiten aus dem vorkulturellen Sein. Vor aller Kultur ist Leben Atem, der naturhaft strömt. Demgegenüber ist das Leben als Existenz ein Kulturatem, der Kultur formt und selbst durch Kultur geformt wird.

Die Abkühlung des Alls wiederholt sich in der Abkühlung der Erde, die ihre Fortsetzung in der Evolution des Lebens findet, die sich in der Geschichte des Menschen fortsetzt, die eine Abkühlung der Kulturen ist. In der Entwicklung des Abendlandes erfolgt das Heraustreten des Geistigen durch die Kultivierungstechniken von Domestikation und Zivilisierung, von Disziplin, Sedierung und Virtualisierung. In der Entwicklung hat der Mensch seinen Atem vernachlässigt, grundsätzlich aber die Fähigkeit behalten, in ekstatische Zustände zu geraten, denn er kann in sich halluzinogenen Drogen vergleichbare Substanzen produzieren, die Endorphine, die in Übungen und Atempraktiken Leib und Bewusstsein stimulieren und euphorische Stimmungen hervorrufen.

Das griechischen ekstasis und das lateinische exsistere bedeuten etymologisch dasselbe.  [14] Martin Heidegger, den Peter Sloterdijk den „Denker der Ek-stase“ nennt, der an die „ontologische Ekstase“ erinnere,  [15] hat das Verhältnis von Ekstase und Existenz näher bestimmt: „Ek-sistenz ist das ekstatische Wohnen in der Nähe des Seins“.  [16] In der Existenz ist das Leben konfrontiert mit dem geistigen Leid und der Last der Trennung und verlorenen Eintracht.

Die Berührungsarten mit der Welt lassen sich in einer Stufenleiter der Existenzdichte veranschaulichen, einer Folge unterschiedlicher Freiheitsgrade. Ihre Grundlage bildet die Lebensweise derer, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden der  Tatsachen  stehen. Sie folgen dem Realitätsprinzip, der Fähigkeit zur Anpassung. Das sind Verhaltensweisen und Berufe, sind Denken und Fühlen, die einer Gemeinschaft als Werte zugrunde liegen. Darauf erheben sich die Stufen einer wachsenden Freiheit durch die Verbindung der Wahrnehmung mit Geist, Einfühlsamkeit und Seele, und einer Abnahme des Realitätsprinzips. Die Spitze der Pyramide bilden die Ateminstanzen Brahman und Nirwana, Weltseele und Spiritus sanctus. Die Berührung mit dieser Welt, die dem Alltagsbewusstsein unzugänglich bleibt, ist eine Verdichtung des Moments, der Begeisterung, Enthusiasmus oder Liebe heißen kann und in dem das Realitätsprinzip außer Kraft gesetzt ist. Allerdings kann der Mensch mit dem Leib nicht aus der Welt heraus, sondern vermag sich nur eine neue Form zu geben, indem er über den Atem das Niveau der Spiritualität so weit anhebt, dass er sich mit dem obersten Prinzip verbinden und das Leid aufheben kann.

Kulturen sind die Produzenten von Erkenntnisformen und von Weisen der Wahrnehmung. Wie eine Kultur die Welt wahrnimmt und was sie für wahr und wirklich hält, hat sie aus möglichen Ideen und Methoden ausgewählt. Da sie jedoch mit denselben Ideen und Methoden, auch die wahrgenommene Welt prüft, versteht der Mensch unter wahr und wirklich genau das, was seine eigene Kultur unter wahr und wirklich versteht. Ein Zirkelschluss, der auch auf hochspezialisierte Wissenssysteme zutrifft. In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde auf einem Kongress von Atomphysikern wegen der Entdeckung immer weiterer subatomarer Teilchen empfohlen, sie nur noch als existent und real anzusehen, solange auf einem Kongress von ihnen gesprochen wird. Wenige Jahre später war bereits ironisch vom Teilchenzoo die Rede. Die hier zu Wort kommende Einsicht weist hin auf die Hoffnungslosigkeit einer permanenten Spezialisierung von Theorien, Methoden und Apparaten, von Metatheorien und Metamethoden, da der Mensch keine Kompetenz über das erlangt hat, was er Welt und Gewissheit nennt. Soll dennoch – aus guten Gründen – an dem Weltbild festhalten werden, muss es den Mythen zugeschrieben werden. Das Gefühl mangelnder Kompetenz trotz eines unermesslichen Reichtums an Wissen und Können gründet im Vorrang der Mittelbarkeit und der Nachordnung der ekstatischen Kraft gegenüber dem Existenziellen. Das theoretische Fundament der Welt steht dem Mythos nahe. Begriffe der theoretischen Physik, ihrer Werkzeuge oder der Weltraumprogramme entstammen vielfach der Literatur und der Mythologie wie Hera, Zeus, Apollo, Galaxis, Kassiopeia oder Quarks, dessen Entdecker, Murray Gell-Mann, den Begriff dem Roman Finnegans Wake von James Joyce entnahm: „Three Quarks for Muster Mark.“

 

 

Eine ekstatische Weltgemeinschaft ausatmen


Das Abendland ist eine Kultur der Transformation und der Disziplinierung von Kräften. Bisher hat es die Kräfte des Alls und der Natur weitgehend zugunsten der Ausnutzung des Erdbodens und der Ausbildung eines praktischen Verstandes transformiert, die vor allem im Dienst der Tugenden Rationalität der Lebensführung, Effizienz der Arbeit und Fortschritt der Technologie stehen. Doch der Mangel an Spiritualität hat die Kräfte gehemmt und deformiert und nimmt dem Menschen, wie der Atem verrät, die Unmittelbarkeit. Den gewaltigen materiellen Kräften und enormen geistigen Errungenschaften des Abendländers stehen Defizite und destruktive Kräfte gegenüber, die ihn von seiner All-Existenz und Lebendigkeit getrennt haben. Andererseits hat die Spiritualität wirtschaftlich unterlegenen Stämmen und Völkern selten Vorteil verschafft, so dass auch sie ihre Ideale, Konzepte und Weltbilder befragen und öffnen müssten.

So stehen die Menschen immer noch dort, wo sie als archaische Menschen standen – die einen mit ihrem immensen Wissen und Können, die anderen mit ihrer Spiritualität –, in einer Welt, die Wissen und Geheimnis nicht preisgibt.

Archaische Menschen lebten auf dem Fuß. Ständig unterwegs, eigneten sie sich mit Fuß und Hand die Umgebung an. Sie waren spirituelle Wesen mit weitem Atem, die sich in Pflanzen, Tiere und Steine einfühlen konnten. Nach ihrer bildhaften Weltauffassung war die Welt ein Ganzes, in das sie sich selbst einbezogen. Da ihr Territorium nur einen kleinen Ausschnitt aus der Erdoberfläche bildete, dachten sie nicht global, aber kosmisch. Ihre Bildungsinstitutionen waren Schamanen, Ekstatiker und Heiler, die ihr emphatisches Wissen mit einem hochentwickelten Gespür für das Zusammengehören von Kultur und All verbanden. Sie entwickelten ihr Wissen, indem sie sich mit Einfühlung, Erfahrung und Hingabe an die Kraft der Natur und des Alls heranwagten. Sie durchstießen den Vordergrund aus Sinnesdaten und versuchten, die darunter liegende Kraft und das Geheimnis des Seins aufzudecken, indem sie für die Zeit der Trancereise ihr Gegenstandsbewusstsein aufgaben. An der Quelle des Seins fühlten sie die Lebendigkeit und erlangten das Vermögen, den großen Haushalt All und den kleinen Haushalt Mensch in Balance zu bringen: Äther und Atem, kosmische Kraft und Muskulatur, kosmisches Gesetz und Spiritualität. Ihre Annahme lautete: Lebensenergie gründet in der Urkraft des Alls.

Der moderne Mensch hat Balance und Spiritualität verloren, sich von der Lebenskraft getrennt und ist dem Materiellen erlegen. Seine Umgebung eignet er sich über Werkzeuge und Apparate an. Leiblich unbewegt lebt er mehr auf dem Gesäß als auf dem Fuß. Obwohl sein Territorium der begrenzte Raum des Stuhls ist, steht er über ein Netz von Medien mit dem planetarischen Raum in Verbindung. Mit seinem technikversessenen, rationalen Wesen und seinem begrenzten Atem ist er nur wenig einfühl- und empfindsam, denn er hat seine Sinne zugunsten einer abstrakten Lebensführung vernachlässigt. Nach seiner Auffassung ist die Welt fragmentiert. Da er aber mit allem verbunden ist und die Bilder einer kugelförmigen Erde kennt, denkt er global. Allerdings steht der moderne Mensch nicht mehr inmitten freier Natur, sondern auf den Koordinaten einer kulturüberformten und überschaubar anmutenden Welt des Objektiven: Apparate, Dinge und Gebäude, kultivierte Landschaften, Stadtagglomerationen und planetarische Informationsfernstraßen. Unter großen Anstrengungen hat er sich ein hohes Maß an Vereinzelung zugemutet, deren eng gezogene Grenzen er immer wieder zu überschreiten trachtet.

Wenn wir auf Atem und Ekstase bezogen die westliche Art des Wissens, Fühlens und Verhaltens verlassen und den ekstatischen Zustand als legitime Weise des Wissens annehmen, darüber hinaus den irdischen Standpunkt verlassen, den planetarischen überwinden und uns in ein kosmisches Schweben einfühlen würden: Was bliebe von unserer Macht und der Sicherheit unseres Wissens? Was von unseren Vorlieben und unserer Kultur?

Die Menschheit braucht ein neues Verständnis vom Menschen und von der Welt und ein entsprechendes politisches und ethisches Handeln. Das setzt unter den Bedingungen der Vernetzung der Menschen das Erkennen ihrer grundlegenden Gemeinsamkeiten voraus. Angesichts eines Lebens unter den Bedingungen von Geschwindigkeitsrausch und Spitzentechnologie, von scharfsinniger Biotechnik und sich überschlagender Zukunftsperspektiven erscheint das unmöglich. Denn seine gigantischen Werkzeuge und Produkte bedrohen seine Moral, die hinter dem Wachsen und Wandel der Werkzeuge zurückblieb, und seine gewonnene methodische Klugheit zwang ihn, die Sicht auf das Ganze aufzugeben. Der moderne Mensch lebt ambivalent, denn er ist seit Jahrtausenden ausgestattet mit derselben biologischen Grundform, richtet sein Leben aber nicht an dieser Form, sondern an der Technik aus. Weder hat er sich an ihre Errungenschaften ganz anpassen können noch haben sie seine Sehnsucht nach dem einfachen Leben gestillt.

Das neue Verständnis kündigt sich bereits vielfältig an. Immer mehr Menschen begreifen, dass die Kulturen der Erde zusammengehören und es kaum noch etwas gibt, das nur lokale oder persönliche Bedeutung hat. Vielmehr bezieht das individuelle Denken, Fühlen und Verhalten alle Menschen mit ein. Begünstigt dadurch, dass der Mensch im Alltag nicht in erster Linie nach der ihm zur Verfügung stehenden Technik lebt, sondern entlang alter Muster: der leiblichen Bedürfnisse, die sich an seiner biologischen Grundform von Schlaf, Nahrungssuche, Fortpflanzung, Spiel und Kommunikation orientieren. Auch in der steigenden Zahl der ökologisch interessierten Menschen, die den Alltag überschreiten, zeigt sich ein gewandeltes Verständnis. Sie betrachten alles, was den Haushalt der Natur konstituiert, in ihn ein- und ausgeht, ihn bedroht und entwicklungsfähig hält. Nicht zuletzt kündigt sich das Neue in den Begriffen Holismus und Verbundenheit, Globalität, Verantwortung und Netzwelt an, die in aktuellen Studien über die Gegenwart verwendet werden. Für viele Köpfe ist die Welt bereits ökologisch, global und kosmisch, wenn auch Konsequenzen aus dem Verstehen bisher meist nur in moralischen Appellen zum Ausdruck kommen. Allerdings bedarf es zur Änderung der prekären Weltlage neben guten Absichten auch politischer und ökonomischer Voraussetzungen.

Das neue Weltverständnis handelt nicht mehr von der Vertreibung aus der Urgesellschaft, einem Märchenland oder den zahllosen Paradiesen, sondern vom Austreiben und Heraustreten des Menschen aus dem All, und der Erkenntnis, dass darin der moderne Mythos liegt. In dieser Erkenntnis liegt eine Weisheit von der Welt, über die viele der alten Religionen, die ihr Recht hatten, als sie den Menschen noch an den Weltgrund rückbinden konnten, nicht mehr verfügen. Der Verlust lebendiger Religiosität ist die geistige Krise der modernen Welt, denn der Mensch braucht eine spirituelle Form des Weltverstehens und Welterlebens, da er nur über seine ganze Lebenskraft verfügt, wenn etwas von seinem Alltag Geschiedenes ihm Vertrauen, Geborgenheit und Lebenssinn gibt. Menschen halten Ihr Weltbild in Mythen fest, in denen sie „den Ausdruck einer absoluten Wahrheit“[17] sehen, in denen aber auch ihr Staunen über die Rätsel des Daseins zum Ausdruck kommt. sehen, in denen aber auch ihr Staunen über die Rätsel des Daseins zum Ausdruck kommt.

  Die gegenwärtige Krise des modernen Menschen steht einem neuen Weltverständnis fördernd und zugleich hemmend gegenüber. Sie lässt sich an der Qualität seines Atems und am Zustand seiner Muskulatur zeigen: Seine Fähigkeit, Atem und Bewegung gut an wechselnde Situationen anpassen zu können, hat sich zurückgebildet und ein Defizit nach sich gezogen: den Mangel an Weisheit. Sein enormes Wissen und die Qualität seiner Produkte entsprechen weder dem geringen Umfang seines Atems noch der Kraft und Elastizität seiner Muskulatur. Ebenso wenig dem emotionalen und moralischen Verhalten. Er hat so sein Sensorium zur Beurteilung von Wissen, Fühlen und Verhalten preisgegeben: die Abstimmung von Geist und Gefühl mit den Sinnen. Zugleich hat er versäumt, sich um wesentliche Belange der Menschen zu kümmern.

  Die Ausweitung von Atem und Ekstase ins Kosmische führt zu einfachen Konsequenzen für das Hervorbringen eines neuen Weltverständnisses und Weltverhaltens. Sie hat drei zentrale Elemente: Weisheit, Muskulatur und Atem. Entsprechende Einrichtungen für Atem und Muskulatur sind bereits vorhanden und könnten ihre Nischen verlassen. Das sind Atemschulen für die Arbeit an einem freien Atem und Schulen für die Arbeit an der Muskulatur – etwa Einrichtungen für Feldenkrais- und Alexandertechnik sowie Schulen für Sport und Tanz. Dagegen wären Einrichtungen, in denen das Wissen an die Qualität des Empfindens, Fühlens und Verhaltens gebunden ist, erst zu kreieren. Die Arbeit an der Weisheit, der Muskulatur und am Atem ist für eine Justierung der Weltlage bedeutsamer, als es scheinen mag, denn sie sind der leibliche Ausdruck für die geistige und psychische Befindlichkeit des Menschen, seiner Kultur und für den Zustand, in den er die Erde versetzt hat. Sie sind grundlegende Bedingungen für ein Verstehen der Welt, das einen modernen Mythos begründet.

  Am plausibelsten erklärt die Theorie vom Urknall dem modernen Menschen, wie All, Natur und Mensch entstanden. Sie fügt sich aber mit ihrer bildreichen Theorie von Welle und Korpuskel, Zelle, Schwarzen Löchern und Strings, und trotz ihrer Sachbezogenheit ein in die Reihe der Schöpfungsmythen. Gerade aber über diesen Mythos lassen sich Atem und Lebenskraft vermitteln, denn Atem ist die physische Basis eines Gleichklangs von Ekstase, Kraft und Spiritualität. Spiritualität allerdings nicht als das Denken des Denkens, sondern das Atmen des Zusammenhangs, der die Möglichkeit bietet, die Einheit der Welt oder den Mythos durch den Leib herzustellen und mit ihm in der Globalität und im Kosmischen anzukommen.

  So werden, um aus ihrer sozialen, religiösen, politischen und ökonomischen Vereinzelung und Fragmentierung in eine global, planetarisch und kosmisch orientierte Welt heraustreten zu können, alle Menschen voneinander lernen müssen. Da sie als Kinder des Weltganzen, hervorgegangen aus dem Allstaub, denselben Ursprung haben, den sie jeweils in einem anderen Licht – ihrem Mythos – sehen, können sie sich das erstemal dieselbe Perspektive geben. Da jedoch Globalisierung nicht zwangsläufig Weltdemokratisierung bedeutet, sondern lediglich auf ihre Möglichkeit hinweist, wird sie sich nur unter den Bedingungen einer Ethik realisieren lassen, der alle folgen können und wollen. Das ist der schmale Grat, auf dem alle Menschen miteinander leben könnten.

Für die Macht, die Sicherheit des Wissens und die Kultur des Abendlandes hat das weitreichende Konsequenzen. Es hat seine wissenschaftlich begründete Weltsicht – das Hervortreten des Alls aus dem Urknall und die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen – als seinen Mythos anzunehmen, dem soviel Gültigkeit zukommt wie anderen Mythen. Das zwingt, das Ganze in den Blick zu nehmen und Spezialisierungen mit dem Ganzen abzustimmen. Vor allem aber werden die Weltbilder aller Kulturen miteinander kompatibel und es kann das erste Mal um sie gestritten werden. Der Mythos bringt die Menschen einander näher, indem er ihnen zeigt, dass sie alle Bewohner desselben, für sie einzigartigen Planeten im unfassbaren All sind. Der Mythos in der Gegenwart wäre die Erfindung der Vergangenheit für den Entwurf einer globalen Zukunft. Gleichsam die emotionale Basis der Globalisierung. Dazu ist das an die Erde gebundene Bewusstsein durch ein planetarisches Bewusstsein zu überwinden, in dem das Terrain Erde durch eine sozial, religiös, politisch und ökonomisch verantwortete Ethik in eine von Weisheit, Muskulatur und Atem bewegte Welt verwandelt wird.

Das Heraustreten der lokalen Kulturen in die Weltkultur ist der Weg zu einer höheren Kulturform. Ein Durchleuchten und Durchlichten, eine Spiritualisierung. Die als Mythos anzunehmende Ekstase des Alls aus dem Urknall und seine Ausdehnung sowie das Hervortreten des einzelnen Menschen aus dem Schrei und sein Ausatmen führen in eine abgerundete Globalisierung, wenn sich die Kulturen der Menschheit in eine Konspiration – das gemeinsame Atmen – begeben und in einer Ekstase eine spirituell orientierte Weltgemeinschaft ausatmen.



[1] Hier wird Bezug auf den ersten Schrei des neugeborenen Menschen genommen, nicht auf die gleichnamige Primärtherapie von Arthur Janov.

[2] Leptonen sind Elektronen, Myonen, Tauonen und Neutrinos, geordnet in 3 Familien, die Quarks heißen Up, Down, Charme, Strange, Top, Bottom.

[3] Die schwache Kraft verwandelt schwere Quarks und schwere Leptonen in leichte. Das leichte Lepton ist ein Elektron, die leichten Quarks sind die Ups und Downs. Protonen bestehen aus 2 Ups und 1 Down, Neutronen aus 2 Downs und 1 Up.

[4] Heute besteht das All zu 73 % aus Wasserstoff, zu 25 % aus Helium und zu 2 % aus den übrigen, etwa neunzig Atomen.

[5] Neutrinos haben keine elektrische Ladung, fast keine Masse, durchdringen jede Materie und sind kaum nachweisbar. Deshalb heißen sie Geisterteilchen. Ein Proton kann in ein Neutron, ein Positron und ein Neutrino zerfallen.

[6] Die Sterne erzeugen die Kerne der 26 Atome bis zum Eisen. Die restlichen 65 Atomkerne entstanden durch Neutronenfang.

[7] Die Materie der Sonne und ihrer Planeten aus schweren Elementen ist bereits die Materie früher entstandener Sterne, die bereits diese Elemente erzeugt hatten.

[8] Ganten, Detlev/ Deichmann, Thomas/ Spahl, Thilo, a.a.O., S. 294.

[9] Saint-Exupery, Antoine de, Die Stadt in der Wüste, Berlin 1989.

[10] Vgl. Eliade, Mircea, Schöpfungsmythen, München 1988, S. 11.

[11] Goodmann, Felicitas D., Ekstase, Besessenheit, Dämonen. Die geheimnisvolle Seite der Religion, Gütersloh 1997, S. 38.

[12] Vgl. Goodmann, a.a.O., S. 36.

[13] Laszlo, Ervin, Macroshift. Die Herausforderung, Frankfurt/M. und Leipzig 2003, S. 70.

[14] Exsistere bedeutet hervor- und heraustreten, zum Vorschein kommen, entstehen; sistere ist das umgelautete stare (stehen); auch dem ékstasis (eκstasiV) liegt ein Wort für stehen (histánai) zugrunde. Im klassischen Griechenland bezieht sich Ekstase auf leibliche Vorgänge wie Verrenkungen, im Christentum und im Islam wird es auf geistige und inspirative Vorgänge in der Mystik bezogen.

[15] Vgl. Peter Sloterdijk, Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger, Frankfurt/M. 2001, S. 151ff.

[16] Heidegger, Martin, Über den Humanismus, Frankfurt/M. 1981, S. 18.

[17] Eliade, Mircea, Schöpfungsmythen, München 1988, S. 7.



© Hajo Eickhoff 2004






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