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aus: Dietmar Spielmann/ Richard Kampfmann (Hrsg.) SitzLast - StehLust. Plädoyer für das Arbeiten im Stehen, Berlin 1993


 

S T E H E N


Es ist, als ob die Erde in ihrem tiefen

planetarischen Masochismus einen

Genuß daran fände, beschritten zu werden.

John Cowper Powys

 

Anläßlich der Ausschreitungen nach einem Fußballspiel schlug der Deutsche Fußball-Bund vor, die Stehplätze in allen Fußballstadien in Einzelsitze umzugestalten. Die Erkenntnis, die hierin liegt, ist einfach, wenn auch weitreichend: Wer sitzt, kann nicht ausschreiten. Die Prägnanz der Formel macht deutlich, daß der enge Zusammenhang von Sitzen, Schreiten und Stehen gut verstanden wurde. Dies ist um so erstaunlicher, als im Zeitalter der Medien Aufrechtstehen und Schreiten als apparatelose Weisen der Fortbewegung längst nicht mehr selbstverständlich sind. Stattdessen greift das Ausschreiten als destruktives Lärmen und Schlagen um sich, wobei die ausschreitenden Handgreiflichkeiten vor allem die Schattenseite dessen offenbaren, was wir pflegen und weit besser beherrschen als das Stehen: das Sitzen. Und da uns Stühle vertraut sind, nicht die hohen Tische der Stehcafés oder Stehpulte, kann man heute über das aufrechte Stehen, das den Menschen im Verhältnis zu den Tieren auszeichnende, fast nur noch in der Opposition sprechen: als die andere Haltung dem Sitzen gegenüber.

 

Dabei ist die oppositionelle Haltung zum Stehen das Liegen, die horizontale Lage des menschlichen Leibes, die dem heutigen Menschen vorwiegend zur Regeneration dient und in der er Kräfte für die Aufrichtung und die Aktivitäten in der Vertikalen sammelt.1 Überhaupt ist das Liegen die Urposition aller Lebewesen im Raum, in der sich der Organismus am stärksten der Schwerkraft unterwirft und sich eine stabile Lage schafft. Es kommt dem Bedürfnis entgegen, sich ohne Willen und Aufwand formlos am Boden auszubreiten.

 

Der Fuß bildet die Basis des Menschen. Und daß der Mensch in einem geistigen Sinn handeln kann, liegt an der Beschaffenheit seiner Füße. Erst bei ihm entwickeln sich die vorderen und die hinteren Extremitäten unabhängig voneinander und bilden Hand und Fuß aus. Wenn die Formen und die Funktionen des Fußes die Hände ganz vom Boden frei gemacht haben, arbeiten allein die Füße die vielfältigen Sensationen in den Organismus ein, die der Erdboden mit seiner unterschiedlichen Beschaffenheit und seinem Gestaltenreichtum hervorruft, und setzen alle Sinne und Leibesfunktionen miteinander in Beziehung, integrieren sie nach und nach und bereiten die aufrechte Haltung vor. Unter den Bedingungen des aufrechten Gehens baut sich der Rumpf organisch auf den Füßen, den Gelenken der Knie und Hüften auf und entwickelt eine kräftige Rückenmuskulatur, die den Kopf optimal und im Tierreich einzigartig auf der Wirbelsäule balanciert.

 

Die aufrechte Haltung

 

Das Menschsein beginnt also mit der aufrechten Haltung, als Homo erectus. Aber der Mensch kann sich nicht aufrichten und die einmal angenommene Position mühelos bewahren, sondern sie macht ein dauerndes Bemühen erforderlich, den drohenden Fall, den Rückfall in eine kauernd-liegende Position, abzufangen. Da in der Fortbewegung des Menschen auf zwei Beinen der Rumpf beständig und im Wechsel durch das Unterschieben eines Beines am Sturz gehindert werden muß, erweist sich das Gehen als permanente Fortsetzung der Aufrichtung und erscheint als noch nicht ans Ende gelangte, als noch unvollkommene Weise der Fortbewegung, als ein Wanken, Stolpern oder Purzeln, als ein Straucheln, Hinken oder Taumeln.

 

Die aufrechte Haltung erfolgt nicht selbsttätig wie die Atmung, sondern ist dem Menschen als bloße Möglichkeit gegeben. Als aktiver Prozeß erfordert sie zunächst ein langes und konzentriertes Einüben, später den Willen, der Schwerkraft zu widerstehen und das Erlernte zu praktizieren. Neben der integrierenden Funktion der Füße sind es die vielfältigen Bewegungen, die die Empfindungen des Leibes im Feld der Schwerkraft mit den Wahrnehmungen durch die Augen und das Gleichgewichtsorgan des Ohres verbinden, unser Gehirn stimulieren und die Sinneswahrnehmungen ordnen. Beide Weisen der Aufgerichtetheit, das Gehen und das Stehen, haben gemeinsame Merkmale, unterscheiden sich aber auch. Ihre Gemeinsamkeit besteht darin, daß sie gefährdete Gleichgewichtszustände zwischen Gravitation und Standhalten, zwischen Leib und Welt sind, ihre Differenz resultiert daraus, daß der Mensch die Fertigkeit des Stehens später als das Gehen erwirbt, da sie eine erhöhte Anforderung an das Gleichgewicht stellt und der Mensch, bevor er aufrecht stehen kann, aufrecht zu gehen gelernt haben muß. Das Gehen und Laufen erschließt die Welt in der Bewegung vorwiegend räumlich, das Stehen dagegen verdichtet den Weg zu einem Standpunkt, erschließt die Welt eher zeitlich und macht sie zu einem inneren Geschehen. Allerdings hält sich der Stehende nicht starr wie eine Säule, sondern schwingt kaum merkbar um ein Zentrum, wechselt die Belastung der Beine, unterstützt durch unablässige, kaum wahrzunehmende Entspannungen und Spannungen der beteiligten Muskeln. Nomaden und frühe Seßhafte vermögen noch über lange Zeit wie in der Nilotenhaltung2 zu stehen und sogar stehend zu schlafen. Dennoch bedarf die aufrechte Position infolge ihrer statischen Labilität3 zusätzlicher Muskelarbeit. Um die Arbeit gering zu halten, hat der Mensch Strategien erfunden, die Stützfläche des Körpers möglichst auszuweiten: durch das Stemmen der Arme in die Hüften, die Verschränkung der Arme vor der Brust, das Anlehnen gegen eine Wand, das Hocken und Kauern, das Sitzen auf Stühlen oder durch das Abstützen mit Hilfe eines Stockes. In all den Fällen sucht der Ermüdete zusätzlichen Halt im stützenden Gebrauch seiner Körperglieder oder in Gelenken außerhalb seines Leibes. In einem ganz anderen, in einem metaphorischen, Sinn des Unterstützens hat Paul Nizon vom Schreiben gesprochen. Er hat seine literarische Arbeit als seinen "Krückstock" verstanden und gebraucht und seine Frankfurter Vorlesungen "Am Schreiben Gehen" genannt.4

 

Nur der Mensch verfügt über die anatomischen Mechanismen, die das aufrechte Gehen und Stehen über längere Zeit erlauben: die Lordose von Hals und Lende5 sowie die Abknickung zwischen Kreuzbein und Wirbelsäule, das Promontorium. Die Halslordose ermöglicht das Kopfheben und das Balancieren des Kopfes, die Lendenlordose die Änderung der Stellung von Rumpf und Hüfte. Das Promontorium ist ein Kennzeichen der menschlichen Wirbelsäule und ein Attribut des aufrecht stehenden Menschen. Während beim Menschenaffen die Aufrichtung nur bei gebeugten Knie- und Hüftgelenken erfolgt, zeigt allein der Mensch bei aufgerichtetem Rumpf eine Streckung in den Knien und in der Hüfte. In dem Maß, in dem sich mit der Entwicklung der Wirbeltiere der Rumpf aufrichtet, bewegt sich das Kreuzbein aus der Waagerechten heraus und erlangt im aufrechten Stand des Menschen seine größte Neigung. Das, was wir Haltung im Sinne eines seelischen Befindens nennen, kann sich erst mit diesen Voraussetzungen und mit dem Willen zur aufrechten Haltung entwickeln. Da die aufrechte Position nicht instinktiv beibehalten wird, sondern eines Willens, einer inneren Behauptung bedarf, Rumpf und Kopf oben zu halten, zeigt sich die Natur im Menschen anfällig. Am Ende hat sich mit der menschlichen Aufrichtung aus dem Naturganzen ein Kulturwesen, der Mensch, herausgearbeitet, an das die Natur die Möglichkeit geknüpft hat, daß es ein Ich ausbildet.

 

Nomaden

 

Ihren allgemeinsten Ausdruck findet die aufrechte Haltung im Nomadentum. Nomadesein heißt passieren, sich ereignen, durchqueren, heißt ein erfahrenes, im wörtlichen Sinn: ein ergangenes Leben führen, das seine Impulse von der Fußsohle her erhält. Nomaden sind auf dem Fuß unterwegs, und wenn sie ruhen, sitzen sie nicht, sondern liegen, hocken oder kauern. Sie durchqueren weite Landstriche und nehmen immer wieder Land in Anspruch, ohne Anspruch auf Besitz zu erheben. Sie ergehen das Gelände zu Fuß, erfahren Form und Beschaffenheit des Bodens direkt, so daß jedes Fehlverhalten schrittweise korrigiert werden kann. Es sind die Funktionen des Ohres und der Fußsohle, die die Sinne und Leibesfunktionen so steuern, daß sie eine den Lebensumständen gut angepaßte Orientierung ausbilden. Die Nomaden erfahren die Rhythmen von Licht und Dunkel, von Landschaft und Wetter, von Jahreszeit und Ernteertrag und drücken das Charakteristikum des Menschen, das Aufgerichtetsein, am reinsten aus. Die Menschen, deren Leben vorwiegend auf der Fußsohle abläuft - wie Eskimos, Zigeuner und Skythen, wie Apachen, Pilger und Aborigines oder Lappen, tibetische Wanderer und Beduinen - sie alle sind kundig, erfahren das Leben aus der eigenen Mobilität, aus dem Gefühl der Leichtigkeit und der Passage heraus. Der seßhaft gewordene Mensch durchquert dagegen nicht mehr die Landstriche.15 Er besetzt sie und worauf er sich von nun an niederlassen kann, das geht in seinen Besitz über.

 

Immer wieder hat es neben den traditionellen Nomaden Versuche gegeben, für eine begrenzte Zeit der Seßhaftigkeit den Rücken zu kehren und die Welt wandernd zu erschließen. Pilgerbewegungen, die Wanderschaft fahrender Handwerksgesellen oder einzelne Wanderer aus Passion wie Walker Stewart, Friedrich Nietzsche, De Quincey, Johann Gottfried Seume oder Robert Walser geben hiervon ein Beispiel. De Quincey, selbst ein guter Wanderer, hat die Gehleistung des Dichters Wordsworth auf eine siebenfache Erdumkreisung, die Distanz von Erde und Mond, geschätzt. Heute sind es vor allem die Handwerksberufe, bei denen das Tätigsein nicht im Sitzen, sondern im Stehen und Gehen stattfindet. Doch bleiben diese Wanderungen vereinzelt, ohne den Charakter eines nomadischen Dasein annehmen zu können, da sich die Wanderer immer wieder an die Seßhaftigkeit zurückbinden, in der Regel an das Sitzen auf Stühlen. Weitgehend entziehen sich die Maler dem Sitzen, indem sie an der Staffelei stehen, die sie als vertikal gestelltes Pult nutzen. Gelegentlich gibt es Künstler, die selbst das Stehen vor der Leinwand als zu beengt und zu statisch erleben. Sie begehen deshalb die Landschaft und nutzen sie als Quelle ebenso wie als Aktionsraum. Sie ergehen ihre Werke, indem sie auf den Wanderungen ihre Spuren und Zeichen hinterlassen. Richard Long sagt: "Meine Kunst ist die Essenz meiner Erfahrungen, keine Darstellung (representation) davon"6 und Hamish Fultons Photographien wollen ganze Wanderungen zusammenfassen. Ihnen wird die Landschaft zur Arbeitsgrundlage - Schreibtisch oder Werkbank, Stehpult oder Staffelei - die nomadisch ergangen, erlebt und gestaltet wird. Allerdings stellen sie am Ende ihre Arbeiten, machen sie stehen: als Photographie oder als Installation.

 

Das Sitzen

 

Sitzen auf Stühlen7 ist die Anpassung des Organismus an eine Prothese und die eindringlichste Metapher für Europa geworden. Es wird hier als alltäglich gewordene, zweimal rechtwinklig gebeugte Leibeshaltung aufgefaßt, in der das Gesäß auf einer unterschenkelhohen Ebene ruht. Das Sitzen unterliegt allgemein einem Vorurteil. Gegen diese Voreingenommenheit erweist sich das Sitzen weder als natürlich noch als bequem, noch dient es dazu, die Beine zu entlasten. Bequem erscheint es nur nach langer und mühevoller Einübung, da es physiologisch betrachtet Schwerarbeit bedeutet, nicht Komfort; natürlich ist es nicht, da von den vielen tausend Kulturen der Menschheitsgeschichte nur Europa mit Beginn der Neuzeit das alltägliche Sitzen auf Stühlen ausgebildet hat. Zwar hat es sitzartige Objekte auch in frühen Kulturen gegeben, aber es waren geweihte Objekte, Herrschersitze; es entlastet nicht die Beine, sondern schwächt sie und macht danach Stühle erst erforderlich. Da das Sitzen in der menschlichen Art zu Stehen gründet und nur der Mensch über längere Zeit aufrecht zu stehen vermag, kann auch nur er für länger auf Stühlen sitzen.8 Die charakteristischen Merkmale des Stehens wie die Lendenlordose und die gestreckten Hüft- und Kniegelenke sind im Sitzen allerdings wieder aufgegeben. Indem der Mensch im Sitzen die Unterstützung von den Füßen auf das Gesäß verlagert, verliert er die konstruktive Belastung der Füße und die Souveränität, mit der er einst das aufrechte Stehen und Gehen beherrschte.13 Der wesentliche Mechanismus des Sitzens ist unsichtbar. Er besteht darin, daß beim Wechsel vom Stehen zum Sitzen die Bein-Gesäß-Muskeln das Becken und das Kreuzbein um etwa 40 Grad nach hinten drehen und die Bewegung auf die Wirbelsäule übertragen. Wenn man die Aufrichtung nicht am Rumpf, sondern an der Stellung des Kreuzbeins bemißt, das seine größte Neigung im stehenden Menschen erreicht, fügt sich das Sitzen in den Aufrichtungsprozeß der Wirbeltiere ein. Auf seinen inneren Mechanismus bezogen wäre das Sitzen - obwohl sich der Rumpf des Stehenden nicht weiter aufrichten läßt - eine Fortsetzung der Aufrichtung und die Kreuzbeindrehung das die Wirbeltiere aufrichtende Prinzip. Zugleich ist dieser Mechanismus die Ursache dafür, daß das Sitzen die Skelettmuskeln verfestigt, die Atmung reduziert und die Sinne zueinander in eine neue Ordnung bringt. Der Stuhl faßt den Sitzenden ein und schneidet so in die Physis, daß er die vegetativen Prozesse hemmt und formt. Sitzen ist aber mehr als nur die äußere Haltung des Homo sedens, es bestimmt seine innere Form, seine physische und psychische Ordnung.

 

Der königliche Thron

 

Der erste Homo sedens ist König. Man setzt ihn gewaltsam. Ob man ihn zwingt, den Thron nicht einmal zum Schlafen zu verlassen, ob er auf dem Thron sitzend, weder Hände noch Füße oder den Kopf bewegen und künftige Herrscher am Abend der Inthronisation gemartert werden dürfen,10 immer begrenzt man den König in seiner Beweglichkeit, daß er spirituelle Kräfte sammle, die den Kosmos in der Ruhe halten, die dem Stamm Segen bringt. Verläßt der Herrscher den Thron oder begibt er sich dorthin, trägt man ihn auf Händen oder sitzend in der Sänfte. Immer glaubt man, man müsse ihn daran hindern, auf die Füße zu kommen. In ein Netz von Vorschriften eingewebt werden im Thron nicht Würde und Bequemlichkeit der Könige garantiert, sondern deren Lebenskraft zum Zweck der Dynamisierung der Kräfte der Gemeinschaft begrenzt. Könige sind Gesetzte, die man zur Unbewegtheit zwingt, leiblich beruhigt, und die man sozial isoliert. Und gerade dieser im Thron Festgezurrte ist ein Mächtiger, eine Ambivalenz, die sich auf das Sitzen auf Stühlen überträgt: Die leibliche Disziplinierung, die der Sitzende erfährt, ist die physisch-psychische Basis einer besonderen Geisteshaltung.

 

Der christliche Stuhl

 

Die frühen christlichen Wanderprediger und Asketen leben noch nomadisch - bis hin zum extrem langen Stehen. Simeon Stylites der Ältere (390-459) lebt die letzten dreißig Lebensjahre stehend auf einer Säule, von der herab er täglich predigt. Während er, von einer großen Pilgerschar umgeben, auf seiner Säule steht, baut man aus vier Himmelsrichtungen vier Basiliken auf ihn zu. Klöster und Kirchen gründet man an Orten, die das harte Gebein eines Heiligen bergen, das den Boden weiht. Das Gebein Simeons ist bereits durch seine außerordentliche Standhaftigkeit zu Lebzeiten so hart, daß der Grund eine vierschiffige Basilika trägt. Simeon demonstriert das Stehen als innere Haltung, als Standpunkt und als Durchstehen.11 Auch die frühen Mönche der Klöster stehen während des oft viele Stunden dauernden Gottesdienstes. Aus der gegen diese Praxis gerichteten Forderung des Heiligen Benedikt (479-545), den Wechsel von Sitzen, Stehen und Knien an einem eng begrenzten Ort zu ermöglichen, entwickelt sich im 10. und 11. Jahrhundert das Chorgestühl. Der zentrale Mechanismus, ein Klappsitz wie bei unseren Theaterstühlen, ist eine Stehhilfe. Auf seiner Vorderkante, zur Miserikordie (Sitz des Erbarmens) verbreitert, kann man bei hochgeklapptem Sitz eine Position zwischen Stehen und Sitzen einnehmen. Eine weitere Hilfe beim Stehen bieten die Schulterringe oder Accoudoirs. Die Miserikordie führt das Sitzen ins Kloster ein und macht die verpönten Krückstöcke, die baculi, überflüssig, die ältere und kranke Konventsmitglieder beim langen Stehen entlasten sollten. Dagegen bieten die Accoudoirs den Mönchen die Möglichkeit, mit Hilfe der waagerecht ausgebreiteten Arme die Beine und den Rumpf beim Stehen zu entlasten. So schafft die komplexe Mechanik des Chorgestühls, in der die Mönche in ein Spektrum fein abgestufter Haltungen eingeübt werden, um christliche Tugenden zu verinnerlichen, aus dem anfänglich freien Stehen die Alternative von Sitzen und Stehen (zu unterscheiden sind die Möglichkeiten zu einem freien, zu einem durch das Gesäß und zu einem durch die Arme gestützten Stehen). Mit dem Sitzen und dem Wechsel vom ungestützten zum gestützten Stehen durch die beiden Stehhilfen (Miserikordie und Accoudoir) bilden die Mönchen eine disziplinierte Spiritualität aus und verlieren allmählich die Fertigkeit, für länger frei und ungestützt stehen zu können und zu wollen.

 

Der Gebrauchsstuhl

 

Mittelalterliche Stuben kennen keine Stühle, man hockt auf dem Boden, kauert auf niederen Schemeln und Bänken sowie beliebigen anderen Objekten. Vor allem aber steht man auf den eigenen Füßen. Als Beute des gewachsenen politischen Einflusses des Bürgertums ziehen mit der Neuzeit Chorstuhl und Königsthron als Stühle alltäglichen Gebrauchs und der Repräsentation ins gehobene Bürgerhaus ein. Der gewonnene Einfluß bedingt eine Neuordnung des sozialen Umgangs, bei der Stühlen eine beachtliche Bedeutung zukommt. Mit der Etablierung des Stuhls wandelt sich das konventionell festgelegte Verhalten der Menschen im Raume, modifizieren sich die Formen der Geselligkeit und, wie zuvor bei den Königen und Mönchen, wird die Fähigkeit ausdauernden Stehens zunichte gemacht. Die Haltung des Sitzenden und der Rahmen des Stuhls ziehen neue Grenzen zwischen den Menschen, fixieren Distanzen und bilden neue Formen der Begegnung. Die Intimität von Personen und Personengruppen wird geordnet und der Stuhl wird zu einem Instrument, das die Formen des Handelns, Empfindens und Verhaltens wesentlich mitgestaltet. Wie jedes Verhalten im Raum, so dient auch das Sitzen der Identifikation und der Sicherung des Überlebens. Während man im Hocken, Knien und Kauern auf dem Boden gegenseitig Schultern, Arme, Rumpf sowie Kopf und Beine aneinander schmiegen kann, sitzt man im Stuhl von den anderen isoliert auf der eigenen Ebene. Der Stuhl engt den Raum des Sitzens zu einem begrenzten Territorium, von dem aus der Verkehr mit anderen geordnet, normiert und damit geschützt abgewickelt werden kann. Gemeinsam mit den unterschiedlichsten Tischen für die Arbeit und die Freizeit, um die herum man sich sitzend versammelt, demokratisieren Stühle die Formen des Verkehrs und erzeugen die europäische Form der Versammlung. Um 1840 ist die Etablierung des Stuhls abgeschlossen und das Sitzen zur allgemeinen Haltung und in vielen öffentlichen Einrichtungen wie der Schule zur Pflicht geworden. Am Ende sind die einstigen Vorsteher Präsidenten oder Vorsitzende.

 

Sitzen und Bildung

 

Die Schule ist die Institution, die den Menschen zum Homo sedens formt. Unter den Wirkungen einer reduzierten Atmung und einer verspannten Muskulatur wächst das Kind in den Stuhl hinein, der den gedeihenden Organismus nach und nach zur Sitzhaltung festigt. Wer dann die Einrichtungen der Schule verläßt, ist, was immer er später tun wird, ein Sitzender, ein Homo sedens. So schiebt das Bürgertum durch die Kinder hindurch die Qualitäten des Sedativen vom Mönch und König auf den einzelnen, bis die Schulpflicht den Prozeß abschließt. Universitäten, Theater, das Fernsehen, Büros und andere Einrichtungen setzen den Prozeß fort und bringen Langzeitsitzer hervor, die meist auch gute Denker sind. Mit dem Ende des Bildungsganges, mit dem sich das Thronen weniger zum Sitzen vieler demokratisiert hat, muß sich jeder selbst König und Mönch sein.

 

Was wir Rationalität und Planung nennen, bedarf der Fähigkeit, die Realisierung eines Impulses von dem zugrundeliegenden Impuls abtrennen zu können. Diese Fertigkeit wird im Stuhlsitz unterstützt. Das Sitzen, das die Bindung von Leib und Seele dissoziiert und die Affekte diszipliniert, bringt das abstrakte, abendländische Denken, charakteristische Stimmungen und die europäische Verhaltenskultur hervor. Dabei erweist sich der Wille zum Sitzen als ein Zurück- und Innehaltenwollen des Vitalen zugunsten geistiger Kräfte. Da aber die Bewegungsarmut im Sitzen allmählich zu fehlerhaften Bewegungsabfolgen führt, vermag der Homo sedens seinen Leib nicht mehr dem architektonischen Aufbau gemäß zu halten und findet sich am besten in einer Welt der vorgezeichneten und begradigten Wege zurecht, in einer Welt präziser Logiken, synthetischer Stoffe, gerader Kanten. Dessen ungeachtet haben wir uns sitzend eine Welt eingerichtet, die uns ungewöhnlich mobil macht.


Techno-Nomaden

 

Moderne Theoretiker gehen davon aus, daß wir uns auf ein neues Nomadentum zubewegen. Infolge der neuen Medien und der geschwinden Transportmittel würden wir immer mobiler und seien dabei, die Seßhaftigkeit aufzugeben. Was an den Überlegungen überrascht, ist, daß der beschriebene Nomade nicht läuft oder steht, sondern sitzt, Homo sedens ist. Es trifft zu, daß unsere Mobilität zunimmt und unsere Seßhaftigkeit brüchig wird, aber das Sitzen, das höchste Maß an Seßhaftigkeit, bleibt erhalten und nimmt mit den neuen Medien wie PCs, Faxe oder die geschwinden Transportmitteln sogar noch zu. Die Mobilität erhöht sich hierbei nicht deshalb, weil sich der Mensch selbst bewegt, sondern weil er anstelle des eigenen Leibes Prothesen benutzt, die die Ortsveränderungen bewältigen. Auch der moderne Massensport hat seine Wurzeln in einer verstuhlten Lebensweise, denn Fitness und Jogging werden nicht um ihrer selbst willen, als Spiel oder Sport, betrieben, sondern als Kompensation für das stillgestellte Dasein. So wird das Spiel eher zum Beruf, das den Charakter des Festgehaltenen nicht abstreifen kann. So erweisen wir modernen Nomaden uns als Techno-Nomaden und haben als solche Wege gefunden, sitzend unsere Reichweite um ein Vielfaches zu vergrößern. Bedenkt man, daß jedem von uns mehr als zwei Dutzend Sitze zum potentiellen Gebrauch zur Verfügung stehen, scheint ein neues Nomadentum weit entfernt, zumal Widerstände gegen das Sitzen gering sind.

 

Kniestühle und Stehsitze

 

Widerstände gegen das Sitzen zeigen sich in Kniestühlen, gelegentlichen Stehsitzen und in vereinzelten Stehpulten. Auf dem Kniestuhl wird die starke Rückdrehung des Kreuzbeins vermieden und man ruht auf ihm in einer mittleren Position zwischen Sitzen und Stehen. Allerdings wird die an sich wünschenswerte Belastung der Beine aufgegeben. Behält man die Beckenstellung bei, gibt die starke Beuge in den Kniegelenken auf und stellt die Füße auf den Boden, folgt ein räumliches Anheben zum Stehsitzen, in dem der Mensch wieder nah an seine ursprüngliche Haltung, das Stehen, herankommt. Semiotisch drückt sich im Stehsitzen eine erhöhte Selbständigkeit aus. Zwar in bescheidenem Umfang, also extravagant, wenn auch zunehmend, tauchen, meist in randständigen Räumen, Stehtheken und Stehpulte auf. Da sich Stehsitze als noch extravaganter erweisen, zeichnt sich am gesellschaftlichen Horizont ein Trend ab: zurück vom Sitzen am Schreibtisch zum Stehen und Stehsitzen am Stehpult. Es ist die Neigung weniger, das eigene Maß verstuhlten Daseins zu reduzieren, und erscheint als ein individueller Weg. Möglicherweise handelt es sich aber um den Beginn einer Entwicklung, in der man das Gehen und Stehen erneut erlernen und den Weg für Haltungen freimachen möchte, die das Sitzen absorbiert hat: das Knien, Kauern und Hocken, das Stehen und Laufen. Stehsitze und Stehpulte haben eine lange Tradition: Goethe etwa hatte einen Stehsitz; Wilhelm II. besaß als Stehhilfe einen erhöhten Reitsitz; in den zwanziger Jahren wurden zahlreiche Varianten von Stehhilfen und Stehsitzen für das lange Stehen bei der Fabrikarbeit entwickelt.

 

Elias Canetti zufolge fühlt sich der Stehende selbständig. Er ist stolz, da "er frei ist und sich an nichts lehnt" und wer "sich erhoben hat, steht am Ende einer gewissen Anstrengung und ist so groß, wie er überhaupt werden kann."12 Die Bedeutung einer Stellung, die jemand einnimmt, läßt sich nur erschöpfend deuten, wenn man die Position kennt, aus der sie hervorgegangen ist und zu der sie hintendiert. Die Deutung ergibt sich aus den Zusammenhängen: wie lange oder in welcher Ruhe jemand steht, wie groß die Distanz zu anderen ist, ob er erhöht steht oder ob andere um ihn herum sitzen, kauern oder stehen. "Das Stehen macht den Eindruck noch unverbrauchter Energie, weil man es am Anfang aller Fortbewegung sieht."13 Aus einer Gemeinschaft kann man sich im Stehen, etwa an einem Tisch im Stehcafé oder an einem Tresen, unauffällig entfernen, ohne die Haltung zu wechseln. Man löst sich unmerklich von den anderen und geht.

 

Das Stehpult

 

Das unkomplizierte Lösen und das wieder-an-es-Herantreten läßt sich am Stehpult, das als Schreib- und Lesepult bis weit ins Mittelalter zurückreicht, gut praktizeren. Den Rückgriff auf dieses altbekannte erhöhte Möbel motiviert die Beschwernis langen Sitzens an den Tischen herkömmlicher Höhe. In der Regel steht man an ihm frei oder geht vor ihm auf und ab, kann sich aber auch der Stehhilfen oder Stehsitze bedienen. Die erhöhte und geneigte Arbeitsfläche des Stehpults entsteht dort, wo man die aufrechte Haltung einnehmen und nicht mehr sitzen möchte. Ergänzend dazu entstehen großflächige und erhöhte Tische mit waagerechter Auflage für die Büroarbeit. Im Stehpult hat der Mensch den Tisch am weitesten vom Erdboden abgehoben. Der Tisch, aus dem Altar, dem Opfertisch, abgeleitet, ist ein Stück angehobener Erdboden, das Stehpult ein einfach angehobener Tisch oder der zweifach angehobene Boden.

 

Das Stehpult konkurriert mit einem hohen Würdenträger unserer Kultur: mit dem Schreibtisch. Das ihm rasch etwas Geheimnisvolles anhaftet, mag an seinem Mut zu dieser Rivalität liegen. Sicher wird ein Beweggrund für das Besondere auch darin liegen, daß Stehpulte selten sind und daß es sich bei ihnen nicht um Objekte handelt, die einfach, sondern die zweifach angehobenen sind. Das gewichtigste Motiv dürfte aber die aufrechte Haltung und das freie Stehen und Gehen auf den Füßen sein, das das Pult bietet und fordert. In diesem Sinn hat Walter Seitter über ein geeignetes Schreibmöbel nachgedacht und geschrieben, daß es ihm nicht möglich war, am Schreibtisch zu sitzen. Ich mußte im Gehen denken und Schweifen und sollte mich auch zum Notieren nicht niedersetzen müssen. Der Schreibtisch war für die anstrengende Schreibaufgabe nicht passend. Ich bedurfte einer Schreibunterlage, die es mir ermöglichte, aus dem Gehen heraus und ohne das Stehen aufzugeben zum Schreiben überzugehen. Aufrecht mußte ich nach den Ideen haschen, die in der Luft fliegen wie Himmelskörper. Und aufrecht mußte ich als Schreibender sein. Anstatt eines Schreibtisches brauchte ich also ein Schreibmöbel, daß ungefähr so groß war wie ich.14

 

Während einer Rede hinter einem Stehpult stehend hat der Psychoanalytiker Jacques Lacan das Stehpult mystifiziert, indem er versucht hat, seinem Ich eine feste Gestalt im Pult zu geben. Er teilte den Zuhörern mit, daß zwischen dem Ich, das hinter dem Stehpult und dem Stehpult, das vor dem Ich stand, keine wesentlichen Unterschiede auszumachen seien, "mit dem Ergebnis, daß dann das Pult selber zu reden anfing."15 Wie immer sich das zugetragen haben mag, das Stehen am Stehpult würde die Form unseres Daseins beträchtlich dynamisieren. Allerdings sind wir Sitzende, auch da, wo wir laufen, hanteln oder springen und die Tätigkeiten, die wir bisher sitzend ausgeführt haben und nun im Stehen ausüben möchten, werden uns schwerfallen, weil das viele Sitzen das Gehen und Stehen verkümmert hat und die erworbene Haltungsschwäche konstitutiv geworden ist für unsere Haltung und Befindlichkeit. Insbesondere die Füße, die im Stehen stärker in Anspruch genommen werden, sind an die erhöhte Beanspruchung nicht gewöhnt. Deshalb gehört zu einem Stehpult, das man beruflich nutzt, ein Fußboden, der dem Drang der Füße nach vielfältigen Bodenerfahrungen entgegenkommen kann und die entwöhnten Füße wieder belastbar macht: durch rauhe und reliefartige Oberflächen, unterschiedliche Materialien und das schuhlose Stehen. Es kann sich dann die Erfahrung einstellen, daß infolge des Stehens auf unebenem Boden das Zwerchfell, unser wichtigster Einatmungsmuskel, einen Teil seiner charakteristischen Elastizität zurückgewinnt und das Atmen erleichtert, daß sich der Beckenboden und die Rückenmuskulatur zu entkrampfen beginnen und sich der Rücken kräftigt. Zugleich wird sich aber eine erhöhte Belastung und Beschwerlichkeit der Lende einstellen,16 obwohl sie im Stehen ihre physiologische Gestalt, die Lordose in der Lende einnimmt, denn der Organismus hat seine Bewegungsabläufe an die im Sitzen kyphotisch gekrümmte Lende angepaßt.

 

Neben die Irritationen des Leibes stellt sich eine soziale. Wer dort, wo man heute gewohnheitsmäßig sitzt, steht, stellt sich gegen die geistigen Ideale unserer Kultur und verstößt gegen ihre symbolische Ordnung. Wer sich, theoretisch oder praktisch, dem Nicht-Sitzen widmet, mag als Individualist, sogar als Sonderling gelten, wer aber das Nichtsitzen propagiert, wird sich die Frage gefallen lassen müssen, warum eine Kultur, deren Denken stark vom Sitzen geprägt ist, dieses starke Werkzeug aus der Hand geben sollte. Immerhin hat das Abendland gerade infolge des Sitzens auf Stühlen gegenüber anderen Kulturen enorme materielle Reichtümer aufgehäuft. Wenn man allerdings das Gehen und Denken so aufeinander bezieht, daß das Gehen auf den Füßen ein Gehen im Denken initiiert oder einem Denken entspricht,17 deckt man nur die halbe Wahrheit auf, da eine Körperhaltung nicht das Denken selbst zum Ausdruck bringt, sondern lediglich eine besondere Weise des Denkens. Umgekehrt ist es gerade das Sitzen, welches das Denken potenziert, mobil macht und zu einem mächtigen Werkzeug gestaltet. Es zielt auf die Immobilität des Leibes, während das Stehen und Gehen den Leib mobil halten. Auch artikulieren sich in der aufrechten Haltung und im Sitzen gegensätzliche geistige Prinzipien. So setzt sich derjenige, der dort stehen will, wo man gewohnterweise sitzt - obwohl er steht - von der Masse ab, entzieht sich vor allem aber dem Zwang zur Bemächtigung und zum obsessiven Besetzen der Welt. Anders als das Sitzen erzeugen Gehen und Stehen eher ein naives und, formal betrachtet, ein weniger effektives Denken, das nur an unserem verstuhlten Fortschritt gemessen anachronistisch und ineffektiv erscheint. Es sind die hohen Werte, die sich im Stuhl inkorporiert haben, die dem Stehen am Stehpult noch entgegenstehen: der Präsident gegen den Vorsteher, der Lehrstuhl gegen das Katheder oder der Chefsessel gegen das Chefpult, vom Heiligen Pult ganz zu schweigen.

 

Der internationale Fußballverband (FIFA) hat im Februar 1993 aufgrund zunehmender Ausschreitungen entschieden, internationale Spiele nur noch in reinen Sitzplatzstadien austragen zu lassen. Gegen die Entscheidung hat sich ein reger und breiter Protest formiert. Das Sitzen würde die Atmosphäre der Veranstaltungen zerstören, lautet das vorherrschende Argument. Man kann fragen, ob es sich um eine Entscheidung für das Sitzen oder um eine Entscheidung gegen das Stehen handelt. Daß man die Ausschreitungen zügeln möchte, trifft nur den Vordergrund, da die Formen und die Ausmaße der ausschreitenden Gewalttätigkeiten mitverursacht sind durch den gesellschaftlich hoch angesehenen und akzeptierten Fußballsport selbst und durch die im Sitzen erzwungene Disziplinierung einer Sitzkultur. Da die Ausschreitungen auch Ausdruck der verstuhlten Lebensweise sind, dürfte auf lange Sicht paradoxerweise eher die Pflege des Stehens und Gehens das Ausschreiten begrenzen, in den Stadien und anderswo.

 

 

ANMERKUNGEN

 

1 Vgl. Joachim Wagner, Liegen, S. 709, in: Bauwelt 13, 83. Jg. 1992.

2 Die Haltung findet sich nicht nur bei den Nuer am Nil, Aborigines und andere Völker verharren ebenso in dieser Position.

3 Die Labilität der aufrechten Haltung besteht darin, daß der Rumpfschwerpunkt oberhalb der beweglichen Hüftgelenke liegt. Deshalb müßen Skelettmuskeln und Bänder den Schwerpunkt möglichst über der Hüftachse halten.

4 Paul Nizon, Am Schreiben Gehen. Frankfurter Vorlesungen, Frankfurt/M. 1985

5 Im Tierreich verfügen nur noch die Giraffe und das Känguruh über die doppelte S-Form der Wirbelsäule. Das Känguruh nimmt im Stehen anatomisch dieselbe Haltung wie der sitzende Mensch ein, mit dem Unterschied, daß ihm neben den Füßen nicht die Sitzbeinhöcker, sondern die kräftige Schwanzwirbelsäule als dritter Unterstützungspunkt dient.

6 Zitiert nach Paolo Bianchi, Der Künstler als Narr und Nomade, S. 126, in: Kunstforum 112, März/April 1991.

7 Sitzen wird hier streng vom Kauern, Hocken, Knien und anderen Haltungen unterschieden. Stuhl heißt lediglich Gestell und ist zunächst ein Gerät der Repräsentation. Er gibt dem Leib eine Stütze, bis der Organismus so weit geschwächt ist, daß der Stuhl als Mittel notwendig wird, den geschwächten Leib zu stützen. Erst im Übergang von der Repräsentation zur Stützung wird der Stuhl Prothese.

8 Nur der Mensch kann mit durchgedrückten Knie- und Hüftgelenken stehen. Es ist das Promontorium, das eine solche Position möglich macht und über das nur der Mensch verfügt.

9 Mit der Seßhaftigkeit wird das nomadische Leben aufgegeben. Sie führt aber noch nicht dazu, daß der Mensch sich setzen möchte und den Stuhl erfindet. In der Seßhaftigkeit bleiben die Grundpositionen das Gehen, Hocken und Kauern. Die Einführung des Stuhls findet im Rahmen der Seßhaftigkeit erst spät statt. Entsprechend spät entwickeln sich die Vorstellungen von Besetzen und Besitztum.

10 Der Mord des alten Königs war ein rechtmäßiges Mittel, König zu werden. Im Bengalen des 15. Jahrhunderts ist bereits der König, dem es gelingt, auf welche Weise auch immer, den Thron zu erklimmen. In nahezu allen Kulturen verkrüppelten die Inthronisationsriten den König oder er erlag deren schweren Prozeduren.

11 Vgl. Eickhoff, Hajo, Himmelsthron und Schaukelstuhl. Die Geschichte des Sitzens, München Wien 1993, S. 104.

12 Elias Canetti, Masse und Macht, S. 434.

13 Canetti, a.a.O.., S. 434.

14 Walter Seitter, Körperrichtungen, in: D.Kamper/Ch.Wulf, Der andere Körper, Berlin, 1984, S. 23.

15 Walter Seitter, Jacques Lacan und, Berlin 1980, S.33f.

16 Der Spiegel (23/1991) berichtet, daß heute der häufigste Grund für Klinikeinweisungen Rückenleiden sind. Unter dem Titel "Kein Tod, kein Leben" wird gefragt, ob die neue Volkskrankheit zustandekommt, weil wir uns krank sitzen oder ob das deutsche Volk wehleidiger geworden sei. Das Resümee: Die Experten wissen es nicht. Daß das Sitzen für das heutige Rückenleiden die wesentliche Ursache ist, mag den Orthopäden einleuchten, durchringen zu dieser Stellungnahme konnten sie sich bisher nicht. Das wäre in einer Welt, in der Arbeit und Freizeit vorwiegend sitzend verbracht werden, offenbar eine zu provokative These, zumal sich die Frage nach Alternativen stellte. Vielleicht fehlt den Orthopäden auch nur der Blick für den Kern des Leidens, denn es gibt ja auch Rückenleidende, die bei der Ausübung des Berufs vorwiegend stehen oder gehen. Dieses Argument würde allerdings wenig bestechen, weil auch dort, wo Arbeit in aufrechter Haltung verrichtet wird, sie von Menschen geleistet wird, die von Kindheit an - und bereits die Hälfte der Kinder klagt über Kreuzschmerzen - ins Sitzen eingeübt sind. Erst der im Sitzen anfällig gewordene Leib ist die Ursache für die häufigen Rückenleiden. So überziehen hunderte von Rehabilitationskliniken und weit mehr als zweihundert Rückenschulen das deutsche Land. Während man in den Ländern der dritten Welt den Prolaps oder Bandscheibenvorfall - durch die ständige Kyphose im Sitzen provoziert - nicht kennt, ist sie in den zivilisierten Ländern eine der häufigen Ursache der Rücklenleiden.

17 Vgl. Thomas Bernhard, Gehen, Frankfurt/M. 1971, S. 88.


LITERATUR

Bauwelt 7/8, 81. Jahrgang 1990. Ein Themenheft zum Gehen.

Samuel Beckett, Molloy, Frankfurt/M. 1975.

Thomas Bernhard, Gehen, Frankfurt/M. 1971.

Paolo Bianchi, Der Künstler als Narr und Nomade, in: Kunstforum 112, März/April 1991.

Otto Friedrich Bollnow, Mensch und Raum, Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1980.

Bill Buford, Geil auf Gewalt. Unter Hooligans, München Wien 1992.

Elias Canetti, Masse und Macht, Frankfurt/M. 1982

Hajo Eickhoff, Himmelsthron und Schaukelstuhl. Die Geschichte des Sitzens, München Wien 1993.

Gottfried Erler (Hrsg.), Wanderschaften und Schicksale. Reisebilder von Goethe bis Chamisso, Rostock 1975.

Moshé Feldenkrais, Bewußtheit durch Bewegung, Frankfurt/M. 1982.

Dietrich Garbrecht, Gehen. Plädoyer für das Leben in der Stadt, Weinheim und Basel 1981.

Ulrich Giersch, Der gemessene Schritt als Sinn des Körpers: Gehkünste und Kunstgänge, in: D.Kamper/Ch.Wulf, Das Schwinden der Sinne, Frankfurt/M. 1984.

Hugo Kükelhaus, Fassen Fühlen Bilden. Organerfahrungen im Umgang mit Phänomenen, Köln 1978.

Ehrenfried Muthesius, Der letzte Fußgänger oder die Verwandlung unsere Welt, München 1960.

John Cowper Powys, A Philosophy of Solitude, London 1933.

Thomas de Qunincey, Confessions of an English Opium Eater, London 1821.

Elmar Schenkel, Der aufgefangene Fall. Notizen zur Literaturgeschichte des Gehens

Walter Seitter, Körperrichtungen, in: D.Kamper/Ch.Wulf, Der andere Körper, Berlin 1984.

Johann Gottfried Seume, Spaziergang nach Syrakus, 1883.

Joachim Wagner, Liegen, in: Bauwelt 13, 83. Jahrgang 1992.

 


© Hajo Eickhoff 1993







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