Design - Geschichte und Zukunft

Interview: aus Michael Hardt/ Joachim Kobuss, Erfolgreich als Designer. Designzukunft Denken und Gestalten, Berlin 2012

 

Die Zukunft gehört der Oikologie – auch im Design. Der Mensch ist der Produzent der Dinge. Er erzeugt sie, indem er der Erde Material – Naturstoff – entnimmt und ihm Form, Funktion und Bedeutung gibt. Da ein Ding nur ein Ding ist, insofern es vom Menschen gestaltet ist, ist jedes Ding ein Stück Design. Daher, dass Designer die Dinge berufsmäßig gestalten, hat ihre Arbeit eine große soziale, wirtschaftliche, politische, ästhetische und ethische Bedeutung.

Zukünftig werden Designer stärker interdisziplinär arbeiten. Sie werden auch Teamarbeiter an der Schnittstelle sein von gestalterischer, planender, beratender und Qualität und Nachhaltigkeit kontrollierender Tätigkeiten. Design wird nicht länger als bloße Zutat zu einem Produkt angesehen, sondern als wesentliches Produktelement.

Zugleich aber wandelt sich die Orientierung auf das Produkt hin zum System der Produkte. Deshalb werden in Zukunft viele Designer den Prozess von der Produktidee und Produktplanung über die Entwicklung bis hin zur Gestaltung, Realisierung und Vermarktung durchschreiten.

Designer begreifen sich zukünftig bewusster als Unternehmer und benötigen dazu ein Wissen über Unternehmensführung, Nachhaltigkeit, Sozialität und Wirtschaftlichkeit. Als Haushalten im Rahmen des Gesamthaushaltes ErdeOikos – wird das Wirtschaften zur Oikologie und Design zum Oiko-Design – zu einem Gesamtkonzept aus Schönheit und guter Qualität, aus Langlebigkeit, angemessenem Material und sinnvollem Nutzen. Man kann es auch Bio-Design nennen, wenn die Natur die Produkte zurücknimmt. Damit kommende Generationen über eine angemessene Umwelt verfügen, müssen Designer immer auch für die Zukunft gestalten.
 

Welche Auswirkungen hat die Globalisierung auf das Design und die Designer?

Die Globalisierung ist so alt wie der Mensch. Menschen sind lernfähig, haben Gedächtnis und geben ihr Können und Wissen an Nachkommen und andere Kulturen weiter. So konnte sich im Laufe einer Jahrtausende währenden Entwicklung Wissen und Können erweitern und die Produktivität enorm erhöhen, so dass sich die moderne High-Tech-Welt entwickeln konnte und die Weltbevölkerung so stark anwuchs, dass der Konsum das Haus Erde gefährdet. Das Haus ist groß, doch Energie und Biomasse sind begrenzt, weshalb die Menschen gezwungen sind, mit ihrer Lebensgrundlage der Erde sorgsam und nachhaltig umzugehen.

Jedes Produkt stellt eine Handlungsanweisung dar. Deshalb kommt Designern in der Zeit fortgeschrittener Globalisierung eine bedeutende Rolle zu, denn durch ihre Gestaltung können sie gesellschaftliche Entwicklung mitsteuern. Da je­des Produkt auch die Umwelt beeinflusst, bestimmen Designer mit, wie die eigene Umwelt aussieht und übernehmen so auch Verantwortung für die Zukunft.
 

Was muss die Designausbildung zukünftig leisten, um den geänderten Anforderungen gerecht zu werden?

Zukünftig sind Designer in gleicher Weise Spezialisten wie Generalisten – was auch für andere qualifizierte Berufe gilt. Designer werden nach wie vor ihren persönlichen Stil ausbilden, zukünftig aber stärker als bisher interdisziplinär arbeiten. Sie werden als Teamarbeiter in der Lage sein, die Entwicklung und Gestaltung von Produkten und Projekten zu begleiten, zu beurteilen und zu lancieren mit einem kritischen Blick auf Qualität, Gestaltung und Materialität, auf Nutzen, Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit. Das Studium des Design muss den Studierenden künstlerische Freiräume schaffen – ohne Unterordnung unter die Kriterien der Effizienz –, symbolische Räume bewahren. Die Ausbildung wird auch der Erkenntnis gerecht werden müssen, dass neue Unterscheidungen wichtig geworden sind – einerseits das Konzipieren einer Gestaltung, andererseits die Realisierung dieser Gestaltungskonzeption.
 

Was würden Sie gerne aus der Vergangenheit des Design in die Zukunft retten?

Die Unvoreingenommenheit, mit der viele Designer gegen Trends die Welt gestaltet haben; ihre Liebe zum Detail, die herausragende Formen und Produkte entstehen ließ; die Weitsicht, mit der sie ihre Umwelt mit Bedacht auf ein Morgen gestaltet haben; das Gespür, dass Designer bewogen hat, die Produktorientiertheit zugunsten eines systemorientierten Design aufzugeben durch das Gestalten eines regen Zusammenspiels von Funktion und Schönheit, von angemessener Materialität, schonendem Umgang mit der Natur und einer individuellen Formensprache; die Bereitschaft kommunikationsfreudiger Designer zu Teamarbeit und Vernetzung; und nicht zuletzt die Freude am Gestalten, die den Formen und Produkten zugute kam und viele Menschen berührt hat.
 

Welchen Rat würden Sie einem angehenden Designer für die Zukunft geben?

Nie zu vergessen, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die er mit Leidenschaft macht. Also Freude und Humor immer auch als Werkzeuge des Gestaltens anzusehen.

Dem inneren Design nachzuspüren. Dem, was den Menschen jeweils als Potenzial zur Verfügung steht. Das innere Design ist eine innere Struktur des Menschen, die immer dann, wenn er etwas herstellt und zum Ausdruck bringt, aktiv ist. Produkte dieses inneren Design sind Design. Da Designer von Berufs wegen und mit Verstand und Intuition gestalten, sollten sie ihr inneres Design kennen. Denn bevor sie gestalten, sind ihr Denken, Handeln und Fühlen von anderen geprägt – von Eltern, Lehrern und dem sozialen Umfeld. Dieser Prägung müssen sie selbstkritisch nachspüren, um die Sinne zu schärfen, das Vorurteilen in ein Urteilen zu wandeln, das Maß an Freiheit und Selbständigkeit zu vergrößern und Authentizität zu gewinnen.

Sich immer an der Qualität zu orientieren. Denn gutes Design regt Sinne, Denken und Fühlen an und motiviert den Menschen.

Qualität und inneres Design sind eng verbunden. Je besser Designer sich kennen und den Sinnen auf der Spur bleiben, desto genauer können sie durch ihre ausgebildeten Sinne Qualität bewerten und infolge des Zusammenwirkens der Sinne Produkte in einem Gesamtkonzept begreifen.
 

­Welche zusätzlichen Kompetenzen braucht ein Designer?

Der Beruf des Designers ist eingebettet in gesellschaftliche Zusammenhänge, woraus hervorgeht, dass Design nicht die verspielte, beliebige und nachträgliche Zutat zu einem Produkt ist, sondern eines seiner wesentlichen Merkmale. Designer sind Spezialisten, die in einem Bereich wie Mode, Industrie oder Medien arbeiten und speziellen Gestaltungsarbeiten nachgehen. Heute sollten sie auch in der Lage sein, interdisziplinär zu arbeiten – etwa die Fähigkeit haben, den Prozess eines Produkts planend, beratend, gestaltend und kontrollierend von der Idee bis zur Realisierung zu durchmessen.

So wie Verkäufer nicht in erster Linie Verkäufer, Architekten nicht Architekten und Designer nicht Designer sind, sondern Menschen, die am Weltgeschehen teilhaben, benötigen Designer ein Wissen über den Zustand ihrer natürlichen und sozialen Umwelt, um ihre Arbeit im Rahmen einer Gemeinschaft – idealerweise im Rahmen einer Weltgemeinschaft – ausführen zu können.

Designer müssen keine Hüter des Grals sein, sie dürfen aber Hüter des Naturstoffs, der guten Form, der Qualität und einer Verantwortung für die Weltgemeinschaft sein. Indem sie daran mitwirken, dass sich Naturstoff, Gestaltung, Funktion und Qualität im Produkt zu einer Einheit, zu einer Logik oder auch zu einem Aufbruch, einer Bewegung fügen, geben sie eine Antwort auf die prekäre Weltlage von Überbevölkerung, Armut und Umweltzerstörung.



© Hajo Eickhoff 2010

 

Hajo Eickhoff

 

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25. September 2017

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