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aus: Identität und Zugehörigkeit, Galerie Rother, Artsomme Publisher, Wiesbaden 2026 

                                                                                

Panta rhei

(Alles fließt)

Heraklit


 

 

Identität und Zugehörigkeit

 

 

I. Identität

1. Wer ich war, bin und sein werde

2. Persönlichkeit, Charakter und Selbst

 

II. Zugehörigkeit

1. Identität und Würde – individueller Thymos

2. Identität und Missachtung – kollektiver Thymos

 

III. Kunst und Poesie

1. Erhoben durch Kunst

2. Poetische Räume

 

IV. Kleine Philosophie der Zugehörigkeit

 

 

 

 

I. IDENTITÄT

 

1. WER ICH WAR, BIN UND SEIN WERDE

 

Identität bedeutet, dass einer weiß, wer er ist. Ich bin jeden Tag ein anderer. Und doch derselbe. Durch all meine Veränderungen hindurch erkenne ich immer wieder mich. Das ist meine wechselnde Identität mit einem bleibenden Kern – meinem Ich.

Zugehörigkeit ist ein allgemeiner Zustand dessen, was ist. Alles beginnt mit Zugehörigkeit, denn Leben ist Verbundenheit und Zwiesprache. Nichts existiert für sich allein.

Identität und Zugehörigkeit befinden sich in permanenter Wechselwirkung. Dabei erweist sich Zugehörigkeit als eine Bedingung für Identität. Ihr Zusammenspiel ist sehr sensibel, weil Identität wesentlich von der Achtung durch andere mitbestimmt wird.

Alles, was in der Welt ist, hat Identität und Zugehörigkeit. Schon die ersten Zellen waren zugehörig zu einem Biotop, das sie ernährte oder in dem sie als Nahrung dienten. Wenn eine Amöbe eine andere Amöbe jagt, muss sie ihre Beute als Beute „erkennen“. Und damit auch sich selbst. Sie verfügt über eine Art Erkenntnis, auch ohne Gehirn, und „erkennt“ den Unterschied zu ihrer Beute. Jäger und Beute haben beide ihre Identität.

Menschen sind der Selbstbeobachtung fähig, wobei sie die Vorstellung eines Ich gewinnen, aber auch erkennen, dass es etwas weiter Gefasstes als das Ich gibt: Das ist das Selbst. Umgekehrt braucht das Selbst ein Zentrum – das Ich – um innere Vorgänge beobachten zu können.

Ich denke über mich nach und horche in mich hinein. Wer ist dieses Ich? Und was ist seine Identität? Ich nehme meinen Herzschlag, meinen Atem und ein Kratzen im Hals wahr. Ich fühle etwas, das aus dem Innern meines Körpers herrührt. Ich denke an den Text, an dem ich gerade arbeite. Denke also an etwas in der Gegenwart. Ich erinnere mich an ein Bild von mir, als ich fünf Jahre alt bin, und sehe mich zugleich im Spiegel. Obwohl ich mich völlig verändert habe, weiß ich doch, dass in beiden Fällen ich es bin. Ich, oder mein Ich, kann also denken, fühlen, und erinnern. Mein Gedächtnis bewahrt meine Lebensgeschichte und sichert doch meine Identität. Ich weiß ebenso von beeindruckenden Träumen. Oder ich kannn an andere Personen wie Familienmitglieder, Lehrerinnen oder Freunde denken und mich daran erinnern, dass mich einige von ihnen beeindruckt und verändert haben.

Aufgrund von Resonanz habe ich mich mit ihnen identifizieren können. Denn ihre Weise in der Welt zu sein – sich auszudrücken, sich zu verhalten, sich gestimmt zu zeigen –, traf auf meine eigenen inneren Möglichkeiten.

Ich spüre auch Neigungen. Ich An der Kontinuität meines ich sind Körper Geist und Gehirn beteiligt wenn ich über mich nachdenke sind Bereiche der Großherrenrinde und des Limbischen Systems beteiligt in denen neue Erfahrungen mit meinem Ich abgeglichen werden die Instanz die dem ich hilft ist das Gedächtnis so dass Identität gefühlt gedacht erinnert und erzählt wird

Geht es um Identität geht es um das ich um das Leben eines zeitlichen Kontinuums einer erinnerten Geschichte durch die ich weiß: das war ich gestern das bin ich heute habe Lust auf Schokolade, sehne mich nach der Sonne oder spüre die Lust nach Berührung durch andere. Das sind Triebe des Es, die mein Ich mit meinem Über-Ich aushandeln muss. Ich soll an meine Gesundheit denken und mich im Beisein von anderen verantwortungsvoll verhalten. Ich erkenne bei meiner Innenbetrachtung, dass ich mehr bin, als dieses Ich, das denkt, fühlt, erinnert, logische Schlüsse zieht und dafür sorgt, das Es und Über-Ich sich vertragen. Dazu erlebe ich, dass es vegetative Funktionen gibt, die dafür sorgen, dass mein Herz schlägt, ich atme und das Immunsystem mich schützt. Ein Bereich, der nicht meiner Kontrolle unterliegt.

An der Kontinuität meines Ich sind Körper, Geist und Gehirn beteiligt. Wenn ich über mich nachdenke, sind Bereiche der Großhirnrinde und des limbischen Systems beteiligt, in denen neue Erfahrungen mit meinem alten Ich abgeglichen werden. Die Instanz, die dem Ich dabei hilft, ist das Gedächtnis, so dass Identität gefühlt, gedacht, erinnert und erzählt wird.

Geht es um Identität, geht es um das Ich. Um das Erleben eines zeitlichen Kontinuums. Einer erinnerten Geschichte, durch die ich weiß: Das war ich gestern, das bin ich heute.

 

2. PERSÖNLICHKEIT, CHARAKTER UND SELBST

 

Menschen entwickeln sich. Persönlichkeit ist die Gesamtheit der psychischen Eigenschaften mit typischen Denk- und Verhaltensmustern wie Temperament oder sozialen Umgangsformen. Als Kern der Persönlichkeit bildet sich der Charakter, die moralische Seite des Menschen, der Werte wie Mut und Verantwortlichkeit steuert. Wie das Ich sind sowohl Persönlichkeit und Charakter nicht festgelegt, sondern werden durch Erfahrung, Wissen und Können modifiziert.

Das neuronale Fundament des Selbst ist eine Netzstruktur des Gehirns. Sie versammelt autobiografische Erinnerungen, persönliche Werte und soziale Rollen zu einer kohärenten Identität.

 

 

II. ZUGEHÖRIGKEIT

 

1. IDENTITÄT UND WÜRDE – INDIVIDUELLER THYMOS

 

Zugehörigkeit ist ein Grundbaustein des Universums. Ohne sie kann nichts entstehen. Denn für jede Art von Entwicklung sind mindestens zwei Elemente nötig, zwischen denen sich ein Dialog entspinnt. Dass ein Mensch entsteht, fordert, dass sich Eizelle und Spermium erst einmal finden müssen. Erst dann können sie sich vereinigen. Die folgenden neun Monate sind die engste Zusammengehörigkeit, die Menschen je erfahren können. Mit der Geburt löst sich die physische Einheit und die psychische Bindung entfaltet sich zu einer symbiotischen Zusammengehörigkeit von Mutter und Kind. Um seine Bedürfnisse befriedigt zu bekommen, muss sich der Säugling an Bedürfnisse und Möglichkeiten der Mutter anpassen. Zugleich beginnt er, sie zu imitieren, um seinem Idol ähnlich zu werden. Doch schon bald strebt das Kind aus der engen Bindung heraus nach Autonomie und dem Aufbau eines eigenen Ich. Seine erste Zugehörigkeit ist die Mutter. Aber es gehört auch einem Geschlecht, einer Sprache oder eine Nation an. Wenn Kinder die Zugehörigkeit nicht zufriedenstellt, können sie sich vernachlässigt fühlen und unzufrieden und zornig werden – das ist der individuelle Thymos.

Alles kann Zugehörigkeit werden. Jeder Ort auf der Erde und im Himmel. Es gibt materielle und immaterielle Zugehörigkeiten wie eine Idee oder ein Gefühl. Pflanzen und Tiere haben ihr Biotop, Menschen müssen es sich erst einrichten. Überall können Menschen sich zuhause, zugehörig fühlen. Eine Wohnungen bietet die größte Möglichkeit einer Zugehörigkeit: geborgen, geschützt und stark. Auch die Nähe zu einer Person, einem Baum oder einem Kunstwerk kann das Gefühl der Zugehörigkeit auslösen.

Ich gehöre zu einer Familie und gehörte zu einem Dorf, in dem mir jeder Weg und jeder Mensch vertraut war. Die Zeit dort hat mich geprägt – in ihrer Einfachheit, ihrem Rhythmus und dem Gefühl von Verlässlichkeit. Der Umzug in die Großstadt fühlte sich an wie eine Ausgrenzung. Die Räume wurden enger, die Welt draußen größer. Plötzlich war Zugehörigkeit nicht mehr naturgegeben, sondern etwas, das ich neu finden musste.

Der Schule in der Stadt fühlte ich mich nicht zugehörig, sie bereitete mir Verdruss. Nach dem Ende der Schulzeit brach ich auf zu neuen Aufgaben und neuen Zugehörigkeiten. Jede Station stellte mich vor die Frage, wohin ich gehöre. Ich fand Menschen, die mich verstanden und beeinflussten und ich entdeckte eigene Fähigkeiten, die mir ein neues Gefühl von Identität gaben, denn Zugehörigkeit erwies sich nicht nur als Ort, sondern auch als innerer Zustand. Kam mit jeder neuen Zugehörigkeit ein Stück Identität hinzu, blieb etwas vom alten Dorf in mir bestehen: Klarheit, Einfachheit und Vertrauen.

    Die persönliche Geschichte ist ein Netz von Übergängen: von Ort zu Ort, vom Kind zum Erwachsenen und von äußeren Erwartungen zu innerer Wahrheit. Schaue ich zurück, erkenne ich, dass sich meine Vorstellung von Zugehörigkeit erweitert hat. Zuerst war sie klein und direkt: meine Familie, mein Dorf, jene vertraute Welt, die mich hielt: Sie war einfach da wie ein Grundton meiner Existenz.

Die neue Umgebung führte zum Bruch mit alten Gewissheiten. Es entstanden neue Sichtweisen und Lebensformen, die Zugehörigkeit trotz Differenzenmissacgtung entstehen k zeigte: Ich fühlte mich auch denen nahe, die anders waren. Menschen mit anderen Sprachen, anderen Träumen, anderen Krisen. Aus den Begegnungen entsteht der Wunsch nach einer Zugehörigkeit, die verbindet: nicht Halt macht an Grenzen, Traditionen und Gruppenidentitäten. Das war lehrreich und führte zur Einsicht, dass ich auch mehreren Gemeinschaften zugehören kann: Mein Wunsch ist die Zugehörigkeit zur ganzen Menschheit. Ohne meine Dorfidentität zu verlieren. Ich habe im Kleinen gelernt, was im Großen möglich ist: dass wir uns berühren können, ohne uns zu kennen; dass wir uns verbunden fühlen können, ohne die gleichen Wege gegangen zu sein; dass wir einander verstehen können, ohne gleich zu sein. Das Wir kann so groß sein wie die Menschheit.

 

2. IDENTITÄT UND MISSACHTUNG –

KOLLEKTIVER THYMOS


Zugehörigkeit ist das Gefühl, Teil von etwas zu sein. Wie Familie, Gruppe, Nation oder Kultur. Mitglieder, die sich gegenseitig Respekt zollen. Daher ist Zugehörigkeit eng mit Emotionen und Werten verknüpft. Etwa, wenn ein Mensch sich in Gruppenemotionen einzufühlen versucht oder emotional auf soziale Bewertungen durch eine Gruppe reagiert. Daher berührt das Problem von Zugehörigkeit auch Ab- und Ausgrenzung, woraus Missachtung entstehen kann.

In totalitären Staaten genießen Würde und Anerkennung nur wenige. Bewusst dagegen proklamierte die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, alle Menschen seien gleich. Doch im Alltag galt diese Proklamation nur wohlhabenden Männern. Frauen, Arme oder Farbige genossen eine weit geringere Anerkennung. Doch seit dieser Zeit gibt es immer mehr Demokratien, und in ihnen fordern immer mehr Menschen – ungeachtet ihres Geschlechts, ihres Berufes oder ihrer Nationalität – Anerkennung und Würde durch staatliche Institutionen. Der Weg verlief über den Feminismus, den Kampf gegen rassistische Diskriminierung und der Kampf der Behinderten um Inklusion. Das hängt damit zusammen, dass immer mehr Menschen begreifen, dass das Selbst, das Ich und die Persönlichkeit essenziell wertvoll sind.

Andererseits spalten sich liberale Gesellschaften in immer kleinere Gruppen oder Parteien, die für ihre spezifischen Interessen politische Anerkennung fordern. Wir leben in Zeiten extremer Umbrüche, in denen Fakten immer häufiger beliebig werden und es zu Konflikten mit Gruppen und Parteien kommt, die ihre Anliegen vernachlässigt sehen. Geschieht das, wird der Zorn gegen diejenigen geweckt, die die Anerkennung verwehren. Dann wird der individuelle Thymos zum kollektiven Thymos und zum Motor einer kollektiven Bewegung.

  Individuelle Kränkung wird zu einer politischen Bewegung, in der ein partielles Wir-Bewusstsein entsteht. Nationalismen und Proteste, Identitätspolitiken und Populismus entstehen. Wenn sich das Ich und die Identität zu stark ausprägen, wird Politik zum Kampf für die eigenen, partikularen Interessen und gefährdet die liberalen Demokratien.

 

 

III. KUNST UND POESIE

 

1. ERHOBEN DURCH KUNST

 

Kunst ist ein zentrales Phänomen der Kultur. Eine besondere Weise der Beschäftigung mit der Welt. Es ist die Zugehörigkeit der Kunst und ihrer Werke zur immateriellen Sphäre des Lebens, die Kunst so wertvoll macht. Wie immer wir Kunst definieren, sie muss ein paar Bedingungen erfüllen: Soll ein Werk ein Kunstwerk sein, muss es uns berühren, Freude bereiten oder uns ein Stück Erkenntnis liefern. Geschieht das, erlaubt das einen Blick hinter die Kulissen der wahrnehmbaren Welt. Das Werk kann uns dann über den Alltag emporheben und uns für einen Moment oder für länger eins sein lassen mit dem Universum. Es sind Transzendenz, Schönheit und Poesie, die uns emporheben. Wir sehen tiefer in die Welt hinein, weil wir Sinn, Wert und Wahrheit erkennen. Weil wir dann frei vom Zweckdenken und von den Automatismen des Alltags sind. Wir erfahren, wie sich die Welt anfühlt und was es bedeutet, in der Welt zu sein.

In der Kunst als menschlicher Ausdrucksform werden Denken und Empfinden, Träume und Utopien in wahrnehmbaren Formen anschaulich gemacht. Das Hinausgehoben-Sein führt auf das Erhabene, das Betrachter und Künstler gleichermaßen berauschen kann, wenn Kunst als Leidenschaft, Handwerk und Innovation zu einer einzigartigen Kraft wird, die unseren Körper erreicht – unsere Identität gleichsam verschwimmen lässt: Sie nicht zerstört, sondern zugleich festigt, erweitert und erneut festigt.

Was bedarf ein Kunstwerk, dass Menschen sich mit ihm identifizieren? Das Auslösen von Resonanz. Wenn der künstlerische Ausdruck mit der inneren Erfahrung eines Menschen einen Zusammenklang erzeugt. Das Werk drückt etwas aus, das bereits in einem Menschen angelegt ist, wie eine Stimmung, eine Haltung in der Welt zu sein, eine Verletzlichkeit. Wenn Komposition, Farbe und Rhythmus sie beeindrucken – sogar überwältigen.

Die Künstleridentität liegt in ästhetischem Empfinden, in wiederkehrenden Themen, in bevorzugten Materialien und Techniken sowie im Können. Ihre künstlerische Zugehörigkeit können Künstler in einem Stil sehen, sie können aber auch selbst über einen unverwechselbaren – identifizierbaren – Stil verfügen. Auch Werte und innere Haltungen, neue Ideen und Materialien sowie die persönliche Entwicklung beeinflussen die Künstleridentität. Ebenso, wie Publikum, Presse und Galerien Künstler wahrnehmen, und umgekehrt, wie Künstler sich in der Kunstwelt bewusst verorten.

 

2. POETISCHE RÄUME

 

Künstler bilden untereinander eine Community. Das ist eine erste professionelle Zugehörigkeit. Sie tauschen sich aus und stehen in Konkurrenz zueinander, sie regen sich an und unterstützen sich. Eine weitere Zugehörigkeit ist das Atelier. Eine Schmiede der Künstleridentität. Ein symbolischer Raum, eingerichtet, um ästhetische, emotionale und intellektuelle Vorhaben in Formen zu übertragen. Ein Ort der Planung, Skizzierung und schöpferischen Transformation von Materialien, an dem sich die künstlerische Kreativität entfaltet.

Weitere professionelle Zugehörigkeiten für Künstler sind neben Museen, Sammlern, Stiftern oder Kunstförderinstitutionen Galerien. Zum Atelier als Rückzugsort des kreativen Schaffens und als Abkehr von der Alltagswelt bieten Galerien das passende Gegenstück. Sie holen Künstler aus dem Atelier heraus. Sie stellen dem Rückzugsort Atelier den Versammlungsort Galerie entgegen, einen Treffpunkt für eine breite Öffentlichkeit. Sie informieren die Presse, schaffen Zugang zum Kunstmarkt, zu Akademien und zu Museen.

   

 

IV. KLEINE PHILOSOPHIE DER ZUGEHÖRIGKEIT

 

Als Grundbaustein der Welt ist Zugehörigkeit ein Ausgangspunkt für alles, was sich verändert. Eine Bedingung für alles Bestehende. Sie bringt das Leben ins Rollen und den Menschen in die Geschichte. Denn bevor der Mensch denken und fühlen kann, gehört er bereits irgendwohin. Etwa zur Mutter. An der Entwicklung seiner Identität arbeiten Gene, Erfahrungen, Wissen und Können. Es entsteht ein Ich, das sich zugleich wandelt und bleibt. Daher ist der Rahmen, in dem sich Identität entfalten kann, Zugehörigkeit.

Denn der Mensch wird an einen definierten Ort auf der Erde in eine Landschaft, eine bestimmte Sprache, ein Klima und in einen sozialen Raum gestellt. Diese leibliche Zugehörigkeit hat der Mensch nicht frei gewählt.

In einen sozialen Raum als Zugehörigkeit wird er in eine Familie, eine Gemeinschaft, in Institutionen und in Gruppen hineingeboren, die seine Identität prägen. Er erfährt dabei, wer er ist, indem er erfährt, was andere in ihm sehen. Seine Identität entwickelt sich in diesem Raum und indem sich sein Wissen vertieft, sein Können verbessert, er Krisen abwehrt und sich Horizonte eröffnet.

Später kann er Zugehörigkeiten frei wählen. Es ist diese Freiheit, die dem Menschen seine Kontinuität bewusst macht und nunmehr aktiv formt.

 Im Rahmen der Zugehörigkeit erfährt der Mensch Anerkennung und Würde. Ohne Anerkennung durch andere verliert er seine soziale Bindung und die Möglichkeit, sich selbst anzunehmen. Ohne Vertrauen in seine Zugehörigkeiten kann er sich weder binden noch entwickeln. Wie Flüchtlinge, die dem Mangel an Anerkennung und Würde entkommen wollen, dann aber dorthin geraten, wo ihnen ein zweites Mal die Anerkennung schwer gemacht wird. Daher sieht Hannah Arendt ein Grundrecht in der Zugehörigkeit. Nämlich zu einer Gemeinschaft zu gehören. So ist eine Philosophie der Zugehörigkeit immer auch eine Philosophie von Ausschluss und Heimatlosigkeit.

Zugehörigkeit ist ein unsichtbares Bauwerk. Aber ein notwendiges. Weil sich in ihm Identität und Ich entfalten können, Identität gehalten, gedehnt und erneuert wird. Wer sein Leben als Prozess begreift, erkennt, dass Zugehörigkeit die Bedingungen seiner Entwicklung ist. Sie zeigt das Bild eines Menschen, der in der Welt verankert ist und doch in Bewegung bleibt. Und eines Menschen, der die Voraussetzung hat, in globalen Zeiten mit allen anderen in Kontakt zu treten.

 

 


 


Hajo Eickhoff 2026