Vortrag für Objektform Bonn, 2007

 

 

 

Ameisen, Schwäne und andere Tiere

 

Zum 100. Geburtstag von Arne Jacobsen

 

 

 

 

Dramaturgie

Auf dem Podium stehen, den Text, mit einem Gummiband zu einer Papierrolle zusammengebunden, waagerecht halten, mit einer Hand in die Jackentasche greifen und eine Cherrytomate herausholen, die Tomate dem Publikum zeigen und in eine Öffnung der Rolle legen. Die Rolle neigen, so dass die Tomate durch die Rolle zum anderen Ende rollt und sie in die Hand rollen lassen. Kurzes Innehalten, seitlich zum Publikum stellen, erneute Konzentration, die Tomate in die Luft werfen, mit dem Mund auffangen, dem Publikum zuwenden und die Tomate verzehren.

 

Die Idee

Etwas Unerhörtes, Unerlaubtes tun – vor einem Publikum zu essen –, denn auch Arne Jacobsen hat seine Architektur als etwas in seiner Zeit Unerlaubtes erlebt und auch aufgefasst.

 

 

Vortrag

 

Guten Tag meine Damen und Herren. Herzlichen Dank dem Unternehmen Objektform in Bonn, herzlichen Dank an Frau Hieronimi und an Herrn Ayoub für die Einladung zu dem schönen Anlass, Arne Jacobsens, dem dänischen Gestalter und Architekten, der von 1902 bis 1971 gelebt hat und der sich von Beginn seiner Karriere an dem konstruktiven Streit des 20. Jahrhunderts um das Verhältnis von Tradition und Moderne beteiligt und durch sein Werk nachfolgenden Generationen eine Richtung gewiesen hat.

 

Gedenken ist das Tradieren und Bewahren von Werten, ohne die weder eine Orientierung in der Gegenwart noch eine Perspektive für die Zukunft möglich ist. Tradition ist der Transport von Werten und deren Grenzen – den Tabus – aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. Und insofern betreiben wir hier schon so etwas wie einen Transport in die Zukunft, indem wir an Arne Jacobsen erinnern.

 

Anekdoten oder Zitate etwa wie „Arne Jacobsen saß meistens in seinem Büro, rauchte Zigarren und telefonierte“ werde ich ihnen nicht vortragen und erläutern. Ich möchte mit ihnen eher einen Blick hinter die Kulissen werfen und anthropologisch fragen, womit sich Architekten wie Arne Jacobsen eigentlich beschäftigen. Mit Häusern. Ja. Das wissen wir. Aber was ist ein Haus? Woher kommt es? Und was sind Stühle? Die ihn berühmt machten.

 

Tradition und Moderne

 

In den 20er und 30er Jahren wurde in den modernen Gesellschaften um das Verhältnis von Industrie und Handwerk gestritten. Seit dem 19. Jahrhundert hat die Industrie mehr und mehr das Handwerk verdrängt, aber traditionelle Gestaltungselemente beibehalten. Die ersten Dampfmaschinen, Grundlage aller industrieller Fertigung, sahen aus wie barocke Schlösser oder griechische Tempel. Die Industrieprodukte dagegen waren unpraktikabel, hässlich und von schlechter Qualität. Aus der Kritik an den unzulänglichen Massenerzeugnissen und der unzeitgemäßen Formgebung des Historismus sind Bewegungen hervorgegangen, die sich am Handwerk orientierten: in England die Arts-and-Crafts-Bewegung, auf dem Kontinent die verschiedenen Richtungen des Jugendstil. In der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts sind aus diesen Bewegungen Institutionen hervorgegangen, die versuchten – etwa die Wiener Werkstätten oder der Deutsche Werkbund – gute Produkte im Rahmen industrieller Fertigung zu gewährleisten. Damit vollzog sich der Übergang vom Jugendstil zum Industriedesign, das damit geboren wurde. Es gab eine extreme Entwicklung aus der Kritik am Historismus der Gestaltung: der Funktionalismus oder die Herleitung der Form aus der Funktion. Der daraus folgende Stil ist der Internationalismus oder der Internationale Stil, dessen Vertreter so taten, als hätten sie etwas Objektives entdeckt: Überall auf der Welt breitete er sich aus: In Südamerika ebenso wie in Italien oder in Japan. Arne Jacobsen gilt als derjenige, der den Funktionalismus nach Dänemark brachte.

 

Dänemark und die Dänen

 

Das war für Arne Jacobsen der allgemeine und theoretische Hintergrund seines Schaffens. Ihr fügt sich die nordische Eigenart hinzu, die dänische Art der Lebensgestaltung. Eine wunderbare Verbindung aus Tradition und Aufgeschlossenheit für das Neue.

 

Wer sind die Dänen und wovon leben sie? Über Rohstoffe verfügt Dänemark nicht, der Fischfang nimmt einen kleinen Rang ein, der Tourismus hält sich in Grenzen und die Landwirtschaft ist unbedeutender, als ich dachte. Was bleibt den Dänen? Sie verfügen zwischen den beiden Meeren Ostsee und Nordsee über viel Wind. Wind und frische Luft. Kaum zu glauben, aber davon leben die Dänen: Frische Luft. Allerdings muss man ihr eine kleine Wendung geben, sie von der Seite aus betrachten, um im Wind das Wesentliche zu sehen: Dänemark lebt vom Wind heißt: Dänemark lebt von Ideen. Von Ideen und ihrer Realisierung. Gute Ideen sind wie frische Luft und die Dänen leben von guten Ideen, von sehr guten Ideen, von herausragenden Ideen. Viele wissen nicht, dass eine große Zahl ihrer im Alltag gebrauchten Erzeugnisse aus Dänemark stammen: die schlichte Kaffeekanne von Erik Magnussen, die wir von Konferenzen her kennen; die minimalistischen Musikanlagen von Bang & Olufsen; das bunte und bewegliche Spielgerät unserer Kinderspielplätze des Unternehmens Kompans. Und nicht zuletzt: Die Legobausteine stammen aus Dänemark. Dänische Produkte sind weltweit begehrt auf Grund ihrer handwerklichen Qualität, wegen ihrer Gediegenheit und ihrer Wärme ausstrahlenden Aura.

 

Das Werk

 

In dieser einerseits theoretischen Diskussion und andererseits schöpferischen Umgebung entfaltet sich die private Seite von Arne Jacobsen: sein Zeichentalent, das er wohl von der Mutter geerbt hat, seine künstlerische Phantasie, sein sicheres Empfinden für komplexe Zusammenhänge, sein Ehrgeiz und seine Selbstsicherheit sowie sein Mut, aus dem eigenen Wissen und Fühlen heraus zu gestalten.

 

Bereits mit 23 Jahren gewinnt er in Paris einen Preis für einen Stuhl, mit 27 Jahren das erste Aufsehen mit seinem „Haus der Zukunft“. Am Ende steht ein großes Werk völlig unterschiedlicher Projekte: eine Tankstelle, Wohnhäuser, eine Sporthalle, eine Badeanstalt, vier Rathäuser (Århus, Rødrove), das SAS Royal Hotel in Kopenhagen, Schulen, Wohnanlagen und eine große Zahl hervorragender Einrichtungsgegenstände wie Bestecke, Textilien, Tische, Stühle, Badezimmer-Armaturen und Lampen. Er ist durch viele internationale Preise belohnt worden wie 1956 durch eine Professor für Architektur in Kopenhagen. Insgesamt haben er und seine häufig wechselnden Mitarbeiter über 250 Gebäude entworfen und die meisten realisiert.

 

Weltberühmt ist Arne Jacobsen durch Gebäude wie das SAS Royal Hotel geworden, durch die Rathäuser von Århus und Rødrove, durch das St. Catherine’s College in Oxford und durch seine zu Klassikern gewordenen Stühle „Ameise“, der erste Stuhl in Dänemark, hergestellt von dem dänischen Unternehmen Fritz Hansen, mit dem Arne Jacobsen viele interessante Objekte realisiert hat. Ihm folgen „Modell 3107“ und die Sessel „Schwan“ und „Das Ei“.

 

Arne Jacobsen

 

Als er 1946 mit dem Entwurf und der Geburt der Reihenhäuser in Søholm beschäftigt war, war meine Mutter gerade mit meiner Geburt beschäftigt. Wäre ich nicht 19(4)(6), sondern 18(6)(4) zur Welt gekommen, wäre ich Däne gewesen. Schleswig Holstein gehörte bis dahin zu Dänemark und ich komme aus Husum. Wie sie sehen, bemühe ich mich, auch eine persönliche Beziehung zu Arne Jacobsen herzustellen.

 

Ein zweiter Anknüpfungspunkt ist der Panton-Stuhl, einer der ersten in Vollplastik produzierten Stühle. Der Entwurf stammt nicht von Verner Panton, sondern von einem anderen interessanten Dänen, nämlich von Aagard Andersen, der dem Stuhl Ameise von Arne Jacobsen den Namen gegeben hat. Andersen hat eine großartige Wand-Steh-Lehne entworfen, die, soviel ich weiß, nie in Produktion ging. Aber in meiner Wohnung in Berlin befindet sich ein Exemplar dieses wunderbaren Möbels, dass mir Axel Bruchhäuser geschenkt hat, dem Chef des Unternehmens Tecta, der 1979 das Stuhlmuseum in Beverungen gründete. Ein Unternehmen, das Klassiker reediert und immer wieder versucht hat, nicht realisierte Großprojekte wie den Wolkenbügler von El Lissitzky zu realisieren.

 

Ein dritter Zugang ist das Thema selbst. Womit Arne Jacobsen sich als Architekt beschäftigt, damit beschäftige ich mich als Kulturhistoriker und Theoretiker: mit Haus und Stuhl. Er hat ihnen intuitiv für die Kultur einen hohen Stellenwert eingeräumt. Das folgt nicht daraus, dass er beruflich mit ihnen zu tun hatte, sondern daraus, dass er mit ihnen auf eine besondere Art, nämlich sehr behutsam und verantwortungsbewusst umgegangen ist. Ebenso überrascht war ich, zu erfahren, wie groß das Verständnis von Arne Jacobsen für die Bedeutung von Stuhl und Haus für unsere Kultur ist. Darin zeigt sich die große Kraft von Arne Jacobsen: seine Intuition.

 

Architektur Haus Stuhl

 

Architekten entwerfen und bauen Häuser. Die meisten von ihnen entwerfen auch Stühle. Der Zusammenhang von Architektur und Stuhl ist nicht zufällig. Stühle sind die Obsessionen vieler Architekten und fast jeder hat in der Schublade den einen oder anderen nicht realisierten Stuhlentwurf. Woran liegt das? Nach Elias Canetti liegt das Beeindruckende des Stuhls darin, dass der Mensch mit der Masse seines Fleisches auf Unterlegenem lastet. Es gibt aber auch ein treffendes Argument durch die Architektur selbst: Kein Objekt – auch kein visuell noch so durchlässiges Gebäude – macht die Funktionen von Tragen und Lasten, von Bündelung und Zerstreuung der Kräfte so anschaulich und transparent wie der Stuhl. In seiner Überschaubarkeit ist der Stuhl architektonisch das prägnanteste Objekt.

 

Für die Allgemeingültigkeit des Zusammenhangs von Stuhl und Architektur hat Ettore Sottsass ein Beispiel gegeben. In Jugoslawien fand er einen zerschlissenen Stuhl auf einem Gehweg. Während er um ihn herum ging und ihn fotografierte, bildete sich eine Menschenmenge, die wütend nach der Polizei rief, um ihn verhaften zu lassen. Einer der herbeigerufenen Beamten ließ sich den Ausweis von Sottsass zeigen. Nachdem er dort gelesen hatte „Beruf: Architekt“ wandte er sich an die Menge und an Sottsass und sagte lakonisch: „Nix mehr Problema“ und die Ordnungshüter gingen. Das Zerschlissene des Stuhls sollte, das war die Überzeugung der Menge, nicht auf Jugoslawien bezogen werden, denn der Architekt beschäftigt sich beruflich - und das heißt: legitimerweise - mit Stühlen.

 

Das Haus

 

Was aber sind Haus und Stuhl, mit denen sich Architekten und auch Arne Jacobsen beschäftigen ? Das Haus entsteht mit der Sesshaftwerdung des Menschen, der bis dahin sammelnd und jagend unterwegs ist. Der Mensch stellt in die Natur das Großobjekt Haus. Wie ein Paukenschlag. Er platziert neben die Gewächse Gestelle und erzeugt das erstemal ein weithin sichtbares Zeichen seiner Kultur. Die Menschen haben Schlüsse daraus gezogen, dass weggeworfene Pflanzen später wieder Früchte tragen: Sie haben sich niedergelassen und Pflanzen, Tiere und die Landschaft domestiziert. Domestikation ist die Häuslichmachung. Das Wort kommt von Domus und bedeutet die Formung des Menschen und seiner Kultur durch das Haus. Das Leben im Haus ist ein radikaler Einschnitt in die Physis des Menschen. Es gestaltet ihn radikal um: die gesamte Muskulatur, die inneren Organe, die Atmung und die Sinnesorgane. Ebenso seine geistige und seine seelische Verfassung. Die langen Wege des Außen werden reduziert und zum Wohnen umgeformt. Wohnen kann so in einer elementaren Weise definiert werden: Wohnen ist das Zerkleinern und Aufschichten der langen Wege, die der Mensch einst in der Natur zurücklegte. Die dabei gewonnene Energie wird anderen Tätigkeiten zugeführt, bei denen der Mensch die Fähigkeiten des Planens und mit der Lagerung von Lebensmitteln für karge Jahreszeit den Aufschub von Bedürfnissen erwirbt. Nicht Aufschub aus Not, sondern aus Einsicht in seine Zugehörigkeit zum Wohnen. Auch die soziale Seite des menschlichen Lebens verändert sich radikal. Das erste Mal entsteht im Schutz des Hauses ein enges Verhältnis von Mensch und Tier und ein nahezu intimes Verhältnis von Mutter und Kind. Durch schwangere Frauen und Kinder war die Sippe auf ihren täglichen Wegen besonders gefährdet, etwa wenn sie von Großwild angegriffen wurden. Nun bietet das Haus ihnen Schutz und Kind und Mutter haben Zeit füreinander wie nie zuvor. Da also das Haus den Menschen neu in den Kosmos einrichtet, sind Häuser nicht in erster Linie räumliche Gebilde, sondern grundlegend neue Weisen der menschlichen Existenz, mit der ein neuer Mensch und eine neue Kultur entstehen.

 

Der Stuhl

 

Wie das Haus ist der Stuhl ein gravierender kultureller Einschnitt in den Haushalt des Menschen. Im Haus geben sich die Menschen ein Zeichen vom Beginn der Sesshaftwerdung. Erstaunlicherweise geben sie sich in dieser Zeit zugleich ein Zeichen von der Vollendung der Sesshaftwerdung. Das ist die Sesshaftigkeit. Dieses Zeichen ist ein thronender König, jemand, der auf einem Gestell sitzt. Ausgewählt aus der Gemeinschaft wird er gewaltsam gesetzt, mit Macht ausgestattet und König genannt. Seine Wege im Außen sind beendet. Noch   im 19. Jahrhundert heißt es: „Der König hat keine Füße.“ Neben der in der Sesshaftwerdung liegenden Begrenzung wird der König in seiner Physis zusätzlich und radikaler begrenzt als alle anderen. Denn das Haus ist allen zugänglich, aber den Thron darf nur einer besetzen. Was ist nun die Aufgabe des Königs ? Er soll nicht im Außen ausschreiten, sondern seine Wege nach Innen lenken, soll sich in der Begrenzung auf sein Innen konzentrieren und nach geistigen Wegen zu den kosmischen Mächten suchen, und die Korrespondenz für die Gemeinschaft nutzbar machen. Der thronende König ist ein Zeichen für Vergangenheit und Zukunft und bietet der Gemeinschaft eine Mitte. Der König ist die Orientierung und der Lebenssinn aller. Auf ihn hin ist alles konzentriert.

 

Als Objekt für jedermann ist der Stuhl eine Erfindung Europas. Der Prozess beginnt in der Neuzeit und endet in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Produktion des ersten massengefertigten Bugholz-Stuhls von Michael Thonet. Das Sitzen auf Stühlen am Tisch ist die größte Produktivkraft des Menschen, die Europa den geistigen und materiellen Reichtum gebracht hat. Sie hat aber auch eine emotionale Armut befördert. Erst wenn wir bedenken, wie grundlegend Haus und Stuhl den Menschen formen, können wir realisieren, welch hohe Bedeutung die beiden Objekte haben, mit denen sich Arne Jacobsen zeitlebens beschäftigt hat.

 

Der Tabubruch

 

Arne Jacobsen gilt als Tabubrecher. Was aber sind Tabus und was sind Tabubrüche. Tabus sind Grenzen einer Kultur. An ihnen wird die Energie des Menschen gebremst und in Kulturleistung umgewandelt. Sie sind stark an Gefühle gebundenen, weil sie eine Gemeinschaft stabilisieren. Es kann nun geschehen, da Gemeinschaften sich entwickeln, dass das, was die Menschen fühlen und denken, nicht mehr mit dem zusammenstimmt, was sie fühlen und denken sollen. Dann können Tabubrüche erforderlich werden. Sie erweisen sich dann als das Ringen um Übereinstimmung von Sein und Sollen.

 

Arne Jacobsen hat Ideen des Wohnens und der Gestaltung der modernen Welt mitverändert. Ziel seiner Arbeit war aber nicht das Brechen von Tabus, sondern das Schaffen von Lebensqualität, von der er wusste, dass sie auch über die Qualität der uns umgebenden Dinge entsteht.

 

Die Qualität

 

Zwei zentrale Schlagworte moderner Gesellschaften sind Fortschritt und Innovation. Beide beziehen sich auf Zukünftiges, sind aber für sich genommen leere Perspektiven. Wir brauchen, meine Damen und Herren, weder Fortschritt noch Innovation. Das kann nicht deutlich genug gesagt werden, denn vor jedem Fortschritt liegt die Frage „Wohin fortschreiten?“ und vor jeder Innovation die Frage „Wozu erneuern?“. Beide Begriffe sind in unserer Kultur primäre, zentrale Forderungen, tatsächlich aber sind sie abgeleitete Phänomene, da Fortschritt und Innovation eines außerhalb ihnen liegenden Ziels bedürfen: Fortschritt und Innovation arbeiten in die Richtung von Qualität, und haben darin ihre Gemeinsamkeit.

 

Qualität und gute Form sind Ziele von Arne Jacobsen und sollten eine große Verpflichtung für jeden sein, denn sie haben einen starken Einfluss auf die Entwicklung und auf das Wohlbefinden des Menschen. Die gute Qualität wirkt über die Sinnesorgane positiv auf unser Gemüt und ist verantwortlich für das, was wir Lebenssinn nennen, das uns anspornende Prinzip.

 

Gegenstände sind Botschaften für unsere Gefühle. Sie stehen zwischen zwei Polen: den Gestaltern und den Nutzern. Gestalter bewegen Ideen aus sich heraus, gießen ihr inneres Design in eine äußere Form und je näher sie in der Gestaltung an ihr Gefühl heranreichen, desto wahrhafter werden Entwurf und Realisierung.

 

Qualitativ hochwertige Produkte veranlassen uns, uns suchend und untersuchend vorzutasten – statt uns abzuweisen –, weil eine gute Form, eine praktikable und überraschende Funktion und ein gediegenes Material uns ansprechen. Gute Objekte sorgen für die Steigerung der Aufnahmefähigkeit der Sinnesorgane: Diese Aufnahmefähigkeit ist ein Maß für Lebensqualität. Im Umgang mit schönen Objekten bewahren wir unseren Sinnen die Vielfalt, die uns befähigt, Nuancen und Schattierungen wahrzunehmen. Das kann man so auch bei Arne Jacobsen finden. Schöne Objekte und nachvollziehbare Funktionen machen uns leicht und erheben uns, fördern unsere schöpferischen Kräfte und spornen uns an. Sie vermitteln Freude und erzeugen Wohlempfinden.

 

Die Form eines Objekts – also die Objektform – ruft Gefühle hervor. Darin hat die gute Form ihre Basis und Bedeutung, denn es zeigt sich, dass auch das Gefühl, das ein Objekt hervorruft, eine Funktion des Objekts ist.

 

Der Streit des 20. Jahrhunderts um Tradition und Moderne ist also kein Streit um äußere Formen der Objekte, sondern um innere Formen des Menschen. Um sein inneres Design. Qualität und gute Form haben neben ihrem ästhetischen Wert einen hohen erzieherischen und moralischen Wert.

 

Die Poesie

 

Arne Jacobsen ist Poet und Künstler, nicht Mathematiker und Ingenieur. Er hatte den Mut, aus dem eigenen Gefühl heraus zu gestalten und alle Elemente zu einem Ganzen werden zu lassen. Darin sind seine Arbeiten kosmisch, denn er hat versucht, Gebäude so in die Umgebung einzugliedern, als wären sie keine Gestelle, sondern Gewächse. Hierin ist er Frank Lloyd Wright gefolgt.

 

Das kommt in seinem Studium der organischen Formen ebenso zum Ausdruck wie in den Namen seiner Stühle. Der Titel des Vortrags „Von Ameisen, Schwänen und anderen Tieren“ hätte auch heißen können: „Von Waldschnecken und Giraffen, von Ochsen und Schmetterlingen“, denn so heißen einige seiner Stühle.

 

Das Hervorbringen von Qualität – bei Arne Jacobsen durch die Kraft der Poesie – ist nichts weniger als der Gewinn eines Kompass für unsere Existenz. Qualität gibt unserem Handeln eine Orientierung, weil sie an die Lebendigkeit unserer Sinnesorgane gebunden ist. Qualität und Poesie werden die Menschen in einen Kreislauf führen, der die Natur bewahrt und der erlaubt, die Kultur in ihrem Rahmen weiter zu entwickeln. Das Verdienst von Arne Jacobsen besteht darin, dass er schon früh intuitiv erkannt hat, dass die Wirkung von Schönheit und Qualität über das Objekt und den Anlass hinausweist und eine globale und kosmische Dimension hat. Dafür, dass er diese Weisheit in vielen seiner Arbeiten antizipiert hat, gebührt ihm der allerhöchste Dank.

 

Ich ende mit einem Zitat von Arne Jacobsen: „Der Architekt“, sagt er, „muss seine Häuser so ehrlich und ästhetisch korrekt wie nur möglich bauen – dann besteht die Hoffnung, dass die Menschen, die da wohnen sollen, zu unterscheiden lernen, was hässlich und was schön (wir könnten auch Qualität sagen) ist, um die hässlichen Dinge nach und nach weg zu pusten.“

 

 

 

© Hajo Eickhoff 2007

 

 

Hajo Eickhoff

 

Duisburger Straße 13

10707 Berlin

hajoeickhoff @ versanet.de

 

25. September 2017

Druckversion Druckversion | Sitemap
© HAJO EICKHOFF