Vortrag im Siemens Forum München, zum Konzept Form:Ethik, 2005

 

 

Qualität, Motivation und Naturstoff

Ethik in Unternehmen

  

 

I. Das Ethische

 

Ich spreche über Ethik in Unternehmen und beschränke mich dabei auf drei Begriffe. Auf Qualität, Motivation und Naturstoff. Das Moralische und Ethische ist uns meistens verdächtig. Sogar peinlich, weil es privat klingt und tatsächlich meistens ideologisch ist. Moral ist in Misskredit. Niemand sagt anderen gerne: „Tue dies!“ oder „Lass das!“ Und umgekehrt lässt sich das niemand gerne sagen. Doch in einer Zeit, in der die gewaltige Weltbevölkerung stetig wächst in einem begrenzten Lebensraum, und die Menschen Ursache und Wirkung, Mittel und Zweck vertauschen, was erhebliche Folgen hat, könnte es sein, dass das Ethische doch zu einer moralischen Pflicht wird. Wenn wir uns Nahrung beschaffen, beschaffen wir uns Lebensmittel. Sie sind Mittel für etwas anderes: nämlich für ein gutes oder gesundes Leben. Lebensmittel heißen ja nicht Lebenszwecke. Ebenso wenig sind Geld und Markt Zwecke, sondern Mittel. Schauen wir aber auf die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrzehnte, entsteht der Eindruck, die Mitte des gesellschaftlichen Lebens seien tatsächlich Markt und Geld.

 

 

II. Qualität

 

Über den menschlichen Zustand des Zurückgeworfenseins möchte ich definieren, was Qualität ist. In Angesicht einer schweren Krankheit oder des Todes fällt alles Äußerliche von uns ab. „Angesichts des Todes“, sagt Thomas Bernhard, „ist alles lä­cher­lich.“ Wir wollen dann nur die Krankheit über­win­den oder dem Tod aus dem Weg gehen. Dabei helfen uns jedoch weder unsere Gewohnheiten noch Ruhm und Ehre, noch die vielen, alltäglichen Dinge des Lebens wie gut geformte Füllfederhalter oder gut sitzende An­zü­ge. Wir werden auf uns selbst zurückgeworfen und sind gezwungen, uns auf uns zu konzentrieren. Auf das Wesentliche, auf das Leben selbst, das sich erhalten will. Wir wenden uns nach innen, reduzieren uns.

 

Wer nun annehmen sollte, dass dem Kranken in der kritischen Situation nichts anderes übrig bleibe, er lediglich passiv eine Not zum Ausdruck bringe, dem möchte ich ein anderes, gegenteiliges und ganz und gar angenehmes Ereignis des Zurückgeworfenseins nennen, in dem dieselbe Reduktion, dieselbe Wendung nach innen und dieselbe Löslösung von allem Äußerlichen stattfindet. Das ist die Liebe, der Zustand des Verliebtseins und Geliebtwerdens. Die Liebenden brauchen nur sich selbst und das Notwendigste zum Leben. Alles andere bleibt bedeutungslos.

 

In den beiden Zuständen der Liebe und der Krankheit reduziert der Mensch seine Existenz auf das Wesentliche des Lebens. Das aber muss uns Konsumberauschten recht asketisch erscheinen.

 

Wie nun hängt dieses Wesentliche mit Qualität zusammen? Aristoteles definiert das Wesen als „Was es ist, dies zu sein“, als ein Was. Das Wesen ist die Washeit, die in eins fällt mit dem lateinischen quale und qualitas – Merkmal, Eigenschaft, Wesen. Das ist unser Wort für Qualität.

 

Eine konkreter gefasste Definition der Qualität ist der unmittelbare Bezug auf das Leben: Nicht das Herausfordern eines isolierten Sinns, sondern Qualität ist die wohltuende Wirkung auf alle Sinne und unser Gefühl sowie die Herausforderung unseres Denkens und der Ansporn zu einem guten Verhalten.

 

 

III. Motivation

 

Mit der Sesshaftwerdung entsteht das Haus. Es ist zum Paradigma geworden für Schutz und Wirtschaft – das ist die Öko­no­mie –, für Zusammengehörigkeit und Kulturpflege – das ist die Ökologie. Haus steht glei­cherma­ßen für Institution und Familie, für Unternehmen und Privathau­s. So ist jedes Unter­nehmen mit dem große Haus Kosmos, dem Haus der Erde und seit der Globalisierung mit den vielen und eng aneinander gerückten Häusern in engstem Kontakt.

 

Das Haus der Erde ist ein weites Haus, doch seine Energie und seine Biomasse sind begrenzt. Deshalb müssen wir mit der Lebensgrundlage Erde an­gemessen umgehen: nämlich nachhaltig. Zur Nachhaltigkeit gehört ein inneres Engagement, die Motivation. Die Forderung nach Motivation und Nachhaltigkeit gilt um so mehr in einer Zeit, in der die Weltbevölkerung beträchtlich hoch ist und weiter steigt.

 

Motivation sollte ein zentraler Begriff für unser privates und berufliches Leben sein. Motivation ist das den Menschen von innen her Bewegende, das ihn von innen Tragende. Sie bildet eine wesentliche Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg und ist zugleich Ausdruck von Lebensqualität.

 

Vor fünfunddreißig Jahren besuchte ich in Hamburg die Ingenieurschule für Produktionstechnik – die Verbindung von Maschinenbau und Wirtschaft. Der Rektor der Institution war Fachmann für Unternehmensanalysen, Untersuchungen über interne Strukturen von Unternehmen. Das Resümee seiner Forschungen war knapp: Ein Drittel aller Investitionen geht verloren durch innere – das heißt personal bedingte – Reibereien. Informationen werden nicht weitergegeben oder missverstanden, Mitarbeiter harmonieren nicht, Krankheit durch das Gefühl, in dem Unternehmen nicht weiter zu kommen oder unterdrückt zu sein. Motivation ist der Schlüssel zum Erfolg eines Unternehmens. In der Politik streitet man, ob der Aufschwung 1,2, 1,3 oder 0,9 Prozent sein wird. Doch in den Unternehmen selbst geht es nicht um Zehntel, sondern um ganze Zehnerstellen. Es gibt heute Geschäftsführer die eingestehen, dass die Prozentzahl eher bei vierzig und höher liegt. Es ist gegenwärtig eine der wichtigen Aufgaben, an der Motivation des Menschen, an seiner inneren Bewegung, zu arbeiten, denn hier liegen die Ressourcen für die Zukunft.

 

Um das von Jan Teunen angesprochene Ungleichgewicht der Welt zu überwinden, müssen die vom Haus und Haushalten hergeleiteten Begriffe Ökonomie und Ökologie in der Praxis miteinander verbunden und die Kluft von Wirtschaft und Kultur überbrückt werden. Damit Menschen motiviert sind, die Natur zu erhalten, ist auch die innere Natur der Menschen auszubilden. Deshalb müssen in Unterneh­men Strukturen geschaffen werden, die den guten Umgang der Mitarbeiter miteinander pflegen. So zeigen sich im guten Umgang mit anderen und in der Sorge um die Natur die beiden Elemente des Lebens wieder: der Wille zum Leben und die Liebe zum anderen – also Qualität.

 

 

IV. Naturstoff

 

Auch die Gegenstände enthalten Natur, die der Sorge wert sind. Diese Sorge ist das Erzeugen von Qualität. Gegenstände sind Produkte des Menschen. Sie sind das mit der Hand aus der Erde Herausgeführte. Ihre Basis ist wertvoller Naturstoff, der deshalb in eine angemessene Qualität der Produkte überführt werden muss. Einst gehörte das der Natur Entnommene den Götter, weshalb es sorgsam zu behandeln war. Dieses sorgfältige Herstellen hob das der Natur Entnommene in den Rang des Kostbaren. Hierin liegt ein Ursprung aller Ethik: Das Schonen des Gegenstandes war seine Schönheit, die ein Ausgleich für die Verletzung der Natur war. Die schöne und gute Gestalt war Ausdruck der Achtung vor der Natur.

 

Um Naturstoff unter den Bedingungen globalen Wirtschaftens zu schützen, wird eine Ethik erforderlich. Geld ist nicht der Motor des Lebens. Wie die Beispiele bei Krankheit und Verliebtsein zeigen. Geld ist nicht einmal der Antrieb für den Markt, denn im Kern sind Märkte Festtage und Orte intensiver Lebensgestaltung, in denen Austausch und Information, Kommunikation und Tausch gleichwertige Elemente sind.

 

Kunden sind diejenigen, die Produkte erwerben. Ursprünglich sind sie Bekannte, die in einem Geschäft Infor­mationen einholen und kommunizieren, bevor sie kaufen. Zwar greifen als anerkannte Gestalter Unternehmer und Designer, Manager und Künstler aktiv in das Leben ein und steuern durch ihre Produkte den Konsum, weshalb Führungskräfte Vorbildfunktion haben, doch auch das Umgekehrte gilt: Kunden sind Gestalter, die über den Konsum die Produkterzeugung steuern. Je kritischer und aktiver Kunden sind, desto nachhaltiger lassen sich die Natur und die Menschen schonen.

 

Nun möchte ich die drei Begriffe Qualität, Motivation und Naturstoff zusammenfügen. Die Arbeit an der Qualität der Produkte (das ist der gute Umgang mit dem Naturstoff) und die Arbeit an der Qualität des Sozialen (das ist die Motivation oder der gute Umgang mit dem Menschen) erhöht die Lebensqualität und ist die Bereicherung von Unternehmen durch das gesellschaftliche Engagement. In diesem Engagement werden Ökonomie und Ökologie zusammengeführt, werden zu einem Ganzen. Ohne Motivation gibt es keine Qualität und keinen sorgsamen Umgang mit dem Naturstoff. Qualität ist die Moral des Produkts.

 

So führt Lebensqualität zu einem inneren Design, das in der äußeren Gestaltung – dem Design – sichtbar wird. Deshalb ist Lebensqualität eine Grundlage und ein Maßstab für jedes Design. Darüber hinaus führt sie zu einer Existenz, in der die Würde moderner Menschen zum Ausdruck kommt.

 

 

V. Weltethik

 

Eine moderne Ethik muss eine Weltethik sein und könnte der Leitidee des Chinesen Meng Tzu folgen, der sagt: „Es ist möglich, als großer Mensch zu handeln“. Mit diesem einfachen und optimistischen Satz möchte ich enden und möge er ein Paradigma werden für unser aller berufliches und kulturelles, unser privates und gesellschaftliches Engagement.

 

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

© Hajo Eickhoff 2005

 

 

 

 

Hajo Eickhoff

 

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24. September 2017

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