für den Internetauftritt bei Bene Büromöbel, 2009 

 

 

DIE ERFINDUNG DES BÜROS

 

 

 

I. Tisch, Buch und Scriptorium

 

 

Wie kommt das Büro in die Welt

In der modernen Welt sind Büros bedeutsame Orte. Denn die moderne Arbeit ist wesentlich Büroarbeit. Von Büros aus werden Unternehmen geführt, politische Ordnungen gelenkt, wissenschaftliche Neuerungen entwickelt und globale Prozesse vorangetrieben. Auch Arbeitsräume wie Arztpraxen und Lehrerzimmer oder Zwischenräume wie Foyers, Flugzeuge und Cafés wandeln sich zu Büros.

Das traditionelle Büro dient der Ordnung und Bilanzierung des Handels sowie der Organisation der Produktion mit den dazugehörigen Abläufen von Einkauf, Verwaltung und Vertrieb. Moderne Büros ordnen, organisieren und verwalten auch geistige Produkte wie Logistik, Arbeitsstrukturen, Design und eine Vielzahl von Projekten – ohne zwingenden Bezug auf materielle Güter.

Doch wie kommt das Büro in die Welt? Wie ist es entstanden und wie hat es sich entwickelt?

Das Büro entsteht vor 800 Jahren und ist eine Erfindung der Mönche. Aber bevor es – im 13. Jahrhundert – zu einer professionellen Institution wird, hat es bereits eine Jahrhunderte dauernde Vorgeschichte.

 

Das Kloster

Die Vorgeschichte des Büros beginnt im Kloster, als der Mönch und Heilige Hieronymus um das Jahr 400 das Alte Testament ins gesprochene Latein übersetzte. In den nachfolgenden Jahrhunderten lassen viele Klöster den Hieronymus-Text die Vulgata kopieren, der noch heute ein verbindlicher Bibel-Text ist.

  Klöster sind Unternehmen. Religiöse, soziale und wirtschaftliche Produktionsstätten materieller und geistiger Güter. Sie sind die Stätten, in denen die antike Kultur bewahrt wird durch das Abschreiben und Übersetzen alter Papyrus- und Pergamentrollen – der ältesten Buchform – und die Weitergabe ihrer Ideen.

  Das Klosterleben ist meist durch Ordensregeln bestimmt. Sie machen das Kloster zu einer einheitlichen Institution und sorgen für Verbindlichkeit, die ein Gemeinschaftsleben, die Vita communis anregt - eine Art Teamarbeit.

Da Klosterinsassen angehalten sind, asketisch zu leben, moralisch zu denken und planvoll zu arbeiten, sind die meisten Klöster neben Kulturzentren auch wohlhabende Einrichtungen und ihre Vorsteher genießen oft mehr Ansehen und haben mehr Einfluss als Könige, Fürsten und Bischöfe.

 

Die drei Elemente des Büros

Von Anbeginn an charakterisieren drei Elemente das Büro: Buch, Tisch und Raum. Sie bauen aufeinander auf und sind bis heute mit den dazugehörigen Büroutensilien wie Papier, Tinte, Radiergummi, Leder, Gefäß, Farbe und Federkiel, die im Verlauf der Geschichte ihre Form wandeln, Werkzeuge der Büroarbeit. Wenn auch der PC das wichtigste Werkzeug geworden ist.

 

Das Buch

Die Basis für das Büro ist das Buch. Für dieses Buch werden eine Unterlage und ein Raum erforderlich. Bücher bilden eine wesentliche Grundlage in der Kulturentwicklung des Abendlandes. Sie sind Kulturspeicher, die das kulturelle Wissen und Können bewahren, pflegen und entwickeln. Die den Buchrollen nachfolgende Buchform ist der römische Codex, der sich im dritten nachchristlichen Jahrhundert durchsetzt. Er besteht aus gefalteten, übereinander gelegten und lose zusammen gehefteten Pergamentblättern. Gebundene Bücher können Mönche erst mit der Entwicklung von Papier im 13. Jahrhundert herstellen. Der Text wird mit der Hand geschrieben und der erste Buchstabe einer Seiten reichhaltig ausgemalt. Die Buchdeckel bestehen aus Holz und sind mit Leder oder Pergament bespannt, die kunstvoll verziert sind.

 

Der Tisch

Die Erfindung des Büros ist eigentlich die Erfindung des Tisches mit aufgelegtem Tuch. Der Tisch – das sind zwei Böcke mit aufgelegten Brettern. Um den kostbaren Buchumschlag nicht zu beschädigen, kennen die Mönche zwei Methoden: Sie legen zwischen Tisch und Buch ein Stück Tuch – die Burra –, aus dem sich das Wort Büro herleitet. Oder sie hämmern fünf Nägel in die Buchdeckel, um den Kontakt des Umschlags mit den groben Tischbrettern zu vermeiden. Die Nägel sind Teil der Ästhetik des Umschlags.

Erst im 13. Jahrhundert erhalten Tische eine schräge Auflage. An einem solchen Katheder auf einem Stuhl sitzend wird Hieronymus im Zeitalter der Renaissance dargestellt. Jedoch gab es zu seiner Lebenszeit weder Stühle noch Kathedertische, noch gebundene Bücher.

 

Der Raum

Das dritte Element ist der Raum. Er heißt zunächst Schreibstube, lateinisch Scriptorium, dem scribere für schreiben zugrunde liegt. Am Ende erhält der Raum, in dem Bücher produziert werden, den Namen des Tuches, das zwischen Tisch und Buch gelegt wird. Es handelt sich um das Tuch der Mönchskutte – der Burra. Zuerst wird im 17. Jahrhundert der Tisch, den die Burra bedeckt, Büro genannt, und im 19. Jahrhundert wird der Raum, in dem der mit Filztuch bedeckte Tisch steht, zum Büro. In der Bezeichnung verschmelzen Arbeitsraum und Tisch.

 

Das Büro

Im 13. Jahrhundert wandelt sich die mittelalterliche Standesgesellschaft. Durch Handel und Handwerk gewinnt das Bürgertum an politischem Einfluss und Mönche entdecken die Natur und die Welt der sinnlichen Dinge. Es ist die Zeit der Scholastik – die Gedankenwelt des Spätmittelalters. In den neu errichteten Städten entstehen Dom- und Klosterschulen und Universitäten, die die Wissenschaft vom christlichen Glauben lösen. Die Wissenschaft, die bis dahin die Glaubensinhalte der Heiligen Schriften begründet, entdeckt nun die erfahrbare Welt und wendet sich dem Studium der Natur und der Moral, der Biologie und der sinnlichen Erfahrung des Menschen zu. Sie trennt Glaube und Philosophie strikt voneinander, ordnet sie neu und entwickelt Methoden und Wissen, das der modernen Welt ein Jahrhundert später zum Durchbruch verhilft.

Die Ausweitung der Buchproduktion aufgrund dieser Bildungsstätten lässt den neuen Berufsstand des Schreibers entstehen. Auch Studieren bedeutet in dieser Zeit das Herstellen von Büchern. Wer in Vorlesungen drei oder vier Bücher geschrieben hatte, konnte sich zur Prüfung anmelden. Aufgrund ihrer Bürokenntnisse arbeiten Mönche später in der Verwaltung der Höfe und bürgerlicher Unternehmen. Seit dem 13. Jahrhundert bilden Buch und Tisch ein festes Paar, das als Instrument des Lernens, Wissens und Organisierens eine gewaltige Wirkung auf die abendländische Kultur ausübt. Mit dem Berufsschreiber ist das Büro als eigenständiger Raum erfunden – wenn es auch noch nicht den Namen trägt.

Mit dem Interesse des 13. Jahrhunderts an Schule und Wissenschaft entstehen Kommentare zu den heiligen Texten und immer häufiger auch individu­elle Texte, womit sich eine neue Zeit, die Renaissance ankündigt. Jetzt gilt es als modern, sich mit der Kultur der Antike zu beschäftigen. Das Büro wird dabei von seiner religiösen Bestimmung gelöst – und der modernen Welt der Weg geebnet.

 

Was wir vom Kloster lernen

Das große Verdienst der Klöster liegt in ihrem Engagement für Kultur und Gesellschaft. Nonnen und Mönche betrieben Seelsorge und bewahrten die Kulturgüter der Antike. So erweist sich die Büroarbeit von Anbeginn an als Kulturarbeit. Interessanterweise waren Klöster immer dann erfolgreich und entwickelten sich zu wohlhabenden Unternehmen, wenn sie sich eine Ordensregel gaben, denn so unterstand das Klosterleben einer einheitlichen Idee, die ein Gemeinschaftsleben anregte, die Vita communis – die zur Teamarbeit führte. In der Teamarbeit, der rationalen Lebensweise, der disziplinierten Büroarbeit und der moralischen Gesinnung durch das Engagement für Gesellschaft, Natur und Mensch übernahmen die Klöster eine gesellschaftliche Verantwortung. Darin waren sie erfolgreich und Vorbild für die moderne, bürgerliche Welt.

 

 

 

II. Das improvisierte Büro

Kontor und Kanzlei der Renaissance

 

 

Aufgabe und Gestalt des neuen Büros

Die Renaissance ist eine Epoche des Aufbruchs und des Übergangs. In jener Zeit entwickelt der Mensch Arbeitszusammenhänge, die nach ei­ner Raumform verlangen, die typisch wird für das, was wir heute unter Büro ver­stehen.

Grundlage für das Büro der Renaissance sind Schreiben, Bilanzieren und Rechnen. Die Werkzeuge sind – wie im klösterlichen Skriptorium – immer noch Feder und Tin­tenfass, Papier, Radiergerät und Farbe, jedoch erweitert um Rechenbrett, Waage und Siegelwachs.

Was aber charakterisiert das Büro, das erst auf dem Weg ist zu sich? Das Büro ist das Versammelnde. Nicht, weil es Menschen versammelt, sondern weil es einen besonderen Arbeitsbereich versammelt. Das Renaissancebüro ist ein informeller, improvisierter Raum, auf dem Weg zu einer Raumform, die Jahrhunderte später zu einer zentralen gesellschaftlichen Institution wird – zum modernen Büro.

 

Aufbruch in die moderne Welt

Die Renaissance ist eine Zeit der Entdeckungen und Erfindungen. Und wie sie Aufbruch und Übergang ist, so befinden sich auch der Mensch und das Büro im Aufbruch und Übergang – in Innovation und Improvisation. Der Mensch gewinnt ein neues Lebensgefühl, erneuert sein Denken, Verhalten und seinen Glauben und sucht für seine gewandelte Lebensform neue, geeignete Raumformen.

Zum Ende des Mittelalters gewinnen die Bürger an politischem Einfluss und holen die Lebensweise der Mönche und die klösterliche Produktion und Geistigkeit in die außerklösterliche Welt. Sie unterziehen das gesellschaftliche Leben einer radikalen Kritik und erklären für unwert, was den neuen Idealen nicht standhält. Wenn jedoch das Alte nicht mehr gilt und zukünftige Werte noch nicht gefestigt sind, ängstigt das Neue. Zugleich motiviert es und lässt den Menschen zu neuen Ufern aufbrechen.

Renaissance heißt Wiedergeburt und meint das Beleben der antiken Kultur. Von Italien ausgehend breitet sie sich im 14. Jahrhundert als intellektueller und künstlerischer Individualismus aus und bringt großartige Schöpfungen in der bildenden Kunst, der Literatur, den Naturwissenschaften und in der Philosophie hervor. Philosophen, Mönche, Künstler und Wissenschaftler wie Galileo Galilei, Erasmus von Rotterdam, Martin Luther, Michel Montaigne und Nicolò Machiavelli wenden sich von den Ideen klerikaler und weltlicher Autoritäten ab und vertrauen der eigenen Erfahrung und Vernunft. So auch der Ingenieur, Philosoph und Künstler Leonardo da Vinci, der die Wahrheit nicht mehr aus der Bibel ableitet, sondern aus der Erfahrung – der „Mutter aller Erkenntnis".

 

Die Stadt – Ort der Wandlung

Die Wende spielt sich in der Stadt ab. Die Aufbruchsstimmung der Bürger fördert Kreativität und weitet Bedürfnisse, die dazu führen, dass das Handwerk verfeinert, die Technik revolutioniert, die Bildung verbessert und der Handel angekurbelt werden. Diese Veränderungen steigern den Schriftverkehr und lassen Verwaltungs-, Rechts- und Regierungsarbeiten anwachsen. Verträge müssen abgefasst, Leistungen berechnet und Dokumente archiviert werden, so dass neue Berufe wie Bankfachleute entstehen und Juristen, Rechenmeister und Buchhalter Hochkonjunktur haben. Mensch und Raum werden in der Renaissance zu eigenständigen Wesenheiten, die sich in den folgenden Jahrhunderten entfalten.

 

Die Improvisation von Individuum und Raum

In der Renaissance nimmt der Bürger den Menschen als eigene Substanz wahr. Als Individuum, das seine Erfüllung im Verfolgen eigener Interessen sieht und sich als Mitschöpfer der Welt erkennt, als Homo faber, der stolz, selbstbe­wusst und mit Vernunft sein Leben meistert. Gott ist nicht mehr die Mitte der bürgerlichen Existenz, sondern einer von mehreren Orientierungspunkten. Das bürgerliche Individuum entwickelt seine bürgerliche Berufswelt.

In der Renaissance nimmt der Bürger den Raum als eigene Substanz wahr, als räumliches Vermögen, denn Individuum, Handwerk, Technik, Bildung und Handel führen zu einer neuen Vorstellung von Mensch, Arbeit und Raum. Sie zwingen den Bürger, angemessene Raumformen für die neuen Berufe zu entwickeln, in denen sie sich und ihre Berufe einrichten können. Dementsprechend waren die ersten Räume Improvisationen für seine Tätigkeit und für die Ausübung seiner Macht.

 

Fernhandel, Frühkapitalismus und Banken

Die Wirtschaftsform des Frühkapitalismus löst den mittelalterlichen Feudalis­mus ab, der sich auf Grund und Boden und Abgabenpflicht stützt. Demgegenüber gründet sich der Kapitalismus auf Privatbesitz an Produktionsmitteln, auf die Gesetze des Marktes und die Vertragsfreiheit von Unternehmer und Tätigem. Gestützt wird der Kapitalismus durch zwei religiös motivierte Ideen: das asketische Prinzip der Klöster „Bete und arbeite" und die Lehre des Reformators Jean Calvin. Calvin geht davon aus, dass Sparsamkeit, Fleiß und harte Arbeit zu wirtschaftlichem Erfolg führen, der ein Zeichen der Prädestination, eine Gnade Gottes ist. Verbunden mit der rationa­len Arbeitsform der Mönche – Standortanalyse, Planung und geordnete Arbeit – bringt das Bürgertum Europa kulturellen und materiellen Reichtum, denn die Devise der Renaissanceunternehmer heißt mit Calvin: „nicht konsumieren, sondern investieren".

Die neue Wirtschaftsform braucht Banken, da Unternehmen immer größere Investitionen tätigen müssen, die weder Einzelne noch Kommunen aufzubringen vermögen. So gründen sich in wohlhabenden Städten die ersten Banken, deren Familien großen politischen Einfluss gewinnen wie die Fugger in Augsburg, die Medici in Florenz und die Rothschild in Frankfurt. Zugleich sind der wachsende Fernhandel und die umfangreiche Güterproduktion risikoreich und rufen nach Versicherungen, die mit den Banken den Papierverkehr vervielfachen und nach intelligenten Raumordnungen verlangen, wie sie im Kontor und in der Kanzlei angelegt sind.

 

Kontor und Kanzlei                                                                                                                                               Das Kontor entsteht, wenn der Handel zur Geldwirtschaft wird. Es ist der unstrukturierte, improvisierte Arbeitsraum des Kaufmanns. Kontorarbeit ist Buchführen – zahlenmäßiges Gegenüberstellen der Geschäftsvorgänge –, Abwickeln des Schriftverkehrs, Rechnen und Kalkulieren neuer Projekte. Kontore waren auch Lagerräume, in denen Güter kontrolliert und Münzen gewogen wurden, um Anteil und Qualität des in ihnen enthaltenen Edelmetalls zu ermitteln.

Die ersten Räume sind Orte der Repräsentation bürgerlicher Wohlhabenheit. Informelle Räume, denn Verwalten, Ordnen und Organisieren fanden zwischen Tür und Angel statt – in der Kirche, auf dem Markt, im Freien. (Abb. 1) Den Begriff Kontor prägte die Hanse, deren ausländische Niederlassungen Hof, Halle oder Haus und seit 1400 Kontor hießen. Etymologisch stammt Kontor vom französischen Wort comptoire, das auf das lateinische Wort computare zurückgeht und zusammenrechnen heißt, weshalb Rechenmeister der Renaissance auch Computer genannt werden. Rechnen wird immer wichtiger, denn Handel heißt gut rechnen können – begrenzt meist auf Addieren und Subtrahieren. Gerechnet wird auf dem Abakus (Abb. 2), einem aus China stammenden Rechenbrett – vielfach noch heute in Gebrauch. In der Renaissance wird er abgelöst durch den Rechentisch mit Linien, später durch das Rechnen mit Ziffern und Dezimalsystem, die aus Indien stammen.

Die Kanzlei ist der unstrukturierte, improvisierte Arbeitsraum des Juristen und Beamten. Eine Behörde der Regenten und der Städte. Schon das Römische Reich kennt die Kanzlei, seit dem 4. Jahrhundert auch die apostolische Kurie. Für ihre Kanzlei wählten die fränkischen Könige einen Kanzler, der der Verwaltung vorstand. Die Kanzlei bezeichnet zunächst eine Institution, keinen Raum, wie das Kontor, das sich vom Hof über die Halle zum Haus verengt, bis es in der Barockzeit zum typischen Raum der Büroarbeit wird.

 

Die Erfindung der Büromöbel

Büros zeigen sich bereits in ihrem Anfang als Schnittpunkt sozialer, wissenschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Strebungen. Ein Raum der Improvisation, der bald zum Ort einer besonderen Haltung wird – dem Sitzen.

Im Mittelalter stehen Mönche im Skriptorium ebenso an ihren Schreibpulten wie in der Renaissance Kaufleute im Kontor und Juristen in der Kanzlei. Doch mit der Renaissance ziehen nach und nach Tisch und Stuhl in die wohlhabenden Kontore und Kanzleien ein. Mit ihrer Ausweitung festigen sie die disziplinierende Haltung, die Stuhl und Tisch fordern. Im Zusammenhang mit dem Bilanzieren, Wägen und Rechnen wird aus dem transportablen Rechenbrett der Kontor-Tisch entwickelt. Den festen Tisch gibt es bis dahin weder in Privathäusern noch in Arbeitsräumen, sondern er ist eine Erfindung der Renaissance für die neuen Berufe.

Auch der Stuhl ist eine Erfindung der Renaissance, denn bis dahin sind stuhlartige Objekte Throne. Herrschersitze, die allein Königen gebühren, oder heilige Sitze wie Bischofsthron und Chorgestühl. Mit der Aufwertung der bürgerlichen Klasse nehmen sich Bürger das Recht, die Haltung sitzender Herrscher zu imitierten und den geheiligten Herrschersitz zum alltäglichen Gerät – zum Berufsstuhl zu machen und das Sitzen in die Berufswelt einzuführen.

So finden Kontorist und Kanzlist noch nicht den geeigneten Gesamtraum, aber Stuhl und Tisch arrangieren erstmals einen Platz, eine zentrale Stelle, die von ihrer Struktur her – als Stuhl und Tisch oder als Sitzplatz – geeignet ist, Tätigkeiten des Ordnens, Bilanzierens und Verwaltens auszuüben. Das Einüben der Fähigkeit, an diesem begrenzten Ort ruhig und konzentriert arbeiten zu können, ist ein Kampf um den Körper des im Kontor oder in der Kanzlei Angestellten, eine langwierige und immer wieder von Rückschlägen aufgehaltene Disziplinierungsprozedur – die bis heute nicht abgeschlossen ist. Stuhl und Tisch bilden den Ort, um die herum sich das moderne Büro entfaltet.

 

 

 

III. Das aufgeklärte Büro

Die Aufklärung in Leben und Arbeit

 

 

Aus Kontoren, Skriptorien und Kanzleien sind im 18. Jahrhundert, der Epoche der Aufklärung, Ideen zu einem einheitlichen Raumtypus entwickelt worden, der erst mit Beginn der Industrialisierung realisiert wird. Denn die Räume werden zwar nach bürotechnischen Funktionen eingerichtet, sind jedoch noch nicht speziell für die Büroarbeit errichtet worden. Das Büro wird aber bereits ein wichtiger Ort der Kreativität und dient der Rationalisierung, dem Entwerfen, der Planung und Entwicklung unterschiedlicher Arten von Arbeit.

Die Epoche der Aufklärung ist ein Höhepunkt der Wissenschaften und der Manufakturen. Erreicht ist eine Stufe zwischen Handwerk und Industrie, in der die organisierende und verwaltende Tätigkeit zunimmt. Die Bürotätigkeit bleibt nicht länger dem Handel vorbehalten, sondern wird Teil der praktischen und wissenschaftlichen Arbeit wird. Das Ordnen, Archivieren, Korrespondieren und Verwalten ist eine Begleiterscheinung des Handels ebenso wie der Produktion, der Verwaltung des Staates und der Bildung. Dies erfordert neben handwerklichen Fähigkeiten das Lesen und Schreiben, logisches Denken und Rechnen. Handelshäuser, Behörden, Fabriken, Schulen und Universitäten richten sich Büros ein, die immer noch Kontor und Kanzlei heißen, sich aber differenzierten zu Amtsstube, Geschäftszimmer und Sekretariat.

Der aufgeklärte Mensch glaubt, er könne sich bei der Einrichtung der Berufswelt von Märchen, Mythen und von der Religion freimachen und sich allein auf die Vernunft verlassen, wobei er als vernünftig das systematische und methodische Vorgehen ansieht. Zur Ausführung und Beherrschung der Büroarbeit muss der Mensch lernen, sich auf geistige Vorgänge zu konzentrieren. Eine Fähigkeit, die er in der Schule und während der Ausübung des Berufs erwirbt.

 

Arbeit als Bildung und Menschwerdung

Alles, was die Aufklärung berührt, wird erhellt, erhöht. Die Arbeit wird aufgewertet und wendet sich gegen den durch Geburt bestimmten Adel. Arbeit wird neu bewertet. Wird sie in der Antike als minderwertige Tätigkeit angesehen und im Mittelalter als Plage und Mühsal, sieht die Aufklärung in der Arbeit ein Mittel der Menschwerdung und der Emanzipation der Bürger. Im 18. Jahrhundert bringt sie dem Bürgertum den Aufstieg zu einer führenden Klasse und macht Arbeit zu einem Bildungsprinzip. Da sich Büroarbeit durch Ordnung und Archivierung als sehr produktiv erweist, geniest sie ein hohes Ansehen.

Aufklärung ist eine Vorbereitung auf die Schulpflicht, die in einigen Teilen Europas bereits zum Ende des 18. Jahrhunderts eingeführt wird. In der Schulpflicht geht es um die Vermittlung eines allgemein verbindlichen Bildungsprogramms und um Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten. Die Bürgerkinder werden ausgebildet, um für das geistige Arbeiten ebenso wie für kaufmännische, handwerkliche und verwaltende Berufe das nötige Wissen zu erwerben.

 

Das Büro wird eigenständig

Das aufgeklärte Büro bedeutet das Arbeiten nach Methoden. Nach Logik und Systematik – die eine Abstraktionsfähigkeit erfordern. In der Abstraktion liegt ihre hohe Produktivität.

Im aufgeklärten Büro hat sich die Tätigkeit des Menschen grundlegend gewandelt – von der Arbeit auf dem Hof und dem Acker zum Arbeiten in der Werkstatt, im provisorischen Büro und zum Arbeiten im aufgeklärten Büro. Es ist der Wandel von der Arbeit unter freiem Himmel zum gelegentlichen Aufenthalt in Räumen hin zum ständigen Arbeiten in geschlossenen Räumen. In der Epoche der Aufklärung wird das Büro eigenständig, da es sich allmählich von den privaten Räumen trennt.

 

Alles wird aufgeklärt

Aufklärung ist kein Vorrecht der Philosophie, wie sie programmatisch im Satz von René Descartes (1596-1650) „Ich denke, also bin ich“, in der Schrift von John Locke (1632-1704) „Versuch über den menschlichen Verstand“ und in dem Werk von Immanuel Kant (1724-1804) „Kritik der reinen Vernunft“ vorkommt. Aufklärung als Denken, Verstand und Vernunft durchwebt die ganze Gesellschaft und zeigt sich in der Politik der europäischen Staaten als aufgeklärter Absolutismus: Ludwig der XIV. (1638-1715) führt das Merkantilsystem ein und fördert das Bürgertum zuungunsten des Adels. Maria Theresia (1717-1780) begrenzt den Einfluss der Kirche auf den Staat und schafft Leibeigenschaft und Folter ab. Und Friedrich der Große (1712-1786) unterhält ein straff organisiertes Beamtentum zur Wohlfahrt der Bürger.

Um im aufgeklärten Büro arbeiten zu können, mussten Beamte, mathematisch versierte Kaufleute und Versicherungsexperten, Geistesarbeiter und Kanzleiarbeiter erst zu Büromenschen erzogen werden. Denn nicht nur der Mensch ordnet das Büro, sondern das Büro zwingt den Menschen in eine neue Ordnung des Denkens, Fühlens und Verhaltens.

Eine Begleiterscheinung der Aufklärung ist eine gewisse Verdunkelung und Begrenzung des Menschen, denn Büroarbeit ist Verlust an Licht und an Beweglichkeit. Im Büro ist das Tageslicht mindert, die frische Luft reduziert, ein strenges Einhalten von Zeit fordert und vielfach Bewegung und Beweglichkeit eingeschränkt.

 

Auf Leben und Tod

Die Schwierigkeit der Anpassung an das Büro zeigt sich bereits im 16. Jahrhundert. Der Fall eines jungen Adligen in der Hofkanzlei Maximilians I. offenbart das Drama der disziplinierenden Büroarbeit und zeigt den erbitterten Widerstand des Menschen gegen das strikte Einhalten ungewohnter Zeit- und Körperordnungen. Der Adlige hatte Kopien eines Textes anzufertigen, die er nur teilweise erledigte, weil er immer wieder spazieren ging. Die Ermahnung an seine Pflicht brachte ihn in Rage, die sich in der Kanzlei zum Kampf auf Leben und Tod steigerte. Die Kanzleimitarbeiter mussten sich verbarrikadieren, denn der junge Adlige lief aufgeregt mit gezücktem Schwert von Tür zu Tür und suchte seine Lebensweise gewaltsam zu behaupten. Den bürgerlichen Kanzleiarbeitern erschien er arbeitsscheu, da sie nicht begriffen, dass seine fremde Lebensart aus der veränderten Welt resultierte, in die er sich noch nicht einfügen konnte. Zwar schrieben Verordnungen vor, dass niemand vom Kontortisch aufsteht und umhergeht, doch dem Adligen schien nicht möglich, an einem Ort zu bleiben, da er gewohnt war, sich frei zu bewegen und er bewegt war von Stolz und Leidenschaft.

 

Disziplinierung – das Wesen des Büros

Die Disziplinierung des Körpers und die Eingewöhnung zum Bleiben an einem begrenzten Ort, aber auch die Widerstände dagegen durchziehen die moderne Welt bis heute. In Kontoren, Kanzleien und Büros ebenso wie in Manufakturen, an Fließbändern und in Universitäten und Schulen. Ein Ansporn zur Disziplin und zum Bleiben an einem Ort ist, dass Büroarbeit in der Epoche der Aufklärung aufgewertet wird und ihre Ausübung sich mit dem Stolz verbindet: der Fähigkeit der Selbstbezähmung, so dass nicht Herkunft und Abstammung, sondern Körperbeherrschung, Bildung und geistige Arbeit den Büroangestellten adeln. Wem es gelingt, für längere Zeit auf seinem Platz zu bleiben, hat die Zeichen der Zeit erkannt. Je mehr sich Planung, Archivierung und Korrespondenz ausweiteten, umso mehr kann sich der Kontorist nur noch mit Dingen beschäftigen, für die er als Unterlage einen Tisch benötigt.

 

Büromöbel

Die disziplinierte Büroarbeit erfordert eine neue Ordnung der Dinge, die ein neues Mobiliar nach sich zieht. Hauptmöbel seit der Aufklärung sind Stehpult, Stuhl und Bureau – der Schreibtisch mit aufgelegtem Filztuch. Ihnen kam die Aufgabe zu, den notorischen Spaziergänger aufzufangen und festzuhalten und ihm die Fähigkeit zu geben, sich dauerhaft an einen Ort zu binden. Stehpult und Tisch bestehen bis ins 19. Jahrhundert gleichrangig nebeneinander.

Das Stehpult ist sich im Kloster entstanden und bleibt bis heute ein gebräuchliches Möbel. An ihm steht der Büroarbeiter. Aus dem Stehpult hat sich das Bureau entwickelt.

Das Bureau ist ein Schreibtisch – ein kompaktes Büro auf engstem Raum. Ausgestattet mit Schreibflächen, Schubladen und Ablagen. Es leitet sich vom Schreibschrank oder dem Sekretär ab und ist ein komplettes Büro wie ein Home-Office. Das Bureau gibt es seit Beginn des 18. Jahrhunderts. Sein Name wird auf den Raum übertragen, in dem es steht und macht den Raum mit Bureau zum Büro.

In dieser Zeit entsteht die Redensart, eine Entscheidung „vom grünen Tisch aus“ zu treffen. Darunter wird verstanden, dass eine Sache theoretisch zwar begründet ist, für die Praxis jedoch nicht taugt. Oder nur unter erheblichem Aufwand durchführbar ist. Es handelt sich um Entscheidungen ohne Praxisnähe. Die meisten Amtstische waren mit grünem Filz überzogen. Jedoch nicht nur, um, wie im Kloster, Bücher und andere Utensilien zu schützen, sondern weil auf den Tischen Münzen geworfen wurden, um den Edelmetallgehalt zu ermitteln.

Mit dem Schreibtisch etabliert sich der Stuhl. Die Stühle der Zeit ähneln nicht modernen Bürostühlen, sondern Stühlen, die sich an klassischen Formen orientieren wie dem ägyptischen Pharaonenthron, dem griechischen Klismos oder dem römischen Kaiserthron. Die Stuhlgestalt ändert sich erst mit dem ersten in Massen herstellbaren Stuhl – dem Wiener Kaffeehaus-Stuhl von 1859. Doch trotz Etablierung des Stuhls wandelt sich die Bezeichnung des Vorstehers erst im 20. Jahrhundert in jene des Vorsitzenden – die Präsidenten.

 

Kameralistik – die Wissenschaft von der Verwaltung

Im 18. Jahrhundert hatte sich das Verwalten, Ordnen, Finanzieren und Archivieren so weit entwickelt, dass sich daraus eine Wissenschaft etablierte. Kameralistik – erdacht vom österreichischen Hofrat Johann Mathias Puechberg – ist die Wissenschaft für Kammerbeamten, eine Lehre über die innere Ordnung eines Gemeinwesens. So wie Büroarbeit die innere Ordnung von Unternehmen und Institutionen regelt.

Kameralistik ist die Lehre von der Ökonomie und vom Haushalten. Einerseits die Lehre von Handel und Gewerbe, andererseits die Lehre von der Verwaltung, Ordnung und Finanzierung des Staates. Es sind diese Ideen, aus denen die räumliche Struktur des Industriebüros entwickelt wurde.

 

 

 

IV. Das emsige Büro

Die Industriefertigung erzeugt eine Verwaltung

 

 

Von der Idee des modernen Büros zu seiner Realisierung

Die in der Renaissance eingeleitete Entwicklung von Handel, Handwerk und Bildung erreicht in der Epoche der Aufklärung eine erste Blüte, deren Basis die Technik ist, und gewinnt in der Epoche der Industrialisierung ihre entfaltete Gestalt, die sich in Fabriken, Großstädten und einem mechanistischen Weltbild ausdrückt. Als Antrieb dieses Fortschritts gelten Vernunft, Rationalität und der Freiheitsdrang des Menschen.

 

Geburtsstunde des modernen Büros: in der Manufaktur

Manufakturen sind erweiterte Handwerksbetriebe, gekennzeichnet durch Spezialisierung, Arbeitsteilung und Serienfertigung. Manufakturarbeit ist charakterisiert durch den Einsatz einfacher Maschinen. Diese neue Produktionsform differenziert auch die Büroarbeit, da die unterschiedlichen Tätigkeitsbereiche wie Planung, Korrespondenz und Vertrieb eng zusammengeführt sind. Da die raschen Produktionsabläufe einen hohen Grad an technischer und organisatorischer Raffinesse erfordern, werden erstmals Anforderungen an die Größe und die Raumstruktur eines Büros gestellt. Genügt bis dahin die Werkbank als Ort für Planung und Entwicklung, werden von da an die unterschiedlichen Bürotätigkeiten in einem eigenen Raum ausgeführt. Dieser Ort ist das Manufakturbüro, das die eigentliche Geburtsstunde des modernen Büros ist.

 

Von der Manufaktur zur Industrie

Von der Manufakturarbeit zur Fabrikfertigung erfährt das Büro eine rasche Entwicklung, denn mit der Mechanisierung und Verfeinerung der Arbeitsprozesse wird auch die Bürotätigkeit immer arbeitsteiliger.

 

Unternehmensgründungen

Die Industrie beginnt mit der Einführung der Dampfmaschine, die den Produktionsprozess mechanisiert. Industrieverfahren sind rationalisierte Fertigungsweisen der Massenfertigung, die den Handel internationalisiert und neuartige Berufe, ungekannte Bedürfnisse und neue Klassen von Gütern hervorbringen. Unzählige Unternehmen werden gegründet – Unternehmen für Planung und Über­setzung, Bildungseinrichtungen, Verkehrsbetriebe, kommunale und staatliche Verwaltungen, Unternehmen für Müllbeseitigung und Institutionen zur Bewahrung und Archivierung von Kultur- und Naturgütern wie Museen und zoologische Gärten.

 

Industrie als Emsigkeit

Industrie bedeutet eifrig und emsig – lateinisch industrius – und unterwirft die gesamte Gesellschaft einer unablässigen Emsigkeit. Es sind die Emsigkeit und die Rhythmen der Maschine, denen sich Industriearbeiter zu unterwerfen haben. Industrialisierung geht mit einer immensen Beschleunigung und Rationalisierung einher und führt zu typischen Formen der Herrschaft (kratos): in der Produktion zur Technokratie, in der Organisation von Unternehmen und politischen Einrichtungen zur Bürokratie und im Alltag zur Ratiokratie, der Herrschaft des Verstandes.

Industrie meint jedoch keine blinde Emsigkeit, sondern es geht um ein geordnetes, methodisches und diszipliniertes Arbeiten nach präzisen Vorgaben. Maschinen und Fließbänder werden zur Mitte der Fabrikation.

Für die Bürotätigkeit und ihre Organisation wird die Arbeit an der Maschine als ein geeignetes Modell angesehen, so dass nach und nach auch Büroarbeiter der Mechanisierung der Arbeit durch die Maschine unterworfen werden.

 

Das Industriebüro und die Angestellten

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts sind Kontor- oder Büroarbeiter Teil einer Familie, einer Hauswirtschaft. Sie sind gegenüber den Familienmitgliedern Arbeitskollegen, Hausgenossen, Mitbewohner des Hauses und unterstehen einem Hausherrn, dem Patriarchen, an den sie mit der ganzen Person gebunden sind. Die Industrialisierung setzt Büroarbeiter frei, so dass sie zu einem Kaufmann lediglich in einer Lohnabhängigkeit stehen. Mit der allmählichen Auflösung der Hausgemeinschaften verschwindet das Familienbüro und Kontoristen werden Angestellte.

Im Mittelalter begrenzten die Zünfte die Konkurrenz, indem sie die Anzahl der Gesellen und die Menge der Produkte limitierten. Dagegen setzt die Massenproduktion Arbeitsteilung voraus, die zur Differenzierung der organisatorischen Aufgaben und zur Arbeitsteilung im Büro führt. Indem das Familiäre und Öffentliche, das Lagern von Waren und das Improvisatorische, das ein Merkmal von Skriptorien, Kanzleien und Kontoren war, aus dem Büro ausgeschlossen werden, bietet sich die Möglichkeit, größere Räume und Säle zu Büros einzurichten und ihre Struktur den spezifischen Aufgaben anzupassen. In der Zeit der Industrialisierung werden Büros in Fabriken und in Mietshäusern eingerichtet.

 

Hierarchie der Räume

Ließ sich die Manufaktur von einem Raum aus leiten, benötigen Industriebetriebe mehrere Büros, die sie unter dem Dach einer Verwaltung zusammenfassen. Die unterschiedlichen Büroaufgaben drücken sich gemäß der erweiterten Funktionen durch die Massenproduktion in verschiedenen Berufen aus – Schreiber und Buchhalter, Lohnbuchhalter und Kassierer, Liquidator und Prokurist, Korrespondent, Kopist, Bürodiener und Lehrbursche. Eine strenge Hierarchie, die in der Größe und Ordnung der Räume ihren Ausdruck findet – zentrale, unruhige Bereiche für mittlere Angestellte, dunkle, unattraktive Raumabschnitte für Bürogehilfen und Lehrlinge. Wer in der Hierarchie höher steht, hat Anspruch auf einen gesonderten Bereich. Oder ihm steht ein eigenes, komfortables Büro zur Verfügung.

Verwaltung ist Ausdruck der Ausweitung der Produktion und der Differenzierung der Bürotätigkeiten und erfordert die Koordination der Tätigkeiten sowohl innerhalb eines Büros als auch zwischen den unterschiedlichen Büros.

Hier vollendet sich die Entwicklung von Name und Sache des Büros. Erst gibt es die Burra als Filzstoff der Mönchskutte, die Bücher schützt, dann das Bureau als Name für den Tisch, auf dem das Tuch liegt, bis Büro Name wird für den Raum, in dem der filzbedeckte Tisch steht. Am Ende heißt jeder Raum Büro, in dem organisiert und verwaltet wird – auch ohne filzbedeckte Tische.

 

Frau an der Schreibmaschine

Da der Ehrgeiz im Zeitalter der Industrialisierung darin besteht, jede Tätigkeit mechanisch ausführen zu lassen, kommen Geräte wie Rechen- und Schreibmaschinen ins Büro – die Schreibmaschine 1886.

Mit der Schreibmaschine gelangt die Frau ins Büro. Eine Empörung und Verstörung geht durch die Gesellschaft, durch Gewerkschaften, kirchliche Institutionen und Frauenvereine. Verstörung auch bei Männern, denn Arbeit – auch Büroarbeit – ist Männersache. Die Frau tritt offenbar ins öffentliche Berufsleben als Maschinenschreiberin ein, weil nicht genug Männer zu der Art Arbeit bereit sind. Viele Frauen sahen darin eine Chance, ein Stück Eigenständigkeit zu gewinnen und sich aus den abhängigen Hausgemeinschaften zu lösen. Um den neuen Beruf attraktiv zu machen, werden Maschinenschreibkurse angeboten und lukrative Wettbewerbe im Schnellschreiben veranstaltet. Da der Hersteller Remington mit jeder verkauften Schreib­maschine zugleich eine gelernte Schreibkraft vermitteln kann, wird die Schreibmaschine rasch zum Verkaufserfolg. Die Frau wird Angestellte.

Die maschinenschreibende Frau revolutioniert Büroarbeit und Büroleben. In Verbindung mit der Stenographie und der einheitlichen Schrift führt das Maschineschreiben zu einer Beschleunigung der Büroarbeit und mit dem Erscheinen der Frau wandelt sich das soziale Gefüge im Büro. Eine neue Kleiderordnung entsteht, neue Verhaltensregeln und feinere Umgangsformen werden ausgebildet. Die Frau bewirkt eine Erotisierung der Büroatmosphäre, so dass die Art, im Büro zu sein, für Männer etwas völlig Neues wird – das Büroleben wird bunter, ausgewogener, abwechslungsreicher und schneller.

Wird der Eintritt der Frau ins Büro zu Beginn diskriminiert, sogar als Pornographie angesehen, die ehrbare Bürgertöchter zerrüttet, lässt sich einige Jahrzehnte später der Status von Unternehmen dadurch anheben, dass sie sich eine Sekretärin leisten.

 

Die Rationalisierung des Büros – Ursprung des Rückenschmerzes

Nicht nur Arbeitsprozesse und Büroräume werden rational strukturiert, sondern auch einzelne Elemente des Büros werden diesem Prinzip unterworfen, wobei Schreibtisch und Stuhl besondere Bedeutung zukommen.

Der Ingenieur Frederick Winslow Taylor und der Arbeitspsychologe Frank Bunker Gilbreth entwickeln Methoden zur Bewegungseinsparung am Arbeitsplatz. Sie gehen davon aus, dass der Mensch wie eine Maschine funktioniert. Sie gliedern die Schreibtischauflage in Felder, die die Orte von Arbeitsmaterialien markieren und für sitzende Büroarbeiter einen systematischen Greifraum darstellen sollen. Um das Aufstehen überflüssig zu machen, werden Rohr- und Seilpost, Tabellen, durchdachte Durchschreibevorrichtungen und Rotoren zur Bearbeitung von Karteikarten entwickelt. Als gute Buchhalter gelten diejenigen, die nicht stört, dass ihre kreativen Impulse auf den Greifraum begrenzt bleiben.

 

Sitzende Tätigkeit

Mit der Frau an der Schreibmaschine etabliert sich endgültig das Sitzen im Büro. In zwei rechte Winkel geknickt unterstützt das Sitzen die Büroabläufe, denn in der Begrenzung der Physis bilden sich Disziplin und die Möglichkeit aus, sich auf innere, ordnende und denkende Abläufe zu konzentrieren. Darin liegt das enorme Vermögen des Sitzens. Allerdings hat es auch eine Kehrseite: Der Mensch baut im langen Sitzen – der physischen Unbeweglichkeit und der Konzentration auf das begrenzte Tätigkeitsfeld der Tischoberfläche – physisch ab, wird geistig und emotional spröde, kann Rückenschmerzen, sogar Bandscheibenvorfälle erleiden und könnte das aufrechte Gehen und Stehen verlernen. Selbst Tätigkeiten, die sich besser im Stehen und Gehen ausüben lassen, sollen sitzend verrichtet werden. Ein Beispiel: Da Bilanzbücher mehrere Meter breit sein konnten, wurden rollende Stühle entworfen, auf denen Büroarbeiter sitzend am Buch entlang fahren konnten.

 

Bewegung muss sein

Schon bald zeigt sich, dass langes Arbeiten an der Schreibmaschine in der Sitzhaltung und die Systematik und Statik des Taylorsystems die Menschen krank machen. Frauen können auf Grund von Sehnenscheidenentzündungen und Muskelverhärtungen in Händen, Armen und Schultern nur wenige Jahre an der Schreibmaschine arbeiten. Dennoch berücksichtigen Arbeitswissenschaftler und Orthopäden erst ein halbes Jahrhundert später physische Belastungen durch die scheinbare Unkörperlichkeit der sitzenden Bürotätigkeit. Erst da wird offenbar, dass langes Sitzen in weitgehender Bewegungslosigkeit eine Disziplin ist, zu der der Mensch nur bedingt taugt.

Bewegungseinsparung erhöht nicht nur nicht die Leistung, sondern macht den Menschen krank. Nicht die Einsparung von Bewegung, sondern Bewegung und ihre angemessene Ausführung erhöhen die Leistung und halten den Menschen gesund.

 

Büroarbeit eine gute Position

Mit der Industrie gewinnt das Büro Einfluss auf das Denken, Fühlen und Verhalten des Menschen. Das moderne Büro löst erst den Mann, später die Frau aus der patriarchalen Hausgemeinschaft und eröffnet Frauen eine Berufsperspektive jenseits von haushälterischer Tätigkeit. Die Arbeit beider Geschlechter an gemeinsamen Projekten macht Büroarbeit zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einer attraktiven Tätigkeit – zu einer Position.

 

 

 

V. Leidenschaften der Büroarbeit

Büroformen des 20. Jahrhunderts

 

 

Speicherleidenschaft

Von Beginn an bedeutet Büroarbeit Vervielfältigen, Ordnen, Ablegen und Wiedererkennen. Genau in der Reihenfolge. Die Arbeitsvorgänge von Unternehmen werden dokumentiert und bewahrt, um auf die vergangene Arbeit für unterschiedliche Belange zurückgreifen zu können. Im Verlauf der Geschichte haben sich nicht diese Aufgaben gewandelt, sondern Werkzeuge und Medien.

Büroarbeit ist die Verdinglichung des menschlichen Gedächtnisses. Was Angestellte nicht im Gedächtnis behalten können, muss in Speichermedien aufbewahrt werden. Daher die Leidenschaft der Vervielfältigung und Bewahrung. Sie dient dem Ordnen und Einordnen, dem Begründen und Wiederfinden vergangenen Tuns. Kurz – es handelt sich bei der Leidenschaft um das Dranbleiben und Dabeibleiben. Aufträge, Belege und Korrespondenzen, Einstellungen, Entlassungen und Umsätze, Gewinne und Bankvorgänge, Jahresbilanzen und Perspektiven müssen zugänglich bleiben und fordern systematische und umfangreiche Speichersysteme. Dazu hat die Büroarbeit im frühen 20. Jahrhundert Aktenordner, Karteikarten und Lochkartensysteme erfunden – danach folgen Disketten, Festplatten, Kompakt-Disks und Flash-Speicher, die Höhepunkte der Speicherleidenschaft.

 

Ordnungsleidenschaft

Wo Räume bewusst gestaltet werden, ist ihre Ordnung von den Aufgaben und Funktionen abhängig, für die sie vorgesehen sind. Daher sind die vielen kleinen Büros der Industrieverwaltung Ausdruck der Arbeitsteilung der produktiven Fabrikationsarbeit und der daraus folgenden Differenzierung der Speicherarbeit.

Diese Büroräume mit ihrem Arsenal unterschiedlicher Werkzeuge, Maschinen und Medien wie Aktenordner, Lochkarte und Telefon, wie Diktiergerät und Schreibmaschine, wie Tisch und Stuhl bilden die Büroordnung der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Sie geben der Verwaltung eine klare Gliederung und erlauben ein intensives Arbeiten in engen Räumen.

Doch mit dem Versuch, die Büroarbeit effizienter zu gestalten und der Fabrikarbeit anzugleichen, verschwinden die kleinräumigen Büros und es entstehen Bürosäle. Das sind großflächige, wie Fabrikhallen geordnete Räume, die aus zusammenhängenden, gleichgestalteten Raumelementen bestehen, die durch Fließbänder zu einer Einheit verbunden sind, die Informationen, Anweisungen und Akten zu den Arbeitsplätzen geleiten.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind nur etwa drei Prozent aller Beschäftigten von Produktionsunternehmen Büroangestellte, denn ihre Arbeit gilt als unproduktives Anhängsel der Fertigung. Dennoch hat sie sich durch die nutzbringende Rückwirkung auf die Fertigungsprozesse und durch den Eintritt der Frau in die Bürowelt zu einer begehrten Tätigkeit entwickelt. Allerdings haben sich Produktion und Verwaltung noch nicht gefunden.

 

Leidenschaft des rechten Winkels – der Staffel-Stuhl

Die Büroarbeit ist jene unter den Tätigkeiten, in der der Mensch das Sitzen leidenschaftlich kultiviert und unter Schmerzen erträgt. Eine Leidenschaft, die gern verspottet wird.

Das Standardmöbel des Büros ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein Stuhl des Orthopäden F. Staffel – ein Sitz mit einer kleinen, ebenen, unterschenkelhohen Sitzfläche und einer federnden Lendenrücklehne, befestigt an einer breiten Blattfeder. Die federnde Lehne soll den Sitzenden in jeder beliebigen Haltung stützen und nach Möglichkeit im rechten Winkel halten, was beides jedoch nicht gelingt. Dennoch wird der Staffel-Stuhl bei der Büroarbeit verwendet und, wo möglich, auch bei der Fabrikarbeit. Er gilt das Jahrhundert hindurch auch als Vorbild für den Automobilsitz.

Mitte des Jahrhunderts nimmt das Interesse an der Ergonomie des arbeitenden Menschen zu. Seine Maße und die Angemessenheit seiner Haltungs- und Bewegungsformen werden von Ergonomen und Orthopäden wissenschaftlich untersucht, um Auswege aus der starren rechtwinkligen Haltung und der Unbeweglichkeit der sitzenden Tätigkeit zu finden. Daraus sind neue Haltungskonzepte entstanden, aus denen Stehsitze, Sitzbälle, Kniestühle und andere alternative Haltegeräte hervorgegangen. Behauptet hat sich bisher allein der drehbare, auf fünf Rollen gelagerte und in alle Positionen verstellbare Sitz – der moderne Bürostuhl – als Norm und Standard für das Büro.

 

Leidenschaft der Versammlung – das Büro als Tisch

Das Büro zeigt seine versammelnde Kraft. Es versammelt die unterschiedlichen Leidenschaften und ihre Medien. Allerdings werden sie nicht durch das Büro als Raum, sondern durch das Büro als Tisch – als Burra, Bureau und Büro – versammelt. Dabei ist der Tisch immer den Haltegeräten wie Stuhl, Bank, Sessel oder Kniestuhl angepasst. Der Tisch ist die kommunizierende Fläche, die alles ordnet und zentriert. Tisch und Sitz bilden eine hocheffiziente Arbeitsbasis, die den Tisch zum Zentrum der speichernden und verwaltenden Tätigkeit macht und zur Mitte des Unternehmens – der Welt. Der Tisch ist eine fruchtbare Ebene und der moderne Acker des Menschen.

 

Leidenschaft der Kommunikation – das Großraumbüro

Infolge der Differenzierung der produktiven Arbeit und der Zunahme der Dienstleistungsunternehmen wie Banken und Beratungsunternehmen, Anwaltsagenturen, Versicherungen und Krankenkassen sowie durch die Verwissenschaftlichung der Betriebswirtschaft entsteht in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts der Gedanke, dass die unterschiedlichen Ordnungs- und Speicheraufgaben in einem Großraumbüro am besten durchgeführt werden können. Die unpersönlich, streng hierarchisch und vertikal geordneten Bürosäle und die starre Ordnung der kleinen Verwaltungsbüros, die für Angestellte wenig motivierend sind und dem modernen Verständnis von Arbeit widersprechen, werden verdrängt: Die neuen Leitideen folgen aus der Notwendigkeit der Zusammenarbeit an einem Projekt – der Teamarbeit.

Teams sind horizontal gegliedert. Das kommt in der Weite und Offenheit großer Räume zum Ausdruck. Sie erzeugen eine gute Atmosphäre und stellen eine Transparenz der Arbeit her. Großraumbüros haben den Vorteil, dass die Angestellten sich sehen und sich schnell austauschen können. Zum einen sollen Großraumbüros Kooperation, Diplomatie und Kommunikationsfähig fördern, zum anderen müssen die Angestellten dazu auch eine Bereitschaft mitbringen.

Kooperation, Horizontalität und Teamarbeit kommen im Großraumbüro auch in ihren Tischen zum Ausdruck, denn nicht ein einzelner Tisch bildet das Zentrum des Raumes, sondern den vielen Tischen entsprechen gleich viele Zentren, indem die Raumstruktur durch die verstreut angeordneten und gleichberechtigten Arbeitsplätze gebildet wird.

Doch schon nach wenigen Jahren wird offenbar, dass Großraumbüros Nachteile für das Arbeiten mit sich bringen. Die anfängliche Euphorie weicht der Realität, dass Großraumformen die Konzentration durch unablässige Bewegungen und Passagen von Mitarbeitern und Kunden durch den Raum behindern, dass sie einen hohen Geräuschpegel haben, wenig Möglichkeiten zur individuellen Anpassung von Licht, Raumklima und Arbeitsplatzgestaltung bieten und nur wenig Rückzugsmöglichkeit gestatten.

 

Innovationsleidenschaft

Neben dem Großraumbüro entstehen deshalb wieder kleine Büroräume sowie kleine, geschützte Raumabschnitte innerhalb von Großraumbüros. Doch die Idee von Kommunikation und Teamarbeit hat sich etabliert und neben der bloßen Organisation der Arbeit erhält sich die durch das Großraumbüro entwickelte Idee des Sozialen, die die Raumgestalt und die Ordnung der Einrichtung mitbestimmt. Durch die Ausweitung von Dienstleistungen, die Zunahme von Verwaltungstätigkeiten und die Vermehrung von Speicheraufgaben ist mittlerweile an jedes Tun – auch an das private – eine Bürotätigkeit geknüpft, weshalb das 20. Jahrhundert vielfältige Büroformen hervorgebracht hat wie Gruppenbüros, Zellenbüros, Großraumbüros, Zwei- und Mehr-Personenbüros, Home-Offices und Mini-Büros. Das Mini-Büro Cubical, das Robert Probst 1968 entwickelt, ist ein gleichseitiger, komplett eingerichteter vier Quadratmeter großer Raum, in dem heute ein großer Teil der Angestellten in den USA arbeitet.

Die Vielfalt der Büroraumformen schafft die Möglichkeit, die für ein Unternehmen charakteristischen und für die Art seiner Arbeit notwendigen Büroformen und Büroeinrichtungen auszuwählen. Das ist für die Arbeit, die einen wichtigen Bereich des Lebens darstellt, sehr wichtig, denn Teamarbeit, ein angenehmes Ambiente, der gute Umgang der Mitarbeiter miteinander und dem Menschen angemessene Werkzeuge und Medien erhöhen die Motivation, erhalten den Menschen gesund und widersprechen nicht dem Erfolg von Unternehmen. Diesen Weg fortzuführen bleibt eine Aufgabe für das Büro das 21. Jahrhundert.

 

 

 

VI. Das digitalisierte Büro

Büro des 21. Jahrhunderts

 

 

Bürotätigkeit als Speicherarbeit

Speicherung ist ein Prinzip des Lebens. Ein Prinzip der Evolution und des Menschseins, nicht erst das Vermögen moderner Kommunikationstechnologien.

So wie in der Evolution Merkmale der Lebewesen gespeichert, weitergegeben und entwickelt werden, so speichert und entwickelt der Mensch seine Kulturmerkmale durch Kultur – das ist das Übertragen von Wissen und Können an nachfolgende Generationen sowie das Herstellen dinglicher Objekte wie Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände.

Das Kulturereignis Büro wird erfunden, um besondere Formen der menschlichen Tätigkeit in Zeichen und Symbolen zu speichern: Technische und kaufmännische Aufgaben wie die Vorgänge um das Herstellen von Gütern, ihr Verkauf und Vertrieb werden im Büro fixiert und archiviert.

Dabei genügen wenige Werkzeuge und Tätigkeiten um ein Stück Filztuch – die Burra – herum, um ein Büro zu konstituieren. Zuerst wird das Tuch Büro genannt, dann der Tisch, auf dem das Tuch liegt, dann der Raum, in dem der Tisch steht. So bestimmen immer zwei Elemente ein Büro – der Raum und die Werkzeuge.

Heute sind es zwei Geräte, die genügen, um ein Büro zu konstituieren: der Laptop – die moderne Mitte des Büros – und das Mobiltelefon.

 

Das Büro als Werkzeug

Im „klassischen“ Büro werden kaufmännische Abläufe wie Vertragsabschlüsse, Bilanzierungen und Verrechnungen handschriftlich mit Feder, Tinte und Papier kopiert. Später kommen Schreib- und Buchungsmaschinen hinzu. Im Jahr 1806 patentiert der Engländer Ralph Wedgewood ein Vervielfältigungsverfahren mit Hilfe von Kohlepapier, das erst seit drei Jahrzehnten, durch die Erfindung von Kopiergeräten und digitaler Technik, der Vergangenheit angehört.

In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts gibt es eine Revolution der Werkzeuge: die Digitalisierung, die in zwei Jahrzehnten zum Standard der Büroarbeit wird. Die neuen Werkzeuge sind Kopierer, Faxgerät, Computer, Mobiltelefon und Internet. Ihr Potenzial liegt in der schnellen Verarbeitung, im großen Speichervermögen, in der enormen Verkleinerung von Arbeitsmitteln, im Errechnen von Prozessen und in der rigorosen Vereinfachung der Kommunikation. Texte, Tabellen, Bilder und Filme lassen sich problemlos bearbeiten und auf Disketten, Festplatten und DVDs speichern.

Hinzu kommt die Vernetzung bürointerner Computer sowie über das Internet potenziell aller anderen Computer. Die Vernetzung stellt eine Fülle von Informationen rund um die Erde zur Verfügung und vielfältige andere Funktionen wie Kommunikation „in Echtzeit“.

Das Inventar der Büros wird kleiner – wenn auch die Digitalisierung zunächst eine Zunahme an Maschinen bedeutete –, denn Registraturen, Aktenordner, Bilanzbücher, Lexika und Almanache in Buchform verlieren an Bedeutung, da sie im Laptop gespeichert zur Verfügung stehen.

 

Das Büro als Raum

Die neuen Aufgaben infolge der Globalisierung und die Digitalisierung haben zu einem Paradigmenwechsel geführt – von einer Gesellschaft der Industrie zu einer Gesellschaft der Dienstleistung, des Wissens und der Information. In einer Zeit, in der die materielose Produktion eine immer größere Rolle spielt, ändern sich nicht nur Bürowerkzeuge, sondern auch die Räume. Es ist eine Aufgabe der Zukunft, Werkzeuge, Räume und Prozesse zu gestalten, die in der Lage sind, weltweit das emotionale und geistige Potenzial der Menschen zu aktivieren. Die Digitalisierung kann in herkömmlichen Büros stattfinden, kann aber auch neue Büro-Formen wie das offene – portable, mobile und ambulante – Büro hervorbringen und das virtuelle Büro.

Einen Großteil des vielfältigen Spektrums an Büroräumen, das sich im 20. Jahrhundert herausgebildet hat – vom Großraumbüro bis zum Mini-Büro –, wird es auch im 21. Jahrhundert noch geben, so dass ein vielfältiges Nebeneinander unterschiedlichster Büroformen besteht

 

Die Struktur des digitalisierten Büros

Heute passt die gesamte Büroausrüstung in einen winzigen Laptop. Aktuelle Daten eines Unternehmens können digitalen Datenbanken und die erforderlichen Arbeitsmaterialien digitalen Lexika, Wörterbüchern und dem Internet entnommen werden. Dabei unterstützen Laptop und Mobiltelefon, Fax und Minidrucker den Kontakt zu Kunden und Mitarbeitern. Darin liegt das Potenzial moderner Büros.

Digitalisierte Büros nutzen unabhängig von ihrer Raumordnung hocheffiziente Werkzeuge und gliedern sich ein in eine allgemeine Neuordnung der Arbeit, der Politik und der Ökologie. Sie sind hervorragende Mittel, um sowohl auf der lokalen als auch auf der globalen Ebene zu arbeiten. Digitalisierte Büros arbeiten ökologisch, wenn sie die Möglichkeit nutzen, den Energiehaushalt des Büros und des Bürogebäudes zu optimieren, oder wenn sie papierlos arbeiten und Naturressourcen schonen. Sie sind Ausdruck der fortgeschrittenen Globalisierung und können einen Beitrag leisten zur Vorbereitung auf eine humane Zukunft.

Da sich das digitalisierte Büro zu einer Wissenszentrale und zu einem Knotenpunkt im World Wide Web entwickelt hat und die Werkzeuge extrem klein und effizient geworden sind, entsteht neben den klassischen Büros eine offene Form mit einer undefinierten Ordnung für Raum und Zeit – das offene Büro.

 

Das offene Büro – mit dem Büro unterwegs

Offene Büros sind Unterordnungen des digitalisierten Büros. Sie entstehen durch die Minimierung des Computers zum Laptop, der die Funktionen des Raumes in sich aufnimmt. Der Laptop ist Tisch und Ablage, kann überall hin getragen werden und bildet als geschrumpfter Raum ein komplettes, dezentral geordnetes Büro.

Das offene Büro als neuer Büro-Typ ist Ausdruck sowohl neuer Aufgaben als auch neuer Arbeitsabläufe. Die Digitalisierung hat die Büroarbeit von starren Bürozeiten, festen Orten und schematischen Arbeitsprozessen befreit und wirkt unmittelbar auf die Struktur des Büros. So erhalten viele Bürotätigkeiten durch Computer eine Dynamik, die Büroräume offen und mobil gestaltet.

Offene Büros haben keine definierte Raumgestalt. Nahezu jeder Ort und jede Raum-Form kann zum Büro werden. Wo ein Laptop und ein Mobiltelefon zusammentreffen, konstituiert sich ein Büro – auf der Parkbank und in der Wüste, auf der Wiese und am Strand, im Café und im Gebirge.

Offene Büros haben keine definierte Zeitgestalt. Sie heben feste Arbeitszeiten auf und können durch ihre Dezentralität und die hohe Geschwindigkeit der Kommunikation Abläufe individuell bemessen und neu erfinden.

Offene Büros haben keine definierte Arbeitsstruktur. Die Arbeitsabläufe werden je nach Situation modifiziert. Geschwindigkeit und Vielfalt der digitalen Kommunikation bieten die Möglichkeit, bei Bürovorgängen Prioritäten individuell zu setzen und stärker persönlichen Neigungen nachzugehen.

 

Moderne Sonderformen

Die Digitalisierung hat spezifische Formen hervorgebracht, an denen Büro stattfindet – virtuelle, temporäre, utopische und asketische Orte der Arbeit.

Das virtuelle Büro ist ein Online-Portal, in dem sich Teams treffen und unterschiedliche Arbeiten verrichten. Sie halten virtuelle Konferenzen ab, während sich alle Teilnehmer an unterschiedlichen Orten aufhalten. Dazu gehören auch Plug-and-Pay-Büros mit Website, virtuellem Lager und virtuellem Vertrieb. Es gibt Unternehmen, die solche Internet-Portale zur Verfügung stellen, einrichten und pflegen wie reale Büros.

Das Büro auf Zeit ist ein temporäres Büro. Es ist geeignet, wenn unterschiedliche Teams häufig an wechselnden Orten zusammentreffen und für eine begrenzte Zeit Räume mieten. Die Büroeinrichtung, meist auf das Wesentliche beschränkt, gibt solchen Büros einen asketischen Charakter.

Büros mit weniger Arbeitsplätzen als Mitarbeitern sind Desk-Sharing-Büros, in denen sich mehrere Mitarbeiter einen Arbeitsplatz teilen. Sie passen für Unternehmen, deren Mitarbeiter häufig auf Reisen sind, die ihren Mitarbeitern offene Büros zugestehen, die die Arbeit zeitlich variabel strukturieren und ihre Beschäftigten in verschiedenen Dependancen einsetzen.

Ungenutzte Bürozwischenzonen und Raumabschnitte, die oft ungenutzt blieben, werden heute stärker in den Büroalltag integriert – in ihnen begegnen sich Mitarbeiter zum ungezwungen und kreativen Austausch, denn gerade in der Ruhe, im Zufälligen und Unvorhersehbaren finden sie Anregung und Motivation.

Immer wieder ist zu hören: „Das Büro der Zukunft hat keinen Ort“. Solche Büros wird es geben, allerdings bilden sie nur ein kleines Segment, zumal Laptops für ein langes Arbeiten Grenzen haben, da das Verhältnis von Screen und Tastatur, von Auge und Hand ergonomisch ungenügend ist. So wird im 21. Jahrhundert keine bestimmte Büroraum-Form tonangebend sein. Allerdings hat sich der Horizont dessen, was ein Büro ist, erweitert: Sie sind Knotenpunkte der gesellschaftlichen und globalen Arbeit und Kommunikation.

 

Das Büro als Bürowelt und Lebensraum

Während das Büro als Werkzeug revolutioniert wird, ist das Büro als Raum eher konservativ und erhält vor allem für bestimmte Phasen der Arbeit, in besonderen Situationen und für spezielle Aufgaben eine neue Struktur. Denn ein wichtiges Element der Arbeit hat sich nicht geändert – das Bedürfnis nach Geborgenheit, das sich erst heute artikuliert. Dazu sind reale Büros erforderlich, in denen sich die Menschen begegnen können. Die Menschen wollen nicht verstreut arbeiten, sondern zusammenkommen und gemeinsam arbeiten. Im Team, statt isoliert handeln, sich austauschen, statt gegeneinander arbeiten, denn persönliche Kontakte sind und bleiben motivierende und stabilisierende Faktoren der Büroarbeit.

Je weiter die Entwicklung voranschreitet und die Werkzeuge kleiner und schlanker macht, desto mehr Raum bleibt für die persönliche Gestaltung des Büros. Immer häufiger fordern Menschen, dass sie sich bei der Arbeit wohl fühlen wollen. Sie fordern Ambiente – Schönheit und Poesie –, die die kühle Technik modifiziert und bewohnbar macht und die anregt, motiviert, gesund erhält.

Umgekehrt beeinflusst das gesellschaftlich relevant gewordene Büro und seine Einrichtung das Private und Individuelle – der Mensch will Häuslichkeit im Büro und zu Hause die Möglichkeit, Büro-Equipment und Büroplatz zu nutzen. Daher gibt es einen Trend, Wohn- und Büromöbel ununterscheidbar auszustatten und zu gestalten. Büroarbeit ist nicht länger nur Ordnen, Rechnen und Archivieren, sondern Leben – Kommunikation und Bildung, Diskurs und Dienstleistung, Verantwortung und Ambiente.

 

 

© Hajo Eickhoff 2009

 

 

 

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25. September 2017

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