aus Sebastian Hackenschmidt/ Klaus Engelhorn (Hrsg.), Möbel als Medien. Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Dinge, Bielefeld 2011

 

 

Thronen als Denken und Meditieren

 

Die Medialität von Thron und Stuhl


Der König auf dem Thron als Medium

Der König ist eine archaische Gestalt, die einer Gemeinschaft Struktur gibt – Mitte, Richtung und Wert. Er gilt als unantastbar und ist mächtig und Einheit stiftend. Er kann der geistige Führer einer Gemeinschaft wie ein Stamm, ein Reich oder eine Nation sein, oder ein religiöses Oberhaupt, ein politischer Herrscher oder Heerführer. Der Thron ist ein archaisches Objekt, das Struktur schafft. Ein Gestell, das den König an einen Ort bindet. Eine Besonderheit bietet der Thron der Sesshaften: Er hat eine unterschenkelhohe Sitzebene, die den Thronenden in eine aufrechte Sitzhaltung zwingt. Der Thron wird somit ein wichtiges Kommunikationselement einer Gemeinschaft. Er macht eine Hierarchie anschaulich – eine heilige Ordnung von Oben und Unten, von Göttlich und Menschlich, von Ohnmacht und Macht.

König und Thron repräsentieren jeder für sich Struktur und Einheit. Doch erst ihre Kombination zum König auf dem Thron entfaltet den ganzen Reichtum an Wirkungen und Bedeutungen – der König auf dem Thron ist ein Zeichen für Erhabenheit und Autorität sowie ein Symbol, das Himmel und Erde verbindet. Zugleich ist der Thron ein Werkzeug, das den Thronenden geistig und leiblich prägt. In der aufrechten Haltung des Sitzens und der begrenzten Physis bildet der König geistige Fähigkeiten aus, die er für die Gemeinschaft zu nutzen hat. Das macht den Thron mit unterschenkelhoher Sitzebene zum Medium, das zugleich die ordnenden Fertigkeiten prägt, die es repräsentiert. Daher gründen die Attribute des Königs nicht allein in seiner Macht und Stärke, sondern gleichermaßen in seiner Ohnmacht. Denn er setzt sich nicht freiwillig, sondern wird gesetzt. Zur physischen Einschränkung kommen verletzende Thronriten hinzu, die aus nahezu allen Weltgegenden überliefert sind. Am Vorabend der Inthronisation wird er beschimpft und geschlagen, gedemütigt, gequält und verletzt, so dass er nicht selten verkrüppelt auf den Thron kommt oder seinen Verletzungen erliegt. Es gibt Könige, die unbewegt, wie versteinert auf dem Thron sitzen müssen, während andere den Thron überhaupt nicht verlassen dürfen. Im Bengalen des 15. Jahrhunderts ist derjenige König, der auf dem Thron sitzt. Gleichgültig wer er ist, woher er kommt und wie er auf den Thron gelangt. Die Assyrer halten oft einen Ersatzmann bereit für den König, der für Handlungen der Untertanen mit dem Tod bestraft werden kann. Im Falle des Todes folgt der Ersatzmann auf den Thron, hinter dem wieder ein Ersatzmann wartet. Immer dann, wenn das reibungslose Funktionieren einer Gemeinschaft im Vordergrund steht, darf der König getötet werden. Bei einigen Stämmen Äquatorial-Afrikas war es Brauch, den gewählten König auf dem Thron zu fesseln, den Thron in den Busch zu schleppen und mit einem Fußtritt umzustoßen. In der Position regiert der König seine Gemeinschaft.

Begriffe für den König beziehen sich ungeachtet dessen auf Merkmale von Macht, Größe und einer Position in der Höhe. Er heißt Hoheit und Herrscher, Gebieter, Häuptling und Potentat, Machthaber, Oberhaupt und Souverän, ebenso Mikado (großes Tor), Tenno (himmlischer Herrscher), Majestät (Erhabenster), Monarch (Alleinherrscher), Kaiser und Zar (Cäsar) und Pharao (großes Haus). Doch erst mit der dunklen Seite des Throns, dem Opfer, erhält die Bedeutung des thronenden Königs eine Richtung – Medium zu sein, das den Thronenden geistige Fertigkeiten einschreibt und Menschen und Götter verbindet.

Medium bedeutet nicht nur Vermittlung, sondern durch den Bezug zu seinem Grundwort Mal auch abmessen und einüben, wägen und nachdenken als erwägen. Mal geht auf med zurück, von dem sich die lateinischen Worte metiri (abmessen) und meditari (einüben, meditieren, nachdenken) herleiten. Der Medicus (Arzt) ist der weise, abwägende Ratgeber. Abmessen und abgemessener Ort, Denken und das sinnende Betrachten als Meditieren sind zentrale Bedeutungen von Medium.


Throngründe

Der König auf dem Thron bildet ein zweiteiliges Medium. Er moderiert, kommuniziert, tritt dazwischen, korrigiert und macht anschaulich. Er prägt und wird selbst geprägt. Der thronende König ist die Imitation einer Skulptur: Sie stammt aus einer weiblichen Gottheit, die in Hockhaltung gebärt und von zwei Löwen flankiert wird. Die Schweife der Tiere sind von hinten über die Schultern der Göttin gelegt. Die Gottheit hockt, erscheint aber als Sitzende, da die Fülle ihrer Beckenpartie den Raum zwischen den Löwen bis zum Boden ausfüllt. Ihre aufrechte Haltung ist zum Vorbild von Königen geworden – zum Thronen mit waagerechten Oberschenkeln, aufgerichtetem Rumpf und vertikal gestellten Unterschenkeln. Die altägyptischen Thronsessel weisen genau diese Elemente auf: Die Löwenbeine dienen als Thronbeine, Löwenkopf und Löwenrücken als Armlehnen, die über die Schultern gelegten Schweife als Rückenlehne, Schenkel und Schoß der Göttin als Sitzbrett. Dieses Bild leiblichen Gebärens durch eine starke Frau wird zum Vorbild für die spezielle Art einer geistig-rationalen Schöpferkraft.

Der Thron selbst geht aus dem Opferstein hervor. Dem zentralen Abschnitt eines geweih­ten Bezirks, auf dem archaische Gemeinschaften zur Besänftigung himmlischer Mächte Menschen opferten. Mit der Idee, anstelle des Menschen ein Tier zu töten, zerfällt der Opferstein in zwei Elemente: in den Opferstuhl und in den Opfertisch. Erhöht (alta) wird der Tisch (ara) zum Altar, die Basis für das Opfertier, der Opferstuhl wird der Thron. Auf dem Thron bleibt der auf dem Opferstein einst dem Tod Geweihte am Leben – sein Opfer liegt in der Begrenzung und Untätigkeit infolge des Sitzens. Der Gewinn, den eine Gemeinschaft aus der Tötung eines Menschen zieht, währt nur eine begrenzte Zeit, doch im thronenden König, dem die Ruhigstellung und Sitzhaltung spirituelle Fähigkeiten verleiht, verfügt eine Gemeinschaft über ein permanentes Opfer.

Der mit aufrechtem Rücken thronende König ist ein Kultur schaffendes Medium, eine vermittelnde Instanz zwischen Menschen und Göttern, die in der Zeit der Sesshaftwerdung, der Domestikation erdacht wird. Domestikation ist die Bindung an das Haus, den Domus und bedeutet Ackerbau und Bezähmung von Tier und Mensch. Mit dem Hausbau trennt der Mensch einen Teil aus dem Kosmos heraus und separiert sich von den himmlischen Mächten, indem er einen eigenen, kleinen Kosmos schafft, der ihm ein Stück Autonomie gibt. Um den damit verbundenen Frevel zu mildern, wird der Thron mit unterschenkelhoher Sitzebene erfunden, denn die Gemeinschaft ahnt, dass der gesetzte König nur überleben kann, wenn er sich nach innen wendet und in sich eine geistige Landschaft ausbildet, in die hinein er seine Energie verausgaben kann, denn im Thronen wird über die Muskulatur und die Atmung eine Vergeistigung eingeleitet, die der Gemeinschaft den Zugang zum Himmel öffnet, den Dach und Wände des Hauses mit der Sesshaftwerdung verschlossen haben. So wird der thronende König zum spirituellen, geistigen Oberhaupt und zum Medium infolge der Sedierung oder kulturellen Formung infolge des Sitzens. In der Setzung wird er zum Wissenden, da er um die eigenen inneren Regungen und Motive weiß und einfühlend auch um die der anderen Stammesmitglieder, was ihn zu einem Weisen und frühen Psychologen und Therapeuten macht.

Die dreifach gegliederte Thronentstehung aus Opferstein, Skulptur und Hausbau ist ein einziger Vorgang, der auf die Ambivalenz von Thron und Thronendem verweist: Sie sind gefährlich und mythenbildend, unberührbar und konstruktiv. Als beispielhaft für die Bedeutung von Thron und König erweisen sich altägyptische Könige – die Pharaonen.


Die Pharaonen

Die Ägypter zählen zu den Hockvölkern, ihre Herrscher aber ruhten in Sitzhaltung auf dem Thron. Aus dieser Differenz thronender Herrscher und hockender Untertanen haben Ethnologen eine falsche, aber aufschlussreiche Folgerung gezogen. Da die Ägypter hocken, hätte auch ihren Herrschern das Hocken vertraut und angenehm sein müssen. Da sie aber saßen, seien sie Angehörige eines fremden Volkes gewesen. Tatsächlich waren Pharaonen Ägypter, aber die falsche Folgerung macht auf die Besonderheit der Sitzhaltung des Thronens aufmerksam und wirft die Frage auf, warum Herrscher, denen das Sitzen weder natürlich noch bequem war, überhaupt thronten.

Was bei ägyptischen Herrschern sichtbar wird, sind sowohl Luxus und Machtfülle als auch ein streng und diszipliniert geführtes Leben. Die Fülle ihrer Macht erhalten sie mit der Einsetzung in den Thron, in dem sie auch ihre Ohnmacht erfahren müssen. Ebenso wird deutlich, wie tief König und Thron in die Weltentstehungs-Mythen und die Prinzipien der Entstehung der Gemeinschaft eingebunden sind.

Für seine thronende Herrschaft bedarf der Thronerbe einer zweifachen Legitimation. Er muss den Nachweis erbringen, dass er einem Königshaus entstammt und dass eine Gottheit ihn in sein Amt berufen wird. Erst dann wird er mit der mythischen Legitimationsformel „Ich habe dir den Doppelthron deines Vaters Osiris gegeben“ auf den Thron gesetzt. Dabei wird er zweifach gesetzt, denn er gilt als der zweifache Sohn seines Vorgängers: Er ist der leibliche Sohn des verstorbenen, königlichen Vaters, und wird zugleich dadurch, dass der Vater durch den Tod zum allmächtigen Gott Osiris wird, auch zum Sohn dieses Gottes, zu Horus – dem Herrschergott auf Erden in Gestalt eines Falken.

In der Weise verbindet der Thron des Pharao das irdische Königtum mit dem Göttlichen. Der thronende Pharao selbst ist das verkörperte Bindeglied zwischen Gegenwart und dem Uranfang aller Schöpfung. Indem das Königtum an legitime Nachfolger weitergegeben wird, zeigt sich in der dynastischen Verbindungslinie vom Ursprung der Welt durch den Schöpfergott und die Fortsetzung der Schöpfung in der Throneinsetzung das Mediale thronender Pharaonen.

Die Vorbereitung auf die Krönung ist ein langer und beschwerlicher Weg der Initiation. Zunächst muss er durch das Land ziehen und auf hohen Festen und bei Mysterienspielen von den Gaufürsten und Gottheiten des Landes die Zustimmung einholen, Pharao werden zu dürfen. Zum Abschluss des Initiationsweges nimmt er in Memphis, der Stadt zwischen Ober- und Unterägypten mit einem Lauf um die Tempelmauer symbolisch beide Länder in Besitz und vereinigt sie sinnbildlich zu einem Reich, indem er sich auf zwei Thronsesseln niederlässt, dem Thron für Oberägypten und dem Thron für das untere Ägypten.

Am Vorabend seiner Krönung richtet er mit Hilfe von Priestern einen Pfeiler auf. Dieser Djed genannte, schlanke, etwa fünf Meter hohe Pfosten ist ein Symbol für den Totengott Osiris und seine Beständigkeit, und die Aufrichtung des Djed ein Gleichnis für die Auferstehung des Osiris aus dem Totenreich. Am Tag der Krönung wird der Thronerbe – in einer Sänfte thronend – in einer Prozession zum Amun-Tempel getragen. Als Verkörperung der Götter tragen die Priester eindrucksvolle, bedrohlich wirkende Kopfmasken und führen den künftigen Herrscher an den heiligsten Ort im Innern des Tempels. Die Weihe erfolgt, indem der als Gott Amun verkleidete Priester seine Arme wie die Armlehnen des Throns oder die Schwingen des Falken Horus vom Rücken her an die Schultern des Thronfolgers anlegt und ihn von hinten in sein Amt beruft. Danach wird er eingekleidet und erhält Krummstab und Königsgeißel. Dann wird ihm die Doppelkrone aufgesetzt – die rote Krone für das untere, die weiße für das obere Ägypten.

Den Glanzpunkt der Zeremonie bildet die Einsetzung in den Doppelthron – die Inthronisierung. Der Thronerbe setzt sich auf den Thron und empfängt alle Insignien der Macht, die ihn zum rechtmäßigen König Ägyptens machen, zum neuen Pharao. Nach dem feierlichen Geloben, die göttlich geschaffene Ordnung zu wahren, geleiten Hofstaat und Volk den nun mächtigen Herrscher in einer glanzvollen Prozession mit Tanz und Musik und unter dem Jubel und nicht endenden Lobeshymnen zurück in den Königspalast. Auf dem Weg muss er einen ersten Beweis seiner Diszipliniertheit geben: Inmitten der Erregung, der tosenden Fröhlichkeit, der rhythmischen Musik und der großen Bewegtheit muss er seine mediale Aufgabe antreten und unbewegt – wie versteinert – auf dem Thron sitzen und wie Osiris die Hände mit Zepter und Geißel gekreuzt vor der Brust fest gegeneinander gepresst halten. Dieses erste Zeugnis seiner inneren Beherrschung ist der Beginn seines Kampfes gegen das Chaos und gegen die Verlockung der Sinne und ein Bild, das offenbaren soll, dass der neue Pharao die Kraft hat, Sinneslust und alltägliche Gewohnheiten in sich zu unterdrücken.

Wie mit dem täglichen Aufgehen der Sonne die Welt in ihre Schöpfung gesetzt wird, so sehen die Ägypter in der Einsetzung des Pharao in den Thron eine Staatsgründung. Von Amenophis II. heißt es, dass er im Moment des Sonnenaufgangs zum ersten Mal den Thron besteigt und die Einweihungsriten vollziehen lässt. Dagegen bricht mit der täglich im Westen untergehenden Sonne das Chaos in die Welt, als wäre ein Pharao gestorben und sein Thron verwaist. Fehlt das Medium Thron, drohen der Welt Instabilität und Chaos.


Pharaonenthrone

Die Pharaonen sitzen auf Löwenthron-Sesseln – auf Imitationen der Skulptur der gebärenden Gottheit, vierbeinigen Stühle mit Armlehnen, deren Seitenansicht das Bild eines Löwen wiedergibt. Die als Löwenbeine gestalteten Thronbeine stehen auf kleinen Holzstümpfen, den Darstellungen des Benben-Steins oder Schöpfungshügels. Da die Ägypter die Entstehung der Welt mit der periodisch wiederkehrenden Nilüberschwemmung mythisch gleichsetzen, wird der Pharao, der auf dem imaginären Benben-Stein thront, zum Zeugen der Urschöpfung und zum Bild des Schöpfers selbst. Die in die Seitenkonstruktion des Sitzes eingearbeiteten Löwen sind Begleiter des Königs und verweisen auf die Parallele von Tier- und Menschenwelt, von Natur und Kultur sowie irdischer und himmlischer Welt.

Im Alten Reich, vereinzelt auch später, gibt es Throne mit acht Beinen, die den Eindruck verstärken, dass zwei mächtige Tiere neben dem Thron stehen oder gehen. Der Löwe ist schnell, ausdauernd und stark, eben der König der Tiere: Vom Pharao, dem König der Menschen, soll man dasselbe sagen können. Es kommt dabei nicht auf seine individuellen Qualitäten an – er muss nicht über leibliche Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit verfügen –, es genügt, das Bild dieser Qualitäten zu sein. Vom Moment der Urschöpfung an bis in die Gegenwart sitzt das Geschlecht der Pharaonen auf dem Löwenthron-Sessel, der Erinnerungen an die Vergangenheit wachruft und mit der Gegenwart des herrschenden und regierenden Pharao verbindet. Er ist das Bild staatlicher Gewalt und Herrschaft, gibt seinen Untertanen aber auch Gesetze und Regeln, nach denen sie sich in der Gemeinschaft zu verhalten haben. Der Löwenthron-Sessel ist ein Medium des Politischen.

Drei Ausnahmen erfährt die Gestaltung des Löwenthron-Sessels: In der Zeit der politischen Schwächung des Königtums gibt es neben dem Löwenthron-Sessel auch Löwenthron-Stühle – Sitze ohne Armlehnen und Löwenköpfe. Trotz ihres Namens sind sie keine Throne, da es ihnen an dem mächtigen Zeichen des Löwenkopfes fehlt und sie den Schrecken vermissen lassen. Für kurze Zeit gelten sie als Amtssymbol. Wenn eine Pharaonin regiert, kann der Thron anstelle der Löwenköpfe mit den Porträtköpfen der Königin gestaltet sein, so dass sie sich, auf dem Thron sitzend, in Gestalt von Sphingen selbst flankiert. Pharaoninnen gelangen auf den Thron, wenn der männliche Nachfolger nicht feststeht oder unmündig ist – wie im Fall von Nofrusobek, Hatschepsut und Tausret. Unter den mehr als dreihundert Pharaonen gibt es weniger als zehn Frauen. Während Hatschepsut dargestellt wird, wie ein männlicher Herrscher, etwa indem sie mit Ritualbart abgebildet wird, ist Tausret die erste Pharaonin, die ihr Geschlecht zum Ausdruck bringt. Amenophis IV. (Echnaton) hat in seiner Regierungszeit die Tradition der Thronform verlassen. Mit einer neuen Religion führt er auch einen neuen Thron ein: einen armlehnlosen, einfachen Thronhocker mit einem Kissen auf niederer Sitzebene.

Eine zweite Thronart der Ägypter ist der Blockthron. Ein reales und doch imaginäres Objekt, das nicht dazu bestimmt ist, einem Pharao als Sitz zu dienen, sondern Götter in Form von Sitzstatuen abzubilden. Ein einfacher Steinblock, auf dem ein menschengestaltiges Wesen in aufrechter Haltung ruht. Diese Throne sind als würfelförmige Kästen gedacht und stehen auf einem Sockel, vergleichbar den Holzstümpfen unter dem Löwenthron-Sessel, dem Verweis auf den Benben-Stein. Blockthrone unterscheiden sich voneinander durch die Gestaltung der Seitenflächen, die in der Regel ein Quadrat bilden, in das ein Vereinigungszeichen oder eine Tempelfassade eingeschrieben ist. Das Vereinigungszeichen bezieht sich auf die Vereinigung von Ober- und Unterägypten zu einem Reich und soll aus dem zeitlichen Ereignis der Staatsgründung ein überzeitliches, mythisches Geschehen machen. Die ägyptischen Worte für den Blockthron bedeuten Heiliger Bezirk und Tempel. Da Pharaonen nach dem Tode zum Gott Osiris werden, ist jede Gestalt auf einem Blockthron entweder ein ägyptischer Gott oder ein zu Osiris gewordener – verstorbener – Pharao.

Der Thronsockel als Bild des Benben-Steins, das Vereinigungszeichen als Zeichen der durch Götter geweihten Staatsgründung und die Tempelfassade als Symbol des Gottes Horus heben den Blockthron in den Rang eines heiligen Zeichens und machen die Skulptur zu einem Götterthron, dessen Gestalt und Bedeutung eng an den Nil und seine jährliche Überschwemmung sowie an die Kosmogonie gebunden sind. Der Blockthron ist ein Medium des Religiösen. Die jährliche Nilüberschwemmung hat die Anschauungen der Ägypter vom Ursprung der Welt und vom Königtum geprägt. Wie nach einer Überschwemmung das zurückweichende Wasser inselartig erste Landflecken freigibt, so taucht am Anfang aller Dinge die Welt allmählich und inselartig aus dem noch nicht geschiedenen Urgewässer auf. Der erste sichtbar werdende Hügel ist der Urhügel, der Benben, der den ersten Flecken betretbarer Erde bedeutet. Er symbolisiert den Weltanfang, von dem aus der Schöpfergott Atum auf dem Thron sitzend die Welt vollendet.

Dagegen ist der thronende Osiris zwar das Bild der Urschöpfung, vor allem aber das Bild vom zyklischen Vergehen, von Wandlung und Zerrissenheit, von Tod und Geburt. Das Medium, das den Kreislauf des kosmischen Werdens und Vergehens mit dem weltlichen Leben und Sterben synchronisiert. Er muss sterben, um mit erhöhter Lebenskraft aufzuerstehen. Er stirbt mit der welkenden Natur in den Fluten des ansteigenden Nils und wird dem Mythos zufolge liegend mumifiziert. Wenn er aufersteht, setzt er sich, in Mumienbinden gehüllt, auf den Götterthron. Er hält Gericht über die Toten und lässt die Natur neu erblühen. Mit ihm verbanden die Ägypter Ordnung und Disziplin und in ihm wollten sie anschaulich erfahren, dass die Kraft seines Thronens immer wirksam werden kann an der Grenze von Chaos und Ordnung und im Übergang von der Nilüberschwemmung zur Fruchtbarkeit des Landes, denn er gilt als derjenige, der die Wildheit Ägyptens zähmte, die Ägypter sesshaft machte, ihnen den Pflug, Feldarbeit und Gesetze gab und sie zur Gesittung führte.

Löwenthron-Sessel und Blockthron bilden eine komplementäre Struktur: Gemeinsam stecken sie die Räume des Politischen und Religiösen ab – die Fundamente einer jeden Gemeinschaft und Kultur. Die Throne der Ägypter sind Insignien der Macht, politische und religiöse Ideale – nicht individuelle und private Privilegien und Allüren. Das Bewahren der religiösen Thronriten sowie die Regelung der staatlichen Gewalt obliegen der Kaste der Priester, die die Pharaonen legitimieren und sie in den Thron einsetzen. Wird durch den Tod eines Pharao die göttliche Stellvertretung auf Erden aufgehoben, bricht das Chaos in die Welt. Deshalb lassen die Priester nach der Krönung des neuen Pharao Tauben auffliegen, die der Welt verkünden sollen, dass in Ägypten wieder ein Horus auf dem Thron der Lebenden sitzt, der dem Land Ordnung und Stabilität gibt.


Die mediale Wendung des Throns zum Stuhl

Im Alltag der Antike spielen Stühle keine Rolle. Heutige Stühle sind Alltagsstühle, die sich vom Löwenthron-Sessel der Ägypter herleiten. Aus Griechenland sind Sitze von der Vasenmalerei bekannt, erhalten jedoch sind nur Theaterbänke aus Stein. Im antiken Rom gibt es Senatorensitze und den Kaiserthron, die Sella curulis, den die Christen dann zum Heiligen Stuhl, dem Papstthron oder Sancta sedes machen. Zuerst also thronen Pharaonen und andere Könige. Später auch Vertreter des Hochadels wie Fürsten und Heerführer. Mit der institutionellen Trennung der politischen und religiösen Aufgaben im Rahmen der Christenheit erhalten klerikale Vertreter wie Päpste, Kardinäle und Bischöfe einen Thron. Im 10. Jahrhundert übernehmen Mönche die geweihte Haltung des Thronens und entwickeln das Chorgestühl, denn nach der Ordensregel des Benedikt sollen sie an einem begrenzten Ort knien, stehen, sitzen und stehsitzen. Nach der quantitativen Ausweitung des Thronens durch die Klöster erhalten Vorsteher der Zünfte und Gilden, wohlhabende Kaufleute und einflussreiche Regierungsherren der Rathäuser Anrecht auf einen Sitz innerhalb des Kirchenraumes, das den Übergang vom Thron zum Stuhl einleitet.

Das Stuhlsitzen im Alltag ist eine Erfindung Europas: Das europäische Bürgertum des 15. Jahrhunderts wandelt den geweihten Königsthron in ein nicht geweihtes, profanes Objekt – in den Alltagsstuhl. Zuerst ist er ein Objekt der bürgerlichen Oberschicht, doch nach und nach erkämpfen alle sozialen Schichten das Sitzrecht, bis in einer dreihundert Jahre währenden Auseinandersetzung jeder Bürger das Recht auf einen Stuhl erhält: Das Sitzprivileg fällt in der Französischen Revolution. Die Entwicklung vom Königsthron über den Papstthron und das Chorgestühl zum bürgerlichen Alltagstuhl ist die Demokratisierung eines Königsprinzips. Der Stuhl behält dabei die mediale Funktion.

Der Clou bürgerlichen Sitzens ist die Kombination des Stuhls mit dem Tisch. Gemeinsam mit dem Sitzenden bilden sie eine Einheit – eine hocheffiziente Arbeitsbasis und mächtige Produktivkraft, die den Tisch zum Mittelpunkt des Hauses, der Familie und der beruflichen Tätigkeit macht. Der Tisch ist die fruchtbare Ebene, der moderne Acker und das Zentrum der bürgerlichen Kommunikation. Auf ihm streuen die Bürger die Saat von Wissen und Technik, von Können und Technologie aus und machen den Tisch zum Knotenpunkt eines umfassenden Netzes. Um die in Tischen und Stühlen liegende Kraft zu optimieren, wird das Sitzen am Tisch früh eingeübt – eine Aufgabe, der sich die Schule widmet, damit Kinder allmählich in den Stuhl hineinwachsen und lernen, sich zu begrenzen, indem sie das Ausblenden der Sinnesreize trainieren, die Lernprozesse stören, bis sie den Umgang mit abstrakten Gedanken und logischen Operationen beherrschen. Seit der Neuzeit bilden Tisch und Stuhl – wie beim archaischen Opferstein – wieder eine zupackende Einheit, die sich in die Körper einschreibt.

Gesucht wird infolge der gesellschaftlichen Akzeptanz des Sitzens und seines symbolischen Gehalts zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach einem Sitz, der jedem Bürger ermöglicht, einen Stuhl zu erwerben. Bis dahin sind Stühle Luxusobjekte: Imitationen meist antiker Throne, gefertigt aus edlen Materialien in hochwertiger Handarbeit. Finden wird diesen Sitz schließlich der rheinländische Kunsttischler Michael Thonet, der nach aufwendigen Experimenten ein neues Fertigungsverfahren, die Bugholztechnik – das Biegen von Buchenholz – entwickelt und im Jahr 1859 mit dem Verfahren einen Stuhl für die Serienfertigung freigibt: den Wiener Kaffehaus-Stuhl; ein Massenprodukt, von dem in den folgenden 60 Jahren 50 Millionen Exemplare produziert und in alle Welt versendet werden. Der Thonet-Stuhl ist leicht, schlicht und vielen erschwinglich; vor allem aber erinnert er nicht an antike und adlige Vorbilder, sondern ist ein reiner Bürgerstuhl, entwickelt von einem bürgerlichen Handwerker und geschaffen für Bürger. Der Wiener Stuhl bringt die Kaffeehaus-Kultur zur Blüte, die den Bürgern einen speziellen Sitz-Ort für die politische Diskussion im öffentlichen Raum gibt. Der Wiener Stuhl wird zu einem Massenprodukt, der beginnt, den Bürger zum Homo sedens zu formen. Ging es zur Zeit Thonets darum, jedem Bürger den Besitz eines Stuhles zu ermöglichen, stehen dem modernen Menschen durchschnittlich mehr als drei Dutzend Sitze zur potenziellen Nutzung zur Verfügung: Stühle stehen in der Sitzgesellschaft überall herum und harren der Besetzung.

Mit der Entwicklung der Industrie werden Stühle immer häufiger bei der Fabrikarbeit und bei der Arbeit im Büro verwendet – daher auch das Bemühen, sie wissenschaftlich zu analysieren: Das Medium soll der menschlichen Tätigkeit angepasst werden, da sich der Stuhl rasch als Objekt erweist, das die Sitzenden belastet. Das erste Produkt der Untersuchungen ist der Staffelstuhl aus dem Jahr 1884. Die Ergonomen experimentieren entweder mit der Sitzebene oder mit der Rückenlehne, bis hundert Jahre später Sitzebene und Rücklehne als Einheit erkannt und aufeinander bezogen werden. Heute sind Berufsstühle meist Hightech-Equipment mit Hebeln, Schaltern, Knöpfen und Motoren, gesteuert von internen, computergestützten Mechaniken.

Parallel zu den Hightech-Produkten wird seit den 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts nach dem Wiener Stuhl ein zweiter Welteroberungsversuch durch das Sitzen unternommen – mit dem Gartenstuhl aus Plastik, dem Mono-Block. Er wird nicht millionenfach in einigen Jahrzehnten produziert wie der Kaffeehaus-Stuhl, sondern  milliardenfach in wenigen Jahren. Er wird aus einem einzigen Block hergestellt. Polypropylen und andere Kunststoffe werden im Spritzguss-Verfahren unter Druck und bei 220 Grad Celsius in ihre Form gegossen, gepresst. Ein einfaches Verfahren, ein einziges Material, federleicht, stapelbar und so teuer wie zwei Brote – das macht ihn zum globalen Stuhl par excellence. Deshalb findet man ihn heute überall: in Straßencafés und privaten Räumen, in Gartenrestaurants, auf Großveranstaltungen wie Konzerten oder auf Kirchentagen, aufgestellt zu zehn- und hunderttausenden. Auch in Wüsten, Hochgebirgen oder Urwäldern ist er längst heimisch geworden.


Die Demokratisierung eines Mediums

Moderne Gesellschaften sind Sitzgesellschaften und ein Großteil ihres Fortschritts ist an das Sitzen gebunden. In der Sitzgesellschaft treten Thronen und Sitzen sowie König und Bürger vielfältig in ein Verhältnis von Identität und Differenz. In der aufrechten Sitzhaltung meditieren Könige für die Gemeinschaft und halten als politische Mitte die Gemeinschaft symbolisch, spirituell und praktisch zusammen. Dagegen sitzen Bürger für sich. Ihnen ist gleichgültig wo, wie und mit wem sie sitzen. Sie sitzen angelehnt und formlos, physisch geschwächt und geistig gestärkt. Sie sitzen ohne Kontrolle, denn als Stuhlsitzende sind sie ihr eigener König und spiegeln sich gegenseitig als Herrschende wider. Die Mitte ist überall dort, wo ein Stuhl besetzt ist. Das Medium hat seine Mitte verschoben.

Im Sitzen auf Stühlen ist die Achse von Himmel und Erde in die Horizontale umgelenkt und die Ausrichtung Mensch und Gott ist zu Mensch und Mensch geworden. Die mythische Verbindung der konträren Welten Himmel und Erde wird zur Immanenz, in der die Horizontale die Gesellschaft zusammenbindet. Das Medium hat seine Richtung gewechselt. Könige veranschaulichen Einzigartigkeit und Macht, Würde und Ohnmacht, während Bürger sich nicht als einzigartig erleben. Sie verbringen ihr Leben privat und beruflich routiniert auf dem Stuhl. Sie wollen und müssen überall sitzen, denn einerseits macht Dauersitzen sie vom Stuhl abhängig, andererseits richten Sitzgesellschaften nur wenige Orte ein, an denen sie stehen und alternative Haltungen zum Sitzen einnehmen können, wenn sie anhalten und ruhen wollen. Unter großer Belastung für Muskulatur und Atmung vernachlässigen Sitzende Körper und Geist und in der Fixierung, Haltung und Begrenzung erfahren sie einen Formenwandel des Denkens und Fühlens, des Kommunizierens und Arbeitens. Das Medium hat seinen Wert gewandelt.

Mit dem sitzenden Bürger entsteht ein Vernetzungspotenzial, das Tisch und Stuhl als Beschleuniger der Globalisierung ausweist. Wie Automobile, die nicht der persönlichen Mobilität dienen, sondern dem Bau von Straßen, um die Erde territorial zu erschließen und die Menschen global zu vernetzen. Mobiltelefon, Fax und Laptop verdichten dieses territoriale Netz. Tisch und Stuhl haben erheblich zur globalen Vernetzung der Menschen und ihrer Häuser beigetragen. Im Netz bildet die Einheit aus Tisch, Stuhl und Sitzendem mit Laptop und Mobiltelefon die Knotenpunkte des globalen Netzes. Das Medium ist global geworden.

Allerdings macht das Medium den Menschen und seine Kommunikation auch anfällig, matt und nervös. Zwar führen Sedierung und Disziplinierung zugleich zur Konzentration, aber da wir auch wissen, welchen Stellenwert die Bewegung für die Entwicklung unserer geistigen Fähigkeiten hat, ist die Zeit reif dafür, dass sich der Homo sedens die Freiheit nimmt, so zu sitzen, wie es seinem Körper und seinem Geist, wie es seiner Arbeit und seiner Sozialität angemessen ist und dass ihm gelingt, zwischen Stuhlsitzen und anderen Körperhaltungen ein dynamisches Wechselspiel zu eröffnen. Und wenn er sich setzt, es bewusst tut – wie einst Könige, Pharaonen und buddhistische Mönche in der Meditation –, und Sitzen als ein Sinn gebendes Ritual mit hohem sachlichen, moralischen, geistigen und ästhetischen Wert auffasst, dann würden sich wohl andere Rituale wie das gemeinsame Gehen und Sporttreiben, wie die Teezeremonie, das Reisen und die Meditation als Medien entsprechend aktualisieren.


© Hajo Eickhoff 2011

 

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25. September 2017

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