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aus Jan Teunen, Jan/ Mieke Teunen, Das T Haus von Schloss Johannisberg, Geisenheim 2004

 

 

Stuhl und Diplomatie

 

 

 

Stühle, gebogene Stöcke und ein Wagenrad, ein Berg und ein Schloss, ein Tischler und ein Staatskanzler. Das sind die Elementen, mit denen im September 1841 eine Bewegung von welthistorischer Bedeutung den Johannisberg herunterrollte, sich über die Erde verbreitete und bis heute das Leben der Menschheit richtungsweisend verändert.

 

Der Tischlermeister Michael Thonet (1796-1871) präsentierte seine weltverändernden Sitzmöbel auf Schloss Johannisberg einem ideenreichen Staatskanzler. Der geniale Möbelbauer aus Boppard hatte im Herbst 1841 im Gewerbemuseum Koblenz seine völlig neuartigen Möbel ausgestellt. Fürst Clemens Wenzel von Metternich-Winneburg (1773-1859), der konservatorische Schiedsrichter Europas auf dem Wiener Kongress 1814/ 15, der für Jahrzehnte das politische Europa festlegte, besuchte die Ausstellung im August. Der Adlige war von den Möbeln so begeistert, dass er den Bürger einlud, ihm die Erfindungen persönlich auf seinem Schloss auf dem Johannisberg vorzustellen. Offenbar hatte er die Tragweite der Stühle des Meisters sofort begriffen.

 

Solche konstruktiven Begegnungen erfinderischer Menschen mit ungleichem Gesellschaftsstand wie Bürgertum und Adel wurden immer mehr zum Motor gesellschaftlicher Entwicklungen, seit Ludwig XIV. den Adel zugunsten des Bürgertums entmachtet hatte, indem er ihm jegliches Geschäftemachen verbot. Immer häufiger trafen berufliches Können von Bürgern mit visionären Ideen Adliger zusammen. Ludwig und sein Finanzminister Colbert förderten Handwerk, Handel und Manufaktur und erschlossen Frankreich durch den Bau von See- und Landwegen eine Infrastruktur, die den Export von Gütern verbesserte und die Steuereinnahmen erhöhte, die den zu Müßiggang verdammten Adeligen eine Apanage – ad pane (latein.) bedeutet Zubrot – sicherte.

 

Fürst Metternich erhielt das Schloss vom Habsburger Kaiser als Apanage für seine Dienste. Der 68-Jährige war beim Treffen mit dem 23 Jahre jüngeren Michael Thonet auf dem Schloss immer noch beeindruckt und empfahl ihm, nach Wien zu gehen, überzeugt, Kaiser Franz Ferdinand würde das Herstellungsverfahren der Sitzmöbel fördern. Metternich hatte einen Blick für Neuerungen und versuchte, obwohl er vom Rhein stammte, erfindungsreiche Unternehmer nach Österreich zu locken, um die dortige Industrie zu fördern. Im Frühjahr 1842 reiste Michael Thonet nach Wien, wo er seine Möbel dem Hof vorstellte, die den Kaiser tatsächlich faszinierten. Daraufhin ließ er seine fünf Söhne vom Rhein an die Donau übersiedeln, um Werkstätten zu errichten und die Produktion von Massenstühlen vorzubereiten.

 

Die Form der Thonet-Stühle resultierte aus einem aufwendigen Verfahren, das die Stühle leicht, elastisch und robust machte. Im Gegensatz zu Stühlen der Zeit – schwerfällig, teuer und historischen Vorbildern folgend – knüpften Thonetstühle an keine Formtradition an, denn nicht die Form stand im Vordergrund, sondern der Bau von Massenstühlen und ihre Erschwinglichkeit.

 

Stühle tragen den Menschen, fassen ihn ein, verlegen die Berührungsebene von der Fußsohle aufs Gesäß und geben dem Sitzenden eine prägnante Körperhaltung. Was aber sind Stühle? Warum setzt sich der Mensch?

 

Der Stuhl begann als Thron. Mit dem Beginn der Sesshaftwerdung – der Erfindung des Hauses – wählte eine Gemeinschaft einen Menschen aus ihrer Mitte, setzte ihn auf ein kastenartiges Gestell, nannte ihn König und stattete ihn mit Macht aus. In der physischen Reduktion durch das Sitzen sollte er sich nach innen konzentrieren, in sich geistige Räume ausbilden und mit dem Übersinnlichen, Göttlichen in Kontakt treten und so der Ge­meinschaft eine spirituelle Mitte geben.

 

Der Thron leitet sich vom Opferstein ab, einem zen­tralen Abschnitt geweihter Bezirke, auf dem in archaischer Zeit Menschen zu Ehren der Götter getötet wurden. Die Erfindung eines für den Menschen nicht tödlichen Vertrages mit den kosmischen Mächten verschob den Tod auf das Tier und teilte den Stein in zwei Elemente: den Altar (Opfertisch) und den Thron (Opferstuhl). Der Thron wird Opferstuhl für den Menschen, der Altar Opfertisch für das Tier. Sein Opfer gibt der gesetzte König in seiner physischen Unbewegtheit.

 

Noch in der Antike saßen nur Könige. Der ägyptische Pharao saß auf einem Löwenthron, der griechische König auf einem Tronos. Beides Armlehnstühle. Die Griechen kannten auch armlehnlose Sitze, den Klismos, sowie die Hocker Diphros und Hedra – Sitze für ausgewählte Situationen. Der römische Kaiserthron war ein klappbarer Feldherrenhocker und hieß sella curulis. Beim Speisen lagen Griechen und Römer.

 

Das Sitzen im Alltag ist eine Erfindung Europas. Es entstand im Rahmen des Christentums. Zuerst übernahmen Würdenträger wie Bischöfe und Päpste die königliche Throngeste, dann Priester, seit dem 10. Jahrhundert Mönche. Zuletzt er­stritt das politisch erstarkte Bürgertum für seine Regierungsherren und Zunftvorsteher das Stuhlrecht in der Kirche. So entstand ein chorstuhlähnlicher Sitz: der Profanstuhl und der erste nicht geweihte Sitze in der Mitte Europas.

 

Die weitere Entwicklung des Sitzens verlief zwischen zwei Revolutionen: der Reformation und der Französischen Revolution: In der Reformationszeit eroberte die bürgerliche Oberschicht die Geste weltlicher und kirchlicher Herrscher und stellte den Profanstuhl in großbürgerliche Wohnstuben und Kontore. Dabei verlor der Thron mehr und mehr seine herausragende Geltung und drang in einem dreihundert Jahre währenden Kulturkampf bis in die unteren Gesellschaftsschichten vor. Die Französische Revolution hob das Sitzprivileg auf und gab jedem das Sitzrecht.

 

Allerdings gab es noch lange nicht für jeden Stühle. In dieser historischen Phase begegneten sich Michael Thonet und Fürst Metternich. Den zeichenhaften Anstoß zum Sitzen aller vollzog jedoch eine dritte Persönlichkeit europäischer Geschichte: Napoleon Bonparte (1769-1821). Als Kaiser Frankreichs und des Rheinlandes war er zeitweise im Besitz des Johannisberges und des darauf befindlichen Schlosses. Mit Metternich verband ihn eine Gegnerschaft: Die politische Instabilität, die er schuf, musste der Diplomat in ein stabiles Europa überführen. Zur Etablierung des Stuhlsitzens für alle bedurfte es eines Symbols: Dabei spielte der Bürger Bonaparte die Rolle eines Initiators, indem er die in der Französischen Revolution beseitigte Monarchie mit einem ungeheuerlichen Akt wieder einsetzte: In einem feierlichen Akt setzte er sich auf den Thron, gab sich den Namen Napoleon I. und hob sich selbst die Krone aufs Haupt. All diejenigen, die bis dahin in solche Zeremonien eingebunden waren – Oberhäupter, Kardinäle, Päpste –, waren in Versailles zugegen. Sie warteten auf ein Zeichen ihres Einsatzes. Doch das Zeichen blieb aus. Bonaparte inthronisierte sich selbst und gab damit die Botschaft aus, dass die Bürger die politische Herrschaft annehmen und das Sitzen zu ihrer Haltung machen sollten.

 

Diesem Ruf war Michael Thonet gefolgt. Er verschrieb sich der Verbreitung des Sitzens, entwickelte erschwingliche Stühle und demokratisierte durch die Realisierung des Sitzens das Thronen zur Alltäglichkeit.

 

Das Sitzen ist ein raffiniertes Werkzeug, das das abendländische Denken, Fühlen und Verhalten hervorbringt. Daher werden Kinder früh gesetzt, denn sie sollen sich in das Leben in der Sitzgesellschaft einfügen und lernen, für länger stillzusitzen. Sie wachsen in die enge Welt des Stuhls hinein, der das wachsende Kind nach und nach zur Sitzhaltung festigt, den Atem begrenzt, vegetative Funktionen beeinträchtigt und die Elastizität der Muskulatur mindert. Da ein reduziertes Atmen Muskeln verspannt und verspannte Muskeln den Atem mindern, wirken beide begrenzend aufeinander ein und führen in einen negativen Kreislauf, der in einer geringen Beweglichkeit, auf einem geringen Energieniveau und im Vermögen zur Ruhe kommt, Gefühle gut kontrollieren zu können. In der physischen Festigung lernen Kinder, alle Reizbezirke gut abzuschir­men, die Lernprozesse stören, bis sie ohne Anwesenheit von Objekten logische Operationen durchführen können. Es sind Stuhl und Sitzen, die Europa den ungeheuren materiellen Reichtum und eine hochdifferenzierte Kultur geben, infolge physischer Reduktionen aber auch zu einer spröden Kultur rationaler Lebensführung führen.

 

Das Herstellungsverfahren der Thonet-Stühle – auch für Gehstöcke und Wagenräder geeignet – hieß Bugholz-Technik. Die Aufgabe bestand darin, Massivholz bleibend zu formen, ohne dass es splitterte. Buchenholz schien dazu geeignet, wenn man es einiger seiner natürlichen Eigenschaften beraubte. Ein Thonet-Stuhl bestand aus maßgenauen Einzelteilen, die verschraubt wurden. Die zugeschnittenen Teile wurden unter Druck befeuchtet und weich gemacht, in Apparaturen gestaucht, gebogen und zum Erwerb der endgültigen Form in Schablonen gepresst, ausgetrocknet und nachbearbeitet.

 

Das Fertigen aus Einzelteilen erlaubte das Verpacken von 50 Stühlen in einen Kubikmeter. Leichtigkeit, geringer Preis, Modernität und gute Versendbarkeit machten ihn zum ersten Massenstuhl. Vom Modell 4 von 1859 hatte das Unternehmen bereits 70 Jahre später 75 Millionen Stück verkauft. Ein Drittel aller Stühle blieb in Österreich, der Rest wurde in alle Welt exportiert.

 

Weil in der Heimat am Rhein niemand mehr an den Erfolg der Bugholz-Technik glaubte und die Thonets für ihre aufwendigen Experimente des Holzbiegens keine Kredite mehr erhielten, ging der Stuhl nicht als Bopparder Kaffeehaus-Stuhl, sondern durch die Vermittlung eines Diplomaten als Wiener Kaffeehaus-Stuhl in die Geschichte ein. Zur Ehre und zum Ruhme Wiens.

 

Der erste Großauftrag der Thonets war die Bestuhlung des Kaffeehauses Daum in Wien. Es war die Zeit, in der das Kaffeehaus entstand, das schon bald zum öffentlichen Forum der Bürger wurde. Hier konnten sie, in einer Zeit, da Europa aus Monarchien bestand, ihren eigenen Lebensstil praktizieren und ihre gegen die Obrigkeit gerichteten Utopien bürgerlich geleiteter Staatsformen formulieren. Diese politische Intention kam in der Charakterisierung der frühen Wiener Kaffeehäuser Griensteidl, Daum oder Hawelka zum Ausdruck: Sie hießen Feentempel oder Zweites Parlament und in Absetzung von den Salons des Adels Café Größenwahn. Die Wiener Kaffeehäuser mit ihrem Wiener Kaffeehaus-Stuhl – wie der Thonet-Stuhl von da an heißt – wurden als geistige Mittelpunkte des kulturellen Wien Vorbild für die ganze Welt und machten das Stuhlsitzen zur Ikone ziviler Gesellschaften.

 

Allmählich vollendet sich die Demokratisierung des Thronens. Wartete man damals auf den erfinderischen Geist, der dem gewachsenen Bedürfnis nach Stühlen nachkommen konnte, um jedem Menschen erst einmal zu einem einzigen Sitz zu verhelfen, verfügt heute in zivilen Kulturen jeder einzelne potenziell über etwa 4 Dutzend Sitze. Er könnte gleichzeitig in Cafés, Büros und Flugzeugen, in Kinos und Schulen, in Arenen und Automobilen sitzen. Das unaufhaltsame Vordringen des Stuhlsitzens in alle gesellschaftlichen Tätigkeitsbereiche hat den Thron als Stuhl zum Alltagsgegenstand gemacht.

 

Die Idee der Verbreitung des Thonet-Stuhls begann in der Höhe. Exklusiv, nobel, herausgehoben auf Schloss Johannisberg. Symbolisch angestoßen von einem sich selbst inthronisierenden Bürger, ideell entworfen und umgesetzt von zwei Männern, deren berufliche Karrieren mit Wien verbunden waren – dem Wiener Kongress und dem Wiener Kaffeehaus. Die drei verbindet die Perspektive einer Sitzgesellschaft, in der nicht nur jeder das Sitzrecht erhält, sondern es auch realisieren kann. Michael Thonet und Fürst Metternich verband darüber hinaus, dass sie fünfzehn Kilometer Luftlinie voneinander entfernt geboren wurden, auf Schloss Johannisberg Ideen austauschten und sich nach Wien begaben und dort starben. Ihre Rollen unterscheiden sich: Der eine spielte auf dem Parkett der Diplomatie in den Jahren 1814/ 15, der andere auf dem Feld der Stuhlproduktion mit dem ersten Massenstuhl im Jahr 1859.

 

Als veräußerlichte Gedanken, Empfindungen und Ideale, als sichtbare Zeichen einer kollektiven Erkenntnis und Erfahrung sind Stühle Verkörperungen der Geschichte und der Idee des modernen Europa. In Versailles vorgeprägt, in Wien produziert, initiiert aber auf Schloss Johannisberg, von wo aus die Realisierung der Stuhlidee in alle Welt kollerte.

 

 

© Hajo Eickhoff 2004

 

 

 

Hajo Eickhoff

 

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25. September 2017

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