Zweibeiniger Stuhl von Benoit Malta

 

 

 

aus: PublikForum, EXTRA Leben, Februar 2019

Wir sind doch aufrechte Wesen

 

 

Und was haben wir daraus gemacht? In zwei

rechten Winkeln abgeknickt, wird der Leib um

den Drehpunkt des Gesäßes stillgestellt.


In Berlin bin ich mit dem Kulturwissenschaftler Hajo Eickhoff verabredet, der sich seit vielen Jahren mit dem Sitzen beschäftigt und mit seiner überarbeiteten 1993 im Hanser Verlag veröffentlichten Doktorarbeit »Himmelsthron und Schaukelstuhl. Die Geschichte des Sitzens« eine materialreiche und tiefschürfende Studie vorgelegt hat. Seine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Wilmersdorfer Hinterhaus erscheint wie eine Mischung aus Studentenbude, Denkerklause und Künstlerquartier: Spärlich möbliert, fallen in seinem Wohn- und Arbeitszimmer ausdrucksstarke Porträtgemälde auf, neben einem kleinen Keyboard auf dem Boden lehnen E-Gitarre und Klarinette an der Wand. Er spielt auch Didgeridoo, das Blasinstrument der australischen Ureinwohner. Im ganzen Haushalt gibt es zu einem kleinen Tisch einen einzigen Stuhl, den er sich, wie er sagt, »zu Experimentalzwecken« zugelegt hat, darauf liegt ein selbstentwickeltes orthopädisches Sitzkissen. Vor dem in etwa Halbmeterhöhe stehenden Computer befindet sich ein Art Kniesitz, im Raum bemerke ich weiterhin ein Stehpult, Meditationskissen und diverse Hocker aus fernen Ländern. In der Küche steht noch ein circa 25 Zentimeter hoher Tisch, an den man sich mit einem Kniehocker setzen kann. Im Lauf meines Besuchs werde ich noch auf einem zweibeinigen Stuhl ohne Rückenlehne und einem Fakirstuhl, also mit einem Nagelbrett als Sitzauflage, Platz nehmen. Selbst die Position der tiefen Hocke, in die ich wie so viele andere wegen verkürzter Muskeln und Sehnen nicht mehr komme, werde ich einnehmen mit Hilfe einer schiefen Ebene für die Füße, die den Körperschwerpunkt in der Hocke so weit nach vorne verlagert, dass man nicht nach hinten umkippt. Hajo Eickhoff verdient seinen Lebensunterhalt mit Lehraufträgen an Universitäten, Rede- und Textbeiträgen auf Symposien und Kongressen, Ausstellungsprojekten (wie zum Beispiel im Deutschen Hygienemuseum in Dresden 1996/97); auch als Kulturberater in Unternehmen ist er tätig. Reich wird er davon nicht, aber die Unabhängigkeit ist ihm wichtiger. Einen Nine-to-Five-Bürojob, sei’s in einem Unternehmen, sei’s an einer Lehranstalt, kann er, der sich selbst als einen Nachtarbeiter beschreibt, nicht vorstellen. Von Konventionen, die das Denken und Fühlen einengen, will er sich nichts vorschreiben lassen. Ein freier Geist also, der mir zu unserem Gespräch einen Platz auf dem weichen Teppich anbietet.  

 

Herr Eickhoff, wie sind Sie dazu gekommen, sich so intensiv und über viele Jahre hinweg mit dem Sitzen, und besonders mit dem alltäglichen Sitzen auf Stühlen, zu befassen? 

 

Hajo Eickhoff: Mich verwundert eher, dass sich nicht alle damit beschäftigen, wo das Sitzen doch eine Angelegenheit ist, die uns stark bedrängt und körperlich sehr nahe geht. Was mich persönlich betrifft, so ging mir auf meinem verschlungenen Bildungsweg von der Hauptschule über die Lehre als Kraftfahrzeugschlosser, die Ingenieurschule, das Abitur auf dem Abendgymnasium bis hin zum Studium die intuitive Ahnung auf: Wer oft und lange sitzt, lernt viel und weiß vielleicht mehr. Sitzen hat also etwas mit Bildung und Wissen zu tun, Sitzen macht uns zu geistigen Wesen. Während meines Studiums in Aachen habe ich dann an einem Stuhl gebaut, eine Art niedrigem wuchtigen Sessel, von dem ich die Idee hatte, er solle für alle Körpergrößen und Körperhaltungen passen. Ich habe nach etwas gesucht, ließ das Projekt aber nach einigen Jahren fallen. Schließlich habe ich, um mein Studium abzuschließen, eine kleinere Arbeit über italienisches Design in den 50er bis 70er Jahren geschrieben. Da fiel mir auf, dass die Stühle immer kubischer wurden, also die hohen Lehnen verschwanden, Breite und Tiefe glichen sich an. Die Stühle wurden würfelförmiger, weil sie in dieser Form besser in die aufkommenden Wohnlandschaften passten. Ich forschte dann sieben Jahre lang über das Sitzen auf Stühlen und schrieb meine Doktorarbeit. 

 

Sie wundern sich, dass sich so wenige Menschen mit dem Sitzen befassen. Liegt es vielleicht daran, dass uns das Sitzen wie die natürlichste Sache der Welt vorkommt? 

 

Hajo Eickhoff: So wie wir heute sitzen, gerade was Häufigkeit und Dauer betrifft, sitzen wir erst seit den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Wenn Sie sich etwa Fotos aus dem Berlin der 20er Jahre anschauen, dann sehen Sie neben einigen Autos und Straßenbahnen vor allem eine riesige Menge herumlaufender Menschen. Wenn es dagegen heute nach einer Kälteperiode mal wieder knapp über null Grad ist, holen die Cafés ihre Stühle raus, und der Berliner setzt sich hin. Selbst als der Tischlermeister Michael Thonet mit seinem sogenannten Wiener Kaffeehausstuhl, einem einfachen, erschwinglichen und haltbaren Sitzmöbel, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die industrielle Massenproduktion ging, war die Entwicklung so, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur für jeden zweiten einen Stuhl gab. Davor wurde einfach nicht viel gesessen; in den winzigen Wohnungen des Mittelalters zum Beispiel war gar kein Platz für Möbel. Heute dagegen stehen jedem, nimmt man den privaten und öffentlichen Raum zusammen, etwa 50 Sitzgelegenheiten zur Verfügung. Selbst unsere scheinbare Mobilität ist die Überwindung von Entfernungen im Sitzen: Das Auto oder die Bahn gleichen einer langen Bank von Zuhause bis zum Zielort. Aber auch wenn der weiße stapelbare Plastikstuhl, der sogenannte Monobloc, milliardenfach produziert wird und in allen Weltgegenden, ob Wüste, Hochgebirge oder Dschungel, zu finden ist, müssen wir uns doch vor Augen führen, dass mehr als die Hälfte der Menschheit nach wie vor nicht auf Stühlen sitzt. Das Sitzen auf dem Stuhl ist keine natürliche Körperhaltung, es ist eine kulturelle Eroberung des modernen Europas. 

 

Was geschieht, wenn man sich setzt? 

 

Hajo Eickhoff: Sitzen ist eine dem in Jahrtausenden erworbenen aufrechten Gang und der menschlichen Anatomie zuwiderhandelnde Körperhaltung. In zwei rechten Winkeln abgeknickt, wird der Leib um den Drehpunkt des Gesäßes stillgestellt. Waren früher die Füße das Fundament des Menschen – er war sozusagen geerdet und hatte den Kopf in der Höhe –, wird nun der Hintern auf der Sitzunterlage die Basis. Und da aufrechtes Sitzen viel Kraft und Bewusstheit fordert, beugt sich der Sitzende quasi automatisch nach vorne. Das Sitzen verwandelt den aufrechten Menschen in ein gekrümmtes Wesen. Anatomisch-physiologisch betrachtet wird beim Sitzen die Muskulatur auf der Körperrückseite verlängert und erzeugt in der Skelettmuskulatur eine größere Spannung, einen erhöhten Muskeltonus. Besteht dieser erhöhte Tonus über Jahre und Jahrzehnte – und man fängt ja schon als Baby und Kleinkind an mit dem Sitzen –, kommt es zu einer Verfestigung Sklerotisierung, einer tendenziellen Verkalkung der Skelettmuskulatur und die Muskeln werden steifer. Ein erhöhter Muskeltonus führt notwendig zu einer reduzierten Atmung, die wiederum den Tonus erhöht. Der eingeengte Bauchraum beim Sitzen behindert die freie Atmung und übrigens auch die Verdauung. Durch langes Sitzen wird damit der Energiehaushalt stark verringert. Die Folge: Wer sitzt, erstarrt. Und da jeder nicht benutzte Muskel abbaut, wird uns das Sitzen zum Bedürfnis. Wenn wir erst einmal anfangen zu sitzen, dann brauchen wir den Stuhl und nicht umgekehrt. Wie vielfältig und weitreichend die Gesundheitsrisiken durch zu langes Sitzen sind, zeigen medizinische Untersuchungen. Nicht nur die zu erwartenden Rücken- und Bandscheibenprobleme, Muskelverspannungen und Haltungsschäden sind hier zu nennen, sondern auch der Einfluss auf Herz-Kreislaufschäden, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes oder psychische Erkrankungen wie Depression.  

 

Warum hat sich der Mensch gesetzt? 

 

Hajo Eickhoff: Sich setzen heißt sich beruhigen; das lateinische sedere hat auch die Bedeutung von besänftigen. Wenn wir zu jemandem sagen »Setz dich erst mal hin«, dann meinen wir genau das: zur Ruhe kommen, die aufwühlenden Emotionen und überwältigenden Trieb- und Instinktimpulse in den Griff bekommen. Diese Sedierung, das heißt die Besänftigung des Wilden in uns, ist das grundlegende Prinzip der kulturellen Entwicklung der Menschheit. Das, was den Menschen auszeichnet, seine Vernunft, ist zunächst einmal die Fähigkeit zum An- und Innehalten. Der Mensch befreit sich aus dem Zwang des Reiz-Reaktionsschemas: Er kann seine Bedürfnisbefriedigung in die Zukunft verschieben. 

 

Der vorgeschichtliche Mensch lebte als Jäger und Sammler. Was bedeutete es, als er in einem langen Prozess sesshaft wurde? 

 

Hajo Eickhoff: Mit der Sesshaftwerdung der umherstreifenden Menschheit beginnt die kulturbildende Einhegung des Bewegungsdranges, die verschiedene Formen kennt. Der umherschweifende Mensch hält an, besetzt ein Stück Land und baut sich ein Haus – domus, das Haus: Er domestiziert Pflanzen und Tiere, aber auch sich selbst. Das Haus fügt sich ein in eine städtische Siedlung (übrigens ein von „sedere“ abgeleitetes Wort) – civitas, die Stadt: Er zivilisiert sich. Er bildet sich, geht in die Schule – discipulus, der Schüler: Er diszipliniert sich. Um zu lernen und geistig zu arbeiten, setzt er sich – sedes, der Sitz: Er sediert sich. Und jetzt im digitalen Zeitalter verortet er sich im Netz – lateinisch nodus, das Netz –, daher nenne ich diese Kulturentwicklung Nodierung. Kultur heißt also immer, Energien des Ursprünglichen, Wilden in uns zu kultivieren. Erstaunlich ist dabei, dass sich in nicht einmal hundert Jahren der aufrecht gehende Homo sapiens in den gebeugten Homo sedens verwandelt hat. 

 

Sedierung als kulturelles Prinzip klingt reichlich abstrakt. Können Sie ein einfaches Beispiel geben, wie Menschen durch das Sitzen kultivierend an sich arbeiten? 

 

Hajo Eickhoff: Vor Jahren gab es in Leipzig bei einem Fußballspiel Ausschreitungen. Der Deutsche Fußballbund setzte dann durch, dass Stadien in Deutschland weitgehend bestuhlt werden. Die Überlegung dahinter war so simpel wie wirksam: Wer sitzt, kann nicht ausschreiten, weder wortwörtlich noch im übertragenen Sinne. So sind auch heute viele Säle für Rockkonzerte oder ähnliches von vornherein bestuhlt, um Exzessen vorzubeugen. 

 

Sind wir aber nicht an einem Punkt angelangt, wo die fortschreitende Sedierung wieder in ihr Gegenteil umschlägt? Menschen klagen etwa über innere Unruhe, fühlen sich getrieben. 

 

Hajo Eickhoff: Bestimmt gibt es einen dialektischen Umschlag, wenn die Selbstkontrolle zu groß wird. Der Mensch wird spröde, sein kultureller Panzer bekommt Risse. Denn das Wilde bleibt im Menschen, unter der Sedierung schlummert weiterhin eine dynamische Ursprünglichkeit, eine Art Unruhe. Wird diese nach außen drängende Kraft zu sehr eingeengt, fliegt irgendwann der Deckel in die Luft. So war es in der Zeit des Nationalsozialismus, als von Staats wegen die zivilisatorischen Sicherungen abgelehnt und zerstört wurden, so dass sich eine mörderische Brutalität breit machen konnte. Oder man kann es auch im Kleinen erleben, etwa bei Jugendlichen, denen die Selbstregulation ihrer Gefühle abhandengekommen ist und deren Lebensenergie fast nur noch destruktiv um sich schlagen kann. Zugleich – und auch eine Folge der lähmenden Sedierung – herrscht eine Gleichgültigkeit. Erwachsene müssten sich gegen offensichtliche Missstände erheben, aber die Mehrheit bleibt wie festgehalten sitzen. 

 

Was halten Sie von den orthopädischen Bemühungen um ein gesünderes Sitzen? 

 

Hajo Eickhoff: Schon im ersten orthopädisch konstruierten Stuhl sind alle Widersprüche da, die das Verhältnis von Mensch und Stuhl prägen und die sich nicht wirklich auflösen lassen. Es ist der Kreuzlehnstuhl des Orthopäden Franz Staffel, dessen besondere Rückenlehne über eine Federeinrichtung einen flexiblen Gegendruck im Lendenwirbelbereich ausübt und so den Sitzenden in einer aufrechten Position hält. Der sogenannte Staffel-Stuhl ist der Ausgangspunkt für alle modernen Bürostühle, die dann immer raffinierter mit Lehnen und Sitzflächen experimentieren. Staffel sagt, das Schlimme am Sitzen seien die rechten Winkel, die nicht zum menschlichen Bewegungsapparat passen. Ideal wäre ein Sitzen wie beim Kutscher: Durch die schräge Sitzfläche und die vorne schräg abgestützten Beine würden die 90-Grad-Winkel am Knie und in der Hüfte verhindert. Dann macht er aber in seinen Überlegungen einen Schwenk: Da wir aber die Füße entlasten wollen, baut er doch wieder einen normalen Stuhl zum rechtwinkligen Sitzen. Obwohl er es aus orthopädischer Sicht besser weiß, unterwirft er sich der Macht des rechten Winkels. Dahinter steckt das Bestreben, den menschlichen Körper und seine Bewegungen in eine rationale Geometrie einzubinden. Die Ideen von Frederick Winslow Taylor treiben diese Geometrisierung auf die Spitze, es entstehen Arbeitsplätze, die eigentlich nicht mehr für Menschen geeignet sind, sondern für Roboter. 

 

Wie müsste ein Büro aussehen, das die Gesundheitsrisiken des Sitzens wirklich verhindern will? 

 

Hajo Eickhoff: Es bräuchte ein Haltungsgerät am Arbeitsplatz, das uns erlaubt, drei oder vier verschiedene Körperhaltungen einzunehmen. Aber noch Ende des 20. Jahrhunderts warb eine Softwarefirma mit dem Slogan: »In unserem Unternehmen herrscht Gehverbot.« Das bedeutet: Mit Hilfe unserer Computer-Programme musst du nie mehr während der Arbeit aufstehen. Selbst die heutigen High-Tech-Stühle mit Hebeln, Motoren und ausgefeilter Software werden niemals die Krux des Sitzens lösen: die unnatürliche Fixierung in rechtwinkliger Abknickung des Körpers. Da hilft nur der ständige Wechsel: Sitzen, Hocken, Stehen, Liegen. Würden wir nur ein Drittel der bisherigen Dauer sitzen, gäbe es kaum die Folgeerkrankungen. Dass heute Kinder schon 15 Stunden sitzen, widerspricht völlig der Entwicklung, dem Aufbau und der Funktionsweise menschlichen Körpers. Der Mensch ist fundamental angelegt auf Bewegung, nichts steht still, selbst im Schlaf ändern wir ständig unsere Liegeposition.  

 

Können wir überhaupt aus der Sitzgesellschaft ausbrechen? 

 

Hajo Eickhoff: Sowohl in manchen Unternehmen als auch bei einigen Stuhlproduzenten sind Ansätze zu einem Bewusstseinswandel bemerkbar, was ja auch damit zusammenhängt, dass durch die Folgen des zu vielen Sitzens erheblicher betriebs- und volkswirtschaftlicher Schaden entsteht. Deswegen werden ja auch Krankenkassen aktiv. Das Stehen am Pult, der Wechsel von Stehen und Sitzen sowie unterschiedliche Formen eines dynamischen Sitzens werden gefördert. Aber noch immer wird das Problem des Dauersitzens nicht ernst genug genommen; alternative Sitzideen haben nach wie vor den Ruf des Verspielten. Es ist vielleicht wie mit Bioläden im Vergleich zu konventionellen Supermärkten: In etwa zehn Prozent der Büros werden Formen des anderen Sitzens praktiziert. Dass der Wandel so langsam oder vielleicht auch nie in der Breite stattfindet, liegt auch an der Ästhetik und Soziologie des Büros. In der Sitzgesellschaft wird über Stühle und Sitzanordnung eine soziale Hierarchie und Ansehen etabliert. Büros sollen Seriosität und Würde ausdrücken – man könnte auch sagen: Sachlichkeit, Ernst und Steifheit. Ein Chef, der statt im ledernen Chefsessel auf einem Kniehocker seine Angestellten empfängt, würde wahrscheinlich nicht mehr als Respektsperson wahrgenommen werden. Das sind kulturelle Konventionen, die noch wirkmächtig sind.

 

Das Gespräch führte Armin Rohrwick


 

© Hajo Eickhoff 2019

 

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15. Juli 2019

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