aus  

Vom Menschen

Handbuch Historische Anthropologie

Chr. Wulf (Hg.), Weinheim 1995

 

 

SITZEN

 

 

 

Wer sitzt, will alles sitzend. Will sitzende Dinge, sitzende Pflanzen, sitzende Tiere. Selbst Gedanken oder Seelen, Götter oder Schmerzen sollen sitzen.

 

Der Mensch liegt nicht nur oder steht und geht aufrecht. Je nachdem, welche Glieder er belastet oder in welcher Position er ruht, spricht man von hocken, knien, kauern oder sitzen. Liegen ist die Position der Ruhe. Eine Grundhaltung, in der der Mensch einen umfassenden Kontakt zum Boden hat. Aufrecht Stehen und Gehen sind die Positionen der Tatkraft, in der die Füße den Boden berühren. Alle Haltungen dazwischen sind ein Zusammenspiel aus Ruhe und Aktivität. In ihnen kann der Mensch ausruhen, essen, spezielle Arbeiten verrichten, mit anderen kommunizieren oder seinen Gedanken nachgehen. Während der Körper eine lagernde Position innehat, bleibt der Kopf in der Höhe und hält den Menschen aufmerksam und geistig wach. Aus dem Sitzen, bei dem der Sitzende mit dem Gesäß auf einer Unterlage ruht, haben sich zwei Formen entwickelt, in denen die Konzentration auf geistig-spirituelle Aktivitäten im Mittelpunkt steht: das Lotussitzen im Zazen und das Sitzen auf Stühlen. Haltungen der Disziplin und Askese, in denen der Körper fixiert wird. Die strengen Formen des Sitzens sind das Produkt sesshafter Kulturen und Teil der Strategie des Menschen, sich innerlich zu beruhigen.

 

Das Sitzen in der Lotusposition ist eine fernöstliche, asketische Form der Meditation. Auf einem flachen Kissen sitzend ruhen die Füße auf den Oberschenkeln des jeweils anderen Beins, die Knie auf dem Boden. Ins Lotussitzen, das ein hohes Maß an Disziplin fordert, muss der Mensch erst eingeübt werden. Während niemand über seine Leibeshaltung Rechenschaft ablegt, entsteht das Lotussitzen im Zusammenhang mit der Lehre des Buddhismus. Es soll zu einer milden Geistesverfassung führen. Die Lotussitzer glauben, dass sie sich im Einklang mit dem Kosmos und den Göttern befinden und dass die Haltung physiologische Effekte hervorruft, die für Seele und Geist bedeutsam sind. Diese asketische Weise des Meditierens hat besondere Formen des Lassens hervorgebracht: Genügsamkeit, Einfalt und Demut. Dem Lotussitzen liegt von Anbeginn an die Haltung einer funda­mentalen Resignation zugrunde, eine Trauer um die gedachte Unerfüllbarkeit der Bedürfnisse in der äußeren, auf den Leib einwirkenden Welt. Diese Haltung, die das Leiden an der Welt überwinden will, muss den Leib in eine asketische Bahn zwingen und die Sinnlichkeit formen und kontrollieren.

 

Das Sitzen auf Stühlen ist eine Erfindung städtischer, ziviler Kulturen. Auf einem langen Weg hat es sich aus dem Thronen der Könige, einer geweihten Haltung, entwickelt. Es ist das Sitzen auf einem Gestell, dem Stuhl mit unterschenkelhoher Sitzebene. Wie im Lotussitzen geht es im Stuhlsitzen um die Aktivierung spiritueller Kräfte, um die Formung der Sinne und um die Nähe zu kosmischen Mächten. Es unterscheidet sich aber von ihm durch die Verwendung eines Gerätes und darin, dass es anderen Formungsprinzipien folgt. Heute hat sich das Sitzen auf Stühlen zu einer bevorzugten Haltung entwickelt.

 

Wer sich auf Stühle setzt, hält nicht an. Trotz der leiblichen Fixierung schreitet er fort. Schreitet fort in Räume des Inne­ren. In Räume inneren Suchens und innerer Bildungen. Die Erfin­dung des Stuhls, zunächst ein Thron, ist an den Beginn der Selbstre­flexion des Menschen und seiner Suche nach Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Daseins geknüpft (Eickhoff 1993, S. 26). Im Stuhl schrumpft der Kosmos auf seine kleinste, von einem Menschen besetzbare Größe zusammen.

 

Das Sitzen ist eine alte Form des Lagerns. Sitzen auf Stühlen dagegen eine sehr junge Gestaltung des menschlichen Lei­bes. Es stellt sowohl eine äußere Haltung als auch ei­ne innere, eine psychisch-physische Formung dar. Die Entwicklung des Stuhlsitzens ist ein Prozess der inneren Beruhigung oder Sedativierung, in dem der Stuhl den Menschen ruhigstellt, ihn auf ein hohes Kulturniveau hebt und weitverzweigt in die Sprache eindringt. In vielen Kulturen entstammen die Bezeichnungen für Sitzen und Sitzmöbel der Silbe sed, die auf besänftigen, hemmen und isolieren verweist. Etwa in sedere, sedile, sedentaire, besetzen oder Sessel. Man sitzt zu Gericht, beraumt Sitzungen an, setzt sich ab oder zurück, ist besessen oder versessen auf etwas, verabschiedet Gesetze, sitzt ein, hat Aussetzer, findet etwas entsetzlich, setzt Akzente, ist starr vor Entsetzen, oder wird abgesetzt. Man kann aufsässig, alteingesessen oder ansässig sein. Es gibt Besatzungen, Zielsetzungen, Insassen, Aufsätze, Übersetzungen und Gesetze oder Setzlinge. Wir finden das Sedieren in der Sprache, aber auch in unserem Organismus. Im Sitzenden lagern sich infolge der Ruhigstellung Schichten des Sedativen ab. Dabei bezeichnet Sedativierung einen Prozess zunehmender Kontrolle des Vegetativen. Allerdings führen diese Formen der Beruhigung nicht zu innerer Ruhe. Im Gegenteil: Jede Sedativierung treibt nur eine Unruhe anderer Art hervor, wie Nervosität, Melancholie, Unrast oder Ressentiment.

 

Wenn Jäger und Sammler oder Nomaden ruhen, sitzen sie weder auf Stühlen noch in meditativen Sitzhaltungen. Sie hocken, kauern oder liegen. In der Hocke ruhen sie, wie im Stehen, auf den Füßen. Ihr Leben spielt sich vorwiegend auf den Fußsoh­len ab, über die sie die Art und die Form des Bodens unmittelbar erfahren. Zu Fuß bewältigen sie weite Strecken. Die Fuß­sohlen und das Gleichgewichtsorgan des Ohres integrieren die Sinne mit den Leibesfunktionen und bilden eine den rauhen Umständen angepasste Orien­tierung aus. Unter der Bedingung, dass der Mensch einen großen Teil des Tages auf Stühlen sitzend zubringt, kann er den Rumpf nicht organisch auf den Füßen sowie den Knie- und Hüftgelenken aufbauen. Nur die Wanderer zu Fuß haben starke Beine und Rücken, die den Kopf optimal auf der Wirbelsäule halten.

 

Die Sesshaftwerdung ist eine zunehmende Bindung an das Haus und heißt Domestizie­rung. Das kurzzeitige Bewohnen und das immer erneute Verlassen von Weideland und Jagdgründen wird in ein Aneignen des Bodens transformiert. Man durchwandert das Territorium nicht mehr, sondern be­setzt und begrenzt es. Mit der Sesshaftigkeit hält der Mensch seinen Lauf an und beginnt im Haus und seiner näheren Umgebung zu leben. Die ersten Sitzgeräte haben sich im Rahmen der Sesshaftigkeit entwickelt.

 

Bevor es Stühle gab, musste es den Thron geben und vor dem Thron Bilder und Imaginationen von Gestalten, die auf einem unterschenkelhohen Gestell sitzen. Der Thron leitet sich von den Statuetten einer steinzeitlichen Göttin ab, die in einer hockend gebärenden Haltung ruht, in der sie von zwei Großkatzen begleitet wird. Ihre Position erinnert an das Sitzen auf Thronen und Stühlen, während die Komposition alle Elemente späterer Throne enthält: die Schweife der Löwen als Rücklehne, ihre Köpfe als Armlehnen, ihre Beine als Thronbeine und das voluminöse Gesäß der Göttin als Sitzbrett (Eickhoff 1993, S. 26f).

 

Derjenige, der in derselben Weise gesetzt wird, ist der König. Damit er eine solche Haltung einnehmen kann, bedarf er, anders als die Göttin, eines Gestells. Mit dem Verfertigen eines solchen Gestells ist der Thron erfunden. Das Thronen erweist sich als Imitation der Gebärhaltung weiblicher Gottheiten. Im thronenden König kommt der Wandel von einem weiblich-kosmischen zu einem männlich-königlichen Mythos zum Ausdruck. Der Mythos besagt, dass der Ort des Schöpferischen vom weiblichen Schoß angehoben wurde zum Mund des Mannes und dass Geist und Sprache über allem Stofflichen und Leiblichen stehen. Die Erhöhung, die im Thronen mitgedacht und mitempfunden wird, liegt im Anheben vom Schoß zum Kopf. Der thronende König wird das Gegenbild des Weiblich-Kosmischen.

 

Der König und Priester gelangt nicht auf den Thron, indem er freiwillig Platz nimmt. Er wird gewaltsam gesetzt. Könige gelten seit jeher als mächtige Herrscher, doch das Thronen offenbart zugleich ihre Ohnmacht. Es war erlaubt und gefordert, künftige Herrscher am Vorabend der Inthronisierung zu martern. Eine vorweggenommene Rache für seine spätere Macht. Man zwang Könige und andere Herrscher täglich auf den Thron, ohne ihnen zu erlauben, Kopf, Füße, Hände oder Augen zu bewegen. Nicht einmal zum Schlaf durften manche Herrscher ihren Thron verlassen. Der Thron war ihnen zugleich das Bett. Immer galt es, dem König nur ein kleines Maß an Bewegung einzuräumen, da man glaubte, er würde in der fixierten Haltung des Thronens spirituelle Kräfte sammeln und die kosmischen Mächte besänftigen können. Das Thronen galt nicht dem Komfort des Königs. Sein Thronen war Opfer. Die Be-grenzung seiner Beweglichkeit und Vitalität sollte nicht seine Kräfte, sondern die der Gemeinschaft beleben und festigen. Hierin liegen die meditativen Qualitäten des Thronens und Stuhlsitzens. Eine Gemeinschaft wird durch den thronenden König begründet und findet in ihm ihre Mitte. Deshalb sind das Sitzen auf Stühlen und das Thronen Gebärden der Macht. Der Thron ist das Tor zum Transzendenten und symbolisiert und verkörpert die abstrakten Ideale eines Gemeinwesens: Urschöpfung und Opfer, Geburt und Tod sowie die abstrakten Gesetze des Verhaltens. Im Thron wird die Gemeinschaft bildhaft. In den Großreichen hat sich der Thron zu einem Gerüst staatlicher Repräsentanz verdichtet und verdinglicht. Mögen Könige noch so mächtig gewesen sein, durch den Thron waren sie sozial isoliert und leiblich ruhiggestellt. Könige sind das Gesetz, aber sie sind auch Gesetzte.

 

Im thronenden König nimmt das Maß der Sedierung eines Stammesmitglieds zu. Später wird die beruhigende Formung infolge des Sitzens auf einem Gestell auf Bischöfe, Priester, Fürsten und Mönche, noch später auf wohlhabende Bürger ausgedehnt, bis sich das Sitzen auf Stühlen bis in alle Gesellschaftsschichten hineinentwickelt hat.

 

Das andere Fundament des heutigen Stuhls ist das Kreuz Christi, die christliche Formulierung des Throns. Das Christentum ist der spirituellen Verlockung des königlichen Thronens gefolgt. Auch Jesus ist König, König der Gläubigen. Sein Tod am Kreuz ist die Überwindung des Leibes mit den tugendhaften Mitteln der Demut und des unbedingten Gehorsams. Sein Kreuztod soll die Menschen mit Gott aussöhnen und ihnen ein Ziel geben. Das Leiden am Kreuz ist die Vorbereitung zur Erhöhung Christi auf den Himmelsthron, den Richterstuhl. Aber bereits das Kreuz ist Richterstuhl. Dem Menschen wird verheißen, dass er, wenn er wie Christus lebt und stirbt, auf den Thron des Herrn gelangt. Die Apokalypse geht weiter und formuliert die Perspektive des Gläubigen: das Sitzen auf dem Thron des Herrn bis in alle Ewigkeit. Rechtwinklig und rechtgläubig, starr und unbeweglich. Mit dem Sedile, einem Brett, das man in Gesäßhöhe gelegentlich ans vertikale Kreuzholz schlug, erhöhte man den Ge­kreuzigten schon am Kreuz. In der Not konnte er sich darauf niederlassen. Man erhöhte damit sein Lei­den, da der Kreislaufzusammen­bruch hinausgezögert wird, an dessen Folgen der Gekreuzigte stirbt.

 

Das Sitzen auf Stühlen praktizieren im Christentum zuerst die Kirchenältesten, die Presbyter und späteren Bischöfe. Die frühe Christengemeinde liegt nach römischer Sitte zum abendlichen Mahl, das mit dem Gottesdienst noch eins ist, um den niederen Tisch. Luther hat bei seiner Übersetzung der Bibel das Liegen um den Tisch in ein Sitzen auf Stühlen am Tisch verwandelt, denn eine Gesellschaft, die auf Stühlen sitzen will, muss tun, als sei das Stuhlsitzen ein natürliches Merkmal des Menschen. In dem Maß, in dem der Gottesdienst feste Formen annimmt, wächst der Abstand zwischen den Presbytern und der Gemeinde und aus dem Liegen um den Tisch entwickelt sich das Zelebrieren an einem hohen Tisch, der zum Altar wird. Die Gemeinde steht oder kniet in gebührender Distanz. Bald erhalten auch die Priester Sitze in der Kirche. Wie die Gemeinde während des Gottesdienstes steht oder kniet, so stehen und knien auch die Mönche, bis sie im 10. Jahrhundert das Chorgestühl erfinden, in dem sie den von Benedikt von Nursia (480-547) geforderten Wechsel von Stehen, Sitzen und Knien an einem eng begrenzten Ort durchführen können. Die Mechanik, die das ermöglicht, ist ein Klappsitz. Die Sitzreihen der Theater, Kinos und Hörsäle sind Nachfolger des Chorgestühls. Auf dem Klappsitz, der eine verbreiterte Vorderkante (Miserikordie) hat, kann man in hochgeklapptem Zustand eine mittlere Position zwischen Stehen und Sitzen einnehmen. Auch die Schulterringe, auf die man während des Stehens die Arme legen kann, erlauben neben dem freien Stehen ein Hängen oder ein gestütztes Stehen. Benedikt hat das Sitzen auf Stühlen während der Lesungen vorgeschrieben und es damit ins Kloster eingeführt. Er hat mit dem Sitzen keine milde Askese gefordert, sondern in der Zucht des Leibes durch das Stuhlsitzen ein Maß gefunden, das es möglich machte, die Sedativierung auf eine breite Basis zu stellen. Im komplexen Mechanismus des Chorgestühls erfahren die Mönche ein Spektrum fein abgestufter Haltungen, durch die sich aus dem anfänglichen Knien und freien Stehen mehrere gestützte Positionen entwickelt haben. Da man das Vermögen verliert, für länger frei zu stehen, wenn man sich stützen­der Geräte erst einmal bedient, verfügen die Mönche zwar über ein hohes Maß an Dis­ziplin und Spirituali­tät, aber auch über einen ge­beugten und zivilen Leib. Im klösterlichen Sitzen werden die Tugenden des Kreuzes - Keuschheit, Gehorsam, Demut - und die Merkmale des königlichen Thronens tief ins Organische hineingetrieben. Die Mönche sitzen abgeschottet, jeder für sich, in der Zelle des Gestühls und konzentrieren sich auf ihren inneren Weg zu Gott. In der mönchischen Askese wird die bei Königen und Bischöfen begonnene Sedierung - die Fixierung und Gestaltung ihres Leibes und ihre sich dabei einstellende Formung des Geistes - fortgesetzt. Ist die äußere Haltung auch eine andere, die innere Form der Meditation des mönchischen Sitzens auf dem Chorstuhl hat eine Nähe zum meditativen Sitzen im Zazen.

 

Der wachsende Reichtum führt dazu, dass man den Vertretern des Bürgertums Stühle an den Seitenwänden des Kirchenschiffes aufstellt. Neben den wenigen Sondersitzen für die landesherrlichen Familien sind sie das erste Gestühl für Nichtgeistliche in der Kirche. Von da an differenziert sich das Laiengestühl in der Kirche rapide: Stühle für die Vorsteher der Patriziate, Seefahrergilden und Zünfte. Es ist eine Zeit, in der die Vorsteher zu Vorsitzenden umgerüstet werden. Mit der Reformation fordert die protestantische Gemeinde die Bestuhlung der Kirchen, die katholische Gemeinde über ein Jahrhundert später. Umgekehrt drängt das Gestühl heraus aus der Kirche in die Alltagswelt.

 

Das Mittelalter kennt keine Stühle. Bis in die Neuzeit hinein kauert man auf niederen Schemeln, Bänken oder beliebigen anderen Gegenständen. Der politische Einfluß des Bürgertums fordert eine neue Ordnung des Sozialen und erlaubt dem Bürger, formale Haltungen einzunehmen. Der Bürger imitiert das mönchisch-christliche Sitzen und das königliche Thronen und macht Chorstühle und Throne zum Stuhl, zum Gebrauchsgegenstand des Alltags.

 

Der Stuhl fügt den Bürger. Er gibt ihm eine neue Haltung im Raum, während die Sitzhaltung die Räume zwischen den Sitzenden vergrößert und schematisiert. Stühle fügen in feste Rahmen, fixieren Abstände und verän­dern die Art der Begegnung. Sie sind Instrumente, die das Handeln und das Verhalten neu gestalten und neue Vorstellungen von Intimität hervorbringen, aber auch das vitale Wollen untergraben. Die geordneten Distanzen durch den Stuhlrahmen, die Sicher­heit im Territorium Stuhl und die Gleich­heit der Sitz- und Versamm­lungssituation in Stühlen werden be­stim­mend für die Art, in der sich Bür­ger versammeln. Wenn das Sitzen auf Stühlen Gewohnheit und zu einem verinnerlichten Zeichen des Sitzens geworden ist, können die Di­stanzen zwischen den Sitzenden wieder verringert werden, so dass die Bürger einander wieder näherkommen. Sit­zen auf Stühlen wird ein Kennzeichen der Bürgerlichkeit und erzeugt gesittete und normierte Verkehrsformen.

 

Bei der Ausbildung neuer Verhaltensweisen und neuer Fertigkeiten unterstützt der Tisch den Stuhl. Der Herd in der Küche, die symbolische Mitte des Hau­ses, um die man nah bei­einander und ständig in Bewegung war, tritt bald seine Stellung an den Esstisch in der Wohnstube ab, um den herum man diszipliniert sitzt. Der Esstisch, der jederzeit Bilder an den Altar und den Abendmahlstisch wachrufen kann, wird der Ort, an dem man anhält, äußerlich zusammenkommt und sich innerlich sammelt. Stuhl und Tisch, an dem man nun mit Messer und Gabel isst, werden die Ordnungsstifter der bürgerlichen Räumlichkeit. Das Sitzen auf Stühlen am Tisch formt die Menschen zu einer versammelten Menge. Das gemeinsame Essen am Wohnzimmer­tisch nimmt strenge - christliche und höfische - Züge an. Das Sitzen am Tisch ist eine Weise der bürgerlichen Geselligkeit (Eickhoff 1993b, S. 879).

 

Neuzeitliche Philosophien sind Theorien des Bürgerlichen und Demokratischen. Der Stuhl und die Sitzhaltung sind treffende Zeichen der Begriffe dieser Theorien, während umgekehrt ihre Begriffe eine abstrakte Ordnung des Sitzens darstellen. Der Stuhl veranschaulicht Raum als Stelle und konkreten Ort. Die drei senkrecht aufeinanderstehenden Raumachsen machen sein architektonisches Gerüst zu einem idealen Objekt, das den kartesischen Raum vergegenständlicht. Zugleich hat sich der Mensch im Stuhl ein Medium zur visuellen Verräumlichung seines Leibes geschaffen. Im Gegensatz zur Bewegungsvielfalt von Krabbeln, Laufen, Hocken oder Kauern fügt sich die Sitzhaltung auf dem Stuhl in ein Ordnungsschema, das erlaubt, den menschlichen Leib geometrisch aufzufassen.

 

Das Sitzen auf Stühlen bringt das anthropozentrische Weltbild zum Ausdruck. Nicht mehr Gott als Inbegriff des Vollkommenen oder Könige und Bischöfe als seine Stellvertreter, sondern der sitzende Bürger glaubt, selbst in den Prozess ewigen Werdens und Vergehens einzugreifen. Das Sitzen ist ein Bild für seinen gesteigerten Selbstwert. Der Bürger als Homo faber hebt sich aus dem Umfeld der Natur heraus und sieht seine eigene Natur im Nichtnatürlichen, in der über alle Natur erhabene kulturell bedingte humane Ratio. Seine die Welt sitzend erkennende und verändernde Arbeit wird zur Basis seines bürgerlichen Sendungsbewusstseins. Im Wunsch, die Welt sitzend zu bewältigen, distanzieren sich die Bürger vom zusammengekauerten Formlosen des Mittelalters und geben ihrem Leib im Sitzen auf Stühlen eine Kunstform, eine zivile und prägnante Haltung. Eine neue Welt kreiert der Homo faber nicht. Unter der Perspektive des Fortschritts bescheidet er sich mit der permanenten Umwandlung des Bestehenden. Der Gipfel dieses Bemühens ist die Aufklärung. Bereits Descartes gilt die Vernunft, das lumen naturale, als die bestverteilte Sache der Welt, wonach der Mensch mit eigenem Licht die selbstverschuldete Finsternis erhellt. Die Profanisierung des Throns macht den Sitzenden zur Verkörperung der göttlichen Herrschaftsgeste und zum Bild der allgemeinen Ausbreitung des natürlichen Lichts, der göttlich-humanen Vernunft. Das cogitatio des Descartes ist eine Form des Ich. Diese abstrakte Denkform bestimmt und legt fest: sie setzt. „Ich setzt sich“ und „Ich setzt Nicht-Ich“ schreibt Johann Gottlieb Fichte. Nach dieser Auffassung setzt das Ich den gesamten Kosmos. Zu dem Zeitpunkt, an dem sich das Bürgertum als Klasse und der Bürger als das allgemeinste politische Wesen endgültig auf den Stuhl setzen will, klassifiziert er in seiner Wissenschaftslehre den Bürger als Homo sedens. Fichte ist der Denker des Sitzens und Setzens und der Philosoph des Stuhls.

 

Beginnt das Sitzen auf Stühlen um 1450, erst im 19. Jahrhundert etabliert es sich endgültig. Doch erst mit dem ersten in Massen herstellbaren Sitzmöbel, dem Wiener Caféhaus-Stuhl, kann das Stuhlsit­zen bis hinab in alle Gesellschaftsschichten reichen und zum elementaren Werkzeug der Disziplinierung werden. Zwar haben die Städter des chinesischen Nordreiches etwa 500 Jahre (960 n. Chr. bis 1100) vor dem europäischen Bürgertum das Sitzen auf Stühlen entwickelt, aber das Sitzen nicht zu einer Regel des Alltags gemacht, wie sie den Buchdruck nicht anwandten, den sie ebenfalls vor den Europäern erfunden haben. Immer wieder sind sie zum Knien und Hocken auf Matten zurückgekehrt. Der Massenstuhl ist die de­mo­kratisierte Form des Throns, der Thron der Masse, der von Europa aus seinen Siegeszug um die Welt antritt. Das Sitzen auf dem Stuhl wird zum Boten eines neuen Menschentyps, des Homo sedens.                                                        

 

Die gesellschaftliche Einrichtung, die den Menschen zum Homo se­dens macht, ist die Schule. Fördernd und hemmend, ordnend und normierend wirkt das Sitzen auf Stühlen in der Schule auf Psy­che und Physis, indem es die Atmung begrenzt und strukturiert, chronisch die Skelettmuskeln verkrampft, vegetative Funktionen beeinträchtigt und auf den Kno­chenbau einwirkt. Der Stuhl, der die leiblichen Entfaltungsmöglichkeiten behindert, betrifft den ganzen Menschen. Das Kind wächst in den Stuhl hinein, der den wachsenden Organismus des Kindes nach und nach zur Sitzhaltung formt und festigt. Das Sitzen setzt den Stoffwechsel herab und schirmt alle Reizbezirke gut ab, die den Lernprozess stören könnten. Die kindliche Vitalität, die im frühen und systematischen Einüben ins Sitzen auf Stühlen hart begrenzt wird, richtet sich nach innen, auf die Gestaltung der physischen und psychischen Formen, die zum inneren Stuhl gestaltet werden. Der flache Atem und sein Muster, der erhöhte Tonus der Muskeln, ihre spezifische Beanspruchung und der niedrige Energieumsatz bilden den physischen Stuhl, die gebremsten Gefühle, das abstrakte Denken, der gegen die eigene Vitalität gerichtete Wille, das Nachfühlen (Ressentiment), die Trauer über die Einbuße an Vitalität, die Färbung der Gefühle sowie die Lust an der Beherrschung der eigenen Körperfunktionen bilden den psychischen Stuhl. Die durch das Sitzen und die Beruhigung hervorgerufenen Defizite suchen die Sitzenden in einem unablässigen, manischen Einrichten einer übersichtlichen Welt zu überwinden. Der Wille zum Sitzen auf Stühlen ist der Wille zu Ordnung und Macht und zum reibungslosen Einfügen ins Bestehende. Wer die Schule nach Jahren verlässt, ist Homo sedens. Während man ursprünglich einen Kaiser, Jesus Christus, einen Bischof oder einen König festhält und sedativiert, damit sich viele bewegen können, ist der Mensch heute sein eigener Priester und König.

 

Thron und Stuhl sind Erfindungen für den Mann. Die Art des Sitzens auf Stühlen oder Bänken ist geschlechterspezifisch. Für Frauen wird das Sitzen im Abendland erst mit der Demokratisierung des Throns möglich. Auf dem Rücken des Pferdes nehmen Frauen eine Art Stuhlsitzhaltung ein, Männer eine Stehhaltung. In der Schule verhängte man von der vorderen Tischkante bis zum Boden die erste Schulbankreihe der Mädchen . In der Öffentlichkeit sitzen Frauen meist mit aneinandergestellten Beinen, Männer breitbeinig in viel Raum beanspruchender Pose (Wex 1980).

 

In der Schule arbeiten bei der Formung des zivilen Menschen, wie am Esstisch, Stuhl und Tisch zusammen. Die Leibeshaltung (Sitzen) und das Tun (Lesen und Schreiben) begrenzen die kindliche Vitalität und Beweglichkeit von zwei Seiten her: vom Sitz und vom Tisch. Das Schreiben auf der Tafel oder dem Papier erfordert eine äußerste Körperbeherrschung und ein Höchstmaß an Disziplin. Man schreibt oder ritzt Buchstabe neben Buchstabe, setzt Zeile unter Zeile, schreitet auf der Unterlage linear voran. Man ist stillgesetzt und gebannt am Tisch, bewegt sich aber in anderen Medien weiter: im Medium des Schreibens und Lesens und im Medium der sich einstellenden Form des Denkens und der Einbildungskraft, unserer linearen Klugheit und technischen Phantasie. Dabei werden die Bewegungen spezialisiert und zunehmend fragmentiert. Sitzen auf der Bank oder auf dem Stuhl und Schreiben am Tisch werden die beiden wesentlichen Fertigkeiten, die in der Schule eingeübt werden. Was dabei dem Bewegungsdrang vorenthalten wird, soll sich zu einer geistigen Freiheit weiten. Um die zivilen Formen frühzeitig zu festigen, werden die sedativen Strukturen bereits in der Schule gelegt. Es ist die sitzende Lebensweise, die in der Schule eingeübt und auf die in der Schule vorbereitet wird.

 

Wenn das Sitzen auf Stühlen dem einzelnen und der Gesellschaft zur Gewohnheit und zur Norm geworden ist, das Maß der inneren Sedierung ein bestimmtes Niveau erreicht und sich vom Zwang zum Bedürfnis gewandelt hat, hat sich der Homo sedens zum Homo sedativus umgestaltet. Nach denselben Regeln, nach denen er sitzend seinen Leib bezwingt, richtet er die Welt zu. Er überführt Natur in geistig ge­formte Welten mit synthetischen Mate­rialien, geraden Kanten und präzisen Logi­ken. Das Sitzen auf Stühlen führt zu den Fertigkeiten des Ordnens und Überschauens wie Affektbeherrschung, Abstraktionsvermögen und Selbstkontrolle. Das Sitzen auf Stühlen bringt die Sinne und ihre Daten in eine neue Ordnung und Hierarchie - das Charakteristikum einer Kultur - und legt die Form fest, unter der die gegenständliche Welt vorge­stellt wird. Es verändert die Wahrnehmung und die veränderte Wahrnehmung modifiziert die Gegenstände für den wahrnehmenden Menschen. So bestimmt das Sitzen den nichtsinnlichen, das heißt den metaphysischen Hintergrund einer Gemeinschaft. Andererseits wird das synästhetische Zusammenwirken der Sinne unterlaufen und die Bewegungsarmut im Sitzen führt zu fehlerhaften Bewegungsabfolgen beim Gehen, Stehen, Sitzen und Ausführen jeglichen Tuns. Die po­ten­zierte Geistig­keit verödet die Sinne und führt den Homo sedativus in einen Sog von Selbstlähmungen hinein­.

 

Die Normalität des Sitzens auf Stühlen hat das Entdecken einfachster Elemente einer Physiologie des Sitzens erschwert. Orthopäden haben jedoch rasch herausgefunden, dass frühes und ausdauerndes Sitzen auf Stühlen gravierend in den kindlichen Leib schneidet, und sich die Frage nach einem kindgemäßen Sitzen gestellt. Sie haben entdeckt, dass Sitzen den Organismus schä­digt, präzise pathogene Folgen des Sitzens beschrieben und erkannt, dass sie Auswirkungen der rechtwinkligen Haltung und des fehlenden Wechsels von Belastung und Entspannung der Skelettmuskeln sind. Dessen ungeachtet haben sie sich damit beschieden, die Sitzenden in eine für gut erachtete Form, den rechten Winkel, zu brin­gen, in der sie das Zeichen menschlicher Souveränität sahen und noch sehen. Doch Sitzen auf Stühlen ist Schwerarbeit und der Sitzende findet infolge der Daueranspannung im rechten Winkel kein inneres Gleichgewicht. Die rechtwinklige Sitzhaltung ist die rationale Form des Leibes.

 

Die Funktionsweise des menschlichen Kreuzes bildet den inneren Mechanismus rechtwinkligen Sitzens. Sie verursacht, dass sich das Becken beim Setzen auf den Stuhl nach hinten dreht und die Bewegung auf die Wirbelsäule überträgt, die extrem gebeugt wird. Zunächst sollten Geradhalter das Geradesitzen von außen erzwingen. Man verwendete stählerne Stirnbänder, die man an der verlängerten Rücklehne befestigt, Brustgurte oder Orthostaten. Heute greift man direkt in den Sitzmechanismus, das Kreuz, ein. Man kommt vom Rücken her an den Sitzenden heran, indem man die Rücklehne, oder vom Gesäß her, indem man die Sitzebene formt. Dabei ist die Absicht, die Rückdrehung des Kreuzbeins zu behindern und die Wirbelsäule in ihrer physiologischen Form zu fixieren, damit sich der Sitzende aufrecht halten kann. Die Folgen des Stuhlsitzens wie schmerzende Rücken oder Bandscheibenvorfälle sind in den westlichen Ländern zur Volkskrankheit geworden. Das anfälligste Organ ist die Kreuzregion. Die Wirbelsäule, die Funktionseinheit aus Muskeln, Bandscheiben, Knochen, Bändern und Nervenbahnen trägt nicht nur den Rumpf, sondern schützt auch den ältesten Teil des Nervensystems, das Rückenmark. Sie fixiert den Rumpf, fängt Stöße elastisch ab und macht den Menschen beweglich. Vom Einhalten ihrer physiologischen Form hängt hängen geistige und körperliche Zustände des Mensch ab. Die Entwicklung des Stuhls wird vom Bemühen von Orthopäden, Ergonomen und Designern begleitet, über Eingriffe in den heiligen Bezirk des Menschen, den Kreuzbereich, die Regio sacralis, ein physiologisches Sitzen zu garantieren. Die Druckbelastung der Lende im Stuhlsitzen sowie die Rückdrehung des Beckens bei gleichzeitiger Fixierung sind gravierende Eingriffe und wesentliche Ursachen der zunehmenden Rückenleiden. Die Leiden sind körperlich bedingt und zugleich Ausdruck emotionaler und geistiger Fixierungen. Mit der Medizin befasste Institutionen haben Rückenschulen eingerichtet. Rückenschule ist der Name für etwas Paradoxes, nämlich dass der Mensch in der Mitte seines Lebens noch einmal lernen muss, wie er physiologisch geht, seinen Körper hält, wie er Gegenstände trägt, dreht oder anhebt. Und wie er, vermeintlich, richtig sitzt.

 

Von den liegend schwimmenden und kriechenden Wirbeltieren ausgehend steht nach einer langen Reihe von Zwischengliedern, in denen sich der Rumpf allmählich vom Boden abhebt, der aufrechte Mensch mit gestreckter Hüfte und durchgedrückten Knien. Mit der Tendenz, den Rumpf aufzurichten, erfahren Becken und Kreuzbein der Wirbeltiere eine entsprechende Rotation, die im stehenden Menschen eine äußerste Neigung erhalten. Wenn sich der Stehende auf einen Stuhl setzt, erfahren Becken und Kreuzbein eine weitere Rotation. Bemäße man die Aufrichtung nicht an der äußeren Gestalt, nämlich an der Neigung des Rumpfes, sondern an der inneren, der Neigung des Kreuzbeins, erwiese sich die Rumpfaufrichtung lediglich als Folge der Rotation des Kreuzbeins. Der Mensch zeigt hier eine seiner wesentlichen Fertigkeiten: mit den Mitteln der Kultur in die Oberfläche der biologischen Ordnung einzugreifen. Auf den inneren Mechanismus des Sitzens bezogen vermag der Mensch auf dem Stuhl seine Aufrichtung fortzusetzen.

 

Der Wille des Homo sedativus zur Formung und Umgestaltung des natürlich Gegebenen ist es, der das Sitzen im Rahmen einer Sitzkultur festschreibt. Selbst die technisch in Bewegung gebrachten Aggregate und Einrichtungen werden bestuhlt. Automobile, Züge, Busse oder Flugzeuge beschleunigen den Stuhl und bringen ihn in Bewegung. Das schleunige Vorankommenwollen ist dabei nur die andere Seite der Unbewegtheit im Stuhl. Fitness­bewegungen, Massentourismus, die Ästhetisierung des Krieges und die nervöse Physis des modernen Menschen sind Teil der Mobilität und Ge­schwindigkeit im modernen Alltag. Die Medien des Transports und der Kommunikation haben die Sitzenden außergewöhnlich mobil gemacht. Das Tempo, das der Mensch mittels eigener Organe erzeugen kann, ist ein Lau­fen und Gehen, dem die Sinnesorgane angepasst sind. Jedes höhere Tempo erfordert das Abheben des Menschen vom Boden und das Verlegen auf fremde Ebe­nen wie Pferderücken, Schuhwerke oder Fahrgestelle. Der Übergang von der Kutsche zur Eisenbahn hat in einen Prozess rasant wachsender Geschwindigkeiten hineingeführt. Mit der Eisenbahn, die sich zwischen Mensch und Erde geschoben hat (Schivelbusch 1989, S. 28), bleiben Sturz und Fall in der Geschwindigkeit traumatisch oder werden zu tödlichen Er­eignissen.

 

Der Versuch des Menschen, sich mit Hilfe der Technik fortschreitend zu verbessern, wird von Hemmungen begleitet, von Ordnungen des Wartens, des Ressentiments und des Aufschiebens. Die Ordnungen bilden aber zum Perfekten und Sedativen keine passiven Oppositionen, sondern ziehen die geordneten und vervollkommneten Funktionen in einen Strudel der Begrenzung hinein. Nur was sich Innen eingelagert und sediert hat, kann entäußert werden. Deshalb vermögen erst solche Reduktionen und Weitungen die Formen des Vollkommenen zu geometrisieren und in den unterschiedlichen Ausgestaltungen der Maschine und des Technologischen nach außen abzulagern.

 

Die technisch erzeugte Mobilität und das Sitzen auf Stühlen stehen in einem komplementären Zusammenhang. Im Erleben hoher Geschwindigkeit möchte der Sitzende die Unbewegtheit des Sitzens kompensieren und die Span­nung von Ruhe und Nervo­sität abschütteln. Die beschleunigte Weise des Seins erlebt er im Stuhl. Geschwindigkeit und Beschleunigung überfordern die Sinne, die nur noch technisch gewappnet den Anforderungen genügen. Das Reisen bei hohen Geschwindig­keiten nimmt den räumlichen Dimensionen die Distanz. Es mag den Wegen auch die Beschwer­lichkeit genommen haben, vor allem aber hat es ihnen die Qualitäten entzogen. Auf welchen Routen man die Erde überfliegt, macht keinen Unterschied.

 

Auch die modernen Medien der Arbeit und der Freizeit machen den Menschen hochmobil. Tragbare Telefone, Computer und Telefaxe machen den zivilen Menschen vom Standort unabhängig, an dem er sich aufhält und arbeitet. Die permanente Innovation der Medien bindet die Men­schen in erdumspannende Netze. Sie könnte den Besitzstand reduzieren und das berufliche Leben und die Freizeit in eine Art Nomadendasein umwandeln. Allerdings erhöht sich die Mobilität der Reisenden und Benutzer moderner Kommunikationsmedien nicht, indem diese sich selbst bewegen, sondern indem sie anstelle des eige­nen Leibes Prothesen benutzen, die die Ortsveränderun­gen bewältigen. Sie bewegen sich mobil, aber sitzend durch die Welt. Die gegenwärtige Mobilität ist eine technische und liegt im geistigen, kommunikativen und reisenden Unterwegssein: gei­stig per Buch und Computer, kommunikativ per Telefon und Fax, reisend in geschwinden Transportmitteln. Die Daseinsform in den modernen Gesellschaften ist ein Techno-Nomadentum. Dem Reisenden, der die Medien mit sich trägt, werden die Orte identisch. Zwar modifiziert die erhöhte Mobilität die Sesshaftigkeit, aber das Sit­zen auf Stühlen, das äußerste Maß an Sesshaftigkeit, bleibt erhalten.

 

Der Umgang mit den Medien zwingt die sitzenden Bediener zu einer immer rascheren Anpassung der Sinne an die künstlich erzeugte Welt, zu einer unablässigen geistigen Ge­genwart, in der die Sinne amputiert erscheinen. Die technisierte Welt kann nur noch vermittelt und amputiert wahrgenommen wer­den, aber die verstümmelte Sinnlichkeit kommt dabei nahe an das heran, was man in der modernen Welt unter Natur und Wirklichkeit ver­steht. Und was Natur zunehmend wird. Die Arbeit an den Medien treibt den Menschen in eine Di­stanz zur eigenen Natur und zur Umwelt, in eine Distanz, die virtuelle Realitäten schafft.

 

Deshalb richtet man in den Sitzkulturen überall dort Stühle ein, wo man im Sitzen auf Stühlen Ruhe sucht oder Tätigkeiten ausführen kann. So stehen dem Menschen in den modernen Gesellschaften mittlerweile mehr als zwei Dutzend Sitze zur potentiellen Verfügung. Sie stehen überall herum. Sie müssen das. Zur Bewältigung des modernen Lebens sind sie notwendig. Für jedes Tun, für jeden Ort und für jede Funktion gibt es passende Stühle. Es ist nicht der schwache Organismus des Menschen gewesen, der eine Entlastung im Sitzen gesucht hat. Umgekehrt ist es das Sitzen auf Stühlen gewesen, dass den Organismus geschwächt und erst daraufhin einen Zwang zum Sitzen erzeugt hat. Aber das Sitzenwollen, bevor man gesessen hat, verweist perspektivisch auf einen geschwächten Leib. Wenn der äußere (gesellschaftliche) Zwang durch Gewohnheit zum inneren Bedürfnis geworden ist, hat sich die Sitzkultur endgültig etabliert und die Sesshaftigkeit hat sich in einem strengeren Sinne realisiert.

 

Deshalb sind Alternativen zum Sitzen auf Stühlen Randerscheinungen: Wie das Kniesitzen, das die mächtige Sitzgebärde mit der Demutsgeste des Kniens kombiniert, das Steh­sitzen, eine mittlere Haltung zwischen Stehen und Sitzen oder das freie Stehen bei der Arbeit etwa an einem Stehpult (Eickhoff 1993b, S. 79f). Die rücklehnlose Sitzebene des Kniestuhls ist nach vorn geneigt. Die Knie ruhen auf einem Polster und die Füße berühren nur mit den Zehen den Boden. Die Wir­belsäule behält ihre physiologische Gestalt, die Muskeln verspannen weniger, das Atmen bleibt freier, aber die Fußsohlen werden des Boden­kontakts beraubt, ein wichtiger Baustein für das Zusammenwirken organischer Funktionen. Dagegen ruht man im Stehsitz mit beiden Füßen fest auf dem Boden und nimmt eine Position zwi­schen Sit­zen und Stehen ein. Trotz der Alternativen erobert der Stuhl immer mehr Terrain des öffentlichen und privaten Lebens. Für jedes Tun und für jede Funktion gibt es passende Stühle: Bürostühle, Autositze, Barhocker, Kinderstühle, Ersatzbänke, Elektrische Stühle, Schleudersitze, Klappstühle, Zahnarztstühle, Chefsessel, Klavierstühle, Sessellifte, Drehstühle. Arbeitsstühle sind ausgestattet mit hochkomplizierten, motorengesteuerten Systemen von Schaltern, Knöpfen und Hebeln. Auf die Gestaltung des Stuhluntergestells, Träger vielfacher symbolischer Bedeutungen, wird viel Mühe verwendet. Neben den unzähligen Vierbeinern stützen den Sitz moderner Stühle zwei Kufen, ein plastischer Block oder eine Säule auf einem Stern von fünf Rollen. Wir sitzen auf den Kufen beweglicher Maschinenteile, auf Plastik oder mobilen Rädern. Synthetisch wie Material und Form sind auch Würde und Autorität, die im Sitzen auf beinlosen Stühlen demonstriert werden. Die Herrschaft über das vierseitige Territorium und das Tier war konkret. Der König saß zeichenhaft auf den vier Himmelsrichtungen, begleitet von starken Tieren. Später sitzt er symbolisch auf den Beinen schwacher, erlegter Tiere und demonstriert seine königliche Macht über Tier und Natur sowie seine individuelle Konfrontation mit ihnen. Heute zeigt sich Herrschaft weniger in der Konfrontation einzelner. Heute treffen Systeme aufeinander und haben Herrschaft abstrakt gemacht. Wer heute Macht besitzt, ist Technologe, dessen Herrschaft die Kontrolle von Tier, Technik und Mensch einschließt und die Macht über den gesamten Kosmos bedeutet. Die Macht ist eingebildet, da der Macht Ausübende sich selbst kontrolliert und beherrscht, also besetzt und besessen macht.

 

Obwohl sich das Sitzen auf Stühlen zu einer bevorzugten Haltung entwickelt hat, ist es erst eine Hälfte der Menschheit, die heute auf Stühlen sitzt. Die Differenz zwischen dem allgemeinen Sitzen und dem besonderen Sitzen auf Stühlen liegt darin, dass das formlose Sitzen wie die unterschiedlichen Weisen des Kauerns, Kniens oder Hockens eine selbstgenügsame Haltung ist, die von ihrer inneren Struktur her nicht auf Macht und Ordnung ausgerichtet ist. Auch das meditative Lotussitzens ist eher ein genügsames Lassen als ein besetzendes und unterwerfendes Tun. Das Sitzen auf Stühlen ist ein Bemühen, die Herrschaft über die Welt anzutreten, das Leben aus dem Sitz heraus zu bewältigen und eine künstliche und übersichtliche, eine vollkommene Welt zu schaffen. Am Ende führt der im Sitzen auf Stühlen beruhigte Mensch ein befriedetes Leben, kommt aber mit seiner Herrschaft über alles Geschaffene und seiner friedfertigen Fassade voll untergründiger Rastlosigkeit nicht zurecht, da er weder weiß, wie er ein sinnvolles, ein an die Sinne und an geistige Ideale gebundenes Leben führen kann, noch wie er ein solches Leben führen wollen kann.

 

 

Anmerkungen

 

1 Ins Lotussitzen, das ein hohes Maß an Disziplin fordert, muss der Mensch eingeübt werden. Eine falsch praktizierte Haltung kann zu leiblichen und seelischen Störungen führen.

2 Vgl. Eickhoff, Hajo, Himmelsthron und Schaukelstuhl. Die Geschichte des Sitzens, München Wien 1993, S. 26.

3 Unter Sedativierung wird hier ein Prozess zunehmender Kontrolle des Vegetativen verstanden. Sie bedeutet nicht, dass alle Formen der Beruhigung zu innerer Ruhe führen. Eher im Gegenteil: Jede extreme Sedativierung treibt eine Unruhe umfassender Art wie Nervosität, Melancholie, Unrast oder Ressentiment hervor. Die Bezeichnungen für Sitzen und Sitzmöbel leitet sich in vielen Kulturen von der Silbe sed her, das auf Gehemmtsein, Besänftigen und absondern und isolieren verweist. Im Sitzenden lagern sich sedierte Schichten ab, die entäußert werden können. Solche Anteile finden wir nicht nur in der dinglichen Welt, wir finden sie auch in der Sprache. Man sitzt zu Gericht, beraumt Sitzungen an, setzt sich ab, durch, gleich, frei oder zurück, ist besessen oder versessen auf etwas, verabschiedet Gesetze, sitzt ein, hat Aussetzer, findet etwas entsetzlich, setzt Akzente, ist starr vor Entsetzen, jemand trifft Festsetzungen oder wird abgesetzt. Man kann aufsässig, alteingesessen, ansässig oder gesetzlos sein. Es gibt Besatzungen, Zielsetzungen, Beisitzer, Insassen, Ansätze oder Aufsätze, Besitzanteile, Übersetzungen oder einfach Gesetze oder Setzlinge.

4 Als Nomaden gelten hier alle Wandervölker. Streng genommen versteht man heute unter Nomaden Herden treibende Hirten. Im Gegensatz zu den Jägern und Sammlern setzt das Nomadenleben Sesshaftigkeit und Tierzucht voraus.

5 Vgl. Eickhoff, Hajo, Himmelsthron, a.a.O., S. 26f .

6 Ein extremes Beispiel für die Ohnmacht des Königs boten die Assyrer: Für den König hatten sie immer Ersatz parat, da er für Vergehen der Untertanen bestraft werden konnte. Im Falle der Todesstrafe kam der Ersatzmann auf den Thron, dem sofort ein Nachfolger im Nacken saß.

7 Luther hat bei seiner Übersetzung der Bibel das Liegen um den Tisch in ein Sitzen auf Stühlen am Tisch verwandelt. Eine Gesellschaft, die auf Stühlen sitzen will, muss tun, als sei das Stuhlsitzen ein natürliches Merkmal des Menschen.

8 Vgl. Eickhoff, Hajo, Der Tisch, in: Bauwelt 17/1993, S. 879.

9 Vgl. Wex, Marianne, Weibliche und männliche Körpersprache als Folge patriarchalischer Machtverhältnisse, Frankfurt/M. 1980.

10 Die Chinesen haben etwa 500 Jahre vor Europa das Schießpulver, den Buchdruck und das Porzellan erfunden und den Menschen größere Freiheiten gegenüber den Göttern eingeräumt. Im Zeitraum von 960 n.Chr. bis 1100 haben sie das Sitzen auf Stühlen ausgebildet. Aber sie haben das Sitzen nicht zu einer Regel des Alltags gemacht, wie sie den Buchdruck nicht anwandten. Immer wieder sind sie zum Knien und Hocken auf Matten zurückgekehrt. Etwa unter der Herrschaft der Mongolen.

11 Die Folgen des Stuhlsitzens wie schmerzende Rücken oder Bandscheibenvorfällen sind heute eine Volkskrankheit der Deutschen. Das Kreuz, die Verbindung zwischen Quer- und Längsachse, die für die Fortbewegung eine wichtige Funktion hat, ist das neuralgische Organ des Rückens. Es integriert Wirbelsäule und Beckenregion. Den Schlussstein bildet das Kreuzbein (Sakrum). Die Wirbelsäule, die die ältesten Hirnareale des Menschen trägt, meint hier die Funktionseinheit aus Muskeln, Gelenken und Bandscheiben, aus dem Knochengerüst, den neuralen Bahnen und den Bändern.

12 Vgl. Schivelbusch, Wolfgang, Geschichte der Eisenbahn, Frankfurt/M. 1989, S. 28.

13 Die technisierte Welt kann nur noch vermittelt und amputiert wahrgenommen wer­den, aber die verstümmelte Sinnlichkeit kommt dabei nahe an das heran, was man in der modernen Welt unter Natur und Wirklichkeit ver­steht. Und was Natur zunehmend wird.

14 Die rücklehnlose Sitzebene des Kniestuhls ist nach vorn geneigt. Die Knie ruhen auf einem Polster und die Füße berühren mit den Zehen den Boden. Die Wir­belsäule behält ihre physiologische Gestalt, die Muskeln verspannen weniger, das Atmen bleibt freier und man wird des Boden­kontakts mit der Fußsohle beraubt, ein wichtiger Baustein für die Integration organischer Funktionen. Im Stehsitz ruht man mit beiden Füßen fest auf dem Boden und nimmt eine Position zwi­schen Stehen und Sit­zen ein.

15 Vgl. Eickhoff, Hajo, Stehen, in: Spielmann, D./ Kampfmann, R. (Hrsg.), Sitzlast Stehlust. Plädoyer für das Arbeiten im Stehen, Berlin 1993¸ S. 79f.

 

 

Literatur

Eckstein, Hans, Der Stuhl. Funktion Konstruktion Form. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 1977

Eickhoff, Hajo, Himmelsthron und Schaukelstuhl. Die Geschichte des Sitzens, München Wien 1993

Derselbe, Der Tisch, in: Bauwelt 17/1993

Derselbe, Stehen, in: Spielmann, D./ Kampfmann, R., (Hrsg.) Sitzlast Stehlust. Plädoyer für das Arbeiten im Stehen, Berlin 1993

Derselbe, Die Throne der Pharaonen, in: Damals 11/1993

Fitzgerald, C.P., Barbarian Bed. The origin of the Chair in China, London 1965

Grandjean, Etienne (Hrsg.), Sitting posture, Sitzhaltung, posture assise, London 1969

Hewes, Gordon W., The Anthropology of Posture, in: Scientific American, Febr. 1957

Kuhlmann, Klaus Peter, Der Thron im Alten Ägypten. Untersuchungen zu Semantik, Ikonographie und Symbolik eines Herrschaftszeichens, Glückstadt 1970

Schmidt, Leopold, Bank und Thron und Stuhl, in: Antaios, Bd. XII, Stuttgart 1971

Schoberth, Hanns, Sitzhaltung Sitzschaden Sitzmöbel, Berlin-Göttingen-Heidelberg 1962

Staffel, F., Zur Hygiene des Sitzens nebst einigen Bemerkungen zur Schulbank- und Hausbank-Frage, in: Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege, 3. Jg., Bonn 1884

Stemmer, Klaus, Sitzmöbel und Sitzweise in der Antike, in: Deutscher Werkbund, Z.B. Stühle, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Deutschen Werkbundes e.V., Darmstadt 1982

Wex, Marianne, Weibliche und männliche Körpersprache als Folge patriarchalischer Machtverhältnisse, Frankfurt/M. 1980

 

 

© Hajo Eickhoff 1995

 

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24. September 2017

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