aus Feldenkrais Zeit, Journal für somatisches Lernen, Thema Sitzen, Heft 17, 2017

 

 

 

Westliche Kulturen sind Sitzgesellschaften

Das Interview führt Hermann Klein

 

 

 

 

1. Herr Eickhoff, 1993 erschien im Carl Hanser Verlag ihre umfassende Untersuchung zur Geschichte des Sitzens: „Himmelsthron und Schaukelstuhl“. Ich zitiere aus dem Umschlagstext: „Auf der Oberfläche… erzählt dieses Buch eine Geschichte von thronenden Herrschern, von Religionsstiftern auf heiligen Stühlen und von sitzenden Bürgern, untergründig geht es um das Problem, wie der Mensch vom Nomadentum über die Sesshaftwerdung und das Sitzen auf Stühlen bis zum sedierenden Techno-Nomadentum heute mit seiner inneren Ruhelosigkeit umgeht. Der Stuhl erweist sich als Knoten und als die eindringlichste Metapher für Europa.“ Wie kamen Sie darauf?

 

Es haben mich wohl Lebenszusammenhänge zum Thema geführt. In Aachen wohnte ich eine Zeitlang in einer Wohngemeinschaft. In dieser Zeit habe ich an einem stuhlartigen Objekt mit niedriger Sitzfläche experimentiert. Er sollte für jede Körpergröße und jede beliebige Haltung geeignet sein. Keine Schrauben, keine Nägel, kein Klebstoff, nur zusammengesteckt, um Elemente immer wieder neu integrieren zu können. Nicht selten brach jemand mit dem Stuhl zusammen, doch für blaue Flecken war die Sitzhöhe zu niedrig. Ohne bewusste Absicht begonnen endete das Projekt nach ein paar Jahren ebenso absichtslos.

 

Monate nachdem ich gegen Ende des Studiums meine Unterlagen beim Prüfungsamt eingereicht hatte, einschließlich der Magisterarbeit über logische Kalküle bei Leibniz, teilte mir das Amt mit, dass im Fach Kunstgeschichte noch eine Arbeit zur Architekturtheorie fehle. Ich machte mich sofort an die Arbeit. Ich fuhr nach Köln und schaute mir eine Ausstellung über das italienische Design der vergangenen drei Dekaden an. Schon beim Rundgang hatte ich den Eindruck, dass Stühle und Sessel immer mehr die Form eines Würfels annahmen. Ich erwarb den Katalog, fuhr zurück und begann, die Stuhlmaße nach ihrer zeitlichen Entstehung zu ordnen und stellte fest, dass sie zum Ende der 70er-Jahre hin tatsächlich mehr und mehr einem Würfel glichen. Warum? Sie ließen sich besser in die aufkommenden Wohnlandschaften einpassen. So schrieb ich eine Arbeit über Handwerk, Design und Stühle. Außer zwei kurzen Texten fand ich keine Literatur zum Thema. Das fordert heraus und so war die Arbeit nebenbei auch eine erste Skizze zur Bedeutung des Sitzens auf Stühlen.

 

Als ich Wochen später für einige Tage nach Berlin fuhr, hörte ich innerhalb von zwei Tagen dreimal den mir unbekannten Namen Dietmar Kamper – ein Soziologe und mein späterer Professor, der sich mit dem Körper beschäftigte. Ich nahm die Hinweise ohne jeden Aberglauben als Zeichen, erhielt noch in der Woche einen Termin in seiner Sprechstunde, und wir unterhielten uns über das Thema, das ich kurz zuvor entdeckt hatte – das Sitzen auf Stühlen. Er war begeistert und wir vereinbarten eine Promotion. Es war allerdings auch der Reiz, nach Berlin zu gehen und nach gerade beendetem Studium eine Perspektive zu gewinnen.

 

Ich habe ein Handwerk erlernt. Eine 3,5-jährige Ausbildung. In den ersten 15 Monaten in einer Lehrwerkstatt lernte ich mit 25 Lehrlingen all das, was man mit Metall machen kann. Das hieß auch, acht Stunden stehen. Ich war ein miserabler Hauptschüler, da ich weder ein Interesse an der Schule hatte noch dem Lehrstoff folgen konnte. Erst in der Lehrzeit entstand das Gefühl, dass ich für mich verantwortlich bin und bekam plötzlich Lust am Lernen. Ich machte den Realschulabschluss und ging in Hamburg auf die Ingenieurschule für Wirtschaft und Maschinenbau.

 

Dort hat mich das Projektionszeichnen besonders interessiert. Wenn sich zwei Körper durchdringen, gibt es zwischen ihnen unsichtbare Berührungsflächen, die sich grafisch und rechnerisch ermitteln lassen. Jedoch nur dann, wenn man von ihrer Lage und Gestalt eine Vorstellung hat. Man muss also die Körper durchschauen. Das ist wohl Teil meiner wissenschaftlichen Methode geworden: durch Objekte und Prozesse hindurchschauen auf das Wesentliche, das unsichtbar ist.

 

Nach Lehre, Ingenieurschule und Abendgymnasium begann ich ein Studium der Mathematik, Philosophie und Geschichte in Freiburg und beendete es in Aachen in den Fächern Philosophie, Geschichte und Kunstgeschichte. Ich begriff auch, dass diese Jahre konzentrierten Lernens und Denkens in unterschiedlichen Schulen und Universitäten bedeuteten, viel und lange zu sitzen.

 

In Aachen lehrte im Fach Kunstgeschichte ein Fachmann für japanische Kultur und für Alltagsobjekte, die wir nach ihren Bedeutungen befragten: Was etwa bedeuten Schwelle, Fenster oder Dach des Hauses. Auch diese Betrachtungsweise ist eine brauchbare Methode, um Stuhl und Sitzen zu erforschen: Was zeichnet den Raum unter dem Sitz aus? Was bedeuten die Stuhlbeine und was die sitzende Körperhaltung? Schwellen sind Wände und Haute, von denen wesentliche Entwicklungen ausgehen. Erst entsteht die Stadtmauer, danach Häuser und Wege, und Zellwände steuern unsere Gene. Schwellen trennen das Innen vom Außen und bieten realen und magischen Schutz. Es gab Häuser mit beweglicher Schwelle. Starb jemand im Haus, wurde die Schwelle entfernt, der Tote herausgetragen und die Schwelle wieder eingehängt. Der Raum unter dem Sitz des Throns ist ein imaginärer Ort, der für Geburtsvorgänge steht und der den Kosmos zusammenhalten soll.

 

2. Gibt es Ideen und weitere Methoden, die sie geleitet haben?

 

Ja, denn über Rituale, den Gebrauch und die Bedeutung von Thron und Stuhlgibt es nur wenig Literatur, aber über das Sitzen gar keine: weder über ihre Motive und ihre Bedeutung, noch über ihre Wirkungen.

 

Meine Methode ist systematisch und historisch orientiert. Die Geschichte liefert das Material über Throne und Stühle: über ihre Gestalt, die Personen, die sie besetzten und die Zeit ihres ersten Auftretens in unterschiedlichen Kulturen. Das ist die Oberfläche. In der Systematik bin ich in besonderen historischen Zeiten in die Tiefe gegangen und habe Religion, Sozialität, Anatomie, Technik, Psychologie und Philosophie des Sitzens detailliert betrachtet. Danach mussten beide Bereiche in eine einzige Ordnung gebracht werden. Solche Schnittpunkte aus Historie und Systematik bilden die Haltepunkte einer Struktur, die ich als Modell der abendländischen Kultur beschrieben habe.

 

Am Ende entsteht eine Kulturgeschichte des Sitzens, die offenbart, dass das Sitzen eine Haltung der Macht und zugleich der Ohnmacht ist und dass langes Sitzen jede Faser des Menschen erfasst und ihm einen Sitzkörper gibt – einen Denkkörper und einen Fühlkörper, einen Handlungskörper und einen Verhaltenskörper. So wird begreifbar, wie sich Europa auf einem langen Weg zu einer Sitzkultur entwickeln konnte.

 

3. Sie finden eindringliche Bilder für den Gang der Menschheitsgeschichte: vom Nomaden, der unter dem unendlichen und besternten Kosmos wandert, und wenn er ruht, dann liegend oder hockend, zum heutigen „stillgestellten“, gleichwohl oft ruhe- und schlaflosen Menschen, dem Homo sedens, der auf seinem Stuhl vor dem Bildschirm sitzt und sich in der Unendlichkeit unseres virtuellen Kosmos verliert. Soweit ich sehe, ist eine solche Kulturgeschichte des Sitzens ohne Vorbild. Wie sind sie vorgegangen?

 

Da es keine Literatur gab, waren Umwege erforderlich. Ich musste die Kulturen der Welt nach Körperhaltungen durchsuchen. Es zeigte sich, dass Stühle im Alltag der Antike keine Rolle spielen. Lediglich Throne als Instrumente der Macht und Disziplin, der Zeremonie und Unterscheidung. Archaische Gemeinschaften erwählten einen aus ihrer Mitte, setzten ihn auf den Thron und nannten ihn König. Nur er durfte sitzen, nur er hatte die Macht, auf die seine Haltung verwies. Dass er in seiner Physis enorm begrenzt wurde, machte ihn zum ersten Intellektuellen, denn in der Disziplin des Thronens sollte er geistig-spirituelle Vermögen ausbilden, um himmlische Mächte zum Nutzen der Gemeinschaft beeinflussen zu können. Mächtig sind Könige durch Privilegien, doch in ihrer körperlichen Begrenzung sind sie Opfer: Es gab viele Thronrituale, die den König töteten. Eine misslungene Ernte konnte seinen Tod bedeuten.

 

Die Ägypter sind die Erfinder der Sitzstatue und Erbauer großartiger Throne. Die Griechen haben auf Vasen Abbildungen von vier Stuhltypen hinterlassen, von denen jedoch – außer steinernen Theatersitzen – kein Exemplar erhalten ist: der Tronos ist ein Armlehnstuhl, der Klismos ein Stuhl mit stark geschweiften Beinen, der Diphros ein festverfugter Hocker und die Hedra ein Falthocker – der griechische Feldherrenstuhl, den die Römer zum Kaiserthron und die Christen zum Papstthron umgestaltet haben.

 

Das heutige Sitzen entsteht im Rahmen der Christenheit. Neben dem Papstthron nutzen Mönche im 9. Jahrhundert Bänke, auf denen sie bei den Lesungen während des Gottesdienstes sitzen, und entwickeln bis zum 12. Jahrhundert Chorstühle, geweihte Sitze wie der Thron. Ihre Besonderheit ist ein Klappsitz, wie sie noch heute in Theater-, Kino- und Hörsaal-Gestühlen verwendet werden. Im 14. Jahrhundert erhalten die Spitzen des Bürgertums das Recht auf einen Stuhl an den Seitenwänden der Kirche – die ersten ungeweihten Sitze oder Profanstühle. Chorstuhlähnlich gestaltet fehlt ihnen der Klappsitz.

 

4. Wie kam es dann dazu, dass in unserer Kultur jeder sitzen darf?

 

Europa ist die Erfinderin des Sitzens im Alltag. In der Epoche der Renaissance eignen sich die zu politischem Einfluss gekommenen, wohlhabenden Bürger die Machtgeste des Königs an, die in einer dreihundert Jahre währenden Kulturauseinandersetzung in immer weitere soziale Schichten dringt, bis in der Französischen Revolution das Sitzprivileg fällt und jeder Mensch das Recht auf Stuhl und Sitzgeste erhält. Die Geschichte des Sitzens ist die Entwicklung vom Thronen zum Sitzen und von einem geweihten Objekt – dem Thron – zu einem alltäglichen Objekt – dem Alltagsstuhl. Insofern zeigt die Geschichte des Sitzens, dass die vergangenen zwei Jahrtausende europäischer Geschichte eine Geschichte der Demokratisierung sind, was das Sitzen zu einem Politikum macht.

 

Die Bürger fügen dem Stuhl den Tisch hinzu und machen das Ensemble zu einer mächtigen Produktivkraft. Da das Sitzen zuerst eine Berufshaltung wird, muss es früh eingeübt werden. Eine Aufgabe für die Schule, in der Schüler in den Stuhl hineinwachsen und lernen, Sinnesreize, die Lernvorgänge stören könnten, auszublenden, bis sie in der Lage sind, sich auf die Verfol­gung abstrakter Gedanken und logischer Opera­tionen zu konzentrieren. So zügelt das Sitzen Emotionen zum Zweck der Förderung des Denkens. Es ist eine Sedierung, die im Sitzen eingeübt wird, eine Beherrschung des Körpers: damit dieser nicht ausschweift, nicht in der Bewegung, nicht in den Emotionen. Nicht ohne Grund heißt sedere neben sitzen, auch besänftigen.

 

5. Was macht das Sitzen zu einem Werkzeug der Kultivierung?

 

Es fördert die Konzentration und die Wissensverarbeitung. Die Sitzhaltung gestaltet den Sitzenden grundlegend um. Sie greift in die Muskulatur, die Atmung und die Organe ein – sie verspannt die Skelettmuskeln, den Beckenboden und das Sonnengeflecht, begrenzt die vertikale Ausdehnung des Zwerchfells, setzt den Atem herab und beeinträchtigt die Organe und das Herz-Kreislauf-System, während der mangelnde Druck auf die Fußsohlen, der das Gleichgewicht, die Koordination und die Orientierung im Raum verschlechtern und die Haltung im Stehen und Gehen ruiniert. Da verspannte Muskeln infolge des erhöhten Tonus den Atem begrenzen, der durch seine Begrenzung wiederum die Muskeln anspannt, die nun erneut den Atem begrenzen, und so fort, geraten Atmung und Muskulatur in einen Kreislauf der Begrenzung und geben dem Sitzenden ein niedriges Energieniveau und eine geringe leibliche Vitalität und Beweglichkeit.

 

Doch Sitzen ist ambivalent: Die körperlichen und emotionalen Reduktionen sedieren den Sitzenden und machen ihn für das Denken und andere intellektuell Operationen aufnahmefähig. Es scheint, als bereite das Bürgertum seine Aufklärung vor.

 

6. Wie verlief die Entwicklung zum heutigen Bürostuhl auf 5 Rollen?

 

Stühle waren Luxusobjekte. Imitationen antiker Throne, entstanden in Handarbeit aus edlen Materialien. In der Mitte des 19. Jahrhunderts etablieren sich zwei Linien der Stuhlentwicklung: der Stuhl als Massenprodukt und der orthopädisch konstruierte Arbeitsstuhl.

 

Der erste Massenstuhl entsteht durch ein völlig neues Verfahren – der Bugholztechnik, dem Biegen von Buchenholz. Eine Erfindung von Michael Thonet, der so den Wiener Kaffeehaus-Stuhl schuf, der im Jahr 1859 zum ersten Massenstuhl wird. Das Unternehmen produziert in den folgenden 60 Jahren 50 Millionen Stühle und versendet sie weltweit. Die Stühle sind leicht und erschwinglich; sie bestehen aus Einzelteilen, die erst am Ort des Gebrauchs verschraubt werden, was sie gut versendbar macht; sie erinnern nicht an Throne, was sie für Bürger annehmbar macht. Dieser auch gegen Adel und Klerus gerichtete Stuhl leitet die Kaffeehaus-Kultur ein, die den Bürgern eine Bühne für ihre politischen Anliegen bietet und das Bürgertum enorm stärkt. In der Phase galt es, überhaupt erst einmal jedem Bürger einen einzigen Stuhl zur Verfügung zu stellen.

 

Arbeitsstühle wurden von Orthopäden und Ergonomen konstruiert. Zuerst erfanden sie metallene Stirnbänder und Schulterriemen als Geradehalter, dann folgt 1884 ein Stuhl mit federnder Rücklehne – der bis heute erfolgreiche Staffelstuhl. Entscheidende Entwicklungen stammen aus den 1950er-Jahren. Einige Orthopäden experimentieren mit der Sitzfläche, andere mit der Rückenlehne, bis schließlich beide synchron verbunden und erst durch 4 und dann durch 5 Rollen getragen werden.

 

7. Welche persönliche Konsequenzen hatten ihre Forschungen und ihr Buch für Sie selbst?

 

Ich habe viel über unterschiedlichste Kulturen gelernt. Vor allem aber über Medizin und Religion, über die Paläontologie und den Beginn der Sesshaftwerdung, über das Denken und Fühlen sowie über das Verhältnis von Kreativität und Körperhaltung. Da ich das Sitzen kritisch betrachte, bin ich allmählich vom vielen Sitzen weggekommen und habe begonnen, mich nach Alternativen umzusehen. An die eigene Praxis des Sitzens bin ich von verschiedenen Seiten herangegangen. Ich habe alternative Sitze ausprobiert, Halte-Objekte entworfen und immer wieder Yoga praktiziert, und viele Stunden mit Lehrern für die Feldenkrais-Methode, die Atemtherapie und die Alexandertechnik verbracht.

 

Das Sitzen hat mir einen Beruf und eine Aufgabe geschenkt. Als eine meiner Aufgaben erachte ich, mein Wissen über den Stuhl und meine Erfahrungen mit dem Sitzen anderen zugänglich zu machen. Zurzeit arbeite ich in einem Forschungsteam in der Schweiz, in dem wir gemeinsam neu über das Sitzen nachdenken und einen alternativen Sitz entwickeln.

 

Ich habe alle Arten von Bürostühlen und Objekte wie den Kniestuhl, den Gymnastikball, Meditationskissen, den Steh-Sitz, Meditationsbänke sowie andere alternative Sitze wochenlang ausprobiert.

 

8. Was ist für sie das Resultat dieser Probesitzungen?

 

Überzeugt haben mich nur Meditationskissen und Meditationsbänke. Der Kniestuhl hat den Nachteil, dass die Fußsohlen den Boden nicht berühren, auf dem Gymnastikball erhalten die Füße einen ständigen Schub, während das ständige Federn das Gelenk von Kreuzbein und Becken belastet, mein Stehsitz bot eine ungünstige Relation von Sitzbeinhöcker und Oberschenkel zur Belastung der Füße und war für mich nur kurzzeitig nutzbar. Für mein Telefon leistet er aber gute Dienste.

 

Aus dem Grunde habe ich eigene Objekte entwickelt. Entstanden sind unterschiedliche Objekte wie Hockhilfen, Sitzgurte und verschiedene Sitz-Knie-Hocker. Das erste Objekt war ein Stehpult mit einem Rasenstück, auf dem ich barfuß vor dem Pult stand.

 

9. Wo stehen und sitzen wir heute, fast 25 Jahre nach Erscheinen ihres Buches?

 

Westlich orientierte Kulturen sind Sitzgesellschaften. Überall stehen Stühle. In Schulen, Stuben und Cafés, in Büros, Kantinen und Bahnen, in Sportarenen, Kinos, Flugzeugen und Bunkern. Mithilfe des Plastik-Gartenstuhls stehen Stühle mittlerweile auch in Kulturen, in denen die Menschen nicht sitzen. Und sie stehen in Wüsten und Hochgebirgen, in Steppen, Urwäldern und im ewigen Eis, denn der Tourist will, soll und muss überall sitzen können. Produzierte das Unternehmen Thonet in fünf Jahren eine Million Stühle, werden heute jährlich Milliarden Plastik-Gartenstühle hergestellt. Doch das beständige lange Sitzen reduziert unaufhaltsam die Bewegung und die körperliche Tätigkeit. Heute ist Sitzen gewöhnlich und banal, und doch auch seltsam und skurril. Denn neben dem Werkzeug-Charakter mit all seinen körperlichen Wirkungen schwingt in jedem Stuhl eine Kulturgeschichte mit, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

 

Zum Sitzmenschen werden wir früh gemacht. Etwa dadurch, dass viele Kinder gesetzt werden, bevor sie krabbeln können. Das führt zu Irritationen in der kindlichen Entwicklung und dazu, dass sie später viel und lange sitzen wollen, so dass das Stuhlsitzen als echtes Bedürfnis erscheint.

 

Auch deshalb fällt es dem Homo sedens schwer, aus der Sitzfalle heraus zu kommen und die im Stuhl liegenden Möglichkeiten zu nutzen, indem sie das Sitzen als eine schätzenswerte Leibeshaltung auffassen. Dazu muss er aus dem Sitzen ein Sinn gebendes Ritual machen mit einem hohen ästhetischen, moralischen und spirituellen Wert. Das bedarf einer aufrechten Haltung, regelmäßiger Haltungswechsel und ästhetisch ansprechender Sitze, die aus guten Materialien nachhaltig gefertigt sind. Dann hat der Mensch Freude am Objekt Stuhl, an der eigenen Körperhaltung sowie an der eigenen inneren Haltung.

 

Erfreulich ist, dass es bereits viele Unternehmen und viele private Haushalte gibt, in denen das Zuviel des Sitzens auf Stühlen reduziert wird, indem die Menschen zwischen Sitzen und Stehen wechseln.

 

10. Was bedeutet es, dass der Mensch aus dem Sitzen ein sinngebundenes Ritual mit hohem ästhetischen, moralischen und spirituellen Wert machen sollte?

 

Es ist eine Frage der Qualität: Das angenehme, nachhaltig verwendete Material, die schöne Form, das Achten auf den eigenen Körper, das Ritual, das besondere Augenblicke beschert und der bewusste Umgang mit all diesen Elementen können das Sitzen zu einer meditativen, spirituellen Haltung machen. Das bedeutet auch, dass der Sitzende seine Haltung suchen muss und dass er fühlt, wann er sie wieder aufgeben muss. Insofern ist es die Logik der positiven Seite des königlichen Thronens.

 

11. Sehen Sie, was das Sitzen anbelangt, Aufgaben für somatische Methoden?

 

Zuerst ist trotz aller Kritik am Stuhl hervorzuheben, dass er auch wertvolle Dienste leistet. Sein bewusster Einsatz kann helfen, den Körper kennenzulernen: als Objekt der Meditation und der Aufmerksamkeit sowie als Gegenstand künstlerischer und wissenschaftlicher Arbeit. Ebenso als Alternative für die Couch in der Psychotherapie. Borderline-Patienten sollen sich nicht auf die Couch legen, damit sie im Sitzen auf dem Stuhl die Realität fest im Blick behalten, um der Gefahr

 

 

 

© Hajo Eickhoff 2017

 

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13. Dezember 2017

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