aus Renate Bauer/ Andreas L. Hofbauer/ Bernd Ternes, Einfache Lösungen. Beiträge zur beginnenden Unvorstellbarkeit von Problemen der Gesellschaft, Marburg 2000

 

 

 

 

Gnadenlos einseitig

 

 

Thomas Bernhards einfache Lösung Geistesmensch

 

 

Einfache Lösungen

 

Nach dem Fisch fangen die Probleme an. Mit dem Heraustreten aus dem Wasser beginnen die Verhärtungen. Die einfache Lösung wird verlassen und neue Lösungen werden gesucht: Haltelösungen, Vorwärtskriechlösungen, Aufrichtelösungen. Ein komplizierter Umbau des Skeletts wird erforderlich. Der Körper muss auf den Beinen gehalten, das Vorwärtsgehen ausgebildet und der Rumpf aufgerichtet werden. In der Aufrichtung ist der Mensch am weitesten gegangen. Becken, Rumpf, Arme und Kopf werden, statt auf allen Vieren, so auf zwei Beinen balanciert, dass er sich gehend über lange Zeit aufrecht halten kann. Dazu werden Greiflösungen für die Hand und Behauptungslösungen gesucht. Seelenlösungen. Denn um Gehen und Stehen zu können, muss sich der Mensch behaupten wollen, um den Kopf oben zu behalten. Jeder Schritt erfordert Entscheidungen. Gehen ist ein aufgehaltenes Fallen, das durch das Vorschieben eines Beines verhindert werden soll. Gelingt es, das permanente Fallen in ein Gehen umzuwandeln und dieses zu stabilisieren, hat der Organismus den Entscheidungen entsprechende Vorgänge initialisieren, umsetzen und in sich fixieren können. Haben sich die neuen Lösungen zu Gewohnheiten gefestigt, sucht der aufrecht stehende und gehende Mensch Denklösungen. Er sucht sie für eine rationelle Nahrungsbeschaffung, für das Einrichten eines Gemeinwesens und für Auseinandersetzungen mit anderen Stämmen, für den Wettstreit mit anderen im Sport und für die Kunst, er sucht sie für die Handarbeit und den Handel, für alltägliche Verrichtungen, die Wissenschaft und die Erhaltung der Art. Von einer althergebrachten Ordnung löst sich eine Gemeinschaft, wenn am Horizont neue Lösungen erahnt werden, die das, was sie ersetzen könnten, so ersetzen, dass das Neue das Leben einfacher oder vielfältiger, mächtiger oder gerechter macht, in jedem Fall aber interessanter erscheinen lässt.

   Aus der Geschichte sind einfache Lösungen überliefert. Es gibt sie als List eines einzelnen wie Odysseus und sein Trojanisches Pferd, als Institution einer Gemeinschaft wie das Orakel von Delphi oder die christliche Religion. Es gibt sie als technische Bewältigung von Problemen. Techne bedeutet neben Handwerk Heimtücke und List und meint das Hintergehen der Natur durch menschliche Manipulation. Was die Natur nicht von sich aus hervorbringt, kann der Mensch durch raffinierte Eingriffe, durch Technik hervorbringen. In der Technik wird die Komplexität und das Struppige der Natur gedanklich vereinfacht und das bestehende Problem technisch gelöst. Nicht zuletzt gibt es einfache Lösungen durch die Wissenschaft und Literatur, die einen neuen, einen überraschenden und die Gewohnheit brechenden Blick auf die Welt und die menschliche Existenz werfen.

   Jesus Christus ist Erlöser. Er ist nicht nur ein Löser, sein Erlösen ist ein einfaches Lösen, sein Werk das Bild einer einfachen Lösung. Er gibt den Menschen des untergehenden Römischen Reiches - in dem das Dasein durch Hybris, Dekadenz, Geistlosigkeit und Grausamkeit des Menschen mehr und mehr seinen Sinn verliert -, durch seine Lehre Halt. Im Westen heißt dieser Halt durch die geographische Ausrichtung an der Wirkstätte Christi noch heute Orientierung. Die Lehre und das Beispiel durch sein Leben wollen die gesamte Menschheit entlasten. Moralisch, leiblich, politisch und seelisch. Einer wird für alle ans Kreuz geschlagen. Jesus nimmt für alle Sünde und Schuld auf sich und leidet, damit die anderen frei von Leid leben können. Jeder König bietet das Bild einer einfachen Lösung. Doch Jesus, der König der Könige, der nicht an Ländereien oder Besitztümer gebundene, sondern geistige Herrscher lässt die Königsfunktion um so deutlicher hervortreten und erweist sich gegenüber den weltlichen Königen als die einfachste Antwort auf die Frage nach Ordnung und Lebenssinn. Das Einfache seiner Lösung besteht darin, dass dem einzelnen die Last abgenommen wird und die Gemeinschaft, die sich in seinem Namen gründet, in ihm eine geistige Kraft findet. Ein spirituelles, stabilisierendes Zentrum, das Tradition und Zukunft garantiert. Jesus ist der geistige Weg. Er ist Synthese und Integration für die sich neu formende Gesellschaft innerhalb des Römischen Reiches. Er ist der einfache Weg aus dem Chaos des an materiellem Reichtum orientierten Rom. Jesus ist die Form der geistigen Existenz, die es bis dahin nicht gegeben hat.

   Lösen heißt los machen und befreien. Heißt ablösen, auflösen, erlösen oder scheiden, abtrennen, abscheiden, Abschied nehmen. Lösen heißt, etwas, das starr und fest erscheint, aber bewegt werden soll, beweglich machen. Das Unbewegliche und Starre werden verabschiedet. Einfache Lösungen machen etwas frei, indem sie etwas Komplexes auf weniger Komplexes reduzieren, oder durch Hinzufügen geeigneter Elemente etwas, das nicht funktioniert, zur Funktion bringen. Einfache Lösungen sind nicht deshalb einfach, weil sie aus einem einzigen Element bestehen. Insofern sind sie immer nur relativ einfach. Technische Errungenschaften wie Hebel, Flaschenzug und Rad sind einfache Lösungen. Doch schon der Hebel erfordert zur Ausführung seiner Funktion das Gegenlager als zweites Element. Die Schubkarre besteht aus Hebel und Rad. Einfache Lösungen sind also einfach, weil sie unter den gegebenen - klaren oder komplexen - Bedingungen eine optimale, knappe, günstige, eine schonende, preiswerte, überschaubare, ästhetische oder originelle Lösung darstellen, die ihnen auf den ersten Blick nicht anzusehen ist. Die einfache Lösung ist eine gedankliche Lösung, eine geistige Antwort des Menschen auf eine Frage oder ein Problem. Einfache Lösungen sind Elemente der kulturellen Entwicklung.

   Einfache Lösungen lösen Probleme der Form. Sie können mechanische Abläufe, Weltanschauungen oder mathematische Theorien ebenso wie Formen der Arbeit und des menschlichen Zusammenlebens sein. Sie sind verblüffend, anregend, meist erfolgreich in ihrer Anwendung. In der Kunst sind sie ästhetische Formen, die eine Epoche überdauern. In der sozialen Arbeit werden einfache Interventionen vorgenommen, wenn soziale Konflikte, die in die Sackgasse geraten sind, gelöst werden sollen. Einfache Lösungen sind Blickwendungen. Sie können den Endpunkt einer Entwicklung oder den Ausgangspunkt einer neuen Bewegung bilden. In allen Lebensbereichen gibt es sie, allein in den von theoretischem Wissen getragenen Gebieten infolge der vorange­schrittenen Spezialisierung und immensen Raffinierung der Methoden und Theorien, der Metatheorien und Metamethoden scheinen sie für das theoretische Wissen nicht mehr bereitzustehen. In der Atomphysik wurde in den achtziger Jahren auf einem Kongress empfohlen, bestimmte subatomare Teilchen nur noch als existent anzusehen, solange auf einem Kongress von ihnen gesprochen wird. Hier wird eine Scheinlösung erzeugt. Sie liegt in der Negation, der puren Verzweiflung, im Begreifen der Sinnlosigkeit allzu großer Verfei­ne­rungen der Apparate und Theorien und im Scheinhumor. Humor und Witz sind einfache Lösungen durch Zuspitzung und Reduktion.

 

Der Geistesmensch als einfache Lösung

 

Der Geistesmensch ist die ästhetische Grundform im Werk von Thomas Bernhard. Der österreichische Schriftsteller gibt durch ihn der Weltbetrachtung eine neue und radikale, eine philosophische Richtung. In ihm fasst er die conditio humana, die Bedingung der gegenwärtigen menschlichen Existenz und ihre Folgen zusammen. Geistesmenschen sind ein vereinfachtes Modell, ein Denkmodell des Menschen. Sie sind Denker, die grübeln und reflektieren, aber nicht mehr handeln. Sie sind Maler und Kritiker, Musiker und Wissenschaftler, die sich von der Gesellschaft abgekehrt haben. Alte Männer, die in großer Distanz zur Gesellschaft leben, ihre Vorbilder in Pessimisten und Skeptikern sehen und die aus ihrer Subjektivität heraus denken. Bernhards Protagonisten und Geistesmenschen sind kranke Wesen. Sie leiden am Herzen, an der Lunge, unter Atemnot oder sind fußschwach. Ihren körperlichen Gebrechen entsprechen seelische Qualen: Sie sind melancholisch, feindselig[1] und verzweifelt, ihr Grübeln kreist um die Erlösung in der Form des Selbstmordes. Aber gerade die Krankheit ist es, die sie sensibel für große Einsichten macht.

Der Geistesmensch ist ein mythisches Wesen, die Gestalt eines modernen Märchens. Die einfache Lösung dieser Gestalt liegt in der Genauigkeit und Radikalität, mit der sie von der dunklen Seite, der des Todes und der Verzweiflung, erzählt, so dass das Modell des Menschen in einer zivilen Welt entstehen kann, das das Wesen der Welt offenbart. Auf die Komplexität und Differenziertheit des Wirklichen reagiert der Geistesmensch, indem er durch treffende Vereinfachungen offenbart, warum die Versuche, die Welt und den Menschen zu verstehen, sowohl in der Banalität alltäglichen Tuns als auch in der endlosen Differenzierung der Wissenschaft steckenbleiben.

Geistesmenschen sind komprimierte und reduzierte Wesen, die in ihren Reflexionen selbst reduzieren und konzentrieren, die weglassen, übertreiben, systematisieren und zuspitzen. Ihre Existenz ist durch die Nähe zum Tod, zur Verzweiflung und zum Wahnsinn eine Gegenexistenz, die in ihrer Einseitigkeit Kern und Wesen des Wirklichen bildet. Der einseitige und vereinfachte Mensch ist ein Gegenmensch, in dem alles zur Gegnerschaft drängt: er misstraut der Tradition, er hasst die Natur, kämpft gegen die Kultur und findet den modernen Menschen widerwärtig. Sein Blick ist subversiv, ein Gegenblick, der die Schalen des Bestehenden aufbricht, bis sein Wesen erfasst ist. Alles Unwesentliche wird zersetzt, zermahlen, atomisiert. Nichts hält dem Blick des Geistesmenschen stand. Alles wird zu seiner Beute, die er philosophisch stellt und umstellt, um zu prüfen, ob sie vor dem Tod Bestand hat. „Angesichts des Todes“, sagt Bernhard, „ist alles lächerlich.“ Übrig bleibt, dass die Welt Grausamkeit, Schmerz und Verzweiflung ist, auf die der Geistesmensch mit Selbstmord, stupiden Gewohnheiten, dem Lächerlichmachen menschlichen Strebens oder mit Humor und Gelassenheit reagiert.

Thomas Bernhard verbindet im Geistesmenschen die Elemente Disziplin, Denkbezirk, Objektiv, Beobachtung, Schmerz, Selbstmord, Gewohnheit, Lächerlichkeit und Gelassenheit zu einer einfachen Lösung. Die gemeinsamen Merkmale der Elemente sind Destruktion, Radikalität und ein prinzipielles Dagegensein. Sie machen die Haltung des Geistesmenschen zu einer kompromisslosen Gegenhaltung und der Geistesmensch erweist sich als Denklösung bezüglich der Weltprobleme, wie sie Könige und Jesus Christus darstellen.

 

Geistesmensch

 

Im Geistesmenschen zeigt Bernhard, wie Natur und Kultur am Menschen arbeiten. Wie die Natur ihn grausam, gemein und verbrecherisch macht und wie einerseits die Kultur die Natur verstärkt und andererseits der Geistesmensch mit den Kräften der Kultur - dem geistigen Vermögen - dem Verhängnis entgegenarbeitet, um dem auferlegten Schmerz und der Verzweiflung zu entgehen. Er kann durch den Geistesmenschen tief ins Unterbewusste hin-abgreifen, die menschliche Kommunikation in einer Unmittelbarkeit veranschaulichen und philosophisch über die Welt und das zerrüttete Dasein der gegenwärtigen Menschheit reflektieren, wie es bis dahin nicht möglich war. Er arbeitet mit Übertreibungen und stereotypen, eindringlichen Wiederholungen, erfindet für seine geistigen Menschen Worte und Wortballungen und arbeitet sich von der Oberfläche ausgehend in die Struktur des Seelischen und Geistigen und in die Ordnung der Kommunikation hinein.

Kompromisslos aber vergeblich sucht der Geistesmensch nach dem Sinn des Daseins. Er zieht sich von der Gesellschaft zurück, um den Schmerz im Alleinsein zu bewältigen. Um sich zu retten, entwirft er den Kosmos nach den Gesetzen des Schmerzes und der Melancholie. In seinen Reflexionen und den Gründen seines Scheiterns und seiner Rettung vermittelt er seine Erkenntnis. Geistesmenschen sind Scheiternde. Sie hassen die Menschen und ihr am Materiellen orientiertes Leben wie sich selbst. Ihr Scheitern hat seine Logik in der etymologischen Identität von scheiden, gescheit und scheitern, also von unterscheiden können, klug sein und versagen. Der Geistesmensch ist klug und weiß zu unterscheiden, aber er wird auch seelisch und körperlich gescheitet. Er scheitert in der Radikalität, mit der er auch unter dem Eindruck positiver Erlebnisse hartnäckig bei dem einmal angenommenen Prinzip seiner Weltsicht bleibt. Er durchdringt das Wahrgenommene so lange, bis er es auf den existentiellen Grund zurückgeführt hat, nämlich den, dass die Welt Kloake ist. Übrig bleiben immer Schmerz und Widerwärtigkeit. Geistesmenschen sind selbstzerstörerisch und streben danach, sich keiner Macht und keinem Geschick zu beugen. Bernhard hat ihre Innerlichkeit gegenüber allem Äußeren zur höchsten Kraft, zur heilenden Kraft des Geistes gesteigert.

Der Geistesmensch ist eine hohe Kunstform. Er ist ein Gefäß und ein Schema. Ein Schema des Schmerzes. Das Schema ist so gefasst, dass darin Variationen des Geistesmenschen untergebracht werden können. Nur die Eckpunkte, eben das Charakteristische des Geistesmenschen, liegen fest. Den Geistesmenschen gelingt es, vom Besonderen auszugehen und dieses in immer umfassenderen Schritten so weit abzutragen und zu abstrahieren, bis sie es mit dem Allgemeinen verbinden und beides in einer universellen Form und Erkenntnis vereinen.

Thomas Bernhards Antworten sind einfach und einseitig, weil sie in der Einseitigkeit eine neue, bis dahin unbekannte Form schaffen und mit ihr eine neue Wahrheit formulieren. Einfache Lösungen sind klare und einfache Konstellationen komplexer oder scheinbar komplexer Ordnungen. In jedem Fall sind einfache Formen neue Formen. Wie im Kunstwerk. Kunst ist das Durchbrechen tradierter Formen und das zum Ausdruck bringen von etwas, das bis dahin nicht aussprechbar, darstellbar war. In der neuen und einfachen Form erreicht Bernhard eine Wahrheit, die in einer konventionellen wissenschaftli-chen Form nicht erreichbar wäre. Wissenschaft ist nicht außerstande, Einsichten zu gewinnen, es gelingt aber nur dort, wo sie ihr enges Korsett tradierter Formen aufbricht und den Bereich der Disziplin überschreitet. Etwa im Essay, der Mitte zwischen Literatur und Wissenschaft, vor allem aber im Paradigmenwechsel in den Grenzbereichen der Epochen. In die Wissenschaft gehört mehr Prosa. Prosa hat einen Bezug auf das Einfache, wie die einfache Rede in prosa oratio. Das lateinische Wort prorsus bedeutet kurz, geradeaus gerichtet oder mit einem Wort.

Um über das Einfache sprechen zu können, unterdrückt der Geistesmensch Detailwissen und gewinnt Raum für neue Einsichten. Eine Form, die die Kraft hat oder hatte, die Welt einmal neu und wegweisend zu interpretieren, vermag ihre Kraft über Tausende von Jahren zu bewahren. Sie wird Teil der Evolution der vom Menschen geschaffenen Formen. Über das Neue in der deutschsprachigen Literatur und eine wiedergewonnene Wahrheit bei Bernhard hat Ingeborg Bachman in den siebziger Jahren geschrieben: „In all den Jahren hat man sich gefragt, wie wird es wohl aussehen, das Neue. Hier ist es, das Neue. Es ist nicht brauchbar, noch nicht brauchbar, integrierbar auch nicht“, mit Bernhard werde in der „deutschen Sprache wieder die allergrößte Schönheit, Genauigkeit, Art, Geist, Tiefe und Wahrheit geschrieben.“[2]

Um zur Kunst oder zur Wahrheit zu gelangen, um den Dingen, Gedanken und Gefühlen Tragweite zu geben, ein Bleibendes und Universelles zum Ausdruck zu bringen, muss die Oberfläche des Betrachteten durchbrochen werden. Die Wahrheit liegt in der inneren Struktur, die eine äußere Form erzeugt und formt. Der prägnante Ausdruck für eine innere Ordnung ist eine einfache Lösung. In der Kunst, in der Technik, in der Wissenschaft oder in der Religion. Bei einer einfachen Lösung der Weltbetrachtung liegt der Akzent darauf, sie so zu formen oder zu formulieren, dass sie einen neuen Blick auf die Welt erlaubt. Dies ist die Aufgabe und Funktion des Geistesmenschen bei Bernhard.

 

Disziplin

 

Thomas Bernhard hat die Schule innerlich verweigert. Ihm zufolge ist es der Großvater, der ihm eine unorthodoxe Erziehung erteilt. Ausgerechnet der Literat, der die kompliziertesten Satzgebilde entwickelt und in einer wissenschaftlichen Diktion schreibt, der seine Helden darstellt, als hätten sie die großen Philosophen studiert, als würden sie sich in den Wissenschaften und den Sprachen der Welt zu Hause fühlen, und der sie in einer bestechenden Weise argumentieren lässt, hat sich gegen die klassische Bildung gestellt. Ausgerechnet er mag sich nicht das Wissen aneignen, das für eine solche Art zu schreiben als Voraussetzung angesehen werden kann.

Das Ungewöhnliche der Werke Bernhards ist, dass nicht einmal Wissenschaften an die in ihnen formulierte Erkenntnis heranreichen. Das Subjektive der den Menschen bedrängenden Existenz wird im Erkenntnisvorgang nicht objektiviert und getilgt, sondern wird in das kosmische Sein integriert. Zwischen seiner Erkenntnis und der Eigenart seiner Erziehung besteht eine enge Bindung: Bernhard ist frei von den Prägungen der klassischen Bildung und kann in einer originellen und einfachen Art die großen Themen des menschlichen Daseins durchdenken und darstellen. Bernhards Blick ist unbestechlich. Frei von der Angst vor der Erwartung anderer und vom Zwang zum Guten Ton gelingt es ihm, zu sagen, was man eigentlich nicht sagt. Seine Literatur hat in der kompliziert erscheinenden Welt mit einfachen Lösungen Möglichkeiten erschlossen, öffentlich um die Angelegenheiten und die Befindlichkeit der Gemeinschaft zu streiten und in einem ursprünglichen Sinn Politik zu treiben. Er hat das, worüber man in der Öffentlichkeit sprechen kann, um das Fremde und das Beängstigende, das Gemeine und Abstoßende im Menschen erweitert. Er hat damit öffentliche Diskussionen ausgelöst: begeisternden Zuspruch erhalten und einen Sturm der Entrüstung entfacht.

   Bernhards Protagonisten treiben Wissenschaft. Doch nur dem Gestus nach. Gerade der Gestus ist es, der bis ins Detail die Struktur seiner Prosa bestimmt. Die Romanhelden erwähnen Philosophen wie Nietzsche, Schopenhauer oder Kant, die inhaltlich aber leer bleiben. Sie reden apodiktisch und exakt, während eine ihrer Hauptbeschäftigungen das präzise Beobachten und das Deuten des Wahrgenommenen wie in der empirischen Forschung ist. Die Protagonisten sprechen im Nominalstil und bedienen sich oft einer endlos verschachtelten Syntax, „generatorenhaft kreisende, großräumige Satzgebilde“[3], einem wissenschaftlichen Stil vergleichbar. Sie gebrauchen Worte wie Wirklichkeitsverachtungsmagister, Geistesexistenzminimum oder Weinflaschenstöpselfabrikant, Komposita, die sie wie wissenschaftliche Termini verwenden wie Dodekylhydrogensulfat in der Chemie oder Tractus paraventriculohypophysialis in der Medizin. Und wie in der Wissenschaft Beweise erbracht werden - wenn Sätze im Rahmen einer Theorie logisch auf nicht weiter zu reduzierende Gründe zurückgeführt werden sollen -, gründen sie ihre Argumente in einer Grundannahme: Bei Leibniz heißt es „Die bestehende Welt ist die beste aller möglichen Welten“, Schopenhauer setzt dagegen „Die bestehende Welt ist die schlechteste aller möglichen Welten“ und Wittgenstein behauptet, „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Bernhards Protagonisten kontern lakonisch: „Die Welt ist eine Kloake“.

   Ebenso haben seine Helden das Zitieren zu einer besonderen Form entwickelt. Er lässt seine Erzähler vermittelt über andere Personen sprechen. Dadurch entstehen Formeln wie „so Irrsigler“ oder „Koller sei“. In wissenschaftlichen Texten heißt es dann „sagt Freud“ oder „wie Habermas gezeigt hat“. Zitieren ist eine Beweisform und bedeutet, sich auf andere zu berufen, sich abzusichern und zu entlasten, indem etwas auf eine authentische Quelle, eine Autorität oder einen als unbezweifelbar angesehenen Satz zurückgeführt wird. Deshalb lassen sich Romanfiguren wie Roithamer, Konrad oder Murau als Texte deuten, aus denen zitiert wird. Auch für das Zitieren von Zitaten hat Bernhard eine literarische Formulierung gefunden: die erweiterte Formel „so Karrer zu Oehler, sagte Oehler“ oder „lautet die Pascalsche Maxime, so er, dachte ich“. In der Wissenschaft heißt es knapp „zitiert nach Hegel“. Die Erzähler Bernhards führen Argumente über eine Formel wie „so Irrsigler“ auf einen dahinter liegenden Grund (Irrsigler), zurück oder über „so Karrer zu Oehler, sagte Oehler“ auf einen Grund (Karrer) hinter dem Grund (Oehler). Hinter der Zitierformel verbirgt sich Bernhards Kunst der Distanzierung. Die Erzähler, die den Text sprechen oder schreiben, also zitieren, haben die Rolle von Wissenschaftlern inne, die einen scheinbar objektiven Bericht geben.

   Das Durchsetzen des Textes mit Formeln (Zitieren) und Komposita (Termini), das wiederholte Erwähnen von Montaigne, Kant und anderen Philosophen (Kompetenz) sowie die verschachtelte Syntax (Differenziertheit), die sich sowohl an Kant als auch an Schopenhauer anlehnt, das wiederkehrende Beobachten (empirisches Forschen) und der nominalistische Schreibstil (Zustandsbeschreibung) bilden das Gerüst und das Beziehungsgeflecht nahezu aller Romane Bernhards. Sie sind die rhythmisch wiederkehrenden Elemente, die dem Text eine feste Ordnung geben, die dem Raster einer wissenschaftlichen Abhandlung nahekommt. Dieses engmaschige Gitter von Wiederholungen und stereotypen Wendungen ist Bernhards literarische Darstellungsform. Seine Romane sind Literatur im Gewand der Wissenschaft. Das Wissen, das sich in der Form manifestiert, wird durch die Reflexionen der grübelnden, nörgelnden und philosophierenden Künstler und Wissenschaftler bestätigt.

Von außen betrachtet hat Bernhard die Lücke in der herkömmlichen Schulausbildung dadurch geschlossen, dass er vortäuscht, über das Wissen abendländischer Bildung zu verfügen. Von innen betrachtet ist es laut Bernhard die Erziehung durch den Großvater, den Schriftsteller Johannes Freumbichler, der die Lücke mit einer bewussten Erziehung gegen alle herkömmliche Bildung besetzt hat. Auf langen Spaziergängen hat der Großvater seinen Enkel diszipliniert und an ein abstraktes Denken herangeführt. Nach einmal gegebenen Erklärungen war er meist auf sich selbst gestellt: Sprechen war auf den Spaziergängen nur geduldet. So war schon früh das Festhalten von Eindrücken und Gedanken lebensnotwendig. Ein wahrhaftes Wissen stamme dem Großvater zufolge immer nur aus ihm selbst und sei subjektiv. Der philosophisch interessierte Mensch suche, finde und prüfe das Wissen in sich. So hat er ihm früh nahegelegt, das Leben denkend zu bewältigen. Anders als in der Wissenschaft, die ihr Ideal in der Objektivität des Wissens sieht, sieht Bernhard das Ideal in der radikalen Subjektivität. In seiner Literatur ist er frei vom Ballast, den Wissenschaften oft mit sich führen. Es gibt keine Ablenkung durch den Blick auf Vorbilder und andere Quellen. Der Mensch ist die erste Quelle seines Wissens. Ein solches Wissen ist authentisch, weil es aus ihm selbst stammt. Hier arbeitet die reine Konzentration eines Menschen an sich selbst. Die Selbstdisziplin Bernhards und seiner Protagonisten ist immens. In Korrektur sagt Roithamer, sein Antrieb existiert „nurmehr noch in der Abwehr alles dessen, was der Entfaltung und schließlich Vollendung seines Zieles hinderlich oder auch nur im geringsten störend sein kann, alles abwehrend, sich mit nichts anderem als mit diesem Ziel Nützlichen mehr einlassend.“ Als Anatom der menschlichen Existenz und der abendländischen Kultur ist Thomas Bernhard ein unnachgiebiger, kritischer Beobachter, dem nichts entgeht und der allem auf den Grund geht. Argumente und Schlüsse führt er in seinen Werken unerbittlich bis an ihr logisches Ende. Was die Protagonisten aus sich gewinnen, sind weder naturwissenschaftliche Kenntnisse noch allgemeine Erörterungen, es sind Weisheiten über den Menschen in seiner unmittelbaren Existenz.

   Die Wissenschaft entwickelt sich im Rahmen vorgegebener Termini, Methoden und eines Basiswissens. Ihre Aussagen sollen verifizierbar und wahr sein. Die Wissenschaften unterscheiden Grade der Gewissheit: im Glauben gilt Gewissheit als subjektiv, in der Anschauung und Wahrnehmung als intuitiv, allein in der Wissenschaft als objektiv. Ihrem Verständnis nach kommen einer gesicherten Erkenntnis die Attribute logisch, gegliedert nach der Maßgabe einer Disziplin, methodisch und rational zu. Das rationale Denken soll Ordnung, Sicherheit und Regelmäßigkeit in die Welt bringen und eine planbare Zukunft ins menschliche Dasein holen. Wissenschaftler sollen lernen, in ihrer Forschung vom eigenen unmittelbaren Interesse und von Gefühlen zu abstrahieren, und davon ausgehen, dass die Welt, die sie sich distanziert und objektiv gegenüberstellen, mit der Vernunft erfasst und erschlossen werden kann. Doch da selbst ein als gesichert angesehenes Wissen durch Differenzierung, Modifizierung oder den historischen Wandel immer wieder in Frage steht oder verworfen wird, erweist sich ein abgesichertes Wissen nur vorübergehend als sicher und damit als Teil der Konvention.

Thomas Bernhard beschreitet einen entgegengesetzten Weg. Er bedient sich keiner Konvention. Er misstraut dem politischen, historischen und naturwissenschaftlichen Wissen wie dem gesunden Menschenverstand. Sein Denken ist kreisförmig, universell, subjektiv und paradox, die Basis seines Denkens geistige Klarheit. Die Literatur ist nicht, wie die Wissenschaft, an Vorgaben gebunden. In ihrer Form ist sie frei. Sie kann unterhaltsam, wahr, ästhetisch oder derb sein.

Die Leidenschaft von Bernhard heißt radikale Subjektivität: Stören, Provozieren, Dagegensein. Seine Erkenntnisse gründen weder auf einem allgemein anerkannten Beweisverfahren noch in anerkanntem Wissen. Er stellt dem Gelehrtenwissen ein kritisches Wissen entgegen, das auf rigorose Subjektivität setzt - auf den Schmerz, dessen Objektivierung unzulässig ist. Er richtet sich gegen die Normen und Ideale der Gemeinschaft, gegen anmaßende Individuen, die abgestumpfte Masse und gegen die Repräsentanten der Gesellschaft, was ein Wachhalten und permanentes Schärfen der Sinne erzwingt. Er verbindet seine Kritik mit der Sympathie für Außenseiter, Ausgestoßene und Kranke. Sie sind für ihn die Weitblickenden, als die sie schon bei Novalis gelten.[4] Kranke konzentrieren sich auf das Wesentliche. Ihre Nähe zum Tod, ihr Schmerz und ihre Angst disziplinieren sie und steigern ihre Erkenntnisfähigkeit. Novalis, dem sich Bernhard verbunden fühlt, spricht von Krankheitsphilosophie. Für Cioran ist Gesundheit ein Zustand des Nichtempfindens und der Nichtwirklichkeit. Durch die Einseitigkeit der prinzipiellen Gegnerschaft enthält das Werk Bernhards Weisheiten politischer, soziologischer, psychologischer und philosophischer Art.

   Thomas Bernhards Geburtsort ist ein Ort des Schmerzes, ein Fluchtort der Mutter. Als uneheliches Kind 1931 in Heerlen, Holland, geboren, hat er den Vater, der 1940 Selbstmord begeht, nicht kennengelernt. Die Mutter, die in Holland ein Jahr arbeitet, sieht ihn in dieser Zeit kaum. Er wächst danach einige Jahre bei den Großeltern in Österreich auf und wohnt erst seit dem siebten Lebensjahr mit der Mutter, dem Stiefvater und den Halbgeschwistern zusammen. Mit sechzehn bricht er das Gymnasium ab und beginnt eine Kaufmannslehre, die er mit siebzehn aussetzt, da er an einer Lungentuberkulose erkrankt, deren Folgen, etwa die Atemnot, ihn ein Leben lang begleiten. Der Großvater ermutigte ihn früh zum Schreiben und hat ihn zu einem kritischen Denken angehalten gegenüber Traditionen, Gemeinheiten der Masse und jeder Art von Inkonsequenz. Bekannt wird Thomas Bernhard mit dem 1963 erschienenen Roman Frost. Ihm folgen Amras und Verstörung, die den Erfolg von Frost bestätigen. Die erste Hälfte seines Schaffens, in der die düstere Darstellung der individuellen menschlichen Existenz überwiegt, endet 1975 mit dem Roman Korrektur. In der zweiten Hälfte treten Komik und Humor in den Vordergrund. Die Protagonisten seiner letzten Romane wie Alte Meister, Der Untergeher und Auslöschung haben gelernt, mit den Widrigkeiten des Daseins umzugehen.

Als Literat hat er die Grenzen, die eine wissenschaftliche Disziplin definieren, außer Acht gelassen und mit den Mitteln der Literatur die Emotionen und subjektiven Färbungen der Wahrnehmung berücksichtigt, die der westlichen Kultur für den Weg der Erkenntnis hinderlich erscheinen. Die konkrete und exakte Anschauung macht seine literarischen Arbeiten zu philosophischen Werken. Durch seine sachliche Sprache, die einem genauen Denken folgt, und die detaillierte Beobachtung des Alltags trifft er den Nerv der immensen und abstrakten Geistigkeit und der gebrochenen Körperlichkeit moderner Menschen: die gestörten Sozialkontakte, die gehemmten und leerlaufenden Gefühle, die Stupidität und die Zerstörungswut. Die Literatur von Thomas Bernhard, der 1989 in Gmunden in Österreich gestorben ist, ist so nah am Menschen unserer Zeit, dass sie Skandale und Eklats hervorgerufen und eine politische Relevanz gewonnen hat. Die Beobachtungsgabe, der scharfe Verstand, das kreative Handhaben der Sprache sowie die prägnante, fassbare und ureigene Darstellungsform geben das Beobachtete im festen Raster seiner Romane einseitig und einfach und doch adäquat wieder. In der literarischen Verarbeitung der Alltagskommunikation und der literarischen Form des Geistesmenschen hat Bernhard die Psyche des modernen Menschen, seine verzweifelte Seele freigelegt.

 

Denkbezirk

 

Der Denkbezirk ist der symbolische Raum, in den der Geistesmensch gestellt ist. Hier vollzieht er eine sein Leben entscheidende Wende. Der Denkbezirk ist ein Krisenraum wie ein Krankenhaus, eine Strafanstalt oder ein geschützter, der Gesellschaft schwer zugänglicher Wohnraum. In ihm rettet sich der Geistesmensch durch Rückzug. Denkbezirke sind Räume, in denen sich der Geis­tesmensch geistig abschließt. Räume der Einsamkeit, der Stille, der Leere. Räume, in denen sich Assoziationen entfalten. Denkbezirke sind therapeutische Räume, die das Leben ordnen, es neu orientieren und den Schmerz, den die Bindung an die materielle Existenz bereitet, dämpfen. Da er ein Ort der Reflexion und der Spiritualität ist, kann jeder Ort zum Denkbezirk werden. Architektonisch ist er leer und konturlos.

Der Denkbezirk ist eine geistreiche Erfindung von Bernhards Großvater oder eine großartig modifizierte Erinnerung Bernhards an dessen Worte. Als der Siebzehnjährige schwer erkrankt ins Sanatorium Grafenhof kommt, gibt ihm der Großvater für die Erkrankung und den Aufenthalt im Sanatorium eine für das Leben nützliche wie einfache Deutung. Er nennt den Aufenthalt im Krankenhaus Lebenschance, und in einem Denkbezirk, sagt er, erreichen wir, „was wir außerhalb niemals erreichen können, das Selbstbewusstsein und das Bewusstsein alles dessen, das ist.“ Gerade für einen Schriftsteller - Bernhard schreibt schon zu dieser Zeit -, seien solche Orte hin und wieder sogar eine Notwendigkeit. Wahrscheinlich sei er krank geworden und habe das Krankenhaus aufsuchen müssen, weil er nicht in der Lage gewesen sei, von sich aus „auf das lebenswichtige und existenzentscheidende Denken zu kommen.“ Ob es sich bei einer Krankheit um eine erfundene oder um eine tatsächliche Krankheit handle, spiele keine Rolle, wichtig sei, dass sie dieselbe Wirkung hervorrufe wie eine tatsächliche. Krankheiten seien überhaupt immer Erfindungen. Von da an hat Bernhard Grafenhof als einen Ort der Umkehr und der Erkenntnis angesehen. Hier hat er eine Wandlung vollzogen und sich selbst „auf die natürlichste Weise vom wehrlosen Opfer zum Beobachter dieses Opfers und gleichzeitig zum Beobachter aller anderen gemacht.“

An Orten, die dem Rückzug dienen, versuchen die Protagonisten sich mit geistiger Anstrengung und Konzentration eine Identität zu geben oder das Brüchigwerden der eigenen Identität aufzuhalten. Meist dreht es sich um ungewöhnliche Gebäudekomplexe. Neben einem Kalkwerk, einem Wohnkegel oder einer Baracke kommen Schlösser, Dachkammern, Museen, Gefängnisse, Mühlen oder Türme vor. Bernhards Helden suchen diese Orte auf, um eine begonnene Arbeit fertigzustellen, Pläne zu verwirklichen, letztlich, um Ruhe zu finden. Wie im Roman Korrektur: „In der höllerschen Dachkammer hatte ich plötzlich Zugang zu jenen Gedanken gefunden, die mir die ganzen Jahrzehnte vor der Kammer versperrt gewesen waren und tatsächlich, wie er schreibt, zu den wesentlichsten Gedanken, zu den für mich wichtigsten, ja lebensnotwendigsten Gedanken.“

   Die Einseitigkeit des Denkbezirks liegt darin, ausschließlich ein Ort zur Bewältigung der Existenz durch die Vorstellungskraft und die Kraft des Wollens zu sein. In der strikten Ausweisung als symbolischer Raum, unabhängig von seiner Funktion und von der Architektur, in der sich die Lebenswende und die Rettung ereignen soll. Denn Denkbezirke sind potentielle Räume, die jeden beliebigen Ort zu einer auserwählten Stätte machen, zu einer Stätte der Spiritualität, Künstlichkeit und Meditation.

 

Objektiv

 

Für das Leben im Denkbezirk hat Bernhard eine einfache Theorie der Kultur-, Natur- und Gesellschaftsbetrachtung entwickelt, die er Objektiv nennt. So jedenfalls lässt sich eine Passage in seiner autobiografischen Arbeit Die Kälte deuten. Er legt dar, unter welcher Perspektive er die Welt betrachtet. Jeder Untersuchung über die Natur und über gesellschaftliche Ereignisse, über die Kultur und die subjektive Befindlichkeit des einzelnen liegen die Sätze des Objektivs zugrunde. Die Anschauung der Welt unter der Prämisse von Leitsätzen gibt dem Wissen einen theoretischen Rahmen. Das Bernhardsche Objektiv ist ein Filter, durch den hindurch er auf die Welt blickt und, umgekehrt, durch den die Daten der Welt über die Sinne in den Menschen gelangen und verarbeitet werden. Es ist ein Sinnes- und Wahrnehmungsfilter, der die subjektiven Daten zu einem Weltbild objektiviert.

   Die Grundsätze des Objektivs, ein Vorschlag des Großvaters, die Welt unter diesem Blickwinkel zu betrachten, hat Bernhard wiederholten Prüfungen unterzogen, bevor er sie als Produzent von Gewissheit angenommen hat. Neben dem Gewinn unbezweifelbaren Wissens dient das Objektiv der Bewältigung des Daseins. Seine sieben Grundsätze führen zu Sichtweisen und Handlungsformen, die das Disparate des Lebens ordnen und in einer theoretischen Form zusammenführen. Das Objektiv ist ein Instrument der Theorie und ein Mittel zur Herstellung von Sicherheit und innerer Ruhe.

   Die ersten vier Leitsätze des Objektivs sind Wertschätzungen: Die Welt ist eine Kloake. Die Natur ist grausam. Der Mensch ist verzweifelt. Der Mensch ist gemein. Die nachfolgenden zwei Sätze sind Regeln der Argumentation: „Die Wahrheit ist immer ein Irrtum, obwohl sie hundertprozentig die Wahrheit ist, jeder Irrtum ist nichts als die Wahrheit“ und „Die Absurdität ist der einzig mögliche Weg.“ Der siebente Satz ist ein Satz zur Methode: „Wir gehen in das Geschäft des Lebens und kaufen ein, und die Rechnung müssen wir bezahlen.“ Den Leitsätzen liegt die Hauptaussage „X ist grausam und widerwärtig“ zugrunde, wobei „X“ für Natur, Mensch und menschliches Verhalten steht. Dem Geistesmenschen zufolge kann sich nur derjenige befriedigend im Universum einrichten, der durch das Objektiv hindurch auf die Welt blickt, da er sich nur dann auf Aussagen über die Gegenwart und die Zukunft verlassen kann. Enttäuschungen werden kalkulierbar, und der Mensch bleibt gezwungen, aufmerksam jedem Vorurteil zu begegnen.

   Der Geistesmensch beobachtet durch das Objektiv hindurch sich selbst und andere. Die Lebensmaximen, nach denen er lebt, die Lebensnot, in die er gerät, und die paradoxen Wege seiner Argumentation überschneiden sich mit den Vorstellungen, die Bernhard in seiner Minimaltheorie formuliert. Das Objektiv ist der radikal subjektive Versuch, der objektiven Dauerkrise des Daseins zu entgehen. Das Weltbild, das daraus folgt, ist der Maßanzug, in den Bernhard seine literarische Hauptfigur steckt.

   Diese einseitige Theorie verwendet Bernhard in seinen Romanen als eine Art Kalkül. Sie gibt dem Geistesmenschen Orientierung und Sicherheit. Sie ist ein fester Anker im Strom der Phänomene. In mathematischen und logischen Systemen ist das, was sich innerhalb der Sätze und Regeln vollzieht, berechenbar. Allerdings arbeitet Bernhards Kalkül nur unter Beachtung inhaltlicher Aussagen wie im Satz „Die Welt ist eine Kloake“. Denn formal betrachtet ist er durch den Widerspruch „Die Wahrheit ist immer ein Irrtum“ sinnlos. In formalen Systemen, die einen Widerspruch enthalten oder zu erzeugen erlauben, ist jede beliebige Aussage und damit jeder Widerspruch herstellbar, der Kalkül für die Argumentation unbrauchbar. Bernhard verwendet den Kalkül in dreierlei Hinsicht. In den sich widersprechenden Aussagen hält er das Rätselhafte in der Schwebe, kann aber gerade über das Absurde und Gegensätzliche auf dem Grund des Seins Gewissheiten fassen. Dagegen beziehen die Protagonisten in ihrer Argumentation das Verhältnis von Irrtum und Wahrheit vor allem auf explizite Behauptungssätze. Bernhard zufolge kann auf das Wahre nur angespielt werden, direkt ist es nicht aussagbar. Die Aufgabe, das Wahre indirekt zu formulieren, auf es anzuspielen oder es zu zitieren, kommt Bernhards Erzählern zu. Drittens verwenden sie den Widerspruch im Kalkül, „Die Wahrheit ist immer Irrtum“, um den Gedankengang des Geistesmenschen zu entwickeln. Ein Gedanke wird durch eine gegenteilige Aussage in Frage gestellt und in späteren Erörterungen wieder rehabilitiert und gefestigt. Widersprüche dienen der Produktion von Paradoxa, den scheinbar widersinnigen Aussagen, in denen sich erneut Bernhards Strategie des Dagegenseins zeigt. Para-Doxa heißt Gegen-Meinung und ist die Meinung, die der öffentlichen Ansicht entgegensteht. Bernhard setzt sie als Geste der Wissenschaft ein und wie bei Sokrates und Platon nutzt er das Paradox und das Absurde als meditativen Punkt der Einkehr, der Einsicht und der Umkehr.

   Das Objektiv birgt die Gefahr, dass es positive Lebenserfahrungen verhindert, da es sich nur bedingt als Sensorium für positive Erlebnisse eignet. Freude und Zuverlässigkeit, Hoffnung und Gefühle des Glücks existieren in den frühen Romanen nur als Schein. Als Scheinglück, Scheinfreude, Scheinhoffnung. Jedes Lachen ist dem Objektiv zufolge eine Lüge, ein Zynismus oder steht zumindest im Verdacht, nicht Ausdruck eines dazugehörigen Gefühls zu sein. Die Welt, angeschaut unter dem Prinzip des Bernhardschen Objektivs, ist eine immer gleiche Welt, die ein einseitiges, ein unkorrigierbares und unbewegliches Weltbild hervorruft, wie die Protagonisten unter allen Umständen daran festhalten, dass die Welt Kloake ist. Aber in der Einseitigkeit besitzt das Objektiv klare und präzise Konturen. Das Objektiv macht Bernhard zu einem ethischen Schriftsteller und zu einem Philosophen einfacher Lösungen, indem es den Schmerz im Paradox handhabbar macht und hilft, das leidvolle Leben zu bewältigen. In den späten Romanen entwickelt Bernhard positive Erfahrungen als Möglichkeiten des Lebens.

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Beobachtung

 

Bernhard betrachtet die Welt, indem er die Vielfalt der Erscheinungen unter wenige Perspektiven ordnet. Seine Beobachtungen sind präzise und kompromisslos. Der radikale Blick misstraut dem Vertrauten und Überlieferten, den Vorurteilen und allem, was nicht der Prüfung unterzogen ist. Der präzise und schonungslose Blick ist ein Blick gegen die herkömmliche Art zu sehen, gegen den positiven und aktivistischen, den statistischen und optimistischen Blick. Der Geistesmensch nimmt „Autopsien an dem Körper der Natur sowie an dem Körper der Welt und ihrer Geschichte vor“, heißt es in Verstörung. Die Welt wird so lange differenzierend beobachtet, bis das Beobachtete in seine Bestandteile zerfällt und in einem Raster erfasst und abgebildet werden kann. Der Geistesmensch geht davon aus, dass ein in solcher Weise Beobachtetes nichts anderes sein kann als das Element einer widerwärtigen Welt.

In der Beobachtung fügt sich der Geistesmensch mit dem Denkbezirk und dem Objektiv zu einer einzigen Form, zum bios theoretikos, zum Leben, das sich dem denkenden Betrachten der Dinge widmet. Das Objektiv ist darin die Theorie, der Denkbezirk ein Theaterplatz und der beobachtende Geistesmensch der Theoros. Schau heißt griechisch thea und sehen horáein. Beobachten ist das Verstehen im Zuschauen, das Anschauen einer Darbietung und ein Bewältigen im Sehen. Alle vier Formen sind Elemente des Theoretischen.

   Das Beobachten in den Romanen von Bernhard vollzieht sich ungestört und von einem zentralen Punkt aus. Der Ort des Beobachtens liegt im Zentrum des Geschehens und damit des Unglücks. Dadurch entsteht eine Nähe in der Distanz. Zunächst wird ein geeigneter Be­obachtungspunkt gewählt. Im Roman Auslöschung sagt der Erzähler Murau: „Ich hatte mich an die Tormauer gedrückt, um einen noch idealeren Beobachtungspunkt zu haben.“ Das Beobachten und Wahrnehmen, das Vergleichen, Klassifizieren und Benennen ist die Hinwendung zu einem imaginären Ort, einem Denkbezirk, wie im Roman Ja: „Ich selbst hatte mich zurückgezogen und eine absolute Beobachterstel­lung eingenommen.“ Der Beobachtung entspricht eine eigene Haltung. Anders als in der Beobachtung eines Objekts kann in der Menschenbeobachtung der Beobachtete zum Beobachter des Beobachters werden und den Beobachter auf sich selbst zurückwerfen. Doch Bernhards Protagonisten vermeiden den Rückbezug, indem sie den Übergang von der Beobachtung zur Selbstbeobachtung selbst bestimmen. Zum einen wird die Beobachtung objektiviert, andererseits entwickelt sich der Umschlag zur Selbstbeobachtung aus der Logik der Beobachtung. Die Selbstbeobachtung bleibt eine frei gewählte. Die Beobachtung ist abgeschlossen, wenn die Ereignisse in sachlich-rationale Elemente aufgelöst sind und das Objektiv das zusammenhanglos Gewordene im beobachtenden Geistesmenschen theoretisch geordnet hat.

   Orte der Beobachtung sind Winkel, Fenster, Mauervorsprünge, das Innere des Menschen, das Außerhalb der Erde. Alles Seiende unterliegt der genauen Beobachtung: Steine, Pflanzen, Lebewesen, kulturelle Ereignisse. Beobachtet werden ihre Formen, ihre Außenhäute und ihre Effekte. Die Außenflächen werden so lange beobachtet, bis sich die darunter liegenden Strukturen öffnen. Bernhard verfügt über die Fähigkeit, in der Beobachtung einen Vorgang so extrem zu komprimieren, dass die Zeit aus ihm herausfällt: Seine Beobachter fühlen sich oft am Rande des Wahnsinns, in dem die Zeit aufgehoben ist. Es ist Bernhards ungewöhnliche Fertigkeit, Formen des Betrachteten so aufzulösen, dass er aus ihnen das Wesen herauslesen kann. Das Beobachten erweist sich immer als eine geistige Tätigkeit, wie der Wortteil achten auf ein geistiges Aufmerksamsein deutet: Alles ist „eine Frage der Beobachtungskunst und in der Beobachtungskunst eine Frage der Rücksichtslosigkeit der Beobachtungskunst und in der Rücksichtslosigkeit der Beobachtungskunst eine Frage der absoluten Geisteskonstitution“, heißt es in der Erzählung Am Ortler.

   In Holzfällen fügt Bernhard die Elemente Beobachtung, Denkbezirk und Objektiv im Geistesmenschen am kompaktesten zusammen. Der Erzähler sitzt in einem Ohrensessel inmitten einer Abendgesellschaft, die er beobachtet. „Nicht umsonst“, sagt er, „hatte ich mir schon in den fünfziger Jahren diesen Ohrensessel, der noch immer auf demselben Platz stand, ausgesucht, denn in diesem Ohrensessel, den die Auersbergerischen inzwischen überziehen haben lassen, sehe ich alles, höre ich alles, entgeht mir nichts.“ Die stereotype Wendung im Roman lautet „dachte ich im Ohrensessel.“ Der Erzähler beobachtet und gibt seinen Bericht aus der Mitte der Gesellschaft, ohne als ihr Analytiker wahrgenommen zu werden.

   Vom Ohrensessel aus analysiert er akribisch die Gesellschaft. Er achtet, er beachtet, er gibt Obacht. Er ist aufmerksam und spürt den kleinen, den belanglosen und kaum wahrnehmbaren Umgangsformen der Menschen nach. Nichts ist klein und banal genug, um ihm entgehen zu können. Jede Lüge wird aufgedeckt und das Peinliche - das im wörtlichen Sinn Schmerzhafte - ans Licht gebracht. In der Öffentlichkeit ziviler Kulturen stellt der Mensch Absichten, Gefühle und Wünsche zurück. Um sich in einem guten Bild zu präsentieren, verstellt er sich und gibt sich anders, als er fühlt. Unsicherheit wird mit Hochmut pariert, Angst im Gewand der Ausgelassenheit gebannt und Hass in der Geste der Freundlichkeit gezügelt. Die scheinbar belanglose Differenz zwischen Sein und Vorspielen ist es, die Bernhard in der Beobachtung sichtbar macht. Der Geistesmensch zeichnet aus den Umgangsformen der Menschen Miniaturen des Verhaltens. Er sammelt sie und entwickelt daraus großflächige Bilder des Menschen, die ihre Bewertung durch das Objektiv erhalten, durch das hindurch der Geistesmensch die Erscheinungen gedanklich durchdringt. Die Differenz zwischen Absicht und Verhalten, zwischen dem Gefühl und der kleinen Lüge und der die Lüge verdeckenden Geste führt zur Frage nach der Identität des Menschen. In der Erkenntnis der Differenz erreicht das Lamento des Erzählers über die Lügen und Gemeinheiten der Abendgesellschaft im Roman Holzfällen bei dem Ehepaar Auersberger seinen Höhepunkt, der sich zugleich zu einem Umschlagpunkt vom Beobachten der anderen zur Selbstbeobachtung ausweitet. In dem Augenblick, in dem der Unausstehlichste der Abendgesellschaft, ein berühmter Burgschauspieler, dem Erzähler für einen Moment sympathisch und zum Augenblicksphilosophen wird, identifiziert er sich mit ihm und der Sturm gegen die eigene Person bricht los. Die Präzision und die Unbestechlichkeit seines Beobachtens haben ihn zur Identifizierung mit dem anderen gezwungen und das Beobachten unverhofft in ein Selbstbeobachten verwandelt. Der Erzähler gerät in den Sog der eigenen Anklage gegen die anderen und kann sich von diesen nicht mehr abgrenzen. Er erkennt, dass auch er allen immer nur etwas vorgetäuscht hat. „Ich habe immer nur ein vorgespieltes Leben gelebt, niemals ein tatsächliches, wirkliches.“ Über den Geistesmenschen, der andere beobachtet, über sie berichtet und sie bewertet, entwickelt Bernhard „den ästhetischen Raum für eine neue Form der gedanklichen Selbst-Auseinandersetzung.“[5] Die Radikalität Bernhards liegt darin, dass sich die Beobachtenden in der Wahrnehmung durch nichts ablenken lassen und dass sich das Beobachten anderer immer als Teil der Selbstbeobachtung und als Suche nach der eigenen Identität offenbart.

   Das Beobachten des Geistesmenschen in Bernhards Romanen ist der methodische Teil eines Erkenntnisvorgangs, in dem das Disparate der Erscheinungswelt so klar herausgearbeitet wird, dass sich die Erkenntnis zu einer einzigen Form verdichtet, die einseitig, radikal, theoretisch und realistisch ist. Der Erzähler differenziert das Beobachtete detailliert genug, um die unterschiedlichen Charaktere darzustellen, und dringt tief genug ins Wesen ein, um den alles umschließenden Grund des Seins, den Schmerz, zu erreichen. Die Einsicht in die Differenz von Sein und Vorspielen sowie die Erkenntnis, dass sich hinter dem Verhalten der Menschen immer Schmerz und Verzweiflung verbergen, bieten die Möglichkeit, dass sich der einzelne mit dem anderen, dem Fremden, identifiziert und die Differenz relativiert.

 

Schmerz

 

Thomas Bernhard ist der Episkopos, der Über-Seher des Weltzustandes, der sehend jenseits, neben und über der Welt ruhelos hin und her geht. Er nimmt einen Beobachtungsort jenseits unserer Kultur ein und arbeitet an der Erkenntnis der Welt außerhalb der philosophischen Sprache der Erkenntnis. Auf diesem Hintergrund gelingt es ihm, der Wahrheit nahe zu kommen und den Gründen der gegenwärtigen Ratlosigkeit, des Ressentiments, der weltweiten Lähmung und der Destruktion einen philosophischen Rahmen zu geben. Bernhard ist die Welt ein ungemächlicher Ort, ein Unraum. „Auch das Universum“, sagt der Maler Strauch in Frost, „ist viel zu eng, unter Umständen“, unerträglich und immer nur zum Tode hinführend. Kein Wohnen, nur Aufenthalt. Kein Friede, nur Krieg, wohin man sieht. Kein Sinn, nur dumpfes und stumpfsinniges Vegetieren. Daher die Grausamkeit des Daseins. Kein Trost von außerhalb. Klima, Landschaft, Fauna. Alles Schmerz, Angst und Verzweiflung. Von düsteren und beklemmenden Tälern ist die Rede, von Weltgestank und rätselhaften Wolkenzusammensetzungen, von der Aurachengstelle, von schlechter Luft und von der Enge des Halses. Immer wird bei Bernhard das Leben durch Engpässe gepresst, damit es vorankommt. Solche Engstellen sind die Rachen der Welt, die das Leben verschlingen. Zähne der Geographie. Zähne des Lebendigen. Rachezähne der Kultur.

Bernhard hat in seinen Romanen den Schmerz und seine Erscheinungsformen Furcht, Krankheit, Melancholie oder Verzweiflung als zentrale Form des Daseins und als Form der Erkenntnis beschrieben. Das Wesen der Natur ist Grausamkeit, was sie hervorbringt, Schmerz. In einem langen Prozess der Beruhigung und Zivilisierung hat der Mensch versucht, diese Schmerz hervorbringende Seite der Natur zu überwinden. Der Aufstand gegen die Natur aber ist Bernhard zufolge gescheitert. Die Grausamkeit hat lediglich ihre Gestalt gewandelt und die Möglichkeiten des Schmerzzufügens erhöht. Jagen und Gejagtwerden als unablässiger Lebenskampf ist das grundlegende Erhaltungsprinzip geblieben. Für Strauch ist die Jagd der einzige Zustand zwischen Tier und Mensch, zwischen Mensch und Mensch wie zwischen den Weltmächten.

Was das Leben schmerzvoll und grausam macht, ist der Zwang zur unablässigen Selbstbehauptung. Lebewesen sind daraufhin geordnet, sich in einer festgelegten Richtung zu verschlingen. Potentiell ist der Feind immer gegenwärtig. Um die Natur und die Bedingungen des Daseins zu untersuchen, reißt Bernhard die Oberflächen des Gegebenen ein und legt ihr Wesen frei. Er folgert, dass die Natur vernunftbegabt und beseelt, vor allem aber grausam ist. In Frost ist von einer Gegend die Rede, die einem fortwährend ins Gesicht schlägt und von Landstrichen, durch die auf Dauer Menschen verrückt werden. Wie der Mensch gerät auch die Landschaft in Not. Sie unterliegt der mächtigen Gewalt des Klimas, das Gebirgsmassiven ins Gesicht schlägt. Aber die Menschen, die vom Klima und von der Landschaft niedergedrückt werden, greifen nicht nur zerstörerisch in die Landschaft und das Klima ein, das Grausame der Natur setzt sich in den Institutionen der Gesellschaft fort. Wie die Landschaft mit dem Menschen, das Klima mit der Landschaft und der Mensch mit beiden umgeht, so gehen auch die Menschen miteinander um. Die kulturellen Einrichtungen einer Gesellschaft verankern das Grausame der Natur in der Kultur. Durch sie hat sich das gegenseitige Verschlingen und Schmerzbereiten kultiviert und zu neuen Formen der Macht gewandelt: soziale Verhältnisse sind Gewaltverhältnisse.

Der Mensch kommt bereits als Schmerzenswesen auf die Welt. Der Geburtskanal ist der erste Engpass, die erste Berührung mit der Welt ein erstes Ungemach. Der neue Mensch kommt nicht freiwillig. Jedes Gebären ist Bernhard ein „Kinderherausziehen in die Welt“. Ein Abschneiden von der Herkunft. Hier hat der Schmerz des einzelnen seine Grundlage. Geburt und Erziehung, gesellschaftliche Institutionen und das Leben in der Gesellschaft tragen den Schmerz in den einzelnen Menschen hinein, der ihn durch eigene Nachkommen und das Wirken in der Gesellschaft an die Zukunft weitergibt. Bernhard führt das Verhalten des Menschen und sein schmerzvolles Sein auf die Grausamkeit der Natur zurück. Den Fragen, wovon er abhänge, wer er sei, wohin er wolle und was seinen Weg verstelle, ist der Mensch, sagt Bernhard, bisher nicht radikal genug nachgegangen. Deshalb musste ihm der Schmerz als Daseinsprinzip verborgen bleiben. Thomas Bernhard ist dagegen der Philosoph des Schmerzes, der dem Leiden in all seinen Formen unerbittlich nachstellt.

Der Schmerz bildet das Element, das alle Teile des Universums miteinander verbindet. „Kein Gegenstand, nichts sei stumm. Alles drücke fortwährend seinen Schmerz aus“, heißt es in Frost. Für Bernhard ist die Welt eine dynamische Einheit des Naturganzen, kein Mechanismus. Anders als für diejenigen, die das geozentrische Weltbild durch ein anthropozentrisches ersetzen, ist der Mensch für ihn nur Teil des Ganzen, nicht sein Zentrum. Darin steht er Kepler, Leibniz und Alexander von Humboldt nahe. Indem er die Welt radikal und einseitig unter dem Aspekt des Schmerzes fasst, trifft er etwas Wesentliches unserer Existenz: Jenseits der Gewohnheit ist das menschliche Dasein ohne Sinn, reich an Schmerz, trostlos und absurd. Wie Menschen haben Steine, Pflanzen und Tiere Qualitäten der Empfindung und des Ausdrucks. Grenzen gibt es zwischen ihnen ebenso wenig wie zwischen Gegenständen und Gedanken, Gedanken und Gefühlen oder der belebten und unbelebten Natur. Das ist Bernhards einfache Sicht von der Gleichwertigkeit der Dinge. Schmerz ist eine Substanz des Seins, die alles miteinander vergleichbar macht.

Thomas Bernhard blickt mit den Augen des Ausgeschlossenen, des Kranken und des Verrückten auf die Welt. Von seinem mit Atemnot verbundenen Kranksein, das ihn zeitlebens begleitet, hat er gesprochen. Jemand, dem der Körper immer anwesend ist, fühlt mehr als alle anderen die atemverzehrende Gegenwart. Er gibt dem Schmerz aber eine Richtungsänderung, eine Wende vom Leib in den Geist. Sein Denken kreist um den Geist und den Körper, die er über den Schmerz öffnet und begehbar macht. Er schafft Denkraum. Vom Schlagen eines Gedankengangs an die Schädelinnenwand ist die Rede, vom „Untergehörgebälk“, davon, dass jemand „völlig wehrlos in die Gedanken“ hineingeht oder davon, „wie man einen Menschen in seinem Gedächtnis aussetzt“. Geist und Körper sind Schmerzgebäude, und Schmerz ist ein Produkt der Erkenntnis. Das Besondere bei Bernhard ist, dass er sich vom Körper abwendet und sich dem Geist zuwendet, um sich im Geist dem Körper zuzuwenden. Dazu hat er sich den eigenen Körper in einer Weise bewusst gemacht, dass er den Schmerz in all seinen Arten und Intensitäten wahrnehmen kann: den seelischen und den körperlichen, den geistigen, den politischen und den ästhetischen Schmerz. Er hat den Schmerz verkörpert und ihn dadurch anschaulich und aufschreibbar gemacht.

Die Geistesmenschen der frühen Romane sind dem Schmerz ausgeliefert. Hasserfüllt gegen Natur, Mensch und Kultur leben sie nur noch auf den Tod hin. Sie sind Verzweifelte und Gescheiterte. Danach verschiebt Bernhard die Perspektive, bis sich am Spätwerk Elemente einer Lebensbewältigung ablesen lassen. In der Komik etwa: der Hund Schopenhauers wird in Beton zum Urheber des Werkes des Philosophen; im Witz in Bezug auf die Fotografie in Auslöschung: Wir beschimpfen Köpfe, „die nur einen einzigen Zentimeter Durchmesser haben“; in der Hingabe Regers an die Kunst in Alte Meister: „In der Kunst habe ich mich immer geborgen gefühlt“. Ist Schmerz auch das Wesen des Daseins, die Protagonisten können sich in ihm einrichten.

 

Selbstmord

 

Der Geistesmensch holt den Selbstmord als Thema in sich hinein. Er identifiziert sich mit ihm, da er der geeignete praktische und geistige Reflex auf den Schmerz und Zeichen der Selbstbestimmung ist. Von Selbstmord ist in allen Romanen Bernhards die Rede. Das Reflektieren und Sprechen über den Selbstmord und das Leben hin auf den selbst bestimmten Tod sowie das Begehen des Selbstmordes dienen dem Geistesmenschen als Selbstzerstörung und Selbstfindung zugleich. In den frühen Romanen wird er dramatisiert, in den späten liegt der Akzent auf der geistigen Durchdringung.

Roithamer in Korrektur, Joana in Holzfällen, Walter in Amras oder die Perserin in Ja begehen Selbstmord. Der Roman Ja thematisiert das „Ja zum Tod“ und entwirft eine Gegenexistenz, die Existenz im Angesicht ihrer Negation. Der Geistesmensch setzt sich gedanklich mit der Welt auseinander und sucht für die Daseinsnot und die Probleme der Welt eine der Vernunft angemessene Lösung. Er stellt die natürlichen und kulturellen Voraussetzungen des Lebens in Frage und strebt nach Freiheit, die er im Selbstmord findet. Der Selbstmord und die Reflexion über ihn sind Teil der Lebenserkenntnis und der Lebensbewältigung, allerdings nur als paradoxale Ordnung.

Der Selbstmörder will dem Leben, bis in den Tod hinein, die eigene Ordnung auferlegen. Die Objektivierung, die der Mensch im Tod erfährt, wendet der Selbstmord ab, indem der Tod im selbstvollzogenen Akt eintritt. Durch die aktive Handlung trägt der Tod den Stempel des Subjekts und bewahrt die Ordnung des Lebendigen. Der Selbstmord kann aber auch rationalisiert werden, wie durch Roithamer in Korrektur. Roithamer baut seiner Schwester mit einem verschwenderischen Aufwand an Geist und Material einen Wohnkegel. Sie kann den Kegel nicht bewohnen und wird zum Zeitpunkt seiner Übergabe an sie von einer Todeskrankheit befallen und stirbt. In seiner Strenge und Idealität wäre dieser ideale Bau ein Schrein zur Aufbewahrung der Schwester zu Lebzeiten gewesen. Die Ordnung des Lebens soll mit dem Tod verbunden werden. Nach ihrem Tod begeht Roithamer selbst Selbstmord. Im Kegel hat er den eigenen Selbstmord gedanklich vorweggenommen und rationalisiert.

   Die Reflexionen des Geistesmenschen sind ein Suchen nach der Möglichkeit, die Art und den Zeitpunkt des Todes selbst zu bestimmen. Er will sich niemandem beugen, nicht einmal dem Tod. Er wartet nicht, bis sich der Tod schicksalhaft einstellt. Er vollzieht ihn aktiv. Wenn auch nur aktiv in der Theorie, wie Novalis: Der echt philosophische Akt ist die Selbsttötung.

   Die Suche des Geistesmenschen nach der Geschichte und der Logik, die einen Menschen in den Selbstmord treiben, sind der Versuch, sich vom eigenen Selbstmordplan zu distanzieren. Das Nachdenken über den Selbstmord entfaltet einen Denkbezirk, indem er, in immer neuen Anläufen und Varianten auseinandergesetzt, Gewohnheit wird. In der ständigen gedanklichen Gegenwart des Todes gewinnt der Denkende Sicherheit und Vertrauen. Und je mehr davon gesprochen wird, desto klarer wird das Thema fassbar und zur Routine, durch die die Dringlichkeit der Handlung verschoben wird. Der Selbstmord muss nicht mehr ausgeführt werden. Der Selbstmord und die Erörterung über ihn wird zu einer einfachen Erlösung, die den Selbstmord gedanklich auf einen späteren Zeitpunkt verschiebt. In vielen Romanen Bernhards wird der Selbstmord zum theoretischen Ausweg und zur gedanklichen Erlösung.

 

Gewohnheit

 

Die Gewohnheiten des Geistesmenschen in Bernhards Romanen sind Verhaltensformen einer Gegenkultur. Sie sind banal, kauzig, seltsam und neurotisch, erweisen sich aber als Rückhalt in der Bewältigung des Lebens.

Gewohnheit soll entlasten. Darin liegt ihr Gewinn. Sie soll helfen, Abläufe sicher zu beherrschen und spielerisch mit ihnen umzugehen. Sie ist die Bedingung der Entspannung eines Organismus. Ihre Gefahr besteht darin, dass sie unter veränderten Situationen beibehalten wird und ihren Vorteil verliert. Das gewohnheitsmäßig beherrschte Tun fügt sich dann nicht mehr in neu zu erlernende Handlungsweisen, und die zur Gewohnheit gewordene Hand­lung wird ungelenk und macht den Organismus brüchig. In einer solchen Situation befindet sich der Geistesmensch. Das Aufgeben alter Gewohnheiten ist gegen das Bestehende gerichtet und macht den Menschen für das Erlernen und Festigen neuer Gewohnheiten frei. Der Geistesmensch denkt nicht in den Kategorien Freiheit und Utopie, sondern in den Vorstellungen von Verzweiflung und subjektiver Gewohnheiten. Deshalb erfindet er zur Ordnung seines Lebens ein Repertoire einfacher Verhaltensweisen.

Gewohnheit bestimmt das Leben der Kulturen. Sie erfordert Grenzen und Hemmungen und ist eine Art zweiter Natur des Menschen. Sie entlastet und ordnet das Leben des einzelnen und schafft Sicherheit und Stabilität. Zu einer Kultur gehört ein fester Bestand an Gewohnheiten des Denkens und der Gefühle, der in gewohnten Formen des Verhaltens zum Ausdruck kommt und in Ritualen gesichert wird. Gewohnheit stiftet Sinn. Das Leben für sich genommen ist sinnlos. Erst in einer Ordnung, in der sich das Leben vollzieht und die Kultur genannt wird, erhält es Sinn, der sich in der Sicherung und Entwicklung der bestehenden Ordnung äußert: im Brauchtum und in der Sitte, in der Tradition und der Gewohnheit.

Im Roman Alte Meister bilden die Gewohnheiten Regers eine eigene, aber doch verbreitbare Kultur im Kleinen. Die Regersche Kultur. Der Roman zeichnet ein Bild der Absurditäten und Besonderheiten dieser Minikultur. Seit dreißig Jahren sitzt Reger, ein Kunstkritiker, der noch gelegentlich für die Times schreibt, jeden zweiten Tag im Bordone-Saal des Kunsthistorischen Museums in Wien auf einer Sitzbank, um den Weißbärtigen Mann von Tintoretto zu betrachten. Um die Bank herum vollziehen sich die spärlichen Ereignisse, in denen sich Reger gegen die permanente Bedrohung und Infragestellung durch das Leben, den Stumpfsinn der Menschheit und das Verrücktwerden verteidigt. Die Bank im Kunsthistorischen Museum ist der Ort, an dem sich über Jahrzehnte sein Leben in immer denselben rituellen Abläufen abspielt. „Ich denke ja schon im Aufwachen zu Hause, dass ich mich möglichst bald auf die Bordone-Saal-Sitzbank setzen werde, um nicht verzweifeln zu müssen“, sagt er. Ab halb elf verbringt Reger den Vormittag im Kunsthistorischen Museum, den Nachmittag ab halb drei im Hotel Ambassador, das ihm einen festen Sitzplatz reserviert.

Wie Reger gehen auch seine Begleiter, die Aufsichtsperson Irrsigler und der Erzähler Atzbacher, ein Schriftsteller, nur wenigen Gewohnheiten nach. Irrsigler wollte Polizist werden, hatte aber zur Polizei nur gehen wollen, „weil ihm mit dem Beruf des Polizisten das Kleiderproblem als gelöst erschien.“ Die Gewohnheiten und Ideen Irrsiglers und Atzbachers sind abhängig von denen Regers. Reger versorgt Atzbacher, der Reger seinen Gedankenvater nennt, mit den Ideen seiner Gegenkultur, und Irrsigler, den Reger sein Sprachrohr nennt, hält jeden zweiten Tag die Bank im Bordone-Saal frei und gibt das Wissen Regers an Besucher und Verwandte weiter. Regers Minimalkultur trägt ihr begrenztes Reservoir an Verhaltensweisen und Wissen in die Zukunft und hat damit Tradition.

Über die Gewohnheit der Hauptfigur Reger definiert Bernhard, was Kultur ist, wie sie bewahrt wird und in anderen weiterlebt. Als Geistesmensch hat Reger aus einer freien Entscheidung heraus seinem Leben eine einfache Ordnung und damit einen Sinn gegeben. Er hat sogar Anhänger gefunden. Reger, Irssigler und Atzbacher bilden eine Gesellschaft im Kleinen. Bernhard hat damit ein überschaubares Modell einer Kultur geschaffen. In Alte Meister stellt er gegen die Banalität der modernen Gesellschaft die völlig unsinnigen und noch banaleren Gewohnheiten Regers. Aber er tut es bewusst und zeigt, dass sich eine Hochkultur aus Banalitäten zusammensetzt und sich erhält. Allerdings ohne dass die Kulturträger davon wissen. Reger ist nicht der Stifter einer großen Kultur wie Jesus Christus oder Buddha, aber er gibt Irrsigler, Atzbacher und dem Leser ein Verständnis für das Zusammenspiel von Ordnung, Kultur, Lebenssinn und Gewohnheit.

 

Lächerlichkeit

 

Die Angst des einzelnen vor den hohen Kulturwerten heißt Bewunderung. Sie bedeutet das fraglose Hinnehmen der tradierten Werte einer Kultur. Der einzelne wächst in die Kultur hinein, macht sich ihre Werte zu eigen und wird zu ihrem Befürworter und Bewunderer. Er hält die Art seines Denkens, Fühlens und Wertens für wahrhaft, ohne zu erkennen, dass diese Art zufällig erworben ist und sich nur als ebenso einleuchtend erweist, wie die Art, wie in anderen Kulturen gedacht, gewertet und gefühlt wird. Wer nie eine kritische Distanz zu sich und der Gemeinschaft, in der er lebt, gewinnt, wird sein Leben immer nur von Vorurteilen geprägt einrichten, die die Werte seiner Kultur sind. In dieser naiven und gutgläubigen Lebensart wurzelt alle Bewunderung. Radikal formuliert Reger, dass Bewunderung blind und stumpfsinnig macht und die Eigenschaft von Dummköpfen ist. „Der eigentliche Verstand kennt die Bewunderung nicht.“ Der Zustand der Bewunderung sei ein Zustand der Geistesschwäche, an der fast alle Menschen erkrankt seien. In einer solchen Verfassung der Kritiklosigkeit sieht Reger die Menschen ins Kunsthistorische Museum hineingehen. Sie schleppen sich „mühselig vollgepackt mit Bewunderung durch alle diese Säle“ und haben aus dem Grund einen gebeugten Gang, das Zeichen von Unterwürfigkeit und Unfreiheit. Die innere Einstellung, die Bewunderung, erhält ihre äußere Gestalt, die gebeugte Körperhaltung. Die Werte einer Gemeinschaft seien Staatswerte.

In Alte Meister hat der Protagonist Reger nicht nur die Gewohnheit als Prinzip der Lebensbewältigung und als grundlegende Ordnung der Kultur erkannt, er hat auch eine Methode erfunden, um die Selbsttäuschung des Menschen in Bezug auf Kulturwerte aufzudecken. Sein methodisches Instrumentarium gegen die Bewunderung sind Fragment und Karikatur, die beiden Elemente der Lächerlichkeit. Das Lächerlichmachen ist eine Art Gegenbewunderung. Das Reife und Schöne, das Vollkommene und Erhabene müssen zerstört werden, um die Sachverhalte einerseits erkennen, andererseits ertragen zu können. Nur das Unvollständige lasse sich begreifen. Der Geistesmensch unterzieht das positiv, gütig und erhaben Erscheinende einer geistigen Prozedur, bis es sein Inneres freigibt und sich als Bild einer banalen Welt erweist.

   Wahrheit liegt im Fragment. Im Bruchstück. Vollkommenheit ergibt sich nur aus Vorurteilen und nicht reflektierten Werten, der Ideologie. Das gilt auch für die großen Werke der Kunst. Da das Vollkommene uns ununterbrochen mit Vernichtung drohe und uns tatsächlich vernichte, so Reger, habe er in jedem Werk der alten Meister nach einem gravierenden Fehler gesucht, ein Verfahren, das immer zum Ziel geführt habe: „Keines dieser weltberühmten Meisterwerke, gleich von wem, ist tatsächlich ein Ganzes und vollkommen. Das beruhigt mich, sagte er. Das macht mich im Grunde glücklich. Erst wenn wir immer wieder darauf gekommen sind, dass es das Ganze und Vollkommene nicht gibt, haben wir die Möglichkeit des Weiterlebens. Wir müssen nach Rom fahren, um festzustellen, dass die Peterskirche ein geschmackloses Machwerk ist, der Berninialtar eine architektonische Stumpfsinnigkeit, sagte er. Wir müssen den Papst von Angesicht zu Angesicht sehen und persönlich feststellen, dass er alles in allem ein genauso hilflos-grotesker Mensch ist, wie alle anderen auch.“ Dieses Scheitern mache auch vor der Philosophie und dem Leben nicht halt, denn wir würden die Philosophen und die Geisteswissenschaftler nur deshalb lieben, weil sie hilflos seien. Das Leben als Ganzes betrachtet verursache ein unerträgliches Grauen. Derjenige, der nicht bewundert, ist der Kopf, der ohne Vorurteile an die Betrachtung der Welt und der menschlichen Existenz herangeht und kritisch sich und der Welt gegenübertritt.

Wahrheit liegt in der Karikatur. Die Karikatur ist bei Bernhard Teil des Wesens einer Sache. Die Details der Dinge und die Atome der Gesellschaft, die Individuen, sind Träger von Wahrheit, aber auch sie dürfen nicht als ein Ganzes betrachtet werden. Alles, was uns als reif und fertig erscheint, muss zur Karikatur gemacht werden, soll es erkannt werden. „Wenn wir längere Zeit ein Bild ansehen und ist es das ernsthafteste, wir müssen es zur Karikatur gemacht haben, sagte er, um es auszuhalten, also auch die Eltern zur Karikatur, die Vorgesetzten, so wir welche haben, zur Karikatur, die ganze Welt zur Karikatur.“ Die Literatur von Bernhard ist keine Karikatur des Menschen und der Gesellschaft im engen Sinn und ebenso wenig ihre belustigende Darstellung oder Übertreibung. Das karikierende Element ist eine Folge seiner Präzision und ein Resultat seiner Treue zum Detail. Er beschreibt die Bestandteile und Strukturen von Dingen und Personen mit einer so großen Genauigkeit, dass sie überhaupt erst sichtbar werden. Die ganze Welt zur Karikatur zu machen, fordert „die Höchstkraft des Geistes“ und eine strenge Selbstdisziplinierung.

Wahrheit liegt in der Lächerlichkeit des Lebens. Nur was wir durch Fragment und Karikatur verzerrt und dadurch lächerlich gemacht haben, ertragen wir. Mit der Fragmentierung, der Karikatur und dem Lächerlichmachen zerstört Bernhard die Werte westlicher Kultur. Das Große gibt es nicht, es erweist sich immer nur als ein sogenanntes Großes. „Das sogenannte Große ist am Ende an dem Punkt angelangt, an welchem wir nur noch Rührung empfinden über seine Lächerlichkeit, Erbarmungswürdigkeit.“ Die Lächerlichkeit des Daseins bildet die breiteste Basis für ein Loslassen, ein Lösen, ein einfaches Lösen. Ihr Beitrag zur Lebensbewältigung liegt im Übertönen des Weltschmerzes durch das Lachen über die Welt und die menschliche Existenz. Lächerlichkeit entspannt Seele und Körper und erzeugt Leerstellen für Gegenwerte.

Das Gefälle von der Bewunderung zum Lächerlichen über die Zwischenglie­der Fragment und Karikatur ist ein Weg der Erkenntnis und ein Weg der Lebensbewältigung. Kulturwerte sind relative Werte. Sie korrumpieren uns. Ihre Bewunderung lähmt und verstellt unsere Wahrnehmung und macht die Suche nach dem wahrhaften Kern einer Sache vergeblich. Die Erlösung und die einfache Lösung liegen in der Einsicht in die Absurdität und Sinnlosigkeit des Daseins. Ihre Sinnlosigkeit kommt in der Lächerlichkeit des Lebens zum Ausdruck. War die Gewohnheit das Element zum Aufbau einer Gegenkultur, ist das Lächerlichmachen eine Methode der Zersetzung bestehender Kulturwerte, die in einer Hierarchie geordnet sind. Schonungslos kämpft der Geistesmensch gegen das fraglose Anerkennen der Werte, und das Lächerlichmachen ist dabei zuständig für das Entthronen der höchsten, unantastbaren Kulturgüter. Ob es sich um Kunstwerke, bedeutende Philosophien oder heroische politische Taten handelt oder um die dazugehörigen Produzenten: Die Werte werden so lange karikiert und fragmentiert, bis ihre Rangfolge einer einfachen Gleichheit weicht. Mit dieser Erkenntnis hat der Mensch nichts mehr zu verlieren. In der geistigen Vernichtung aller Werte entsteht die innere Haltung der Entspanntheit, des Gelassenseins und des Humors.

 

Gelassenheit

 

Im Roman Der Untergeher hat Bernhard den Geistesmenschen als einfache Lösung am weitesten entwickelt. Wie in all seinen Werken behandelt der Roman schicksalhafte Fragen: den Tod und die Kunst, den Selbstmord, das Dasein und das endlose Streben nach Perfektion. Der Erzähler hat das Leben, das ihm absurd und sinnlos erscheint, in einer tauglichen Weise bewältigt. In einem Meisterkurs für Pianisten bei dem weltberühmten Vladimir Horowitz in Salzburg lernt er Wertheimer und den Weltruhm erlangenden Glenn Gould kennen. Sie werden Gefährten und arbeiten eine Zeit lang zusammen. Angesichts des Genies von Gould geben die beiden anderen ihre Pianistenlaufbahn auf und werden Schriftsteller. Wertheimer begeht achtundzwanzig Jahre nach dem gemeinsamen Salzburgaufenthalt Selbstmord, nach dessen Gründen der Erzähler sucht, reflektiert aber tatsächlich, in Abgrenzungen von beiden und in Annäherungen an sie, die eigene Identität.

Glenn Gould verkörpert die aktive Seite des Geistesmenschen. Er ist genial und rücksichtslos gegen andere und sich. Ein Ausnahmemensch, der über extreme Eigenschaften verfügt: über eine bedingungslose Selbstdisziplinierung, ein unbändiges Präzisionsstreben und einen Ordnungsfanatismus. Er lebt auf das Ziel hin, Klaviervirtuose zu werden und ordnet sein Leben dem Ziel unter. Er liebt die klare Definition und verabscheut das Ungefähre, liebt die Großstadt und hasst die Natur. Obwohl lungenkrank und ein „Kunstmensch“, der der Natur zu entkommen trachtet, ist er ein athletischer Typ. Auf dem Weg, für den er sich einmal entschieden hat, schreitet er unaufhaltsam voran, unbeirrt von den Meinungen anderer. Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn beendet er sein öffentliches Auftreten und arbeitet bis zu seinem Tode zurückgezogen in seinem in einem Waldstück in der Nähe von New York gelegenen Studio, in dem er, dem Erzähler zufolge, einundfünfzigjährig am Klavier sitzend vom Schlag getroffen stirbt. In der Weise, wie rücksichtslos er seinen Weg verfolgt und andere beurteilt, kommt eine aggressive Färbung zum Ausdruck: Auch wenn er Wertheimer einen Untergeher nennt und dessen Wesen damit richtig erkannt hat, so hat er ihn damit auch tödlich getroffen. Seine Aggression ist kein Ressentiment, sondern Festigkeit und Logik, mit der er seinen Lebensweg beschreitet.

Wertheimer verkörpert die passive Seite des Geistesmenschen. Zaghaft und mutlos, fanatisch, voller Selbstmitleid und Ressentiment ist er ein perfekter Klavierspieler, der in der Perfektion nur um wenig hinter Gould zurückbleibt. Doch die Differenz ist der Anlass für seine Tragödie. Er kann sich nicht als einmalig annehmen: „Alles Wertheimersche ist nicht aus Wertheimer selbst gekommen, alles Wertheimersche war immer nur ein Abgeschautes, ein Nachgemachtes“, sagt der Erzähler. Er wäre gerne Glenn Gould gewesen, aber auch Gustav Mahler oder Alban Berg. Wertheimer hat mit all seinen Eigenheiten nicht die Voraussetzungen zu einem genialen Pianisten wie sein Vorbild. Er ist der Typus des scheiternden Geistesmenschen, des „Sackgassenmenschen“. Er hat die Entscheidung, die Pianistenlaufbahn aufzugeben, nie rückhaltlos annehmen können.

Der Ich-Erzähler verkörpert die aktive Seite des Geistesmenschen. Er verfügt nicht über das Genie von Gould, wollte aber auch nie ein großer Pianist werden. Weder die Kunst noch das Klavierspielen haben ihn veranlasst, Musik zu studieren. Es war allein die Opposition gegen die Familie. Er war ein herausragender Klavierspieler, hat aber sofort erkannt, dass Gould das größere Talent besitzt und daraus die Konsequenz gezogen. „Ich hätte besser spielen müssen als Glenn, das aber war nicht möglich.“ Wie Reger in Alte Meister sind ihm die höchsten Werte der eigenen Kultur nicht das Wesentliche. Er ist kein Untergeher, denn er befolgt die Erkenntnis, dass Authentizität, Glaubwürdigkeit und Lebenskunst entscheidender sind, als ein virtuoser Pianist zu sein. Die höchste aller Künste sei die Lebenskunst. Er ist jemand, der sich entscheiden und die Entscheidung annehmen kann und der kommunikativ ist. Ihn hat der Entschluss, die einmal eingeschlagene Laufbahn des Pianisten aufzugeben, stark gemacht, seinen Freund hat sie geschwächt. Die Idee, dass jeder „ein einmaliger Mensch und tatsächlich, für sich gesehen, das größte Kunstwerk“ ist, hat ihn immer wieder gerettet. So pariert er die Klage Wertheimers, in eine wohlhabende Familie hineingeboren zu sein mit dem Einwand: „Wir können uns unseren Geburtsort nicht aussuchen, dachte ich. Wir können aber aus diesem Geburtsort weggehen, wenn er uns zu erdrücken droht.“ Der Erzähler analysiert seinen Ort zwischen den beiden Gefährten, um die eigene Position herauszufinden. Im Anblick der Unerbittlichkeit eines Genies und des Scheiterns eines Untergehers erkennt er seine Differenz zu ihnen und kann sich den eigenen Lebensweg nachträglich vor Augen halten, Bilanz ziehen und in die Zukunft blicken. Er sieht in sich jemanden, der seinem Denken und Staunen freien Lauf lassen und entspannt und losgelöst sein kann, und, im Unterschied zum Untergeher, ohne Neid die Arbeit eines Genies bestaunen kann. Er ist ein Geistesmensch, der, frei vom Zwang, immer das Höchste erreichen zu müssen, im Leben ein Stück Gelassenheit erworben hat.

Im Untergeher treibt Bernhard sein Prinzip, das Objektiv, bis an die Grenze. Der Vergleich dreier Geistesmenschen gibt dem Erzähler die Möglichkeit, über Ähnlichkeiten und Differenzen dem eigenen Denken, Fühlen und Verhalten auf die Spur zu kommen. Er erkennt, dass das Streben des einen nach Perfektion und Ordnung ebenso von Neurosen geprägt ist, wie die Verzweiflung des anderen über sein Scheitern. Er kann sogar von Glück sprechen. Etwa, wenn er von einem Augenblick der Entscheidung berichtet, in dem er zu seiner Rettung rechtzeitig einen Ort verlassen hat. Ähnlich wie sich für den Erzähler Glück im Gewahrwerden der eigenen Einzigartigkeit einstellt, hat sich Bernhard in einem Interview geäußert. Mit seiner Literatur erzeuge er etwas, das ihm keiner nachmache, „auf der ganzen Welt nicht.“[6]Mit der Einsicht in die eigene Einzigartigkeit und der sachlichen Einschätzung eigener Fähigkeiten kann die sich einstellende Gelassenheit den Schmerz erträglich machen.

Die einfache Lösung des Geistesmenschen ist seine Gegenexistenz. Seine innere Haltung muss sich gegen alles richtet, um aufmerksam bleiben und fremden Einflüssen widerstehen zu können. Der Geistesmensch tut gut daran, sagt Koller in Die Billigesser, „von allem Anfang an gegen die Eltern und gegen die Lehrer und gegen die Gesellschaft und überhaupt gegen alles zu sein, um sich erst einmal vollkommen von diesen Eltern und diesen Lehrern und dieser Gesellschaft freizumachen, um sich dann mit der Zeit, tatsächlich scharf und schonungslos beobachten und beurteilen zu können.“ Indem er seine Gegenexistenz entwickelt, bringt der Geistesmensch sich selbst hervor. Ob im Ja zum Tod, im Gegenblick, in der Gegenbewunderung oder in der Konstruktion einer Gegenwelt. In der selbst auferlegten Disziplinierung reduziert, vereinfacht und konzentriert er das Leben, indem er es einseitig einrichtet und darstellt. Er löst dazu so viele Verbindungen zum Leben wie möglich auf: Er isoliert sich von den Menschen, löst sich von den Einflüssen der Überlieferung, der politischen und philosophischen Allgemeinplätze, betrachtet die Welt durch das Objektiv, beobachtet rücksichtslos sich und alles andere und entwickelt ein eigenes Gerüst an Gewohnheiten zu einer Gegenkultur. In der Einseitigkeit des Geistesmenschen steckt die höchstmögliche Wahrheit.

Nicht alle Elemente des Geistesmenschen sind in jedem Roman vorhanden. Lächerlichkeit und Gelassenheit finden sich in einer klaren und festen Form erst in den späten Romanen. Die Möglichkeit, über das menschliche Leben lachen zu können und gelassen zu sein, gibt dem Geistesmenschen Kraft, auf die Welt zu und in die Kloake hinein zu gehen. Er kann sich mit dem Leben verbinden und sich vom Komplizierten des Daseins und von seiner Bedrohung berühren lassen, nachdem er die schreckliche Welt rationalisiert und unter die eigene Form gebracht hat. Am Ende kann er sogar die Fragwürdigkeit rationalisieren, die in der Einseitigkeit der eigenen Betrachtungen, seines Objektivs liegt. Damit wird die einfache Lösung nicht aufgehoben, sondern an ihre Stelle tritt die einfache Lösung einer weiter gesteckten Ordnung. Wie bei Bewegungsabläufen der Übende die ungelenken Bewegungen in der Disziplin durch Erhöhung der Anstrengung überwindet und erst allmählich zu anmutigen Bewegungen gelangt, so entwickelt sich der Geistesmensch, von Roman zu Roman - nicht im einzelnen Werk -, durch Askese, Selbstdisziplin und das Dagegensein von einem scheiternden Menschen zu einem Menschen, der sich die Welt erschließt, den Schmerz erträgt und das Dasein bewältigt.

 

 

 

[1] Doris Paschiller, Das entstellte Gewissen, Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek, S. 47f, in: Die Horen 2. Qrtl. 1998.

[2] Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, ein Versuch (Entwurf),

S. 44, in: Sepp Dreissinger (Hrsg.), Thomas Bernhard, Portraits, Bilder und Texte, Weitra, 1992.

[3] Wolfgang Maier, Die Abstraktion vor ihrem Hintergrund gesehen,

S. 19, in: Anneliese Botond (Hrsg.), Über Thomas Bernhard, Frankfurt/M. 1970.

[4] Joachim Hoell, Der „literarische Realitätenvermittler“. Die „Liegenschaften“ in

Thomas Bernhards Roman Auslöschung, Berlin 1995, S. 75ff.

[5] Hans Höller, Thomas Bernhard, Reinbek 1993, S. 75.

[6] André Müller, Im Gespräch mit Thomas Bernhard, Weitra 1991,

S. 83.

 

  

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13. Dezember 2017

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