aus Max Stock, Zeichnungen. Bilder und Zeichnungen, Berlin 1997

 

 

Ans Licht ziehen

 

 

 

Pro trahere. Porträtieren. Ans Licht ziehen. Sichtbar machen, was der gewohnten Betrachtungsweise verborgen bleibt. Porträts sind Ebenbilder oder Bildnisse des Menschen, die das hinter dem Gesicht eines Originals Verborgene ans Licht ziehen, indem sie darstellen, was das Original dem ersten Blick verwehrt: das immaterielle Gesicht oder die ideelle Identität.

 

Porträts sind metaphysische Kopien. Das Gesicht des Menschen ist der differenzierteste Ausdrucks­träger der Natur, der über die Sinnesorgane und Gebärden alle Stufungen der Natur in sich trägt: von den Idealen der höchsten Lebensformen bis hinab zu den leblosen, anorganischen Gefügen. Daher das Erstaunen vor einem Porträt darüber, daß sich im menschlichen Gesicht gegenwärtige und traumatische, phantastische, urzeitliche und metaphysische Formen sammeln. Porträts und Gesichter sind Spiegel des Alls.

 

Porträts sind aufgezeichnete Zwiegespräche. Beim Porträtieren geht man auf einen anderen zu, hält aber Distanz. Der distanzierende Blick des Porträtisten macht das Äußere des Porträtierten transparent. Trifft die Wahrnehmung auf eine immaterielle Ordnung, kann man sich in den anderen hineinbegeben und ihn - still - befragen, um seinem Wesen näherzukommen. Das Porträt ist der Gedankenaustausch mit einem anderen: ein Versuch, aus sich herauszutreten, Kontakt aufzunehmen und die Privatheit in eine soziale Daseinsweise emporzuheben. In der Distanz liegt die Möglichkeit der Erkenntnis, aufbewahrt in der Form des Porträts.

 

Das Porträt ist die Entfernung der Person. Persona heißt die Maske des antiken Schauspielers sowie die Rolle und der Charak­ter, die die Maske verkörpert. Persona ist die Oberfläche des menschlichen Gesichts, das sich aus mehreren Gesichtern aufbaut, entstanden aus den Wirkungen der Kultur und des sozialen Lebens. Verborgen hinter der Persona liegt das vitale, gegenwärtige Gesicht. Ebenfalls aufgebaut aus mehreren Gesichtern, hervorgegangen aus der Indi­vidualität und der allgemein menschlichen Existenz. Der Blick des Porträtisten ist analytisch. Seine analytische Wahrnehmung führt er so lange fort, bis die Gesichter der Persona und die Gesichter des gegenwärtigen Gesichts auseinandertreten und die Wahrnehmung in eine Synthese übergeht. Die Gesichter können dann in einer einzigen Anschauungsform wahrge­nommen und im engen Zusammenwirken von Auge und Hand gestaltet werden, zu einer neuen Maske. Der Ausdruck der Maske und ihre Form sind die Perspektive des Porträtkünstlers. Sein Standpunkt, seine Sicht auf die Welt.

 

Das Porträt ist das Bildnis einer individuellen Identität. Enthält es äußerliche Ähnlichkeiten und unverwechselbare Eigenarten eines Menschen, können wir es einem Individuum zuordnen. Gibt es dagegen von einem Menschen kein Bild, kann seine Identifizierung schwierig werden. Früher hatten die Menschen kaum einen Eindruck von ihrem eigenen Äußeren, spiegelnde Ebenen waren seltene Dinge. Identität war eine soziale Größe, die sich in der Regelmäßigkeit der Kontakte entwickelte. Wie fragil schon die oberflächliche Identität des Menschen in das soziale Leben eingebunden ist, haben Porträts und Fotografien uns vergessen lassen. War die Kommunikation gestört, stand die Identität in Frage, wie im Fall des Basken Martin Guerre. 1548 verließ er Frau und Kinder, und an seiner Stelle kehrte nach acht Jahren ein anderer zurück: Arnaud du Tilh sah ähnlich aus und hatte sich erfolgreich in die Persona Martins eingefühlt, drei Jahre lang dessen Identität angenommen und die Rolle von Bruder und Bauer, von Freund, Vater und Ehemann gespielt. Obwohl der misstrauisch gewordene Bruder einen Prozess anstrengte, konnte erst das Auftauchen Martins Arnaud entlarven. Das Gericht hätte anders entschieden. Wie Martin aussah, wusste niemand mehr genau. Er war lange abwesend, ein Porträt von ihm gab es nicht. Erinnerungen an Einzelmerkmale erwiesen sich als untauglich. Niemand konnte sie zu einem Ganzen fügen. Arnaud schien einigen zu klein, anderen zu dick. Der größte Zweifler war der Schuster, dem er zu kleine Füße hatte. Nur die Ehefrau konnte er wohl nicht getäuscht haben. Sie aber hatte geschwiegen. Am Ende wurde er zum Tode verurteilt und hingerichtet.

 

Porträts sind Bildnisse einer allgemein menschlichen Identität. Die distanzierte Anschauung offenbart der Wahrnehmung einen tieferen Sinn des Seins, der über die Frage nach Ähnlichkeit und Nachahmung hinausgeht. Sie sind ein Stück universaler Wesensschau. Durch das Gesicht eines bestimmten Menschen weht der Wind des Universums: In einem Bildnis können wir ein individuelles Sein ebenso wie das Substantielle des Weltseins erfassen. Porträts sind offene Wege zu den Geheimnissen der menschlichen Existenz.

 

Die Formen des Porträts sind kulturelle Zeichen. Gesichter und Bildnisse des Menschen bringen nicht nur individuelle und allgemein menschliche Züge zum Ausdruck, sie sind auch Botschaften einer jeweiligen Kultur. Mittelalterliche Herrscher wurden oft mit der Imago römischer Kaiser wiedergegeben, dem Bild von Herrschern, die Hunderte von Jahren zuvor lebten. Sie waren öffentliche Personen, ihre individuelle Erscheinung und ihr einzigartiges Wesen galten im Vergleich zur institutionellen Funktion, die sie ausübten, als nebensächlich. Heute stehen Eigenarten des einzelnen im Zentrum der Betrachtung, doch die Form eines Porträts kann ihre kulturelle Herkunft nicht verbergen. Als Alberto Giacometti sich daran machte, ein Bildnis des Japaners Isaku Yanaihara zu schaffen, geriet er in eine Krise. Selbstkritisch war er stets und zufrieden mit seinen Werken nie, in Bezug auf diese Arbeit aber heißt es, er sei verzweifelt gewesen. Er war ein genauer und unerbittlicher Beobachter. Und nur deshalb konnte, und mußte, er erfahren, daß das Bildnis von Menschen anderer Kultur das Wesen hinter der Erscheinung nicht erreichen kann: Vordergründig ist das Porträt Yanaiharas das Bildnis eines Japaners geworden, zeigt in seinem Wesen jedoch einen europäischen Mann. Um den eigenen Ansprüchen an ein Ebenbild genügen und die Zeichen des fremdartigen Gesichts deuten zu können, hätte Giacometti ein guter Kenner der japanischen Kultur sein müssen, oder ein Teil von ihr.

 

Porträts heben die Vergänglichkeit des Lebens symbolisch auf. Sie sind Zeichen für die Überwindung des Todes. Sie bewahren die Gesichter und der Charaktere der Ahnen und helfen, die Tradition einer Kultur fortzuführen. Ahnenbilder sind Bilder der Erinnerung, die das menschliche Gesicht nach dem Absterben konservieren. Insofern gehören Porträts dem Leben. Aber sie gehören auch dem Tod. Wie die auf Holz gemalten ägyptischen Mumienbildnisse mit den Ebenbildern der Verstorbenen, die man auf die Gesichter der Toten legte. Die Mumienbildnisse erscheinen wie Totenmasken, die man in eine ebene Fläche gezogen hat. Bleiben mit der Erfindung des individuellen Leinwandporträts und der individuellen Plastik in der Neuzeit Tote den Lebenden anschaulich erhalten, bedient man sich heute der Fotografie, des Films und anderer hochtechnischer Speichermedien.

 

Was das pro trahere, das Porträtieren, ans Licht zieht, ist eine neue Maske. Die neue Maske vermag uns zu berühren, wenn sie lebendig bleibt und das Wesen eines Menschen und seiner Zeit in einer substantiellen Form zum Ausdruck bringt. Denn das Substantielle einer historischen Zeit ist immer eine Existenzweise unseres Menschseins. Porträts und Selbstporträts haben eine stabilisierende Funktion. Mögen das Wiedererkennen und der treffende Ausdruck überraschen, die Faszination liegt im Vertrauen in die bleibenden Elemente des Lebens.

 

Selbstporträts sind Zeuge der Selbstfindung. Auseinandersetzungen eines Subjekts, das sich selbst zum Objekt macht, um sich eine noch nie gesehene Gestalt zu geben. Selbstporträts sind aufgezeichnete Zwiegespräche mit sich selbst. Beim Selbstporträt geht man auf sein Ebenbild zu, befragt es beobachtend, umkreist es und begibt sich in seinen Doppelgänger hinein, bis man sich von innen an sich selbst anlehnen kann und seinem Wesen nahe ist. Selbstporträts sind Versuche, aus sich herauszutreten, mit sich Kontakt aufzunehmen und mit sich selbst in eine soziale Beziehung zu treten. Die Form des Selbstporträts ist die Oase des Porträtisten, in der er sich selbst findet und in sich zur Ruhe kommt.

 

 

© Hajo Eickhoff 1997

 

  

Hajo Eickhoff

 

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25. September 2017

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