Erfindung des Büros
Der Tanz um den Tisch

  

 

Ohne Tische keine
moderne Welt.

Filz von Anfang an

 

Das Büro leitet sich von einem Stück Tuch her. Ein Stück Filz aus der Mönchskutte, Burra genannt, das auf einem tischartigen Gestell - bestehend aus zwei Böcken mit lose aufgelegten Holzbrettern, der Tafel - liegt, auf der Mönche in Handarbeit Bücher produzieren. Der grobe Stoff soll vor den rissigen Holzbrettern schützen. So beginnt die Erfindung des Büros mit dem Bedürfnis nach Büchern, mit der Entwicklung von der Tafel mit aufgelegtem Filz zum Tisch sowie dem Schutz des kostbaren, geistigen Kulturgutes.

 

Die Tafel ist durch das Stück Stoff eng mit dem Büro verbunden. Denn der Name Burra für den Stoff wurde bald auf die zum Tisch gewandelte Tafel, auf dem der Stoff lag, übertragen und später vom Tisch auf den Raum, in dem der Tisch mit dem Stoff stand. Der Name wandelte sich von Burra über Bureau zu Büro.

 

Naturspeicher und Speicher der Kultur



Speicherung ist ein Prinzip des Lebens. Ein Prinzip der  Evolution und der menschlichen Existenz. So, wie in der Evolution Merkmale der  Lebewesen gespeichert, weitergegeben und entwickelt werden, so speichert und  entwickelt der Mensch seine kulturellen Fähigkeiten, indem er sein Wissen und  Können sowie die Herstellungsweise von Werkzeugen und Gebrauchsgegenständen an  nachfolgende Generationen weitergibt.

 

Auch Tisch und Büro sind Speicher. Sie speichern besondere Formen der menschlichen Tätigkeit in Zeichen und Symbolen. Der Tisch nimmt Objekte auf und ordnet sie in der Ebene, das Büro nimmt Objekte auf und ordnet sie im Raum. Der Tisch als Ebene und das Büro als Raum sind historisch und systematisch miteinander verzahnt. Technische und kaufmännische Aufgaben wie die Vorgänge um das Herstellen von Gütern, ihr Verkauf und ihr Vertrieb werden im Büro fixiert und archiviert und bewahren so ein Abbild des Produktionsprozesses.



Der Tisch

 

Der Tisch ist ein moderner Acker. Die Ebene eines Potenzials. Ein Potenzial, das in seiner Ordnung schaffenden Struktur liegt: Um sie herum wird kommniziert, auf ihr werden Arbeitsmittel versammelt, Pläne ausgebreitet und ihre Realisierung befördert, werden Objekte eingehend betrachtet und erörtert, werden Bilanzen hergestellt und Visionen geschaffen.

 

In der Renaissance verbindet  sich diese Ebene mit dem Stuhl. Tisch und Stuhl bilden die Basis moderner  Arbeitsplätze. Die geistigen Kräfte, die der Sitzende auf dem Stuhl erwirbt, kann er am Tisch direkt zur Wirkung bringen. Das Sitzen am Tisch ist eine  gewaltige Produktivkraft, die Europa seinen geistigen und materiellen Reichtum  gebracht und es auf eine hohe Kulturstufe emporgehoben hat.

 

Der Tisch hat sich aus dem Opferstein entwickelt, auf dem Gemeinschaften einst Menschen zur Beeinflussung der Götter opferten. Mit der Erfindung des Tieropfers gliederte sich der Opferstein in die beiden Elemente Tisch und Stuhl. Auf den Stuhl wird der König gesetzt, auf dem Tisch wird fortan das Tier geopfert. Der Tisch wird erhöht und zum Altar, dem erhöhten (alta) Tisch (ara).

 

Von da aus erfährt der Tisch eine verwickelte Geschichte. Er erhält vielfältige Formen, hat unterschiedliche Typen ausgebildet, übernimmt immer mehr Funktionen, bis er die Wohn- und Arbeitssphäre beherrscht. In der Renaissance schließt er sich mit Stuhl zu einer Einheit zusammen – wie einst im Opferstein: Tisch und Stuhl bilden seitdem ein eigenständiges Ensemble und werden zur größten Produktivkraft, die der Mensch je erfand. Es sind die Fähigkeiten zur Abstraktion, die das Sitzen am Tisch ausbildet, indem sie den Menschen in eine Apparatur einbinden, die den Sitzenden festhält, ihm Atem nimmt und seiner Muskulatur Kraft und Beweglichkeit, indem sie den Körper in eine vorgegebene Gestalt zwingt.

 

Aufgetischt – die Vorgeschichte

 

Die Vorgeschichte des Büros beginnt im Kloster, als der Heilige Hieronymus um das Jahr 400 das Alte Testament ins gesprochene Latein übersetzt. In den nachfolgenden Jahrhunderten kopieren viele Klöster den Hieronymus-Text – die Vulgata – ein noch heute verbindlicher Bibel-Text. Die Tafel, auf der die Vulgata kopiert wird, wird später zum festen Gestell – dem Tisch – zusammengetischlert.

 

Als Gegenstand ist der Tisch eine vom Boden abgehobene horizontale Ebene. An ihm kann der Mensch stehen und sitzen, kommunizieren und essen, spielen und arbeiten. Der Tisch bestimmt den Raum – das Davor und das Dahinter, das Daneben und das Darin sowie das Darüber und das Darunter.

 

Tische sind Ausdruck besonderer Funktionen der menschlichen Hand. Etwa die Geste der Vergrößerung der Handflächen und ihres Anhebens vom Boden auf ein erhöhtes Niveau wie Teppich, Matte, Fell und Tablett. Sein Vorbild hat der Tisch im Erdboden.

 

Das Wort Tisch leitet sich von diskos her, von der runden Wurfscheibe der Griechen (dikein heißt werfen), weil deren Tische rund waren.

 

Ohne Tisch ist die moderne Welt nicht vorstellbar, denn er liefert die Auflagefläche für die unzähligen Dinge und die vielfältigsten Tätigkeiten, die Modernität ausmachen. Für Geräte, Werkzeuge, Gebrauchs- und Luxusobjekte und für Ritualgegenstände. Der Tisch als festgefügtes Objekt mit horizontaler Platte und Beinen wird in unserer Kultur erst im Zeitalter der Renaissance um 1500 erfunden. Eine Erfindung der Kaufleute, die in drei Jahrhunderten vier Tischtypen entwickelten: den Wangen- und den Bocktisch, den Zargen- und den Säulentisch. Mit der Industrialisierung kommen Tische aus Metall und Kunststoff hinzu, die völlig anderen Produktions- und Gestaltungsprinzipien als die klassischen Holztische folgen.

 

Die Typisierung der Tische erfolgt nach dem Untergestell – nach der Art wie dieses die Platte stützt. Vor den Tischen der Kaufleute gibt es den Tafeltisch und nach ihnen den digitalen Tisch, den Tablet-PC, der kein Untergestell benötigt.

 

Moderne Arbeit ist wesentlich Büroarbeit. Von Büros aus werden Unternehmen geführt, politische Ordnungen gelenkt, wissenschaftliche Neuerungen entwickelt und globale Prozesse vorangetrieben. Auch Arbeitsräume wie Lehrerzimmer oder Arztpraxen, Cafés, Foyers und Bahnen sind potenzielle Büros.

 

Büroarbeit dient zuerst der Produktion von Text. In der klösterlichen Schreibstube, dem Skriptorium, werden antike Texte übersetzt und dadurch bewahrt, in neuzeitlichen Kontoren wird der Handel durch Bilanzierung schriftlich fixiert sowie die Organisation der Produktion mit den dazugehörigen Abläufen von Einkauf, Verwaltung und Vertrieb schriftlich strukturiert. Im modernen Büro werden zusätzlich geistige Produkte wie Logistik, Arbeitsstrukturen und Design geordnet, organisiert, verwaltet und gespeichert.

 

Die Geschichte des Büros wird durch sechs Persönlichkeiten der abendländischen Geschichte illustriert, denen jeweils ein Buch und ein Tisch zugeordnet werden. Die Bücher sind Werke der ausgewählten Personen, die Tische markieren jeweils einen der sechs im nachchristlichen Abendland erfundenen Tischtypen. Die Persönlichkeiten sind Pioniere der abendländischen Kulturentwicklung, die das Denken, Verhalten und Handeln der Menschen ihres Kulturraumes verändert haben. Die von ihnen in Büchern dargelegten Gedanken und Projekte waren ihrer Zeit weit voraus, sodass nicht nur einige ihrer Werke auf dem Index verbotener Bücher standen, sondern einige von ihnen wurden auch körperlich angegriffen, bis zum Mord. Von Thomas von Aquin heißt es, dass er vergiftet wird, Thomas Morus endet 1535 auf dem Schafott und Karl Marx wird mehrfach verhaftet. Erst Menschen späterer Zeit erfassen und würdigen ihre Kulturleistung.

 

 

 

 

1. Tafel, Buch und Scriptorium

Blütezeit der Klöster

13. Jahrhundert  

 

Thomas v Aquin Summa Theologica           Tafeltisch

(1225-1274)

                     

Das Büro kommt im Kloster zur Welt

 

Klöster sind Unternehmen. Religiöse, soziale und wirtschaftliche Produktionsstätten materieller und geistiger Güter. In ihnen werden christliche Schriften bereitet, die antike Kultur durch das Abschreiben und Übersetzen der alten Texte bewahrt und ihre Weitergabe an die jungen Mönche in den Klosterschulen garantiert, um sie in Wisenschaft und Religion zu unterrichten.

 

Das durch Ordensregeln bestimmte Klosterleben macht das Kloster zu einer einheitlichen Institution und sorgt für eine Verbindlichkeit, die ein Gemeinschaftsleben,die Vita communis anregt – die Teamarbeit. Da Klosterinsassen angehalten sind, asketisch zu leben, moralisch zu denken und planvoll zu arbeiten, sind Klöster neben Kulturzentren auch wohlhabende Unternehmen, und ihre Vorsteher, die Äbte genießen oft mehr Ansehen und haben mehr Einfluss als Fürsten und Bischöfe.

 

Die Elemente des Büros

 

Buch, Tisch und Raum bilden die Elemente der klösterlichen Schreibstube. Hinzu kommen Mittel und Werkzeuge wie Pergament, Tinte, Radiergummi, Leder, Gefäß, Farbe und Federkiel, die im Verlauf der Geschichte ihre Form gewandelt haben, aber noch heute Kleinwerkzeuge des Büros sind – wenn auch der PC das wichtigste Werkzeug geworden ist.

 

In der Kulturentwicklung des Abendlandes bilden Bücher eine wesentliche Grundlage. Vor dem Buch gibt es Texte auf Stein. Einer der ältesten Schrifttexte ist der Kodex Hammurabi aus Babylon von 1790 vor unserer Zeit, ein 2,25 Meter hoher schwarzer Basaltstein – heute im Pariser Louvre ausgestellt –, in den König Hammurabi die Gesetze seines Reiches meißeln ließ. Der Kodex enthält Gesetze zum Schutz sozial Schwacher und Pflegebedürftiger, Gesetze zur Praxis der Ärzte sowie straf-, zivil- und handelsrechtliche Gesetze. Nach dem Stein folgen Texte in Wachs. Bücher sind Kulturspeicher, die das kulturelle Wissen und Können bewahren, pflegen und entwickeln. Das erste Buch besteht aus gerollten Papyrusblättern, bekannt seit dem dritten Jahrtausend in Ägypten. Ihm folgt der römische Codex, der sich im zweiten nachchristlichen Jahrhundert durchsetzt. Er besteht aus gefalteten, übereinandergelegten und lose mit Fäden zusammengebundenen Blättern aus Pergament, der präparierten Tierhaut. Die christlichen Texte werden von Mönchen mit der Hand geschrieben, wobei sie den ersten Buchstaben einer Seite reichhaltig verzieren.

 

Allmählich gehen die Mönche dazu über, die gehefteten Blätter durch Buchdeckel zu schützen. Sie bestehen aus Holz und sind mit kunstvoll verziertem Leder oder Pergament bespannt. Zum Schutz der Deckel kennen die Mönche zwei Methoden: Sie legen zwischen Tisch und Buch ein Stück Mönchskutte oder schlagen Nägel in die Buchdeckel, um ihren Kontakt mit den groben Tischbrettern zu vermeiden. Die Nägel gehören zur Ästhetik des Buchdeckels.

 

Die Skriptorien sind räumlich unspezifisch. Sie werden dort eingerichtet, wo Räume ungenutzt sind. Das 12. Jahrhundert ist eine Zeit, in der sich die mittelalterliche Standesgesellschaft umwandelt. Es ist die Zeit, in der Handel und Handwerk treibende Bürger Städte gründen. Und bereits ein Jahrhundert später gewinnen sie an politischem Einfluss gegenüber dem Adel und den Bauern. Es ist auch die Zeit, in der Mönche die Welt der sinnlichen Dinge entdecken, vorurteilsfreier zu forschen beginnen. Für die Differenzierung von Handel und Handwerk und für die Einrichtung der Städte sind Wissen und Können erforderlich. Deshalb richten die Bürger Dom- und Klosterschulen sowie Universitäten ein, wodurch sich neben der christlichen Theologie die Wissenschaft etabliert. Thomas von Aquin ist bemüht, Glauben und Wissen zu verbinden unter dem Vorrang der Theologie. Von nun an lassen sich die Glaubensinhalte der Heiligen Schriften begründen.

 

Aufgrund der Forderung des veränderten Lebensstils nach differenzierterem Wissen und Können und der neuen Bildungsstätten weitet sich die Buchproduktion aus und es entsteht der Beruf des Schreibers.

 

Aufgrund ihrer Bürokenntnisse sind es meistens Mönche, die später in der Verwaltung der Höfe und in den bürgerlichen Kontoren arbeiten.

 

Seit dem 13. Jahrhundert bilden Buch und Tisch ein festes Paar, das als Mittel des Lernens, Wissens und Organisierens eine gewaltige Wirkung auf die abendländische Kultur ausgeübt hat. Mit dem Berufsschreiber ist die Idee des Büros als eigenständiger Raum erfunden – wenn er auch noch nicht den Namen trägt.

 

Von den Mönchen lernen

 

Das Verdienst der Klöster liegt in der Bewahrung alter Kulturgüter und in ihrer persönlichen Vermittlung von Wissen und Können. Dadurch sind sie Vorbereiter einer Tätigkeit, die als Büroarbeit zur Hauptaufgabe in der modernen Welt geworden ist. So ist Büroarbeit von Anbeginn an als Kulturarbeit gedacht. Klöster entwickeln sich zu wohlhabenden Institutionen, weil ihnen durch die Ordensregeln Teamarbeit, eine rationale Lebensweise, disziplinierte Arbeit und ein Engagement für Gesellschaft, Natur und den Menschen bereits vertraut sind.

 

Im Schutz des Kostbaren und im Bewahren und Entwickeln von Kulturgütern liegt ihre Kraft, die sie zu Vorbildern für die moderne Welt macht.

 

 

 

 

2. Das improvisierte Büro

Kontor und Kanzlei der Renaissance

16. Jahrhundert

 

Thomas Morus      Utopia                      Wangentisch

(1478-1535)

 

Aufbruch in die moderne Welt

 

Die Renaissance ist eine Epoche des Aufbruchs. Der Entdeckungen und Erfindungen. Die Menschen gewinnen ein neues Lebensgefühl und erneuern ihr Denken, Verhalten und ihren Glauben. Es entstehen neue Berufe und neue Tätigkeiten, die geeignete Räume erfordern. Im mittelalterlichen Ständestaat hatte jeder von Geburt an seinen festen Platz in der Welt. In der Renaissance dagegen macht sich der Mensch selbst zu dem, was er kann und möchte. Er wird Individuum.

 

Renaissance heißt Wiedergeburt und meint das Wiederbeleben der antiken Kultur. Von Italien ausgehend breitet sie sich im 14. Jahrhundert als intellektueller und künstlerischer Individualismus aus und bringt großartige Werke der Kunst, der Naturwissenschaften und der Philosophie hervor. Philosophen, Mönche, Künstler und Wissenschaftler wie Galileo Galilei, Erasmus von Rotterdam, Martin Luther, Niccolò Machiavelli und Leonardo da Vinci wenden sich von den herrschenden Autoritäten ab und vertrauen der eigenen Erfahrung und Vernunft. Leonardo leitet die Wahrheit nicht mehr aus der Bibel ab, sondern aus der Erfahrung, da sie „Mutter aller Erkenntnis" sei. Thomas Morus entwirft 1516 in seinem Roman Utopia eine neue Welt. Eine ferne Insel ohne privaten Besitz und mit religiöser Toleranz.

 

Die Stadt – Ort der Wandlung

 

Die Wende vollzieht sich in der Stadt. Die Aufbruchsstimmung der Bürger fördert Kreativität, die das Handwerk verfeinert, die Technik revolutioniert und die Bildung verbessert, und bringt neue Bedürfnisse hervor, die den Handel ankurbeln. Die Veränderungen steigern den Schriftverkehr und lassen Verwaltungs-, Rechts- und Regierungsarbeiten anwachsen. Verträge müssen abgefasst, Leistungen berechnet und Dokumente archiviert werden, sodass neue Berufe wie Bankfachleute entstehen und Juristen, Rechenmeister und Buchhalter Hochkonjunktur haben.

 

Das bürgerliche Individuum sieht sich als Mitschöpfer der Welt – als produzierendes Wesen oder Homo faber, der stolz, selbstbe­wusst und mit Vernunft sein Leben meistert. Gott ist nicht mehr die alleinige Mitte der bürgerlichen Existenz, sondern einer von mehreren Orientierungspunkten.

 

Fernhandel, Banken und der Frühkapitalismus

 

Renaissance bedeutet auch die Wirtschaftsform des Frühkapitalismus, die den mittelalterlichen Feudalis­mus ablöst, der sich auf Grund und Boden und Abgabenpflicht stützt, während der Kapitalismus auf den Prinzipien Privatbesitz an Produktionsmitteln, auf Marktgesetze und die Vertragsfreiheit von Unternehmern und Tätigen basiert. Begründet wird der Kapitalismus durch religiöse Ideen: das asketische und ökonomische Prinzip der Klöster „Bete und arbeite" und ihre rationa­le Arbeitsform – Standortanalyse, Planung und Vita communis – verbunden mit der Lehre von Jean Calvin. Für den Reformator führen Sparsamkeit, Fleiß und Arbeit zu wirtschaftlichem Erfolg – ein Ausdruck seiner Prädestinationslehre, nach der Erfolgreiche in der Gnade Gottes stehen. So gehen Calvinismus und Kapitalismus zusammen: „Das Gewonnene nicht konsumieren, sondern investieren.“

 

Da die neue Wirtschaftsform zu immer größeren Investitionen anregt, die Einzelne nicht aufbringen können, werden die ersten Banken wie die der Fugger in Augsburg, der Medici in Florenz und der Rothschild in Frankfurt gegründet. Und da die umfangreiche Güterproduktion und der wachsende Fernhandel risikoreich sind, entstehen Versicherungen, die mit Banken und Unternehmen den Papierverkehr – die Büroarbeit – enorm vervielfachen.

 

Kontor und Kanzlei

  

Das Kontor ist der Arbeitsraum des Kaufmanns, der entsteht, wenn der Handel eine Buchführung erfordert. Kontor-Arbeit ist Buchführung – das zahlenmäßige Gegenüberstellen der Geschäftsvorgänge –, Rechnen, Abwicklung des Schriftverkehrs oder das Kalkulieren neuer Projekte.

 

Die ersten Kontor-Räume sind unspezifisch. Oft wurde das Verwalten, Ordnen und Organisieren zwischen Tür und Angel abgewickelt – in der Kirche, auf dem Markt, im Freien. Die Hanse prägte den Begriff Kontor für ihre ausländischen Niederlassungen, die sie Hof, Halle und Haus, und seit 1400 Kontor nannten. Etymologisch stammt Kontor vom französischen Wort comptoire, das auf das lateinische Wort computare zurückgeht und zusammenrechnen heißt, weshalb Rechenmeister der Renaissance auch Computer genannt wurden.

 

Die Kanzlei ist der Arbeitsraum der Juristen und Beamten. Der Titel einer Behörde der Regenten und der Städte. Es gibt sie schon im Römischen Reich. Seit dem vierten Jahrhundert verfügt die apostolische Kurie über eine Kanzlei. Die fränkischen Könige wählten für ihre Kanzlei einen Kanzler, der der Verwaltung vorstand. Kanzlei bezeichnet zunächst eine Institution, keinen Raum.

 

Die Erfindung des Sitzplatzes

 

Das Büro der Renaissance zeigt sich von Anfang an als Schnittpunkt sozialer, wissenschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Strebungen und bringt eigene Möbel hervor – Tisch und Stuhl – und eine eigene Körperhaltung – das Sitzen.

 

Noch in der Renaissance stehen Kaufleute im Kontor und Juristen in der Kanzlei wie im Mittelalter Mönche im Skriptorium an ihren Schreibpulten. Doch nach und nach ziehen Tisch und Stuhl in die führenden Kontore und Kanzleien ein. Der Stuhl als alltägliches Gebrauchsobjekt ist eine Erfindung der Renaissance. Mit ihm das Sitzen bei der Büroarbeit.

 

Bis dahin sind stuhlartige Objekte Throne. Herrschersitze, die nur Königen und Päpsten, Kardinälen, Fürsten und später Mönchen erlaubt sind, denn Sitzen ist ein Thronen, das als Haltung der Würde und Macht gilt. Der Thronende wird auf dem Sitz diszipliniert, der ihn zwingt, in sich eine geistige Landschaft auszubilden, in die er eintreten kann und die ihm das Vermögen gibt, sich auf geistige Vorgänge konzentrieren zu können. Mit der Aufwertung der bürgerlichen Klasse nehmen sich Bürger das Recht, die Haltung thronender Herrscher und geistlicher Würdenträger zu imitieren und den geheiligten Herrschersitz zu einem alltäglichen Gerät zu machen – zum Berufsstuhl – und das Sitzen in die Berufswelt einzuführen. Der Sinn liegt in der Entweihung einer heiligen Haltung und in der Ausbildung geistiger Kräfte infolge der Sitzhaltung.

 

Auch der festgefügte Tisch ist eine Erfindung der Renaissance. Er gelangt über die Tätigkeit des Rechnens in die Kontore. Das Bilanzieren, Wägen und Rechnen wurde bis dahin auf dem Abakus vorgenommen, einem aus China stammenden Rechenbrett, das nach und nach durch den Rechentisch mit Linien abgelöst wurde, obwohl es noch heute vielfach in Gebrauch ist.

 

Zum ersten Mal arrangieren Tisch und Stuhl einen Ort, der von seiner Struktur her – als Tisch und Stuhl oder als Sitzplatz – geeignet ist, Tätigkeiten des Ordnens, Bilanzierens und Verwaltens auszuüben. Dennoch ist das Einüben der Fähigkeit, an diesem eng begrenzten Ort ruhig und konzentriert arbeiten zu können, ein Kampf um den Körper des im Kontor oder in der Kanzlei Angestellten. Eine langwierige und immer wieder von Rückschlägen aufgehaltene Disziplinierungsprozedur – die bis heute nicht abgeschlossen ist. Stuhl und Tisch bilden den Ort, um die herum sich das moderne Büro entfaltet.

 

Der Tisch, der Stuhl und der Sitzende stellen die gewaltigste Produktivkraft dar, die der Mensch je erfand. Diese profane Dreieinigkeit ist das eigentliche Büro bis hin zur Epoche der Digitalität.

 

 

 

 

3. Das aufgeklärte Büro


Vom Tuch zum Tisch – das Bureau

18. Jahrhundert

 

Imanuell Kant    Kritik der reinen                   Bocktisch

(1724-1804)      Vernunft

 

Immanuel Kant. Deutscher Philosoph. Geboren und gestorben

in Königsberg. Die Critik der reinen Vernunft wird 1781 bei

Johann Friedrich Hartknoch in Riga ediert. Ganzledereinband

aus Kalbsleder. Die katholische Kirche setzt das Buch 1827

auf den Index verbotener Bücher.

 

Der Bocktisch ist die Festigung des Tafeltisches. Die Festigkeit

entspricht der Wahrheit der reinen Vernunft.

 

Die Aufklärung im Leben und bei der Arbeit

 

In Skriptorien, Kontoren und Kanzleien werden im 18. Jahrhundert, der Epoche der Aufklärung, Ideen zu einem geeigneten Raum für die Büroarbeit entwickelt, die in der Epoche der Industrialisierung endlich realisiert werden. In dieser Phase werden Wissenschaft und Bildung ebenso wie Produktion, Bankwesen und Verwaltung immer häufiger von Bürotätigkeiten begleitet und bleiben nicht länger dem Handel vorbehalten. Deshalb richten sich Handelshäuser, Behörden, Fabriken, Schulen und Universitäten Büros ein. Sie heißen zwar immer noch Kontor und Kanzlei, werden aber in Amtsstube, Geschäftszimmer und Sekretariat differenziert.

 

Arbeit als Bildung und Menschwerdung

 

Die praktische Arbeit wird neu bewertet: in der Antike eine minderwertige Tätigkeit, im Mittelalter Plage und Mühsal, in der Aufklärung ein Mittel der Menschwerdung und der Emanzipation. Insbesondere die Büroarbeit, die sich durch ihre Logik und Ordnung als sehr produktiv erweist, genießt ein hohes Ansehen. In dieser Freiheit der Betrachtung steigt das Bürgertum zur führenden Klasse der Gesellschaft auf und macht auch die praktische Arbeit zu einem Bildungsprinzip. Um den Anforderungen der unterschiedlichen Berufe zu genügen, wird in Europa die Schulpflicht eingeführt, denn die Kinder der Bürger werden ausgebildet, um für das geistige Arbeiten ebenso wie für kaufmännische, handwerkliche und verwaltende Berufe das nötige Wissen zu erwerben. Für Immanuel Kant ist der Bürger derjenige, der sich selbst allgemeine Gesetze auferlegt, denen er freiwillig folgt, um die Welt zu erlösen.

 

Das aufgeklärte Büro bedeutet das systematische und logische Arbeiten – das Arbeiten nach Methoden, die eine Abstraktionsfähigkeit erfordern. Denn es ist gerade die Abstraktion, die die Büroarbeit produktiv macht. Im aufgeklärten Büro hat sich die Tätigkeit des Menschen grundlegend gewandelt. Das Büro in der Epoche der Aufklärung separiert sich allmählich vom Privaten und Zufälligen und die die regelmäßige Anwesenheit bei der Arbeit wird Pflicht.

 

Alles wird aufgeklärt

 

Um im aufgeklärten Büro arbeiten zu können, müssen Beamte, mathematisch versierte Kaufleute und Versicherungsexperten, Geistesarbeiter und Kanzleiarbeiter erst zu Büromenschen erzogen werden. Denn nicht nur der Mensch ordnet das Büro, sondern das Büro zwingt den Menschen in eine neue Ordnung des Denkens, Fühlens und Verhaltens. Aufklärung ist auch Verdunkelung und Begrenzung, denn Büroarbeit heißt auch Verlust an Licht, Beweglichkeit, frischer Luft sowie ein strenges Einhalten von Zeitvorgaben.

 

Disziplinierung – das Wesen des Büros

 

Die Dramatik der Anpassung an das Büro zeigte sich bereits im 16. Jahrhundert bei Adligen in Hofkanzleien, die sich gegen das strikte Einhalten ungewohnter Zeit- und Körperordnungen wehrten. Die Verordnungen schrieben vor, niemand dürfe vom Kontortisch aufstehen und umhergehen, doch den Adligen schien es nicht möglich, an einem Ort zu bleiben, denn sie waren gewohnt, sich frei zu bewegen und hatten die Neigung, spazieren zu gehen. Darüber kam es häufig zu heftigsten Auseinandersetzungen.

 

Die Disziplinierung des Körpers, die Eingewöhnung zum Bleiben an einem Ort und die Widerstände dagegen durchziehen die moderne Welt bis heute – in Kontoren, Kanzleien und Büros, in Manufakturen, an Fließbändern und in Universitäten und Schulen. Ein Ansporn zur Disziplin und zum Bleiben an einem Ort ist die Aufwertung der Arbeit, damit sich ihre Ausübung als Fähigkeit zur Selbstbezähmung mit Stolz verbindet. Ziel ist, dass Körperbeherrschung, Bildung und geistige Arbeit den Büroangestellten adeln.

 

Vom Tuch zum Tisch

 

Die disziplinierte Büroarbeit erfordert eine neue Ordnung der Werkzeuge und Dinge, die neues Mobiliar nach sich ziehen. Hauptmöbel sind Stehpult sowie Stuhl und Schreibtisch mit aufgelegtem Filztuch – das Bureau. Diesen Möbeln kam die Aufgabe zu, den notorischen Spaziergänger aufzufangen und festzuhalten und ihm die Fähigkeit zu geben, sich dauerhaft an einen Ort zu binden.

 

Der Schreibtisch erhält in dieser Zeit endlich den Namen des Stoffes, der auf ihm liegt – das Bureau. Der Tisch bildet mit dem Stuhl ein kompaktes Büro auf engstem Raum, ausgestattet mit Schreibfläche, Schubladen und Ablagen. Es leitet sich vom Schreibschrank, dem Sekretär her und ist ein vollständiges Büro. Das Bureau gibt es seit Beginn des 18. Jahrhunderts.

 

In dieser Zeit entsteht die Redensart, eine Entscheidung „vom grünen Tisch aus“ treffen. Darunter wird verstanden, dass eine Sache theoretisch zwar begründet ist, für die Praxis jedoch nicht taugt. Die meisten Amtstische waren mit grünem Filz überzogen. Jedoch nicht nur, um Bücher zu schützen, sondern auch, weil auf den Tischen Münzen geworfen wurden, um ihren Edelmetallgehalt zu ermitteln.

 

Der Stuhl zum Schreibtisch ist kein Arbeitsstuhl. Er orientiert sich in der Form an ägyptischen Pharaonenthronen, dem griechischen Klismos, einem armlehnlosen Sitz mit geschwungenen Beinen oder dem römischen Kaiserthron, der Sella curulis, einem Falthocker, dessen Form zum Vorbild des Papstthrons wird.

 

Kameralistik – die Wissenschaft von der Verwaltung

 

Im 18. Jahrhundert hat sich das Verwalten, Ordnen, Finanzieren und Archivieren so weit entwickelt, dass sich daraus eine Wissenschaft etabliert: die Kameralistik. Erdacht vom österreichischen Hofrat Johann Mathias Puechberg ist sie die Wissenschaft von der inneren Ordnung eines Gemeinwesens. Die Lehre von Ökonomie und Haushalten, von Handel und Gewerbe und die Lehre von Verwaltung, Ordnung und Finanzierung des Staates.

 

 

 

 

4. Das emsige Büro

Vom Tisch zum Raum – das Büro

19. Jahrhundert

 

Karl Marx            Das Kapital                    Zargentisch

(1818-1884)

 

Karl Marx. Deutscher Philosoph und politischer Ökonom.

Theoretiker des Kommunismus. Das Kapital ging 1867 von

Hamburg aus um die Welt. Der 1. Band hatte eine Startauflage

von 1000 Exemplaren. Friedrich Engels edierte nach dem

Tod von Marx zwei weitere Bände.

 

Der Zargen-Tisch hat das ausgereifteste Untergestell. In der

Zeit der Industrialisierung entstehen vielfältige Tischformen.

Das Kapital ist eine Analyse der Industrie – eine Definition der

Ware als Differenz von Tausch- und Gebrauchswert und die

Erörterung der politischen Folgen der Industrie für das soziale,

politische Leben.

 

Die Industriefertigung erzeugt eine Verwaltung

 

Die in der Renaissance eingeleitete Entwicklung von Handel, Handwerk und Bildung erreicht in der Epoche der Aufklärung eine erste Blüte und gewinnt in der Phase der Industrialisierung ihre entfaltete Gestalt, die sich in Fabriken, Großstädten und einem mechanistischen Weltbild ausdrückt.

 

Geburtsstunde des modernen Büros: die Manufaktur

 

Manufakturen sind durch Spezialisierung, Arbeitsteilung und Serienfertigung erweiterte Handwerksbetriebe. Manufakturarbeit ist charakterisiert durch den Einsatz einfacher Maschinen. Die raschen Produktionsabläufe erfordern einen hohen Grad an technischer und organisatorischer Raffinesse und differenzieren die Büroarbeit, weshalb erstmals Anforderungen an die Größe und die Raumstruktur eines Büros gestellt werden. Genügt bis dahin oft die Werkbank als Büro oder als Ort für Planung und Entwicklung, werden nun die Büroarbeiten in einem eigenen Raum – dem Manufakturbüro – ausgeführt. Das ist die eigentliche Geburtsstunde des modernen Büros.

 

Von der Manufaktur zur Industrie

 

Von der Manufaktur zur Fabrik erfährt das Büro erneut eine Differenzierung und die Bürotätigkeit wird immer arbeitsteiliger. Die Industrie beginnt mit der Einführung der Dampfmaschine, die den Produktionsprozess mechanisiert. Industrieverfahren sind rationalisierte Fertigungsweisen der Massenproduktion, die den Handel internationalisiert und neuartige Berufe, ungekannte Bedürfnisse und neue Klassen von Gütern hervorbringen. Unzählige Unternehmen werden gegründet – Unternehmen für Planung und Über­setzung, Bildungseinrichtungen, Verkehrsbetriebe, kommunale und staatliche Verwaltungen, Unternehmen für Müllbeseitigung und Institutionen zur Bewahrung und Archivierung von Kultur- und Naturgütern wie Museen und zoologische Gärten.

 

Industrie als Emsigkeit

 

Industrie bedeutet – hergeleitet aus dem lateinischen industriuseifrig und emsig. Die Emsigkeit erfasst die gesamte Gesellschaft, die dem Rhythmus der Maschine unterworfen wird. Industrialisierung geht mit einer immensen Beschleunigung und Rationalisierung einher und führt zu spezifischen Formen der Herrschaft (griechisch kratos): in der Produktion zur Technokratie, in Unternehmen und Institutionen zur Bürokratie und im Alltag zur Ratiokratie, der Herrschaft des Verstandes.

 

Wie die Industriearbeit ein geordnetes, methodisches und diszipliniertes Arbeiten nach präzisen Vorgaben ist, wird auch für die Bürotätigkeit die Arbeit an der Maschine als ein geeignetes Modell angesehen, sodass nach und nach auch die Büroarbeit der Mechanisierung unterworfen wird. Für Karl Marx ist es das in dieser Zeit entstehende Proletariat, das zum tätigen Subjekt der Geschichte wird und die Welt erlösen soll.

 

Das Industriebüro und die Angestellten

 

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts sind Kontor- oder Büroarbeiter Teil einer Familie, einer Hauswirtschaft. Gegenüber den Familienmitgliedern sind sie Arbeitskollegen, Hausgenossen und Mitbewohner des Hauses und unterstehen dem Hausherrn, dem Patriarchen, an den sie mit der ganzen Person gebunden sind. Die Industrialisierung setzt sie frei, sodass sie zu einem Kaufmann nur noch in einer Lohnabhängigkeit stehen. Mit der Auflösung der Hausgemeinschaften verschwindet das Familienbüro und Büroarbeiter werden Angestellte.

 

Im Mittelalter begrenzen Zünfte die Konkurrenz, indem sie die Anzahl der Gesellen und die Menge der Produkte limitieren. Die Industrie hebt die Begrenzung endgültig auf. Indem das Familiäre von der Produktion getrennt wird, bietet sich die Möglichkeit, Büroräume statt in Wohnhäusern in Fabriken einzurichten und ihre Struktur den spezifischen Aufgaben anzupassen.

 

Vom Tisch zum Raum

 

Ließ sich die Manufaktur von einem Raum aus leiten, benötigen Industriebetriebe mehrere Büros. Zusammengefasst unter dem Dach einer Verwaltung. Die differenzierten Aufgaben durch die Massenproduktion benötigen entsprechende Speicherarbeiter – Schreiber und Buchhalter, Lohnbuchhalter und Kassierer, Liquidatoren und Prokuristen, Korrespondenten, Kopisten, Bürodiener und Lehrlinge. Die Bewertung dieser Tätigkeiten zeigt sich unmittelbar in den Räumen: Wer in der Hierarchie oben steht, hat Anspruch auf einen gesonderten Bereich, etwa ein eigenes, komfortables Büro. Für mittlere Angestellte reichen zentrale, unruhige Bereiche und für Bürogehilfen und Lehrlinge dunkle, unattraktive Raumabschnitte. Das Verwaltungsbüro koordiniert die Tätigkeiten zwischen den unterschiedlichen Büros.

 

Hier vollendet sich die Entwicklung von Name und Sache. Erst gibt es die Burra als Filz der Mönchskutte auf der Tafel, dann das Bureau als Name für den Tisch mit dem Tuch, am Ende ist Büro der Name für den Raum, in dem der filzbedeckte Tisch steht.

 

Frauen an die Schreibmaschine

 

Da der Ehrgeiz im Zeitalter der Industrialisierung darin besteht, jede Tätigkeit mechanisch ausführen zu lassen, kommt im Jahr 1886 die Schreibmaschine ins Büro. Und mit ihr die Frau, die sogleich Verstörungen auslöst. Gewerkschaften, kirchliche Institutionen und Frauenvereine empören sich. Auch die Männer, denn außerfamiliäre Arbeit – auch die Büroarbeit – ist Männersache. Dabei tritt die Frau ins öffentliche Berufsleben ein, weil nicht genug Männer an der Schreibmaschine arbeiten wollen. Frauen sahen darin ihre Chance, Eigenständigkeit zu gewinnen und sich aus der Abhängigkeit einer Hausgemeinschaft zu lösen. Maschinenschreibkurse und lukrative Wettbewerbe im Schnellschreiben machen den Beruf attraktiv. Der Hersteller Remington vermittelt mit jeder verkauften Schreib­maschine eine gelernte Schreibkraft und etabliert so die Frau als Angestellte.

 

Die Frau revolutioniert die Büroarbeit – Stenografie und die einheitliche Schrift beschleunigen die Arbeit und das Büroleben –, und verwandelt das soziale Gefüge im Büro. Eine neue Kleiderordnung entsteht, neue Verhaltensregeln und feinere Umgangsformen werden ausgebildet. Die Frau bewirkt eine Erotisierung der Büroatmosphäre – das Büroleben wird bunter, ausgewogener und abwechslungsreicher. In der Folge erhöht die Sekretärin den Status von Unternehmen.

 

Das rationale Büro

 

Alle an der Büroarbeit beteiligten Elemente werden rational strukturiert. Der Ingenieur Frederick Winslow Taylor und der Arbeitspsychologe Frank Bunker Gilbreth entwickeln zu Beginn des 20. Jahrhunderts Methoden zur Bewegungseinsparung am Arbeitsplatz. Sie fassen den Menschen als Maschine auf und deklarieren die Schreibtischauflage als systematischen Greifraum, um das Aufstehen überflüssig zu machen. Dazu entwickeln sie angemessen proportionierte und gegliederte Tischflächen sowie Rohrpost, Tabellen, durchdachte Kopiervorrichtungen für die Schreibmaschine und Rotoren zur Bearbeitung von Karteikarten. Doch schon bald zeigt sich, dass langes Arbeiten an der Schreibmaschine die Systematik und Statik des Taylorsystems die Menschen krank machen. Die Frauen können aufgrund von Sehnenscheidenentzündungen und Muskelverhärtungen in Händen, Armen und Schultern nur wenige Jahre an der Schreibmaschine arbeiten.

 

Bewegungseinsparung erhöht nicht nur nicht die Leistung, sondern macht krank. Nicht die Einsparung von Bewegung, sondern Bewegung und ihre angemessene Ausführung erhöhen die Leistung und halten den Menschen gesund.

 

Büroarbeit – eine gute gesellschaftliche Position

 

Mit der Industrie gewinnt das Büro Einfluss auf das Denken, Fühlen und Verhalten des Menschen. Das moderne Büro löst erst den Mann, später die Frau aus der patriarchalen Hausgemeinschaft und eröffnet Frauen eine Berufsperspektive jenseits von haushälterischer Tätigkeit. Die Arbeit beider Geschlechter an gemeinsamen Projekten macht Büroarbeit zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einer attraktiven Tätigkeit und verhilft zu einem guten gesellschaftlichen Status.

 

 

 

 

5. Büroformen des 20. Jahrhunderts

Leidenschaft der Büroarbeit 

20. Jahrhundert

 

Albert Einstein     Die Grundlage der              Säulentisch

(1879-1955)        allgemeinen

                          Relativitätstheorie

 

Albert Einstein. Deutscher Physiker und Nobelpreisträger. Der

Popstar unter den Nobelpreisträgern. Seine Forschungenhaben

nicht nur die Physik, sondern auch die Philosophie verändert.

 

Der Säulentisch ist der späteste Typus. Des Tisches. Er hat

keine Richtung, ist relativ. Daher eignet er sich als Symbolfür

Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenwürde.

  

Speicherleidenschaft

 

Speicher sind Orte der Aufbewahrung. Büroarbeit ist die Übertragung des menschlichen Gedächtnisses auf ein Medium. Was Angestellte nicht im Gedächtnis behalten können, muss in Speichermedien aufbewahrt werden, woraus sich eine Leidenschaft entwickelt der Aufbewahrung, die der Kontrolle der verschiedenen Bereiche von Unternehmen und Institutionen wie Finanzen, Entwicklung, Geschäftsvorgänge, Personal und Kunden dient. Diese Bereiche müssen jederzeit zugänglich sein und fordern effektive und umfangreiche Speichersysteme. Dazu hat die Büroarbeit im frühen 20. Jahrhundert Aktenordner, Karteikarten und Lochkartensysteme erfunden – danach folgen Disketten, Festplatten, Kompakt-Disks und Flash-Speicher – Höhepunkte der Speicherleidenschaft.

 

Ordnungsleidenschaft

 

Ordnung ist bereits Speicherung. Wo Räume bewusst gestaltet werden, ist ihre Ordnung von ihren Aufgaben und Funktionen abhängig. Daher sind die vielen kleinen Büros der Industrieverwaltung Ausdruck der Arbeitsteilung der produktiven Fabrikationsarbeit und der daraus folgenden Differenzierung der Speicherarbeit.

 

Die Büroräume mit ihrem Arsenal unterschiedlicher Werkzeuge, Maschinen und Medien wie Aktenordner, Lochkarte und Telefon, wie Diktiergerät und Schreibmaschine, wie Tisch und Stuhl bilden die Büroordnung der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Sie geben der Verwaltung eine klare Gliederung und erlauben ein intensives Arbeiten in engen Räumen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind nur etwa drei Prozent aller Beschäftigten von Produktionsunternehmen Büroangestellte, da ihre Arbeit als unproduktives Anhängsel der Fertigung gilt.

 

Doch mit dem Versuch, die Büroarbeit effizienter zu gestalten und der Fabrikarbeit anzugleichen, verschwinden die kleinräumigen Büros und es entstehen Bürosäle – großflächige, wie Fabrikhallen geordnete Räume, die aus zusammenhängenden, gleichgestalteten Raumelementen bestehen, verbunden durch Fließbänder , die Informationen, Anweisungen und Akten zu den Arbeitsplätzen geleiten.

 

Leidenschaft des rechten Winkels – die sitzende Tätigkeit

 

Mit der Schreibmaschinenarbeit etabliert sich das Sitzen im Büro endgültig, denn es unterstützt in der Begrenzung der Physis die Konzentration auf geistige Vorgänge und auf ordnende Abläufe. Die Kehrseite des Sitzens liegt darin, dass es den Menschen physisch und psychisch beeinträchtigt, indem es ein geringes Atemvolumen ausbildet, die Muskulatur verspannt und den Menschen emotional spröde macht. Dennoch ist Büroarbeit jene Tätigkeit, bei der der Mensch das Sitzen leidenschaftlich kultiviert und unter Schmerzen erträgt.

 

Das Standardmöbel des Büros ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Stuhl des Orthopäden F. Staffel – ein Sitz von 1881 mit einer kleinen, ebenen, unterschenkelhohen Sitzfläche und einer Lendenrücklehne, die aus einer breiten Blattfeder besteht. Die federnde Lehne soll den Sitzenden in jeder Haltung stützen, nach Möglichkeit aber im rechten Winkel halten. Obwohl beides nicht gelingt, wird der Staffel-Stuhl bei der Fabrikarbeit ebenso verwendet wie bei der Büroarbeit.

 

Mitte des 20. Jahrhunderts nimmt das Interesse an der Ergonomie zu – der Wissenschaft vom arbeitenden Menschen. Daraus entstehen neue Haltungskonzepte, aus denen Stehsitze, Sitzbälle, Kniestühle und andere alternative Haltegeräte hervorgehen. Behauptet hat sich bisher allein der drehbare, auf fünf Rollen gelagerte und in alle Positionen verstellbare Sitz – der moderne Bürostuhl.

 

Leidenschaft der Versammlung – das Büro als Tisch

 

Das Büro zeigt seine versammelnde Kraft. Es versammelt die unterschiedlichen Leidenschaften und ihre Medien. Allerdings werden sie nicht durch das Büro als Raum, sondern durch das Büro als Tisch – als Burra, Bureau und Büro – versammelt. Dabei ist der Tisch immer den Haltegeräten wie Stuhl, Bank, Sessel oder Kniestuhl angepasst. Der Tisch ist die kommunizierende Fläche, die alles ordnet und zentriert. Tisch und Sitz bilden eine hocheffiziente Arbeitsbasis, die den Tisch zum Zentrum der speichernden und verwaltenden Tätigkeit macht und zur Mitte des Unternehmens und der Welt. Der Tisch ist eine fruchtbare Ebene und der moderne Acker des Menschen.

 

Leidenschaft der Kommunikation – das Großraumbüro

 

Infolge der Differenzierung der produktiven Arbeit und der Zunahme der Dienstleistungsunternehmen wie Banken und Beratungsunternehmen, Anwaltsagenturen, Versicherungen und Krankenkassen sowie durch die Verwissenschaftlichung der Betriebswirtschaft entsteht in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts der Gedanke, dass die unterschiedlichen Ordnungs- und Speicheraufgaben in einem Großraumbüro am besten durchgeführt werden können. Die unpersönlich, streng hierarchisch und vertikal geordneten Büro-Säle und die starre Ordnung der kleinen Verwaltungsbüros, die für Angestellte wenig motivierend sind und dem modernen Verständnis von Arbeit widersprechen, haben ausgedient: Die neue Leitidee folgt der Notwendigkeit der Zusammenarbeit an einem Projekt – der Teamarbeit.

 

Kooperation, Horizontalität und Teamarbeit kommen im Großraumbüro auch in den Tischen zum Ausdruck, denn nicht ein einzelner Tisch bildet das Zentrum des Raumes, sondern den Tischen entsprechen gleich viele Zentren, indem die Raumstruktur durch die verstreut angeordneten und gleichberechtigten Arbeitsplätze gebildet wird.

 

Doch schon bald wird offenbar, dass Großraumbüros Nachteile für das Arbeiten mit sich bringen. Die anfängliche Euphorie weicht der Realität, dass Großraumformen die Konzentration durch unablässige Bewegungen und Passagen von Mitarbeitern und Kunden durch den Raum behindern, dass sie einen hohen Geräuschpegel haben, wenig Möglichkeiten zur individuellen Anpassung von Licht, Raumklima und Arbeitsplatzgestaltung und nur wenig Rückzugsmöglichkeit gestatten.

 

Innovationsleidenschaft

 

Neben dem Großraumbüro entstehen deshalb wieder kleine Büroräume sowie kleine, geschützte Raumabschnitte innerhalb von Großraumbüros. Doch die Idee von fairer Kommunikation und Teamarbeit hat sich etabliert und neben der bloßen Organisation der Arbeit erhält sich die durch das Großraumbüro entwickelte Idee des Sozialen, die die Raumgestalt und die Ordnung der Einrichtung mitbestimmt. Durch die Ausweitung von Dienstleistungen, die Zunahme von Verwaltungstätigkeiten und die Vermehrung von Speicheraufgaben sind mittlerweile an jedes Tun – auch an das private – Bürotätigkeiten geknüpft, weshalb das 20. Jahrhundert vielfältige Büroformen hervorgebracht hat wie Gruppenbüros, Zellenbüros, Großraumbüros, Zwei- und Mehr-Personenbüros, Home-Offices und Mini-Büros wie das Cubical, das der Designer Robert Probst 1968 entwickelt – ein gleichseitiger, komplett eingerichteter vier Quadratmeter großer Raum. In Büros nach diesem Modell arbeitet heute ein großer Teil der Angestellten in den USA.

 

Die Vielfalt der Büroraumformen schafft die Möglichkeit, die für ein Unternehmen charakteristischen und für die Organisation seiner Arbeit notwendigen Büroformen und Büroeinrichtungen auszuwählen, die in ihrer Angemessenheit die Motivation der Menschen erhöhen und das Unternehmen gesund erhalten. Diesen Weg fortzuführen bleibt Aufgabe für das Büro das 21. Jahrhundert.

 

 

 

 

6. Das digitale Büro

Choreografie der Büroarbeit

21. Jahrhundert

 

Amartya Sen         Ökonomie für                  Tablet-PC

(1933*)                den Menschen

 

 

Die Wandlung von Büroarbeit und Mensch

 

In der abendländischen Kultur hat das Büro eine gewaltige Wandlung erfahren, da sich die Büroarbeit zur wesentlichen Tätigkeit und das Büro sich zum entscheidenden Knotenpunkt gesellschaftlicher Kommunikation gewandelt haben. Dabei hat der Wandel infolge der modernen Technik, der rationalen Lebensform und der digitalen Werkzeuge eine Ökonomisierung der Büroarbeit auf Kosten von Qualität, Wohlbefinden und Nachhaltigkeit etabliert.

 

Auch der Mensch hat eine enorme Wandlung durchlebt. Er empfindet sich nicht mehr als Teil eines göttlichen Plans wie zu Beginn der Büroarbeit im Kloster, sondern er muss seinen Lebensplan selbst entwerfen. Da der moderne Mensch über sein Leben frei entscheiden kann und möchte, der eigene Anteil am Gesamtplan von Unternehmen aber immer schwerer zu durchschauen ist, fühlt sich ein großer Teil der Menschen am Arbeitsplatz nicht wohl. Kommen zur fehlenden Durchlässigkeit noch rasche Arbeitsabläufe, mangelnder Teamgeist und geringe Identifikationsmöglichkeiten mit dem Unternehmen hinzu, wird die eigene Arbeit nicht als sinnvoll erlebt. Dies zwingt viele Unternehmen, einen hohen Prozentsatz ihrer monetären Investitionen aufzubringen, um die durch das Unwohlbefinden der Mitarbeiter entstandenen Probleme auszugleichen – ausgedrückt in hohen Fehlzeiten und Stress, einer hohen Fluktuation des Personals, in Blockierungen der Kommunikation sowie in der Apathie als Folge des Gefühls, im Unternehmen nicht voranzukommen.

 

Wohlbefinden und Zukunft

 

Dabei ist Wohlbefinden eine Ressource der Zukunft. Jeder Mensch strebt nach Wohlbefinden. Nach Einklang mit sich und mit der Welt. Im Wohlbefinden fühlt er sich in der Welt geborgen – er ist selbstsicher, zuversichtlich und kreativ, vertraut sich und anderen und identifiziert sich mit seiner Arbeit, seinem Unternehmen und seiner Rolle in der Gesellschaft. Zum Wohlbefinden braucht der Mensch Kommunikation, Wertschätzung seiner Person, Anregungen der Sinne, Nahrung für seinen Geist und Neugier auf die Zukunft.

 

Wohlbefinden folgt dem Prinzip des Hauses, das zum Paradigma geworden ist für Schutz und Wirtschaft – die Öko­no­mie – sowie für Zusammengehörigkeit und Kulturpflege – die Ökologie. Hausprinzip heißt Balance von Einnahme und Ausgabe. Es ist das Prinzip des Lebens und des Wirtschaftens. Seit der Erfindung des Hauses zu Beginn der Sesshaftwerdung kennt der Mensch Besitz, Macht und Arbeit – das Herstellen von Gütern. Der Mensch selbst ist ein Hauswesen. Ein Oikos wie die Welt, die Erde, ein Kontinent, eine Nation, wie Fabrik und Kloster, wie Wohnhaus, Familie und Büro. Die Erde ist ein weites Haus, doch allmählich erkennen die Menschen, dass es zwar beträchtlich ausgedehnt ist, doch seine Energie und Biomasse begrenzt sind. So erkennen sie, dass sie mit ihrer Lebensgrundlage Erde verantwortungsvoll und nachhaltig umgehen müssen.

 

Da sich Nachhaltigkeit nicht nur auf Erde und Natur, sondern immer auch auf Menschen – die Human Resources – und ihren Umgang miteinander beziehen, sorgt Nachhaltigkeit bei der Arbeit für Identifikation mit dem Unternehmen. Die Menschen sollten also auch mit sich selbst nachhaltig umgehen und sich eine kostbare Kulturwelt einrichten. Deshalb erfordert Wohlbefinden bei der Arbeit eine anregende und motivierende Arbeitsumgebung – eine Arbeitswelt, die gekennzeichnet ist durch die Qualität von Raum, Einrichtung und Equipment, die sich fördernd auf die Sinne auswirkt und die Wertvorstellungen des Menschen positiv bestimmt.

 

Guter Ruf

 

Das Befinden kommt zum Ausdruck im employer branding, dem Ruf, den ein Unternehmen genießt. Ein gutes branding ist dann der gute Ruf eines Unternehmens, weil die Mitarbeiter sich wohlfühlen – durch ein gutes Arbeitsklima, die Herstellung sinnvoller und nachhaltiger Produkte, die Freude, Sinn und Anerkennung geben, und durch die Leichtigkeit, sich mit den Zielen des Unternehmens zu identifizieren. Solche Unternehmen halten nicht nur kluge Mitarbeiter, sondern machen die Arbeit auch für andere – die potenziellen Mitarbeiter – attraktiv. Das employer branding folgt dem sozialen und ökologischen Engagement – immer weniger den Produkten. Auch das inclusive design, die Integration junger und älterer Mitarbeiter sowie intelligente Zeit- und Arbeitsstrukturen für Mitarbeiterinnen mit Kind heben das Ansehen von Unternehmen. Die Auseinandersetzung um den demografischen Wandel hat deutlich gemacht, dass sich mit dem Alter wertvolle Qualitäten wie Erfahrung, Routine, Wissen und Teamfähigkeit verbinden. Deshalb bedeutet die Berücksichtigung der Bedürfnisse älterer Mitarbeiter auch die Bereitstellung des geeigneten Mobiliars und Equipments.

 

Das sind Herausforderungen für Gestalter von Bürowelten – für Architekten, Designer und Bauherren. Sie sind die Produzenten von Orten des Wohlbefindens. Die Komplexität der modernen Arbeit fordert sie heraus, den einzelnen Charakteren der Menschen, den unterschiedlichen Aufgaben, den besonderen Funktionen der Arbeit sowie dem Alter der Menschen gerecht zu werden. In der Komplexität der Gestaltungsaufgaben liegt die Begründung für die Choreografie der Büroarbeit, wie sie das Münchner Unternehmen OfficePool kreiert hat.

 

Choreografie der Büroarbeit

 

Moderne Büros sind attraktiv und trendy. Mit dem Bedürfnis und ausdrücklichem Verlangen, sich bei der Arbeit wohl zu fühlen, werden Büros immer häufiger wohnlich gestaltet und nach persönlichen Vorlieben eingerichtet. Büroarbeit wird nicht länger nur als Rechnen, Ordnen und Archivieren angesehen, sondern als elementarer Bestandteil des Lebens – als Kommunikation und Bildung, als Diskurs und Dienstleistung, als Genuss am Ambiente und als Verantwortung. Doch da das Büro ein moderner Trendsetter ist, werden umgekehrt Wohnräume immer häufiger wie Büros gestaltet. Das eröffnet einen neuen Blick auf das Büro – den Tisch mit vorgestelltem Stuhl. Dieses reduzierte Ensemble ist der Kern des Büros, wie es sich in den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten entwickelt hat. Ihm muss sich alles andere unterordnen – das Ambiente, die Gestaltung der Werkzeuge und Medien sowie die Architektur –, wenn es um Wohlbefinden geht. An diesem Kern nimmt die Entwicklung der Choreografie der Büroarbeit ihren Ausgang.

 

Allerdings offenbart sich mit der Zunahme der Aufmerksamkeit für das Büro und die in ihm verrichteten Tätigkeiten nach und nach, dass das Wesen des Büros weder ein Behältnis noch ein x-beliebiger architektonischer Raum ist, sondern ein sensibles Arrangement, zu dem wesentlich der arbeitende Mensch gehört. In den vergangenen hundert Jahren war das der sitzende Mensch. Doch als Folge der modernen Arbeitsmittel – insbesondere dem Tablet und den entwickelten Spracheingabe-Programmen – ist auch der Stuhl nicht mehr das unhinterfragbare Haltungsgerät und das Sitzen nicht mehr die einzige und verbindliche Körperhaltung bei der Büroarbeit.

 

Unter dieser Perspektive erweist sich das Büro als eine dynamische, lebendige Einheit, die nach neuen Maßstäben analysiert, erkannt und geordnet werden muss, um eine der Epoche der Mobilität, Offenheit und Digitalität angemessene äußere Ordnung der Büroarbeit zu schaffen. Nicht mehr Tisch und Stuhl, sondern zum ersten Mal sind es lebendige Menschen, die im Fokus der Betrachtung stehen und von denen ausgehend die Büroarbeit zu strukturieren ist. Die Brisanz und historische Aufgabe für Gestalter und Einrichter, für Designer, Architekten und Logistiker liegt darin, alle Elemente des Büros und der Büroarbeit vom Menschen her zu entwickeln zu einer Choreografie der Büroarbeit.

 

 

© Hajo Eickhoff 2012

 

 

Hajo Eickhoff

 

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hajoeickhoff @ versanet.de

 

 

13. Dezember 2017

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