aus:

Eckhard Hammel, Erinnern, Mahnen, Gedenken, Framersheim 2016

 

 

 

 

 

Meta-Gedächtnis

Physik, Moral und Politik des Erinnerns

 

 

 

1. Naturgesetze – das anorganische Gedächtnis

2. Leben und Geschichte – das biologische Gedächtnis

3. Das Gedächtnis – Vergessen und Erinnern

4. Schmerz- und Muskelgedächtnis

5. Gemeinschaft und Familie – das kulturelle Gedächtnis

6. Das persönliche Gedächtnis

7. Architektur – die Gegenwart der Vergangenheit

8. Das Monument

9. Schatten des Mahnens

10. Denkmale und Brunnen

11. Monumente – Religion und Politik

 

Literatur

 

 

 

 

Meta-Gedächtnis

Physik, Moral und Politik des Erinnerns

 

 

1. Naturgesetze – das anorganische Gedächtnis

 

Welt ist Zeit. Was Zeit hat und kein Chaos ist, hat Geschichte. Was Austausch, Kontakt und Verbindung bedeutet. Die Folge ist eine Differenz von einem Vorher und einem Nachher. Das gilt jedoch nicht nur für das Leben, sondern generell für das Sein – für die physikalischen und chemischen Prozesse von Kosmos und irdischer Natur, denn Sein ist Veränderung in der Zeit. Wenn sich aber etwas nicht nur chaotisch und zufällig ereignet, gehört ein Gedächtnis dazu, dass die Verbindungen sichert.

 

Die Welt ist ein System unterschiedlichster Formen gegenseitiger Beeinflussung. Für die Materie und die Gesetze der Physik gilt das ebenso wie für das Leben und die Kultur. Die Physik bestimmt sich durch Wechselwirkungen, das Leben durch Austausch und die Kultur durch Kommunikation.

 

Naturgesetze sind das Gedächtnis der stofflich-energetischen Welt. Nach ihnen formen sich Kraftfelder und Wellen, Quarks und Korpuskel. Sie formen das Kleinste wie Atome und ihre Elemente und ebenso das Große wie Galaxien und Sonnen. Dieses anorganische Gedächtnis ist erkennbar in den konstanten Vorgängen der Natur.

 

Erst die entwickelten Wissenschaften vermögen zu erkennen, dass das Gedächtnis ein allgemeines Prinzip des Weltgeschehens ist. Das Allgemeine des Speicherns liegt in einer Gemeinsamkeit der Phänomene der Natur, in ihrem Verbundensein und ihrer unablässigen Wechselwirkung. Eine Art Meta-Gedächtnis des Seins.

 

Die stofflich-energetische Welt vollzieht sich in Wechselwirkungen zwischen den beiden Polen Kooperation und Widerstand. Die Elemente kooperieren im nanoskopischen Bereich der Atome wie im makroskopischen Bereich des Universums. Die Physik kennt vier Grundbindungen, auch Wechselwirkungen genannt: Gravitation als Anziehung von Massen; Starke Wechselwirkung zwischen den Nukleonen im Atomkern; Elektrostatische Wechselwirkung zwischen Atomkern und Elektron; Schwache Wechselwirkung etwa beim radioaktiven Zerfall.

 

Die Naturgesetze erweisen sich als ein präzises Gedächtnis. Sie lassen Anomalien zu, aber keine Ausnahme. Allerdings ist der gedankliche Prozess ihrer Vereinheitlichung durch den Menschen nicht abgeschlossen – vermutlich auch nicht abschließbar. Ihre Konstanz zeigen sie in ihrer Berechenbarkeit.

 

Auch in chemischen Vorgängen, den Vorläufern des Lebens, geht es um Bindungen. Wie der Zusammenhalt mehrerer Atome durch Atombindung und Ionenbindung. In chemischen Vorgängen werden Atome und Moleküle durch die Kraft der Edelgaskonfiguration verbunden, umgebaut, getrennt.

 

 

2. Leben und Geschichte -

das biologische Gedächtnis

 

Das Leben setzt das Speichern und Erinnern mit anderen Mitteln fort. Sie sind seine grundlegenden Funktionen, die die Aufmerksamkeit auf den Leib im Schmerz, die Vorsicht bei Gefahr und die Orientierung durch genetisch festgelegte oder erworbene Reaktionsweisen sichern und begünstigen.

 

Für Humberto Maturana und Francisco Varela vollzieht sich das Leben selbständig – durch Autopoiesis und Kommunikation.[1] Diese Idee überträgt Niklas Luhmann in seine Soziologie. Da die Systeme des Lebens und der Sozialität auf Ausdifferenzierung und Weiterentwicklung angelegt sind, geht es immer um das Bewahren von Anschlussmöglichkeiten, wozu Systeme ein Gedächtnis brauchen, da sie das Nachher vom Vorher unterscheiden können müssen.[2]

 

Einzeller wie Amöben und Pantoffeltierchen haben ein dienliches Gedächtnis. In ihren Genen sind bereits die Baupläne des Lebens gespeichert. Ein Basisgedächtnis, das seine konkrete Gestalt in der organischen Struktur der DNA im Zellkern hat. Sie ist das Potential, das das Erbgut bewahrt und weiterentwickelt. Ihr Gedächtnis reicht so weit, dass sich alle aktuell lebenden Zellen aus den ersten Zellen herleiten. Eine lange Geschichte von der Gegenwart bis zurück zum Anfang des Lebens. Einzeller sind in der Lage, sich von anderen Einzellern zu unterscheiden – als hätten sie ein Bewusstsein –, etwa wenn eine Amöbe eine andere erkennt, verfolgt und sich einverleibt.

 

Gene können sich auch entwickeln, so dass Selektion und Variation stattfinden. Die Anwesenheit eines Gens bedeutet aber nicht, dass es auch wirksam wird, denn es ist eingebunden in einen Austauschvorgang mit der Zellmembran und mit der Umgebung der Zelle, die ihrerseits ein Gen ein- und ausschalten können.

 

Jede Zelle ist ein eigenes, lebensfähiges Wesen. Sie strebt nach einer Umgebung, die ihr Überleben sichert und giftige Umgebungen und gefahrvolle Situationen meidet.[3] Sie lernt durch den Austausch mit ihrer Umgebung „zelluläre Erinnerungen zu speichern und diese an ihre Nachkommen weiterzugeben.“[4] Sie nimmt ständig Reize aus ihrer Umgebung auf und kann sich für ein angemessenes Verhalten entscheiden. Eine Immunzelle kann sich veranlassen, ein Masern-Antikörper-Protein herzustellen. Ist eines dieser Antikörper-Proteine dem angreifenden Masernvirus ähnlich, wird die Zelle aktiviert, wodurch sie in einem Ähnlichkeits-Reifung oder affinity maturation genannten Prozess in mehreren Durchläufen das Antikörper-Protein immer mehr verfeinert, bis ein genaues Gegenstück zum Masernvirus entsteht. Dieses entwickelte Antiköper-Gen wird dann von der Zelle hundertfach kopiert und die Immunzelle bindet sich mit dem Antikörper an das Virus und markiert es für die Zerstörung. Diese Zellen sind auch in der Lage, die genetische Erneuerung als Erinnerung zu bewahren, indem sie die neu entwickelten Informationen an all ihre Nachkommen weitergeben.

 

Ohne Erinnerung gibt es kein Leben. In der eigentlichen Bedeutung ist Leben ein unablässiges Abrufen des Gedächtnisses, da sich Leben ständig im Modus des Erinnerns ereignet – bewusst wie unbewusst. Andererseits kann nur das erlebt, unmittelbar erfahren werden, was gerade nicht erinnert wird. Also nur das, was gegenwärtig ist. Aufgenommen durch die Sinne. Doch das unmittelbare Erleben ist nicht nur durch Erinnerungen vorbereitet, sondern auch wesentlich beeinflusst und gefärbt. So ist die gelebte Gegenwart auch immer durch Erinnerungen mitbestimmt.

 

Ohne Erinnerung wäre der Mensch in der Welt verloren, da sie ihm ohne Bezug auf Vergangenes nicht erkennbar wäre. Das Gedächtnis und die organische Möglichkeit des Speicherns ist allerdings kein hinreichender Grund für eine Erinnerung. Der hinreichende Grund dafür ist der Austausch, ohne den es weder ein Gedächtnis noch Erinnerungen gäbe, denn Erleben, Abspeichern und Erinnern sind an Kontakt und Verbundenheit geknüpft.

 

Das Gedächtnis ist eine Ordnung der Zeit: Dabei ist das Erinnern ein Prozess, die Erinnerung ein Resultat dieses Prozesses und das Gedächtnis ein Vermögen, etwas abzuspeichern.[5] Jedes Speicher-Ereignis wird einer bestimmten Gedächtnisform zugeordnet wie dem Ultrakurzzeit-, dem Kurzzeit- und dem Langzeitgedächtnis.

 

Das Gedächtnis ist das mentale Bindemittel, das aus Reizen und Informationen Erfahrungen und aus Erfahrungen Lebenserfahrungen macht – eine Geschichte, die dem Menschen Identität gibt.

 

 

3. Das Gedächtnis – Vergessen und Erinnern

 

Das Gedächtnis des Menschen ist das Vermögen, Erlebnisse und Informationen zu speichern, nach Wichtigkeit und Typ zu ordnen und wieder abzurufen. Es gleicht nicht einer Box, sondern ereignet sich synchron in unterschiedlichen Regionen des Gehirns. Speichern ist ein Prinzip des Lernens und eine das Überleben sichernde Funktion.

 

Schon in der Götterwelt der Griechen der Antike zeigt sich ein direkter Zusammenhang von Gedächtnis, Wissen, Monument und Geschichte. Die Göttin Mnemosyne ist den Griechen die Personifikation des Erinnerns – das griechische Wort mnēmē heißt Erinnerung, und ist das Grundwort des lateinischen Wortes memoria, von dem sich Monument herleitet. Ebenso wacht die Göttin über die Kunst des Auswendiglernens – nicht ohne Sinn heißt eine Software zum Vokabellernen Mnemosyne – wie über das Bewahren der Kenntnisse der historischen Ereignisse. Auch ein Fluss der Unterwelt heißt Mnemosyne, der auf dieselben Zusammenhänge verweist: Wer von seinem Wasser trinkt, behält seine Erinnerungen und wird zur Allwissenheit geführt. Anders als der Fluss Lethe – der Fluss des Vergessens –, durch den der Tote all seine Erinnerungen verliert.

 

Das Speichern von Information ist das Vermögen, die Anzahl und die Stärke der Verknüpfungen in einem Neuronennetz zu verändern und die Änderung zu bewahren. Die Träger der Speicherung sind Synapsen von Nervenzellen. Ein Erlebnis wird im Gehirn durch eine gleichzeitige Aktivierung von Synapsen bestimmter Neuronengruppen kurzfristig fixiert. Doch je häufiger das geschieht, desto stabiler werden die synaptischen Verbindungen[6], die die Neigung der beteiligten Nervenzellen vergrößert, auch künftig gemeinsam aktiv zu sein. Eine stabile Struktur bildet ein Engramm – eine Gedächtnisspur.

 

Informationen gelangen zuerst ins Ultrakurzzeitgedächtnis und werden nach wenigen Sekunden gelöscht. Nur wenn sie als interessant und relevant erscheinen, gelangen sie ins Kurzzeitgedächtnis, in dem sie bis zu einigen Minuten verbleiben können. Hier wird entschieden, ob sie gelöscht oder an den Hippocampus weitergeleitet werden, der Vorbereitungen trifft, sie ins Langzeitgedächtnis zu übernehmen und dort dauerhaft zu verankern. Nach dem Ribot’schen Gesetz, bereits 1882 von Théodule Ribot formuliert, bleiben die Inhalte umso länger dem Langzeitgedächtnis erhalten, je früher sie erlernt werden. Und je häufiger der Mensch sie abruft.

 

Im Vorgang des Erinnerns tritt der gegenläufige Vorgang ein: Durch einen Duft, ein Foto oder eine Stimme werden entsprechende neuronale Netze aktiviert, die nun wie ein Orchester synchron arbeiten und eine Erinnerung hervorrufen, die bereits als Engramm im Gedächtnis gespeichert war. Dieses Neuronen-Konzert als gleichzeitiges Spielen desselben Stückes erfolgt in unterschiedlichen Regionen des Gehirns und trägt die Erinnerung. Oft genügt es, einige der Neuronen des Netzwerkes zu aktivieren, um die anderen mitanzuregen und die gesamte gespeicherte Information ins Bewusstsein zu heben.

 

Das Gedächtnis ist das mentale Bindemittel, Reize und Informationen zu Erfahrungen, und Erfahrungen zu Lebenserfahrungen zu verdichten – zu Geschichten, die dem menschlichen Leben Kontinuität verleihen.

 

Eine grundlegende Funktion des Gedächtnisses ist das Vergessen. Es schafft Raum zur Speicherung neuer Informationen, indem unablässig die belanglosen Informationen im Ultrakurzzeit- und Kurzzeitgedächtnis gelöscht werden und nur die Informationen ins Langzeitgedächtnis aufgenommen werden, die für den Menschen lebensnotwenig oder von großer Relevanz sind.

 

Eine Erinnerung muss notwendigerweise andere Gedächtnisinhalte und unmittelbare Wahrnehmungen unterdrücken, vergessen machen. Der Mensch vergisst auch dadurch, dass Informationen und Erlebnisse für eine lange Zeit nicht mehr abgerufen werden und mit der Zeit verblassen, da das Gespeicherte immer wieder aktualisiert werden muss. Er vergisst auch, weil eine Sache oder Person stark in den Vordergrund seiner Aufmerksamkeit tritt, wie in der Verliebtheit, dem Bearbeiten eines fesselnden Themas oder dem Lauschen von Musik. Dagegen scheint alles andere bedeutungslos zu sein und vergessen werden zu können. Ebenso kann das Vergessen durch Krankheit und Alter bedingt sein. Etwa durch Demenz und die Alzheimer-Erkrankung oder durch Amnesie als Folge einer Verletzung oder eines Unfalls. Das Vergessen kann auch eine ausheilende Kraft sein. Wer aber nicht vergessen kann, weil er die Fähigkeit verloren hat, zu trauern und ein Problem zu verarbeiten, wird immer wieder an die traumatisierenden Erlebnisse erinnert – sie treten ins Bewusstsein und werden endlos gedanklich wiederholt.

 

 

4. Schmerz- und Muskelgedächtnis

 

Der Mensch ist vielfältig mit Gedächtnis- und Erinnerungs-Strukturen ausgestattet. Daher sind Forscher seit einigen Jahren auf der Suche nach einem Meta-Gedächtnis, das hinter den speichernden Instanzen wie Zellen, Organen, dem menschlichen Gedächtnis selbst und den Warnsystemen liegt. Ein vielgestaltiges System, das dem Menschen hilft, das Leben zu meistern und zugleich der Art Homo sapiens, zu überleben. Dabei sind Schmerz- und Muskelgedächtnis geeignet, Vielfalt, Einheit und Differenz der menschlichen Gedächtnis-Struktur aufzuzeigen.

 

Erst seit kurzer Zeit ist bekannt, dass der Mensch ein Muskelgedächtnis hat. Muskeln können ihre Zustände erinnern. Ein Muskel ändert sich mit seiner Betätigung und bewahrt die Veränderungen in seinem Gedächtnis. Trainierte Sportler benötigen nach längerer Trainingspause für den Muskelaufbau weniger Zeit als Untrainierte. In der DNA der Muskelzellen wird der Trainingszustand gespeichert. Hinzu kommt, dass Muskelzellen die größten Zellen des Körpers sind und ein einziger Zellkern für die Versorgung trainierter Muskeln nicht zur Herstellung großer Mengen von Proteinen ausreicht. Der norwegische Physiologe Kristian Gundersen fand heraus, dass sich bei regelmäßigem Training neue Zellkerne in den Muskelzellen bilden. Erst danach können Muskeln wachsen und zusätzliche Kraft entwickeln. Es handelt sich um Satellitenzellen, die Stammzellen sind, die mit den Muskelzellen fusionieren und so die Muskelzellen mit zusätzlichen Zellkernen versorgen. Wird das Training ausgesetzt, bleiben die neu gebildeten Kerne für Jahre erhalten und bilden das Muskelgedächtnis. Bei der Wiederaufnahme des Trainings liegen die neuen Muskelzellkerne für ein neues und rasches Wachstum bereit. "Wir gehen davon aus, dass die zusätzlichen Kerne wie eine Art Gedächtnis funktionieren. Sie bleiben in den Muskelfasern erhalten, auch wenn wir aufhören zu trainieren. Damit erinnert sich der Muskel gewissermaßen an das vorherige Training und kann die Muskelmasse rasch wieder aufbauen."[7]

 

Unterstützt wird das muskuläre Gedächtnis durch die mentale Ordnung, denn bei der Wiederaufnahme des Trainings wissen Körper und Sportler bereits, wie die Übungen auszuführen sind und welche Begleitumstände eine Rolle spielen. So besteht das Muskelgedächtnis in der Kombination vermehrter Zellkerne und dem Wissen um Training, Ernährung oder den Umgang mit eventuellen Schmerzen infolge des Trainings.

 

Schmerzen sind Teil des menschlichen Warnsystems zum Schutz von Leib und Seele. Von fast jedem Körperpunkt aus und von jedem seelischen Unwohlsein her kann das Schmerzsystem angesteuert werden. Schmerzen warnen den Menschen von innen und von außen. In der Haut und in den Organen befinden sich die Schmerzfühler, die Nozizeptoren. Schmerzen haben ein gutes Gedächtnis, denn sie sind mit Stress und Unwohlsein verbunden, weshalb die Auslöser eines Schmerzes rasch und bedingungslos ins Langzeitzeitgedächtnis gelangen. Eine glühende Herdplatte oder eine ungenießbare Speise wird der Mensch nicht mehr vergessen. Leibliche Schmerzen schränken ein, behindern, desorientieren, setzen den Menschen partiell außer Kraft und zwingen zu der Erkenntnis, dass das schmerzende Organ eines schonenden Umgangs bedarf.

 

Auch schlechte Erfahrungen können sich tief im Gedächtnis verankern und Traumata hervorrufen. Wie persönliche Demütigungen, der Verlust von Angehörigen sowie Folter und Krieg. Seelische Verletzungen können oft nur verdrängt und deshalb nicht verarbeitet werden. Statt den Schmerz anzunehmen, durch ihn hindurchzugehen und ihn zu überwinden, taucht er immer wieder auf – wird erinnert.

 

Erinnerungen an Schmerzen bieten zwei Perspektiven: Sie können Angst machen und lähmen, sie können aber auch eine gute Medizin und daher Anlass sein, alte Verhaltensweisen kritisch zu bedenken und zu verändern, so dass Schmerz nicht selten ein Motor für Veränderung und Fortschritt ist.

 

 

5. Gemeinschaft und Familie -

das kulturelle Gedächtnis

 

Auch soziale Verbände und Gruppen haben Gedächtnis. Wie Gemeinschaften und Familien, den beiden wichtigen menschlichen Kommunikationssystemen, deren Mitglieder unablässig miteinander kommunizieren. Sie haben von ihrer Gemeinschaft eine Vorstellung, wissen, was sie eint und wie sie sich als Menschen der Gemeinschaft zu verhalten haben: wie sie sich kleiden und wie sie mit Kindern umgehen, welche Gesten sie gebrauchen und welche Sprache sie sprechen, was sie essen, welche Vergangenheit sie teilen und nicht zuletzt, welchen Idealen und Werten sie folgen. Diese Eigenheiten bilden eine allgemeine Struktur der Identität, ein vages Schema des Miteinander, das in der Tradition gepflegt und von Generation zu Generation weitergetragen wird. Diese Eigenarten schaffen eine Einheit, die das gemeinschaftliche Gedächtnis ist.

 

Die Kommunikationsformen des Systems sind vielfältig. Ein weitläufiges System unterschiedlicher Interessen der Individuen und Familien, der Berufsgruppen und Menschen unterschiedlicher Kulturen. Eine Gemeinschaft ist grundsätzlich ein Treffpunkt mehrerer Generationen,[8] wobei in der Regel die junge Generation die Einheit aufbricht und ins Neue startet. So überlagern sich in jedem Menschen verschiedene Gedächtnisarten – das persönliche (autobiografische), das familiäre, das gemeinschaftliche und das zukünftige Gedächtnis der Weltgemeinschaft.

 

Die traditionellen Ideen, Mythen und Rituale der Gemeinschaft sollen der Familie und dem Einzelnen Ordnung und Struktur, Sicherheit und Sinn geben. Vieles muss erinnert werden, weshalb dafür zu sorgen ist, dass es gespeichert werden kann. Gespeichert wird es in Medien wie der Sprache, den Gegenständen und Büchern, den Handlungen, Filmen und dem Internet, der Architektur, den Gedanken und Institutionen. Und nicht zuletzt der Monumente.

 

Ein zentrales Medium, in dem die Menschen miteinander kommunizieren, ist die Sprache. Nach Jan Assmann erlernt er sie aber nicht von innen heraus, sondern „nur im Austausch mit anderen, im zirkulären oder rückgekoppelten Zusammenspiel von Innen und Außen.“[9] Daher ist das Gedächtnis weder in einer individualphysiologischen noch individualpsychologischen Analyse zu erklären, da es im Menschen erst als Folge der Kommunikation mit anderen entsteht. Auch auf der Ebene des Individuums können keine Bedeutungen entstehen, sondern erst in der Interaktion mit anderen.[10] Das ist der Rahmen, in dem das gemeinschaftliche Gedächtnis erzeugt wird.

 

Die Familie ist das Bindeglied zwischen dem einzelnen Familienmitglied und der Gemeinschaft, indem die von der Gemeinschaft geprägte Familie unmittelbar am Individuum arbeitet und das autobiografische Gedächtnis am nachhaltigsten beeinflusst.

 

 

6. Das persönliche Gedächtnis

 

In diese vielfältige Ordnung der Gemeinschaft und in seine Struktur des Gedächtnisses wird der Mensch hineingeboren. Bevor er darüber nachdenkt, wie er geht oder die Gabel hält, kann er es bereits. Einmal im Langzeitgedächtnis abgespeichert verlernt er diese Fertigkeiten nicht mehr, so dass diese Erinnerungen unbewusst bleiben können. Das leistet sein prozedurales Gedächtnis. Das Wissen – mathematische, biologische oder berufliche Kenntnisse – bewahrt das semantische Gedächtnis. Die Fähigkeit, etwa ein Tier von einem anderen Tier zu unterscheiden, liegt im perzeptuellen Gedächtnis. Dagegen bewahrt das autobiografische Gedächtnis Erlebnisse und Erfahrungen, die der Mensch selbst gemacht hat, wie eine Freundschaft oder eine Bootsfahrt. Nur selbst erlebte Erfahrungen sind ein „Wiedererleben der eigenen Vergangenheit“.[11] Deshalb ist diese Erinnerung auch am stärksten gefühlsbetont.

 

Eine Erinnerungskultur entsteht durch das Zusammenwirken des psychischen und des sozialen Gedächtnisses.[12] Das autobiografische Gedächtnis entwickelt sich in etwa parallel zur Erinnerungskultur der Gemeinschaft. In Sitten und Bräuche wird er eingewiesen und traditionellen Festen kann er sich nur bedingt entziehen. Persönliche Höhepunkte sind den gemeinschaftlichen Gedenktagen vergleichbar. Der eigene Geburtstag ist vergleichbar der Gründung der eigenen Stadt, der persönliche Schulabschluss kommt der Freigabe eines neuen kulturellen Ortes gleich. Mit jeder persönlichen, familiären und kollektiven Erinnerung festigt der Mensch seine Identität, die den Vorgaben, Vorlieben und auch den Vorurteilen der Gemeinschaft untersteht.

 

Eine wesentliche Funktion des autobiografischen Gedächtnisses ist das Herstellen von Kontinuität.[13] Sie ist von großer Bedeutung für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft, die sich auf seine Mitglieder verlassen können muss. Andererseits wird der Mensch erst reif und frei, wenn er sich mindestens einmal von der Familie und von der Gemeinschaft lossagen kann und die Energie aufbringt, zu opponieren. Dann bricht die Kontinuität ab und der Mensch ist allein. Auf diese Situation ist er nicht vorbereitet, so dass er auf keine gespeicherten Vorlagen zurückgreifen kann. Dann sind Mut und Kreativität gefragt, die ihn zwingen, neue Erfahrungen zu sammeln, die sich zu einem neuen Weltbild fügen und die lohnen, abgespeichert zu werden. Solche Plastizität ist das Bewundernswerte des Menschen und seines Gehirns.

 

Der Mensch als Schnittpunkt unterschiedlicher Einflüsse und Kräfte wird unablässig von Sinnesreizen, Gedanken und Emotionen angeregt. Die widerstehenden Gegenstände schaffen ein Gedächtnis der Dinge, das Imitieren von Handlungen ein mimetisches und die Wort- und Bildsprache ein kommunikatives Gedächtnis, wie Aleida und Jan Assmann ausführen. Die drei Bereiche fließen im kollektiven Gedächtnis zusammen, indem etwa Dinge zu Symbolen, Handlungen zu Riten und Sprache zu Mythen werden.[14]

 

Dass der Mensch eine Geschichte hat, ist das, was ihn auszeichnet. Sein Leben, das durch das vorrangige Leben anderer entsteht, entwickelt sich, endet und lebt in anderen und anderem fort. Die persönliche, familiäre, gemeinschaftliche Geschichte und die Weltgeschichte sind verwickelte Prozesse, deren Phasen der Mensch routiniert und gelassen erfahren, als Erfolg oder Niederlage, als Demütigung oder Lob aber auch an- und aufgeregt erfahren kann.

 

Die Gemeinschaft weiß, wer sie ist durch ihre Stammes- oder Nationalgeschichte; die Familie weiß, wer sie ist durch ihre Familiengeschichte; der Mensch weiß, wer er ist, durch seine autobiografische Geschichte; die Weltgemeinschaft weiß nur vage, wer sie ist und wer sie sein wird. Sie muss es noch lernen, ist aber auf dem Weg. Sie muss die unterschiedlichen Kulturen lokal bestehen lassen, sie aber global verbinden.

 

 

7. Architektur – die Gegenwart der Vergangenheit

 

Architektur ist Gedächtnis. Per se Vergangenheit, erinnert sie an vergangene Epochen. Sie ist ein hervorragendes Medium zur Festigung eines gemeinschaftlichen Gedächtnisses. Architektur erinnert an alle möglichen Merkmale der Zeit, in der sie entstand. Das ist ihr notwendiger Konservatismus. Daher bezieht Architektur ihre Authentizität. Sie ist die geronnene, verdinglichte Form von Idealen und Werten einer vergangenen Zeit in der Gegenwart.

 

Architektur vereint eine enorme Sammlung von Know-how. Sie erzählt vom Wissen und vom handwerklichen und technischen Können, sie offenbart Kenntnisse über die Herstellung und über den Umgang mit Materialien, erlaubt Aussagen über den Formengeschmack und spricht über die Art und Weise, wie die Menschen der Zeit wohnten, lebten und dachten.

 

Architektur ist die Plattform und die Bühne, auf der der Mensch lebt und sich zeigt. Haus, Dorf und Stadt sind auf Dauer, für lange Zeiträume angelegt. Darin liegt die Tradition der Architektur, die als Erinnerung an die vergangene Zeit der Gegenwart ihre Vorstellungen vom Bauen offenbart. Da bauen sich von sein herleitet, drücken sich in der Architektur auch die Vorstellungen von der Existenzweise des Menschen aus und machen Städte und Dörfer, Häuser und Straßen, Sport- und Kulturstätten zum Ausdruck einer vergangenen Lebenshaltung.

 

Das Haus ist das Gedächtnis der Sesshaftwerdung. Ein Grundelement der Architektur, entsteht es mit dem Beenden der Kultur des Jagens und Sammelns. Häuser sind nach außen gewendete Gedanken, Empfindungen und Träume. Mit dem Haus fasst der Mensch ein Stück Erdboden ein und gibt sich und der Natur eine neue Fassung. Das Haus ist ein Ort der Orientierung, auf den hin das gesamte All bezogen wird, und von dem aus der Umkreis erkundet und erobert wird. Der umschlossene und befriedete Bezirk gibt dem Menschen eine neue spirituelle und emotionale Haltung und erzeugt das Gefühl der Sicherheit. Das Haus ist das Objekt seiner schützenden, Intimität sichernden und Ordnung schaffenden Funktionen, doch auch Erinnerung an seinen Ursprung und den radikalen Wandel seiner Existenz – vom Umherstreifen zum Bleiben, vom Nehmen zum Machen und vom Sammeln zur landwirtschaftlichen Produktion.

 

Das Haus ist das Gedächtnis des Besitzes. Der erste Besitz, den der Mensch erwerben kann, ist der Besitz des Hauses, der Immobilie, die den Besitz an Boden einschließt. Hat sich der Besitz an Boden einmal etabliert, wird er zu einem hohen Wert, aus dem sich alle Arten von Besitz ableiten. Es ist der Besitz an Boden, der die Auseinandersetzungen der Stämme heftiger macht und nicht wenige Forscher gehen davon aus, dass Kriege erst mit Haus und Sesshaftigkeit entstehen.

 

So erinnern Häuser und Straßen, Markplätze und Dörfer, Städte, Burgen, Tische und Automobile immer auch an den Übergang der Jäger und Sammler zur Sesshaftigkeit, an die Entstehung von Besitz und Krieg. Als sichtbare Erinnerung sind sie eine Darstellung der Geschichte und Kulturgeschichte, so dass Architektur einen großen Bestand der Monumente in sich fasst.

 

 

8. Das Monument

 

Andere Erinnerungsorte, die ausdrückliche Hinweise darauf enthalten, dass eine Gemeinschaft Erinnerungsarbeit leisten will, sind Monumente. Nach außen verlagerte Gedächtnisse, mit den Funktionen zu erinnern, zu ehren, zu belehren und zu ermahnen. Monumente erinnern an vergangene Ereignisse wie Heldentaten, schicksalhafte Naturkatastrophen und das damit verbundene Leid, erinnern auch an großartige, widerständige Menschen und bedauernswerte Tragödien, was zeigt, dass Gedächtnis und Erinnerung wesentlich auch in der Kultur wirksam sind. Beim Betrachter sollen Monumente Gefühle wecken, die der Mensch im Gedächtnis behalten wird und durch die er sich mit der Gemeinschaft identifizieren kann. Sie sollen ihm ein Bild von der Vergangenheit vermitteln – insbesondere von ihrer Großartigkeit. Ihre Verfehlungen werden auch mitbedacht, denn der Mensch soll sowohl am Stolz, was ihm leichtfällt, als auch an der Buße teilnehmen, damit er die Geschichte annehmen, aber auch eine Distanz zu ihr gewinnen kann.

 

Monumente können Denkmale, Gedenkstätten, Mahnmale, Mausoleen, Gedenktafeln und Ehrenmale, Stolpersteine und Pyramiden sein. In der Regel Bau- und Kunstwerke, die von der Gemeinschaft erschaffen und aufgestellt werden und ihrer Kultur, Kunst und Politik dienen. In ihren Monumenten spricht eine Gemeinschaft über sich. Doch je älter Monumente sind, desto stärker begleiten sie Mythen, Erzählungen und Legenden, da ihr Verständnis der Aufklärung und des historischen Wissens bedarf.

 

Monumente mögen Reiterstatuen sein, die einen König verherrlichen, dann handelt es sich um ein Denkmal; sie können Büsten, Köpfe oder ganzfigürliche Gestalten sein, die einzelne Personen der Kultur, Politik und Kunst wie Poeten, Revolutionäre oder Wohltäter auf einen Sockel heben, dann sind es Ehrenmale; sie können ein ehemaliger Ort des Verbrechens sein, belassen und kaum verändert, dann sprechen sie für sich und sind Mahnmale; Kriegerdenkmale unterschiedlicher Szenerien ehren die Toten und sollen den Hinterbliebenen Trost spenden.

 

Mahnmale gehören in den Kontext von Leben, Tod und Bestattung. Zuerst stehen sie innerhalb geweihter Bezirke und sind baulicher Bestandteil eines Gebäudes. Wenn sie sich von dieser festen Verbindung an Wand oder Säule freigemacht haben, stehen sie frei im Innenraum. Später finden sie ihren Platz in und an profanen Gebäuden wie Palästen und Markthallen sowie zentralen Orten wie einem Markt. Am Ende wird ihre Aufstellung überall erlaubt.

 

Ein besonderes Monument ist das Kenotaph[15]. Ein Denkmal zur Ehre. Ein leeres (kenos) Grab (taphos). Ein Schein- und Möglichkeitsgrab. Eine Stätte zum Gedenken an einen verstorbenen oder noch lebenden Menschen, der schon zu Lebzeiten geehrt werden soll. Ein Kenotaph für Isaac Newton – entworfen 1784 von Etienne Louis Boulleé – ist ein so gewaltiges Gebäude, dass es nicht realisiert wurde. Eine Kugel mit einem Durchmesser von 150 Metern, die das Universum symbolisiert. Im Stephansdom in Wien steht das Kenotaph für Herzog Rudolf IV. Es besteht schon zu seinen Lebzeiten, doch die Gebeine von Rudolf und seiner Gemahlin Katharina liegen in der unterirdischen Herzogsgruft. In London in der Straßenmitte von Whitehall steht zu Ehren der Toten des Ersten Weltkrieges ein Kenotaph auf einem übermächtigen Sockel. Zum Gedenken an die Opfer durch die Atombombe und zur Mahnung an die Lebenden steht auf einem Kenotaph in Hiroshima die Inschrift: „Let all Souls here rest in Peace; For we shall not repeat the Evil.“

 

Gedächtnis und Erinnerung erlöschen mit dem Tod des Menschen. Doch die Gemeinschaft braucht die Erinnerung an ihn. Für ihre Zukunft. Darin hat das Kenotaph seinen Sinn: Der gestorbene Mensch ist unbedingt zu ehren. Auch wenn der Körper nicht anwesend sein kann, es ist die Ehrung, die seine Geschichte fortsetzt und sein Grab zu einem Monument macht, zu einem notwendigen Schlussstein seines Lebens und zu einem notwendigen Mal der Kontinuität der Gemeinschaft.

 

 

9. Schatten des Mahnens

 

Die respektvolle Begegnung der Menschen miteinander fördert ihr Wohlbefinden und kann helfen, die Welt ein Stück besser zu machen, was wiederum ihre körperlich-seelische Widerstandsfähigkeit verbessert und das Immunsystems stärkt. Dagegen schwächen unangenehme Erfahrungen und Erinnerungen an schlechte Zeiten das Immunsystem.

 

Gedenktage und Orte des Verbrechens sind Gedenken an negative Ereignisse der Vergangenheit. Sie verweisen auf Verbrechen und Mord, auf Anklage und Opfer, aber auch auf Widerstand und Hoffnung. Sie sind den im Krieg Gefallenen, den Erdbebenopfern oder den Getöteten durch Selbstmordattentate gewidmet. Doch im ständigen Beschäftigen mit den negativen Erinnerungen – und nicht selten dem moralischen Zwang zum Gedenken – überkommt den Menschen ein Gefühl der Enttäuschung und der Ohnmacht. Nehmen solche Ereignisse überhand, werden zur Manie und verbinden sich mit Schuldzuweisungen und Schuldgefühlen,[16] werden die ständigen Appelle zur Schattenseite des Mahnens: Dann verfehlen sie durch die Erstarrung in leeren Ritualen ihren ursprünglichen Auftrag – ein gemeinschaftliches Gedächtnis zu bewahren, aus dem heraus die Zukunft mit Vernunft und Hoffnung geplant werden kann. Unterstützt durch die Verkürzung der eigenen Kultur auf ihre unangenehmen Aspekte lässt die Mahnkultur in der Permanenz des Ermahnens schuldbeladene und deprimierte Menschen zurück.

 

Es ist für den Menschen von großer Bedeutung, sich der geschichtlichen Ereignisse seiner Gemeinschaft ebenso zu erinnern wie der persönlichen Geschichte, sonst würde ihm ein Stück Identität fehlen. Das Feiern des Geburtstags, des Schulbeginns und der Freundschaften ist ein Feiern der Identität. Ebenso ist die gemeinsame Trauer über ein Verbrechen in der Vergangenheit der feierliche Augenblick einer gemeinschaftlichen Verbundenheit im Schmerz. Doch ständiges Mahnen fördert keine Identität. Daniele Giglioli spricht von einer Gedenk-Rhetorik und bemerkt: „Zur Wiederholung der Vergangenheit verurteilt ist nicht, wer ihrer nicht gedenkt, sondern wer sie nicht versteht.“[17]

 

 

10. Denkmale und Brunnen

 

Monumente haben vielfältige Ursprünge. Hervorgegangen sind sie aus Vorstellungen über Götter, aus dem Umgang mit Tod und Bestattung und aus dem Bau von Brunnen.

 

In ihrer einfachen Form sind Brunnen Speicher. Trinkwasserspeicher, die eine Voraussetzung für das Überleben des Menschen sind, weshalb sich Ansiedlungen immer in der Nähe von Wasserstellen und dem möglichen Bau von Brunnen gebildet haben. Abhängig vom Grundwasserspiegel gibt es vielfältig Brunnenformen wie Lauf-, Zieh- und Stufenbrunnen, oder Artesische Brunnen. Da sie zur unteren Welt gehören, gelten sie als geheimnisvolle, rätselhafte Orte. Brunnen entstehen mit dem Verbleiben des Menschen an einem Ort. Wenn er sesshaft wird und bleibt, konzentriert er sich auf die Vertikale und gewinnt Tiefe: Opfergaben bewahrt er in der Tiefe der Schachtwände.[18]

 

Bekannt sind Brunnen seit dem sechsten Jahrtausend. Die Bibel erwähnt den Jakobs- und den Hiobs-Brunnen. Im antiken Athen wird der erste städtische Marktbrunnen als Brunnenhaus, das Nymphäum, eingeweiht. Das Haus soll die Brunnenöffnung schützen und die Wichtigkeit des Wassers für die Existenz des Menschen hervorheben. In ihm verbinden sich Haus, Brunnen und Skulptur zu einem Monument, zu einem eindringlichen Erinnerungsmal. Antike Häuser haben Zierbrunnen, christliche Basiliken Reinigungsbrunnen und in den Kreuzgängen christlicher Klöster stehen Brunnenhäuser. Quadratisch ausgemauerte Brunnen im Islam gelten als Sinnbild des Paradieses. Im Europa nördlich der Alpen gibt es Brunnendenkmale erst seit dem zwölften Jahrhundert. In fürstlichen Parkanlagen gehören Brunnen und Wasserspiele zu den wichtigen Gestaltungsmitteln der Gartenarchitektur. Brunnen sind lange Zeit und vielfach noch bis heute ein sozialer Treffpunkt. Zur Versorgung mit Trinkwasser, zum Waschen und zum Austausch von Neuigkeiten.

 

Erst mit der Erfindung von Wasserleitungen geht die öffentliche Kultur der Brunnen zu Ende. Als Speicher entstanden sie aus praktischen, lebenssichernden Motiven, doch sie haben sich rasch mit sozialen, religiösen und spekulativen Elementen verbunden und sind zu geistigen Quellen der Erinnerung an ein Leben spendendes Element – das Wasser – geworden.

 

 

11. Monumente – Religion und Politik

 

Monumente bewahren genau das, was Gemeinschaften von sich zeigen wollen. Deutlicher als in der Architektur setzen sie sich in ihren Monumenten in Szene, da diese keine vordergründigen Funktionen haben, die sie erfüllen müssen wie die Architektur.

 

Monumente sind denkwürdig und sollen Anfang und Ursprung, Initiationen und Siege anschaubar machen: Die Schöpfung der Welt durch Götter, der Sieg über Feinde durch Heroen und das Gründen von Gemeinschaften durch Könige und Bürger sollen sich in ein gemeinschaftliches Gedächtnis einprägen. Monumente sprechen Lebensthemen einer Gemeinschaft an, rufen Gefühle der Identität mit ihr wach und zeigen den einzelnen Mitgliedern, durch welches Handeln sie bei Gefahr und in Not der Gemeinschaft nützen können.

 

Hervorgegangen aus dem Befolgen göttlicher Gebote werden Göttern, Helden und Autoritäten zur Ehre Monumente errichtet, damit sich die Menschen an ihren Siegen und ihrer Siegermentalität erfreuen, sich messen, orientieren und sich an ihnen bilden.

 

Wie wichtig einer Gemeinschaft ihre Monumente sind zeigt sich darin, dass sie Anlass für große Feste sind, zugleich aber in allen Kulturen und zu allen Zeiten der Zerstörung ausgesetzt sind. In Zeiten des politischen oder religiösen Wandels werden sie aus dem öffentlichen Raum verbannt, um dem Umbruch und Machtwechsel Ausdruck zu verleihen. Die Inthronisierung ägyptischer Pharaonen wird vom Aufstellen neuer und dem Umarbeiten bestehender Denkmale begleitet. Daher sind von den unzähligen Statuen und Wandbildern Amenophis IV. nur wenige erhalten. Direkt nach seinem Tod werden sie zerstört. Zum einen schneiden die Künstler tiefer in den Stein, um das Porträt des neuen Herrschers herauszuarbeiten und dabei das alte Porträt auszulöschen, andererseits entstehen neue Wandbilder und Skulpturen, während viele der alten Werke aus der Öffentlichkeit verschwinden. Das ist immer noch ein übliches Verfahren, etwa wenn der tonnenschwere Leninkopf aus Granit unmittelbar nach dem Mauerfall 1989 in Berlin vom Sockel gestürzt und in einem Waldstück vergraben wird. Nun taucht er wieder auf als Zeuge. Als Umsturzzeuge wird er in der 2016 eröffneten Dauerausstellung Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler präsentiert, was eine enorme Dynamik von Gedenken und Vergessen sowie von Erinnern und Gedenken offenbart. Wenn im antiken Rom ein Kaiser seine Herrschaft antritt, ersetzt die Verwaltung automatisch die Porträtköpfe des Vorgängers durch die Porträtköpfe des neuen Herrschers – während Gesamtgestalt oder Torso erhalten bleiben. Wenn – umgekehrt – in Rom Bilder kippen, wird ein Kaiser gestürzt. Rebellion beginnt immer mit diesem Ritual. Es sind die Bilder des herrschenden Kaisers, die fallen.

 

Im Krieg verschleppt Napoleon die Berliner Quadriga nach Paris. Der Begriff Beutekunst ist dafür sprichwörtlich. Zwar sind solche Raubzüge schwieriger geworden, weil die internationale Institution UNESCO Monumente als bedeutsame Kulturobjekte ansieht und weltweit einer genauen Kontrolle unterzieht, doch die Zerstörung alter Kulturdenkmale wird nach wie vor – religiös, politisch und ökonomisch motiviert – praktiziert. Die absichtliche Zerstörung von Kulturgütern wie Gemälden, Skulpturen, architektonischen Werken, Kulturlandschaften und Werken der Wissenschaften, Literatur und Musik ist ein Kulturvandalismus, der seit 1954 durch die Haager Konvention zum Schutz von Kulturgütern bei bewaffneten Konflikten als ein Vergehen gegen die gesamte Menschheit angesehen und als Verbrechen sanktioniert wird. Da der Vandalismus die Auslöschung der Erinnerung an diese Kulturgüter zum Ziel hat, gelten diese Zeugen des kulturellen Gedächtnisses als schutzwürdig, denn diese Monumente als Zeugen einer vergangenen Zeit übermitteln durch ihre Erscheinungsweise elementare Aussagen über die Epoche, in der sie entstanden. Sie geben Auskunft über die Gründe für ihre Entstehung, über ihre Herstellungsweise und ihre Auftraggeber, oft auch über das religiöse oder politische Programm, dem sie entsprangen.

 

Dem Erhalt von Monumenten dient auch der Denkmalschutz. Er entzieht der Öffentlichkeit immer wieder Werke, um einer Kopie Platz zu machen, während das Original seinen Standort in einem Schutz bietenden Innenraum erhält. Wie die Kopie Karls des Großen auf dem Brunnen des Aachener Rathausplatzes – während das Original im Rathaus steht. Monumente können auch den Standort beibehalten und dennoch dem Blick entzogen werden: Aus Anlass von Bauvorhaben, bei Demonstrationen oder ausgelassener Festlichkeit wie im Karneval werden Brunnen, Bäume, Fassaden und Denkmale mit Gehäusen und Holzgestellen vor Vandalismus und Schabernack geschützt – und kurzzeitig vergessen. Monumente, die durch Sonne, Regen und korrodierende Abgase angegriffen sind, werden durch vorsichtige Eingriffe in die Oberfläche gereinigt und versiegelt.

 

Jede Zeit feiert sich in ihren Denkmalen. Sie sollen den nachfolgenden Generationen etwas Erhaltenswertes übermitteln. Allerdings spielt die Wahrheit dabei nur eine untergeordnete Rolle, denn Gestaltungsweise, Größe und Qualität zeigen oft, dass das Erhaltenswerte die vergangene Zeit überhöht und in einem zu positiven Licht anschaulich gemacht hat. Doch gerade dadurch werden die Machtverhältnisse vergangener Kulturen sichtbar und zeigen, dass Denkmale Herrschaftszeichen sind.

 

Wenn die Kirche regiert, lassen Päpste ihre Denkmale errichten. Mit allen Insignien ihrer Macht. Wenn eine Monarchie herrscht, sind es Könige, die ihre Denkmale aufstellen lassen. Im 19. Jahrhundert erkennt das Bürgertum den Wert des Monuments und greift aktiv ein in die Herstellung zu ihren Zwecken. Vor allem sind es die Träger der bürgerlichen Kultur, die dargestellt werden: bürgerliche Poeten, Politiker und Wissenschaftler.

 

Heute erlaubt das gemeinsame Regieren der politischen Repräsentanten des Volkes keine herrschaftsförmige Darstellung einzelner Personen, da sie der Demokratie und der politischen Gleichheit der Menschen widersprechen. An der Stelle übernehmen Künstler die eher private Darstellung bedeutender Personen im Zeitgeist der Moderne. Dagegen ist ein typisch demokratisches Mahnmal der Stolperstein. Ein Werk des Bildhauers Gunter Demnig. Zum Gedenken der in der Zeit des Nationalsozialismus ermordeten Menschen werden an den ehemaligen Wohnorten, oder den Orten, von wo aus sie deportiert wurden, Messingsteine in den Gehweg eingelassen mit Namen, gegebenenfalls auch Mädchennamen, Geburtstag sowie Tag und Ort der Ermordung. Andreas Nefzger hat das Denkmal in der Frankfurter Allgemeine vom 15. Mai 2016 zurecht das „größte Denkmal der Welt“ genannt. Es handelt sich um ein Monument, das bisher europaweit aus über 56.000 Steinen besteht.

 

Die Intensität, mit der der Mensch Reize empfängt, lässt sich mit der Intensität vergleichen, mit der er Monumente ansieht. Es gibt Reize, die der Mensch kaum wahrnimmt, es gibt moderate Reize, und es gibt Reize, die zu stark sind und Schmerz verursachen. Es gibt Monumente, die unauffällig sind, es gibt moderate Monumente, und es gibt Monumente, die stark sind und Schmerz verursachen können. Wie die Nachdenk-Steine von Gunter Demnig, die individuell und konkret und doch für jeden ergreifend sind. Immer wieder spielen sich bewegende Szenen ab, wenn Menschen von überall her anreisen, um dabei zu sein, wenn er den Stein eines Bekannten oder Verwandten in den Bürgersteig einsetzt. Ebenerdig eingepasst und kaum wahrnehmbar sind sie doch auffällig und so stark, dass sie Anlass für ein Innehalten und geistiges Stolpern sind. In ihrer Summe bilden sie ein globales Monument, das offen in die Zukunft wächst und eine enge Verbindung aus Gedächtnis, Geschichte und Anteilnahme, aus Erinnerung, Verantwortung und Hoffnung darstellt.

 

Literatur

 

Aleida Assmann, Geschichte im Gedächtnis, München 2014

Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 2007

Marc Augé, Die Formen des Vergessens, Berlin 2013

Hajo Eickhoff, Die Poesie der Schatten. Möbelskulpturen von Timm Ulrichs, in: Timm Ulrichs macht mobil. Möbel-Skulpturen und Installationen, S. Freiburg 1999, S. 5-19

Hajo Eickhoff, Drunter und Drüber, in: Timm Ulrichs, Gehäuse für Denkmale und Brunnen, Freiburg 2000, ohne Seitenzahlen.

Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart 2011

Daniele Giglioli, Die Opferfalle. Wie die Vergangenheit die Zukunft fesselt, Berlin 2016

Kristian Gundersen, zitiert nach http://www.deutschlandfunk.de/das-gedaechtnis-der-muskeln.676.de.html?dram:article_id=27682Bruce

H. Lipton, Intelligente Zellen. Wie Erfahrungen unsere Gene steuern, Burgrain 2007

Tanja Krämer, unter https://www.dasgehirn.info/denken/gedaechtnis/wie-erlebnisse-zu-erfahrungen-werden-2013-das-gedaechtnis/print

Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt/ M. 1997

Humberto Maturana/ Francisco Varela, Der Baum der Erkenntnis, München 1987

Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2011

 

 

© Hajo Eickhoff 20016

 

 

 


[1] Vgl. Humberto Maturana/ Francisco Varela, Der Baum der Erkenntnis, München 1987, S. 55 und 210

[2] Vgl. Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt 1997, S. 84 und 100

[3] Vgl. Bruce H. Lipton, S. 37

[4] Bruce H. Lipton, S. 37f

[5] Vgl. Astrid Erll, S. 7

[7] Kristian Gundersen, zitiert nach http://www.deutschlandfunk.de/das-gedaechtnis-der-muskeln.676.de.html?dram:article_id=27682

[8] Vgl. Aleida Assmann, Geschichte im Gedächtnis, S. 13 und 68

[9] Jan Assmann, 2007, S. 20

[10] Vgl. Harald Welzer, S. 10

[11] Zitiert nach Astrid Erll, S. 96

[12] Vgl. Astrid Erll, S. 111

[13] Vgl. Harald Welzer, S. 119

[14] Vgl. Jan Assmann, S. 2f

[15] Hajo Eickhoff, in: Timm Ulrichs macht mobil, S. 10

[16] Vgl. Daniele Giglioli, 2016, S. 16f

[17] Daniele Giglioli, 2016, S. 17

[18] Vgl. Hajo Eickhoff, 2000, 2. Seite des Textes

 

 

 

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13. Dezember 2017

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