aus Du. Die Zeitschrift der Kultur, Zürich Heft 8, 1999

 

 

 

Weisheit des Holzes

Von der Wiege bis zur Bahre

 

 

Baum und Holz

 

Holz ist das Gebein des Baumes. Streichhölzer in der Tasche haben. Lakritz essen. Auf einer Brücke stehen. Am Tisch sitzen. Holz ist der Halt des Menschen. Er braucht es aus existentiellen Gründen. Das Holz, das den Menschen auf seinem Lebensweg begleitet, markiert einen Weg der Identifikation und des Gefühls, auf dem sich Baum und Mensch Gebrauchsspuren zufügen. Der Baum ist das Symbol des Wachsens und der Dauer. Darin erkennt der Mensch seinen eigenen praktischen und mythischen Grund. Im Holz sind Baum und Bau, Kultur und Natur fest miteinander verbunden. Gebaut wird nach dem Vorbild der Schrägen des Geästes zweier Waldbäume, die ein Dach bilden. Die ersten Behausungen sind zeltartig. Schlanke Baumstämme stecken schräg im Boden und imitieren das Walddach. Die ersten gezimmerten Häuser verwenden kräftige Stämme als vertikale Stützten zur Anhebung des Daches. Die Bewegung vom Baum zum Haus vermittelt der Mensch, der dem natürlichen Gewächs ein kulturelles Gehölz hinzufügt. Einst bedeckten Wälder die Hälfte der Landmasse der Erde und bildeten ein Potential für Holz, in dem Bäume immer wieder nachwuchsen. Wo aber Ansiedlungen, Äcker und Weiden entstehen sollen, muss Wald verdrängt werden. Wo sesshafte Menschen wohnen, befindet sich meist nicht der Wald. Wo Wald ist, bleibt fast immer nur die Passage.

 

Der Baum ist im Sein verwurzelt. Er gilt als Mittelpunkt der Welt, sowohl als Sinnbild des Lebens als auch der Unsterblichkeit oder als Bild des Kosmos, wie die Weltesche Yggdrasil in der nordischen Sage. Seine mythische Kraft rührt daher, dass er senkrecht steht, wächst, sich Jahr für Jahr erneuert und die größte Pflanze seines Lebensraumes ist. Bäume können mehr als hundert Meter hoch und über tausend Jahre alt werden. Wie die Eiche. Lärchen werden bis zu dreitausend, Borkenkiefern bis zu fünftausend Jahre alt. Bäume sind Pflanzen mit aufrechtem, festem Hauptstamm. Sie gedeihen überall dort, wo genügend Grundwasser vorhanden ist. Sie speichern Wärme, schützen vor Erosion, sichern den Bestand des Grundwassers, stabilisieren das Klima, reinigen die Atmosphäre vom Kohlendioxyd und versorgen sie mit Sauerstoff.

 

Die Geschichte der Nutzung des Holzes beginnt mit der Sesshaftwerdung des Menschen. Die Sesshaften benötigen Raum für Häuser und Dörfer, für Weiden und Äcker, die sie dem Wald durch Rodung abringen, und sie sind auf Holz zum Unterhalt ihrer Ackerbaukultur angewiesen. Wälder und Bäume betrachten sie unter dem Blick der Verwendbarkeit ihres Materials zur Herstellung von Gegenständen und machen Holz zu ihrem engen Begleiter. Holz leitet sich von kládos, Ast, Zweig, Trieb ab, das auf keld und cellere, (ab)schla­gen zurückgeht. Das Abgeschlagene wird Substrat und ist frei von seiner Baumnatur. Bäume werden zu Holzlieferanten und in der Form von Wäldern selbst Holz. In einigen Sprachen wird dasselbe Wort für Wald und Holz verwendet: bois, silva, wood, Gehölz. Holz ist die kulturelle Umwandlung des Baumes durch den Menschen zu Rohstoff.

 

Dem Holz hat der Mensch ein charakteristisches Werkzeug beigesellt: den über zweitausend Jahre alten Holzhobel. Das Wahrzeichen für das Holzhandwerk und ein Kultur und Zivilisation förderndes Werkzeug. Durch ihn wird das Holz vielfältig bearbeitbar. Der Hobel steigert die Qualität und die Produktivität des Holzhandwerks. Dem Holz hat der Mensch auch typische Berufe wie Köhler, Küfer, Wagner, Büchsenschäfter, Stellmacher, Zimmerer, Drechsler oder Orgelbauer beigesellt, von denen zwei stellvertretend für das Holzhandwerk stehen: Tischler und Schreiner. Wenn es auch heute viele Holzberufe wie Böttcher oder Köhler kaum mehr gibt, der Mensch lebt noch in einer Holzwelt. Denn Holz hat Komfort. Es steht für Natürlichkeit und Qualität, für Langlebigkeit und Wärme, die den menschlichen Körper angenehm berührt. Subjektiv wirkt Holz warm, weil es der berührenden Hand weniger Wärme als andere Substanzen entzieht. Holz kann weich oder hart, glatt und biegsam sein und lässt sich gut verarbeiten. Für Musikinstrumente eignet es sich, weil es in einem mittleren Tonbereich schwingt und den Ton hält. Kein Baustoff vereint wie Holz eine große Festigkeit mit einer hohen Wärmedämmung. Wegen seiner Faserstruktur ist nur Holz spaltbar. Seine Lebensdauer ist lang: Über viertausend Jahre alte Särge der Pharaonen sind erhalten und seit Jahrhunderten steht Venedig auf Holzpfählen. Entgegen der öffentlichen Meinung ist Holz durch Feuer und Fäulnis nicht besonders gefährdet. Es fault nur dann, wenn es dem Wechsel von Feuchtigkeit und Trockenheit ausgesetzt ist. In ausgebrannten Gebäuden tragen oft verkohlte Holzstützen nicht nur die Gebäudestruktur, sondern auch ausgeglühte, kraftlos herabhängende Stahlträger. Herstellung und Entsorgung von Holz sind ökologisch. Die Sonnenenergie lässt die Bäume wachsen, die Entsorgung leisten Bakterien und Pilze, die es in seine Grundstoffe Wasser und Kohlendioxyd zerlegen. Es kann verbrannt werden und lässt sich problemlos recyceln. Viertausend unterschiedliche Holzarten bieten eine Vielfalt an Eigenschaften. Aus ihnen entstehen Wiegen und Särge, Fußböden und Schuhe, Regale und Türen, Bleistifte und Papier, Schiffe und Fässer oder Besenstiele und Flöten, Fensterrahmen und Bilderrahmen, Eisenbahnschwellen und Kegelkugeln, Armaturenbretter und Zigarrenkisten. Holz wächst nach und scheint unbegrenzt zur Verfügung zu stehen. Doch seit die gefährdenden Eingriffe in die Wälder sich als konkrete Gefahr erwiesen haben, ist der Mensch bereit, dem Holz ein Denkmal zu setzen und an seine Herkunft - den Baum - zu erinnern.

 

Die Bibliothèque National in Paris bringt das Verhältnis von Wald, Verdrängung und Buch als Kultur, Verschiebung des Verdrängten und Holz in einer bemerkenswerten Form zum Ausdruck. Wald ist das Unbewusste, das Verdrängte in einem wörtlichen Sinn: verdrängt durch Rodung. Am Wald und an der Angst, die er hervorruft, lässt sich das Innen des Menschen begreifen. Im Holz bleibt Wald als Erinnerung zurück. Dominique Perrault ist mit dem Verdrängten anders umgegangen. Er hat ein Waldstück größer als ein Fußballfeld aus einem Wald ausgraben und an die Seine befördern lassen. Er hat es verdrängt. Die Bagger und Krane haben tief in die Erde greifen müssen, da die Bäume schon hoch gewachsen waren. Um dieses künstliche Waldstück herum steht die Bibliothek. Das Verdrängte bleibt erhalten und wird an anderer Stelle wieder bewusst. Als ein nahezu identisches Waldstück. Es wird in einem neuen Kontext bewahrt als eine Art Original-Natur. Und das gerade an dem Ort, an dem alles zur Schrift geworden ist, auf Papier, das ebenfalls aus Holz besteht. Ursprung und Entwicklung des Holzes stehen in einer spannungsreichen Beziehung. Das Unbewusste, der Wald, wird als Quelle der Kreativität gelesen und verehrt. Als Denkmal erinnert der Kunstwald an die Herkunft des Buches und die alltäglichen Holzgegenstände und erhält dem Holz den mythologischen Sinn, die Existenz in der Erinnerung zu bewahren.

 

 

Das hölzerne Zeitalter

 

Die Waldkultur Europas beginnt mit dem Rückgang des Eises vor zehntausend Jahren. Die Bäume folgen auf das Eis. Birkenföhrenwälder entstehen, Eichen, Linden, Ulmen und Ahorn drängen nach Norden, begleitet von einer artenreichen Strauchschicht, später folgen Buche und Weißtanne. Die sesshaft gewordenen europäischen Völker verändern das Bild des Waldes und machen ihren Lebensweg zu einer Bahn aus Holz, auf der sich die Gegenstände aufreihen lassen, die offenbaren, dass Holz ein fundamentaler Stoff, eine Grundsubstanz der Existenz ist. Jeder Gegenstand aus Holz bildet einen Buchstaben und die Gesamtheit der Gegenstände einen Text, der die verborgene Triebfeder sesshafter Kulturen sichtbar macht.

 

Der Boden der Erde hat sich in Jahrmillionen entwickelt und Tiere, Pflanzen und eine Atmosphäre hervorgebracht, in die der Mensch gestellt ist. Um aus dem flüssigen Element heraustreten und hoch und aufrecht stehen zu können, haben Pflanzen - am ausgeprägtesten der Baum - ein Skelett erfunden, das anstelle des fehlenden Auftriebs, wie er im Wasser vorhanden ist, den Halt sichert. Das Stützgerüst ist der Stoff, den die Menschen Holz nennen.

 

Mit dem Absterben des Baumes wird Holz sichtbar. Bäume sind kein Holz. Wohl aber ist Holz der Name für ein Material, das von Bäumen erzeugt wird. Eine dünne Hautschicht unter der Baumrinde - das Kambium - stößt es nach innen ab. Ihre Jahresproduktion kann an den Jahresringen abgelesen werden. Jäger und Sammler nutzen das, was die Bäume von sich aus preisgeben: Früchte, abgebrochene Zweige, Blätter, entwurzelte Stämme. Sesshafte zwingen den Baum.

 

Bevor der Mensch mit Holz arbeitet, arbeitet die Natur am Holz. Unter Hitze und Druck werden untergegangene Wälder zu Torf, Braunkohle und Steinkohle, die der zivile Mensch als fossile Brennstoffe nutzt. Seit der Sesshaftwerdung entnimmt der Mensch seiner Umgebung Stoffe und Formen, gestaltet sie und macht sie zu seinen Gegenständen. Er erweitert sein Wissen und verdichtet sein Können, durch das er die Natur immer effektiver in gestaltete und funktionierende Objekte transformiert. Zunächst wird das Dunkel des undurchdringlichen Waldes gelichtet, um den Menschen, die nicht mehr umherziehen wollen, einen Ort zu geben. Die erhöhte Produktivität infolge der Sesshaftigkeit führt zur Arbeitsteilung und zur Entstehung der Stadt, die den Holzverbrauch gewaltig erhöht. Vom Zeitpunkt der Entstehung der ersten Häuser bis zur Zeit der Industrialisierung wird die europäische Kulturgeschichte auch hölzernes Zeitalter genannt, das Neolithikum, Bronze- und Eisenzeit in sich fasst. In dieser Zeit ist Holz ein Hauptstoff der menschlichen Produktivität.

 

Mit dem Vordringen der Zivilisation wächst der Eingriff des Menschen in den Wald, was bereits in der Antike zur Krise geführt hat. Für den Kriegsschiffbau haben Griechen und Römer ihre Landschaft entwaldet, die heute verkarstet ist. Eine Bewaldung der Berge und ihrer Hänge bleibt für immer unmöglich. Der fruchtbare Waldboden wurde in die Täler gespült oder ins Meer. Die größte Steigerung des Holzverbrauchs erlebt Mitteleuropa, in dem das hölzerne Zeitalter seinen Höhepunkt in der Zeit vom Spätmittelalter bis zur Industrialisierung hat. Städte entstehen, der Bau von Schiffen, Waffen und Gerätschaften sowie die Herstellung neuer Stoffe wie Glas und Metall verschlingen enorme Holzmengen. Mit dem Beginn der Industrialisierung neigt sich das Holzzeitalter seinem Ende zu. Zwar arbeitet die Industrie den Rohstoff Holz noch einmal durch und steigert den Holzverbrauch in einem solchen Ausmaß, dass im 19. Jahrhundert in vielen Gegenden Holznot herrscht, doch der Konsum industriell gefertigter Rohmaterialien steigt unaufhaltsam. Von den frühen Häusern ausgehend wird der Naturstoff Holz in einem gewaltigen Prozess in ein geistiges und ziviles Material überführt. Seine Beschaffenheit und seine Aggregatzustände werden in all ihren Möglichkeiten durchlaufen und ausgeschöpft, bis der Mensch die kalten und spröden Substanzen Beton, Stahl, Glas und Plastik anstelle des Holzes zu einem Grundstoff der Produktion macht. Am weitesten hat er sich mit dem künstlichen Stoff Plastik vom natürlichen Stoff befreit. Dennoch greift er massiver denn je in den Wald ein und wandelt die in Jahrmillionen gewachsene Struktur in eine vom Menschen gemachte Ordnung, die den Menschen und die Natur in ihrer Vielfalt, Dynamik und Lebendigkeit existentiell gefährdet. Das unsichtbare Band, das viele zivile Kulturen eint, ist das Streben nach Unabhängigkeit von der vorgegebenen Natur.

 

Vom Holz sind fast alle Dinge unseres Lebens berührt. Holz ist einer der universellsten und vielseitigsten Stoffe, den die Erde hervorbringt. Zugleich ist es der einzige Stoff, der zu seiner Verwendung als Baumaterial für den Menschen bereits in der Natur vorhanden ist. Anders als synthetische Stoffe ist Holz da und in einem unmittelbaren Sinn Physik. Das griechische phýesthai bedeutet entstehen und wachsen. Holz existiert in verschiedenen Gestalten und Zuständen: Ein Gegenstand kann direkt aus Holz hergestellt sein. Er kann Holz aber auch zu seiner Herstellung bedürfen. Etwa als Energiequelle für einen Großteil anderer technischer Energien wie Dampfkraft, Wärme und Elektrizität, die auf der Verbrennung von Holz beruhen. Holz kann aber auch Papier, Teer, Holzgas, oder Kohle und Rohstoff für verschiedene Industriezweige sein.

 

Seine Vielseitigkeit zeigt Holz als Buchenholz im Bugholzverfahren, nach dem der Wiener Caféhaus-Stuhl hergestellt wird. Es wird gesägt und zerrissen, geschabt, gewässert und erhitzt, umgeformt und verleimt. Es wird zu Furnieren geschält, unter enormem Druck befeuchtet, in riesigen Pfannen in Leim gekocht, gepresst, mit Hilfe von Maschinen gebogen, in Formen gebracht, getrocknet und dann von Schreinern traditionell bearbeitet. Später verwendet man massives Holz, weicht es auf, staucht Fasern, die absplittern könnten, biegt es und lässt es in Formschablonen austrocknen. Der Leim und die Stauchvorrichtungen sollen das Zurücklaufen des Holzes in die alte Form verhindern. Das Naturprodukt Holz erhält zu seiner Form und seinen charakteristischen Qualitäten seine technisch erzeugten hinzu. Als Holz, Form und Idee geht der Baum in den Stuhl ein, der zur geistigen Form des Baumes wird und als Verharren und Dauer von einer weiteren Stufe der Geschichte der Sesshaftwerdung und von Holz und Geist erzählt.

 

Papier ist das verflüssigte, zu dünnen Scheiben getrocknete und in verschiedene Formate gebrachte Holz. Es dient der Hygiene, der Verpackung und der Aufnahme von Schrift zur Buchhaltung und der Überlieferung von Geschichten, Gedanken und Erkenntnissen an nachkommende Generationen. Das Wort Papier kommt von Papyrus, das seit dem dritten Jahrtausend als Schriftuntergrund dient. Seit der Neuzeit ist Holz als Papier der Hauptträger der abendländischen Kultur. Einer der Gründe für großflächige Eingriffe in den Wald ist der hohe Verbrauch der Industrienationen an Papier, dessen Herstellung in hohem Maß Wasser und Luft belastet.

 

 

Mythos und Holz

 

Der Baum ist ein Element der Natur, das den Menschen an sich selbst erinnert. Er identifiziert sich mit der Gestalt des Baumes. Beide stehen aufrecht auf dem Boden und wachsen in ähnlicher Weise: Sie dehnen sich in der Breite und wachsen in die Höhe. Mensch und Baum beziehungsweise Holz werden in ihren Eigenschaften verglichen. Aber Baum und Holz überleben den Menschen. In ihrem viele Menschengenerationen überdauernden Alter gelten Bäume als Träger von Weisheit. Die Frage nach dem Holz ist, auf dem Umweg über den Baum, eine Frage nach dem Wesen der Welt.

 

In archaischer Zeit nimmt der Baum innerhalb des geistigen und religiösen Lebens vielfach eine zentrale Stellung ein. Durch seine Höhe verbindet er Himmel und Erde. Er ist das Bild der Weltachse, der axis mundi. Steht ein realer Baum für die Weltachse, steht oft neben dem Baum ein Kultbaum. Ein entrindeter Stamm, an dem deutlich wird, dass der Mensch schon früh versucht, den Geschöpfen der Natur eigene, menschliche Geschöpfe zu Seite zu Stellen. Wie den Totempfahl der Indianer, einem kunstvoll gearbeiteten Holzstamm, der ein Bild der Ahnen ist.

 

Ein psychologischer Test aus der Kinderdiagnostik veranschaulicht den Gedanken von der Wesensverwandtschaft von Baum, Mensch und Bau. Ein Kind wird aufgefordert, ein Haus, sich und einen Baum zu zeichnen. Das Kind soll seine Befindlichkeit in der Welt und in seinem Körper jeweils durch den eigenen Körper, den des Baumes und den des Hauses ausdrücken. Nacheinander fühlt sich das Kind in den Grund, in die Mitte und den Kopf von Baum, Haus und Mensch ein und erkennt sich in ihnen. Haus, Mensch und Baum sind archaische Formen im Unterbewusstsein und bilden eine existentielle Einheit. Wie nah der Test nicht nur die Wirklichkeit des Kindes trifft, zeigt die Herkunft des Wortes Bau und bauen, die sein, wachsen, gedeihen bedeuten, was gerade den Baum charakterisiert: Gewächs zu sein. Im Bau des Hauses hat der Mensch das natürliche Wachsen des Baumes mit Hilfe des Bauholzes in ein kulturelles Wachsen der menschlichen Behausung übertragen. Die empfundene existentielle Verwandtschaft von Mensch und Baum lässt Baum und Holz im Mythos als Stoff der Erlösung erscheinen.

 

In der Arche Noah, im Kreuz Christi, im Tjuringa, im Totempfahl, im Stuhl. Die Arche ist ein Symbol des Überlebens und der Errettung der Menschheit aus der Not. Dank des Holzes hat die Menschheit eine Krise überwunden, ausgelöst durch eine lang dauernde Flut. Nach der Katastrophe sind alle Lebewesen gerettet und ihre Geschichte beginnt von neuem. Das Holz der Arche Noah soll nach dem Mythos vom paradiesischen Baum der Erkenntnis abstammen, das Holz des Kreuzes Christi von der Arche. Von der Erlösung des Menschen durch den Erhalt des Feuers spricht die Sage des Prometheus, der den Menschen in Form glühender Holzkohle das Feuer und damit Erkenntnis bringt. Es ist die Aufgabe des Holzes, das mit der Erlösung und Befreiung gegebene Wissen durch die Geschichte zu tragen. Holz erweist sich als Speichermedium. Es ist ein Medium der Information, als das in Form Gebrachte. Erkenntnis ist zweifach an Holz und Baum gebunden: im paradiesischen Baum und im prometheischen Feuer. In der Gegenwart wandeln sich Erkenntnis und Dauer, die im Holz bewahrt sind: Im Zeitalter der Information ist Holz nicht mehr das bestimmende Material und Information etwas anderes als Weisheit.

 

Die Aborigines kennen noch eine der ältesten Arten Feuer zu machen: das Feuerbohren. Dafür eignet sich das Holz des Eisenholzbaumes, einer Akazienart mit besonders hartem Holz. Das harte, gespitzte Holz wird auf einer weichen Holzunterlage schnell und gleichmäßig gedreht und bringt Holzmehl zum Glimmen. Trockenpilze, die darauf gelegt werden, entfachen das Feuer. Auch der mythologische Sinn des Holzes ist bei den Aborigines sehr hoch. Ein unscheinbares Holz - gelegentlich auch ein Stein - ist das Tjuringa. Es heißt Seelenholz. Bei der Geburt eines Kindes wird es ausgesucht, bemalt, an einem heiligen Platz versteckt und einmal im Jahr gesalbt. Das Seelenholz gilt als der unvergängliche Leib eines Menschen und als Lebenskraft des Stammes. Geht es verloren, ist der Stamm zum Untergang verurteilt. Der Abschreckung böser Geister dient das Schwirrholz. Es ist ein flaches Brett, das an einem Seil befestigt schnell im Kreis gedreht wird und ein dröhnendes Geräusch erzeugt. Für die Warramunga und Amanda ist das Schwirrholz der Sitz eines Ahnengeistes.

 

Der Philosophie ist Holz als Grundstoff und Weg ein Thema. Im Gelände auf ein undurchdringliches Dickicht oder eine schroffe Felswand stoßen, an einen Weg, der nicht weiterführt, nennen die Griechen Unweg oder Aporie, die Verneinung von Pore, das Weg bedeutet. Sokrates und Platon sind solche Momente schöpferisch, da sie die Kreativität herausfordern, einen Ausweg zu finden. Philosophische Unwege sind Widersprüche wie Paradoxien und Aporien, die Anstöße zum Innehalten und Philosophieren geben können. Unwege machen den Lebensweg symbolisch zum Holzweg. Die sprichwörtliche Redensart „Auf dem Holzweg sein“ verweist auf einen Notstand. Es bedeutet nicht voran können, am Ende eines Weges oder im Irrtum sein. Martin Heidegger hat seiner Aufsatzsammlung Holzwege eine Definition vorangestellt: „Holzweg lautet ein alter Name für Wald. Im Holz sind Wege, die meist verwachsen ja im Unbegangenen aufhören. Sie heißen Holzwege. Jeder verläuft gesondert, aber im selben Wald. Oft scheint es, als gleiche einer dem anderen. Doch es scheint nur so. Holzmacher und Waldhüter kennen die Wege. Sie wissen, was es heißt, auf dem Holzweg zu sein.“ Philosophisch bedeutet Holzweg, sich ins Unfertige, Widerspenstige, Struppige zu begeben, nie direkt ans Ziel zu kommen. Der Weg muss immer wieder neu bereitet, begangen, seine Richtung geändert werden. Philosophie hat es nicht mit dem Eindeutigen, Geradlinigen und Endgültigen zu tun.

 

Für Aristoteles ist der Grundstoff der Welt Hyle, das Holz bedeutet. Die Möglichkeit, die in ihr ruht, ist die Möglichkeit zur Form. Allem Werden und Vergehen liegt Hyle zugrunde. Holz ist kein Gegenstand, sondern als Rohstoff bereit, geformt zu werden. Entweder enthält es eine Form wie ein Fensterrahmen, bleibt aber Holz, dient als Brennstoff oder wird in einen anderen chemischen oder physikalischen Zustand gebracht.

 

 

Von der Wiege bis zur Bahre

 

Holz begleitet den einzelnen Menschen auf Schritt und Tritt seines Lebensweges. Es arbeitet an allen Sinnen, fördert ihr Zusammenwirken - ihre Synästhesie - und schafft Identität. Seine veränderliche Physik berührt den Menschen. Holz arbeitet: Es ist warm, passt sich an, lässt sich nageln, bietet also Widerstand, riecht, federt und gibt nach. Holz wächst mit dem Benutzer mit. Seite an Seite verändern sich der Mensch und das Holz seiner Gegenstände. Seine Benutzerspuren sind dessen Falten. Es ist, als wenn der Mensch den Wald auf seiner Reise in die Zivilisation mitgenommen hat: ins Haus, in die Stadt, auf die Kegelbahn und in die Träume. Bildlich betrachtet lebt der moderne Mensch bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein noch im Wald. Nicht im Wald, den der Kosmos erschuf, sondern im zivilisierten Wald, dem Gehölz.

 

Kaum ist der Mensch geboren, wird er auf Holz gebettet: in der Wiege. Später trifft er auf Holz, das charakteristisch für seine Gesellschaft und die Epoche ist, in der er lebt. Von der Kindheit über die Jugend, über das Erwachsensein und das Greisenalter bis zum Tod ist Holz ein steter Begleiter des Menschen. In bestimmten Lebensabschnitten hat jeder mit denselben Gegenständen zu tun. Wie der Mensch schon früh auf Holz trifft, so scheidet er auf Holz gebettet aus dem Leben: zuerst auf dem Totenbett, dann im Holzsarg.

 

Bewohner traditioneller Häuser leben umgeben von Materialien, die ohne technische Veränderungen in der Natur vorkommen. Fußböden und Schwellen sind aus Holz. Hier krabbelt das Kind. Die Schwellen simulieren Hügel, sind die ersten Hindernisse und das erste zu untersuchende Material. Die Rillen zwischen den Brettern erscheinen wie Rinnsale oder Gräben, erste Abgründe, die Maserungen und Astlöcher werden zu Bildern, die die Phantasie anregen. Auf dem Holz des Bodens erhebt sich das krabbelnde Kind allmählich. Hier steht es zuerst.

 

Verschlossene Kommoden, Tischschubladen und unerreichbare Schränke sind kommunikative Möbel. Immer verschwindet etwas, erscheint wieder, um wieder zu verschwinden. In Märchen haben sie ihren festen Ort. Tisch und Stuhl sind intime Möbel. Der Stuhl berührt den Körper des Sitzenden unmittelbar. Als allgemeines Gerät findet diese Berührung über viele Stunden des Tages statt. Der Tisch ist die strategische Fläche, auf der die Arbeit vorbereitet und ausgeführt wird. Er kann zum Zentrum des Zugangs zur Welt werden. So beginnt eine Bindung des jungen Menschen an Geräte der Erwachsenen. Beide Möbel erzwingen eine Haltung, doch die kulturelle Formung erlaubt persönliche Bezüge wie den Lieblingsstuhl oder die individuelle Ordnung auf dem Tisch.

 

Auch das Treppengeländer gehört in die Kindheit. Es bietet beim ersten Weg aus der Wohnung heraus seitlich Halt. Der Handlauf des Geländers ist ein Ziel des Kindes. Er wird noch nicht erreicht, aber an ihm richtet es sich auf. Das Geländer hilft bei der Ausbildung der Balance und des Tiefensinns und sichert und beschleunigt das Steigen. Wird der Weg beherrscht und ist der Handlauf erreicht - der Tastsinn an ihm geschärft -, gehört das Geländer dem Kind. Seine Funktionen werden untersucht und es kann zur Rutsche werden oder zum Halt eines imaginierten Bergsteigens. Treppen sind abenteuerliche Wege in der Vertikalen.

 

Der Bleistift besteht aus dem leichten Holz der Zeder oder der Linde. Er verbindet sich mit dem Zeichnen und mit der Schule. Die Mine aus Graphit und Ton ist in einen Holzmantel eingebettet. Der Bleistift erlaubt vielfältige Berührungen. Zum Schreiben gedacht, veranlasst er eine Menge verschiedener Tasterfahrungen. Wird er an den Mund geführt, wo er ruht oder am stumpfen Ende angekaut wird, oder gleitet er auf verschlungenen Wegen wie ein Rosenkranz durch die Finger, unterstützt er das Innehaltenkönnen und das konzentrierte Denken. Hinters Ohr gesteckt macht er beidhändige Arbeit möglich. Ist er neu, wird er sorgfältig behandelt, bis er die erste Patina bekommt, die den Wert des Bleistifts erhöht. Er erinnert an die ersten Übungen mit Griffel und Buntstiften und an den Triumph der Beherrschung seiner bewussten Funktion: dem Schreiben. Mensch und Bleistift gehen umgekehrte Wege. Der eine wächst, der andere wird kleiner. Aber je kleiner der Stift wird, für desto klüger kann sich sein Benutzer halten.

 

Die Geige ist für das Tasten und das Hören gemacht. Sie ist nicht, wie der Bleistift, ein allgemeines Instrument zur Einübung in die Schriftkultur, sie festigt und differenziert eine bereits gebildete innere Formung. Für ihre Elemente unterscheidet der Geigenbauer das Holz sehr genau. Wenn er anfängt, hat das Holz aufgehört zu arbeiten, es muss also gut und lange gelagert haben. Die Decke der Geige besteht aus Fichtenholz, das hervorragende Schwingeigenschaften besitzt. Boden und Zarge bestehen aus Ahorn. Das schwarze Griffbrett ebenso wie die Wirbel, die die Saiten spannen, sind aus Ebenholz, das harte, schwere Kernholz der Dattelpflaume. Es muss den Schweiß abweisen und dem Druck der Saiten widerstehen sowie den Abrieb der Wirbel klein halten. Auch der hohe Steg, über den die Saiten verlaufen, besteht aus hartem Holz. Das feste Drücken auf die Saiten und das Griffbrett überzieht die Fingerkuppen nach und nach mit Hornhaut, die das Spielen erst ermöglicht.

 

Entlang all dieser Hölzer und Holzgegenstände entwickelt sich das Leben, mit dem die zivile Welt ein Stück Natur simuliert und an dem sich der Mensch ausrichtet. Selbst ein Kind, das in einer Neubauwelt lebt, die eine Welt künstlicher Dinge und Apparaturen ist, kommt mit Holz in Berührung. Vielleicht später und weniger intensiv, aber eines Tages wird es das Holz entdecken. Ihm mag Holz auch fremd bleiben, aber es wird doch erkennen, dass Plastik das jüngere Material ist. Obwohl neue Materialien die Holzerfahrung verdrängen, bleiben die Menschen dem Holz treu, da es ein Stoff und ein Bild ihrer Existenz ist. Einerseits streben viele Eltern danach, ihre Kinder sofort mit Holz in Berührung zu bringen, da sie an den günstigen Einfluss auf die Entwicklung und die Kreativität glauben. Andererseits suchen Menschen immer stärker ihre Ständigkeit ohne den Reflex auf die Natur in der Selbständigkeit oder in der Orientierung an den synthetischen Erzeugnissen. Fußböden aus Beton, Treppengeländer aus Stahl, Möbel und Schreibstifte aus Kunststoff. Oft wird empfohlen, für Kinder Plastikgeräte zu verwenden, da Plastik nicht splittert und hygienischer als Holz sei. Plastikgeigen als Alternative zur Holzgeige wird es aber wohl nicht geben. In dem Maß, in dem die Umwandlung von Naturstoff in Kunststoff zunimmt, suchen immer mehr Menschen den Umgang mit Holz.

 

Winzige und alltägliche Dinge können das Holz ins Bewusstsein bringen. Jeder Holzgegenstand hat für die Sinnesorgane und für Funktionen des Handelns unterschiedliche Tauglichkeit. Kleine Holzdinge sind Knöpfe, Mikadostäbchen, Streichhölzer, Wäscheklammern oder Zahnstocher. Streichhölzer sind klein und im Querschnitt quadratisch. Ihre Quadratform macht sie einfach herstellbar, die Kleinheit und das leichte und weiche Pappelholz garantieren, dass die Wärmemenge, die der Phosphorkopf erzeugt, ausreicht, das Holz zu entzünden. Sie sind aber lang genug, um sie einige Sekunden zwischen den Fingern halten und etwas anzünden zu können. Alltäglich sind Kochlöffel, Schneidebretter und Arbeitsplatten. Aufwendige Kleiderbügel bilden den Halsbereich und die Weite und Tiefe der Schultern nach. Einfache Varianten imitieren nur die Breite der Schulter und sind zur Stützung des Kragens mit einer schmalen Holzrolle ausgestattet. Jacke und Mantel auf dem Bügel schaffen ein abstraktes Abbild des menschlichen Oberkörpers.

 

Holz hat Geschmack. Der eingedickte Saft der Wurzel des Süßholzbaumes heißt Lakritz, das als Arznei den Husten löst, und das mit Zucker, Sirup und Gummiarabikum angereichert zur bekannten Süßspeise wird. Für den Geschmack hochwertigen Weins - des Barrique-Weins - werden Eichenfässer verwendet. Neue Fässer für jeden Jahrgang.

 

Der Traum von der Überwindung der Angst vor der Ungewissheit und dem Schwanken kommen im Boot zum Ausdruck. Boote sind schwimmfähige Hohlkörper, die Menschen und Dinge transportieren können. Der Mensch löst sich vom festen Fußboden der Kindheit. Bootfahren gibt ihm Vertrauen, indem es erlaubt, das Stehen auf festem Grund zu verlassen. Symbolisch befindet er sich auf den Planken des Bootes noch im Wald, hat seine Seinsweise aber um die des Seefahrers erweitert.

 

Die Leiter ist die Aufhebung der festen Integration der Treppe ins Gebäude. Auch in ihr hat sich der Erwachsene von der Kindheit gelöst. Der Benutzer muss ohne Geländer auskommen. Zeichenhaft wiederholt die Holzleiter den Baum, der für die Himmelsleiter steht. Die Leiter gilt als Bild für die Karriere. Wer die Leitung hat, ist Vorgesetzter oder Chef. Beide, die Leiter und der Leiter leiten, geben einem Weg eine Richtung. Der Leitersturz, einer der häufigsten Unfälle, zeigt aber, dass im Verlassen der gesicherten Ebene, in der Erhöhung über die anderen immer Gefahr lauert.

 

Wer kein Handwerk ausübt, findet im Heimwerken die Nähe zum Holz. Die Holzwerkzeuge und das Material bilden einen Kontrast zu den glatten, geruch- und geschmacklosen, standardisierten modernen Materialien. Das individuelle Einrichten und das Beschäftigen mit Holz stehen bei Bastlern im Vordergrund. In der Bearbeitung wird das Holz betastet, begriffen, sein Widerstand erfahren und der Geruch seiner ätherischen, pflanzlichen Öle freigesetzt. Ätherisch bedeutet brennend und glühend und ist ein Hinweis auf das flüchtige Element. Spirituelle Kräfte und Substanzen sind es, die der modernen Welt das Holz bewahren.

 

Am Ende des Lebensweges kehrt der Mensch zu Erde und Wald zurück. Ruhe findet er in zahlreichen Kulturen in einem Holzbett, dem Sarg. Da er der Erde zurückgegeben wird, wird es keine Plastiksärge geben, denn das Holz des Sarges ist die Scheidewand zwischen Kultur und Natur, durch die hindurch der Mensch in den kosmischen Kreislauf eintritt. Der Tod ist wie die Geburt die Pforte zu einem neuen Weg, deshalb sind Bett und Sarg eins: Der Tote wird gebettet und aufgebahrt. Subjektiv wird der Tod im Abendland eher als Wegende empfunden. Als Endgültigkeit. Das Sterben führt dann ins Weglose des sprichwörtlichen Holzweges. Darin gleichen sich Holzweg und Tod.

 

 

Holzweg Irrweg Chance

 

Der Mensch könnte noch Milliarden von Jahren auf der Erde leben, verfügt aber nur noch für ein paar hundert Jahre über fossile Energiequellen. Ein Blick auf die gegenwärtige Welt zeigt eine ungeheure Zerstörungsgewalt gegen Wald, Wasser, Luft und Klima. Eine genaue Betrachtung und eine Deutung der Zeichen des Holzes - seine Entwicklung, die Abfolge seiner Gestaltungen, das Anwachsen seiner Masse, seine Verwandlung in andere Zustände und sein Ersetztwerden durch künstliche Materialien - offenbart mehr als bloße Zerstörungswut. Es illustriert die Arbeit des Menschen am Naturstoff und seine Transformationen in eine Kunstwelt. Das Zerstören ist eine Folge der Art und Weise, nach der der Mensch transformatorisch an der Natur arbeitet. Die Unterscheidung von Zerstören und Transformieren hat praktische und philosophische Konsequenzen. Sie führt zur Einsicht, dass der Antrieb zur Transformation den Kern des Programms der Zivilisation bildet, deren ungeschriebenes Gesetz es ist, Natur zu zivilisieren und in eine dem Menschen als angemessen erscheinende Welt zu überführen. Diesem Umformungsstreben liegt der unbewusste Wunsch zugrunde, Natur restlos zu einer vom Menschen erarbeiteten Technik- und Kunstwelt zu machen. Daraus folgen der Holzweg und die Krise des modernen Menschen.

 

Die Chance zur Überwindung der Krise besteht darin, dass der Wunsch nicht realisierbar ist. Den Stoff Holz braucht der Mensch aus praktischen Gründen, andererseits ist er ihm und seinem Komfort emotional zugeneigt. Diese Erkenntnis und die Hingabe an den Naturstoff erlauben, die Zwangsläufigkeit der düsteren Entwicklung ideell aufzuheben. Die Zivilisation ist nicht umkehrbar, ihre Form aber kann geändert werden. Das ist es, was ins Bewusstsein gelangen muss. Würden die Sesshaften die Natur nur um der Nutzung oder Vernichtung willen zerstören, könnten sie durch Sanktionen gemindert werden. Da sie aber unbewusst der Devise folgen, die Natur umzugestalten, werden mit Verboten, die zudem oft umgangen werden, die Symptome begrenzt, die Ursachen aber außer acht gelassen. Der Mensch setzt sich nicht genügend mit seinen Grundmotiven auseinander, die er vor Jahrtausenden ausgebildet hat und in denen sein Denken und Handeln begründet ist. Er könnte sich bewusst machen, dass eine Alternative zum Verkünstlichen alles Natürlichen von seinem vorhandenen Wunsch unterstützt werden kann, überhaupt in der Natur zu leben, als ein Wesen, das selbst Natur ist. Denn wird der unbewusste Zivilisationsplan einmal zu Ende gedacht, würde sich der Mensch schließlich selbst vernichten.

 

Kulturgeschichtlich offenbart sich der Holzweg als ein äußerstes Alarmsignal. Denn die Betrachtung der Sesshaftwerdung vermittelt, wie wir sehen können, die Geschichte eines Naturstoffes, des Holzes, der ebenso wie das Gattungswesen Mensch verschwinden könnte. Individualgeschichtlich ist der Holzweg zur Allegorie auf das Leben geworden. Von der Wiege bis zur Bahre lebt der einzelne umgeben von Holz. Philosophisch auf dem Holzweg sein bedeutet, den Weg offen zu halten und Denkrichtungen zu ändern. Eine Offenheit, die sich in Krisen als überlebenswichtig erweist und die auch in Krisen entstehen kann. Der moderne Mensch sägt mit seinem Holzverbrauch und der Vernichtung von Wald an dem Ast, auf dem er sitzt. In der Offenheit im Rahmen der Globalisierung, die die Ambivalenz des Zivilisationsplanes weitertransportiert, muss er sich bewusst werden, dass er die Vernichtung des Waldes verhindern kann. Da das Vorkommen des Holzes erdumfassend ist, bietet die Globalisierung auch die Chance zu seiner Erhaltung. Wenn der Mensch eine Zukunft haben soll, muss er in größerer Übereinstimmung mit den Reproduktionszyklen der Natur leben und den Holzweg dreifach erhalten: als Denkfeld, als Individuallaufbahn und als Kulturstoff. Dem Weg des Menschen gibt das Holz eine Richtung an.

 

 

© Hajo Eickhoff 1999

 

 

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13. Dezember 2017

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