aus Herbert Neidhöfer/ Bernd Ternes (Hrsg.), Was kostet den Kopf. Ausgesetztes Denken der Aisthesis zwischen Abstraktion und Imagination. Dietmar Kamper zum 65. Geburtstag, Marburg 2001

 

 

Atem der Sinne

 

 

Noch vor wenigen tausend Jahren lebte der Mensch inmitten der Natur. Im Rhythmus der Jahreszeiten folgte er den Tieren, dem Gang der Sonne, dem Reifen der Früchte. Heute steht er mit derselben biologischen Grundausstattung inmitten einer Kunstwelt, erdrückt von einer Flut medialer Bilder. Der modernen Welt ist Natur nur noch eine Chiffre, um der Sehnsucht einen Ort zu geben. Der Weg zu dieser Fülle beginnt mit dem Bau des Hauses, das in die Leere der Natur gestellt wird.

 

Der Beginn einer jeden Kultur wird durch Mythen legitimiert. Das sind mündliche Überlieferungen innerer Bilder. Gesungene oder gesprochene Sagen. Erzählt wird von Göttern und der Entstehung der Welt, vom Ursprung der Gemeinschaft, von ihren ungewöhnlichen Ereignissen und von heroischen Taten einzelner. Nach demselben Muster der Schöpfungsmythen, die als Beispiel dafür gelten, wie die Welt entstand, sollen alle gemeinschaftlichen Handlungen begonnen werden. Was sich auch ereignen mag, es soll sich nach der Logik des gehörten Wortes ereignen.

 

Die inneren Bilder sind Reflexe auf die äußere Welt und Teil der Aneignung des Außen. Sie sind der Atem der Sinne und sorgen für deren Lebendigkeit. Die Sinne nehmen einzelne Reize auf und werden erst durch die Miterregung (Synästhesie) anderer Sinne und die Deutung des Menschen zu einer Gesamtheit. Der Mythos ist eine solche Deutung, eine mögliche Ordnung der Welt, hervorgebracht durch die Einbildungskraft. Er stellt eine Weise der Weltaneignung und der Orientierung dar. Der lange Weg von archaischen Kulturen zur modernen Welt ist der Weg von einer gesprochenen und gesungenen Weltordnung zu einer gesehenen Weltordnung: vom Weltklang zum Weltbild, vom Ohr zum Auge und durch die Reduktion auf das Auge von der Synästhesie zur Anästhesie. Welt und Wahrheit sind das, was durch einen Mythos gesegnet ist. Ein Mythos ist das Gedächtnis und das spirituelle Zentrum einer Gemeinschaft und die Basis dessen, was sie für Wirklichkeit hält. Der Mythos festigt das Gemeinschaftsgefühl, das im gemeinsamen rituellen Handeln zum Ausdruck kommt und dem einzelnen Identität und Lebenssinn gibt.

 

Kulturen knüpfen an eine vorhergehende Kultur an und entwickeln sich in Stufen und Brüchen. Da solche Einschnitte das Gleichgewicht stören und Krisen verursachen, wird der Kanon aus Wissen, Verhaltensweisen und Arbeitsformen in eine neue geschlossene Ganzheit überführt und durch neue Tabus geregelt. Am Beginn einer jeden Kultur stehen Frevel und Tabuübertretung. So war der Bau des Hauses ein gewaltiger und zugleich ein gewalttätiger Akt, weil sich die sesshaft werdenden Stämme gegen alte Gebote ihres Daseins als Sammler und Jäger behaupten mussten. Mit der Produktion von Mythen wird zugleich ein emotionales, sinnliches Derivat des Denkens etabliert. Die Ordnung der inneren Bilder trägt aber in sich die Tendenz zu mehr Abstraktion, zu mehr Klarheit der Ordnung. Mit dem Bau des Hauses werden Maßnahmen der Kontrolle, Planung und Zurückhaltung erforderlich, durch die sich Formen des abstrakten Denkens entfalten, die mit dem Leben des Menschen in Städten weiterentwickelt werden und mit der Erfindung der Schrift ein geeignetes Medium erhalten.

 

Die abendländische Kultur muss mit dem Niedergang des Römischen Reiches den Prozess der Entstehung von Haus, Stadt und Schrift noch einmal beginnen – obwohl ihr Schöpfungsmythos bereits schriftlich vorliegt. Der biblische Schöpfungsmythos ist ein Bericht von der Schöpfung der Welt und der Entstehung des Menschen durch Gott, ein heiliger Text, der ein Bilderverbot enthält: der Mensch soll sich von Gott und seiner Heiligkeit kein Bild machen. Der christliche Mensch umgeht das Verbot, bevor er es bricht. Bis hinein ins dritte nachchristliche Jahrhundert hat sich die Praxis eingestellt, Gott symbolisch als Auge oder als Hand, die aus den Wolken ragt, wiederzugeben und Jesus Christus als Fisch oder guten Hirten. Bereits Ende des vierten Jahrhunderts erscheint Christus auf Wandmalereien in der Gestalt thronender, römischer Kaiser. Zweihundert Jahre später wird Maria, als Mutter Christi, bildwürdig, im zwölften Jahrhundert erscheint Gott selbst als anthropomorphes Wesen, in der Gestalt eines bärtigen Greises. Mit Gott als letztem Element des Heiligen wird im selben Jahrhundert das Zentrum der christlichen Theologie darstellbar, die Heilige Dreifaltigkeit: Vater, Sohn und Heiliger Geist als ein Bildmotiv, als Gnadenstuhlbild. Anders als in der jüdischen und islamischen Religion haben sich mit der Intervention der christlichen Kirche trotz des biblischen Verbotes die Bilder behauptet und die abendländische Kunstgeschichte begründet – unterbrochen etwa durch eine über hundert Jahre währende Zeit (729 bis 843) des Bildersturms.

 

Das Wesentliche des Bilderverbotes ist das Bewahren der Einbildungskraft, des spirituellen, bildhaften Denkens. Denn nur die mit den Sinnen gepaarte Einbildungskraft vermag das Fundament, auf dem sich eine Kultur gründet, zu bewahren und lebendig zu halten. Während das nach außen gestellte Bild ein Abstandnehmen, eine Trennung von Sinnestätigkeit und Denken einleitet. So ist die das Bilderverbot verursachende Idee ursprünglich nicht auf Bilder beschränkt, sondern bezieht sich auf jede Art der Entäußerung des Menschen. Diese Idee – die einer älteren Tradition als der biblische Schöpfungsmythos entstammt – hat das Verbot veranlasst, weder Gegenständliches in die Natur zu stellen noch Schrift zu erfinden, noch Bildnisse zu machen. Denn alles Künstliche schließt das Zurückdrängen der Sinne ein und sprengt so die als heilige Einheit gedachte Welt. Zwar führt Sesshaftwerdung nicht automatisch zur Stadtkultur und diese nicht notwendigerweise zur Dominanz einer bürgerlich-technischen Weltordnung, doch besteht die Gefahr, dass der Mensch, wenn er seine Kulturtätigkeit aufnimmt, nach und nach alle Elemente erfinden wird, die erforderlich sind, einen gesellschaftlichen Mechanismus in Gang zu setzen, der alles in Bild, Schrift und Gegenstand überführt und aus der anfänglichen, heiligen Leere eine unerträgliche Fülle macht. Das allgemeinere Verbot soll dieser Gefahr begegnen. Heute wissen wir, dass von den Zehntausenden Kulturen der Menschheitsgeschichte nur wenige die Entwicklung der modernen Welt in diese Richtung bestimmt haben: einige der europäischen Kulturen der Neuzeit.

 

Das zwölfte Jahrhundert ist in der europäischen Geschichte eine Zeit des Umbruchs. Das Bürgertum erlebt einen Aufschwung, Städte werden gegründet und das Christentum findet das Bildmotiv für sein zentrales theologisches Konzept. In den Städten entsteht schon bald eine Interaktion von Handwerk, Handel und Wissenschaft, die Lehrbetriebe, Akademien und allgemeinbildende Schulen nach sich zieht, die das Wissen auf viele übertragen und Erfahrungen, Fertigkeiten und Erkenntnisse verdichten. Der Vorrang des Gehörs weicht dem Sehen und Verstehen und die Erschütterungen durch den gehörten Mythos werden im Mythos Wissenschaft geglättet. Der Mensch muss nun seine schöpferische Energie zwischen dem imaginär-bildhaften, dem schriftlich-abstrakten und dem sachlich-rationalen Denken aufteilen.

 

Mit Beginn der Neuzeit festigt das Bürgertum seine politische Macht und die bürgerliche Arbeitswelt fordert ein rationales und logisches Denken, das das bildhafte, mythologische Denken zurückdrängt. Die Industrialisierung führt den Prozess einer asketischen und rationalen Lebensführung fort und erzeugt einen gewaltigen Ausstoß an Gütern und Geräten, an Apparaturen, Verkehrswegen und Gebäuden, doch erst das mediale Zeitalter leitet eine unermessliche Vergegenständlichung und Verbildlichung der Welt ein. Moderne Medien wie der Fotoapparat und das Fernsehen verleihen den Bildern eine scheinbare Objektivität, die für das Wort nicht mehr gilt. Ebenso machen sie die Einbildungskraft obsolet, etwa wenn die rasant geschnittenen Videoclips ihr keinen Raum mehr bieten. Im vorgegebenen Takt permanenten Konsums wird der Mensch in den Bildmedien – Zeitschriften, Fernsehbilder und Museen, Magazine, Kulturevents und Videos, Fotografien, Filme und Werbetafeln, Internet und Sportereignisse – erstickt und verschüttet. Die Poesie der Einbildungskraft verstummt, bis sie über keine neuen Bilder mehr verfügt und dem Menschen die tradierten Werte der Kultur äußerlich werden. Aber in der Entwicklung von der Phantasie zur Rationalität liegt auch eine Warnung, mit der sich das Bilderverbot rückwirkend auch als Denkverbot erweist. Da der Mensch immer enger an die bildhaften, technischen und abstrakten Veräußerungen gebunden wird und der abstrakte Umgang mit der Welt auf die Tätigkeit der Sinne zurückwirkt, verliert der Mensch mit deren beständiger Kontrolle und Spezialisierung das Fundament seiner Orientierung in der Welt. Den Wertmaßstab seines Lebens, der in der lebendigen Tätigkeit und der Synästhesie seiner Sinne liegt. Die Entkörperlichung verläuft über die Entsinnlichung als einer Zurichtung der Sinne. Die Bilder legen sich wie Filter auf die Rezeptoren der Sinne und lassen nur bestimmte Daten passieren, denn ihre Technik legt sich so eng an die einzelnen Sinne, vor allem den Augensinn, dass unsere alte Phantasie in die Irre läuft oder an ihr abgleitet. Die äußeren Bilder nehmen den Sinnen den Atem.

 

Das christliche Bilderverbot zielt darauf ab, nicht Gott sein oder ihn imitieren zu wollen: Der Mensch soll das an die Natur gebundene Wesen bleiben. Er hat aber das Verbot missachtet und die Bilder in sich entwickelt und sie nach und nach aus seinem Innern herausgearbeitet, indem er sie in Werkzeuge, Gegenstände und Medien überführt hat. Dabei hat er enorme Kräfte der Kreativität freigesetzt und Höchstleistungen innovativen Schaffens vollbracht, hat das von Natur aus Gegebene in eine vom Menschen gestaltete und bestaunenswerte Kunstwelt überführt. Der Mensch hat sich so sehr in seine eigenen technischen Produkte verliebt, dass er sich ihnen geopfert hat und sich dabei zu verlieren droht. Die libidinöse Bindung an seine abstrakten und technischen Lieblinge und der Eifer, mit dem er Erfindungen vorantreibt, sind immens. Dagegen ist sein Engagement für die Natur und für das eigene Leben jenseits der Apparate gering. Für die Technik ist ihm nichts gut genug, doch er selbst ernährt sich von vergiftetem Wasser und verschmutzter Luft, lässt seine Lebensmittel auf verseuchten Böden wachsen und hält die Tiere, die ihn ernähren, in katastrophalem Zustand und macht sein Leben zu einer Funktion der Abstraktion und des Marktes. Hinter dieser Askese verbirgt sich das gegenwärtige Drama: Der Mensch empfindet nicht, dass sein Konsum Ersatz für die verlorengegangenen Funktionen seiner Sinne und der Verlust des Lebenssinns ist und er empfindet nicht die Zerstörung der Natur, auch wenn er darüber nachdenkt. Entscheidend sind nicht einzelne Verfehlungen, mögliche Missverständnisse und Irrtümer, sondern die Verschiebung von Natur und Mensch auf Technik und Fortschritt. Genauigkeit, Intelligenz und Ästhetik der planetarischen Raumfahrt passen nicht zur Hässlichkeit von Krieg und sozialer Ungleichheit. Der Widerspruch fügt sich aber gut ein in das Weltbild eines orientierungslosen, von der Phantasie und von der Sinnestätigkeit abgekoppelten Machens.

 

Dieser ungelöste Widerspruch zwischen Technik und Natur ist in der biblischen Schöpfungsgeschichte angelegt: Dem Bilderverbot widerspricht der biblische Auftrag an den Menschen, sich die Erde untertan zu machen. Indem er seine inneren Bilder mehr und mehr abstrahiert und nach außen in Bilder, Werke der Schrift und Artefakte aus Holz, Stein, Metall und Plastik übertragen hat, hat der Mensch den Auftrag ausgeführt. Er hat dabei das Außen mit Kräften aufgeladen, seine Spiritualität aber dabei erschöpft. Im Prozess der Umgestaltung der Welt sind ihm für ein unmittelbares und die Sinne erfüllendes Leben jenseits seiner technischen Utopien nur wenige Perspektiven geblieben. Im Bilderverbot und im biblischen Auftrag kommt die Ambivalenz des Menschen zum Ausdruck, das Wesen der Natur zu sein, das Kultur schafft. Das Motiv hinter dem Bilderverbot ist das Gebot, die Natur des Mensch zu bewahren und sich kulturell nicht zu veräußern. Dazu aber fordert der Auftrag den Menschen gerade auf, da er ohne raffinierte Anbauformen und Werkzeuge, ohne listige Weisen der Jagd und eine hochentwickelte Technik sich die Erde – Pflanzen, Tiere und Naturgewalten – nicht untertan machen kann.

 

Auch jenseits des Christentums erweisen sich Bilderverbot und Kulturauftrag als zwei Pole menschlicher Entwicklung. Kultureller Fortschritt ohne Bewahrung vergangener Werte bedeutet den Untergang der Kultur, im globalen Maßstab das Ende der Menschheit. Ihre sinnliche Einbildungskraft bedeutet die poetische Seite des Daseins, die Bewahrung des Emotionalen und Lebendigen. Als Kulturwesen kann der Mensch erkennen, dass jeder Mythos ambivalent ist, der archaische wie der wissenschaftliche. Der Mensch hat beide, Bilderverbot und Kulturauftrag, ernst zu nehmen und zwischen ihnen eine Balance zu finden, um einen Fortschritt zu etablieren, in der die Welt die Sinne noch erreichen und berühren kann und die Sinne dem Menschen anstelle brüchiger Weltbilder die Orientierung zurückgeben.

 

 

 

© Hajo Eickhoff 2001

 

 

 

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13. Dezember 2017

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