aus Christoph Wulf / Jörg Zirfas (Hrsg.), Töten - Affekte, akte und Formen, Paragrana, Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie, Band 20, 2011, Heft 1

 

 

 

 

Auf Leben und Tod

Töten als Attraktion

 

 

 

1. Attraktion

 

2. Der Mensch und das Töten

 

3. Trennen von Verbundenem

3.1 Physik und Chemie

3.2 Biologie

3.2.1 Pflanzen – Grundlage des Lebens

3.2.2 Tiere – Nahrung, Raum und Gene

3.3 Der Weltwille und seine permanente Selbsttötung

 

4. Kultur und Töten

 

4.1 Die Attraktion für den Menschen, zu töten

4.2 Zugriffsorte des Tötens

 

4.3 Feindseligkeit, Kooperation und Empathie

 

5. Wiederholungstöter

5.1 Mörder, Henker und Soldaten

5.2 Selbstmordattentäter

5.3 Amokläufer

 

6. Das gesetzte Töten

 

7. Das Aussetzen der Attraktion des Tötens

 

 

Abstract

Töten wird unter der Perspektive der Attraktion betrachtet. Angreifer stellen eine kritische Nähe zu Lebewesen her, überschreiten deren Grenze und trennen von ihnen ab, was sie lebendig sein lässt. Dieses Töten als Trennen von Verbundenem eint die Seinsbereiche Physik, Chemie, Biologie und Kultur. Untersucht werden die verschiedenen Attraktionen, zu töten. Tiere töten, um sich zu ernähren, können aber artgleiche Tiere töten, wenn sie ein Areal oder eigene Gene sichern müssen. Menschen entwickeln kulturelle Attraktionen des Tötens wie Völkermord, Töten aus Hass, Rache oder Machtgewinn. Die Abwehr von Attraktionen des Tötens im Pazifismus und des Tötens von Tieren, sogar von Pflanzen, sind Anregungen für Wege in eine Globalgesellschaft.

 

 

 

 

Auf Leben und Tod

Töten als Attraktion

 

 

 

1. Attraktion

 

Töten ist Arbeit am Körper. Am Körper eines anderen. Im Tötungsakt stellt ein Täter eine kritische Nähe zu einem Opfer her und überschreitet dessen leibliche Grenze. Er dringt ein in eine fremde Welt, in ein singuläres Dasein. In diesem Übergriff liegt die eigentliche Ungeheuerlichkeit des Tötens, denn in ihm wird ein einzigartiges Wesen zerstört. Dabei zielt der Täter auf die Person – auf den Geist, die Psyche und die Kultur des Opfers –, trifft aber zuerst auf einen Widerstand, den soliden Körper des anderen. 

 

Töten ist ein gewaltiges emotionales Unterfangen und erweist sich im Herstellen einer kritischen Nähe als Attraktion, durch die sich ein Täter von einem Opfer angezogen fühlt. Die Attraktion ist so groß, dass das Verbotene gewagt wird und die zerstörerische Arbeit dem Täter notwendig erscheint. Sie ist so groß, weil die fremde Welt des anderen irritiert, verrückt macht, stört und deshalb anzieht. Die Attraktion gliedert sich in die gegensätzlichen Begriffe Verbundenheit und Trennung, so dass sich Töten als das Trennen eines Verbundenen definieren lässt.

 

Attraktion ist ein Prinzip der Fernwirkung. Sie wirkt zwischen Körpern, zwischen Körpern und Menschen, zwischen den Menschen sowie zwischen Menschen und imaginären Mächten. In der Physik und der Philosophie wird Attraktion zuerst unter dem Begriff der Kausalität erörtert – unter dem Verhältnis von Ursache und Wirkung, wie beim Mond, der das Wasser der Erde anzieht und Ebbe und Flut verursacht.

 

Ein Philosoph der Attraktion ist Aristoteles – der Entdecker der Kausalität. Alles was sich bewegt habe eine Ursache, werde von etwas bewegt. Die letzte Ursache aller Bewegung sei Gott – der unbewegte Beweger. Auch der biblische Gott wirkt aus der Ferne. Erst im Neuen Testament wird er durch seinen Sohn zum Akteur der Nähe. Christus wirkt, indem er berührt und spricht. In Stammeskulturen überbrücken Schamanen weit auseinander liegende Kräfte. In sich sammeln sie böse Geister oder Krankheiten von Stammesmitgliedern und lassen sie von Göttern austreiben oder heilen. Für die Attraktion von Körpern prägt Isaac Newton den Begriff Gravitation, den Immanuel Kant durch die Repulsion erweitert, da es einer distanzierenden, zurückhaltenden Kraft bedürfe, damit zwei Körper in der Attraktion nicht in eins fallen. Für Arthur Schopen­hauer ist der kosmische Wille, die Instanz, die das Sein hervor- und in Form bringt und die Attraktionen produziert, die Ursache allen Zerstörens und Tötens. Der Philosoph, der in der Attraktion das Trennende und Distanzierende betont, ist Hans Blumenberg, der in der Distanzierung die wesentliche Kultivierung des Menschen sieht. Fernwirkung und Distanzierung würden sich in Objekten wie Gebrauchsgegenständen, Geräten und Werkzeugen ausdrücken. Der zentrale Begriff seiner Distanzierungstheorie ist die Falle und der Mensch ist „das Wesen der actio per distans.“[1] Fallenbauer präparieren ihre Fallen in der Distanz zum Tier, das gerade dann in die Falle geht, wenn die Jäger abwesend sind. Die Sesshaften domestizieren Tiere, indem sie dafür sorgen, dass sie in die Falle hineingeboren werden und die Jagd obsolet machen. Die Attraktion der Sesshaften ist das Fangen oder das Töten in Abwesenheit.

 

2. Der Mensch und das Töten

 

Der Tod ist dem Menschen ein Geheimnis, aber das Töten erscheint ihm völlig unergründlich – obskur und monströs. Denn der Tötende schafft etwas Endgültiges, Absolutes und Unumkehrbares, das den Göttern gebührt. Töten ist das Trennen des Lebendigen vom Körper und das Überführen ins Anorganische, Dinghafte. Die Attraktion des Tötens von Tieren als Schlachten dient der Ernährung, dagegen liegt die Attraktion für das Töten eines Menschen als Totschlag oder Mord im Akt des Tötens, in der Verzweiflung oder im Wegsein eines anderen.

 

Nicht jedes Töten ist verboten, denn seine unterschiedlichen Gründe und Weisen sind gesellschaftlich geregelt. Töten als Straftat beginnt bei den Wirbeltieren. Sie grundlos zu töten wird nach Paragraph 17 des Tierschutzgesetzes mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren strafrechtlich geahndet. Als vernünftiger Grund gilt die Lebensmittelherstellung, wobei die Tiere nur von Personen getötet werden dürfen, die von Berufs wegen dazu berechtigt sind. Auch das Töten von Tieren zu Forschungszwecken ist erlaubt. Grundsätzlich steckt der Mensch in einem Dilemma, denn er kann nicht nicht töten. Die Ideen vom Paradies widersprechen dem Leben. Mit jeder Körperbewegung, jedem Atemzug und jedem Schritt auf dem Erdboden zerstören Lebewesen Leben.

 

Die früheste Form legitimen Tötens sind Opferungen zu Ehren von Göttern und kosmischen Mächten, die in gewandelter Form noch in modernen Gesellschaften praktiziert werden.

 

3. Trennen von Verbundenem

 

3.1 Physik und Chemie

Die Attraktion, Verbundenes zu trennen, findet in den vier Seins-Ebenen Physik, Chemie, Biologie und Kultur statt.

In der Physik kommt Attraktion als Kraft vor. Die moderne Physik nimmt vier Grundkräfte an: Gravitation (Massenanziehung), Elektrizität (elektro-magnetische Wechselwirkung), Radioaktivität (schwache Wechselwirkung) und Kernkraft (starke Wechselwirkung). Verantwortlich für Veränderungen aller Art wie Bewegung, Reibung und Deformation sind die Attraktionskräfte, die die Welt physikalisch zusammenhalten und gestalten. Bemerkenswert ist, dass gerade das unbekannt ist, was die Welt bewegt. Weshalb Physiker Kraft als Wechselwirkung definieren

 

In der Chemie gibt es zwei Attraktionen oder Bindekräfte – die Edelgaskonfiguration die zur Molekülbindung und die Elektrostatik, die zur Ionenbindung führt. Diese Bindekräfte als Attraktion der Elemente bauen die Welt auf, wandeln sie durch Trennung um und entwickeln sie weiter.

 

3.2 Biologie

Im engeren Sinne setzt Töten Leben voraus. Das Lebendige wächst, beschafft Nahrung, pflanzt sich fort und befindet sich in einem unablässigen Stoffwechsel und einem stetigen Ein- und Ausatmen, wobei die leiblichen Aktivitäten fortwährend zurückwirken auf die psychischen Instanzen, die wiederum den Leib beeinflussen. Die Basis allen Lebens sind winzige Zellen – Produktionsstätten, die beständig mit Nährstoffen und Sauerstoff aus dem Blut versorgt werden.

 

Schon die ersten Lebensformen, die Einzeller, nehmen Nahrung auf und entwickeln sich dadurch, dass sie sich andere Substanzen und Zellen einverleiben. Etwa die Mitochondrien, die Hauptenergieproduzenten einer Zelle. Allerdings werden sie beim Einverleiben nicht zerstört – getötet –, sondern unter Verlust ihrer Eigenständigkeit zur Mitarbeit in der Zelle veranlasst. Dagegen arbeiten Makrophagen oder Fresszellen als Teil des Immunsystems in allen Regionen des Körpers, um ihn zu schützen, indem sie sich körperfremde Zellen einverleiben und zerstören. Sie holen sie in sich hinein oder umschließen sie, um sie zu zerlegen und als ungefährliche Substanz wieder auszuscheiden. Zugleich geben sie ihre gewonnene Information an andere Zellen weiter und schützen den Körper dauerhaft vor dem speziellen Eindringling. Die Attraktion des Immunsystems, einzuverleiben oder einzuschließen, ist die körperfremde Zelle.

 

3.2.1 Pflanzen – Grundlage des Lebens

Pflanzen bilden die Grundlage allen Lebens. Sie entnehmen dem Erdreich Wasser (H2O) und der Luft Kohlendioxyd (CO2), zerreißen beide Moleküle und bilden in der Photosynthese mit Hilfe des Sonnenlichtes Sauerstoff (O2), den sie an die Atmosphäre abgeben.

 

3.2.2 Tiere – Nahrung, Raum und Gene

Tiere töten, um sich zu ernähren und um ein Areal zu sichern. Da in der Nahrungskette eine Tierart der anderen als Nahrung dient, entwickeln sie sich in enger Abhängigkeit von ihren Waffen – den Waffen der Attraktion und den Waffen der Trennung – des Angriffs und der Verteidigung. Angriffswaffen ergeben sich aus der Anpassung eines Verfolgers an seine Beute, Verteidigungswaffen resultieren aus den Modalitäten der Flucht. Die Nahrungskette ist ein endloses Drama aus Angreifen und Fliehen, Verteidigen und Angst, aus Töten und Fressen. Das Drama von Töten und Ernähren ist wiederholt als Prinzip von Geben und Nehmen gedeutet worden. Mit wenigen Ausnahmen wie Löwe, Adler und Eisbär sind Tiere in der Nahrungs­kette zugleich Beute und Jäger. Die Attraktion der Tiere, zu töten, ist ihre Ernährung.

 

Wenn Tiere ein Areal sichern, kann es zu innerartlichen Tötungen kommen. Lebewesen brauchen ein Mindestmaß an Umraum. Enge ruft Angst hervor, die abgewehrt werden kann: nach außen als Töten anderer und nach innen als Selbstzerstörung. Die Zu- und Abnahme bei Säugetierpopulationen sind physiologisch gesteuert und wirken zurück auf die Populationsdichte. Wächst die Anzahl der Tiere in einem Territorium, nimmt der Stress so lange zu, bis eine endokrine Reaktion die Population kollabieren lässt.

 

Auf James Island wurden 1916 fünf Hirsche ausgesetzt, die sich bis 1955 auf etwa 300 Exemplare vermehrten. Als in den folgenden Jahren drei viertel der Tiere verendeten, erwies sich die Überfunktion der Nebenniere als physiologische Ursache. Die Tiere litten unter enormem Stress und wurden durch die eigenen Organe getötet. Die Attraktion der Hirsche, an Stress zu verenden, ist das eigene Verschwinden. Sie ersparen den anderen Hirschen Stress und sichern die Population. Wie sich der Skorpion in aussichtsloser Lage mit seinem giftigen Stachel selbst tötet, so erscheint den Hirschen das Leben unerträglicher als der Tod.

 

Auch bei Ratten führt Raum-Enge zum Kollaps der Population. Sie führt zu Unordnung und im ungeordneten Gehege vernachlässigen die Weibchen die Brut, Hierarchien geraten durcheinander, die Männchen bekämpfen sich scheinbar grundlos, stören die Weibchen bei der schon unzulänglichen Brutpflege oder töten die Brut. Wie bei den Hirschen ist die Attraktion der Ratten, an Stress zu verenden, das eigene Verschwinden.

 

Die Krabbenart Hyas araneus wählt einen anderen Weg. In einer Lebensphase verlieren sie ihre harte Schale und sind verwundbar. Wird die Dichte der Population zu groß, setzt die innerartliche Hemmung aus und die schutzlosen Tiere werden von Tieren der eigenen Art angegriffen und getötet, bis ihre Anzahl so gering ist, dass sie wieder stressfrei sind. Die Attraktion der Krabbe Hyas araneus, innerartlich zu töten, ist das Verschwinden der schalenlosen, schwachen Krabben.

 

Wen Löwen die Nachkommen ihrer Vorgänger – innerartlich – töten, liegen die Gründe in der Durchsetzung der Gene des neuen Chefs, denn die weiblichen Löwen werden schneller brünstig und bringen mehr Junge hervor. Das gilt auch für eine Reihe anderer Tiere. So können Affen ihr Territorium dadurch sichern, dass sie nicht zum Stamm gehörige Affen töten. Sie überfallen auch benachbarte Stämme. Es sind keine Kämpfe um Rivalität oder Nahrungssicherung, sondern Vernichtungsaktionen, Exzessen ver­gleichbar. Alle Männchen werden getötet und die Weibchen der eigenen Gruppe eingegliedert. Nur selten werden Angreifer verletzt. Auch hier geht es um das Behaupten der Gene der eigenen Art. Für den Anführer des Löwenrudels ist die Attraktion innerartlichen Tötens das Fremde, das die eigenen Gene gefährdet.

 

3.3 Der Weltwille und seine permanente Selbsttötung

Arthur Schopenhauer hat die unterschiedlichen Phänomene der Welt – jeden Windhauch, jedes Ding, jedes Leben, jedes Bewusstsein und alle Tötungsarten – unter ein Gesetz gefasst – unter den Weltwillen. Der Weltwille ist ein grund- und zielloser Trieb, der unablässig eine Welt aus sich entlässt, der wütet und tötet und unablässig Attraktionen und Trennungen erzeugt.

 

Der Mensch ist ein erkennendes Wesen, weil es Schopenhauer zufolge zweifach mit dem Leib in der Welt wurzelt. Denn die inneren Regungen führen unmittelbar zu Bewegungen des Leibes, die der Mensch an sich wahrnimmt. Diese Regungen seien Ausdruck des kosmischen Willens, da Willensakt und Akt des Leibes dasselbe seien. Zugleich erkenne der Mensch seinen Leib von außen als Objekt unter Objekten. Dieser zweifach gegebene Leib sei die Realität, die Schopenhauer zum Schlüssel der Erkenntnis des Wesens aller Erscheinung macht – den Willen, in dem er irrtümlich das Ding an sich von Immanuel Kant erkennt, das ihm, anders als Kant, hilft, die Welt zu erschließen.

 

Da der Weltwille nicht der Ratio dient, sondern die Ratio dem Willen zu Diensten ist, ist der Wille nicht mehr das Element, das dem Menschen Freiheit und Wahl ermöglicht. Der Einzelwille eines Menschen wird vom Gesamtwillen angetrieben und ist ein Begehren, das zum Töten, Ernähren und Fortpflanzen antreibt. Er äußere sich in den Einzelmerkmalen der Lebewesen: “Zähne, Schlund und Darmkanal sind der objektivirte Hunger; die Genitalien der objektivirte Geschlechtstrieb.“[2] Auch die Gravitation als innerer Ausdruck des Wesens der Natur ist Resultat des Willens. So stellt Schopenhauer die vier Seinsebenen Physik, Chemie, Biologie und Kultur unter ein einheitliches Gesetz – das Gesetz eines absichts- und ziellosen kosmischen Willens. Dieser Wille ist der Produzent der unablässigen Attraktionen, zu töten.

 

4. Kultur und Töten

 

4.1 Die Attraktion für den Menschen, zu töten

Als Folge seiner Kultiviertheit hat der Mensch Attraktionen des Tötens wie Neid und Hass, Rache und gekränkte Eitelkeit, Habgier und Heimtücke entwickelt, die bei Tieren nicht vorkommen. Der Mensch kann auch scheinbar motivlos, etwa aus Gleichgültigkeit oder Langeweile töten, er kann im Affekt töten und kann das Töten planen. Vom Auslöschen der Menschheit[3] und dem Völkermord[4] über das Eliminieren von Interessensgruppen bis hin zum einmaligen Tötungsakt und zu Serienmorden ist alles gedacht und bis auf die Auslöschung der Menschheit alles versucht worden.

 
Gegen Schopenhauer ist einzuwenden, dass sich Atome und Moleküle in ihrer Gesetzmäßigkeit grundlegend von denen lebender Zellen unterscheiden – aus denen sie sich zusammensetzten –, die sich wiederum von den Grundsätzen der Kultur unterscheiden. Zwar bleibt der Mensch den Prinzipien der Natur unterworfen, doch seine Domäne ist die Kultur. Allerdings bilden Natur und Kultur keine Opposition, denn Kultur als Geist und Bewusstsein, als Freiheit und Moral sind Möglichkeiten der Natur, wenn auch der Mensch sein Leben nach selbst bestimmten Regeln führt und er völlig neue Formen der Attraktion zu töten entwickelt hat. Auch die Kraft hinter dem Töten ist eine Wechselwirkung, die nicht nur das Opfer, sondern auch den Tötenden grundlegend und bleibend verändert.

 

Wenn der Mensch über sich und die Natur nachdenkt, taucht in seinen Reflexionen die Trennung des Verbundenen in gewandelter Form wieder auf – in Differenzierungen und Verbindungen, in Analysen und Synthesen.

 

4.2 Zugriffsorte des Tötens

Der Mensch lebt, solange er atmet, sein Herz schlägt und sein Gehirn funktioniert. Auf diese lebensnotwendigen Schaltstellen wird im Tötungsakt zugegriffen – ein Körperfremdes dringt über Haut, Sinnesorgane, Lunge und Magen in den Körper ein und trennt die vegetative Einheit. Es sind diese unterschiedlichen Trenn-Orte, die die Wahl der Strategie des Tötens bestimmen.

 

Frauen wählen andere Trenn-Orte als Männer, folgen anderen Tötungsstrategien. Zum einen ist das Töten signifikant auf die Geschlechter verteilt – 87 Prozent aller Tötungsdelikte in der BRD werden von Männern verübt –, andererseits töten Frauen anders als Männer. Sie durchstoßen nicht die Haut, verletzen nicht das Äußere, sondern folgen einer eigenen Ästhetik des Tötens – sie verabreichen Gift und überdosierte Medikamente und steuern den Tötungsakt aus der räumlichen Distanz. Sie wollen nicht sehen, wie sich das Opfer quält und wie es stirbt. Ihre Strategien erinnern daran, dass sie Expertinnen für Natur und Kräuter sind, dagegen Män­ner Experten für Körpertechniken. Bei den australischen Aborigines kennen die Mädchen bereits im Alter von sechs Jahren sämtliche Pflanzen ihres Territoriums, dagegen üben Jungen körperliche Fertigkeiten ein wie das Werfen eines Bumerang­s. Oder das Werfen von Steinen durch einen Ring, der in die Luft geworfen wird – eine Vorbereitung auf die Jagd. Die Attraktion der Frau, zu vergiften, sind Freiheit und Selbstbestimmung.

 

4.3 Feindseligkeit, Kooperation und Empathie

Der Mensch ist gleichermaßen bestimmt durch den Kampf ums Überleben und durch das Bedürfnis nach sozialer Resonanz und Anerkennung. Beide Positionen reflektieren die ambivalente Einheit von Kultur und Natur: die gute, verbindliche Natur gegen die böse, trennende Kultur, sowie umgekehrt die konstruktive Kultur gegen die destruktive Natur – wie sie in den gegensätzlichen Ideen von Jean Jacques Rousseau und Thomas Hobbes zum Ausdruck kommen.

 

Vor einem Mord haben Gemeinschaften die hohe moralische Hürde „Du sollst nicht töten“ errichtet, die innerhalb der Gemeinschaft gilt und das Töten mit einer Hemmung belegt, deren Überwindung das Vermögen zum Töten voraussetzt. Die moralische Hürde kann durch Mangel an Empathie, durch Drogen und Befehle überwunden werden.

 

Eine Bedingung für das Töten ist der Mangel an oder das Ausblenden von Empathie mit dem Opfer. Ausnahmen können das Töten im Affekt sein oder Ärzte, die gerade aus Mitgefühl ein tödliches Medikament verabreichen, um todgeweihten Patienten das Sterben zu erleichtern. Mangel an Mitempfindung erlaubt, andere von sich abzutrennen und sie zu verdinglichen. Misshandelte und gekränkte Kinder spalten Gefühle vom Bewusstsein ab. Erwachsene Gewalttäter, die eine solche Kindheit durchlebt haben, sind in der Lage, auch die Gefühle ihrer Opfer auszublenden.

 

Die Tötungshemmung kann durch Drogen herabgesetzt werden. Viele Tötungen wären ohne Einnahme von Drogen nicht zustande gekommen. Bei jeder dritten Tötung ist Alkohol im Spiel, der die Aktivität einer Hirnregion dämpft, die für die Impulskontrolle und das verstandesmäßig gesteuerte Verhalten zuständig ist.

 

Ebenso können Befehle die Tötungshemmung herabsetzen, da sie den Menschen moralisch entlasten. Töten kann dann zur Pflicht und zur Aufgabe werden gegenüber höheren und übergeordneten Instanzen, die zugleich die persönliche Schuld tilgen.

 

5. Wiederholungstöter

 

5.1 Mörder, Henker und Soldaten

Einmalige Mörder sind meist unauffällig. Sie sind weder krank noch brutal, noch geistig verwirrt, woraus Kriminologen und Wissenschaftler schließen, dass jeder Mensch unter besonderen Lebensumständen zum Töten fähig ist. Richtiger wäre, zu sagen, dass dieser Eindruck entsteht, denn nicht jeder kann zum Mörder werden.

 

Gilles De Rais (1404-1440), ein hundertfacher Kindesmörder des ausgehenden Mittelalters ermordet Jungen, die er sexuell missbraucht hat. Sie gehören meist dem unteren Stand an und den Eltern fehlen Möglichkeit und Kraft, ihn anzuklagen. Er begreift die eigene Monstrosität und weiß, dass seine bestialischen Exzesse ein Rätsel bleiben werden.[5] Er ist ein Jäger, der Kinder jagt, selbst aber gefangen wird, weil er während einer Messe zu Pferde in die Kirche reitet. Mit dieser Respektlosigkeit macht er sich trotz seines hohen Adels angreifbar und wird verhaftet. Während er den Jungen Arme und Beine abtrennt, sie stranguliert oder ihre Kehlen durchschneidet, sieht er zu, wie sie ihr Leben aushauchen, denn seine Attraktion zu quälen und zu morden ist der Anblick des Sterbens

 

Dem gegenüber ist Goran Jelisic (1968) Mörder auf Zeit. Er ist der erste in Den Haag verurteilte Kriegsverbrecher, verurteilt zu vierzig Jahren Haft. Im Krieg wird er zu einem Gefan­genenlager kommandiert, wo er 1992 in sechzehn Tagen mehr als hundert Muslime erschießt. Er wählt die Opfer willkürlich, sagt nur „Du, du und du.“ Er nimmt ihnen Wertsachen ab, schlägt sie, lässt sie niederknien, den Kopf auf ein Abflussgitter legen und tötet sie mit zwei Genickschüssen. Ein Gefangener sagt: „Ich glaube, er fand Vergnügen an dem, was er tat... Er hielt sich für die mächtigste Person der Welt. Und dort war er es auch.“[6] Dann wird ihm per Befehl das Töten verboten, woran er sich hält. Die Attraktion seines Erschießens war die befehlgesicherte Macht.

 

Wie Jelisic stehen alle Soldaten und alle Henker unter einem Befehl. Henker sind mit einem Tabu belegt. Weil sie töten. Sie müssen außerhalb der Gemeinschaft leben, denn niemand darf sie berühren. Sie arbeiten für eine Gemeinschaft, die sie ausschließt. Erst dadurch, dass der von der Gesellschaft berufene, legale Töter – der Henker – von der Gesellschaft ausgeschlossen wird, darf er das Tötungstabu brechen und ein Verbundenes trennen, indem er zum Tode Verurteilte tötet.

 

Jean Jaques Rousseau nimmt an, dass der Mensch von Natur aus mit einer Hemmung ausgestattet ist, Böses zu tun. Unter der fortgeschrittenen Kulturtätigkeit degeneriere alles und der Mensch werde schlecht und böse. Das Böse und die soziale Ungleichheit in der Welt könnten nur durch einen contract social, der die vielen Einzelwillen zu einem Gesamtwillen vereint, getilgt werden. Für Thomas Hobbes dagegen ist das Leben grundsätzlich ein Krieg aller gegen alle, da Menschen im Naturzustand geleitet sind von Selbsterhaltung und Macht­streben. Erst die Gründung von Nationalstaaten beende den Krieg. Für Michel Foucault bedeutet Krieg die Basis des Nationalstaates. Mit seiner Gründung wird die Gewalt von innen an die Grenzen des Staates verlegt. Gesichert durch das Militär wird zwischen den Staaten ein Völkerrecht etabliert, das Rechte und Pflichten der Völker regelt. Das Kriegsrecht soll helfen, Verwundete, Sanitäter und die Zivilbevölkerung zu schonen und Kriegsgefangene fair zu behandeln. Grausame Kampfmittel sind verboten und Kultur­güter zu schützen. Solche Gebote scheinen idealistisch zu sein, da sie dem Zweck der Kriegshandlung entgegenstehen und auch nicht grundsätzlich eingehalten werden.

 

Terroristen gehen davon aus, dass sie sich im Krieg befinden, aber sie verweigern sich strategisch jeder Art von Kriegsrecht. Sie erklären keinen Krieg, jedes Mittel ist ihnen recht und sie ver­schonen niemanden.

 

5.2 Selbstmordattentäter

In den 90er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich der Terrorismus durch Selbstmordattentäter globalisiert und ist seit dem 11. September 2001 in den gesellschaftlichen Diskurs eingetreten.[7] Mit dem Eintritt – insbesondere der Organisation Al-Qaida, einer Art globalem Franchising-Unter­nehmen – lösen sich andere Terrorgruppen wie die RAF, ETA oder IRA auf, denn die Art ihrer Oprrationen erscheinen unzeitgemäß.

 

Selbstmordattentäter wähnen sich im Besitz der allgemeingültigen (reinen) politischen Idee, der einzig möglichen (reinen) Lesart ihres heiligen Buches und des einzig wahrhaften (reinen) Wissens. Doch ihr Fundament liegt in der irrtümlichen Anschauung ihrer Reinheit. Die Durchmischung der Ethnien und Religionen, der Dialog mit Anderen und die Berührung mit Fremden lehnen sie ab, denn ihre Attraktion, das Leben wegzusprengen, ist die Unreinheit des Fremden, das die eigene Kultur zu bedrohen scheint. Dagegen sieht Klaus Theweleit überall auf der Welt „die öffentliche Gewalt und Kriegsbereitschaft zurückgehen, wo verschiedene Bevölkerungen und Lebensweisen sich mischen; der künstliche Hass der Ab­gegrenzten aufeinander nimmt ab, das ist die Natur städtischer Mischentwicklung“.[8] Dialog, Durchmischung und Kommunikation mache die Menschen friedlicher.

 

Die vermeintliche Reinheit der Selbstmordattentäter liegt in Männlichkeit und Monotheismus, in Gehorsam und Abstraktion. Dagegen sind Stammesreligionen, die Religionen der Ägypter und Inder, der Griechen, Germanen, Kelten und Römer Darstellungen sinnlicher und geistiger Fähigkeiten des Menschen, die eine lebendige Basis für die Moral der Gemeinschaft und für die Darstellung der Komplexität der menschlichen Vermögen sind.

 

Die Zukunft der Selbstmordattentäter liegt im Jenseits – im Leben nach dem Tod. Deshalb scheinen sie so spielerisch zerstören zu können. Allerdings gründet das Leben in Vertrauen, Ordnung und Verlässlichkeit. Und nur dann spüren Menschen in der Kommunikation und beim Denken an die Zukunft Zuversicht – sie müssen das Gute im Diesseits erfahren. Kulturen, Gesellschaften oder Menschen, die sich am Tod ausrichten, schaffen kein Vertrauen. Attraktion muss das Leben sein, weil nur Achtung vor dem eigenen Leben und dem Leben anderer Vertrauen schafft und Hoffnung auf die Zukunft macht.

 

5.3 Amokläufer

Ursprünglich ist Amok eine kriegerische Handlung, bei der Krieger versuchen, eine prekäre Kriegssituation dadurch zu entscheiden, dass sie ohne Rücksicht auf die eigene Gefahr den Gegner in blinder Erregung angreifen.

 

Das Wort amok entstammt dem Javanischen und heißt töten. Es war Sitte einiger malaiischer Volksstämme, dass Männer im berauschten Zustand und mit einem Kris bewaffnet jeden, dem sie begegneten, zu verwunden oder zu töten. Danach töteten sie sich selbst, wurden getötet oder von anderen überwältigt.

 

Im Westen ereignen sich die ersten Amokläufe in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Tatorte sind meist Erziehungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten. Die Taten werden zu 95 Prozent von jungen Männern begangen. Auch sie töten sich in der Regel nach der Tat selbst oder werden getötet. Amokläufe sind selten psychisch bedingt, eher handelt es sich um Racheakte und Demonstration von Macht. Anders als in Java sind Amokläufe in westlichen Kulturen meistens geplant. Mittlerweile sind über zweihundert solcher Vergehen bekannt.

 

Michael Carneal, 1983 geboren und mit Computer und Internet aufgewachsen, hat gelernt, in einer virtuellen Welt zu operieren. Im Alter von vierzehn Jahren erschießt er drei Mitschüler durch Kopfschüsse und verletzt fünf weitere Personen schwer.

 

Polizisten haben im Einsatz eine Trefferquote von etwa zwanzig Prozent, doch Michael Carne­al traf – ohne Erfahrung mit realen Waffen – mit jedem Schuss. Geübt hatte er in den Ego-Shooter-Videospielen Doom von 1993 und Quake von 1996 – entwickelt von John Romero und John Carmack. Das Spiel entfaltet sich aus der Perspektive einer menschenähnlichen Figur, die mit einer Waffe gegen andere Gestalten kämpft. Die Situationen wechseln so rasch, dass Spieler sowohl schnell als auch präzise schießen müssen. Und wenn möglich, auf ein feindliches Objekt nur einmal. Für Kopfschüsse gibt es Sonderpunkte. Das Rezept lautet – one shot, one kill. Die Attraktion des Erschießens für Michael Carneal sind Planung und Macht.

 

Da im Zweiten Weltkrieg nur jeder sechste Soldat auf einen Feind schoss, begann die US-Armee, das Schießen zu trainieren und die geistige Einstellung dem Töten gegenüber zu beeinflussen. Im Vietnamkrieg erhöhte sich der gezielte Schuss bereits auf neunzig Prozent. In Übungen wurden die Soldaten desensibilisiert und bis zur Automatisierung des Tötens konditioniert. In Schießübungen wechselten sich Scheiben mit Silhouetten von Menschen ab. Gleichzeitig wurde ihnen eine Welt vermittelt, in der nur diejenigen überleben, die Gewalt akzeptieren.

 

Für Dave Grossmann, der, um das Töten zu erforschen, die Disziplin Killology etabliert hat, entspricht die Konditionierung durch die Armee der Konditionierung durch Video-Kriegs­spiele, die für solche Amokläufe mitverantwortlich sind.[9] Für Grossmann – dessen Buch „Stop Teaching our Kids to kill” im Jahr 1999 erschien – werden schon Vierjährige desensibilisiert, wenn sie ständig Filme sehen, in denen Menschen grausam zerstückelt werden – ein Alter, in dem sie noch nicht oder nicht immer zwischen Realität und Phantasie unterscheiden können. Deshalb entwickeln Kinder oft ein Bild von einer bösen Welt und können Gewalt leichter akzeptieren. Gewaltvideos machen Kinder und Jugendliche nicht zu Amokläufern – auch nicht die martialischen Werbeslogans für diese Spiele wie „Bring deine Freunde ohne Schuldgefühle um“ –, aber die Videos unterstützen diejenigen, die eine Neigung zum Amoklauf entwickelt haben. Vor allem fördern sie das Know-how, mit realen Waffen zu treffen.

 

6. Das gesetzte Töten

 

Ein früher gesellschaftlicher Ort des Tötens ist der Thron. Er leitet sich vom Opferstein her, auf dem eine Gemeinschaft zum Zweck ritueller Opferungen Menschen tötete. Mit der Idee, anstelle des Menschen ein Tier zu töten, zerfiel der Opferstein in Tisch und Thron. Auf dem Tisch oder dem Altar wurde fortan das Tier getötet, auf das stuhlartige Objekt Thron ein Auserwählter gewaltsam gesetzt und zum Oberhaupt gemacht.

 

Thron und Stuhl versammeln und symbolisieren die heute ungewöhnliche Tötungsart des Opferns. Am Vorabend der Inthronisation durften die Untertanen mit dem zukünftigen Herrscher machen, wonach ihnen zu Mute war. Er wurde bespuckt und verbal angegriffen, er wurde geschlagen und misshandelt und kam oft so beschädigt auf den Thron, dass er bald den Verletzungen erlag. Im Bengalen des 15. Jahrhunderts war derjenige König, der auf dem Thron saß, gleichgültig, wer er war und wie er dorthin gelangte. Assyrische Könige konnten für Vergehen der Untertanen bestraft werden. Deshalb hielten sie sich einen Ersatzkönig, der auf den Thron gelangte, wenn der König getötet wurde. In vielen Kulturen wurden Naturkatastrophen, schlechte Ernteerträge oder zu lang dauernde Feh­den Herrschern zur Last gelegt, die dann getötet wurden.

 

Symbolisiert der thronende, gesetzte König den Opfertod, so ist der Sitzende auf dem elektrischen Stuhl dem wirklichen Tod geweiht, denn der elektrische Stuhl ist eine Tötungsmaschine, deren elektrischer Stromkreis an das Nervensystem der aufrecht Sitzenden und zum Tode Verurteilten angeschlossen wird. Dabei ist das Töten in der Haltung des Sitzens im Rahmen einer Sitzgesellschaft als würdige und angemessene Tötungsart gedacht, so dass die durch ihr Verbrechen von der Gesellschaft Abgefallenen durch das formale Arrangement einer bürgerlichen Sitzsituation in die Gemeinschaft zurückgeholt werden. Der Verlust der sozialen Bindung durch das begangene Verbrechen wird in der Haltung der Souveränität wieder rückgängig gemacht. Die Attraktion des Tötens auf dem Elektrischen Stuhl ist das sedierte Töten.

 

Zwar stimmt die Körperhaltung mit den Idealen einer Sitzgesellschaft überein, doch die Praxis widerspricht dem Ideal einer Humanität und Würde des Tötens, denn viele Hinrichtungen scheitern beim ersten Versuch, weil Menschen sehr unterschiedlich auf elektrische Stromstöße reagieren. Mal reicht die Stromspannung nicht aus und es werden mehrere Stromstoßserien erforderlich, mal steigt Rauch an den Kontaktstellen an Beinen und Kopf auf und Hautpartien verbrennen großflächig, oder Verurteilte widerstehen überhaupt den heftigen Stromstößen. Der Tod – heißt es – trete erst nach der Hinrichtung, auf dem Seziertisch, ein – durch das Skalpell des Arztes.

 

7. Das Aussetzen der Attraktion des Tötens

 

Schopenhauer, der den kosmischen Willen als Ursache für das unablässige Töten und Leiden in der Welt ansieht, formuliert Methoden, nach denen der Mensch dem Leiden entgehen und das Töten mindern kann: Wenn er den Attraktionen widerstehen will, muss er den kosmischen Willen methodisch bannen. Dazu muss er das Individuationsprinzip sowie die Anschauungsformen Raum, Zeit und Verstand erkennen und in der Läuterung, im Mitleid, in der Askese und im Kunstgenuss aufheben.

 

In der Läuterung nach einer Krise oder im Mitleiden mit einer anderen Kreatur kann dem Menschen bewusst werden, dass er von einem Willen getrieben wird, der nicht notwendig zu ihm gehört. Das ist der Beginn des Zerbrechens des Individuationsprinzips, das ihn zum Leben, zum Leben-Wollen und zum Töten veranlasst. Auch in der Askese hebt er das Individuationsprinzip auf und entzieht seinem inneren Treiben die Basis: Er wird absichtslos und entwickelt die buddhistische Lebensform der Ruhe, eine Art konstruktiver Willenlosigkeit – das Quietiv. Im Kunstgenuss kann er die Formen der Erfahrungswelt zerbrechen, da das Wesen der Kunst außerhalb von Raum, Zeit und Verstand liegt. Dadurch führe Kunst zu wahrer Erkenntnis, wodurch Schopen­hauer der Kunst den Vorrang vor der Philosophie einräumt. Das methodische Bannen der Formen der menschlichen Wahrnehmung ist eine hohe intellektuelle Arbeit, die aus einer persönlichen Krise, aus dem Anblick mitleidwürdiger Kreaturen sowie aus der Praxis der Askese und der Kunst herrühren kann.

 

Veganer verachten das Töten von Tieren. Sie verzehren nur Produkte, die nicht von Tieren stammen, und meiden auch Erzeugnisse wie Wolle und Horn, Leder und Milch. Radikaler sind Naturaner, da sie auch gegen das Töten von Pflanzen sind. Töten ist ihnen ein falsches, inhumanes Verhalten. Sie ernähren sich von Früchten, Nüssen und Getreide, da sie glauben, diese nicht töten zu müssen, weil sie bereits auf natürlichem Wege abgestorben sind. Das mag idealistisch und ideologisch erscheinen, macht aber nachdenklich und weist in einem angemessenen theoretischen Kontext einen Weg in eine anteilnehmende Globalgesellschaft.

 

Der Mensch hört auf seinem Weg der Domestizierung, der Zivilisierung, der Disziplinierung, der Sedierung und der Nodierung (Vernetzung) nicht auf, nach Wegen zu suchen, die Produktion von Tieren und ihr Töten zur Nahrungsherstellung zu vermindern. Unaufhörlich unterscheidet, differenziert und verfeinert er, um nicht töten zu müssen. Das Tabu „Du sollst nicht töten“ wird nicht länger auf die eigene Kultur und Gemeinschaft begrenzt, sondern gilt dem gesamten Planeten und der Kultur aller Menschen – und immer häufiger auch auf Lebewesen.

 

Die Privatschule Summerhill, gegründet von Alexander Sutherland Neill 1921 in Leiston, England, besuchen heute neunzig Schüler. Die erste demokratische, wenn auch nicht antiautoritäre Schule, denn immerhin regeln etwa zweihundert Gebote das Zusammenleben. Es gibt keinen Unterrichtszwang und die Gebote werden von Gremien aus Schülern und Lehrern kontrolliert und weiterentwickelt. Wer Regeln verletzt, wird bestraft – mit Geschirrspülen, Reinigungsarbeiten und Gartenpflege. Anstelle der Strafe kann auch ein Tag der Aufmerksamkeit festgesetzt werden, an dem Regelbrecher eine besondere Aufmerksamkeit genießen, denn die Gemeinschaft hat für das Verhalten seiner Mitglieder eine Mitschuld erkannt, wie bei einigen Stämmen in den Anden, die Gesetzesbrecher – auch bei Tötungsdelikten – in einen Kreis bitten und fragen, was sie – die Gemeinschaft – falsch gemacht und was sie zu einer solchen Tat beigetragen habe. Diese Art miteinander umzugehen ist keine Garantie für eine totale Friedfertigkeit, aber indem die Kulturen der Welt zusammenwachsen und erkennen, dass sie eine Menschheit sind, gelingt es immer mehr – im Angesicht vieler Kriege, Genozide und Morde – einander mit Toleranz zu begegnen und zu kooperieren – zwei Bedingungen für eine Globalgemeinschaft.

 

 

Literatur

 

Bataille, Georges, Gilles de Rais. Leben und Prozess eines Kindermörders, Frankfurt am Main Berlin Wien 1975.

Blumenberg, Hans, Theorie der Unbegrifflichkeit, Frankfurt am Main 2007.

Eickhoff, H./Paschiller, D., Kreislauf der Gewalt. Krieg und Terrorismus, in: Teunen, Jeroen, Draw me a Terrorist, Wiesbaden 2007.

Frank, Dorothee, Menschen töten, Freiburg 2006.

Grossmann, Dave, Warum töten wir? Interview von Maria Biehl, in: DIE ZEIT Nr. 39, 23. September 1999.

Horstmann, Ulrich, Das Untier, 1983.

Schopenhauer, Arthur, Die Welt als Wille und Vorstellung, Erster Band, Zürich 1998.

Theweleit, Klaus, Der Knall. 11. September, das Verschwinden der Realität und ein Kriegsmodell, Frankfurt am Main und Basel 2002.

 

[1] Blumenberg, Hans, Theorie der Unbegrifflichkeit, Frankfurt am Main 2007, S. 105.

[2] Schopenhauer, Arthur, Die Welt als Wille und Vorstellung, Erster Band, Zürich 1988, S. 162.

[3] Wie Ulrich Horstmann in seinem Buch Das Untier vorschlägt.

[4] Der Völkermord an den Tasmaniern durch englische Pioniere ist 1872 abgeschlossen.

[5] Vgl. Bataille, Georges, Gilles de Rais. Leben und Prozess eines Kindermörders, Frankfurt am Main Berlin Wien 1975, S. 10.

[6] Zitiert nach WhyWar? – http://www.whywar.at/kriegsverbrecher; vgl. Frank, Dorothee, Menschen töten, Freiburg 2006, S. 195ff.

[7] Vgl. Eickhoff, H./Paschiller, D., Kreislauf der Gewalt. Krieg und Terrorismus, S. J04, in: Teunen, Jeroen, Draw me a Terrorist, Wiesbaden 2007.

[8] Theweleit, Klaus, Der Knall. 11. September, das Verschwinden der Realität und ein Kriegsmodell, Frankfurt am Main und Basel 2002, S. 16.

[9] Grossmann, Dave, Warum töten wir? Interview mit Maria Biel, in: DIE ZEIT Nr. 39, 23.9. 1999.

 

 

 

 

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13. Dezember 2017

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