aus Bauwelt, Heft 17/ 1993

 

 

 

DER TISCH

 

 

Andererseits, einerseits. Tisch und Stuhl. Andererseits der Tisch, einerseits der Stuhl. Zwei Objekte des Begehrens. Vor allem aber das Begehren des neuzeitlichen Menschen. Auf dem Stuhl opferte man einst den König,[1] auf dem Tisch den Göttern das Tier. So kennen auch Tiere den Tisch. Aber es sind Tische des Menschen, Altäre, auf denen diese jene zum Opfer darbrachten. Der Mensch erhöht das Tier auf dem Altar und teilt es im Opferschmaus mit den Göttern.

Tische sind aus Gesten hervorgegangen, die entstanden, als die Hände das Opfertier nicht mehr hielten und freigesetzt wurden: aus dem Vergrößern der Handflächen und aus dem Anheben der Hände vom Boden auf ein erhöhtes Niveau während des Opfergeschehens. Von Anbeginn haftet Blut am Tisch, das Blut eines Opfertieres. Altäre und Tische finden sich erst bei Völkern mit einer entwickelten Religion, sie sind alte Manifestationen besonderer Funktionen der menschlichen Hand.

Ursprünglich dient der Erdboden als Lagerstatt und als Tisch. Aber er dient als Tisch, ohne dieser selbst zu sein, denn das Charakteristikum des Tisches ist seine horizontale, durch ein Gestell vom Erdboden abgehobene und abstrahierte Ebene, auf der man essen, arbeiten, spielen oder etwas ablegen und um die herum man Distanz halten und erzählen kann.

Die Lust am Einverleiben scheint eine Konstante menschlichen Daseins, die wir aus vielen Zeiten und Kulturen kennen. Mit dem Tafeln, der genießenden Hingabe und Zerstreuung am Tisch, oder dem Fressen und Saufen, verbindet sich bereits die geordnete, die zivilisierte Lust an der Einverleibung, die noch vieles ihrer einstigen Wildheit preisgibt.

 

Der Teppich der Nomaden

 

Nomaden kennen keine Tische. Sie sind wie der Wind. Wandervölker. Immer unterwegs, durchqueren sie weite Territorien und nehmen immer wieder neues Land in Anspruch, ohne Anspruch auf Besitz zu erheben. Denn schon bald werden sie auf ihrer kosmischen Bahn weiterziehen. Es ist die große Beweglichkeit, das Leben auf dem Fuß, die keine Ordnung stiftenden Objekte wie Tisch und Stuhl erlaubt. Wenn sie nach langem Umherstreifen ruhen, setzen sich die Nomaden nicht versammelt um einen Tisch, sondern legen, hocken oder kauern sich auf den Boden. Das Nomadische ist flüchtig, doch keine Flucht, ist Durchgang und vorübergehende Bleibe, Genügsamkeit und das Geschick zur Anpassung. Nomade leitet sich von nomás ab und bedeutet Nehmen und Zuteilen von Weiden. Das daraus abgeleitete Weiderecht (nomos) regelt die Nutzung des Territoriums. So tragen die Nomaden das Recht auf ihren Wanderungen mit sich, das die Sesshaften zum Gesetz machen, zum Besetzen und Besitzen von Land und Weiden: Tische sind erste Gestaltungen dieses Gesetzes, Vorboten des Stuhls.

Nomaden sammeln und jagen. Die Beute wird rasch verzehrt. Entweder verspeist man kleine Tiere (Eidechsen, Maden) wie die Aborigines roh oder hebt für größere den Herd (Erdofen) aus dem Boden. Als Auflage für die Speisen dient der Herd selbst oder der Erdboden. Es gibt noch keine vom Boden abgehobene, architektonisch gestützte Ebene, welche die Nahrung aufnimmt. Man nutzt nur, was die Natur bietet. Den Ort für den Herd, um den sich die Nomaden lagern, bestimmt ihre Situation. Es ist der Kosmos als ganzer, der ihnen die Orientierung gibt, nicht dieses oder jenes Objekt im Raum. Trotz des Flüchtigen liegt hierin ihre Beständigkeit: im Vertrauen in jeden Ort. Später wird der Bezirk um den Herd die Stelle, die dem Stamm Orientierung und Mitte gibt. Erste Ausformungen auf einen Tisch hin sind günstige Gestaltungen des Bodens. Auch ein Stein, Fellstücke, Gräser oder ein Teppich können als Unterlage dienen. Noch keine Tische, aber Wege zu ihnen hin, keine angehobene, aber eine verbreiterte Handfläche. Wie bei den afghanischen Nomaden: Zum Mahl wird ein Tuch ausgebreitet, auf das die Speisen gestellt werden und um das man steht oder hockt. Man betritt das Tuch und nimmt die Speisen auf.

Mit der Sesshaftwerdung, der ersten Abkehr vom Nomadischen, erlangt der Mensch eine neue innere und äußere Verfassung, die das ungebundene Zuteilen des Weidelandes in ein Aneignen, ein Besetzen und Besitzen von Weiden und Neuland umwandelt. Das Territorium wird nicht mehr durchquert, sondern besetzt und beherrscht. Die Sesshaftwerdung erweist sich als Einschnitt in äußere und innere Haushalte und heißt Domestizierung, Bindung an den Domus, das Haus, das in dieser Zeit entsteht. Sie bedeutet das Erfinden zunächst der setzenden Objekte wie Altar und Tisch, wenn auch der Tisch nur ein eigentümlicher Stuhl ist. Das Neolithikum ist der Beginn bauender Tätigkeit, der Züchtung von Pflanzen und Tieren. Mit dem domestizierenden Einschnitt zerfällt die intuitive Orientierung des Menschen und mit der fixierenden Materialität des Tisches wird das Vagabundieren begrenzt. Deshalb bedeutet die Sesshaftwerdung des Menschen lediglich die Reduktion des Laufes, die Abnahme der inneren Unruhe und das Nachlassen der Liebe zum Horizont. Der Tisch ist die Verneinung der Wüste.

 

Opfer- und Speisetische der Antike

 

Es sind nicht elementare Lebensbedürfnisse, die der Tisch befriedigt, sondern wie alle vom Menschen erzeugten Geräte ist er ein spätes Produkt, das mit der Sesshaftwerdung und im Zusammenhang mit rituellen und kultischen Handlungen alter Speisegemeinschaften entsteht. Sachlich entwickeln sich aus dieser Wurzel Altäre und Altartische, denen unser Esstisch entstammt. Sprachlich entsteht das Wort Tisch aus dem griechischen Wort diskos (disk - tisc - tisch), das sich auf die hölzerne Wurfscheibe, den Diskus, bezieht. Der Bezug stellt sich darüber her, dass die auf ein Gestell befestigte Platte der Tische der Griechen, der vornehmen Germanen und der Römer rund war. Als das Runde bezieht sich diskos ebenso auf die Tischgeräte Schüssel und Teller. Etymologisch zielt diskos allerdings nicht auf das Runde, sondern auf das Geworfene (dikein heißt werfen), und nur insofern auf die runde Scheibe, als sie geworfen wird. Während mensa das lateinische Wort für den Tisch ist, entstammt unser Wort Tafel dem Lateinischen tabula, das ganz allgemein Brett oder Tafel bedeutet.

Im griechischen Theater, dem Fest des Rausches und des Opfers zu Ehren des Dionysos, steht im Zentrum des Orchestrons die Thymele, der Altar des Dionysos. Der erste Schauspieler, der sich aus dem Chor entwickelt hat, setzt sich auf die Thymele und macht sie zum Thron. Er gibt sich auf dem Altar, der ein Tisch ist, als Opfer hin und greift, indem er sich setzt, sich auf dem Thron niederlässt, nach Macht, da Thronen oder Sitzen Macht und Opfer implizieren. In Rom bedeutet Altar (Ara) neben Opfertisch auch Zufluchtsort. Schon die Griechen gewährten demjenigen, der sich auf einen Altar setzt, Schutz vor Verfolgern, während die dem Altar geweihte Gottheit ihn zu ihrem Genossen machte. Da sich der Schutzsuchende paradoxerweise auf einen Altar, den Speisetisch der Götter, setzt, fließen in dem Bild Altar, Thron und Tisch ineins und veranschaulichen das Verhältnis von Geben und Nehmen. Wer gegen den göttlichen Willen verstößt und einen Bittenden versehrt, fällt, wie Achill und Aias, der Blutrache zum Opfer.

Tische wie der Dreifuß sind in der griechischen Götterwelt und der Welt des Adels begehrte Objekte, die man stiehlt, um die man sportlich kämpft oder die man verschenkt. Die Rangordnung an den Tischen des Adels und der Götter wird bei Homer so präzise wie die Sitzmöbel am Tisch beschrieben. Da die griechische Speisegesellschaft eine Gesellschaft von Männern ist, bleibt die Frau vom Symposion ausgeschlossen, sie darf auch sonst nicht auf dem thrónos, dem erhabenen Sitz am Tisch des Symposions, Platz nehmen. Seit 624 vor Christus übernimmt der Mann die orientalische Sitte und legt sich zum Symposion auf die Kline, das Speisesofa. Bei den Gelagen stellt man das Geschirr auf dreibeinigen Tischen, den Dreifüßen, ab. In der Antike benutzt man Tische nur zum Speisen. Die wenigen Gegenstände, die man benötigt, legt man in die Truhe oder hängt sie an die Wand.

Die Haltung des Liegens um den Tisch übernehmen die Römer von den Griechen. Sie speisen liegend im Triklinium: Drei Klinen stehen um den Tisch. Bei den Griechen bedeutet das Umstürzen eines Altars, dass der Glaube an die Gottheit, der der Altar geweiht war, erloschen ist. Dem vergleichbar beginnt eine Rebellion bei den Römern mit dem Umkippen des Herrscherbildes oder dem Umstürzen eines Speisetisches. In vielem erinnert das Speisen der Römer noch an das göttliche Schmausen, das zu gebende Opfer und den orgiastischen Rausch: Nie fehlte auf dem häuslichen Tisch das Salzfass, das auf den Opfertischen der Götter stand; die Saturnalien, die sieben Tage dauern, die Matronalien oder andere festliche Anlässe sind rauschende Orgien des Schmausens und wüste Trinkgelage. In seinem Gastmahl des Trimalchio zeigt Petronius, in welchem geistigen Kontext die maßlosen Gelage stehen konnten. Der zu Wohlhabenheit gelangte Sklave Trimalchio lässt nicht nur erlesenste Speisen auftischen, er philosophiert, schmaust und trinkt, entfernt sich von Zeit zu Zeit vom Tisch, um anderen Dingen nachzugehen, nimmt aber immer wieder zwischen seinen Gästen Platz,[2] die er mit kleinen Aufführungen unterhält, Aufführungen, die seinen unermesslichen Reichtum und die Ideale seines Lebens veranschaulichen. Trimalchio ist eine literarische Figur, kein Lucullus (ein echter römischer Feldherr), der das Erlesene beim Speisen verehrte, und kein Vitellus (ein echter römischer Kaiser), der neben dem Erlesenen auch der Masse von Speise und Trank verfallen war.

Neben den Griechen und Römern kennen auch Chinesen und Japaner, orientalische Völker und Germanen in ihrer frühen Zeit Tische. Ihre ersten tischartigen Objekte sind niedrig, da man an ihnen nicht auf Stühlen sitzt, sondern um sie herum hockt oder liegt. Während die Orientalen als Ablage für Getränke und Speisen ein flaches und beinloses Objekt, das Tablett, erfunden haben, verwenden die Chinesen seit dem 14. Jahrhundert nach Christus vielfach sehr hohe Tische, da sie beim Essen den Mund nah an die Schüssel oder den Teller heranführen. Entweder stehen sie vor dem Tisch oder sitzen auf überhohen Hockern und Stühlen. Die Germanen hatten, wie die Römer, beim Speisen jeder „einen Platz für sich und einen eigenen Tisch.“[3] Bei den im Norden lebenden Stämmen verankerte man, häufig bis weit in die Neuzeit hinein, den Küchentisch fest im Gebälk des Hauses. In alten Küchen, mittelalterlichen Gaststuben oder noch heute gelegentlich in der alemannischen Schweiz, der Bretagne oder in Westfalen weisen Tischplatten Vertiefungen zum Eingießen der Speisen in der Tischmitte auf und am Rand für die einzelnen Tischgenossen.[4] In japanischen Restaurants wird das Essen meist direkt am Tisch, der zugleich Herd ist, zubereitet.

 

Der Tisch der Christen und die königliche Tafel

 

Das christliche Abendland entwickelt den Tisch aus dem Opfertisch, ohne an antike Tischformen anzuknüpfen. Sein Mittelalter kennt keine festen Tische. Der Tisch wird zum Essen aufgestellt und nach dem Abräumen wieder abgebaut. Die Tafel aufheben heißt soviel wie das Mahl beenden. Heute meint Tafel (tabula, tavola, table) meist den feierlich gedeckten Tisch, ursprünglich die zwei Böcke mit der auf ihnen liegenden Platte. Ein aufgelegtes Tischtuch ist bereits Ausdruck der vornehmen oder der geweihten Tafel, die man zum Abendmahl oder zu Weihnachten aufstellt.[5] Gelegentlich kennt man auch an der Wand befestigte kleine Klapptische, doch der eigenständige, nicht zerlegbare, Tisch, entsteht im Abendland später als das Bett, die Truhe oder der Stuhl. Das Untergestell[6] differenziert die Tische, nach denen man seit der Neuzeit einen ganzen Berufsstand nennt: den Tischler.[7]

Die Christen übernehmen den Brauch der Römer, das Mahl liegend einzunehmen. Der Tisch, um den sie allabendlich zusammenkommen, ist der Ort, an dem sie gemeinsam das Mahl einnehmen. Bei den Zusammenkünften, die unmittelbar nach dem Tode Jesu die christliche Kirche begründen, liegt man. Kultgegenstände sind Brot, Wein und der Tisch. Es ist ein Fest der Liebe (Agape) und des Dankes (Eucharistie). Der zelebrierende Presbyter unterbricht immer wieder das Speisen, um aus der Bibel vorzulesen und die Speise zu segnen. Der Raum, der den Tisch und die Gläubigen aufnimmt, bildet eine geschlossene Form. Indem die Kleriker ihre Macht erweitern und sich von den Laien absetzen, separieren sie das Speisen von den abendlichen Zusammenkünften und verlegen sie auf den Sonntagmorgen. Das Speisen wird Privatsache und Agape und Eucharistie werden am Sonntag getrennt zelebriert. So wird der Tisch des abendlichen Mahls zum Altar der christlichen Kirche und die geschlossene Form um den Tisch geöffnet. Von nun an stehen die Kleriker den Laien in größerer Distanz als zuvor gegenüber. Indem man Agape und Eucharistie trennt, löst man den Gottesdienst auf in ein rein symbolisches Tun und hebt sowohl die anfängliche Einheit des Tuns als auch des Raumes auf. Die ersten verdinglichten Formen dieses Prozesses sind die Kirchen Lateran und Alt-St.Peter, die matres omnium ecclesiarum, die eine enorme Längung des Kirchenraumes, eine extreme Opposition von Apsis und Hauptschiff aufweisen. Durch die Konzentration auf den Tisch, den Altar, bleibt die Einheit in der Opposition der Raumabschnitte für das Allerheiligste und für die Laien erhalten. Damit hat sich die Christenheit um 330 einen Kirchenraum geschaffen und dem Altar einen festen Ort gegeben. Es ist allein der Opfertisch, entwickelt aus dem abendlichen Mahl der frühen Christen, der die extreme Spanne der Opposition von kniender und stehender Gemeinde und von sitzendem Klerus, überbrückt und als Altar zur kultischen Mitte wird. Es ist diese Einheit, die die inneren Räume der Kirche und die Kirche als architektonisches Gebilde überhaupt erst hervorgebracht und ihnen die spezifische Ordnung und den charakteristischen Bedeutungsrahmen gegeben hat.

Auch das weltliche Dasein der mittelalterlichen Menschen orientiert sich weitgehend am Leben Christi. Dem runden Tisch der Artusrunde, den der Zauberer Merlin erfunden hat, dienen der christliche Altar und das auf ihm dargebrachte Opfer als Vorbild.[8] Die Rundung der Tafel, an der die tapfersten Ritter der Erde ohne Unterschied des Ranges sitzen, sollte an das Gewölbe des Himmels und an das Firmament der Sterne erinnern. An ihm sollte immer ein Platz für den frei bleiben, der ohne Makel wäre. Die Ritter „ließen sich an der Tafel nieder, aßen und tranken und waren fröhlich und heiter und einander so zugetan wie Väter und Söhne, oder Brüder unter Brüdern, obgleich sie sich zuvor kaum kannten.“[9] Der freie Platz zur Rechten des Königs verweist auf den freien Platz neben Gott, die Ritter, die aus verschiedenen Ländern kommen und unterschiedliche Sprachen sprechen, sich aber doch verstehen, auf das Pfingstfest. So sitzen sie in aristokratisch-demokratischer Manier am runden Tisch, dem Symbol für Hoffnung, Sehnsucht und Utopie, und lassen es sich gut gehen. Das Bemerkenswerte an der Rundform ist das Fehlen der Ecken und die Richtungslosigkeit. Ecken geben dem Tisch das Unterscheidende. Man kann am runden Tisch weder anecken noch jemanden um die Ecke bringen, und wenn bei Tisch nur noch Platz an einer der Tischecken übrig bleibt, lässt das Unglück nicht lange auf sich warten. Ecke bedeutet Schneide, Scheide oder Stachel und macht die Tischecke zum Element sozialer Distinktion. Tatsächlich gibt es im 12. Jahrhundert weder artusgleiche Ritter noch runde Tische. Der Hofherr sitzt entweder am Kopfende eines rechteckigen, meist niederen Tisches oder in der Mitte der Längsseite, wobei die Ränge zu beiden Seiten abnehmen. Dem König gegenüber oder in seiner Nähe Platz nehmen zu dürfen, gilt als höchste Auszeichnung. Obwohl die Ordnung am Tisch streng hierarchisch ist, werden die wenigen privilegierten Plätze oft als Begrenzung empfunden, die immer wieder zu Verdruss führen konnten. Da die Regeln für die Anweisung der Plätze festgelegt war, hätte sich also selbst das Platzanweisen an einem runden Tisch als kompliziert erwiesen. Vornehme Gastgeber oder Könige konnten aber auch für sich allein oder mit der Herrin des Hofes an einem Tisch sitzen. Die Instanz, die für einen geordneten Ablauf an der vornehmen Tafel sorgte, die Zuweisung der Plätze mit einem langen Stab und das Anweisen der Mundschenken, zur rechten Zeit und in der rechten Weise die Speisen und Getränke zu kredenzen,[10] war der Truchsess. Seine Arbeit erforderte neben dem Wissen um die Ränge immer dann ein hohes Maß an Einfühlung, wenn mehrere gleichrangige Gäste zugegen waren. Als die deutschen Fürsten im Jahre 1298 in Nürnberg zusammenkommen, um dem neuen König Albrecht I. zu huldigen, scheitert eine Platzzuteilung an einer ungeklärten Rangordnung. Nach einem Streit verlässt der Erzbischof von Köln zornentbrannt den Speisesaal und trägt seinem Amtsbruder, dem Erzbischof von Mainz, an, die Entscheidung, wer auf welchem Platz am Tisch zu sitzen das Recht habe, im Zweikampf auszutragen. Es war bis dahin Brauch, dass, wenn der Deutsche König Hoftag hält, rechts neben dem König der Kölner Fürst oder Bischof sitzt. Dagegen protestiert der Mainzer Kollege und nimmt gewaltsam den begehrten Platz neben Albrecht ein.[11] Zur Vermeidung solcher Rangstreitigkeiten diente die runde Artustafel. Am Hofe Ludwigs XIV. oblag das Aufwarten bei Tisch sechs adligen Kämmerern. Hatte der König zum Beispiel Durst, beugte der Mundschenk vor ihm das Knie und rief: „Dem König einen Trunk“. Dann trat er zur Anrichte und erhielt vom Kellermeister ein Tablett mit zwei Kristallkaraffen, eine mit Wein, die andere mit Wasser gefüllt. Unter erneuter Kniebeuge übergab er das Tablett dem Kämmerer vom Dienst, der etwas gewässerten Wein in das eigene Glas schenkte, kostete und das Tablett mit den Karaffen zurückgab. Erst nach in aller Ruhe vollzogener Zeremonie, die sich nach jedem leeren Glas wiederholte, konnte der König seinen Durst stillen.[12] Wohl deshalb hat Lichtenberg später gespottet, dass es im Krankenbette oft besser zugehe als am ersten Platz der königlichen Tafel. Seit dem 12. Jahrhundert sind zahlreiche Verhaltensvorschriften entstanden, die Tischzuchtliteratur, lehrhafte, meist gereimte Dichtungen für das standesgemäße Benehmen an den Speisetischen des Adels.

 

Die vier Typen des Tisches

 

Ebenso wie die königlichen Schlösser und Residenzen sind die mittelalterlichen Stuben ohne Mobiliar. Das erste Möbel ist die Truhe, die man im Flur aufstellt, das Behältnis für die Hausgeräte, aus der sich der Schrank und die Form unserer heutigen Stühle entwickelt haben. Festgefügte Tische sind in dieser Zeit unbekannt. Dafür, dass man den zerlegbaren Tafeltisch aus der Tischplatte und den zwei Böcken verwendet, gibt es zwei Gründe: die Vorliebe für den freien, unverstellten Raum, da man sich lieber ungehindert in den Räumen bewegte, und das nomadische Wesen des mittelalterlichen Hofstaates, der die Möbel auf den Reisen von Residenz zu Residenz mitschleppte.

Der erste eigenständige Tisch, und damit das Urmodell des Tisches, ist der Wangentisch.[13] Entstanden im Spätmittelalter, bedarf er nur weniger konstruktiver Mittel: „Zwei aufrechtstehende Bretter in einer standfesten Breite, verbunden durch ein hochkantliegendes schmales Brett, bilden das Untergestell für die Tischplatte.“[14]

Seit dem 15. Jahrhundert verzapft man die lose aufgelegte Platte des Tafeltisches fest mit den Böcken. Diese Weiterentwicklung ist der Bocktisch. Die Konstruktion entspricht dem Wangentisch: zwei Seitenteile, die durch Längsstreben verbunden werden. Anstelle der beiden Wangen verwendet man vier getrennte Vierkantpfosten.

Ihre höchste Reife erreicht die Tischkonstruktion im Zargen- oder Stollentisch. Im Vergleich zu den bisherigen Tischtypen (Wangen- und Bocktisch) stellt er eine neuartige Konstruktion dar, die durch die Zarge, das waagerechte Mittelglied zwischen der Tischplatte und den Tischbeinen, günstige Voraussetzungen für die Mechanisierung und eine Formenvielfalt des Tisches bietet. „Dadurch lassen sich an ihm sämtliche funktionale Erweiterungen von der Einfügung der Schubkästen bis zu den vielfältigen Klappsystemen verwirklichen.“[15] Während beim Kastentisch - Tische können auch Taschen sein - der Kasten dem Gestell nur aufgelegt und verzapft wird, finden die Tischbeine (Stollen) durch das integrale Element der Zarge Halt im Gesamtgefüge. Zunächst stabilisieren schmale Stege im kurzen Abstand vom Boden den Halt der Tischbeine, die erst mit der Verfeinerung der Technik frei und fest stehen. So bietet die große Standfestigkeit des Zargentisches die Möglichkeit, Auszieh- und Klapptische funktionsgerecht zu tischlern und Tische mit variablen Untergestellen und komplizierten Mechaniken für Schubfächer, Türen, Klappen, Schienen und Spiegel zu entwickeln.

Der vierte traditionelle Typ ist der Säulentisch. Eine ovale oder vieleckige, meist aber runde, Platte wird von einem kräftigen und häufig reich verzierten Säulengestell architektonisch in der Mitte gehalten. Schon bei mittelgroßen Tischen ist ein großer Aufwand an Technik erforderlich, damit die Säule die Platte, die durch die Zarge nur noch stabilisiert wird, fest trägt. Der Säulentisch schließt die Tischentwicklung ab und legt den besonderen Charakter des Tisches, Berg und Höhle zu sein, frei: Der Raum unter dem Tisch ist das Verborgene, das Rätsel und Geheimnisvolle eines jeden Hauses. Dies hat der feste Tisch der mittelalterlichen Tafel voraus: Mit dem Aufheben der Tafel verschwand jedes Mal dieser rätselhafte Ort, der auch dem Säulentisch nur bedingt zukommt, weshalb man ihm oft eine lang herabhängende Decke auflegte. Später wird er der typische Tisch des Biedermeier.

 

Die Dressur des Bürgers am Tisch

 

Mit dem Aufstieg des Bürgertums wird das Wohnen zum Inbegriff des Hauses. Dabei bilden sich die Ideale unseres heutigen Wohnens aus, bei denen Vorstellungen von Behaglichkeit und Komfort eine zentrale Rolle spielen.[16] Es ist die Zeit, in der das Bürgertum den königlichen Thron und das christliche Chorgestühl der Mönche zum Gebrauchsstuhl profanisiert. Aber man sitzt nicht nur auf Stühlen, sondern man sitzt an einem Tisch oder um einen Tisch herum. Ehemals der Herd, wird nun der Tisch zum Ordnungsstifter der bürgerlichen Räumlichkeit, zu einem gerichteten Raumpunkt, an dem sich das Heilige neu etablieren kann. Deshalb das große Bemühen, für ein rechtes, ein mäßiges Verhalten am Tisch zu sorgen. Der Tisch wird der Ort, an dem man anhält, äußerlich zusammenkommt und sich innerlich sammelt. An ihm brechen und verdichten sich die unterschiedlichen Wege und Intentionen der Menschen, an ihm werden die Menschen normiert und zu einer versammelten Menge umgestaltet.

Unter den Räumen des Hauses verliert die Küche allmählich ihre herausragende Stellung. Bis sie um 1700 - bis dahin die symbolische Mitte des Hauses - vorwiegend nur noch als Nutzraum dient und die Versammlung um den Herd ihre zentrale Bedeutung einbüßt. An die Stelle des Herdes in der Küche tritt der Esstisch in der Wohnstube, der zum Zentrum des Hauses wird. Aber der neue Tisch dient vielfältigen Tätigkeiten, weshalb man ihn oft ausziehbar gestaltet, da der Ausziehtisch die Funktionen des Tisches enorm erweitert. Um den Herd in der Küche war man nah beieinander und ständig in Bewegung. Der Esstisch in der Stube bringt die um den Tisch Sitzenden in eine neue Ordnung. Er isoliert den einen vom anderen, distanziert sie, vermindert den ehemals engen leiblichen Kontakt und fordert ein erhöhtes Maß an Disziplin. Mit dem Sitzen, einer extremen Haltung des Leibes, nimmt das gemeinsame Essen am Wohnzimmertisch strengere, höfische und christliche Züge an.

Mit dem Verlegen des häuslichen Lebens von der Küche in die Stube, vom Herd an den Esstisch, ändert sich zugleich die Haltung des Menschen beim Essen vom Kauern auf niederen Bänken und Schemeln und dem Kauern auf dem Boden zum Sitzen auf Stühlen. Der Tisch zeigt hier neben der Ableitung aus dem Altar seine zweite Wurzel: die Entwicklung aus dem Sitzen. In der Neuzeit fließen beide Momente zusammen und bringen Tisch und Stuhl in eine gegenseitige Abhängigkeit. Einerseits bedingt der Stuhl die Höhe des Tisches wie der Unterschenkel des Menschen die Sitzhöhe des Stuhls, andererseits vergrößert der Tisch die schon im Stuhl gewonnenen Distanzen der Menschen zueinander um ein Vielfaches.

Da das Sitzen am Tisch vor allem Funktionen begrenzt, die Intimität ermöglichen, wird die ehemals weniger durchgeformte Nähe der Menschen zueinander in eine Haltung gebracht, die eine verhaltene ist, ein Verhalten, das ein leibliches Zurückhalten bedeutet. Dass es nicht um die Zunahme des Komforts geht, zeigt sich im zusätzlichen Zwang, am Tisch mit Messer und Gabel zu essen, eine Fertigkeit, die in Prozeduren erst erworben werden muss. Aus dem Sitzen, den erhöhten Distanzen durch den Tisch und dem Speisen mit Messer und Gabel entwickelt sich ein neues Muster von Gesten und Gebärden, eine neue Form bürgerlicher Geselligkeit, die Lusterfüllung zugunsten einer höheren, geistigen Ordnung aufschiebt, und den Aufschub zu einer neuen Lust macht. Im Rahmen solcher Zurückhaltung der Emotionen und Affekte prägt sich das abstrakte abendländische Denken aus, das den okzidentalen Menschen melancholisch macht, da sich das Aufschieben zu einer allgemeinen Haltung des Abwartens verdichtet.[17] Gleichzeitig mit dem Erzeugen eines neuen sozialen Verhaltens durch das Essen in der Stube werden Maßnahmen erforderlich, die in der Übergangsphase dieses soziale Verhalten sichern. Es ist die Zeit, in der auch für die Bürger eine Tischzuchtliteratur entsteht, um die neuen Formen mit Hilfe moralischer Leitsätze zu festigen. So unterwerfen Tisch und Stuhl den Menschen einer neuen sozialen, geistigen und emotionalen Ordnung, die bürgerliche Formen der Kommunikation wesentlich mitbestimmt und die formend auf das Handeln, Verhalten und Empfinden der Bürger zurückwirkt, während diese Literatur dazu beigetragen hat, dass das, was einst höfisches Verhalten bei Tisch war, um 1800 zum Standard der Bürgerlichkeit werden konnte. Zunächst gab es sie für die adligen Oberschichten, die nicht am Hofe lebten, später für die bürgerlichen Oberschichten. Von hier aus wird die Civilité, das gute Benehmen bei Tisch, in alle bürgerlichen Schichten hineingetragen. Am Ende isst man nicht mehr mit den Händen, benutzt keine gemeinsame Schüssel, in die man das Brot tunkte, kratzt sich nicht bei Tisch, schnäuzt nicht mehr ins Tischtuch und legt das, was man schon im Mund hatte, nicht mehr für den allgemeinen Verzehr zurück in die Schüssel. Man isst nun mit Messer und Gabel, benutzt zum Reinigen der Hände eine Serviette und verhält sich möglichst ruhig und unauffällig. Norbert Elias hat die Veränderung detailliert beschrieben und an ihnen zu zeigen versucht, wie sich die Zivilisierung des Verhaltens im Umgang mit anderen vollzieht, wie sie von den Spitzen des Adels, später des Bürgertums, ausgehend allmählich alle Gesellschaftsschichten erfasst und wie die Moral mit dazu beiträgt, die Schamgrenze heraufzusetzen und das Verhalten des Menschen zu modellieren.[18]

So macht das Bürgertum die Innenräume seiner selbst und seiner Häuser zu einem erweiterten Leib und Kleid. Zugleich wächst mit der Wohlhabenheit der Bürger rasch der Hang zur Repräsentation und zur Ausbreitung der demokratischen Ideale. Man gibt der Stube eine Ordnung, in der jedes Objekt seinen sichtbaren und damit repräsentativen Platz auf diversen Tischen einnimmt. Ein besonderer Tisch für gesellschaftliche Umbrüche ist die runde Tafel. War sie zunächst das Wunschgebilde des gehobenen Rittertums, wird sie nun auch zum repräsentativen Teil des gehobenen bürgerlichen Lebens. An der Tafelrunde von Sanssouci brilliert ein Bürger, der sich selbst adelte: François-Marie Arouet (de Voltaire). In Weimar entsteht die Tafelrunde im Wittumspalais um die Herzogin Anna Amalia, an der man gemeinsam las, diskutierte oder malte. An ihr nahmen Bürger wie Goethe, Herder oder Jean Paul teil. Der Tisch war leicht beweglich und in der Größe veränderbar, da die Gesellschaft ständig wechselte und unterschiedlich viele Teilnehmer die Zusammenkünfte bildeten. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts konnten die zentrale Figur einer solchen Tafelrunde ein Bürger oder selbst eine Bürgerin sein: Der zweite geistige Mittelpunkt Weimars war der literarische Zirkel um Johanna Schopenhauer.

 

Lesepult, Sekretär und Schulbank

 

Mit der Gelehrsamkeit im Rahmen des Christentums, eine Religion des Wortes und des Buches, hat sich aus der Klosterbewegung eine Sonderform des Tisches abgeleitet: der Schreibtisch, an dem die Bürger, neben dem Essen mit Messer und Gabel, eine andere Handfertigkeit einübten: das Schreiben. Bis in die frühe Neuzeit, bis dahin waren alle Stände des Lesens und Schreibens unkundig, nutzten Stubengelehrte und Mönche ihre Knie als Tisch, auf die gelegentlich noch ein kleines Pult gelegt wurde oder sie bedienten sich eines Schreib- und Lesemöbels, des Pults. Zunächst standen sie an diesen, denn das Sitzen war ursprünglich keine akzeptierte Haltung: Wer saß, thronte, war König oder Kaiser oder, wie auf christlichen Bildnissen, Jesus Christus. Mit der Etablierung des Chorgestühls entstehen die niederen, meist mit einem kastenförmigen Unterbau versehenen Katheder (Lese- und Schreibpulte), an denen die Mönche und Gelehrten saßen. Sie folgen dem Prinzip des mehrreihigen Chorgestühls. Allerdings ist die Basis des Chorgestühls der Stuhl, nicht der Tisch. Von der zweiten Reihe an dient, wie beim Hörsaalgestühl, die vordere Reihe der jeweils nachfolgenden als Tisch für Bücher bei den Lesungen, zu denen man stand. Die Auflagefläche der Pulte, meist nicht größer als ein durchschnittliches Buch der Zeit, weist eine extreme Neigung auf, die im Verlauf der Entwicklung allmählich flacher wird, bis sie im modernen Schul- und Schreibtisch eine Waagerechte bildet.

Aus dem Katheder mit dem kastenförmigen Unterbau entwickeln sich im 18. Jahrhundert die Schulbank sowie der Schreibtisch mit Aufsatz, entweder ein Secrétaire à abattant (Schreibschrank) oder ein Secrétaire en pente (Pultschreibtisch). Von außen betrachtet erinnern Schreibschrank und Pultschreibtisch an die frühen Pulte, an denen man sitzt, doch die Schräge ist äußerlich: will man sie benutzen, muss man den schrägen Verschluss aufklappen, der sich dann in eine waagerechte Schreibfläche verwandelt. Schulbänke gestaltet man erst seit der Schulpflicht um 1800 allmählich mit geneigter Schreibauflage, wobei man Sitz und Tisch fest zusammenfügt. So begrenzen die Leibeshaltung (Sitzen) und das Tun (Schreiben) in der Schulbank die kindliche Vitalität und Beweglichkeit von zwei Seiten her: vom Sitz und vom Tisch. Das Schreiben auf der Tafel oder dem Papier erfordert eine extreme Beherrschung, ein Höchstmaß an Disziplin. Man schreibt oder ritzt Buchstabe neben Buchstabe, setzt Zeile unter Zeile, schreitet auf der Unterlage linear voran. Man ist stillgesetzt, gespannt und gebannt am Tisch, bewegt sich aber in anderen Medien weiter: im Medium des Schreibens (und Lesens) und im Medium der sich damit einstellenden Form des Denkens, unserer linearen Klugheit. Sitzen auf der Bank und Schreiben am Tisch werden schnell zu den zwei wesentlichen Fertigkeiten, die man in der Schule einübt. Was man dabei dem Bewegungsdrang vorenthält, soll sich zu einer geistigen Freiheit entwickeln, so dass bei der Formung des Menschen zum zivilen Wesen Tisch und Stuhl Hand in Hand arbeiten, um den Lernenden von zwei Seiten her korsetthaft einzufassen. Heute ist die Schreibfläche der Schultische gegen besseres Wissen wieder waagerecht. Der umgekehrte Tisch scheint zum Lernen und Spielen anzuregen. Das Buch unter dem Kopfkissen, das man als umgedrehten Tisch ansehen kann, auf dem das Buch liegt, wirkt magisch auf das Gedächtnis. Intuitiv verstehen Kinder den geheimnisvollen und rätselhaften Raum unter dem Tisch, auch dann, wenn dieser kopfsteht: Sie binden ein Band um die in die Luft ragenden Tischbeine, breiten ein Tuch darüber und verwenden das Gebilde als Höhle und Haus und glauben sich unsichtbar; oder sie setzen dem umgedrehten Tisch kühn ein Segel und fühlen sich wie Abenteurer der sieben Weltmeere.

 

Die Vielfalt der Tische durch Arbeitsteilung

 

Mit der Differenzierung der Arbeit und dessen, was man unter Komfort versteht, spezialisiert sich der Tisch. Für jeden Komfort und jedes Tun erfindet man Sondertische. Während Antike und Mittelalter kaum Tische kennen, bevölkern seit dem 18. Jahrhundert Werkzeuge, Bücher, alle Arten von Haushaltsgeräten und Schmuckgegenständen das bürgerliche Haus. Resultat und Tribut der Technik (List) und die Aufgabe, mehr Ablageflächen und differenzierte Tischtypen zu schaffen. In der Verfeinerung des Tisches und der entsprechenden Zahl an Typen drückt sich, neben dem Verbreitern und Anheben, die Veräußerung unterschiedlicher Funktionen der Hände aus: Esstisch, Couchtisch, Mensas; Toilettentisch, Kaffeehaustisch, Tresen; Ladentisch, Frisiertisch, Teewagen; Spieltisch, Operationstisch, Schulbank; Billardtisch, Rauchtisch, Verkaufsstand; Katzentisch, Schreibtisch, Theke; Schanktisch, Zuschneidetisch, Anrichte; Stehtisch, Klapptisch, Bauchladen; Gartentisch, Bohrtisch, Tischtennisplatte; Blumentisch, Nähtisch, Stehpult; Konferenztisch, Zeichentisch und Werkbank. Werkbänke dienen als Tisch und Schrank zugleich, sie können, je nach den Tätigkeiten, wie zum Beispiel beim Goldschmieden, sehr speziell gestaltet sein. Der einfache Tisch kann auch als Arbeitsplatz für Mensch und Material dienen: Bis weit in unser Jahrhundert hinein hockten die Schneider im Schneidersitz auf dem Tisch, der gemeinsam mit den Knien als Auflage für das zu bearbeitende Material diente. Da der Abstand von den Knien zur Tischplatte geringer ist als der im Sitzen von den Knien zum Fußboden, zieht der Stoff weniger stark nach unten und kann nicht durch den Zimmerboden verschmutzt werden. In dem Maß, in dem das Schreiben, Lesen und Ordnen zunimmt und der Tisch eine Menge verschiedener Mittel für die Büroarbeit aufnehmen muss, entwickelt sich das Bureau Plat, der Schreibtisch ohne Aufsatz. Das heutige Büro hat seinen Namen von dem französischen Wort für Schreibtisch, Bureau, das sich wiederum von einem groben Stück Wolltuch oder Filz, Burra, ableitet, das man auf die planen Arbeitstische legte. Auch der geringschätzige Begriff „etwas vom grünen Tisch aus entscheiden“ leitet sich von diesem Stück Stoff ab. Er bedeutet soviel wie eine bürokratisch, ohne Kenntnis der Sachlage, rein theoretisch, von oben herab getroffene Anordnung, oder jede aus Unkenntnis geäußerte Meinung: Die Bedeckungen der Beratungstische der Behörden waren grün gefärbter Filzstoff. Ein noch heute gebräuchlicher Bürotisch ist der mit je einer Reihe Schubfächer an den Seiten, der Kneehole Desk, der in der Mitte Platz für die Beine lässt, oder der Partner's Desk, bei dem sich zwei Schreibende gegenübersitzen können. Das ausgehende 18. Jahrhundert hat, insbesondere in England, seine ganze schöpferische Energie in die Beweglichkeit von Möbeln investiert. Eines der verspieltesten und kompliziertesten Objekte ist ein rollbarer Toilettentisch mit Spiegeln, an dem alle Einzelteile beweglich sind. Auf kleinen Rollen stehend ist er ausgestattet mit Türen, diversen waagerechten und vertikalen Fächern und Unterfächern, einer Ausziehplatte, schwenkbaren Schubladen auf Schienen sowie drehbaren und gleitenden Spiegeln. Es ist die Zeit, in der man die Beherrschung des Lebens durch die Mechanisierung und Technik genießt und demonstriert. Immer häufiger kann nun das Wort Tisch zur Metapher für die Speise, das Speisen oder für den Weg zum Speisetisch werden: Mittagstisch, zu Tisch sein, Tafeln, Nachtisch. Als Kurzform kennen wir Mensa für mensa academica, den Speisesaal der Studenten, als Verkleinerungsform Tabelle (Merktäfelchen) und Tableau (Schautafel), Tablette (Arzneitäfelchen) und Tablett (Serviertafel).

Ein einfacher Tischtyp entwickelt sich in den Gaststätten und Trinkhallen: der Schanktisch, eine Theke oder ein Tresen, an dem man direkten Kontakt mit dem Gastwirt am Ausschank hat. Dass dieser Ort zu einem bevorzugten wird, liegt nach Wolfgang Schivelbusch an der unmittelbaren Nähe zum Wirt, in dem man noch den ehemaligen Gastgeber sieht. Bei den Germanen war es Pflicht, Gästen Tisch und Bett zur Verfügung zu stellen. Der Brauch, später auf drei Tage begrenzt, wurde erst in der Neuzeit aufgehoben. Der Ladentisch in den Kleinhandelsgeschäften ebenso wie der Tresen in der Gaststube trennen die öffentliche und private Sphäre. Mit dem Einzug des Tresens in die englischen Gaststuben um 1800 verliert die Gaststube endgültig ihre Privatheit, und die Auffassung, der Wirt sei immer noch der private Gastgeber, steht seitdem in diametralem Gegensatz zur kommerziellen Bedeutung des Tresens. Schivelbusch hat insbesondere den langen Tresen - eine Art Fliessband - als Beschleuniger gedeutet.[19] Die Getränke werden direkt beim Wirt bestellt und stehend eingenommen. So fertigten die vierzehn größten Gin-Palaces in London zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einer Woche 270 Tausend Gäste ab. Wie die Eisenbahn das Reisen, so beschleunige der Tresen den Konsum alkoholischer Getränke. Allerdings sei der lange Tresen eine Domäne Englands und der USA geblieben, weshalb die Trinkhallen Bar, nicht Restaurant oder Gaststätte heißen. Nach Canetti wollen die Engländer mit ihrem Stehen in der Gaststätte schon beim Ankommen deutlich machen, dass sie nicht lange bleiben werden.[20] Mit einer geringen und unauffälligen Bewegung können sie sich von den anderen lösen und übergangslos weggehen. Komplizierter scheint in vielen englischen Pubs zu sein, überhaupt zum Tresen durchzukommen. In „Geil auf Gewalt“ nennt Bill Buford eine Strategie, mit der man sich in englischen Fußballstadien innerhalb einer großen Menge einen Schritt voranarbeitet, den einfachen Drücker. Die an den Leib gepressten Arme werden gehoben und zwischen zwei vor einem Stehende geschoben. Dann verrenkt man sich so, dass der eigene Körper den Armen naturgemäß nachfolgt. „Der einfache Drücker war allgemein gebräuchlich, vermutlich hatten die meisten diese Technik in den Londoner Pubs gelernt, wo man sie anwenden muss, um zur Theke durchzukommen.“[21] Auch der Sinn der Stehcafés südlicher Länder liegt darin, trotz Distanz Nähe herzustellen. Man nimmt stehend ein Getränk und kann zwischen seinen Geschäften einen Moment lang nah oder distanziert mit anderen plaudern. Dagegen gibt es in Deutschland nur wenige Stehcafés und seine Tresen sind kurz, da man hier lieber an den Tischen sitzt, ein Verhalten, das mit dem zusammenfällt, was Engländer unter deutscher Gemütlichkeit verstehen. Gastlicher glaubt man auch die Landschaft gestalten zu müssen. Zu den Sitzen im Park oder an Parkplätzen der Autobahnen gesellen sich immer häufiger Spieltische (Schach) oder Tische für die Rast in der freien Landschaft.

In den modernen Prüfungen und Überprüfungen haben sich Tisch und Stuhl eng aneinandergebunden und fein abgestimmte Maße und Figurationen ausgebildet. Über seine Reifeprüfung schreibt Uwe Johnson: „Die Sitzbänke wurden herausgetragen, nun wurden Tische aufgestellt mit je einem Stuhl. Der Abstand von einer Tischkante zur anderen betrug einen Meter und siebenundsiebzig Zentimeter.“[22] Eine eigene Form der Prüfung sind das Verhör oder die Vernehmung. Zum Verhör, in dem der Frager eine besondere Konstellation zu dem Beschuldigten einnimmt, gehören ein Stuhl in einem kargen, meist fensterlosen Raum sowie ein unscheinbarer, kleiner Tisch mit Schreibutensilien. Der Beschuldigte wird gesetzt. Nicht weil die Prozedur lange dauern könnte, eher hofft man, der Beschuldigte werde einvernehmlich gestimmt, indem man ihm den Komfort des Sitzens bietet, den der Fragende sich gerade, indem er steht, auf und ab geht oder sich hinter den Sitzenden postiert, versagt. Es ist die Geste der Macht des Sitzenden, die hier zugestanden wird, in der eine Beruhigung und zugleich die Konzentration auf das Denken und das Gedächtnis liegen. Aber auch die andere Seite wird vernehmbar: die Ohnmacht. Und sie mag das tiefer liegende Motiv sein. Der stehende Frager kann jederzeit auf den Sitzenden zuspringen, ihn packen, schlagen, gegen die Wand quetschen und demonstrieren, dass er zwar sitzen darf, aber auch ohne Geständnis verloren sein kann. Im gesamten Prozess bleibt der Tisch stummer Diener (dumb waiter), konstanter Hintergrund, wartende Instanz, um dem Schreiben und Eingravieren des Geständnisses, das ihm seinen objektiven Charakter verleiht, den nötigen materiellen Widerstand zu bieten.

Auch vom zum Tode Verurteilten will man, dass er ein letztes Mal den Zusammenhang von Opfer und Macht erfährt und zum Ausdruck bringt: In der Henkersmahlzeit kehrt das Abendmahl wieder und garantiert die Aussöhnung mit dem Himmel. Sie soll, als letztes Mahl, eine Reinigung vollziehen und einen Neuanfang setzen, der sich in der sprichwörtlichen Redensart vom reinen Tisch, von der tabula rasa, erhalten hat, einer Möglichkeit, Ordnung zu schaffen und neu zu beginnen. Wenn auch hier erst mit dem Tode.

Um 1900 sind Stuhl und Tisch mächtig in die inneren und äußeren Haushalte des Menschen eingedrungen und haben sich Respekt und Raum verschafft. Strindberg schreibt: „Ich habe eine Korrespondenz mit wissenschaftlichen Autoritäten in Paris, Berlin, St. Petersburg Peking, Irkutzk begonnen, und an meinem Schreibtisch halte ich die Fäden zu einem Netz von Verbindungen, die sich über die gesamte Alte Welt erstrecken.“[23] Rilke nennt den Tisch eine fruchtbare Ebene, auf der er seine Manuskripte gleich Dörfern errichten werde. Canetti nennt den Schreibtisch seines Romanhelden Kien einen dunklen Koloss. Zum Bersten gefüllt mit Manuskripten, überladen mit Büchern, stößt er, des Schutzes wegen, bei der leisesten Bewegung an einer der Schubladen einen schrillen Pfiff aus. Als Kien, aus einem Alptraum erwachend, sämtliche Schubladen aufreißt, brach der Lärm los, „gellte durch die Bibliothek und schwoll herzzerreißend an. Es war, als besäße jede Schublade eine eigene Kehle und suche lauter als die nächste um Hilfe zu schreien. Man bestahl sie, man quälte sie, man raubte ihr das Leben. Sie konnten nicht wissen, wer sich an sie wagte. Augen hatten sie keine; ihr einziges Organ war eine schrille Stimme.“[24] Virginia Woolf, die wohl als erste Frau formulierte, welchen Wert ein eigenes Zimmer mit einem eigenen Schreibtisch für eine Schriftstellerin hat, hätte sicher Kafkas Angst geteilt, den sicheren Hort und Hafen Stuhl am Schreibtisch für eine kurze Reise verlassen zu müssen. „Ich würde zumindest einige Tage vom Schreibtisch abgehalten sein. Und diese lächerliche Überlegung ist in Wirklichkeit die einzige berechtigte, denn das Dasein des Schriftstellers ist wirklich vom Schreibtisch abhängig, er darf sich eigentlich, wenn er dem Irrsinn entgehen will, nicht vom Schreibtisch entfernen, mit den Zähnen muss er sich festhalten.“[25]

 

Die Wiederkehr alter Tische

 

Aus der Verarbeitung von Metall und Kunststoff entwickelt sich neben den vier traditionellen Tischtypen eine fünfte Art, die völlig anderen Bauprinzipien folgt: die Stahlrohrtische Tische des Bauhauses, später aus Plastik gepresste Tische. Doch trotz der komplexen Technik und der organisierenden Macht moderner Möbel kehren die alten Tische wieder. Der mittelalterliche Tafeltisch und der runde Artustisch, die kleinen Wandklapptische oder das Katheder, an dem man steht. Der Tisch „Palette“ von Karl-Heinz Rubner nimmt Aspekte des mittelalterlichen Tafeltisches wieder auf: Die Platte wird aufgelegt und angedrückt. Allerdings ist durch ihn die ganze Wucht der technologischen Entwicklung des Tisches hindurchgegangen, weshalb dieser Asket unter den Tischen optisch kaum existiert. Eher erscheint er als bloße Funktion und als Archetyp des Tisches. Er wirkt wie ein Kulissen- oder ein Ausziehtisch und kann beliebig erweitert werden. Seine Differenz zum Tafeltisch liegt darin, dass die Beine und die Platte so präzise gefertigt sind, dass es genügt, sie miteinander zu verbinden, ohne die Beine gegenseitig durch Verstrebungen stützen zu müssen. Er ist zerlegbar, variabel und zeigt die Schlichtheit mittelalterlicher Tische. Er lässt sich als kleiner Tisch nutzen oder zu einem großen Konferenztisch gestalten, eckig oder rund. In zahllosen Einrichtungen wie Flugzeugen, Krankenhäusern und Eisenbahnzügen nutzt man den kleinen Klapptisch, festgemacht an Wänden oder Gegenständen, zum Ablegen von Zeitschriften, Kleidungsstücken oder Lebensmitteln, oder um auf ihm zu schreiben. In Flugzeugen sind sie an der Rückenlehne des jeweiligen Vordersitzes befestigt und dienen der Bewirtung der Reisenden. Vom Transportmittel aus betrachtet ist ihnen ein nomadisches Wesen eigen, wie die frühen Tafeltische, vom Menschen aus betrachtet sind nur Bauchläden oder Verkaufsstände nomadische Tische.[26]

Auch der runde Tisch kehrt wieder. Als besondere Form und Metapher des Politischen und in seiner ursprünglichen Bedeutung, in Grenzsituationen Medium der Sehnsucht und des Utopischen zu sein, an dem Menschen zusammenkommen, die in der Sache, die sie zusammenführt, dieselbe Gesinnung haben. An ihm wandeln sich die Reden zu einem zwanglosen Sprechen unter politisch Gleichgesinnten. Es ist das Fehlen eines Kopfendes und der unterscheidenden Ecken, die ihn zu einem Tisch der Gleichheit und des Zugeständnisses machen, zu einer Art Tischlein deck dich, an dem man gegenseitig die Motive aufdeckt. Wohl deshalb, weil der runde Tisch aus der Not heraus geboren wird, nicht, wie im Märchen, als Lohn für gute Arbeit, lässt sich ein solcher Ort des Utopischen nicht über lange Zeit erhalten. Ist die gröbste Not behoben, löst man die Institution des runden Tisches wieder auf. Das Schlaraffenland, ein anderer Ort der Utopie, heißt bei den Griechen „Märchenland voll guter Speisen“, ein Land der Faulenzer und Schlemmer, in dem man sich ums Essen, um den gedeckten Tisch also, nicht zu kümmern braucht: die profane Seite des Paradieses. Man braucht hier weder eckige noch runde Tische. Es ist ein Ort, der frei von Tischen scheint, an dem aber dennoch alles zum gedeckten Tisch werden kann. Deshalb scheint die Stadt als Schlaraffenland keiner Tische zu bedürfen, da hier bereits alles gedeckt anmutet. Unter dem Schein kann man allerdings erkennen, dass die Stadt voller Tische wie Theken, Verwaltungstische und Verkaufstresen ist, Tische, die ihr prinzipiell zugehören, da sie derer in den unterschiedlichen Situationen der Arbeit und der Freizeit notwendig zum Erhalt des städtischen Lebens bedarf: zur Ordnung des Tuns und der Kommunikation.

Zunehmend motiviert die Beschwernis langen Sitzens an den Tischen herkömmlicher Höhe, auf einen altbekannten und erhöhten Tisch, das Stehpult, zurückzugreifen. In der Regel steht man an ihm frei, kann aber auch Stehhilfen oder Stehsitze benutzen. Die leicht geneigte oder horizontale Arbeitsfläche des Stehpultes - der erhöhte Tisch oder zweifach angehobene Erdboden - entsteht dort, wo man nicht mehr sitzen will, sondern die aufrechte Haltung, einst die Exzellenz des Menschen im Tierreich, einnehmen möchte. Zugleich entstehen erhöhte Arbeitstische zur Beratung oder zur gemeinsamen Arbeit im Büro, an denen man steht oder sich frei bewegen kann. Allerdings können die Menschen das Stehen heute nicht voraussetzungslos über lange Zeit praktizieren, da heute jeder Homo sedens, Sitzender, ist, auch dort, wo er läuft, hantelt oder springt, muss er die Fähigkeit langen Stehens erst wieder erwerben. Im Stehpult hebt man den Tisch am weitesten vom Erdboden ab. In der zweifachen Anhebung zeigt sich zwar - wie oft ersehnt und ebenso oft beschworen - eine Hinwendung zum Nomadischen, also der Rückweg vom Gesäß auf den Fuß und vom Sitzen zum Stehen, aber es zeigt sich zugleich die Transformation einer versesselten und vertischten Kultur in ein Techno-Nomadentum, da die Formen der gegenwärtigen Arbeitswelt das Nomadische in einem ursprünglichen Sinn, im Sinn einer Unmittelbarkeit und einer leiblichen Mobilität auf dem Fuß, noch vereiteln.

Das rituelle Opfer des Tieres, auf dem Altar oder anderswo, scheint der modernen Welt fremd. Dennoch existieren neben tradierten Opferformen wie im Erntedankfest moderne Opferweisen, die das Gewand der Technik verdeckt hat: Kriege, Hochleistungs- und Massensport, Geschenk-Rituale. Die Operationstische unserer Krankenhäuser sind noch einfache Tische, aber die Apparaturen, die sie umstellen, machen den Operationssaal und den Tisch in seiner Mitte zu einer High-Tech-Fabrik, die in ihrem Gestus ins Sakrale überhöht und zur Kathedrale wird. Da sich Operation etymologisch ebenso wie Opfer aus operari ableitet, das „werktätig sein“ und „der Gottheit durch ein Opfer dienen“ bedeutet, müssen die Ärzte von vergeblichen oder fehlerhaften und zum Tode führenden chirurgischen Eingriffen feierlich sprechen und sie direkt auf den Tisch beziehen, der hier wieder, ganz unmittelbar, zum Altar geworden ist, auf den Operationstisch: der Tod des Menschen IN TABULA.

 

 

 

BLDERNACHWEISE UND LEGENDEN

 

1 Teppiche oder Decken als Tisch: das Mahl in Afghanistan., aus: Maeder, Herbert, Afghanistan, Freiburg 1980, S. 96.

Bildnachweis: Herbert Maeder

2 Poseidonaltar von Kap Monodendri (Südwestküste der milesischen Halbinsel). Ein Formtyp der ägyptischen Treppenaltäre, aus: Rohde, Elisabeth, Pergamon, Burgberg und Altar, Verlag C.H. Beck München 1982, S.64/Abb. 46.

Bildnachweis: nach Hans Walter, Das griechische Heiligtum, München 1965, S. 58.

3 Dreifuß aus Theben (Ägypten), die Form ist hellenistisch, Brüssel, Musées Royaux d'Art et d'Histoire, aus: Hinz, Sigrid, Inneraum und Möbel. Von der Antike bis zur Gegenwart, Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1989, Abb. 39.

Bildnachweis 39: A.C.L., Brüssel

4 Christus mit seinen Jüngern liegend beim Abendmahl, aus: Rudofsky, Bernard, Sparta/Sybaris, Residenz Verlag Salzburg und Wien 1987, S. 107/Abb. 116. [17. Jh.]

Bildnachweis: Codex. Purpureus Rossanensis. Erzbischöfliches Museum Rossano, Kalabrien:

 

Miniatur aus dem Codex Purpureus, 6. Jh.,

Rossanensis, Erzbischöfliches Museum,

Rossano (Kalabrien)

 

5 Wangentisch, aus: Dewiel, Lydia-Lida, Tische und Schreibmöbel, W. Heyne Verlag München 1983, S. 17/Abb. 12. [Oberitalien, Mitte 16. Jh.]

Bildnachweis:

Wangentisch aus Oberitalien, um 1550, aus: Hinz, Abb. 197.

Bildnachweis: Kulturhistorisches Museum, Magdeburg.

6 Bock- oder Schragentisch, aus: Hinz, Abb. 150, [Deutschland, um 1500]

Bildnachweis: Bayerisches Nationalmuseum, München

7 Zargentisch aus: Hinz, Abb. 587, [1790]

Bildnachweis: Dietmar Riemann, Berlin

Zargentisch auf Rollen, Frankreich, 1780, aus: Hinz,

Bildnachweis: Kulturhistorisches Museum, Magdeburg

8 Säulentisch, aus: Dewiel, Tafel 16/Abb. XXXI [England, frühes 19. Jh.]

Bildnachweis: Säulentisch, Carl Friedrich Heinrich Plambeck, Hamburg 1851, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, aus: Bahns, Jörn, Zwischen Biedermeier und Jugendstil. Möbel des Historismus, München 1987, S. 98,/Abb. 60 o.

9 Die strenge Würde am Speisetisch des Basler Zunftmeisters Hans Rudolf Faesch, Hans Hug Kluber, 1559, Kunstmuseum, Basel. Als Vorbild dient die Szene der Hochzeit zu Kanaan. Aus: Hinz, Abb. 241.

Bildnachweis: Hans Hinz, Basel.

10 Albrecht von Eyb an seinem Katheder sitzend, dass er als Lese- und Schreibpult nutzt, Hans Burkmair, 1511, Holzschnitt aus dem Spiegel der Sitten, Augsburg, aus: Hannebutt-Benz, Eva-Maria, Die Kunst des Lesens. Lesemöbel und Leseverhalten vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Museum für Kunsthandwerk, Frankfurt/M. 1985, S. 59.

Bildnachweis: Vorlage vorhanden

11 Bureau mit Aufsatz (Aufsatzsekretär), aus: Dewiel, Tafel 4/Abb. VIII [Frankreich, Drittes Viertel 17. Jh.]

Bildnachweis:

Schreibkommode mit Aufsatz, J.C. Fiedler, 1775, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, aus: Gonzales-Palacios, Alvar, Europäische Möbelkunst. Deutschland, München 1975, S. 52/Abb. 63.

Bildnachweis: Kleinhempel

12 Bureau ohne Aufsatz (Bureau plat), Wien, Heinrich Dübell, 1853, Hofburg, Wien, aus: Hinz, Abb. 722.

Bildnachweis: Photo Meyer K.G., Wien, Heinrich Dübell, 1853

13 Ein verspielter und mit vielen Details ausgestatteter Toilettentisch, England, 1788, aus: Giedion, Siegfried, Die Herrschaft der Mechanisierung, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 1983, S. 363/Abb. 188.

Bildnachweis: ohne

14 „Palette“ von Karl-Heinz Rubner, aus: Der Wilkhahn 8, S. 15.

Bildnachweis: Wilkhahn

15 Eventuell Details der Verzapfung

 

 

 

 

 

Anmerkungen

 

[1] Das Opfer des thronenden Königs liegt bereits in der Haltung, die er als Sitzender einnimmt und der damit gegebenen Unbeweglichkeit. Das Opfer liegt nicht darin, dass man ihn zerstört, sondern in der extremen Formung, die er im Sitzen erfährt. Vgl. Hajo Eickhoff, Sitzen, in: Bauwelt, 83. Jg. 1992, S. 717ff. Opfer leitet sich von operari ab und heißt „werktätig sein“ und „der Gottheit durch ein Opfer dienen“.

[2] Man bringt einen runden Tisch, eingeteilt in zwölf Segmente, die je ein Tierkreiszeichen enthalten, auf dem Speisen plaziert sind, die möglichst den zwölf Zeichen entsprechen: über dem Stier ein Stück Rindfleisch, über dem Krebs Krebse, über den Fischen zwei Barben und so fort. Ein andermal wird ein unversehrtes, aber gebackenes Schwein gebracht. Daraufhin gibt der sich künstlich empörende Trimalchio Anweisungen, das Schwein an Ort und Stelle ausweiden zu lassen. Schon während der Koch dem Tier den Bauch aufschneidet, kullern gebratene Fleischstücke und andere Speisen aus dem Schwein heraus. Vgl. Petronius, Das Gastmahl des Trimalchio, Hamburg 1960.

[3] Da die Germanen in der Zeit nicht auf Stühlen saßen, meint sedes in „separate singulis sedes et sua cuique mensa“ nicht Stuhl oder Sessel, sondern Ort oder Stelle. Vgl. Tacitus, Germania, Stuttgart 1972, S. 34f.

[4] Vgl. Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Hanns Bächthold-Stäubi (Hrsg.), Berlin-New York 1987, S. 953f.

[5] Da weder die Griechen noch die Römer bis zur Kaiserzeit des 1. Jahrhunderts. nach Christus das Tischtuch kennen, findet man dafür in der Zeit auch keinen Begriff. Seit dem 10. Jahrhundert verwendet man es im Abendland an fürstlichen Tafeln, fünf Jahrhundert später gilt es bereits als weit verbreitet. Vgl. Hans Bauer, Tisch und Tafel in alten Zeiten. Aus der Kulturgeschichte der Gastronomie, Leipzig 1967, S. 82 und 120.

[6] Tische klassifiziert man nach dem Untergestell in Wangen-, Bock-, Säulen- und Stollentisch. Auch die Altäre christlicher Kirchen, bestehend aus der Tragekonstruktion (stipes) und der rechteckigen Platte (mensa), werden nach dem Untergestell klassifiziert: Es gibt Tisch-, Kasten-, Block- und Sarkophag-Altäre.

[7] Der Schreiner baut ursprünglich Kisten, Truhen und Särge aller Art.

[8] Die Abenteuer, die ein Artusritter zu vollbringen hat, sind reich an Entbehrungen. Erst, wer bereit ist, sie auf sich zu nehmen, kann artuswürdig werden und wie Christus, zur Rechten des Vaters, hier Artus, sitzen.

[9] Lancelot und Ginevra. Ein Liebesabenteuer am Artushof, nacherzählt von Ruth Schirmer, Zürich 1961, S. 28.

[10] Zum Ablauf der höfischen Mahlzeit gehörte die Musik. Nach den Truchsessen konnten Posaunenbläser kommen, jeder neue Gang wurde mit Trompeten und Gesang angekündigt oder Pagen unterhielten die Speisenden mit verschiedenen Saiteninstrumenten oder Aufführungen. Vgl. Joachim Bumke, Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, München 1986, Bd. 1, S. 257.

[11] Vgl. Bumke, a.a.O., S. 250f. Aber selbst bei solchen Feierlichkeiten saßen die Könige nicht immer. Noch bis ins 19. Jahrhundert kommt es vor, dass man beim Bankett am Tisch vorwiegend steht. Anlässlich einer Feier zu Ehren der Königin Luise im Berliner Schauspielhaus im Jahre 1804 hatte die Tafel achtzig Gedecke. „An ihr saßen die Königin, die Königin-Mutter und die Damen. Der König, die Prinzen und die übrigen Cavaliere aßen und tranken im Stehen.“ Heinz Biehn, Feste und Feiern im alten Europa, München 1962, S. 175.

[12] Vgl. István Ráth-Végh, Aus der Geschichte der Menschenverdummung, Budapest 1961, S. 248f.

[13] Der charakteristische Tisch in der Spätgotik ist der Kastentisch, Ablage und Behältnis zugleich. Kein eigener Tischtyp, sondern meist ein Wangentisch, leitet sich seine Bezeichnung von dem optischen Gesamteindruck, den Kasten, ab.

[14] Adam, a.a.O., S. 14.

[15] Adam, a.a.O., S. 13.

[16] Komfort heißt Verstärken und ist ein kultureller und deshalb ein relativer Begriff. Manches, das sich zunächst als Komfort erwies, weil es schon als Kind eingeübt wurde, zeigt sich später als Belastung des Organismus.

[17] Vgl. Hajo Eickhoff, Himmelsthron und Schaukelstuhl. Die Geschichte des Sitzens, München Wien 1993, S. 172ff.

[18] Vgl. Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation, Frankfurt/M. 1981, Erster Band, S. 110-174.

21 Vgl. Wolfgang Schivelbusch, Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genußmittel, Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1983, S. 205ff.

[20] Vgl. Elias Canetti, Masse und Macht, Frankfurt/M. 1982, S. 434f.

[21] Bill Buford, Geil auf Gewalt. Unter Hooligans, München Wien 1992, S. 19.

[22] Uwe Johnson, Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953, Frankfurt/M. 1992, S. 237.

[23] Zitiert nach Peter Krumme (Hrsg.), Der (bisweilen) leere Stuhl. Arbeitsplätze von Schreibenden, Frankfurt/M.-Berlin 1986.

[24] Elias Canetti, Die Blendung, Frankfurt/M. 1991, S. 30.

[25] Zitiert nach Krumme, a.a.O.

[26] Abgesehen davon, dass nahezu alles zum Tisch werden kann, gibt es aus dem Besitz von Adolf Loos einen Koffer, der beim Öffnen des Deckels eine Anzahl von Fächern für Schreibutensilien freilegt. Klappt man die versenkten Fußteile aus, wird er zum Tisch. Der Dirigent Stokowski liess sich einen Schrankkoffer fertigen, aus dem sich nach Auschwenken der Vorderseite ein Tisch ausklappen liess. Zwei Koffer mit nomadischem Charakter.

 

  

© Hajo Eickhoff 1993

 

Eine besondere Form des Tisches sind Werkbänke. Ein E-Book zur Werkbank und interessante Hinweise auf alles, was mit Bauen und Möbel zu tun hat, finden Sie bei Klaus Fischer unter www.baumarkt.net.

 

Hajo Eickhoff

 

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13. Dezember 2017

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