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Kulturgeschichte der Schule

 

 

Discipulus und Disziplinierung

Schule ist ein inneres Aufrichten. Eine Atemschule. Eine Institution, die durch planmäßigen Unterricht Kinder und Jugendliche erzieht, strafft, begradigt und richtet. Und ihnen dabei Wissen und Bildung vermittelt.

 

Erworbenes Speichern und über die Sprache zu vermitteln vermag Verborgenes, nicht Anwesendes in einen Horizont der Gegenwärtigkeit zu heben. Das geschieht in jeder Kultur auf eine einzigartige Weise. Das ist das Thema der Kulturbildung.

 

Die Schule ist ein institutionelles Territorium zur rationalen Orientierung von Körper und Geist. Eine Erfindung des antiken Griechenland, das die Kultivierung durch Haus und Stadt fortsetzt und den Schüler, den Discipulus, diszipliniert. Das grundlegend Neue, das die Schule in die Welt trägt, ist die methodische Ausbildung des Geistes, der Erwerb des Umgangs mit abstrakten Zeichen. Damit der Schüler die Unbewegtheit in der hohen Konzentration auf das Lesen, Schreiben und vor allem Musizieren aufbringen, zugleich aber die Verfestigung, die der Körper dabei erfährt, wieder auflösen kann. Neben den Sport haben die Griechen den theoretischen Unterricht gestellt.

 

In beständigen Übungen versucht die Schule, Körper und Geist zu einer Einheit zu formen. Die rhythmische Bearbeitung des Bodens durch die Füße macht den Sport zu einer Disziplin, die im Menschen einen geistigen Raum errichtet. Die Bewegungen sind methodische, disziplinierte Bewegungen, die zu einer Beherrschung des Körpers beitragen und den theoretischen Unterricht ermöglichen. Die Schüler richten sich über den Sport erst nach außen und dann nach innen, wobei sie lernen, sich auf rationale Vorgänge konzentrieren, auf die Verfolgung von Gedanken, ohne sich ablenken zu lassen. Bis sie in einem abstrakten Stoff logische Operationen durchführen können und nicht der Anwesenheit von Gegenständen bedürfen. Wie der Mensch mit dem Eintritt ins Haus die Natur verlässt, so tritt der Schüler aus dem Raum der Stadt hinaus und in sich ein. Der rationale Raum ist der Raum in der Natur des Menschen. Er macht ihn zum Homo sapiens diciplinarius.

 

Die Antike hat die vier Räume Haus, Stadt, Schule und Stuhl ausgebildet, sie aber nicht zur Strategie einer allgemeinen Bildung und Beruhigung vereinheitlicht.

 

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich zu sich selbst verhält. Dadurch gelangt Kultur in die Welt. Der Mensch, sprachbegabt und teilweise von Instinkten befreit, ist nicht auf eine bestimmte Form des Daseins festgelegt. Anthropologisch ist Erziehung für den Menschen unausweichlich. Möglich ist sie, weil der menschliche Körper durch seine Freiheit formbar ist: veränderbar, lernfähig und an unterschiedliche Erfordernisse unterschiedlicher Gemeinschaften anpassbar. Je entwickelter eine Kultur ist, desto früher, umfassender und methodischer müssen die zur Aufrechterhaltung notwendigen Formen erworben sein. Nur so können die Nachkommen an den grundlegenden gesellschaftlichen Gebräuchen mitwirken und in ein bestehendes Sozialgefüge eingepasst werden.

 

Das Tradieren erfolgt innerhalb der Gebräuche. In den alltäglichen Verrichtungen: im Umgang mit anderen, bei der Arbeit und bei den rituellen Zeremonien. Erziehung ist empirisch, ein wesensmäßiger Bestandteil der Lebensform einer Gemeinschaft. Mit der Entstehung der Schrift bereitet sich ein neues Paradigma vor: Bildung. Ein erweiterter Daseinsbereich, in dem die Jugend durch Erziehung neue Fertigkeiten und Verhaltensweisen, neue Formen des Denkens, Empfindens und Erinnerns erwirbt. Mit der methodischen Erziehung wird die Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten aus den praktischen Verrichtungen herausgelöst, um in einem eigenen Bereich etabliert und erst nach einem Abschluss für die gemeinschaftliche Praxis genutzt zu werden. Die Institution, die sich zu ihrer Realisierung entwickelt, heißt Schule.

 

Der Atem

Die Schule entsteht in Griechenland. Sie nimmt den Schüler in Zucht. Sie zieht ihn: macht ihn geistig, seelisch und körperlich lang und gerade, symmetrisiert alles Ungleichmäßige am Menschen. Aufzucht, Aufziehen, Anerziehen, Erziehung. Erziehung ist Unterricht. Er bindet den Schüler an Ziehen und Richten: Abrichten, Führen, Lenken, Bilden, Dressieren, Drillen, Lehren, Formen. Sie sollen den Menschen veredeln und vollkommen machen. Sie setzt an die Formen der in der Häuslichkeit und des städtischen Lebens gewonnenen Formen der Beruhigung und der Nervosität an und formt auf ihrem Rücken den Menschen neu. Aufschlüsse darüber, wie Erziehung den Menschen vervollkommnet, gibt uns die Behandlung des Körpers und die Art, wie Pädagogik und Erziehung in die Physis eingreifen. Erziehung arbeitet an der Natur des Menschen und an seiner Umwandlung in Kultur. Der Begriff scholé meint zurückhalten und bezieht sich auf das Zurückhalten des Atems und die Kontrolle der Emotionen durch die Atmung. Schule lehrt das Verhaltensein des Menschen. Darüber wird das Verhalten eingeübt. Sie systematisiert, vereinheitlicht und institutionalisiert das Einüben. In der Schule wird ein Vorrat an abstrakten Fertigkeiten, Verhaltensweisen und Kenntnissen eingeübt, auf deren Grundlage sehr spezielle Tätigkeiten und Haltungen ausgebildet werden können.

 

Der Schüler ist der Discipulus. Derjenige, der geistig begreifen soll, indem er methodisch in eine besondere körperliche Verfassung gebracht wird. Wie disciplina leitet sich discipulus von discipere her, das auf capere, fangen, fassen und erfassen zurückgeht. Das dis verweist auf ein Trennen im Greifen und Erfassen und bedeutet ein geistiges Begreifen. Discipulus soll sowohl die physiologische als auch die geistige Formung erklären. Da der Mensch erst über die Möglichkeit zu innerer Sammlung und Konzentration verfügen muss und den Körper an komplexe Geräte angepasst haben muss, um eine systematische Erziehung ertragen zu können, bildet sich eine systematische Erziehung, eine Theorie der Erziehung, erst in einer ausdifferenzierten Kultur.

 

Disziplin ist die Bindung des Menschen an eine methodische Erziehung. Sie bildet sich erst in einer differenzierten Gesellschaft. Disziplinierung ist eine bewusste und durchdachte Formung des Menschen nach bestimmten Prinzipien und Regeln. Das Wissen wird in unterschiedliche Abschnitte gegliedert, die Disziplinen heißen. So gehören zur Erziehung Methoden, Unterrichtsmittel, Erziehungsziele, ein besonderer Ort und eine besondere Leibeshaltung.

 

Disziplinierung ist der Erwerb besonderer Fertigkeiten des Atmens. Der Atem dringt tief in den Körper hinab. Über ihn erlangt der Schüler Selbstkontrolle, Beherrschung von Körper, Geist und Emotionen. Der ureigene Mechanismus der Schule ist die Atemkontrolle. Schule formt die Atmung in Bezug auf den Erwerb eines besonderen Wissens und eines angemessenen Verhaltens. Mit der Einwirkung auf die Atmung erlangen der Einzelne und die Gemeinschaft einen großen Schub an Kultivierung.

 

Die Methode liegt in körperlichen Übungen, die den Atem formt. Eine zu erwerbende Fertigkeit wird so lange geübt, bis es zur Gewohnheit und zum festen Repertoire des Einzelnen geworden ist. Einübungen sind Methoden, über die Verhalten, Körperbewegungen und Wissen angeeignet werden.

 

Atem ist Leben und Bewegen. Er vermittelt von seiner physiologischen Seite her zwischen Innen und Außen. Im philosophischen Kontext gilt er als Medium. Webt die Luft das All, so der Atem den Menschen, heißt es in den Upanishaden. Er reicht tief in vegetative Prozesse hinein und verfügt über die Fertigkeit, Emotionen zu regulieren. Kinder wissen, dass man, um Angstgefühle zu vermeiden, den Atem anhalten muss. Die Atmung spiegelt Belastungen eines Organismus und dessen Gefühl wider, wie umgekehrt der Körper den Rhythmus und das Vermögen der Atmung zum Ausdruck bringt. Freies Atmen wirkt stimulierend auf das Zentralnervensystem, das Zurückhalten des Atems sorgt für Unlust. Die Atmung beeinflusst den Gesamtorganismus in seinem Rhythmus. Atemtätigkeit, Haltung, Muskelbeschaffenheit und Empfindung sind eng miteinander verknüpft.

 

Erziehung wirkt auf den Atem, indem er dazu beiträgt, das, was sich ausdrücken will, zurückzuhalten. Es wird dann innen eingeprägt und erst dann ausdrückt. In dieser Umformung liegen Wesen und Eigenart strenger Erziehung. Der Erziehung gelingt es, die individuellen Formen der einzelnen Schüler gleich und zu einem Typus zu machen. Die Menschen einer Gemeinschaft werden durch die bis ins Vegetative hineinreichenden Wirkungen zu gleichen, vergleichbaren Wesen modelliert, mit einer identischen leiblichen Ordnung und Verfasstheit. Die Erziehung wandelt den einzelnen Menschen zu einem allgemeinen Träger der Kultur, bringt alle Schüler in eine allgemeine, eine ähnliche Verfassungen, auf die aufbauend der Einzelne je nach den Bedürfnissen der Gesellschaft spezielle Fähigkeiten erwerben kann. Das Ursprüngliche, Einfache und Urwüchsige gilt den Griechen der Antike nicht als Vorteil, sondern als unfertig und unvollkommen.

 

Griechenland

 

 

Die Blüte der griechischen Kultur hat einen Grund in der Erfindung der Schule in Athen. Bis ins 5. Jahrhundert hinein erzog der Stadtstaat durch Sitte, Götterkulte, Zwang zur körperlichen Ausbildung im Dienst der Wehrpflicht die Jugend. Jeder Bürger war seit Solon verpflichtet, seine Söhne auf eigene Kosten in der Gymnastik zu unterweisen. Aber der Staat sorgte für die vor der Stadt liegenden Übungsplätze – der offenen Palästra für die Knaben, die geschlossenen Gymnasien für die Jünglinge.

 

 
 
 

 

Die Knaben übten sich im Fünfkampf und die Jünglinge wurden vom 18. bis 20. Lebensjahr zum Waffendienst ausgebildet. Das Symposion war für die Männer die öffentliche Form des Umgangs. Dafür musste die Jugend musikalische und literarische Fähigkeiten ausbilden, die Bestandteil der Knabenerziehung waren. Ein Merkmal kannten die Griechen offenbar – dass Singen das höchste Maß an Feinmotorik erfordert. Es dehnt die Stimmbänder, hält sie elastisch, bewahrt die Stimme Deswegen wurde dem Einüben feierlicher Tanzschritte, dem Singen bei den Götterfesten oder im Chor bei den Tragödien und der Musik eine hohe Wirkung zur Ausbildung der Seele zugesprochen. Musik galt als das geeignetste Mittel der Erziehung zu Ebenmaß und Schönheit. Ziel der Erziehung war die Ausbildung des guten und schönen Staatsbürgers.

 

Athen besaß drei Gymnasien. Gymnos heißt nackt. Hier trat sich die Jugend nackt gegenüber und wurde darin ausgebildet, wie man nackt zu sein hat. Im Gymnasion befindet sich die Paleistra, ein rechteckiger Säulenhof, der Räume zum körperlichen Training, für Ringkämpfe und zum Speisen und miteinander Sprechen (vgl. Aristophanes, Die Wolken)

 

 
 
 

 

Das Gymnasion formt den Körper in einem Moment, in dem sich die Muskulatur des Menschen auszubilden beginnt: zum Ende der Pubertät. Das Stemmen anderer Körper im Ringkampf entwickelt Rücken- und Schultermuskeln, das Drehen und Wenden des Körpers strafft die Taille, Diskus- und Speerwerfen stärkt die Arme, das Laufen kräftigt Bein- und Gesäßmuskeln. Das Greifen des anderen Körpers kräftigt die Hände. Der gekräftigte, gesunde Körper ist aufnahmebereit für geistige Bildung und die Formung der Sprache, zwei wesentliche Merkmale für die Vorstellung, die sich die Griechen von der Demokratie machen: In einer logischen Form mit mächtiger Sprache zum Wohl der Gemeinschaft über Probleme der Polis zu sprechen. Logik und Sprache werden in der Ausbildung der Rhetorik geübt. Der Rhetor ist ein Wissender. Er verfolgt konsequent und einen Gedanken und gibt ihn wieder. Als Abnorm ist Rhetorik das beliebige Sprechen. Die Physis ist auch die Grundlage für das Sprechen, die Ausbildung aller am Sprechen beteiligten Muskeln und Organe, wie Kehlkopf und Stimmbänder. Das Auswendiglernen wurde in der Zeit des Perikles abgeschafft, da es ein verinnerlichtes, stilles sprechen ist, das die Stimme nicht kräftigt. Der Körper wird zum demokratischen Körper. Ein selbständiger, starker, sich selbst genügender und sich selbst verteidigen könnender Körper. Ein Poliskörper. Stark, erfolgreich, begehrenswert. Gleichermaßen vorbereitet, Krieger, Liebender und Geliebter sowie als sprachbegabter Körper zu sein. Aber auch die Grundlage, um sich für spezielle Aufgaben weiterbilden zu können. Das zielgerichtete Gehen und Verhalten sollte nicht durch einen zaudernden, weichen Körper behindert werden. Aufrecht (orthos) gehen wie die Wahrheit.

 

Nach den Perserkriegen erlebt Athen einen wirtschaftlichen Aufschwung und wandelt Athen von einer Kriegsmacht in einen Kultur- und Handelsstaat. Die Differenzierung der Berufe macht eine allgemeine, vom einzelnen Beruf losgelöste Bildung erforderlich, unter ihnen die Fähigkeit des Lesens und Schreibens, die zum allgemeinen Bestandteil der Schulbildung wird. Dazu bedarf es der Lehrer. Grammatisten genannt, Buchstabenlehrer. Zunächst gibt es die Sophisten. Wanderlehrer. Sie sind die eigentliche pädagogische Revolution der Menschheit. Sie vermitteln praktische und theoretische Kenntnisse und Fertigkeiten. Den Lernstoff bilden die Werke der Dichter Hesiod, Homer und Äsop. Durch ihre Aneignung wird die hellenistische Kultur geschaffen. Redewendungen bereichern die Ausdrucksfähigkeit, Sprachformen dienen als Unterlage der späteren Sprachlehre. Die Bildung erlangt durch diese Reduktion eine Einheitlichkeit von Musik, Ästhetik und Religion, von Sitte und verstandesmäßiger Bildung. Seit Athen in der Zeit des Perikles Anziehungsort für wissende Menschen wird, kommen andere Disziplinen wie Mathematik, Philosophie, Geographie, Himmelskunde, Staats- und Rechtskunst zum wurde Unterricht hinzu. Ein Rhetoriker hat gute Chancen in den Volksversammlungen, vor Gericht oder bei den Festen. Sie werden nun als wichtiger angesehen als die gymnastischen und musischen Übungen. Dadurch, dass die Sophisten Zulauf gewinnen und in den Gymnasien auftreten, ändert sich deren Ordnung. Die Redner werden bezahlt, aber das Honorar reduziert sich infolge der Konkurrenz so erheblich, dass sich bald jeder den Unterricht leisten kann und sich der Schritt zu einer Umwandlung der Gymnasien in allgemeinbildende Schulen vollzieht. Mit dem Auftreten berufsmäßiger Athleten verfällt die hohe Bedeutung der Leibeserziehung.

 

Mit den Sophisten löste sich der Einzelne von der Gemeinschaft ab und stellt die traditionellen Elemente der Kultur wie den Götterglauben, die Rechtmäßigkeit der Gesetze, die Möglichkeit allgemeinverbindlicher Erkenntnisse der Sitten in Frage.

 

Sokrates (469-399)

Sokrates ist der Begründer der Pädagogik. Schöpfer der wissenschaftlichen Ethik. Für ihn hat die Philosophie eine pädagogische Ordnung. Mit der Idee, dass Tugend lehrbar ist, erweist sich auch die Führung der Jugend als möglich. Er will die Jugend Athens zur Tugend führen, zu Weisheit und Selbsterkenntnis. Die Methode, die er dabei anwendet, ist die Mäeutik, Heuristik oder Hebammenkunst. Sie leitet den Zögling auf induktivem Wege selbständig zu Erkenntnissen. „Der Schüler lernt, ohne belehrt zu werden,“ er weiß schon, hat in sich, was der Mensch wissen kann. Durch methodisches und geschicktes Fragen kommt der Zögling selbst auf die Antwort. Seine Gespräche sind verstandesmäßige Unterweisungen. Sokrates hat neben der Frage nach der Methode auch auf die Frage nach dem Ziel der Erziehung aufmerksam gemacht.

 

Platon und Aristoteles

Bei Platon und Aristoteles ist Erziehung Teil der Politik. Sie bleibt nicht in der Schwebe. Schon Platon definiert Erziehung im neuzeitlichen Sinn: „Ungehorsame Kinder mit ‚Drohungen und Schlägen wie ein Stück verzogenes Holz‘ zurechtbiegen.“ Ziel der Erziehung ist das wahrhaft Gute, das Schöne, Harmonie zwischen Seele und Leib sowie zwischen den Seelenzuständen. Den ersten drei Jahren gilt die Pflege des Leiblichen; vom 3. - 6. Jahr Mythenerzählungen; vom 7. - 10. Jahr gymnastische Übungen; 11. - 12. Jahr Lesen und Schreiben; 14. - 16. Jahr Dichtkunst und Musik; 16. - 18. Jahr Mathematik; 18. - 20. Jahr kriegerische Übungen. Wer Krieger wird, hat seine Ausbildung abgeschlossen. Wer Herrscher oder Philosoph wird, muss sich zehn weitere Jahre der Wissenschaften widmen.

Innere Dynamik, Energie und Kräfte der Erwachsenen und der jungen Menschen des antiken Griechenland sind so groß, dass neben der geistigen Bildung auch ein hohes Maß an körperlicher Verausgabung im Sport erforderlich ist. Auch wenn der Sport selbst ein hohes Maß an Disziplinierung erfordert. Die Griechen scheinen zu wissen, dass zu viel Disziplin den Menschen spröde macht. Deshalb sind die Unterrichtsfächer, die Disziplinen, aufeinander abgestimmt. Einerseits Musik, Arithmetik und Schreiben und Lesen, andererseits sportliche Ertüchtigung. Das besondere an der Ausbildung der Griechen ist, dass der Unterricht nicht auf einen besonderen Beruf abzielt, sondern auf eine allgemeine Bildung, die unterschiedlichen Berufen dienlich ist. Zwischen Körper und Geist soll Harmonie herrschen.

 

Junge Menschen können sich, Platon zufolge, weder mit ihrem Körper noch mit ihrer Stimme ruhig verhalten. Ständig sind sie motorisch aktiv und streben nach Bewegung. Sie sind übermütig, heiter, tollen und toben herum und scheinen einen unendlichen Vorrat an Energie zu besitzen. Sie zeichnet noch etwas aus, das den Erwachsenen nicht verlorengegangenen ist, dass sich bei ihnen aber in eine besondere Form gewandelt hat: junge Menschen sind weniger bedacht und daher naiver und natürlicher als erzogene Erwachsene. In der Erziehung geht es um die positive Bewertung der jeweiligen Form der Kultur, sie ist nicht allein die Beseitigung der Naivität. Wie die Jugend die Vorbereitung auf das Erwachsenendasein ist, so ist das allmähliche überwinden des naturhaften Verhaltens und Handelns die Vorbereitung auf den geformten, stilvollen Menschen, der im eigentlichen Sinn Träger der Kultur ist.

 

Die Erziehungslehre des Aristoteles hat zwei Stränge: die Gewöhnung zu den ethischen Gemütstugenden und durch Belehrung zu den dianoetischen Verstandestugenden. Wer tugendhaft ist, erlangt Glückseligkeit, das oberste Ziel der Erziehung. Mittel sind Grammatik und Gymnastik, Musik und Zeichenkunst. Ein Gewinn der Erziehung ist der Kunstgenuss, da er durch Entladung die Affekte die reinigt. Mit Aristoteles endet die gymnastisch-musische Bildung, die durch eine verstandesmäßige ersetzt wird und die für zwei Jahrtausende Vorbild für die abendländische Kultur wird.

 

Das Zerbrechen der griechischen Stadtstaaten und ihr Aufgehen in einem hellenistischen Großreich sowie der Verlust an politischer Freiheit führen zu einer weit gefassten Form der Erziehung. Die Stoiker entwickeln die Erziehung, die auf ein allgemeinmenschliches Ideal zielte. Es war eine hochstehende Bildung. Gymnastik und Musik, Lesen und Schreiben waren die Elementarbildung. Darauf baute sich ein Unterricht aus Grammatik, Rhetorik (Rede- und Aufsatzlehre), Dialektik (Philosophie), Mathematik und Musiktheorie auf. Wer Anspruch auf gesellschaftliche Geltung haben wollte, musste diese enzyklopädische Allgemeinbildung absolviert haben. Als höchste Stufe der Bildung galt der Beruf des Gelehrten. Solche Qualifikation war nur auf Hochschulen zu erwerben. Wie in Athen oder Alexandria.

 

Römisches Reich

Die staatsbürgerliche Bildung erhielt der junge Mensch in der Familie. Sie war eine patriarchalische, sittenstrenge Erziehung. Sie war praktisch ausgerichtet. Der Stoizismus hat in Rom viele Anhänger. Wie Cicero, Quintilian oder den späteren Kaiser Marc Aurel. Die Römer achten auf Zucht, Sitte, Recht und Rechtlichkeit. Die Bedürfnisse des Einzelnen stehen hinter dem Staat zurück. Die Kunst des Schreibens und Lesens kam erst im 5. Jahrhundert nach Rom. Die Römer haben keine eigenständige Bildung hervorgebracht. Teile der griechischen Bildung fanden im 3. Jahrhundert Eingang in Rom. An der lateinischen Sprache konnte kein Sprachunterricht vollzogen werden, da es keine römischen Dichter gab. Erst mit Ovid (43 vor bis 18 nach Chr.), Vergil (19 vor bis 70 nach Chr.) und Horaz (8 vor bis 65 nach Chr.) wird das möglich. In der Zeit der Republik fand die höhere Bildung in der Rhetorenkunst ihr höchstes Ideal, den Endzweck der Bildung.

 

Zum Verständnis der Philosophie gelangten nur wenige. Zu tiefer Wirkung gelangte nur die Ethik. In der Form der stoischen Lehre. Sie eignete sich gut zur Eingliederung der alten patriarchalischen Elemente. Ihr Ideal blieb die nüchterne und sachliche Menschlichkeit, verbunden mit der weltbürgerlichen Gesinnung. Leibesübungen wurden kaum gepflegt. Der übende Umgang mit Waffen erfolgte im Heerlager.

 

Unter den Kaisern verbesserte sich die Bildung. Übernommen wurde die enzyklia peideia der Stoa, die zu den sieben freien Künsten entwickelt wurde, den artes liberales: dem trivium (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und dem quadrivium (Musik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie). Das trivium bildet den Grundstock, das quadrivium die Oberstufe.

 

Quintilian (30-96 nach Chr.) verfasst in der Zeit der Kaiser die folgenreichste pädagogische Schrift, die Institutio oratoria, die bis in die Neuzeit Aktualität und Gültigkeit hat. Sein Ideal ist der Rhetor, der vir bonus. Er ist Geistmensch und Tatmensch. Sein Wissen beruht auf Einsicht. In ihm hat die römisch-griechische Bildung ihre prägnanteste, höchste Form gefunden, erreicht aber nicht das Niveau von Platon und Aristoteles. Der vollkommene Mensch ist der gebildete und hochstehende Redner. Dazu müsse die Erziehung früh in der Kindheit anfangen. Das Kind ist von klein auf an das richtige Sprechen der Muttersprache zu gewöhnen. Durch Spielen seinen Esprit fördern. Körperliche Züchtigung der Kinder ist nicht erlaubt. Rhetoren sind Philosophen.

 

Mit dem Verfall der römischen Kultur verfallen auch Schule und Lesen. Fachgelehrte der Bibel bilden sich aus. Das Lesen verschwindet für etwa tausend Jahre aus der Kultur. Der durchschnittliche Laie gewann seine Bildung nur über das Hören.

 

Frühmittelalter – Christentum und Klosterschulen

Das Mittelalter kennt keine Vorstellung von Erziehung (Aries 559). Da für die Kirche das Kind im Alter von sieben Jahren den Unterschied zwischen Gut und Böse erkennt, beginnen Verantwortung und Erwachsensein. Erst mit dem Lesen und Schreiben wird der Unterschied zwischen Kind und Erwachsenem möglich. Mit dem Lesenkönnen ist die Kindheit beendet (Rousseau), denn es verschafft sich damit Zugang zu einer abstrakten Welt. Lesen ist das Resultat einer kulturellen Konditionierung. Für ihn ist Lesen die Geißel der Menschheit.

 

Den Christen bedeutet das gesprochene Wort wenig. Gottesdienst und Heilsvermittlung sind die Stärken und das Anliegen der Christen. Die Träger Christlicher Idee sind Mönche, Bischöfe und Priester. Die ersten und einzigen christlichen Hochschulen des Altertums waren solche wie in Alexandria. Nur im Zusammenhang mit der Taufe von Erwachsenen und deren Unterrichtung gab es Ansätze zu einer christlichen Bildung. Aber mit den Massentaufen im 4. Jahrhundert wurden sie aufgegeben. Es ist keine christlich-wissenschaftliche Priesterausbildung zustande gekommen. Da das Christentum über keine eigenen Ideen zur Erziehung verfügte, empfahl Augustinus in seiner De doctrina christiana die sieben freien Künste für christliche Schulen. So übernahm das Christentum, wenn auch unter erheblicher Wandlung, das griechisch-römische Bildungsgut. Das Latein der Zeit wurde durch das gelesene Latein der Bibel zurückgedrängt. Deshalb gab es nur das Latein der religiösen Stimmung und die Christen lösten sich aus dem antiken Schulbetrieb und Bildungshintergrund heraus. Die Kräfte zur Bewahrung der antiken Kultur gingen seit dem 4 Jahrhundert infolge der Anerkennung des Christentums als Staatsreligion verloren. Der Verfall des römischen Reiches und die Ausbildung und Universalisierung des Christentums führte zu einer viele hundert Jahre dauernden mittelalterlich-christlich-lateinischen Kultur.

 

Für lange Zeit gingen Erziehung, Schulunterricht und Wissen der Griechen im Mittelalter verloren. Erziehung vollzog im Rahmen der Religion des Christentums. Die Kirche bewahrte das antike Wissen, doch waren es nur wenige, die daran teilhatten. Die Menschen, die sich dem Christentum zuwandten und der Oberflächlichkeit römischer Lebensformen ein Leben mit einer ideellen Perspektive und Utopie entgegenstellten, wurde bald durch die Kirche vereinnahmt, die zu einer neuen Oberflächlichkeit führte, mit dem Ziel, den Gesetzen der Kirche gegenüber gehorsam zu sein. „Erziehung beugt den Nacken, vertreibt den Stolz, regelt die Mienen, hält die Zunge im Zaum, verbannt übermäßiges Gelächter, beherrscht die Zunge, zügelt den Gaumen, beschwichtigt den Zorn, und regelt den Gang. St. Bernardus, Jesuitenpater 15. Jahrhundert, Spanien. Das Mittel einer solchen Erziehung ist der Gehorsam.“ Kaum entstanden, erstarrte die Tiefe der Religiosität in den sich neu entwickelnden Machtstrukturen. Erziehung fand zuerst in den Klöstern statt.

 

Klosterschulen entstanden im 5. Jahrhundert. Zunächst dienten sie dem Unterricht der Nonnen und Mönche. Unterrichtet wurde in den sieben freien Künsten (artes liberales). Unter Karl dem Großen entstanden viele Klosterschulen. Die Lernenden wurden in exteriores, diejenigen, die Laien bleiben wollten, und die interiores, die künftigen Mönche, unterteilt. Neben den Klosterschulen waren die Dom- und Kathedralschulen der Bischofsstädte wie Fulda, Corvey, Hirsau und St. Gallen die einzigen gelehrten Bildungsanstalten.

 

Um die Aufgaben der Kirche – Unterricht der Mönche, Ausbildung zur Einnahme von Kirchenämter, Vermittlung zur Durchführung der Liturgie - bewältigen und sie im entstehenden Reich vereinheitlichen zu können, mussten der Klerus ausgebildet werden. Ein synodaler Text von 772 schrieb dem Bischof vor, täglich mit den Priestern Lektüre zu treiben und eine bischöfliche Schule zu organisieren. Karl der Große schrieb 787 Schulen für Kinder vor, die für das Kloster bestimmt waren. Sie sollten in der Heiligen Schrift unterwiesen werden und die Elementarkenntnisse des Lateinischen erlernen. Zuerst lernten die Schüler Lesen. Danach schloss sich im Scriptuarium der Abtei das Schreiben an. Dann bekamen sie ein Buch, etwa den Psalter, das sie abzuschreiben hatten, um es auswendig zu lernen. Dazu kamen das Singen und einfache Formen der Grundrechnung. Das war der Elementarunterricht.

 

Nach dem Elementarunterricht begann das Lateinlernen. Der Abschluss bestand im Lesen eines Lateintextes, in dem die Akzentuierung und die Pausen beherrscht werden mussten, da sie für die Ausführung der Kirchengesänge unerlässlich war. Neben dem Kirchendienst gab es den Gelehrtenberuf des Notars. Vermutlich wurde er auf eigenen Schulen ausgebildet. Diese zweite Stufe gilt schon als gehobener Unterricht.

 

Es damals gab es Unterricht auf höherem Niveau in Klosterschulen, in denen gelehrte Kenntnisse vermittelt wurden. All diese Schule verfolgten keine weltlichen Ziele. Sie brachten kein Wissen hervor. Sie stagnierten darin, dass sie lediglich dem besseren Verständnis der Heiligen Schrift und ihrer besseren Verteidigung dienten.

 

Neben Unterricht und vereinzelten wissenschaftlichen Studien waren die Schulen auch Mittelpunkte der christlichen Kunst. Miniaturen wurden künstlerisch gestaltet. Ebenso wurden die Manuskripte verziert. Initialen, schön geschrieben und mit Miniaturen versehen. Die Mönche mussten Schilderungen von Heiligenlegenden, Berichte, Antifonarien (Sammlungen von Wechselgesängen) anfertigen. Unterrichtet, beschrieben und untersucht wurde alles, was dem Verständnis der Heiligen Schrift förderlich war. Doch war diese Bildung vom Niveau der Griechen weit entfernt.

 

Hoch- und Spätmittelalter

Waren frühmittelalterliche Schulen Standesschulen zur Ausbildung der Geistlichen, ergab sich durch die Differenzierung der Berufe eine Differenzierung der Bildungswege. An erster Stelle die Geistlichen mit ihrer wissenschaftlichen und religiösen Vertiefung, die Ritter in ihrer Pflege der Wehrhaftigkeit und die Bürger mit der Förderung der wirtschaftlichen Tüchtigkeit. Die Bauern wurden bildungsmäßig vernachlässigt.

 

Die Veränderung innerhalb der Wissenschaft ging von Frankreich und Italien aus und erfasste ganz Europa. Im 11. Jahrhundert bildete sich die Scholastik heraus, das Modell, nach dem die Glaubenslehre mit philosophischen Mitteln bewiesen wurde. Die Gründer dieser geistigen Bewegung sind aus den Kloster- und Domschulen hervorgegangen. Die erste Universität entstand in Paris. Um die Kathedralschule von Notre Dame, die Domschulen von St. Victor, St. Genovefa und St. Denis zu Beginn des 13. Jahrhunderts. In Italien gründeten sich in dieser Zeit Rechtsuniversitäten Bologna, Ravenna, Pavia. Die dritte Wissenschaft war die Heilkunde. Sie wurde ausgebildet in Salerno und Montpellier. Aus diesen Universitäten ging der neue Typ des Gelehrten hervor. Er bereitete sich nicht mehr auf einen geistigen Beruf vor, sondern auf aufgaben in Verwaltung und der Rechtspflege. Lehrer und Schüler schlossen sich zu der freien Körperschaft Universitas magistrorum et scolarium zusammen. Hier entstanden die vier Fakultäten: die artistische, theologische, juristische und medizinische. Sie wurden selbst verwaltet. An der Spitze der Rektor, dein Dekan stand den Fakultäten vor. Die Basis bildete die Artistenfakultät mit den artes liberales. Die Theologie erforderte sie als philosophische Grundlage. Deshalb wurde im trivium die Dialektik (Logik) das erste Fach. Im quadruvium wurde in der Teilung des Aristoteles Physik, Metaphysik und Ethik gelehrt, unterstützt durch die Mathematik, zu der das alte quadrivium Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik zusammengefasst wurde. Der gesamte Lehrgang war dreistufig und jeweils durch Prüfungen gesichert: Scholar, Bacchalarus und Magister. Dieser konnte nun selbst unterrichten oder in einer der drei oberen Fakultäten zum Doktor promovieren. Die Schüler lebten in Kollegienhäusern oder in Bursen mit den unverheirateten Lehrern zusammen. Im 13. Und 14. Jahrhundert wurden vierzig solcher Hochschulen gegründet. In Deutschland waren es Albertus Magnus, Thomas von Aquino und Meister Eckhart, die den Aufbau der Universitäten betrieben. Die Kloster- und Domschulen wurden abgewertet zu Vorbereitungsschulen für die Universität.

 

Gefördert wurden die Wissenschaften durch die Araber, die Mauren in Spanien. Aristoteles wurde zuerst ins Arabische übersetzt. Aber auch mathematische, medizinische und naturwissenschaftliche Disziplinen der hellenistischen Zeit. In lateinischen Übersetzungen gelangten diese arabischen Schriften ins christliche Abendland. Insbesondere die Universitäten zogen daraus Gewinn.

 

Die Ausbildung zum Ritter erfolgte ohne Buchwissen. Sie wurden an fremden Höfen im alter von 7. bis 14. Jahren zum Pagen und bis zum 21. Zum Knappen ausgebildet. Erst dann erhielt er den Ritterschlag. Reiten, Schwimmen, Speer- und Pfeilschießen, Fechten mit Lanze und Schwert, Jagen Schachspielen und Singen zur Laute. Die Führung übernahm ein Zuchtmeister, dem ein Kaplan zur religiösen Erziehung zur Seite stand. Doch das Ritterwesen ist uns zum einen idealisiert übermittelt, zum anderen haben die allmähliche Entstehung des Bürgertums das Ritterwesen zurückgedrängt. Die Jugendlichen wurden nun durch die Stufen des Lehrlings- und Gesellentums und das ethische Leben in der Zunft zur Meisterschaft geführt.

 

Der Fortschritt der Gewerbe und des Handelsumsatzes führten im 13. Jahrhundert zu Bedürfnissen im Bürgertum nach geeigneter Ausbildung. Zunächst wurden die Kinder in die Kloster- und Domschulen geschickt. Der Zulauf machte neue Schulen mit neuen Lehrinhalten erforderlich. Schulgründung und Besetzung von Schulämtern musste immer ausgehandelt werden zwischen den Städten und den Klerikern. Bald erhielten die Städte automatisch ein Mitbestimmungsrecht. Deshalb hießen diese Schulen Stadt- oder Ratsschulen. Der Lehrstoff war meist beschränkt auf Lesen, Schreiben und rechnen und etwas Lateinunterricht. Denn Latein war noch lange Handelssprache. Erste Schreibschulen entstanden, die Vorläufer einer rein weltlichen und deutschsprachigen Volksbildung. Meist private Gründungen waren sie zunächst eine Art Berufsschule. Klippschulen (klipp heißt klein). Seit dem 15. Jahrhundert gab es sie in den Städten. In ihnen konnten die werdenden Handwerker und Kaufleute deutsch lesen und schreiben lernen. Geleitet vom Schulmeister oder Stuhlschreiber (Gerichtsschreiber). Die Schulmeister waren meist geistlichen Standes. Später gingen sie aus der Artistenfakultät hervor. Die Schüler blieben so lange in einer Abteilung, bis sie das Lehrbuch ausgelernt hatten.

 

Die Verschriftlichung der mittelalterlichen Kultur entwickelte sich nur allmählich und war am Ende des Mittelalters noch gering. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts konnten zwischen 10 und 30 % der städtischen Bevölkerung lesen und schreiben. Das Mittelalter ist eine Kultur des Ohres und des Gehorchens. Im Frühmittelalter ging das Schreiben fast völlig verloren. Nur ein geringer teil der Geistlichkeit verstand sich darauf. Erst seit der Jahrtausendwende konnten die Herrscher schreiben und lesen. Im 11. Jahrhundert holte das Bürgertum Kleriker ins Geschäft, wenn es etwas zu schreiben gab. Erst um 1400, als das Geld und die Verwaltung in die Handelsgeschäfte eindrang, ergab sich ein Zwang zur Veränderung der Bildungsstruktur. Schulen für Mädchen ergaben sich erst zum Ende des Mittelalters in den Städten.

 

Renaissance – Stadtschulen

Tiefe gewann die Bildung in der Renaissance durch die Hinwendung zu den Schriften der Griechen. Der Humanismus führte zu einer weltlichen Lebensauffassung. Die Humanisten und Reformatoren beschäftigen sich mit der Sprache und stellen in der Erziehung eine enge Verknüpfung von Philologie und Religion her. Ihr hervorragender Vertreter waren Philip Melanchton und Johannes Bugenhagen, dem Organisator der Kirchen und Schulen. Luther schuf den Boden für die Entwicklung der Volksschulen. Dennoch blieb die Bildung in der Zeit abstrakt und ohne Zusammenhang mit dem alltäglichen Leben.

 

Die Neuzeit beginnt mit einer Rückwendung in die Antike, der von italienischen Humanisten ausging. Bildung sollte wie in der Antike um ihrer selbst willen betrieben werden und hatte nationalstaatliche Tendenzen. Der Einzelmensch wurde sich seines Eigenwertes und seiner Einzigartigkeit bewusst und strebte aus der kirchlichen und ständischen Gebundenheit heraus zu freier Entfaltung der Persönlichkeit. Es ist das Zeitalter, in der auch das Einzelne und das einzelne Ereignis aufgewertet werden, das Zeitalter der Entdeckungen, Naturwissenschaften, Weltreisen, Staatenbildungen. Es galt das Eigene zu entdecken und zu entfalten, nicht, sich fremden Zwecken – und sei es der Dienst am Christentum – zu unterwerfen.

 

Mit Verzögerung erreicht der Gedanke nördliche Länder. Die beiden Niederländer Rudolf Agricola (1443-1485) und Erasmus von Rotterdam (1466-1536) sowie der Deutsche Hans Reuchlin (1455-1522) sind von Quintilian beeinflusst. Erasmus‘ Erziehungsideal ist der feinsinnige, wissenschaftlich gebildete Weltmann. Bei ihm finden sich schon alle Anlagen der Aufklärung. Der Mensch ist zunächst sein rohes und unfertiges, aber bildsames Wesen. Von Natur aus ist er gut und edel. Seine besondere Fertigkeit liegt in der Vernunft. Auf sie muss der Erzieher hinwirken. Sprachkenntnis ist eine der Grundlagen für jeden Unterricht. Lob und Ehrliebe, Wetteifer und Beharrlichkeit sind seine Erziehungsmittel. Das Lernen muss dem Schüler Freude sein, nicht Last. Aber zuvor müssen auch die Lehrer ausgebildet sein. In Klöster und Domschulen fanden die modernen Ansichten allmählich oder keinen Eingang. Der Kampf wurde auch in der Universität ausgefochten. Der Kampf zwischen den Scholastikern und den Humanisten. Aber in der Domschule zu Münster wurde seit 1500 ein Unterricht nach Plan durchgeführt. Grammatik, vielfältigen Lesestoff, Stilübungen und freie Nachahmungen der klassischen Schriftsteller. Vom vierten Jahr an kam Griechisch hinzu, worauf ein zweijähriger akademischer Unterricht die Schule abschloss. Erst als die Hochschulen Erfurt, Leipzig und Wittenberg sich dem Humanismus öffneten, war er nicht mehr aufzuhalten. An allen Artistenfakultäten wurden von da an Lehrstühle für Dichtkunst und Beredsamkeit eingerichtet und die griechischen und lateinischen Klassiker als Vorbilder zu eigener schriftstellerischer Tätigkeit ausgelegt. Eine besondere Entwicklung aus der Begegnung des Humanismus mit der Reformation.

 

Martin Luther [1483-1546]

Kaum hatte der Humanismus in Schulen und Universitäten Fuß gefasst, wurde er durch die Reformation wieder bedroht. Zwar bildeten sie ein Bündnis gegen die Scholastik, aber standen einander auch entgegen. Erasmus gab Luther die Schuld am Niedergang der humanistischen Bewegung. Die aufklärerische Tätigkeit der Humanisten kam Luthers Vorstellungen entgegen: der humanistische Unterricht war besser als die scholastische Lehrweise und hat in seinem Sinn eine Reform der Kirche ermöglicht. Aber sein Ziel war die Gnadenlehre. Er ist für die Einrichtung von Lateinschulen. Er lobt, dass die Humanisten die Schüler in drei Jahren weiterbringen als die Scholastik als das bisher die höheren Schulen und Klöster konnten. Die lutherisch orientierten Fürsten und Städte nahmen den Unterricht in eigene Hand und dem Papsttum weg. Der eigentliche Förderer der neuen Schule war Philipp Melanchton (1597-1660). Er wurde 1518 als Griechisch-Lehrer nach Wittenberg berufen. Er forderte ein Zurückgehen auf griechischen und lateinischen Quellen der Wissenschaften. Aber wie Luther sah er die Pflege der Sprache nicht als Selbstzweck wie die Humanisten, sondern unterstellte sie dem Endziel der Kirche. Nicht die Beredsamkeit, sondern die Beredsamkeit im Dienst der Frömmigkeit. Damit hat er den Humanismus erhalten und zugleich in die konfessionelle Abhängigkeit gebracht. Er ist es, der das protestantische Bildungsideal geschaffen hat.

 

Montaigne [1533-1592] und Bacon [1561-1626]

Sie schaffen Nähe des Menschen zum Menschen. Erziehung bezieht sich auf den Entwicklungsgang des Geistes, seinen natürlichen Weg. Beide betonen die Wichtigkeit der Muttersprache. Auf Bacon beruft sich Comenius.

 

Wolfgang Ratke (1571-1635) und Johann Amos Comenius (1592-1670)

Ratke ist der Begründer der modernen Didaktik und Methodik des Unterrichts. Die ersten didaktischen Lehrbücher stammen von ihm. Als erster hat er den Eigenwert der pädagogischen Technik erkannt. Seine Werk ist der Plan zu einer deutschen Nationalerziehung, die dem Vaterland Einheit in Sprache, Regierung und Religion gibt auf der Grundlage einer Verbindung der Lehren der Heiligen Schrift und der Wissenschaft. Er strebte nach einer Reform des öffentlichen Bildungswesens, drang als erster auf die Verstaatlichung des Schulwesens. Seiner Arbeit ist Comenius verpflichtet.

 

Comenius ging von der Erkenntnis der Notwendigkeit eines allgemeinen Volksunterrichts aus. Er wollt das gesamt Wissen seiner Zeit in einem methodisch geordneten Lehrgebäude der Allweisheit zusammenfassen. Seine Hauptwerke sind seine Große Unterrichtslehre von 1657 und der Orbius sensualium pictus von 1658. Die Große Unterrichtslehre sollt die erzieherische Vorarbeit für die Menschenbildung sein. Am Ende sollten sich alle Menschen im Christentum verbrüdern können. Er ist ein Pansophist. In allem herrschen die gleichen Gesetze. Deshalb kann Elemente der Natur wie der Baum als Vorbild für den Unterricht genommen werden. Die letzte Bestimmung des Menschen ist die ewige Seligkeit in Gott. Das irdische Leben ist darauf nur eine Vorbereitung. Was an Erziehung die Eltern nicht leisten, muss die Schule erbringen.

 

Comenius baut den Unterricht logisch auf. Zuerst müssen die Sinne, dann das Gedächtnis, der Verstand und zuletzt die Urteilskraft geübt werden. Alle Unterweisung erfolgt in der Muttersprache. Das erlernte Wissen muss sich aus eigenen Anschauungen und der selbständigen Prüfung des Lernenden ergeben. Wichtige Lehrmittel sind Vormachen, Nachmachen, Üben. Ziel sind die vier Haupttugenden: Weisheit, Mäßigkeit, Tapferkeit, Gerechtigkeit. Die Eltern bilden dabei die guten Vorbilder und Beispiele. Zucht ist in der Schule notwendig wie Wasser für die Mühle. Die Ausbildung soll 24 Jahre dauern. Sie ist getragen von Weltverbesserungsplänen. Comenius benutzt Ideen von Ratke, Vives, Bacon, Alsted, Andreä.

 

John Locke [1632-1704]

Locke ist der Vater der Aufklärung in England. Alle Erkenntnis sind auf Erfahrung zurückführbar. Die menschliche Seele ist am Anfang ein unbeschriebenes Blatt (tabula rasa). Aus dieser unbelasteten, unbeschriebenen Seele kann die Erziehung machen, was sie will. Die ausgesuchten Eindrücke der Erzieher prägen die Seele. Erziehung hat danach eine den Menschen hervorbringende Kraft. Je früher die bewusste Erziehung beginnt, desto besser.

 

Locke beginnt mit der Erziehung des Körpers. Er empfiehlt eine einfache Lebensweise und Abhärtungen der Kinder: viel Bewegung in frischer Luft, täglich Leibesübungen, ausreichend Schlaf, einfache Kost und einfache Kleidung. und ist gegen eine körperliche Züchtigung der Kinder. Er empfiehlt aber, den die Förderung des Ehrgeizes. Hauptaufgabe ist die Ausbildung der Tugend. Nicht die Vermittlung von Wissen sei das Entscheidende, denn ein tugendhafter weiser Mann ist einem Gelehrten vorzuziehen. Ziel ist die Herrschaft der Vernunft über die Begierden, die Selbstüberwindung. Weniger Vorschriften und Regeln als Gewöhnung und Übung.

 

Vier Schätzen liefert die Erziehung: Tugend, Weisheit, gute Lebensart, Kenntnisse. Tugend ist nicht möglich ohne Gottesfurcht. Mit den Sprachen sollen zugleich die nötigen Kenntnisse vermittelt werden. Auch die Geschicklichkeit in verschiedenen Handwerken soll unterrichtet werden. Da sich das Vorbildliche einprägt, soll der Schüler den einfachen Menschen aus dem Weg gehen. Auch deswegen sei die Hofmeistererziehung besser als der schlechte Einfluss anderer Kameraden in der Schule. Locke ist der unmittelbare Vorläufer von Rousseau.

 

Jean-Jacques Rousseau (1735-1778)

Rousseau war, obwohl seine historische Zeit ablehnt, ein Kind seiner Zeit. Er ist ein aufgeklärter Mensch, der einen erheblichen Anteil an den Idealen der Französischen Revolution hat. Er ist Rationalist und glaubt an die Allmacht der methodischen Erziehung des Menschen.

 

Mit Rousseau entsteht in der Erziehung grundlegend Neues. Er verwirft die gesellschaftliche Ordnung und stellt ihr die Ordnung der Natur gegenüber. Er will mit der Erziehung einen neuen Menschen hervorbringen, der im Grunde aber der alte ist. Der Mensch ist für Rousseau gut, aber durch die Zivilisierte Kultur und falsche Erziehung ist er vom guten Pfad abgekommen. Rousseau vertritt neben seinen aufgeklärten auch antiaufklärerische Ideale: das ist seine „negative Erziehung“. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung vom „kulturellen Sündenfall“ des Menschen. Danach ist das vergesellschaftete Leben schon immer eine Reduktion des Menschlichen. Seine Vorstellung, „Leben“ als Beruf und die Betonung des sensualistischen und gefühlsmäßigen Anteils bei der menschlichen Erziehung bilden die andere Seite seines rationalistischen Aufgeklärtseins, auf die Pädagogen bis ins 20. Jahrhundert hinein zurückgreifen, denn seine Erziehung geht vom Kind aus, ist auf seine Entfaltung bezogen. Sein Erziehungsideal ist der erste Entwurf eines neuzeitlichen subjektivistischen Menschheitsverständnisses.

 

Seine politischen Ideen hat er im contrat social (1762) entworfen, eine Schrift gegen die Ständegesellschaft. Mit dem Staatswillen, der das Resultat der bürgerlichen Einzelwillen darstellt, hat er die Grundlagen für die moderne Demokratie geschaffen.

 

Seien pädagogischen Ideen hat er im Emile dargelegt. In der Schrift zeigt er, dass der Mensch von Natur aus gut ist, die Kultur ihn aber von der Natur entfernt hat, zu der die Erziehung ihn wieder zurückbringen muss. Die Erziehung soll die natürlichen Anlagen des Kindes bewahren. Keine Standeserziehung. Schon mit der Geburt beginnt der Erziehungsgang. Da das Kind nicht von Gewohnheiten abhängig werden soll, sind die Zeiten für Schlafen und Essen unregelmäßig. Das Furchtgefühl muss unterdrückt werden. Das Kind muss gekräftigt werden, denn alle Bosheit kommt aus der Schwäche. Es wird durch Leibesübungen, natürliche Kleidung und langen Schlaf auf harter Unterlage gestärkt. Wichtig ist die Ausbildung der fünf Sinne: Messen, Zählen, Wiegen, Vergleichen, Zeichnen nach der Natur, Vorbereitung der Raumlehre, Singen und lautes Sprechen. Beim erdkundlichen Unterricht gehe man vom eigenen Wohnhaus aus. Physik gehe von den einfachen Dingen aus. Von den Büchern liest der Knabe nur den Robinson. Zum Gehorsam wird das Kind ebenso wenig gezwungen wie an den Autoritätsglauben gebunden. Die Erziehung wird spielerisch vermittelt. Erst der Jüngling wird mit der sozialen Welt konfrontiert. Bis dahin erzieht ihn allein der Hofschulmeister. Es ist auch die Zeit, in der er in die Welt des Geistes eingewiesen wird. Die geschlechtliche Begierde soll soweit wie möglich zurückgehalten und die Sinnlichkeit durch anstrengende Leibesübungen gedämpft werden. Dann kommt die Zeit, in der die Urteilskraft und die Sittlichkeit ausgebildet werden. Am Ende stehen die Reisen, auf denen der Zögling mit unterschiedlichen Gesellschaften konfrontiert eine politische Bildung erwirbt. Zum Eigenwert des Kindes gehört auch, dass die Erziehung geschlechterspezifisch erfolgt.

 

Die Kinder müssen je nach ihrem Alter anders behandelt werden. Die Erziehung soll langsam vor sich gehen, keine Beschleunigung. Der Grundzug des Kindes ist Selbstliebe und Wohlwollen gegen andere. Man studiere jedes Kind und komme seinen Bedürfnissen entgegen. Man lasse es gehorchen, nicht gebieten und gewöhne es, auch Unangenehmes zu ertragen. Strafen müssten natürliche Folgen des Vergehens sein. Die körperlichen und geistigen Kräfte muss man durch sich selbst sich üben lassen. Der Unterricht gehe vom anschaulichen aus. Kinder sollen nichts wegen der Autorität heraus annehmen. In Deutschland übernahmen Philanthropen wie Basedow seine Ideen. Sowenig Zwang wie möglich. Nichts Unverstandenes soll angeeignet werden.

 

Immanuel Kant (1724-1804)

Aufklärung bedeutet Bildung, Erziehung und Kultivierung. Kant plädiert gegen Rousseau für eine allgemeine Schulbildung, die der Staat einrichtet – nicht durch Privatschulen. Auch sein kategorischer Imperativ, sein „Wage zu denken“ und sein Satz „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zielen auf die Etablierung einer allgemeinen Schule.

 

Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827)

Seine Lehre ist die erste methodische Gestaltung des Volksschulunterrichts. Er hat die Erziehung aus dem mütterlichen Prinzip hergeleitet. Rousseaus Emile ist sein Ausgangspunkt, doch er stellt den Menschen in den sozialen Raum der Gesellschaft. Erzogen von der Mutter, der Vater starb früh, wollte er den Mitmenschen einen Weg zu einem menschenwürdigen Dasein zeigen. Er gründete den Neuhof auf dem er neue Pflanzungen aussetzte und Kinder armer Bauern unterrichtete und sie durch Spinnen, Weben oder Feldarbeit nutzbringend beschäftigte. Dieses Projekt wurde von Städten und reichen Leuten unterstützt. Er wollte alle Menschen durch Erziehung emporheben. „Emporbildung der inneren Kräfte der Menschennatur zu seiner Menschenweisheit als allgemeiner Zweck der Bildung.“ Der Mensch entfaltet seine natürlichen Kräfte erst in der natürlichen Gemeinschaft der Familie. Wichtiger als Kenntnisse ist die Erziehung zu Gemeinschaft, Reinlichkeit, Ordnung, Pünktlichkeit, Einwirkung auf das Herz, Gewöhnung an das rechte Hören und Sehen und damit die Weckung der Aufmerksamkeit und ihres Verstandes.

 

Seine Pädagogik ist eine Wohnstubenpädagogik. Seine „Elementarbildung“ hat er 1801 in der Schrift „Wie Gertrud ihre Kinder erzieht“ dargelegt. Hier wurde dargelegt, wie man in jedem Haus Schule betreiben kann. 1804 gründet er in Iferten am Neuenburger See ein Institut für Knaben und Mädchen aus allen Gesellschaftsschichten, das ihn in Europa berühmt gemacht hat. Staatsmänner, Pädagogen und andere Wissenschaftler haben die Schule besucht. Der Gang des Unterrichts muss sich aus den Gesetzen der Natur des Geistes herleiten. Gründung des Unterrichts auf Anschauung, planmäßiges Ausgehen vom Einfachen und Nächstliegenden, langsame und lückenloses Fortschreiten zum Schwierigeren, Scheidung des Wesentlichen und Unwandelbaren vom Zufälligen der Dinge. Unter Zuhilfenahme möglichst vieler Sinne. Sittlich soll der Mensch zu Geduld und Gehorsam erzogen werden. Nach und nach entwickelt sich das Gewissen, das Gefühl für Pflicht und Recht und aus der Anhänglichkeit an die Mutter ergibt sich die Anhänglichkeit von Gott. Alles Vermittelte muss in der Form des Erlebens zu innerer Anschauung gelangen. Er hat den Nerv der Zeit getroffen, als er Erziehung aus dem mütterlichen Prinzip heraus entwickelte.

 

Preußische Schulreform

Napoleon hat Deutschland besetzt. Verwaltung und Schule sind außer Funktion. Freiherr von Stein und Fürst Hardenberg führen in Preußen eine grundlegende Reform durch, die zum teil bis heute Gültigkeit besitzt. An die Spitze der Oberschulkommission wurde Wilhelm von Humboldt gestellt. Mit bedeutenden Wissenschaftlern der Zeit schuf er ein einheitliches Bildungswerk. Er beseitigte alle Sonderformen der Standes- und Berufsbildung. Zugunsten eines einheitlichen Bildungswesens, dessen Basis die allgemeine Volksschule war. Von der 1810 gegründeten Berliner Universität nahmen die Reformbewegung ihren Ausgang. Sie war wie gedacht wie eine Platonische Akademie. Daneben wurde die Ausbildung der Lehrer vereinheitlicht und eine Trennung von niederer und höherer Bildung vorgenommen. Vorbereitungsstätte für die Universität wurde allein das Gymnasium, in dem die Reifeprüfung Unterricht und Lehrstoff vereinheitlichte. Latein und Griechisch wurden die Hauptfächer, danach Deutsch und Mathematik. Für die Volksschule und die Ausbildung der Volksschullehrer wurde das Modell von Pestalozzi angewandt. Die allgemeine Menschenbildung: die Ausbildung des Menschlichen im Menschen, körperliche Bildung und Erziehung zur Selbständigkeit. Der Lehrstoff ging über religiöse Inhalte hinaus und wurde reichhaltiger. Daneben etablierte sich eine Turnerbewegung, die im Hintergrund die körperliche Ausbildung der Jugend und die Vertreibung der napoleonischen Truppen zum Ziel hatte. Turnvater Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852). Auf ihn bezog sich später die nationalistische und völkische Bewegung. Seit 1811 ging er mit seinen Schülern auf die Hasenheide und trieb dort Sport. Hier wurde der erste Turnplatz errichtet. Die Leibesübungen waren militärisch orientiert. Bis 1819 waren die Turnplätze über ganz Deutschland verbreitet.

 

Der Kampf um die Demokratie wurde nach der Vertreibung der französischen Truppen in Deutschland eine Jahrzehnte lang währende Auseinandersetzung zwischen Liberalen und Konservativen um die Reform. Der Freiheits- und Einheitsgedanke wurde vor allem von den Studenten getragen. Die Burschenschaften gründeten sich. Der Burschenschafter Sand erschießt den konservativen Dichter Kotzebue. Danach werden die Karlsbader Beschlüsse getroffen und von da an werden die Universitäten überwacht und es beginnt die Zeit der Demagogenverfolgung. Jahn wird verhaftet. Und selbst Schleiermacher wird beargwöhnt. Die Reaktion auf das Reformwerk Humboldts war enorm. Hegels Einfluss wächst.

 

Neben die Allgemeinbildung forderte das Wirtschaftsbürgertum die Ausbildung auch in praktischen fächern. Die Realschule entsteht. Zwar wurde nicht unmittelbar auf einen Beruf hinerzogen, aber ein allgemeiner Rahmen erstellt, der auf einen praktischen Beruf vorbereitet. Deshalb kamen mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer hinzu. In der Volksschulbildung erhielt die Kirche wieder neuen Raum, da die niederen Lehrer immer noch als Kirchendiener galten. Hier wurde der Mensch wieder nach Geburt in die Gesellschaft eingegliedert. Diesterweg sah seine Berufung in einer konfessionsfreien Volksschullehrerbildung.

 

Im Revolutionsjahr kulminierte die Auseinandersetzung und die gescheiterte Revolution der Paulskirche machte die Konservativen stark, unterstützt durch Friedrich Wilhelm IV. Zucht und Ordnung, Beschränkung des Wissens und Stärkung der Gesinnung und Gottesfurcht wurden wieder Thema der Schule.

 

Erst mit der Staatsgründung 1872 gewinnen die liberalen Kräfte wieder die Oberhand. Mit dem Amtsantritt des Kultusministers Adalbert Falk. Er erlässt ein Schulaufsichtsgesetz, nach der allein der Staat das Aufsichtsrecht erhält. Er allein sollte die Ort- und Kreisschulinspektoren ernennen. Der religiöse Gedächtnisstoff wird eingeschränkt und das mechanische Erlernen verboten. Erstellt wurde ein Lehrplan für die Mittelschule, die als eine Volksschule für gehobene Berufe angesehen wurde und eine moderne Fremdsprache und mehr Mathematik und Realien bot. Dieses Modell wurde für andere Staaten vorbildlich. Bismarck schränkte diese Bewegung ein.

 

Summerhill (seit 1924)

Die Privatschule Summerhill, gegründet von Alexander Sutherland Neill 1921 in Leiston, England, besuchen heute neunzig Schüler. Die erste demokratische, wenn auch nicht antiautoritäre Schule, denn immerhin regeln etwa zweihundert Gebote das Zusammenleben. Es gibt keinen Unterrichtszwang und die Gebote werden von Gremien aus Schülern und Lehrern kontrolliert und weiterentwickelt. Wer Regeln verletzt, wird bestraft – mit Geschirrspülen, Reinigungsarbeiten und Gartenpflege. Anstelle der Strafe kann auch ein Tag der Aufmerksamkeit festgesetzt werden, an dem Regelbrecher eine besondere Aufmerksamkeit genießen, denn die Gemeinschaft hat für das Verhalten seiner Mitglieder eine Mitschuld erkannt, wie bei einigen Stämmen in den Anden, die Gesetzesbrecher – auch bei Tötungsdelikten – in einen Kreis bitten und fragen, was sie – die Gemeinschaft – falsch gemacht und was sie zu einer solchen Tat beigetragen habe. Diese Art miteinander umzugehen ist keine Garantie für eine totale Friedfertigkeit, aber indem die Kulturen der Welt zusammenwachsen und erkennen, dass sie eine Menschheit sind, gelingt es immer mehr – im Angesicht vieler Kriege, Genozide und Morde – einander mit Toleranz zu begegnen und zu kooperieren – zwei Bedingungen für eine Globalgemeinschaft.

 

Peter Brückner (1922-1982)

Erziehung ist der Umgang mit dem Körper selbst. Die Aufgabe unseres Jahrhunderts ist die bewusste Beherrschung und Steuerung sozialer Vorgänge. In der Erziehung ist zu prüfen, ob es sich soziale oder auch noch um biologische Eingriffe handelt. In autoritären Ordnungen wird aus der Beherrschung des Menschen, der sich einer Autorität unterwirft, Selbstbeherrschung, in der man sich selbst unterwirft und seinen eigenen Geboten gegenüber gehorsam ist. Es ist Selbstgehorsamkeit. Ziel der Erziehung ist es, sich überflüssig zu machen. Die Tradition ist dem Menschen eigen - beim Tier ist es die Vererbung.

 

 

© Hajo Eickhoff 2013

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13. Dezember 2017

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