aus Karin Stuhr (Hrsg.), Kinder? Kinder! Spielerische Anleitung zur glücklichen Entfaltung, Weiler 2003

 

 

Kleine Möbel

Eine Visitenkarte für das Kind

 

 

 

Möbel – Materialisierungen der Kultur

 

Kindermöbel verbinden auf spielerische Weise die Welt des Kindes mit der Welt der Erwachsenen. Die Verbindung erfolgt durch Nachahmung und teilt dem Kind etwas über die Kultur mit, in der es aufwächst. Kindermöbel sind verkleinerte Exemplare von Möbeln, wie Kinder als verkleinerte Exemplare des Menschen erscheinen. Die Parallele gibt dem Kind eine Identität, das mit seinen Möbeln einen eigenen Lebensbereich gewinnt. Es erfährt sich als Teil einer Gemeinschaft, in der jeder einen Platz innehat.

 

Der Mensch ist ein Erinnerungswesen. Von Zeit zu Zeit steigen Erinnerungen an Kindheit und Jugend in ihm auf und lassen Ursprungsbilder hervortreten, in denen Kindermöbel eine große Rolle spielen. Solches Rückbesinnen etwa an den ersten Kinderstuhl ist eine Erinnerung an eine erste eigene Kulturleistung. Das Faszinierende und Formende des Stuhls bleibt als Anfang, Disziplinierung und Loslösung im Gedächtnis. Kindermöbel sind Möbelkinder, Kinder von Möbeln. Sie integrieren Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu einer Orientierungsform.

 

Möbel richten den Menschen ein in seine Existenz. Sie schaffen Kultur. Die Kultur der Sesshaftigkeit. Als Werkzeuge der Kultivierung erzeugen sie geordnete Räume um den Menschen herum, etablieren in seinem Innen – seiner Physis, seinem Denken und seiner Seele – geordnete Abläufe und geben dem menschlichen Leben durch Kontinuität eine Richtung. Ihr Charakteristikum ist eine vom Boden abgehobene, waagerechte Ebene. Sie ist das realisierte Bild des erhöhten und geglätteten Erdbodens, das entweder Menschen anhebt und trägt oder Gegenstände. Das Anheben auf die Waagerechte ist Ausdruck einer kulturellen Erhebung, die dem Menschen Kräfte der Disziplin verleiht: Kräfte des Ordnens, der Kontrolle und der Vergeistigung.

 

Der Mensch hat vier Möbel erfunden. Stuhl, Schrank, Bett und Tisch. Ihre unterscheidenden Merkmale liegen in der Höhe, der Gestalt und der Verankerung der Waagerechten: Sitzebene, Schrankbrett, Bettrost, Tischplatte. Es sind diese Horizontalen, die den Menschen im Spiel, in der Phantasie und bei der Arbeit unterstützen und ihn und seine Kultur in einer typischen Weise prägen.

 

Bett und Stuhl heben Menschen auf ein erhöhtes Niveau. Sie bringen Ordnung und Hierarchie in das Arsenal des Menschen. Im Bett, dem Ort des Schlafes und der Träume, verbringt der Mensch die meiste Zeit seines Lebens. Es dient der Regeneration und stützt deshalb den Körper über die gesamte Länge. Dagegen ist der Stuhl ein Ort der Aufmerksamkeit. Er stützt lediglich das Gesäß und bringt den Menschen in eine zweimal rechtwinklig abgeknickte Position: das Sitzen. Das Sitzen auf Stühlen ist Askese, Beruhigung und Erziehung. Deshalb würde sich kein Kind freiwillig setzen. Aber Sitzen auf Stühlen ist im Abendland eine bestimmende Erziehungsform, die Fähigkeiten zur Abstraktion und des logischen Operierens fördert. Es macht das Kind mit den Mechanismen der Gesellschaft vertraut und ebnet ihm den Weg in die Erwachsenenwelt.

 

Schrank und Tisch heben Gegenstände auf ein erhöhtes Niveau. Sie bringen Ordnung und Hierarchie in das Arsenal der Gegenstände. Schränke sind geheime und rätselhafte Orte, die den Menschen auf Verborgenes hinweisen und seine Phantasie anregen. Da Schränke aber auch dinglich, materiell sind, können sie zum sachlichen Hintergrund der Arbeit werden. Sie sind dann Depots, Ablagen, Archive. Dem kurzfristigen Ablegen dienen Tische. Vor allem aber ist der Tisch ein moderner Acker. Genutzt für geistige und praktische Aktivitäten. Die geistigen Kräfte, die der Sitzende auf dem Stuhl erwirbt, können am Tisch unmittelbar zur Wirkung gebracht werden. An Tischen wird die Arbeit des Einzelnen als Nachdenken und Schreiben, als handwerkliche Arbeit und Entwerfen verrichtet.

 

Tische sind die Zentren moderner Gesellschaften: Räume der Arbeit und des Speisens, Orte der richterlichen Instanzen und der Rituale, Stätten des Spielens und der Konferenzen.

 

Die Basis des modernen Arbeitsplatzes ist eine Tisch-Stuhl-Kombina­tion. Eine Erfindung Europas, in der beide Möbel mit dem Sitzenden zu einer Einheit zusammengewachsen sind. Das Sitzen auf Stühlen am Tisch ist die größte Produktivkraft, die der Mensch erfand: Stuhl und Tisch haben Europa materiell reich gemacht und es auf eine hohe Kulturstufe emporgehoben.

 

Möbel sind dingliche und spirituelle Begleiter des Menschen. Die Ordnung, die sie in seinem Innen und Außen schaffen, bildet einen sicheren Rahmen und macht ihn im All beweglich. Möbel sind Spiegel des Alls. Sie richten den Menschen in ein Haus ein, in eine Stadt, die sich in einer Region, die sich in einem Land, das sich auf einem Kontinent, der sich auf der Erde, die sich im Sonnensystem, das sich in der Galaxis, die sich im Universum befindet. Möbel gab es nicht immer, denn einst war der Erdboden alleiniger Lebensgrund. Mit den Möbeln hat der Mensch seine Existenz angehoben und dem All etwas nie Dagewesenes hinzugefügt.

 

 

Kindermöbel und Möbelkinder

 

Kindermöbel gestalten das Werden und Reifen des Kindes und geben ihm eine besondere Note. Seine Reifung wird durch die Unmittelbarkeit des Umgangs mit Möbeln beeinflusst. Sie machen den Lebensraum des Kindes zu einem bedeutungsvollen Bezirk und geben ihm eine Mitte. Kindermöbel schaffen Orte, die dem Kind vertraut sind (Geborgenheit), gestalten Räume, in denen sich seine Phantasie entfaltet (Gefühle) und sind Gegenstände, die das Kind begreift (Denken). Kindermöbel formen einen individuellen Ort, der Selbstbewusstsein und Sicherheit erzeugt.

 

Das Emporarbeiten des auf dem Boden krabbelnden und spielenden Kindes auf die Waagerechte des Möbels ist Ausdruck einer geistigen Erhebung und ein prägnantes Bild für die Geschichte der modernen Gesellschaft. Das Kind wiederholt diese Entwicklung, in der Stuhl und Tisch zur Stätte werden, an der sich der Übergang vom Spielen und Lernen zum Spielen als bewusstem Lernen vollzieht. Darin liegen die guten Gründe für kleine Möbel und ihre weniger hohen waagerechten Ebenen.

 

Tisch, Stuhl, Bett und Schrank erzeugen einen besonderen Rhythmus, der das Kind auf seinem Weg des Erwachsenwerdens begleitet. Das Erheben vom Boden als Aufrichten, Laufenlernen und als Erklimmen eines Möbels ist eine große Kulturleistung für das Kind und eine Bedingung für den Erwerb von Kommunikationsvermögen und Abstraktionsleistungen sowie für Sachlichkeit und erfolgreiches Handeln in der modernen Welt.

 

Stuhlsitzen am Tisch beim Lesen und Schreiben erfordern eine äußerste Körperbeherrschung und ein Höchstmaß an Disziplin. Wenn das Kind liest oder schreibt, bewegt es sich in winzigen, einstudierten und kontrollierten Bewegungen. Zugleich bewegt es sich, gebannt am Tisch, im Medium der Imagination und des Denkens.

 

Das Schreiben, das Abstraktes wie Empfindungen und Gedanken mit der Hand in das Medium der Fläche übersetzt, bedarf der widerstehenden Fläche des Tisches und der Kulturhaltung des fixierten Stuhlsitzens. Der Schüler im Kind lernt, sich auf das Verfolgen eines Gedankens zu konzentrieren, ohne sich durch störende Sinnesreize ablenken zu lassen. Bis er über die Fähigkeit verfügt, die Ordnung eines abstrakten Stoffes zu erfassen und in ihm logische Operationen durchzuführen. Was dabei am Tisch dem körperlichen Bewegungsdrang vorenthalten wird, weitet sich zu einem geistigen Bewegungsdrang – zu einer geistigen Freiheit. So erfüllen Stuhl und Tisch Bedürfnisse nach kindlichem Spiel und nach Ordnung und dienen zugleich dem Einüben von Lebensgrundsätzen.

 

 

Kindermöbel und Qualität

 

Die Basis guter Kindermöbel ist Qualität. Da Qualität immer auf ein Ganzes gerichtet ist und das Wahrnehmbare zu unterscheiden hilft, kann das Kind Eigenart und Materialität, Funktionalität und Schönheit der Möbel erfassen. Denn gute Möbel öffnen die Sinne: Sie ermutigen das Kind, sich suchend und untersuchend vorzutasten – statt abgewiesen zu werden –, weil sie es ansprechen, berühren und bewegen. Sie veranlassen das Kind, sich kostbaren Objekten zu nähern und sich mit Vertrauen die Welt anzueignen.

 

Qualität ist an die Lebendigkeit der Sinnestätigkeit gebunden und erweist sich als das Entgegenkommen von Gegenstand und Mensch. Sie ruft angenehme Gefühle hervor, indem sie über die Sinnesorgane positiv auf das Gemüt wirkt und das in uns hervorruft, was wir Wert und Lebenssinn nennen. Im Umgang mit kostbaren Objekten erwerben die Sinnesorgane eine Anpassungsfähigkeit, die ihre Aufnahmekapazität steigert und das Kind befähigt, Nuancen und Schattierungen der Umwelt und der Gefühle und Gedanken wahrzunehmen. Gute Kindermöbel erleichtern es so dem Kind, moralische, sachliche und ästhetische Kompetenz zu erwerben.

 

Gute Kindermöbel geben dem Kind die Gelegenheit, sich mit Qualität zu identifizieren. Sie ordnen und qualifizieren das Kind, das sich mit Neugier seiner räumlichen Umgebung und der Welt der Objekte widmet. Schöne Objekte und nachvollziehbare Funktionen machen das Kind leicht, erheben es und begünstigen seine schöpferische Kraft. Sie fördern seine Kommunikation, geben ihm Freude und schenken ihm Vertrauen.

 

Kinderstuhl und Kindertisch sind kleine Objekte, Brücken zwischen der Welt der Erwachsenen und den Objekten, die ganz der Individualität eines kleinen und wachsenden Menschen angepasst sind. Am wachsenden Tisch und Stuhl kann das Kind erkennen, dass es in eine neue Entwicklungsphase eingetreten ist. Müssen Stuhl und Tisch umgebaut, erhöht werden, hat das Kind bereits etwas erreicht: eine leibliche und geistige Etappe auf dem Weg ins Erwachsenendasein. Es erhält ein Bild von der eigenen Entwicklung und von der Einheit von Veränderung und Identität des Menschen.

 

Im Gebrauch guter Möbel gewinnt das Kind etwas sehr Wertvolles: einen Kompass für die Orientierung in der sinnlichen Welt der Objekte und der sozialen Welt der Kommunikation. Gute Kindermöbel weisen über ihre Gegenständlichkeit hinaus ins Immaterielle und Kosmische. Gute Kindermöbel sind die Visitenkarte für ein in seiner Welt sensibilisiertes, wachsendes Menschenwesen.

 

 

© Hajo Eickhoff 2003

 

 

Hajo Eickhoff

 

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25. September 2017

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