aus Adam, Jörg/ Haborth, Dominik/ Andrea Vilter (Hrsg.), Helfershelfer – Türbremse, Tropfenfänger und andere obligate Symbionten, Stuttgart 2000

 

 

 

Hilflose Helfer – Stachel des Sitzens

 

 

 

 

Das Sitzen auf Sthülen ist eine bizarre Körperhaltung des Menschen. Überall hält die moderne Gesellschaft, die eine Sitzgesellschaft ist, Sitze für ihn bereit. Kaum Orte ohne Stuhl oder Bank. Sitz-Objekte überschwemmen öffentliche und private Räume. Ob der Mensch sich zu Hause aufhält, arbeitet oder reisend unterwegs ist, immer will er sitzen. Dabei ist Sitzen weder natürlich noch bequem, noch eine Entlastung der Beine. Helfershelfer für das Sitzen haben die Aufgabe, Sitzmöbel nachträglich bequem zu machen, da sie aber oft nur den Anschein von Erleichterung geben, sind sie meist Trugschlüsse.

 

Das Sitzen auf Stühlen beginnt als Thronen und ist eine Auszeichnung. Strukturell ist die Basis des Throns ein Steinblock, auf dem Menschen den Göttern geopfert wurden. Seitdem Menschen dazu übergingen, anstelle des Menschen ein Tier zu töten, differenzierte sich der Stein in den Altar und den Thron. Fortan wurden Tiere auf dem Altar getötet und ein zum König erhobenes Stammesmitglied auf den Thron gesetzt. In der Unbewegtheit seines Körpers in der Sitzhaltung gibt der König thronend ein Opfer. Ein heiliges Wesen auf geweihtem Thron an geweihtem Ort. Allein. Unnahbar und erhaben. Im Thronen lernt er, seinen Körper zu beherrschen: Im Zwang der Bewegungsbeschränkung bildet er eine Atemkontrolle aus und erwirbt die Fertigkeit, sich auf innere Vorgänge zu konzentrieren. Die Haltung des Thronens wirkt auf Körper, Seele und Denken. In dieser Form der Disziplinierung wird der König zum Medium für den Kontakt mit den Göttern. Seine Kräfte übertragen sich auf den Stamm, zu dessen Gedächtnis er wird. Die spirituellen Kräfte, die er in der Sitzhaltung ausbildet, machen ihn zum schöpferischen Zentrum des Stammes. Er wird stillgesetzt, damit die Untertanen sich bewegen können und in ihm Orientierung und Sinn finden.

 

Das Sitzen auf Stühlen ist kein Komfort. Denn wie den König Thron und Thronen disziplinieren, so den Bürger Stuhl und Sitzen. Auch das Sitzen auf Stühlen zielt auf eine Einschränkung der Bewegung, die den Sitzenden ruhigstellt und seine geistigen Kräfte ausbildet. Stühle sind keine Helfer des menschlichen Körpers, und das Sitzen auf ihnen erweist sich nicht als Beförderung der Bequemlichkeit: Das Stuhlsitzen bringt den Körper in eine unphysiologische Verfassung und bedeutet Schwerarbeit, indem es Muskulatur, Bandscheiben und Atmung beeinträchtigt. Helfershelfer für das Sitzen auf Stühlen erklären sich aus dem Versuch, das anstrengende Sitzen doch noch bequem zu machen und zu optimieren, indem unphysiologische Anteile reduziert und das Sitzen nachträglich in eine Art Natürlichkeit überführt werden sollen, das, wie alle Natur, verbesserungswürdig erscheint. Fuß, Bein und Nacken, Rücken, Lende und Gesäß sollen entlastet werden, damit Sitzende möglichst lange auf Stühlen sitzen können. Was Helfershelfer des Sitzens befördern, sind das Verharrenkönnen in einer disziplinierenden Haltung und der Mythos, wer sitzt, habe Teil an einer königlichen, herrscherlichen Geste.

 

Stühle sind das Objekt der Begierde von Designern. Für keinen Gebrauchsgegenstand wird auf Funktion und Gestaltung so viel Energie und Phantasie aufgewendet wie für Sitzmöbel. Das hat seinen Grund in der klaren und differenzierten Ordnung des Stuhls: vier Beine, Sitz und Rückenlehne, mit oder ohne Armlehnen. Hinzukommen seine Mobilität und sein hoher Repräsentationswert, die Faszination durch die direkte Berührung von Stuhl und Mensch, die mythologische Bedeutung des Sitzens sowie die Ahnung von der kulturellen Wirkung des Sitzens auf die innere und äußere Fassung des Menschen. Als sich in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts Ergonomen in die Gestaltung von Stühlen einmischen, hegen sie Hoffnungen, sitzgerechte Stühle entwickeln zu können, bei vielen weicht jedoch die Hoffnung bald der Einsicht, gute Stühle helfen lediglich, das Schlimmste zu vermeiden. Dagegen nähren Helfershelfer die Illusion eines optimalen Sitzkomforts.

 

Der Mensch ist ein Helfer und Helfershelfer erzeugendes Wesen. Er selbst hat innere und äußere Organe. Helfer. Notwendige und beiläufige. Werkzeuge, die ihm im Leben behilflich sind. Da er dazu neigt, über den Kreis seines unmittelbaren Wirkens hinauszugehen, erfindet und entwickelt er selbst Werkzeuge, mit deren Hilfe er Werkzeuge und mit ihnen durch Werkzeuge hergestellte Gegenstände verbessert. Er erzeugt Helfer und Helfer, die weitere Helfer erzeugen. Die moderne Welt ist der vorläufige Endpunkt einer langen Reihe der Erzeugung von Helfern durch Helfer. Helfershelfer helfen Helfern, besser zu helfen. Häuser helfen dem Menschen, sich vom Unterwegssein und vom Klima frei zu machen, Städte befreien ihn von der Natur. Stühle helfen ihm, sich von der Natur in sich frei zu machen und sich zu disziplinieren. Der Mensch hat sich von einem aufrecht Stehenden und Gehenden zu einem Sitzenden gewandelt und seine Berührung mit der Welt von der Fußsohle auf das Gesäß verlagert. Die elementaren Berührungsebenen zwischen dem modernem Menschen und der Welt sind Gesäß und Stuhlsitz: Auf jeden einzelnen kommen mittlerweile etwa zwei Dutzend Sitze.

 

Stühle setzen sich aus mehreren grundlegenden Helfern zusammen. Stuhlbeine und Stuhlsitz nehmen die Rumpflast auf, Armlehnen stützen Arme und Hände, die Rückenlehne soll den Rumpf im Lot halten. Diese Helfer des Stuhls sind die internen Bestandteile der Funktion und der Ästhetik des Stuhls und mit ihm zu einem komplexen Helfer verschmolzen. Je tiefer Gestalter und Ergonomen in das Wissen des Sitzens eindringen, desto mehr Helfer arbeiten sie in den Stuhl ein. Wenn Diskrepanzen zwischen den Möglichkeiten eines Stuhls und Anforderungen an ihn in der Praxis entstehen, treten Helfershelfer in Erscheinung. Dann wird versucht, den erfahrenen Mangel durch Behelfe auszugleichen. Gelingt es, den Mangel zu beseitigen, ist ein Helfershelfer geboren, ein nachträglich einem Helfer hinzugefügter Helfer, ein Helfer zweiter Ordnung. Die nachträglich addierten Elemente überlagern die ursprüngliche Funktion, am sinnfälligsten das Design.

 

Helfershelfer sind Ausdruck einer Krise der Funktion. Eine fehlgeleitete oder noch nicht ans Ende gekommene Entwicklung von Objekten. Da Meinungen über die Sitzhaltung, ihre Bedeutung und ihre Wirkungen auf den Sitzenden eher Vorlieben und Privatmeinungen als sachlichen Gründen entspringen, stehen Helfershelfer des Sitzens in hoher Blüte. Während sie einzelne Maßgaben korrigieren, greifen sie unvermeidlich auf andere Funktionen über und können wesentliche Bestimmungen außer Kraft setzen oder ins Gegenteil verkehren. Das Design ist dagegen nur ausnahmsweise Gegenstand von Helfershelfern. Befriedigende ästhetische Lösungen sind deshalb selten. Stuhl und Helfershelfer bleiben einander ästhetisch fremd. Es ist sogar gerade die Differenz zwischen der ästhetischen Einheit des Stuhls und des ihm äußerlich bleibenden Behelfs, die den Helfershelfer in Erscheinung treten lässt, indem sie ihn von den zum Stuhl gehörenden Helfern abgrenzt.

 

Die ersten Anzeichen einer Sitzkrise sind natürliche Helfershelfer des Sitzens. Beine werden übereinander geschlagen, Arme vor der Brust verschränkt, Ellenbogen auf die Knie gestützt, um den Kopf auf den Händen zu halten, Hände zwischen Oberschenkel und Sitz geschoben oder Stuhlvorderbeine zum Kippeln genutzt. Immer geht es dabei um die Entlastung der Muskulatur und um die Festigung des Skeletts. Helfershelfer sind Simulatoren natürlicher Helfershelfer: Die Lendenstütze der Rückenlehne soll das Übereinanderschlagen der Beine, die Neigung der Rückenlehne nach hinten das Aufstützen des Kopfes und der Sitzkeil das Kippeln, das die Lende entlastet, ausgleichen, Rückenlehne und Armlehnen sollen das Verschränken der Arme vor der Brust und Polster die untergeschobenen Hände kompensieren.

 

Sitze können zu niedrig oder zu hoch sein. Nur wenige Menschen erfüllen die Norm der Körpermaße, nach denen Stühle gebaut werden. Höhenverstellbar sind Bürostühle mit vertikaler Säule und Fußkreuz, selten Stühle mit vier Beinen oder Stahlrohrstühle mit Kufen. Zur Höhenverstellung gibt es viele nachträgliche Lösungen. Holzklötze werden von Bastlern unter Stuhlbeine oder Leisten unter Stuhlkufen montiert, um den Sitz für Menschen mit überdurchschnittlich langen Beinen zu erhöhen. Professionell werden Erhöhungssets angeboten, Klötze aus Holz oder Plastik mit Bohrungen für Stuhlfüße. Helfershelfer der Stuhlbeine garantieren, dass der Sitz von der Ebene der Füße aus Unterschenkelhöhe hat, ein Merkmal, über das sich das Stuhlsitzen definiert: das Ruhen des Gesäßes auf einer unterschenkelhohen Ebene.

 

Sitzerhöhungen für Kindersitze nutzen fremde Stuhlbeine. Sie werden als Schaumstoffkissen, ausgestattet mit oder ohne Rücken- und Armlehnen, oder als quaderförmige Blöcke aus Kunststoff auf einen Stuhlsitz platziert. Das Kind setzt sich auf die zehn bis zwanzig Zentimeter hohen Behelfe und stellt seine Füße auf den Stuhlsitz. Damit auch Kleinstkinder so früh wie möglich auf dem Tisch der Erwachsenen agieren können, gibt es Tischsitze. Ein Helfershelfer, der wie ein eigenständiger Sitz erscheint, aber nur ein komplexer Helfer der Stuhlbeine ist: Ein Stahlgestell, in das eine Sitzebene eingelegt ist, und ein Textilstoff, der Seiten und Rücken absichert. Eine Klemm- und Schraubvorrichtung befestigt den Tischsitz am Tisch. Das Kind wird mit einem Gurt festgezurrt, damit es nicht aufstehen kann. Im Tischsitz manifestiert sich der Sitzzwang der Sitzgesellschaft, die in die natürliche Abfolge von Liegen, Krabbeln und Aufstehen zwischen Liegen und Krabbeln das Stuhlsitzen schiebt.

 

Das Hauptelement aller Sitzmöbel ist der Sitz. Die zentrale Berührungsebene des Menschen mit einem stofflichen Untergrund. Der Sitz kann horizontal verlaufen, nach hinten oder nach vorne geneigt sein, aus Holz oder Plastik bestehen oder gepolstert sein. Die Polsterung, bespannt mit unterschiedlichen Materialien, kann hart oder weich, eben oder gewölbt, einfach oder vielschichtig geformt sein. Die variabelsten Stuhlsitzformen bieten moderne Bürostühle: sattelförmig gestaltet, symmetrisch geteilt oder detailliert auf die Form des Gesäßes zugeschnitten. Einen großen Umfang der zahlreichen Helfershelfer für den Stuhlsitz nehmen Kissen ein: als Dekor, Polsterung oder Reparaturelement. Polster sollen die Durchblutungsstörung infolge langen Sitzens vermindern, Sitzauflagen aus besserem Material den Stuhl aufwerten. Sonderformen sind Sitzkeile. Kissen können mit zusätzlichen Helfern wie Schonbezügen oder Kissenrutschstopps zur Verhinderung des Rutschens bei schräger Sitzhaltung ausgestattet sein.

 

Selbst hochentwickelte, nach ergonomischen Erkenntnissen entwickelte High-Tech-Bürostühle sind vor Helfershelfern nicht sicher. Helfershelfer, die sich auf die Sitzhaltung beziehen und mit einer naiven Sicherheit angepriesen werden, nähren sich vor allem aus Vorurteilen und heben bestehende Funktionen auf. Wie ein gewöhnlicher Sitzkeil mit dem wichtigtuerischen, fachmedizinischen Namen Orthopädisches Rückgrat-Kissen zeigt. Die geformte Sitzschale des Bürostuhls, an dem die Wirkung des Keils demonstriert wird, ist auf die Rückenlehne des Stuhls so abgestimmt, dass die untere Rückenlehnwölbung gegen die Lende drückt, um den Rundrücken zu vermeiden. Tatsächlich gewährleisten Stuhlsitz und Lehne nicht automatisch das Vermeiden des Rundrückens, denn die aufrechte Sitzhaltung, die die Stuhlhersteller versprechen, kann ein Stuhl nur halten – und das nur für kurze Zeit –, wenn der Sitzende sie bewusst und gegen Überbelastung und Ermüdung der Muskulatur einnimmt. Der zusätzliche Sitzkeil aber bringt den Sitzenden in eine unhaltbare Lage. Er simuliert das Sitzen auf einem nach vorn geneigten Stuhlsitz, was prinzipiell ein Vorteil wäre, setzt aber Aktionsbereiche des Bürostuhls außer Kraft und verschlechtert die Ausgangssituation: Die ergonomische Form des Stuhlsitzes wird nutzlos, der Halt auf ihm geht verloren, die Sitztiefe verringert sich, da das Lendenpolster nicht gegen die Lende, sondern das weiter hinausstehende Becken drückt, und weil durch das Anheben des Rumpfes Stuhlrückenlehne und Rückenform des Sitzenden nicht mehr parallel zueinander verlaufen und die Lehne unbenutzbar wird. In der Praxis führt das dazu, dass der Keil entweder nicht mehr benutzt wird oder Muskulatur und Bandscheiben geschädigt werden. Funktionsgerecht kann er nur auf einer planen Sitzebene und bei Stühlen mit ungeformter oder höhenverstellbarer Rückenlehne verwendet werden. Hinzukommt, dass das Sitzen auf jedem Stuhl, also auch auf einem nach vorn abschüssigen Sitz, nur durch das bewusste Einnehmen einer günstigen Sitzhaltung durch den Sitzenden gewährleistet wird.

 

Die mythologische Bedeutung eines Stuhls kommt am sinnfälligsten in seiner Rückenlehne zum Ausdruck. Der König saß nicht angelehnt. Die Thronrückenlehne symbolisiert Absicherung, Berufung und Auserwähltheit vom Rücken her: Im alten Ägypten stand der Priester bei der Zeremonie zur Inthronisation hinter dem einzusetzenden Pharao. Er legte die Arme an die Schultern des Thronfolgers und berief ihn in sein Amt. Der Priester war Stellvertreter des falkengestaltigen Gottes Horus, zu dem der Pharao in der Inthronisation wird. Die Rückenlehne steht für Horus, für Schutz und für die Berufungsinstanz. Die Lehnenhöhe ist ein signifikantes Kennzeichen zur Unterscheidung eines Chefsessels von anderen Stühlen. Die Stühle eines Unternehmens werden der Qualität und dem Bild des Chefsessels untergeordnet. Die meist den Kopf des Sitzenden überragende Rückenlehne bleibt Vorrecht der Chefs. Helfershelfer für die Rückenlehne gewöhnlicher Stühle versuchen, den Wert des Stuhles optisch zu heben. Die Kompensation wird entweder offen als Steigerung von Mehrwert und Prestige ausgesprochen oder als Komfort (Rückenwohlsitz) getarnt.

 

Armlehnen werden immer stärker als Armstütze in die Arbeit am Bildschirm einbezogen und dabei variabel verstellbar ausgestattet. Für sie aber sind Helfershelfer meist Polsterungen für Sitze, die außerhalb des beruflichen Bereichs verwendet werden. Da Armlehnen sehr unterschiedliche Formen aufweisen können, müssen ihre Helfershelfer anpassbar sein, wie Textilien, die über die Lehne gezogen oder um die Lehne gewickelt werden und den Eindruck vermitteln, der Stuhl sei verletzt und müsse bandagiert werden.

 

Besondere Anforderungen werden an Sitze in Automobilen gestellt. Autos sind fahrende Stühle. High-Tech-Sessel. Beinlose Sitze, mannigfach verstellbar und so gestaltet, dass sie in Kurvenfahrten und beim Bremsen höchstmöglichen Halt bieten. Neben speziell geformten Sicherheitsgurten für Kinder und Schwangere gibt es eine große Zahl von Helfershelfern, die sich freudig an der völligen Bewegungslosigkeit des Autofahrers und der Insassen abarbeiten. Sitzerhöhungen, Rückenkissen, Ledersitzauflagen, Autositztaschen oder Kindersitze für den Rücksitz. Autositztaschen versorgen die Reisenden mit notwendigen Reiseutensilien. Durch Metallbügel über die Rückenlehne gehängt oder mit Druckknöpfen an den Nackenstützen befestigt, sollen sie Ordnung im Fahrzeug schaffen und einen raschen Zugriff auf Proviant, Autokarten, Spielzeug und Zeitschriften ermöglichen. Taxifahrer und andere Vielreisende verwenden als Auflage für den Sitz eine Matte aus Holzkugeln gegen die Beschwerden langen Sitzens. Die Sitzenden verzichten auf die Bequemlichkeit einer geschmeidigen Sitzpolsterung, da die Massagewirkung und die gute Luftzirkulation infolge der Abstände zwischen den beweglich gelagerten Kugeln die Durchblutung fördern und die Rückenmuskulatur elastisch halten.

 

Der Mensch wird um so stärker vom Sitzen abhängig, je länger er sitzt. Die Last, aufstehen zu müssen, wächst. Deshalb stellen Helfershelfer dem Sitzenden alle Güter, die er in einer Arbeitseinheit oder an einem Fernsehabend benötigt, vom Sitz aus, ohne aufstehen zu müssen, in Griffweite zur Verfügung. Der TV-Bello, ein wie die Autositztasche über die Rückenlehne gehängtes textiles Behältnis, bietet Fächer für Programm-Zeitschriften, für die Brille, die Fernbedienung und andere Geräte. Der Stuhlbutler ist ein Behältnis für denselben Gebrauch außerhalb des Hauses.

 

Können sich Menschen wegen einer Krankheit oder aus Altersgründen nicht mehr selbst von einem Stuhl erheben, gibt es Aufstehhilfen. Der Katapultsitz, eine selbständige Mechanik, die auf jeden Stuhl gestellt werden kann, hebt den Sitzenden nahezu in den Stand. Ein Abstützen von den Armlehnen oder ein Neigen des Körpers nach vorne lösen die Federwirkung zur Aufrichtung aus. Der Helfershelfer nimmt die Angst, sitzen zu bleiben und ohne Kommunikation zu sein. Entsprechende Helfershelfer ermöglichen das Hinsetzen. Weitere Helfershelfer für gebrechliche oder körperbehinderte Menschen sind Badewannensitze, Toilettenerhöhungen, Polster für Toilettenbrillen, orthopädisch geformte Sitzschalen, Duschklappsitze und luftgepolsterte Sitzkissen. Von Kindheit an wächst der Mensch in den Stuhl hinein, bis er mit ihm eins wird. Für alte und gebrechlich gewordene Menschen erfüllen Helfershelfer wichtige Aufgaben.

 

Auch unkonventionelles Sitzmobiliar wie Gymnastikballsitze kommen ohne Helfershelfer nicht aus. Für den Ballsitz gibt es Schalen, die den Ball an einem Ort fixieren. Sie sollen die Kräfte aufhalten, die den Ball durch das Gewicht des Sitzenden in Sitzrichtung drängen, weil sie sonst durch die Fußgelenke aufgefangen werden. Da die Schalen die Kraft nur wenig verringern, haben Konstrukteure den Ball vom Boden abgehoben und in einem Rohrgestell fixiert. Der Ball wird zum Stuhl und verliert wesentliche Merkmale wie Beweglichkeit und Dynamik. Ein aus dem Ball entwickeltes Sitzkonzept ist der Swopper: Den Sitz bildet die größere Fläche eines Kegelstumpfes mit der Wölbung der Oberfläche des Gymnastikballsitzes. Eine gefederte und im Stuhlfuß gelagerte Säule macht den Sitz vertikal und horizontal beweglich. Er verfügt über die Eigenschaften des Gymnastikballsitzes und seiner Helfershelfer und ist zu einem ausgereiften, auf dem Boden stehenden Sitz geworden, der ein bewegtes Sitzen, das Swoppen, erlaubt.

 

Helfershelfer für das Sitzen können auch imaginär sein. Wie gymnastische Übungen, die speziell für Sitzende erdacht sind. In den Übungen wird die in der Bewegungsreduktion festgehaltene Energie an und mit Objekten ausagiert: an Tischen und Autos, auf Stühlen, mit Bierkästen, an Maschinen. Unter Aufsicht werden in Sitzschulen Bewegungsprogramme eingeübt. Imaginäre Helfershelfer zielen direkt auf den Körper und die Folgen der Bewegungslosigkeit im Stuhl. Fachkräften werden Denkflure eingerichtet, für das denkende Wandeln, das an die Peripatetiker erinnert. Der moderne Mensch muss sich bewegen, damit er noch sitzen kann.

 

Stühle, Sessel und Hocker erfuhren in ihrer Geschichte eine große Wandlung. Jahrhundertelang waren sie vierbeinig, gestaltet nach der jeweiligen Stilepoche. Stilistisch bricht der Wiener Caféhaus-Stuhl mit dem klassischen Vorbild, bewahrt aber die Vierbeinigkeit des klassischen Stuhls. Als die ersten Fabrikstühle entstehen, wird die Vierbeinigkeit aufgegeben, um die Sitze in die Mechanik des Arbeitsvorganges integrieren zu können. Die vier Beine werden zu Kufen und Rädern, oder die Stühle bestehen nur noch aus Stuhlsitz und Rückenlehne. Das Bauhaus, das mit dem Mythos der Vierbeinigkeit bricht, sucht den idealen Stuhl von der Seite der Gestaltung her. Anders als sie suchen Ergonomen, ausgehend von den Funktionen, nach Maßgaben, die der Gestaltung zugrunde zu legen sind: Die unterschiedlichen Funktionen finden sich in den einzelnen, selbständig und oft gegeneinander beweglichen Bestandteilen des Stuhls wieder. Moderne Bürostühle sind komplexe Maschinen mit einer Vielzahl von Helfern, deren Funktionen sich nach den Körpermaßen des einzelnen und seiner Tätigkeit einstellen lassen und das Sitzen perfektionieren sollen. Unter der Oberfläche des Stuhls befinden sich Hebel, Stangen, Knöpfe, Rollen, Federn, Motoren.

 

Interpretation und Wirksamkeit des Sitzens unterscheiden die Helfershelfer. Die erste Art besteht aus falschen Helfern der Helfer. Sie täuschen über ihr Wesen hinweg: Sie helfen nicht oder sind schädliche Helfer, da sie Funktionen bestehender Stühle zerstören. Bestenfalls sprechen sie Elemente an, die sich auf den Mythos des Sitzens – auf Herrschaft und Auserwähltheit – beziehen. Sie sind Unfug und bedienen Vorurteile, sind ideologischer Unsinn. Helfershelfer der zweiten Art sind Zwischenglieder und kleine Schritte auf dem Weg zum modernen Stuhl, Fermente des technischen Sitzfortschritts. Als nachträgliche Addition überdecken sie – das Design verletzend – notdürftig den Mangel, werden aber in nachfolgenden Entwicklungsschritten Bestandteil des Stuhls und steigen zu Helfern auf. Im echten Sinn sind Helfershelfer für das Sitzen die Kräfte des eigenen Körpers und zum Gestühl alternative Möbel wie Stehpulte, Klinen, asiatische Sitzkissen, Diamantsitze oder Stehsitze. Da sie durch den Wechsel der Körperhaltung und das Schaffen von Sitzpausen Bewegung fördern und den Menschen entlasten, umgehen sie den Stachel des Sitzens.

 

 

© Hajo Eickhoff 2000

 

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13. Dezember 2017

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