Büro
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aus Mensch & Büro. Das Trendmagazin für den Lebensraum Büro, Heft 7, 8 und 9, 2008.

 

 

Das Tischtuch als Büro

 

 

 

1. Anfänge der Büroarbeit

 

 

Tuch, Tisch und Büro

 

Das Büro leitet sich von einem Stück Tuch ab. Das Tuch – die Burra – liegt auf einem provisorischen Tisch, der aus zwei Böcken mit aufgelegtem Holzbrett besteht, auf dem Mönche in Handarbeit Bücher herstellen. Burra ist der Filzstoff der Mönchskutte, der die Bücher auf dem rissigen Brett schützt.

 

 

Das Büro der Gegenwart

 

Die Arbeit in der klösterlichen Schreibstube dient der Herstellung heiliger Texte und Bücher. Die Arbeit im traditionellen Büro, wie es mit Beginn der Industrie entsteht, dient der Bilanzierung des Handels sowie der Lenkung der Produktion, des Einkaufs, der Verwaltung und des Vertriebs. Die Arbeit im Büro der Gegenwart dient darüber hinaus der Ordnung, Organisation und Verwaltung auch abstrakter und geistiger Erzeugnisse wie Logistik, Arbeitsstrukturen, Design und einer Vielzahl von Projekten. Die Arbeit in der gegenwärtigen Welt ist wesentlich Büroarbeit geworden. Von Büros aus werden Unternehmen geführt, wissenschaftliche Neuerungen entwickelt und politische Ordnungen gelenkt. Auch Lehrerzimmer und Arztpraxen sind Büros geworden, während Flure, Foyers und Cafés spontan zu Büros werden, wenn jemand einen Computer aus der Tasche zieht und zu arbeiten beginnt.

 

Das Kloster

 

Klöster sind Unternehmen. In ihnen hat sich die Idee des Büros entwickelt. Sie sind Produktionsstätten materieller und geistiger Güter, die die antike Kultur durch das Abschreiben und Übersetzen alter Papyrus- und Per­gamentrollen bewahren.

 

Das durch Ordensregeln bestimmte Klosterleben macht das Kloster zu einer einheitlichen Institution und bringt eine Verbindlichkeit hervor, die das Gemeinschaftsleben der Mönche zur Vita communis anregt, die eine frühe Art der Teamarbeit darstellt. Das Kloster wird zentral durch den Vorsteher, den Abt verwaltet. Über ein Büro verfügt er jedoch noch nicht.

 

Da die Klosterinsassen angehalten sind, asketisch zu leben, moralisch zu denken und zu handeln und planvoll zu arbeiten, sind viele Klöster neben Kulturzentren auch wohlhabende Einrichtungen geworden, deren Vorsteher oft mehr Einfluss als Fürsten und Bischöfe genießen.

 

Die Büroelemente Buch, Tisch und Raum

 

Die sachliche Notwendigkeit für die Entstehung des Büros ist das Buch, dessen Herstellung eine Unterlage erfordert. Bücher bilden eine wesentliche Grundlage in der Kulturentwicklung des Abendlandes. Sie sind Kulturspeicher, die das kulturelle Wissen und Können bewahren, pflegen und entwickeln. Die den Pergamentrollen nachfolgende Buchform ist der römische Codex, der sich im dritten nachchristlichen Jahrhundert durchgesetzt hat. Er besteht aus gefalteten, übereinander gelegten und lose zusammengehefteten Pergamentblättern. Gebundene Bücher gibt es erst mit der Entwicklung von Papier im 13. Jahrhundert. Die Mönche schreiben die Texte mit der Hand und schmücken den ersten Buchstaben einer Seiten oder eines Absatzes aus. Die Buchdeckel bestehen aus Holz und sind mit Leder oder Pergament bespannt, die kunstvoll verziert sind.Um den kostbaren Buchumschlag nicht zu beschädigen, kennen die Mönche zwei Methoden: Sie legen zwischen Tisch und Buch die Burra oder schlagen fünf Nägel in die Buchdeckel, um den Kontakt des Umschlags mit dem splitterigen Tischbrett zu vermeiden. Die Nägel sind Teil der Ästhetik des Umschlags.

 

Die Basis für das Büro ist zweifach der Tisch. Zum einen ist seine Erfindung die Geburtsstunde des Büros, zum anderen hat das Büro als Raum und als Bezeichnung eine seltsame Transformation erfahren: Aus der Bezeichnung für den Stoff, die Burra, die auf dem Tisch liegt, wird im 18. Jahrhundert der Name für den Tisch – das Bureau –, und im 19. Jahrhundert wird der Raum, in dem das filzbedeckte Bureau steht, mit Büro bezeichnet. Eine Entwicklung vom Stoff über den Tisch zum Raum.

 

So wird das Tischtuch auf dem Tisch zu dem Ort, an dem Texte und Bücher entstehen und sich in der Weiterentwicklung des Tisches der Raum entwickelt, der zum Büro wird.

 

Bildung, Buchproduktion und Büro

 

Die Buchproduktion erhöht sich, als im 13. Jahrhundert das Bürgertum an politischem Einfluss gewinnt. Der wachsende Handel erfordert mehr Organisation, Korrespondenz und Verwaltung und in neu errichteten Städten entstehen Dom- und Klosterschulen und Universitäten, die die Wissenschaft gleichberechtigt neben den christlichen Glauben stellen. Wissenschaftler, die bis dahin die Glaubensinhalte der heiligen Schriften begründen, entdecken nun die erfahrbare Welt und wenden sich dem Studium der Natur und der Moral, der Biologie und der sinnlichen Erfahrung des Menschen zu. Sie trennen Glaube und Philosophie und entwickeln Methoden und Wissen, die der Technik und der modernen Welt ein Jahrhundert später – der Epoche der Renaissance – zum Durchbruch verhelfen.

 

Aufgrund des gewachsenen Handels und der neuen Bildungseinrichtungen weiten sich Buchproduktion und Schriftverehr aus und bringen den Beruf des Schreibers hervor, durch den Buch und Tisch ein festes Paar bilden, das als Instrument des Lernens, Wissens und Organisierens eine große Wirkung auf die abendländische Kultur ausübt. Mit dem Berufsschreiber entsteht das Bedürfnis nach einem Raumtyp, der als Büro bezeichnet wird und womit das moderne Büro als Idee erfunden ist.

 

Der Beginn des modernen Büros

 

Mit der Renaissance sind viele schreib-, lese- und rechenkundigen Mönche in der Verwaltung der Höfe und bürgerlicher Unternehmen tätig, denn mit dem großen Interesse an der Schule und der Wissenschaft wächst neben den Kommentaren zu den heiligen Texten der Schriftverkehr enorm an, wodurch sich die neue Zeit ankündigte, die das Leben differenziert und ordnet und eine Kultur hervorbringt, in der das Verwalten, Korrespondieren und Archivieren stark zunimmt. So entsteht die Idee für das moderne Büro in der Renaissance, wird als feste Raumform aber erst im Industriezeitalter realisiert.

 

 

 

2. Das moderne Büro

 

 

Vom christlichen Buch zur Büro-Akte

 

 

Das größte Unglück der Menschen rührt

allein daher, dass sie nicht ruhig in einem

Zimmer bleiben können. Blaise Pascal

 

Der Ursprung

 

Das Büro entsteht im Kloster zur Herstellung von Büchern, die das antike Kulturgut bewahren und die christliche Idee verbreiten. Aus diesen klösterlichen Skriptorien, den Kontoren der Hansekaufleute und den mittelalterlichen Kanzleien entwickeln die Bürger in der Renaissance die Idee des modernen Büros. Die Idee festigt sich in der Epoche der Aufklärung, realisiert sich aber erst in der Zeit der Industrialisierung.

 

Ein Kulturumbruch – die Renaissance

 

Die Renaissance ist eine Epoche des Kulturumbruchs. Der Renaissancemensch gewinnt ein neues Lebensgefühl, erneuert sein Denken und Verhalten, modifiziert seinen Glauben, entwickelt neue Lebensformen und entwirft eine neue Gesellschaft. Er definiert sich neu und sucht für sein gewandeltes Leben neue Ausdrucksmittel und für seine Arbeit geeignete Raumformen.

 

Die bürgerliche Arbeitswelt – Handel, Handwerk, Bildung

 

Der Umbruch ist Ausdruck der gewachsenen wirtschaftlichen und politischen Macht des Bürgertums, das in den Städten die herrschende Klasse ist. Bürger begreifen sich als Wesen, die die Welt erkennen und aktiv gestalten. Die Kaufleute machen den Handel international, Handwerker heben die Begrenzungen durch die Zünfte auf und verdichten das Handwerk zur Manufakturarbeit, während Geistesarbeiter Bildungseinrichtungen entwickeln und Handel, Handwerk und Wissenschaft durch die Büroarbeit zu einer produktiven Einheit zusammenfassen. Arbeit und Wissen wachsen zusammen, etablieren neue Berufe und berufliche Einrichtungen und unterwerfen den Menschen einer rationalen Lebensplanung.

 

Idee der Büroarbeit

 

Da der Fernhandel Risiken birgt, entstehen Versicherungen, und da die Projekte größer werden, werden Finanzierungen durch Banken erforderlich. Das moderne Leben macht Planung, Kalkulation, Fremdfinanzierung und Absicherung erforderlich, das zu einem Anwachsen von Gesetzen und Verträgen führt, mit dem Resultat, dass der Papierbedarf und der Schriftverkehr enorm zunehmen – die Ursachen für die Entwicklung des modernen Büros.

 

Papier und Buchdruck beschleunigen die Büroentwicklung

 

Um die neuen Aufgaben bewältigen zu können, haben sich parallel zur Entwicklung der Tätigkeiten neue Werkzeuge und neue Formen des Organisierens und Ordnens ausgebildet. Im 13. Jahrhundert wird die Papierherstellung von den Chinesen übernommen – Schreibgrund sind bis dahin Papyrus und Pergament – und zweihundert Jahre später erfindet Johann Gutenberg den Buchdruck. Der kanadische Medienforscher Marshall McLuhan hat 1968 in seinem Buch Die Gutenberg-Galaxis beschrieben, wie grundlegend die Verwendung von Papier und der Buchdruck die Welt infolge der durch sie beschleunigten Bildung verändert hat. Diese Veränderungen haben in der Renaissance zu neuen Büroaufgaben geführt.

 

Büroarbeit

 

Im Gegensatz zum mittelalterlichen Skriptorium wird im neuen Büro bilanziert und gerechnet, gelesen und kopiert, geplant und gewogen, kalkuliert und archiviert. Neben die alten Arbeitsmittel wie Tinte, Radiergummi, Feder, Pergament oder Papyrus, Farbe, Nagel und Hammer treten Bilanzbuch, Rechenbrett, Waage und Mobiliar.

 

Das provisorische Büro

 

Zwar sind Skriptorium, Hansekontor und mittelalterliche Kanzlei Vorbilder für das moderne Büro, doch geeignete, den Tätigkeiten angepasste Räume gibt es noch nicht, denn auch die drei Vorbilder sind räumlich unspezifisch und er­füllen sehr unterschiedliche Funktionen: Sie können Privatraum, Salon, Schreibstube, Warenlager oder öffentlicher Ort sein. Das ist der Gang der Geschichte: Erst ist die Tätigkeit da, dann entwickeln sich entsprechende Raumstrukturen. Oft findet die moderne Büroarbeit in ihrem Beginn noch auf informellen Plätzen statt – das sind öffentliche Orte wie Markplätze, Theater und Kirchen. Das frühe Büro ist vorübergehend, improvisiert und entsteht dort, wo sich mindestens zwei Menschen zu einem geschäftlichen Gespräch einfinden. Beliebige Orte, ausgestattet mit liniertem Tisch, Rechensteinen und Bank. Alle anderen Anordnungen ergeben sich zufällig aus den Formen der vorhandenen Architektur – wie die Fenstersimse als Ablage.

 

Stehen bei der Arbeit

 

Im Skriptorium standen Mönche ebenso wie Kaufleute im Kontor und Beamte in der Kanzlei. Stehen und Gehen waren die Körperhaltungen bei der Arbeit. Noch bis ins 19. Und 20. Jahrhundert war es üblich, dass den Büros Fachkräfte vorstanden – die Vorsteher. Sie standen am Stehpuhlt, hießen aber auch noch Vorsteher, als sie bereits saßen. Kontor- und Kanzleiarbeit war eine körperlich bewegte Tätigkeit.

 

Der Bürotisch

 

Das moderne Büro ist ein Schnittpunkt sozialer, wissenschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Strebungen. Es bindet den Menschen fest an einen Ort – den Tisch. Ein Ort erhöhter Disziplin, da der Tisch zum zentralen Möbel wird und den Bewegungsdrang des Menschen bremst. Aber Tische erfordern nicht nur Disziplin, sondern disziplinieren auch den Büroarbeiter.

 

Im Zusammenhang mit dem Bilanzieren, Wägen und Rechnen wird aus dem transportablen Rechenbrett und dem Tisch auf zwei Böcken der Kontor-Tisch entwickelt. Den festgefügten Tisch – ein Gestell, dessen Platte fest mit dem Untergestell verbunden ist – gibt es erst seit der Renaissance.

 

Auf dem Tisch spielt sich die gesamte Büroarbeit ab. Auf ihm bilanzieren, kalkulieren und kopieren die Büroarbeiter und auf ihm wiegen sie Münzen. Ebenso dient er als Mitte der Begegnung und als Ort der Vertragsabschlüsse.

 

Der Bürostuhl

 

Auch der Stuhl ist eine Erfindung der Renaissance. Bis dahin sind stuhlartige Objekte Throne. Herrschersitze, die allein Königen gebühren. Später entstehen Bischofsthrone und geweihte Chorgestühle. Mit der Aufwertung der bürgerlichen Klasse nehmen sich die Bürger das Recht, die Haltung thronender Herrscher zu imitierten und die geweihten Sitze zum alltäglichen Mobiliar zu machen und das Sitzen in die Berufswelt einzuführen. Der Thron wandelt sich zum profanen Berufsstuhl.

 

Langfristig entwickelt sich das Büro zum Ort, der den Menschen vom Steher zum Sitzer umwandelt. Idealerweise soll Büroarbeit in einer starren, rationalen und zweimal rechtwinklig abgeknickten Körperhaltung stattfinden. Dass bedeutet, dass Büroarbeit als Tätigkeit gedacht wird, in der der Mensch sich unbeweglich halten und keine Körperkraft verausgaben soll. In der Reduktion der physischen Verausgabung soll sich der sitzende Büroarbeiter auf geistige Vorgänge des Organisierens und Ordnens konzentrieren – auf Rechnen und Lesen, Ordnen, Bilanzieren und Archivieren. Das Sitzen am Tisch erweist sich als größte Produktivkraft, die der Mensch je erfand.

 

Widerstand gegen die Büro-Disziplin

 

Zum modernen Büro gehören geeignete Werkzeuge, Tätigkeiten und Räume. Doch auch Menschen mit der Fähigkeit, die Disziplin der Büroarbeit aufzubringen. Doch der Renaissancemensch ist nur bedingt in der Lage, sich über längere Zeit ohne frische Luft und ausreichende Bewegung an einem Ort aufzuhalten. Die innere Ruhe und Bereitschaft sowie die Disziplin muss er erst erworben: In der Geschichte des Büros kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Bürovorstehern und Büroarbeitern, weil die Angestellten spazieren gehen und sich vorübergehend anderen Dingen widmen. Interessanterweise erzeugt gerade die Büroarbeit die Disziplin, die sie erfordert. Die Fähigkeit, an einem Ort in Ruhe verharren und konzentriert arbeiten zu können muss als eine hohe Kulturleistung des Menschen angesehen werden.

 

Die Struktur des modernen Büros

 

Tisch und Stuhl arrangieren erstmals einen Ort, der von seiner Struktur her geeignet ist, ein Büro entstehen zu lassen. Der Sitzplatz am Tisch ist die Struktur des modernen Büros, denn Tisch und Stuhl haben das Vermögen, einen Raum aufzubauen, der zum gegenwärtigen Büro führt. Das moderne Büro ist das Versammelnde – es versammelt die unterschiedlichen Tätigkeiten des modernen Menschen. Einerseits versammelt es Menschen, andererseits Werkzeuge und Tätigkeiten, die es zu einer produktiven Einheit formt, indem es die Produktivität der Gesellschaft erhöht und Bedingungen für die moderne, technische Welt schafft.

Und es formt den Menschen, der sich an diesem Ort zum Gestalter einer Gesellschaft ausbildet, die schließlich in der Erfolgsgeschichte Europas mündet.

 

 

 

3. Die Gesellschaft als Büro

 

 

Das Industriebüro

 

Das Büro und seine Formen entwickeln sich in Abhängigkeit von der Form produktiver Arbeit. Das Industriebüro ist das erste moderne Büro. Industriearbeit ist Massenfertigung, die sich in Manufakturen vorbereitet und um 1800 mit der Einführung der Dampfmaschine beginnt, die den Produktionsprozess differenziert, mechanisiert und beschleunigt. Industriearbeiter sind dem Rhythmus und der Geschwindigkeit der Maschine und der Rationalisierung aller Produktionsabläufe unterworfen. Die Arbeitsteilung der Industriearbeit führt zur Arbeitsteilung in der Büroarbeit.

 

Die Entstehung des Angestellten

 

Bis dahin heißt Büro Kontor. Kontore sind Räume in Familienhäusern und Kontorarbeiter gehören einer Familie, einer Hauswirtschaft an. Sie sind Familienmitglieder, Arbeitskollegen, Mitbewohner und unterstehen einem Hausherrn. Mit der Industrie werden die Hausgemeinschaften nach und nach aufgelöst, wodurch Kontorarbeiter freigesetzt werden und zu einem Kaufmann in ein Lohnverhältnis treten – nicht in ein Lebensverhältnis. Der Kontorist wird Angestellter.

 

Industriebüros sind nur Büros – keine Orte des Familiären, der Improvisation und keine Warenlager, was sie als Skriptorium, Kanzlei und Kontor waren. Industriebüros entstehen in Fabriken und Mietshäusern und ihre Einrichtung und Struktur folgen den Erfordernissen der Industrie.

 

Die Arbeitsteilung von Industrie- und Büroarbeit erfordert mehrere Büros, zusammengefasst unter dem Dach einer Verwaltung. Die neuen Aufgaben kommen in neuen Büroberufen zum Ausdruck – Kaufmann, Prokurist, Buchhalter, Kassierer, Korrespondent, Schreiber, Kopist, Bürodiener und Lehrling, die ihrer Stellung gemäß ihren Arbeitsplatz erhalten: Raumabschnitte für mittlere Angestellte, Randbezirke für Bürogehilfen und Lehrlinge, gesonderte Bereiche oder komfortable Büros für Büroleiter.

 

Frauen erobern das Büro

 

Mit der Schreibmaschine, die im Jahr 1886 ins Büro eingeführt wird, tritt auch die Frau ins Büro und öffentliche Berufsleben ein. Männer lehnen die Tipparbeit als niedere Tätigkeit ab, was Frauen eine Berufsperspektive jenseits häuslicher Tätigkeit eröffnet. Gewerkschaften, Kirchen und Frauenvereine sind ebenso empört wie Büroarbeiter, denn Arbeit – auch Büroarbeit – ist bis dahin Männersache.

 

Die Frau revolutioniert die Büroarbeit und das Büroleben. Stenographie und die einheitliche Schrift beschleunigen die Büroarbeit und die Frau verändert das soziale Gefüge. Feinere Umgangsformen bilden sich aus und eine neue Kleiderordnung entsteht. Die Frau bewirkt eine Feminisierung des Büros, wandelt die Art, wie sich Männer im Büro aufhalten und macht das Büroleben bunter und abwechslungsreicher. Wird die Arbeit der Frau im Büro zu Beginn diskriminiert, können Unternehmen später ihren Status durch eine Sekretärin im Vorzimmer anheben.

 

Tisch und Stuhl

 

Arbeitspsychologen und Ingenieure entwickeln für das Verwaltungsbüro Methoden zur Bewegungseinsparung am Arbeitsplatz, um Arbeitsabläufe im Büro zu rationalisieren. Sie gliedern die Schreibtischfläche in Felder, als Orte für Arbeitsmaterialien, um einen systematischen Greifraum zu erhalten, denn der Angestellte soll auf dem Stuhl sitzenbleiben und sein Bewegungsradius sich auf den Greifraum beschränken. Hinzukommen Durchschreibevorrichtungen, Rohrpost und Geräte zur Bearbeitung von Karteikarten.

 

Der Stuhl zwingt den Sitzenden in eine rationale Haltung – abgeknickt in zwei rechte Winkel. Der empfohlene Sitz ist der Staffelstuhl, bei dem eine federnde Rücklehne den Rumpf in jeder Sitzposition stützt. Selbst Tätigkeiten, die sich im Gehen und Stehen gut ausführen lassen, sind sitzend auszuüben. So fuhren Angestellte auf rollenden Stühlen an den meterlangen Bilanzbüchern entlang.

 

Das enorme Vermögen des Stuhlsitzens liegt darin, dass der Sitzende in der Begrenzung der Physis die Fähigkeit ausbildet, sich auf innere – ordnende und denkende – Abläufe zu konzentrieren, die Kehrseite ist, dass der Mensch im Sitzen physisch abbaut, emotional spröde wird und der Gefahr ausgesetzt ist, dass er chronische Rückenschmerzen und Bandscheibenvorfälle erleidet und seine menschliche Fähigkeit des aufrechten Gehens durch Haltungsschäden beeinträchtigt wird.

 

Die Büroarbeiterinnen wurden infolge der Tipparbeit und der Bewegungsbegrenzung im Sitzen krank. Sehnenscheidenentzündungen und Muskelverhärtungen in Händen, Armen und Schultern lassen sie nur wenige Jahre an der Schreibmaschine arbeiten. Das zeigt, dass nicht Bewegungseinsparung die Leistung erhöht, sondern dem Menschen angemessene Bewegungsabläufe.

 

Gegen die Unbeweglichkeit der sitzenden Tätigkeit entwickeln Ergonomen und Orthopäden seit der Mitte des 20. Jahrhunderts unterschiedliche Haltekonzepte und leiten daraus verstellbare Tische, Stehsitze, Kniestühle und unterschiedliche Stuhlformen ab. Am Ende ist der drehbare, auf Rollen gelagerte und in allen Positionen verstellbare Sitz Standard für das Büro geworden.

 

Büroformen des 20. Jahrhunderts

 

Die Arbeit beider Geschlechter im Büro wandelt die Büroarbeit und macht sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer attraktiven Tätigkeit. Doch zunächst sind nur drei Prozent der Beschäftigten Büroangestellte, denn Büroarbeit gilt noch als unproduktiv und als Anhängsel der Fertigung.

 

Industriebüros sind mit neuen Werkzeugen ausgestattet – Buchungs- und Schreibmaschine, Diktatphon, Lochkarte, Stuhl, Telefon, Aktenordner. Die Verwaltung besteht aus mehreren kleinen Büros, bis die ersten Bürosäle entstehen – das sind großflächige, analog zum Fabriksaal strukturierte Räume, in denen Fließbänder Akten zu den Arbeitsplätzen transportieren.

 

Die Struktur der Büros hängt von den zu bewältigenden Aufgaben und vom Weltbild der Unternehmer ab. Kleine Büros erlauben ein intensives Arbeiten, hindern aber den Kommunikationsfluss. Großraumbüros, wie sie infolge der Zunahme von Dienstleistungsunternehmen – Versicherungen, Banken, Krankenkassen – seit Mitte des 20. Jahrhunderts entstehen, sind effizient, fördern Kommunikation und schaffen Teamgeist, bedeuten aber auch geringe Konzentrationsmöglichkeit, hohe Geräuschpegel sowie Mangel an individueller Regelung von Licht, Raumklima und Arbeitsplatzgestaltung.

 

Mittlerweile ist an jedes Tun ein Büro gebunden, so dass das 20. Jahrhundert vielfältige Büroformen hervorgebracht hat: Gruppenbüros, Zellenbüros, Zwei- und Mehr-Personenbüros, Großraumbüros. Das Cubical, 1968 von Robert Probst entwickelt, ist ein gleichseitiges, komplett eingerichtetes vier Quadratmeter großes Büro, in dem heute in den USA etwa 70 Prozent aller Angestellten arbeiten.

 

Indem Büroarbeit zu einer gesellschaftlich anerkannten Tätigkeit aufsteigt, kann das Wort Büro – und das englische Pendant Office – zum Begriff für gesellschaftlich relevante Institutionen werden wie Kulturbüro, Oval Office, Politbüro.

 

Digitalisierung und das Büro des 21. Jahrhunderts

 

In den achtziger Jahren kommen mit der Digitalisierung der Arbeit neue Werkzeuge wie Kopierer, Faxgeräte, Computer, Speichermedien und Mobiltelefone ins Büro, und Werkzeuge wie Feder, Tinte und Radiergummi, wie Buchungs- und Schreibmaschine verlieren an Bedeutung. Digitale Programme beherrschen große Datenmengen, führen Kalkulationen durch und erstellen Trends. Die Revolution der Digitalisierung liegt in der Möglichkeit schneller Verarbeitung, enormer Speicherung und in der Konzentration historischer Arbeitsmittel in kleinen Geräten – in Computern.

 

Büroarbeit hat sich zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Tätigkeit geweitet und das Büro zum Vorbild auch für private Räume gemacht. Infolge der Rückwirkung vom Privaten auf die Arbeitswelt will der Mensch Häuslichkeit auch im Büro erleben und seine Arbeitszeit in angenehmer Atmosphäre verbringen. Seitdem gehen viele Menschen bewusster mit Licht, Akustik und der Qualität von Büromöbeln und Büroequipment um. Büroarbeit gilt nicht mehr länger nur als Ordnen, Rechnen und Verwalten, sondern auch als Leben – als Kommunikation und Bildung, als Diskurs und Ambiente.

 

Die Digitalisierung macht das Büro in engsten und informellen Räumen möglich, denn Büroarbeit des 21. Jahrhunderts ist nicht mehr funktional, sondern prozessorientiert, woraus sich Ideen für ambulante Büros, Home-Offices und Business-Center-Büros – Büros auf Zeit – herleiten.

 

Zwar berücksichtigen Bürogestalter immer häufiger den Menschen in seinem Arbeitsumfeld, doch immer noch fehlt der grundlegende Blick auf die Körperhaltung der Angestellten – das Sitzen. Da sich leibliche Vorgänge nur in der Bewegung erhalten, sollte das zukünftige Büro ein Büro der Haltungswechsel sein. Stehen und Sitzen, Stehsitzen und Liegen, Hocken und Gehen – eine Aufgabe des 21. Jahrhunderts, dafür geeignete Strategien und Strukturen zu erfinden.

 

 

© Hajo Eickhoff 2008

 

Hajo Eickhoff

 

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13. Dezember 2017

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