Vortrag in Sao Paulo am 16. September 2015 auf der Konferenz Weisheit. Zur Archäologie eines vergessenen Wissens in Zusammenarbeit mit: Sesc-Sp, Freie Universität Berlin, Goetheinstitut Sao Paulo und Deutsches Wirtschafts-und Inovationshaus (DWIH). Nichtbrasilianische Vorträge wurden simultan übersetzt.

brasilianischer Text

 

 

 

 

Körper der Weisheit

Das kluge Lassen im gemeinsamen Handeln

 

 

 

 

1. Eule und Weisheit

 

Lautlos gleitet sie dahin. Ruhig und schwerelos. Meisterlich. Weit geöffnete Schwingen, der Blick konzentriert. Scheinbar unbeteiligt fokussiert sie ihr Ziel im Dunkel, in dem andere nicht sehen können. Die Eule. Die Begleiterin der Athene. Göttin der Weisheit und der Strategie - eine weise Führung des Heeres. Diese griechische Eule ist der Steinkauz, mit biologischem Namen Athene noctua. Sie ist nicht das weise Tier, denn sie ist weder intelligenter noch klüger als andere Vögel. Sie ist den Griechen lediglich die Erscheinung der Weisheit, da ihre Struktur an das erinnert, was Menschen mit Weisheit verbinden: Eigenschaften der Ruhe und Besonnenheit, der Leichtigkeit und Konzentriertheit, nicht selten des Kauzigen sowie des aufmerksamen Beobachtens.

Der Mensch kann nicht fliegen. Er steht in der Welt. Er ist selbst Welt. Doch während die nichtmenschliche Welt wie Steine, Pflanzen und Vögel nichts von sich, von der Welt weiß, weiß der Mensch von der Welt, denn er hat Bewusstsein, und weiß der Mensch von sich, denn er hat Selbstbewusstsein.

Der Mensch kann sich auf die Welt und auf sich selbst beziehen. Er kann beide beobachten und wahrnehmen. Sein Ich-Sagen-Können ist das Einzigartige des Menschseins, denn davon, dass er ein handelndes Ich ist, hat er Gewissheit.

Von der Außenwelt und von der Innenwelt empfängt das Gehirn Impulse, kommuniziert aber auch mit sich selbst. Aus der internen Kommunikation von Neuronen geht der Selbstbezug des Menschen hervor. Davon kann er jedoch nur wissen. Dagegen kann er die äußere Welt erleben und seine Innenwelt spüren.

In einem Milliarden Jahre währenden Prozess hat die Evolution Wissen und Können über Gesetzmäßigkeiten der belebten Welt gesammelt, verfeinert und in den Genen der immer komplexer werdenden Organismen gespeichert. Sie hat die Lebewesen gut ausgestattet, damit sie ihr biologisch-historisches Wissen für Erhalt und Entwicklung des Lebens nutzen.

So ist der Mensch - durchdrungen von Welt - ein Treffpunkt permanenter äußerer Reize und innerer Impulse, der beide Seiten miteinander verbindet, um Sauerstoff, Blut und Zellen, um Muskeln, Organe und Skelett, um Geist und Seele sowie Verhalten und Handeln zu einer Einheit - zum Menschen - zu formen.[1]

Außenwelt ist Raumwelt. Belebte und unbelebte Natur sowie die vom Menschen geschaffenen Kulturgüter, die den Gesetzen der Physik, der Chemie und der Biologie gehorchen. Außenwelt ist auch Sozialwelt. In ihr begegnen sich die Menschen, deren Kommunikation den Gesetzen der Kultur gehorcht. Innenwelt ist Zeitwelt. In ihr begegnet der Mensch sich selbst und seinen Stimmungen, die aus leiblichen, seelischen und geistigen Vorgängen hervorgehen. Innen bedeutet gestimmte Welt, die der Ordnung der Psyche gehorcht.

Das Gehirn registriert und verarbeitet erheblich mehr, als dem Menschen bewusst wird, da der Verstand nur zu einem kleinen Bereich des Wissens Zugang hat. Autonome Systeme wie At­mung und Blutzir­kulation, wie Verdau­ung, Tiefensensibilität und Herz­schlag funktionieren, ohne ins Bewusstsein zu gelangen.

Weisheit ist eine Möglichkeit, durch Wissen, Erleben und Spüren sowie konsequente Schlüsse dem Menschen auch unbewusste Vorgänge zugänglich zu machen

 

 

2. Öffnung zur Freiheit

 

Denken und Bewusstheit benötigen Spielraum. Freiraum und Zeit. Denn wo auf einen Reiz immer nur dieselbe Reaktion folgt, gibt es weder Denken noch Weisheit. Sinn und Vorteil der Instinkte sind ein automatisiertes, präzises, schnelles Handeln. Die Evolution hat experimentiert und zwischen Reiz und Reaktion eine Möglichkeit eingefügt. Die Möglichkeit, die Reaktion auf einen Reiz zu verzögern. Entstanden ist ein Zeitraum. Ein Möglichkeitsraum, ein symbolischer Raum. Ein Denkraum, in dem sich eine rege Betriebsamkeit entwickelt hat: Nachdenken, Entscheiden, Handlungen verwerfen, Handlungen vorbereiten, Tagträumen.

Zwischen Reiz und Reaktion ist die Freiheit des Menschen erwacht. Hier hat sich die Bewusstwerdung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vollzogen. Einen Teil der Instinkte hat die Evolution im Menschen zu Gespür und Denken differenziert. Mit der Bewusstwerdung kann sich nun eine zweite Verzögerung der Reaktion auf Reize aufbauen, die nicht evolutiv-physiologisch, sondern kulturell bedingt ist. Mit Erziehung und Tanz, mit Sport, Atemübung und Kontrolle der Sinne kann sich der Mensch kultivieren. Initianden und Schüler werden daraufhin erzogen, das außergewöhnliche Zeitstück zu dehnen. Jede Disziplin wie Schreiben, Kopfrechnen oder Übungen zur Kontrolle der Sinne eignen sich dazu.

Hier kommt Weisheit ins Spiel. Denn es kommt nicht nur darauf an, die Zeitspanne zu vergrößern, sondern die Vergrößerung muss auch angenommen und ausgehalten werden können.

Schon im 13. Jahrhundert schreibt der persische Dichter Rumi, dass es zwischen Reiz und Reaktion einen Raum gibt, und dass nur dort Begegnung, Heilung und Entwicklung stattfinden kann.

Umgekehrt kann eine vorhandene Öffnung von Reiz und Reaktion in bestimmten Situationen wieder geschlossen werden. Etwa wenn bewusste Handlungen zur Gewohnheit werden. Gregory Bateson bemerkt dazu, dass es sich kein Organismus leisten kann, mit Bewusstheit zu tun, was er auch ohne Bewusstheit tun kann.[2] Gewohnheiten können persönliche Angewohnheiten oder gesellschaftliche Reiz-Reaktions-Schemata sein. Sie beschleunigen das Handeln, da sie wie Instinkte wirken: ohne Reflexion, automatisiert, präzise und schnell. Darin liegt ihr Sinn und Vorteil. Aus einer Gewohnheit auszubrechen ist schwierig, doch zur Weisheit gehört das Begreifen, wann Angewohnheiten und Gewohnheiten aufzulösen sind, um beweglich und lebendig zu bleiben.

 

 

3. Aufmerksamkeit - Atmung und Muskulatur

 

Die enorme Produktion von Dingen hat die Welt ökologisch und sozial in einen kritischen Zustand versetzt, der mit geringem Schaden nur noch in weiser Hingabe überwunden werden kann. Dazu gehören zwei Vermögen und ihr enges Zusammenwirken: das (unbewusste) Können des Körpers und das (bewusste) Wissen über das persönliche und gemeinschaftliche Leben. Die Enge dieses Zusammenwirkens haben die Menschen infolge der Nutzung von Technologie und rationaler Lebensführung eingebüßt, eine Einbuße, die sich an der Qualität von Atmung und Muskulatur ablesen lässt.

Gemeinsam formen Atem und Muskel den heranwachsenden Menschen und üben einen starken Einfluss auf Empfinden, Gespür und Wohlbefinden aus. Da der Atem vieler Menschen in hochentwickelten Gesellschaften rasch und flach und die Muskulatur fest und hochtonig ist, haben sich Defizite wie Mangel an Motivation, ungenügendes Urteilsvermögen und das Verfehlen von Gelassenheit eingestellt, die die Abstimmung von Geist und Gespür durch die Sinne behindern und einem weisen Handeln entgegenarbeiten. Wenn Wissen und Gespür getrennt wirken, werden die Sinne stumpf.

In asiatischen Kulturen sind seit zweieinhalbtausend Jahren Atem und Muskulatur Objekte der Achtsamkeit und Elemente einer alten Weisheitstradition wie Bewegungsübungen im Tai Chi des Taoismus, Kontrolle und Lenkung des Atems im indischen Yoga und Atem- und Muskelarbeit in buddhistischen Meditationen - in ihnen wird der Zusammenhang mit dem Gespür erkannt und methodisch in asketischen Übungen genutzt.

Das Wissen um den Atem hat sich in westlichen Kulturen an die Welterkenntnis als Pneuma, Äther und Spiritus, als Seele und Geist, Odem und Hauch gebunden. Die Idee von der Trennung von Seele und Geist vom Körper durch Rene Descartes hat die Dominanz eines rational-naturwissenschaftlichen Denkens befördert, das das Wissen um den Zusammenhang von Atmung und Muskulatur und das Denken in großen Zusammenhängen in den Hintergrund gedrängt hat. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts nehmen Elsa Gindler, Heinrich Jacoby und andere die Beschäftigung mit dem Atem auf und entwickeln sie zu einer modernen Therapie des Spürens. Ihre Arbeit hat Charlotte Selver später Sensory Awareness genannt und als Kultivierung der Wahrnehmungsfähigkeit, Sinnesbewusstheit und Verfeinerung des Spürens definiert, das innere Energien erweckt und hilft, gegenwärtig zu sein [3] - ein Merkmal von Weisheit.

Das Wissen um die Bedeutung der Muskulatur ist in westlichen Kulturen spät entstanden. Hier sind es Mosche Feldenkrais und Friedrich Alexander, die durch eigene Erfahrungen in der Mitte des 20. Jahrhunderts Funktion und Ausübung der Muskeltätigkeit einen direkten Einfluss auf die Bewusstheit hat und mit der Erkenntnis, dass Muskulatur, die nicht gebraucht wird, atrophiert.

Ein entweder Atemtherapie oder Muskelschulung ist kein weiser Schluss. Nur das Praktizieren beider Theorien und Praxisformen bewahrt dem Menschen die Beweglichkeit und aufrichtige Haltung oder gibt sie ihm zurück. Erst in der bewussten Arbeit an den Muskeln und zugleich am Atem lernt der Mensch, in sich hineinzuhorchen, das Gespür zu entwickeln und das eigene Wohlbefinden auszuloten.

 

 

4. Praktische Weisheit

 

Mythen helfen dem Menschen, innezuhalten, in sich hineinzuhorchen und das Leben gemäß des Mythos zu gestalten. Dazu hat jede Kultur ihr Weisheitsbuch. Und damit ihre eigene Weisheit. Aufgeschrieben oder mündlich im Mythos bewahrt wie in den Lebensmaximen des Ptahotep, im Gilgamesch-Epos, in den Upanishaden, im Tao te King, im Weisheitsbuch Salomos, im Havamal der Edda oder in den unnotierten Liedern der australischen Aborigines. Sie alle ziehen eine spezifische, für die Kultur charakteristische Praxis nach sich und machen Weisheit zu einem physisch und geistig stimmigen Phänomen.

In Koans und dem I Ging, im Orakel von Delphi, in Chindogus und Songlines werden Begrenzungen überwunden, die in der Aufgabenstellung mitgedacht werden, aber nicht immer gegeben sind.

Koans sind kurze, paradoxe Meditationsaufgaben. Fragen, die Zen-Meister ihren Schülern stellen. Rätsel, Zauberformeln, Mantras. Ihre Lösung kann nur intuitiv gefunden werden. Der Geist soll zwar zum Denken anregen, aber auch zur Erkenntnis führen, dass die Probleme des Lebens nicht immer mit dem Intellekt zu lösen sind. Die paradoxen Aufgaben führen den Schüler bis an die Grenze seines Denkens. Meister Tao-hsin fragte einen Schüler: „Was weißt du sicher?“ Auch die respektierten Antworten erscheinen nicht logisch: Ein Mönch fragt den Alten Tozan: „Was ist Buddha?“ Die Antwort: „Drei Pfund Flachs.“ Die Weisheit ist hier die Intuition, die Sinn und Unsinn in der Kultur des Buddhismus zu einer großen Erkenntnis und zu einer bedeutenden Praxis - der Erleuchtung - führen können.

Das I Ging ist ein praktisches Weisheitsbuch. Es enthält unbestimmte Texte. Der Suchende stellt eine Frage, wirft Schafgarben in die Luft und zeichnet, je nachdem, wie sie fallen, ein sechszeiliges Schema aus einem geteilten und einem ganzen Strich, das zu einem der unbestimmten Texte führt. Eine Antwort erhält der Suchende dann, wenn er den unbestimmten Text mit seiner konkreten Situation zu verbinden weiß.  Die Weisheit liegt in der Spannung zwischen einem unbestimmten Text und einer bestimmten Interpretation.

Auf die Frage an das Orakel von Delphi spricht die weise Pythia Unverständliches. Ihr Murmeln und ihre Laute müssen erst zu einer Antwort übersetzt und gedeutet werden, die dann zu einer Handlung führen kann. Der Glaube an das Orakel gibt Sicherheit und Kraft - wie die unterlegenen Athener im Persischen Krieg gegen die Perser zeigten, nachdem sie das Orakel dreimal befragt haben –, denn das Murmeln entstammt himmlischen Mächten. Zwischen unverständlichen Worten und einer sinnvollen Deutung liegt die Weisheit.

Ein Chindogu sieht aus wie ein Gebrauchsgegenstand, hat aber Funktionen, die nicht nützlich sind. Es repräsentiert den Geist der Anarchie. Chindogus verweisen auf Unzulänglichkeiten im Alltag und heben sie auf, erzeugen dabei aber so viele neue Unzulänglichkeiten, dass sie selbst überflüssig sind.[4] Sie liefern eine sinnlose Lösung für ein Problem, dass es bis dahin gar nicht gab. Nach dem japanischen Theoretiker des Chindogu, Kenji Kawakami, ist ein Chindogu eine Kritik an der materialistischen Vorstellung der Zivilisation und soll den Menschen zeigen, dass sie mit weniger Alltagsdingen freier werden und dass sich aus der Beschäftigung mit Chindogus möglicherweise eine neue Beziehung von Mensch und Gegenstand entwickelt. So haben Chindogus am Ende doch eine Funktion, die im kritischen, humorvollen und weisen Blick auf die vom Menschen geschaffenen Dinge liegt. Allerdings bereiten Chindogus nur demjenigen Freude und machen weise, der sie ernst nimmt.[5]

Die australischen Aborigines orientieren sich im Gelände an Songlines. Die Lieder sind der Landschaft zugeordnet und bilden eine geographische Landkarte, in die Berge, Flüsse, Wälder und Seen wie eine Notation eingeschrieben sind. Hören und Wind, Gehen und Geländeform sowie Lied und kosmische Botschaft sind eins. Das in den Liedern geformte Gespür - das die Kinder früh einüben - ist so fein, dass Lied und Landschaft genau aufeinander passen und die Menschen sicher durch das Gelände führen. Weisheit bedeutet auch Anwesenheit der Sinne. Wirft eines der Kinder einen Ring in die Luft, versuchen andere, Steine hindurchzuwerfen, die anschließend nicht gesucht werden müssen, da jeder weiß, wohin seine Steine geflogen sind. Das Gespür für die weisen Lieder muss immer wieder im Spiel geübt werden, damit die Sinne nahe an die Dinge herangeführt werden können.

Rational dürfen Mythen nicht befestigt werden. Deshalb sind sie allgemein und unbestimmt, denn sie sollen auch unter veränderten Weltverhältnissen verstanden und gedeutet werden können. Ihre Rationalisierung wäre eine Festschreibung auf eine konkrete Zeit und einen konkreten Raum, die sie zur Ideologie festigen und damit unbrauchbar machen würde. Mythen, Rituale, Koans, Songlines oder Orakel würden ihre Allgemeingültigkeit und damit ihre Praxistauglichkeit verlieren.

 

 

5. Die Philosophie

 

Wissen, das für ein angemessenes Handeln benötigt wird, kann erworben werben. Ein guter Einstieg dafür kann das Studium der Philosophie sein. Philosophie und Weisheit wohnt eine Diskrepanz inne: die Diskrepanz von Diskurs und Handlung, von Gedankengang und Handlungshergang. Ein Paradox und eine Differenz, wie die Liebe zur Weisheit - die Philosophie - zeigt. Sie ist eine diskursive Wissenschaft, in der die Philosophierenden nach Erkenntnis und Weisheit streben. Doch würde zur Weisheit auch unmittelbar eine Praxis gehören, wäre durch diese Konkretisierung die Philosophie als „Liebe zur Weisheit“ nicht mehr die geeignete Wissenschaft, nach der Weisheit zu fragen. Da aber auch umgekehrt schöne Ideen, kluge Gedanken oder plausible Theorien als reine Geistphänomene noch keine Weisheit bedeuten, muss die Weisheit dazwischen liegen. Zwischen Diskurs und Handlung, zwischen Leib und Seele, zwischen Unwissenheit und Wissen.

Weisheit heißt sophia, die Liebe zur ihr philosophia. Die Philosophie gliedert sich in zwei unterschiedliche Stränge: in die Geschichte der Philosophen und ihrer Ideen sowie in die Philosophie als das eigene Nachdenken und Fragen, das eigene Untersuchen und Meditieren. Zwei getrennte Bereiche, die sich doch gegenseitig beeinflussen. Um das Fach angemessen ausfüllen und lieben zu können, muss man beide Stränge mögen. Weisheit ist eine Ökologie der Liebe.

Das Fach Philosophie unterliegt einer beständigen Kritik, da sie keine Erkenntnisse produziere und aufgrund ihres Unnutzens, ihrer Praxisferne und Unwissenschaftlichkeit ein Skandal sei. Doch der Skandal ist eine Selbsttäuschung naturwissenschaftlichen Denkens. Wissenschaft beginnt als Philosophie. Die Vorsokratiker fragen nach dem Urstoff der Welt, Pythagoras setzt das philosophische Fragen mit Mathematik und Mystik, Sokrates mit Erziehung und Ethik und Archimedes mit Physik und Astronomie fort. Heutige Disziplinen waren einmal philosophische Disziplinen. Hatte sich eine Wissenschaft so stark differenziert und entwickelt, dass sie für die Philosophie zu speziell und zu umfangreich wurde, begründete sich eine neue Disziplin, die fortan eigene Theorien, Methoden und Kurrikula formuliert. So sind die Einzelwissenschaften aus Erkenntnissen der Philosophie hervorgegangen.

Da Philosophie eine diskursive Disziplin ist, stellt sich die Fragen nach ihrer Praxistauglichkeit naturgemäß. Das ist die Frage nach ihrer gemeinschaftlichen Relevanz und letztlich danach, ob es logische und plausible Verbindungen zwischen Diskurs und Praxis gibt.

 

 

6. Klugheit

 

Eine Brücke zwischen Diskurs und Praxis im Hinblick auf Philosophie, Weisheit und angemessenem Handeln bildet die Klugheit - ein kognitives Vermögen und die Fähigkeit, Situationen gut einzuschätzen. Sie bedeutet ebenso Aufmerksamkeit und Wachheit, aber nicht Cleverness, denn kluge Entscheidungen werden auch nach moralischen Kriterien getroffen.

Die Griechen der Antike bringen in der Klugheit die beiden Elemente Vernunft und Sinne zusammen, indem sie für die Mitte des Menschen den Begriff phren (phronein: bei Sinnen sein und Erkenntnis haben) verwenden, womit die oberen - cognitiven - und die unteren - sensitiven - Fähigkeiten gemeint sind. Phronesis bedeutet Klugheit, weshalb sie sie zugleich als geistige und leibliche Intelligenz auffassen.[6]

Für Platon ist Klugheit eine der vier Kardinaltugenden, der er die Elemente Bedächtigkeit, Selbsterkenntnis, Besonnenheit und Erkenntnis zuordnet, während Aristoteles in der Klugheit eine Verstandestugend, ein moralisch-praktisches Urteilsvermögen sieht: Klugheit sucht das gute Leben im Kontext eines Ganzen. Sie ist das Optimum eines praktischen Handelns und damit eine Fähigkeit zur Selbstorientierung.

Klugheit kann sich auf ein einzelnes Ereignis ebenso wie auf eine allgemeine Situation beziehen. Der kluge Mensch geht mit sich in einer Situation zu Rate: er wägt ab, nimmt die Besonderheit der Situation wahr und trifft nach ihr die Entscheidung für sein Handeln. Macht er alles richtig, hat er sich klug verhalten. Er muss aber nicht in der Lage sein, in allen möglichen Lebenssituationen klug zu handeln. Denn Klugheit bezieht sich auf einzelne Lebenssituationen, nicht auf das Ganze des Seins - das fällt in den Bereich der Weisheit. Klugheit geht in der gegebenen Situation auf, schafft aber keine Metaebene wie die Weisheit, die sich auch auf das Führen eines guten Lebens bezieht. So lässt sich Klugheit immerhin als eine Hinwendung zur Weisheit definieren, als eine Anspielung auf sie oder als praktische Weisheit mit einem Wissen auch um allgemeine Grundsätze, das in einer konkreten Situation entfaltet wird.

Ein Satz zwischen Klugheit und Weisheit lautet: „Wenn du den Teich trocken legen willst, darfst du nicht die Frösche fragen.“ Eine wunderbare allgemeingültige Metapher, doch eher eine kluge, auf das praktische Leben bezogene Einsicht und die Basis für erfolgreiches Handeln.

 

 

7. Weisheit

 

Die grundlegende Haltung der Weisheit ist Verantwortung ohne Moral. Darin liegt ihr großes Potenzial. Sie bewertet nicht. Erteilt keine Zensuren und enthält sich der Gebote wie der Verbote. Deshalb kommt Weisheit ohne Ideologie, Religion, Partei und Weltanschauung aus. Sie kann von Menschen aller Kulturen, Religionen und Weltbilder verstanden werden - vorausgesetzt, sie haben eine Affinität zur Weisheit.

Weisheit ist ein tiefes Verständnis vom persönlichen Leben des Menschen. Sie handelt von seinen Träumen und Bedürfnissen, von seiner Kulturverbundenheit sowie von Angst vor Verlust und Tod. Zugleich ist Weisheit ein tiefes Verständnis vom unpersönlichen, allgemeinen Weltgeschehen. Insofern handelt Weisheit vom Ursprung, Werden, Sinn und Ende des Lebens.

Meisterlich versteht der Weise die eigene und die weltliche Natur. Dass beide Bereiche ohne Moral funktionieren, bedeutet, dass er den Sitten und Bräuchen einer Kultur nicht folgen muss. Er ist, wie Laotse sagt, ohne Regel.

Weisheit ist Einfachheit. Der klare und klärende Blick auf den Kern eines Phänomens ist der Blick des Weisen - hindurch durch Objekte, Situationen und Verhaltensformen. Im Blick hat er das archaische Wissen und Können des Menschen, das durch alle Komplexität und Widrigkeit der Zeit gültig geblieben ist: das Bedürfnis nach Sicherheit, Kommunikation, Spiritualität und Liebe.

Weisheit ist Ordnung. Eine Struktur wie Musik. Ein Vierklang aus Erfahrung und Verstand, Sozialität und Gespür. Sie braucht drei Elemente: den Weisen, die Weisheit und den, der die Weisheit wahrnimmt. Ohne Empfänger keine Weisheit. Der weise Satz des Konfuzius‘ „Es ist gefährlich, einen Abgrund in zwei Sätzen zu überspringen“ handelt von einer unmöglichen Ordnung, denn ein Abgrund und zwei Sprünge passen nicht zusammen. Der Satz zeichnet ein Bild, das eine allgemeingültige Wahrheit ausdrückt: Abgrund und Sprung sind Worte mit variabler Bedeutung und betreffen das ganze des Daseins. Die Aussage lautet: Handle im Einklang mit der Ordnung der Natur. Nur dann ist Handeln angemessen und weise.

Weisheit ist Reife. Wenn die körperlichen, geistigen und emotionalen Kräfte gut ausgebildet sind, können sie den Menschen durch Wissen und Empathie, durch Disziplin und Achtsamkeit, durch wache Sinne, ein feines Gespür und Übungen des Geistes zu Verantwortung und Weisheit führen. Deshalb ist ein „junger Weiser“ ein Widerspruch. Er würde sich in der Vielfalt der Vierklänge verlieren. Der weise Meng Tzu dagegen reduziert die Vielfalt und sagt: „Es ist möglich, als großer Mensch zu handeln.“ Der Satz zeigt eine hohe Treffsicherheit. Hieße es „… als guter Mensch zu handeln“, wäre die Aussage moralisch und banal. Wir wissen nicht präzise, was das Wort groß im Kontext der Aussage bedeutet, aber wir verstehen die Bedeutung der Aussage sehr genau. Es ist gerade die Vagheit des Wortes groß, das die Formulierung von Meng Tzu zu einer weisen Aussage macht. So ist Weisheit eine Haltung, die Möglichkeiten erfasst, Aussagen trifft, Handlungen andeutet und vage zielt, um dann eindeutig und sicher zu treffen. Ohne ihre Vagheit gälte ein Satz nur eine Zeitlang als Weisheit.

Weisheit zielt immer auf ein Gut. Insbesondere auf das Wohlbefinden des Menschen und das Wohl der Gemeinschaft. Daher ist Weisheit ein Phänomen der Ethik - jedoch ohne Regel und Gebot. Ein Gut ist Berührung. Und Weisheit berührt. Wenn der Mensch berührt wird - von einer Melodie, einem Geruch oder einer weisen Aussage –, wird er von einem fremden Wesen getroffen, das sein eigenes Wesen berührt. Es entsteht eine Resonanz zwischen Wesen und Wesen. Wenn der Mensch berührt wird, befindet er sich wohl, fühlt sich herausgehoben aus dem Alltag und wird für einen Moment eins mit der Welt.

Weisheiten offenbaren sich in Gedanken und Bildern, in Haltungen und Handlungen. Sie können anregen, hilfreich sein und motivieren. Offenbar werden sie an Grenzen: im Erkennen der Anfälligkeit des Menschen für Irrtum und Täuschung, in der Fähigkeit, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen und in präzisen Urteilen Alternativen anzubieten. Daher bedarf Weisheit des Wissens, des Gespürs und folgerichtiger Schlüsse. Doch trotz der damit gegebenen Selbstkritik ist es weise, die eigene Widerstandskraft zu pflegen, da sie das eigene Wohlbefinden erhöht, das eine gute Basis für das verantwortliche Verhalten gegenüber anderen darstellt.

Potenziell ist jeder Mensch weise. Jede lebende Zelle ist aus einer lebenden Zelle hervorgegangen, die einer lebenden Zelle entstammt, die sich wiederum von einer lebenden Zelle herleitet. Und so fort. Daher ist jede lebende Zelle des Menschen auf eine der ersten lebenden Zellen zurückzuführen. Die Einzeller haben 2,7 Milliarden Jahre gebraucht, um zu lernen, wie sie sich zu Mehrzellern verbinden. Danach ging alles sehr schnell. Erst verbinden sich wenige Zellen, doch dann sind sie in der Lage, sich zu Millionen und Billionen Zellen zusammenzuschließen. Das bedeutet: zu kooperieren. Da jede dieser Zelle ihre eigene Genstruktur hat und selbständig arbeitet, müssen die Billionen selbständiger Zellen wie ein sozialer Verband kommunizieren,[7] um das hochkomplexe System Mensch zu bilden. Wie jede Zelle ihre Erfahrung speichert und weitergibt, so speichert auch die Gesamtheit der Zellen ihre Erfahrung und gibt sie weiter. So kann Bruce Lipton sagen, dass der Mensch „eine kooperative Gemeinschaft von 50 Billionen einzelligen Mitgliedern ist.“[8] Daher kann der Mensch nie ein Unwissender sein. Sokrates‘ „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ und Montaignes lapidares „Was weiß ich?“ sind deshalb lediglich rhetorische Formeln, denn beide wissen viel. Und auch das wissen sie. Der Mensch kann nicht alles wissen, aber er kann auch nicht nichts wissen. In Lebewesen ruht, tief verankert, ungeweckte Weisheit, die nur der Mensch wecken und bewusst machen kann.

Weises Handeln ist durch Begrenzungen motiviert. Durch Krankheit, starke Gefühle wie Angst und Furcht sowie durch Fremdes. Grenzen sind Herausforderungen, von denen die größte der Tod ist. Er erscheint als Grenze, Schwelle und Abschied. Doch er ist Illusion und Ambivalenz. Um das Leben zu verstehen, muss das Sterben ins Leben hereingeholt werden, „muss man das Leben und das Sterben leben“[9] und Seite an Seite mit dem Tod sein. Weises Handeln scheut weder Grenzen noch Abschiede, noch versucht es, vor dem Tod davonzulaufen. Umgekehrt ist der Mensch über den Tod hinaus und bleibt vielfältig erhalten. Er verliert seine Einheit, lebt aber biologisch und kulturell fort in Nachkommen, in Werken der Kunst oder der Wissenschaft, in Taten der Politik oder in Erfindungen, im Gedächtnis anderer Menschen oder in dinglichen Spuren wie zerschlagenen Steinen, hinterlassenem Müll oder betretenen Wegen. Das relativiert den Tod nicht, da die Einheit - der ganze Mensch - der Referenzpunkt für andere ist. Daher ist die wirklich große Herausforderung das Sterben und der Tod anderer - nahestehender - Menschen. Ihr Hinscheiden und ihr Abschied. Deshalb ist es weise, den Umgang mit dem Abschied zu lernen - die die Fähigkeit des Loszulassens erfordert

 

 

8. Weisheit und Gespür

 

Weisheit ist im Gespür verankert. Es ist das Gedächtnis der ganzen Kette der Wirbeltiere, beginnt aber bereits auf der Mikroebene, den Zellen, ausgestattet mit Energie und enormen Fertigkeiten. Bereits Einzeller wie Amöben verfügen über eine Art Gespür. Wenn auch in rudimentärer Form als Reflex. Ihr Spüren beginnt als Suchbewegung - als Suchen nach Nahrung und nach Fluchtwegen. Amöben jagen Amöben und verleiben sie sich ein. Ihr Streben und Fliehen verweist auf ein Unterscheidungsvermögen: Das Erkennen eines anderen Einzellers. Als ob die Jäger-Amöbe ein Verständnis von sich und zugleich von der Flucht-Amöbe hat. Unter dem Mikroskop kann eine etwa zehnminütige Jagd verfolgt werden. Die fliehende Amöbe erzeugt eine Spur, der die andere Amöbe folgt. Das Wahrnehmen dieser gelegten Spur ist das erste Spüren. Das Gespür. Der Erfolg der einen Amöbe als auch der Misserfolg der anderen gehen in ihre evolutive Weiterentwicklung ein. Bei höher entwickelten Tieren nennen wir die höher entwickelten Formen des Spürens Schnüffeln, Wittern, Schnuppern, Riechen oder Ahnen. Eine physiologische Steuerung, die erst mit einer besonderen Zelle - der Nervenzelle - ein Stück Intelligenz ins Leben herein.

   Für den Menschen bedeutet Gespür Feingefühl. Intuition, Ahnung und Instinkt, Sensibilität und Bauchgefühl, Empfindsamkeit und Spontaneität, Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl. Es ist weder lokalisierbar noch messbar, da es aus einem Ganzen folgt - aus einem Integral aller Gedanken, Erinnerungen und Sinneswahrnehmungen. Das macht das Gespür zu einem Meta-Sinnesorgan.

Dem Menschen sagt das Gespür, wann der Verstand die Kontrolle aufgeben muss. Das Gespür ist nicht irrational, sondern infolge seiner evolutiven Erfahrung und Abspeicherung zuverlässig und sicher. Als Bewa hrungsort und Gedächtnis der gesammelten Erfahrung macht es jeden Menschen potenziell zu einem Wissenden. Beim Menschen teilen sich Gespür und Wissen die Arbeit bei der Jagd nach Nahrung, beim Erspüren von Gefahr und bei der Suche nach einem angemessenen Leben.

 

 

9. Spuren und weise Wege

 

Klugheit, Philosophie und Weisheit brauchen ideelle Spuren und Wege. Das sind Methoden. Methoden als Nachgang von bereits begangenen Wegen, was meta (nach) und hodos (Weg) zum Ausdruck bringen. Die technisch geprägte Welt verschüttet solche Wege und Spuren oder macht sie unsichtbar. 

Infolge ihrer Fixierung auf Raum, Zeit und Messbarkeit sowie ihr Absehen von den Befindlichkeiten des Menschen bringen Naturwissenschaften keine Weisheiten hervor, da die Beschäftigung mit der Existenz des Menschen keine verifizierbaren Daten liefert. Die gegenwärtige Weltlage ist eine offene Krise, die nach weisen Entscheidungen ruft. In dieser Zeit fortgeschrittener Globalisierung kommen sich fremde Kulturen durch Handel, Sport, Wissenschaft, Migration und Tourismus sehr nahe, und müssen durch Flüchtlingsströme oft unfreiwillig eng zusammenrücken, ohne sich mit Selbstverständlichkeit tolerieren zu können. Da als Folge von Technologie und aufgrund der Ökonomisierung aller Lebensbereiche das gute Sensorium des Menschen zur Beurteilung seiner Lage begrenzt und damit die gute Abstimmung von Geist und Gefühl mit den Sinne eingeschränkt ist, wird ein weises Operieren von Individuen und Unternehmen, von Politik, Kunst und Wissenschaft erforderlich.

Als Individuum muss sich der Mensch, um sich erfolgreich an der Bewältigung der Krise zu beteiligen, weise Entscheidungen treffen und klug handeln können. Er muss lernen, das Fremde, das ihm bedrohlich nahe kommt, anzunehmen. Wer Ressentiments pflegt, zürnt, hasst, neidet oder verachtet kann nicht weise handeln. Und dazu gehört eine gute Widerstandskraft - die Resilienz.

Weise Unternehmen arbeiten mit dem Prinzip der Compliance - das ist die unternehmerische Resilienz. Sie dient der Sicherung und dem Ansehen des Unternehmens durch weises unternehmerisches Handeln - das sind die redliche Führung von Unternehmen und der gute Umgang der Mitarbeiter miteinander. In meiner Unternehmen beratenden Tätigkeit versuchen wir, das Einrichten eines fairen und friedlichen Handelns anzuregen. Dabei beschäftigen wir uns nur mit dem, was nicht in den Bilanzbüchern vorkommt. Wenn Unternehmen sich darauf einlassen, entwickelt sie ein weises Handeln, dass die ökonomische Arbeit in ein ökologisches Handeln umwandelt.

In der Politik ist Weisheit das Motiv, die Welt friedlich zusammenzuschließen. Da das Individuum die kleinste Zelle der Gemeinschaft ist, ist es mitverantwortlich für die gemeinschaftliche Zusammenarbeit. Dabei geht es um ein Management der Grenzen unserer Handlungsmöglichkeiten. Politisches Handeln ist auch immer ein Wagnis von Freiheit und Grenze, von Bestimmen und Lassen zum Wohl des Einzelnen wie des Ganzen. Wie es ein Volksstamm in den Anden praktiziert. Wenn ein Stammesmitglied stiehlt oder einen Mord begeht, hocken sich alle um den Täter herum und bitten ihn, mitzuteilen, was der Stamm dazu beigetragen hat, dass er eine solche Tat begehen konnte. Hier wird das weise Handeln einer gewaltfreien Kommunikation sichtbar, die zuerst fragt, was ich tun kann unter der Prämisse, dass ich mich selbst in der Kommunikation so wichtig und ernst nehme wie Kommunikationspartner. In der gewaltfreien Kommunikation ebenso wie im weisen, philosophischen Handeln nimmt jeder Beteiligte die Verantwortung für das Verhalten in die eigene Hand.

Die politisch organisierten Hilfsorganisationen wie die UNESCO arbeiten bereits in dieser Richtung. Alles was zur Weisheit gehört, steckt in ihrem Namen - E für Education, S für Science und C für Culture. Das gilt auch für non-profit-Organisationen wie Fundaec und Club of Budapest, für Personen wie Ashok Khosla und Rodrigo Baggio, für Netzwerke wie TED und Utopia, für Verbrauchernetzwerke wie Lohas und Slow Food und Sozialunternehmen wie Aravind Eye Hospital und Riders for Health.

Der Kunst kommt für ein weises Handeln eine besondere Bedeutung zu, weil sie ohne Begriffe arbeitet, sondern in Bildern wie in der bildenden Kunst, oder in Metaphern wie in der Literatur. In dem Sinne formuliert Ossip Mandelstam: „Die größte Auszeichnung eines Künstler ist es, jene zur Tätigkeit zu veranlassen, die anders denken und fühlen als er.“[10] Kunst unterliegt weder dem Zwang noch hat sie die Möglichkeit, die geordnete, messbare Welt abzubilden. Ohne dass sie deshalb aufgeben müsste, Interessantes und Wahres über die Welt mitzuteilen. Sie kann thematisieren, was sich der Sprache, der Präzision, der Dinglichkeit und der Logik entzieht, so dass sie hinter den Kulissen der gegenständlichen Welt andere Welten entdecken und zeigen oder erfinden kann. Kunst ist die weise Darstellung einer gespürten Welt.

Die Wissenschaften Psychologie und Medizin, Pädagogik, Philosophie, Geschichte und andere haben weise Wege wie Ambiguitäts-Toleranz, Gewaltfreie Kommunikation, Negative Capability, Salutogenese oder Unsicherheitsabsorption entwickelt. Ihnen ist gemeinsam, dass sie die Fähigkeiten der Sorge der Menschen füreinander aufgreifen, ohne die negativen Aspekte zu vernachlässigen. Das Maslow’sche Bedürfnis-Schema zeigt gut, worum es bei der Sorge um mich und um den anderen geht: um die physischen, emotionalen und geistigen Bedürfnisse. Sie erscheinen ganz einfach und selbstverständlich und sind von Anbeginn an der Motor für die Gemeinschaft und ihre Regeln. Die weise Wissenschaft führt uns auf den Pfad der Einfachheit zurück. Wie die phänomenologische Epoché von Edmund Husserl, nach der Urteile so lange zu vermeiden sind, bis eine Sache bewiesen ist, oder die Unsicherheitsabsorption von Niklas Luhmann, nach der Entscheidungen so zu treffen sind, dass weitere Entscheidungen möglich sind.

 

 

10. Mythos und Weisheit

 

Die moderne Welt verstellt dem Menschen vielfältig die eigene Weisheit. Einerseits ganz real, indem die Technik und die rationale Lebensführung den Menschen von seinen spontanen Steuerungselementen, den Sinnen, fernhält, andererseits, indem die Rationalität als das alleinige Paradigma für Wissen und Wahrheit angesehen wird. Allerdings ahnt der Mensch, dass er ohne seine Sinne, Intuition und Gespür - deren Wichtigkeit ihm das Leben immer wieder zeigt - keine Entscheidung für eine kluge und weise Lebensführung treffen kann, da sie auch an die rege Arbeit der Sinne und das spontane Handeln gebunden sind. Arbeit an der Weisheit kann bedeuten, sich mit den Mythen zu beschäftigen, um zu erkennen, dass sie weder Phantasterei waren noch sind, sondern vormoderne Formen eines Wissens.

Allerdings unterliegen Wissen und Weisheit in den Mythen der Geschichte. Sie bestehen über lange Zeiten hinweg, müssen aber nicht ewig gelten. Wenn wir der Geschichte folgen und Mythen auf ihre historische Zeit beziehen, verstehen wir auch die in ihnen liegenden Wahrheiten, auch wenn sie ihre Gültigkeit eingebüßt haben. Mythen gehen immer auf das Ganze. Zeiten, in denen der Mensch wesentlich von Natur umgeben ist, bedürfen anderer Wahrheiten als die moderne, von Dingen und Apparaten verstellte Welt. Auch die Weltkrise erfordert den Blick auf das Ganze des Seins und des Menschen - wie der Mythos. So wie Immanuel Kant bereits vor 250 Jahren vom Weltbürger und vom Ewigen Frieden gesprochen hat. Der weise Blick auf die Welt formuliert heute eine Ethik, die nicht nur für eine, die jeweils eigene Kultur gilt, sondern eine Ethik für alle Menschen. Die weise Ethik nimmt den einzelnen in eine weise formulierte Pflicht und legt ihm eine globale Ethik nahe, eine Weltethik, damit er Naturstoff - Erde und Luft, Pflanzen und Tiere, Menschen und seine Kulturprodukte - schützt, denn die Erde ist das einzige, was wir haben.

Weisheit ist ein Paradox. Ist weder Gedanke noch Handlung, weder Gefühl noch Ratio, weder Unsicherheit noch Gewissheit, sondern ein katalytisches Prinzip, das zwei gegensätzliche Pole durch seine Anwesenheit verbindet, ohne sich aufzulösen. So wie Katalysatoren nicht eingreifen, sondern geschehen lassen, so sagt Epiktet: „Verlange nicht, dass das, was geschieht, so geschieht, wie du es wünschst, sondern wünsche, dass es so geschieht, wie es geschieht, und dein Leben wird heiter dahinströmen.“[11] Weisheit ist engagierte und zugleich gelassene Übersicht, so wie Astronauten, die von der Erdumlaufbahn aus auf die Erde blicken und tief bewegt ein friedliches Bild von der Erde erhalten. Das Erscheinen dieser gelassenen Friedlichkeit als Ansporn zu nehmen und für ein friedliches Miteinander aller Menschen zu nutzen - wäre weise. So ließe sich Weisheit definieren als eine Idee über die Verbesserung der Welt ohne Weltverbesserer.

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Vgl. Eickhoff, Hajo, Tragweite des Gespürs. Das Gedächtnis der Menschheit, S. 25ff, in: Schulze, Holger (Hrsg.), Gespür - Empfindung - Kleine Wahrnehmungen. Klanganthropologische Studien, Bielefeld 2012

[2] Vgl. Gregory Bateson, Ökologie des Geistes, S. 201, Frankfurt/ M. 1983

[3] Vgl. Eickhoff, Hajo, a.a.O., S. 27

[4] Vgl. Kawakami, Kenji (Hrsg.), Chindogu. 99 (un)sinnige Erfindungen, Vorwort des Verlages, Köln 1997

[5] Derselbe, a.a.O., Vorwort des Herausgebers

[6] Vgl. Schmid, Wilhelm, Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, S. 221, Frankfurt/ M. 1998

[7] Vgl. Lipton, Bruce H., Intelligente Zellen. Wie Erfahrungen unsere Gene steuern, S. 39f, Burgrein 2007

[8] Lipton, Bruce H., a.a.<o., S. 26
[9] Krishnamurti, Jiddu, Aus dem Schatten in den Frieden. S. 65, Berlin 1987

[10] Mandelstam, Ossip, Die Reise nach Armenien, S. 7, Frankfurt/ M. 1983

[11] Epiktet, Handbüchlein der Moral, S. 15, Stuttgart 2004

 

 

 

© Hajo Eickhoff 2015

 

 

Hajo Eickhoff

 

Duisburger Straße 13

10707 Berlin

hajoeickhoff @ versanet.de

 

 

13. Dezember 2017

Druckversion Druckversion | Sitemap
© HAJO EICKHOFF