Historische Anthropologie 14.2. – 16.3. 2019

Clubhaus der FU Berlin

Goethestraße 50

 

 Vortrag am 14.02. 2019

 

 

 

Das ewige Sprechen vom

Neuen Menschen und sein Sinn

 

 

 

 

 

1. Die Geschichte des Sprechens vom Neuen Menschen

 

2. Götter und Science Fiction 

 

3. Globalität

 

4. Algorithmen und Künstliche Intelligenz

 

5. Gynoide und Cyborg – Mensch-Maschine-Synthese

 

6. Gentechnologie

 

7. Naturgesetz und Weisheit der Zelle

 

8. Den Menschen groß denken

 

 

 

Das ewige Sprechen vom

Neuen Menschen und sein Sinn

 

 

Das griechische Anthopos, das lateinische Homo, das französische etre human, das englische human being, das italienische Uomo und das deutsche Mensch stehen für den Menschen. Die Frage, ob wir den Menschen neu definieren müssen, unterstellt, dass wir bereits eine alte Definition des Menschen hätten. Das ist nicht der Fall und gerade wir als Historische Anthropologen lehnen eine feste Definition des Menschen ab. Deswegen gebe ich nur ein paar Umschreibungen. Leiblich gehört der Mensch in die Säugetier-Gruppe der Hominiden. Der Daumen steht in Opposition zu den vier Fingern und ist ein ausgezeichnetes Werkzeug, das in der Überkreuzung mit den beiden gehirnhälften das Wachstum des Gehirns enorm gefördert hat. Der Mensch steht aufrecht und hält seinen Kopf von allen Lebewesen, bezogen auf die Struktur seines Leibes, am höchsten zur Sonne: Er steht mit durchgedrückten Knien und mit durch gedrückter Hüfte. Der Mensch hat Religion, Sprache und in vielen Kulturen Schrift. Und er hat Bewusstsein. Bewusstsein von sich, von seiner Endlichkeit, vom Tod und von seiner Geschichtlichkeit. Und der Mensch ist ein Techniker ein Werkzeugmacher. Ich habe gestern von einem wunderbaren Zitat von Manfred Giesler gehört, der in den 80er und 90er Jahren in Berlin das Café Mora betrieben hat, der nicht als Analytiker, sondern als Dichter Über die Künstliche Intelligenz schrieb: „Die Dummheit des Menschen wird der Künstlichen Intelligenz überlegen bleiben.“

 

Da ich nicht über die kleinen Unterschiede sprechen werde wie Manfred Spitze oder Michelle Serres und seinen Däumlingen, sondern über die grundlegenden Veränderungen, wie sie die Künstliche Intelligenz, die Gentechnologie oder die Synthese von Maschine und Mensch hervorbringen, geht es hier um die möglichen Überschreitungen des Menschen hin zum Trans- und Posthumanismus. Daher muss der Mensch noch nicht neu definiert werden. Noch nicht.

 

In den vergangenen 100.000 Jahren hat sich die biologische Struktur nicht geändert. Sind immer noch Jäger und Sammler. Auch im digitalen Zeitalter lebt der Mensch naturhaft. Er lebt von Naturprodukten, die in körpereigene Substanzen umgeformt werden. Dieser Stoffwechsel oder Metabolismus ist zwingend.

 

Technik ist Transformation von Naturstoff durch Hand, Intelligenz und Absicht. Was wir Natur nennen, ist ursprünglich leblos. Ein glühender Stein. Er erkaltet und bringt Leben hervor. Mit dem Menchen mentale Formen wie Kultur, Technik und Bewusstsein. Der Mensch greift hinein in die Natur, entnimmt ihr Stoff und bringt ihn in eine neue Form: Technik ist eine Form der Natur – gewandelt durch Kultur.

 

Was könnte die Technik am Menschen so stark verändern, dass wir meinen, ihn neu definieren zu müssen? Die Antwort geht aus dem Wort Evolution hervor, das entwickeln bedeutet. Und was ein weiterentwickelter Mensch wäre, hängt davon ab, was am Menschen verändert wird: Organe, Muskeln, Sinne, Gehirn oder seine Gesamtverfassung.

 

Auch neue Lebensformen werden durch den neuartigen Technikgebrauch entstehen.

 

 

 

1. Die Geschichte des Sprechens vom Neuen Menschen

 

Hyper anthropos, homo novus, super hominem: Belege für die lange Geschichte des Sprechens vom Neuen Menschen. Der Sinn liegt im unablässigen Werden des Universums, des Lebens und der Evolution, der menschlichen Gemeinschaften und des einzelnen Menschen.

 

Das Neue mag sich in politischer, religiöser, wirtschaftlicher und technischer Absicht zeigen, doch die Perspektive bleibt dieselbe: die Verbesserung des Menschen und letztlich seine Überwindung.

 

Platon sieht es theoretisch im Philosophen, Buddha persönlich im Meditierenden, die Bibel religiös im Vollkommenen – ob die Sintflut eine neue Menschheit schafft, Paulus fordert: „Leget von euch ab den alten Menschen erneuert euch im Geiste und zieht den neuen Menschen an“, Christus mahnt: „Ihr sollt vollkommen sein, wie es euer himmlischer Vater ist" und Bernhard von Clairvaux sieht es im Entsagenden. Die Renaissance sieht es politisch im Bürger, Rene Descartes naturwissenschaftlich im Geometer, der Mensch und Natur ausmisst und Leibniz im Kreativen, denn er träumt, der Mensch könne schrumpfen und in das Gehirn gelangen und sehen, wie all die Pumpen, Kolben, Zahnräder und Hebel arbeiten.

 

Der Begriff des Übermenschen ist über zweitausend Jahre alt und stammt von Dionysos von Harlikarnassos. Friedrich Nietzsche hat den Begriff homo superior des französischen Philosophen Claude Adrien Helvetius übersetzt und im Zarathustra vom Übermenschen als einer höheren Art Mensch gesprochen. Zarathustra lehrt „euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll.“ Bei Nietzsche kommt die Absicht das erstemal unverhüllt zum Ausdruck.

 

Die Industrie entfaltet Naturkräfte und stellt eine prosperierende Zukunft in Aussicht, die Karl Marx und Friedrich Engels kritisieren und die im Proleten den Neuen Menschen sehen. Im Europa des 20sten Jahrhunderts ist die Grundform trotz aller Verschiedenheit des Neuen immer noch die Bibel. Politik und Heilsgeschichte fallen zusammen. In der Sowjetunion ist der neue Mensch apokalyptisch und messianisch. Heute trachten einige Forscher und Denker nach der Verbesserung der physischen, geistigen und sozialen Qualitäten des Menschen einschließlich der Abschaffung seines Todes.

 

 

2. Götter und Science Fiction

 

Der einzelne Mensch erweitert sein Wissen, Können und seine Handlungsspielräume, die einen Prozess der Technisierung einleiten. Mythen und Religionen sind Versuche, diesem Prozess Sinn zu geben, der in der Orientierung des Denkens und Handelns liegt. Götter und Helden sind ambivalente Wesen mit Attributen wie Rachsucht, Eitelkeit und Brutalität, wie Allmacht, Güte und Allwissenheit.

 

Die Überwindung des Todes, ein alter Traum des Menschen, ist letztlich sein Ziel. Götter sind unsterblich und verfügen über manipulierbare Körper. Osiris, der altägyptische Gott des Todes und der Fruchtbarkeit erneuert jährlich Natur und Kultur, doch für den Erhalt seiner Fruchtbarkeit muss er jährlich zerstückelt werden. Asklepsios erweckt Tote zum Leben, woraufhin Zeus ihn töten lässt, da er fürchtet, dass bald kein Mensch mehr sterben würde. Proteus verwandelt sich in einem einzigen Kampf in einen Löwen, eine Schlange, einen Panther und einen Eber, in fließendes Wasser und in einen Laubbaum, und kann als ein Urbild aller Technikphantasien angesehen werden. Der Mensch hätte gerne das Zeug und Werkzeug zum Göttlichen, zu einer utopischen Transformation seiner selbst.

 

In Göttern und Helden kommen die höchsten Ideale des Lebens zum Ausdruck. Ziele scheinbar außerhalb menschlicher Möglichkeiten, an denen Menschen ihr Handeln und Denken ausrichten, und an denen sie begreifen, dass sie Teil eines größeren Ganzen sind. Daher erweisen sie sich als Steuerungsinstrumente gesellschaftlicher Entwicklung. Ihre Wirksamkeit liegt allein in der Wirkung des Glaubens, der die Widerstandskraft eines Menschen oder einer Gemeinschaft erhöhen kann. Daher heißt es: „Der Glaube kann Berge versetzen.“ Der Sinn des Sprechens über den Neuen Menschen besteht also darin, dass die Arbeit am Neuen Menschen sowie der Glaube an ihn Motivation und Hoffnung gibt, die den Menschen stärkt.

 

 

3. Globalität

 

Die Globalisierung ist das gesellschaftliche Pendent zur Entfaltung des einzelnen. Hier soll das Ganze, die Gemeinschaft verbessert werden.

 

Globalisierung ist eine Konstante menschlicher Existenz. Der Mensch ist intelligent und kommunikativ, hat ein gutes Gedächtnis, geschickte Hände, ein vermögendes Gehirn und Bewusstsein und erweitert unaufhörlich Fertigkeiten und Wissen. Mit anderen Kulturen führt er Krieg oder kooperiert und gibt sein Wissen an seine Nachkommen weiter. So wachsen Wissen und Können von Generation zu Generation an, weshalb sich kleine Gemeinschaften zwangsläufig zu immer größeren Einheiten zusammenschließen und in die Globalität münden – die Weltgemeinschaft.

 

Globalität als Abschluss der Globalisierung ist die Utopie einer weltweiten Kooperation mit den sozialen Maßgaben der Gemeinschaftlichkeit, der Gerechtigkeit und des Friedens. Denn auch der Neue Mensch wird bei allem Individualismus immer als ein Mensch in der Gemeinschaft gedacht. Das ist nicht neu. Neu ist, dass zum Prozess sozialer globaler Regelung die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt und deren Regelung hinzukommt. Globalisierung, die hinführen soll zur Globalität, schafft heute ein Bewusstsein für das Soziale in einer solaren, erdhaften und klimatischen Umwelt.

 

Noch nie war das Engagement für Umweltschutz und Frieden, für Fairness und Nachhaltigkeit in der Wirtschaft und das Eintreten für Menschenrechte weltweit so verbreitet. Doch noch herrschen ebenso weltweit Rücksichtslosigkeit und Gewalt vor, wodurch die vernetzte, globale Welt mit enormen Risiken behaftet ist. Erst indem Wissen zum Weltwissen und Know how zu Welt Know how werden, können sich KI, Mensch-Maschine-Wesen und die Gentechnologie entwickeln, drei Bereiche der Arbeit am Menschen, die seine Neudefinition bedeuten könnten.

 

 

4. Algorithmen und Künstliche Intelligenz

 

Schach, Kochrezepte und Verkehrsregeln sind Algorithmen. Banale Abläufe zur Bewältigung von Aufgaben. Sie arbeiten nach Anweisungen und sind eindeutig, widerspruchsfrei und endlich. Sie erfassen in Sekundenbruchteilen Unmengen an Daten. Routinearbeit verrichten sie schneller und aufgrund des Prinzips Big Data besser als der Mensch.

 

Anwendungsbereiche von Algorithmen sind Navigationssysteme, Smartphones, medizinische Apparate, Computer, Suchmaschinen oder Bild-, Sprach- oder Mustererkennung. Die Bundesbahn hat zur Muster- und Gesichtserkennung 35.000 Kameras installiert, deren Aufnahmen Algorithmen auswerten, und das Navi für den kürzesten Weg von A nach B arbeitet nach dem Dijkstra-Algorithmus. Algorithmen durchdringen unseren Alltag in Haushalten, Automobilen, Fabriken, Büros, im Straßenverkehr und in Partnervermittlungs-Agenturen.

 

Auch die eher unseriöse oder gar kriminelle Seite arbeitet mit Algorithmen. Ob Fake-News, Hacking oder Social bots, Programme, die in Netzwerken menschliche Präsenz vortäuschen, um Nutzer zu täuschen oder um Marketing und politische Agitation zu betreiben. Obwohl Hoaxmap solche Nachrichten enttarnt, sollte jeder auf der Hut sein und nicht glauben, er könne sich ohne Nebenwirkungen im Netz bewegen. Das Internet ist ein Wirtschaftsraum.

 

Werbefinanzierte Dienstleister wie Facebook, Google oder Alibaba stellen Nutzern, die glauben, dass es um Spaß und Kommunikation geht, Foren zur Verfügung, tatsächlich sind sie als Betrachter von Werbung und als Datenlieferanten selbst das Produkt. Diesen Unternehmen sind Menschen wie Maschinen – steuer- und manipulierbar. Für Google-Vordenker Ray Kurzweil werde der Mensch ab 2050 unsterblich sein. Später werde die Maschine den Menschen überholen und das posthumane Zeitalter einläuten. Er reduziert das Leben auf den binären Code und den Menschen auf eine Hard-Software-Maschine. Dann allerdings kann eine bessere Maschine als die Maschine Mensch den Menschen tatsächlich überwinden.

 

Künstliche Intelligenz arbeitet Anweisungen ab und erscheint nur intelligent. Dagegen ist Intelligenz keine reine Formsache, sondern das Vermögen, logisch, kreativ und konstruktiv auf Umstände zu reagieren, und das verborgene Ganze samt Vergangenem im Blick zu behalten. Deshalb kombiniert die nächste Generation Künstlicher Intelligenz Algorithmen mit künstlichen neuronalen Netzen. Sie lernt, agiert autonom, entscheidet und entwickelt sich selbständig weiter. In der Kriegsführung wird sie als Drohne eingesetzt, in Unternehmen und staatlichen Institutionen bei Entscheidungsprozessen oder in der Medizin bei Diagnosen: So hat KI Watson von IBM innerhalb von zehn Minuten aus dem Vergleich medizinischer Datenbanken mit den Krankheitsbildern einer Patientin erkannt, dass sie an einer seltenen Form von Leukemie leidet, was Ärzten in Monate dauernen Untersuchungen nicht gelang.

 

Werkzeuge streifen allmählich ihre Passivität ab und arbeiten autonom, ohne auf ständigen Input durch Menschen angewiesen zu sein.

 

 

5. Gynoide und Cyborg – Mensch-Maschine-Synthese

 

Die Synthese aus Mensch und Maschine arbeitet mit implantierten Chips. In Schweden gibt es den implantierten Personalausweis, Präsentationen lassen sich über Gesten steuern und Texte sich einsprechen. Nun werden Texte direkt über Gedanken verfassbar und Arm- und Beinprothesen werden erfolgreich gedankengesteuert. Die Umkehrung dagegen, von außen auf Gedanken zuzugreifen, erscheint so gefährlich, wie Nanobots in den Menschen einzuschleusen. Die Vorlage für Nanobots sind die organischen Hilfsmittel, die als Proteine selbständig in Zellen arbeiten.

 

Hirn-Implantologie, die Verbindung des Gehirns über Drähte mit dem Computer, soll Epilepsie, Parkinson oder Alzheimer aufhalten, bis sie durch Bio-Chips ersetzbar sind und die Krankheiten vermeiden.

 

Noch trifft der Mensch die Entscheidung über seine Entwicklung selbst. Bedenken wir, dass der Mensch in Jahrmillionen entstand, aber in nur zwei Jahrhunderten eine so differenzierte Technik entwickelt hat, bedenken wir weiterhin, dass wir vermutlich noch Milliarden Jahre an Forschung und Evolution vor uns haben, liegt der Gedanke nahe, dass unsere Intelligenz und unser Wissen und Können lediglich eine Etappe darstellen, und der Mensch tatsächlich überwunden werden könnte. Daher nehmen Forscher und Denker an, dass intelligente Maschinen die Welt sogar tiefer und umfassender verstehen werden als der Mensch.

 

 

6. Gentechnologie

 

Gentechnologie ist der der Eingriff von außen in die Genstruktur. Sie ermöglicht das Bioprintern von Leder ebenso wie von Fleisch aus gezüchteten Zellen – positiv gesehen wäre das das Ende der Massentierhaltung, des Treibhauseffekts und des Tierleidens. Auch die künstliche Befruchtung, die Reparatur von Gendefekten und Designerbabys sind Realität. Blauäugig, gesund, blond und natürlich smart.

 

Der Mensch verändert seine Gene unablässig selbst. Partnerwahl, eine neue Umgebung, ein neu erworbenes Wissen oder das Einnehmen von Pharmaka geben Impulse, die bis hinein in die Gene führen. Das offenbart die Epigenetik: dass es nicht nur Gene sind, die den Menschen steuern, sondern auch Signale aus der Umgebung der Zelle und der Umwelt des Menschen, die durch die Zellwand hindurch auf den Zellkern und auf die DNA treffen, wo sie Gene aktivieren oder abschalten können. Nicht nur die Zelle ist intelligent, sondern auch das Ganze aus allen Zellen.

 

Das praktiziert auch das Genome editing, das dazu erlaubt, ganze DNA-Abschnitte einzufügen/ herauszuschneiden. Beide Methoden erweisen sich als starke Eingriffe ins Erbgut. Und sind kritisch zu beurteilen.

 

Die größte Gefahr wären Eingriffe in die Keimbahn. Sie könnten eine neue Spezies schaffen, eine master race. Das bedarf eines strikten Verbots.

 

 

7. Naturgesetz und Weisheit der Zelle

 

Es gibt Chancen, eine humane Welt zu erhalten. Technik ist an Naturgesetze gebunden und nicht alle Pläne sind realisierbar. Die Künstliche Intelligenz wird den planetarischen Raum nicht überwinden können. Die zweite Chance bezieht sich auf Macht und Ökonomie. Der Mensch ist neugierig und versucht, seine Träume zu realisieren, und in der Konkurrenz zu anderen sieht er Anreiz für Entdeckung und Erfindung, für Schönheit und Qualität. KI und Genforschung werden durch Macht und Ökonomie in Schwung gehalten. Verknüpfen wir diesen Umstand mit der Globalisierung, dem Versuch der Kulturen, zusammenzurücken, dazu müssen sie aufeinander zugehen und gut miteinander kommunizieren, ergäbe sich ein konstruktiver Widerspruch, aus dem die Menschen ein realisierbares Modell enwickeln könnten.

 

Die Künstliche Intelligenz mit ihrer binären Struktur entspricht Ökonomie und Macht, verfehlt aber den Menschen mit seinem Bedürfnis nach Geborgenheit und Kommunikation. Statt vorwiegend in die Entwicklung der Künstliche Intelligenz zu investieren, könnten wir die Ausbildung einer analogen Intelligenz fördern.

 

Der Mensch hat schon immer seinen Körper mittels Natur, Kunst und Technik, und sein Bewusstsein mittels Drogen gestaltet. Was aber ist der Sinn Künstlicher Intelligenz? Sie ist eine Neuheit, aber erschafft sie ein neues Wesen? Die menschliche Intelligenz entwickelt sich durch Lernen und Erkunden, wozu das Bewegen und Begreifen der Dinge gehört. Sie entwickelt sich in sozialen Zusammenhängen unter Bedingungen der Geborgenheit und des Vertrauens. Künstliche Intelligenz funktioniert ohne Gegenüber, ohne Vertrauen, ohne Sinn. Hätte sie eine Stimmung, wäre das Langweile: Wenn alles berechnet ist, ist alles sinnlos. Der Antrieb für sie ist die Auflösung des Lebens in binäre Strukturen. Gemeinsam mit Genom-Projekten und den Mischwesen sollen sie das Leben kontrollieren.

 

Will der Mensch die Gefahren der modernen Technologien abschätzen und abwenden, muss er sein eigenes Potenzial kennen: Die Immunkräfte seiner weisen Zellen.

 

Jede lebende Zelle geht auf eine der ersten lebenden Zellen zurück. Eine Zelle macht von ihrer Entstehung an Erfahrungen, die sie ins Teilen und Wachsen integriert. Sie arbeitet selbständig, entwickelt ihre eigene Genstruktur und arbeitet mit Billionen anderer Zellen in einem sozialen Verband zusammen, um das Lebenssystem Mensch zu bilden und zu erhalten. Wie jede Zelle ihre Erfahrung speichert und weitergibt, so speichert auch die Gesamtheit der Zellen ihre Erfahrung und gibt sie weiter. Da jede Zelle ein Gedächtnis der Evolution ist, wird es kein Hirnscanning geben, denn Gehirn und Maschine sind inkompossibel. Die Stärke des Menschen liegt in seinen Gefühlen, durch die er Entscheidungen treffen und Werte formulieren kann, die Stärke der Maschine darin, dass sie keine Gefühle hat, rein sachlich arbeitet.

 

Künstliche Intelligenz und genveränderte Wesen werden den Menschen modifizieren, aber nicht überwinden, denn die Weisheit, die den Menschen vor der Maschine schützt, ist die Weisheit der Evolution.

 

 

8. Den Menschen groß denken

 

Sowohl die Annahme, es würde alles im Sinne des uns bekannten Humanismus-Modells weitergehen als auch die Erwartung, der Mensch würde in Kürze von Maschinen dominiert oder zerstört werden, bergen Risiken und Gefahren. Wir können Evolution und Mensch nicht groß genug denken. Was aus der Natur geworden ist, lässt sich nicht ohne weiteres durch Erzeugnisse der Technik zerstören oder überwinden. Doch da die Gefahr besteht, müssen wir handeln. Wir haben gegenwärtig Probleme auf der Welt, doch werden Cyborg, Klone oder Künstliche Intelligenzen die Weltprobleme lösen?

 

Wir werden die Entwicklung aufhalten, wenn wir groß denken und groß handeln. Aber wir müssen auch die Geschichte der Denker und Praktivker fragen, warum sie den Menschen zu überwinden und auszulöschen trachten. Nur so werden wir das Gespenst des Neuen Menschen los und können über ihn mitbestimmen. Das könnte bedeuten, dass wir eine Initiative starten. Wir Geisteswissenschaftler müssen aktueller werden, uns einmischen und selbstbewusster unser Potenzial in die Öffentlichkeit tragen. Wir müssen das Thema vertiefen, die Chancen und Gefahren der neuesten Technologien benennen, ggfs. Alternativen erarbeiten und Öffentlichkeit und Politik damit konfrontieren. Wir müssen uns mit Befürwortern des Trans- und Posthumanismus auseinandersetzen, so dass unser Sprechen vom Neuen Menschen einen Paradigmenwechsel beförderte. Eine zivilgesellschaftliche Initiative, die viele einflussreiche Mitstreiter bräuchte. Wir wollen Dinge beeinflussen und dabeisein, wenn, wie geschehen, vom Silicon Valley aus ein Manifest ausgeht gegen das unkritische Verfolgen der Ziele der Posthumanisten.

 

Aligator an Shoko Suzuki,

Obrigado an Norval Beitello,

Je Vous remercie an Jacques Poulain,

danke an alle anderen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

 

Literatur

 

 

 

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© Hajo Eickhoff, Februar 2019

 


 

 

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13. November 2019

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