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Die Welt der Fünf

Der Blick durch die Hand auf die Welt

 

 

 

1 Die 5 Prinzipien des Hauses

2 Fünf Freunde

3 Die 5. Sinfonie

4 Freitag – der 5. Tag der Woche

5 Buch V (liber quintus) des Vitruv

6 Quintessenz

7 Das Zahlensystem und die Zahl 5

8 Die 5 Sinne

9 Die 5 Wirbeltierklassen

10 Die Hand

 

 

 

 

 

 

Die Welt der Fünf

 

Der Blick durch die Hand auf die Welt

 

 

 

 

Die Fünf ist überall. In allen Bereichen des Daseins taucht sie auf. Im kosmologischen Bauplan der Welt ebenso wie in der Palä-ontologie, in der biologischen Ausstattung des Menschen ebenso wie in seinen Kulturgütern. Zwar erscheint manche Fünf als willkürliche Interpretation durch den Menschen, doch eines erweist sich als eine gesicherte Grundlage – die Hand und ihre fünf Finger. Durch diese sichere Basis hindurch schaut der Mensch auf die Welt, auf sich und seine Erzeugnisse und interpretiert sie.

 

Hier liegen zwei Mal fünf – also zehn – Miniaturen vor, die diesen Blick für einen Moment irritieren, um ihn erneut, in anderer Gestalt zu fixieren. Die Fünf wird in ihren unterschiedlichen Vorkommen aufgespürt, betrachtet und analysiert. Gelegentlich wird Bezug genommen auf das Verhältnis von Moral und Unternehmung, um eine Spur zu legen. Ob Quintette in der Musik, fünf Freunde im menschlichen Miteinander, Gruppen von 5 Elementen, fünf Finger einer Hand oder Fünferteams in der Arbeitswelt – Ordnungen mit der Fünf machen immer eine gute Figur. In ihrer Gesamtheit stellen die zehn Miniaturen ein friedliches und idealistisches Weltbild dar.

 

 

 

I.

Die 5 Prinzipien des Hauses

 

 

 

Wie kommt die Immobilie in die Welt? Da der Mensch doch ein Lauftier ist. Immer unterwegs, immer auf den Füßen, immer in Bewegung. Vier Millionen Jahre lang. Er folgt den Tieren oder wählt seine Route durch ein weites Territorium nach Jahreszeit und Reife der Früchte. An ein Anhalten an einem Ort für längere Zeit ist nicht zu denken, weshalb Jäger und Sammler zur Fortbewegung verdammt zu sein scheinen.

  Das Unterwegssein ist die elementare Erfahrung des Menschen. Sein zweifüßiger Gang ein Hauptmerkmal seiner Fortbewegung. Er bleibt keinem Ort verhaftet, sondern lebt im Horizont der Passage. Wie er unterwegs ist, so ist er: so geht er, so verhält er sich, so ist sein Fühlen und Denken. So gibt er sich eine Haltung. Geistig, emotional, körperlich. Das Unterwegssein zeigt sich als permanentes Heraustreten aus seinem jeweiligen Standpunkt. Mit jeder Haltungsänderung durch das Verlagern des Gewichts von einem Bein auf das andere verändert er seinen realen und geistigen Standpunkt und erschließt sich praktische, emotionale und ideelle Lebensräume.

  Von Anbeginn an besteht für den Menschen die Schwierigkeit, sich überhaupt vorstellen zu können, eines Tages anzuhalten, denn grundlos ist er nicht Millionen Jahre unterwegs, bis ihm das erste Mal der Gedanke kommt, zu bleiben. Denn sein Anhalten ist an strenge Bedingungen geknüpft: Um sesshaft zu werden und die erste Immobilie zu errichten, muss er viel über das Klima und über Tiere und Pflanzen wissen, von denen er sich bis dahin durch Sammeln und Jagen ernährt. Hinzu kommt die Notwendigkeit, sich eine neue Lebensform zu geben, denn Fühlen und Denken kreisen um das ewige Laufen und den entstehenden Wirkungskreis.

  Doch dann geschieht das Unglaubliche. Menschen geben die Passage auf, treten auf der Stelle und schaffen den ersten bleibenden Untergrund. Sie halten an, denn sie glauben, genug über den Umgang mit Tieren und Pflanzen zu wissen und deshalb auch kältere Jahreszeiten meistern werden. Nun müssen sie die Pflanzen nicht mehr suchen, da sie sie anbauen, und müssen Tiere nicht mehr jagen, da sie direkt in die Falle hinein geboren werden.

  Mit dem Anhalten verbindet sich der Bau einer ersten Unterkunft – der Bau eines Hauses. Das Haus ist das erste Gestell des Menschen, mit dem Ort, Platz und Stelle entstehen. Durch das Haus werden ein Stück Erdboden und ein Stück Raum eingefasst, die der Natur eine neue Verfassung geben, die zeigt, wie der Mensch in der Welt sein möchte. Das Haus wird dem Menschen ein fester Ort: ein Ort, der Geborgenheit schafft und Sicherheit gibt, der Schutz gewährt und neue Kulturformen hervorbringt, der Identität gibt und eine neue Art der Zusammengehörigkeit erzeugt. Und nicht zuletzt wird das Haushalten – die Ökonomie – erfunden. So erhält das All im Haus eine Mitte, von der aus der Mensch die Erde erschließt, erobert und neu ordnet.

  Das Haus ist ein massiver Eingriff in den Haushalt der Natur, der Götter und der Menschen. Indem der Mensch sich einen verkleinerten Kosmos schafft, separiert er sich von den himmlischen Mächten und wird angreifbar, schafft aber eine eigene Welt, die ihm dafür ein Stück Autonomie zurückgibt. Das Haus – lateinisch domus – domestiziert. Es domestiziert oder zähmt Pflanzen, Tiere, Götter und Menschen.

  Ihre Identität erhalten Sesshafte, indem sie sich als Bauende erkennen. Bauen kommt von buan, das auf das bin in ich bin verweist, das sich von sein, existieren herleitet: Wer baut, existiert. Das unterscheidet sie von Nichtsesshaften. Sesshafte bauen Häuser und Wege, zähmen Pflanzen und Tiere, bestellen den Acker und beschreiten einen völlig neuen Weg des Existierens.

  Das Haus ist die erste weithin sichtbare Gestalt menschlicher Kultur. Ein humanes Gebilde, ein Geschöpf des Menschen. Die Wände bringen den Menschen in einen Abstand zu sich selbst. Er entdeckt sein Ich, wird selbstbewusst und erkennt sich als Einzelwesen. Mit dem Betreten des Hauses tritt er sich selbstbewusst als Kulturwesen gegenüber.

  Mit dem Übergang vom Jäger und Sammler zum Sesshaften mildert sich der tägliche Lebenskampf. Sesshafte leben unabhängig vom Wetter, müssen sich nicht in einem weiten Gebiet bewegen und sich nicht gegen wilde Tiere und andere Stämme behaupten. Das Haus bewahrt ihre Ernteerträge und das geschützte Feuer sichert Wärme und macht eine neue Form der Ernährung möglich. Doch das Haus erzwingt auch Reduktionen: Vorräte müssen gerecht verteilt werden und Hausbewohner müssen lernen, ihr ungestümes Wesen zu bändigen und den weiten Blick auf den Horizont in die nahe Welt des Hauses umzulenken. Sie müssen ihre immensen Körperkräfte – erworben durch Wanderung und Jagd – in feine Gesten des Ackerbaus, der Tierhaltung und des engen Miteinander umarbeiten.

  Häuser sind von Anfang an winzige Zellen der Macht. Strategische Orte, von denen aus Sesshafte ihre Handlungsmacht ausdehnen. Vom Haus aus erkunden sie das umliegende Gelände und kehren entweder in den gesicherten Hort zurück oder errichten weitere Häuser, von denen aus sie erneut das Gelände erkunden. In der Weise kultivieren sie über Jahrtausende die Erde. Sie arrangieren die Häuser zu Dörfern und Städten und verbinden sie durch Wege und Straßen zu einer ausgedehnten Siedlungsstruktur. Das Römische Reich ist die erste Großsiedlung, die ein solches Ausmaß annimmt, dass Kriege und klimatische Katastrophen sie nicht mehr auflösen können: Von Mesopotamien bis Spanien und von Nordafrika bis Britannien haben sie das Reich mit einem rechtwinkligen Straßennetz überzogen und das gesamte Gebiet zu einem Weltreich gefestigt.

  Aus der Konstellation des Hausbaus und seiner Geschichte ergeben sich fünf wesentliche Merkmale, die das Haus charakterisieren: Geborgenheit, Zusammengehörigkeit, Wirtschaftlichkeit, Kultur und Selbsterkenntnis.

  Das Haus ist ein Ort der Geborgenheit. Es bietet Sicherheit und gibt dem Menschen die Möglichkeit, sich zu sammeln, eine Mitte zu finden und sich wohl zu fühlen. Das Haus spricht den Menschen positiv an, motiviert ihn und gibt ihm eine geistige, seelische und physische Orientierung.

  Das Haus ist ein Ort der Zusammengehörigkeit. In ihm entwickelt der Mensch die Fähigkeit, Nähe zu ertragen und seine Intimität zu verfeinern. Er wohnt für eine lange Zeit auf engstem Raum mit vielen – auch mit den Tieren – in einem einzigen Raum. Hier findet alles statt – Geburt, Alltag, Festlichkeit, Freude, Streit und das Betreuen des Nachwuchses durch die Eltern an einem geschützten Ort. Bis hinein ins 20. Jahrhundert wird das Haus als komplexe Wirtschaftseinheit verstanden und mit Familie identifiziert, wie noch der Romantitel Der Untergang des Hauses Usher zeigt.

  Das Haus ist eine Wirtschaftseinheit. Ein Oikos. Von dem sich Ökonomie herleitet, das Haus und Haushalten bedeutet. Das mag das Haushalten eines Menschen, eines Gebäudes, eines Unternehmens, einer Gemeinschaft, der Welt – des Oikos – sein. Doch Ökonomie bedeutet ursprünglich nicht Gewinn oder Gewinnmaximierung, sondern meint den guten und geordneten Umgang des Menschen mit der Natur zum Zweck der Herstellung von Gütern und ihre Verteilung. Der Zweck liegt in der Gemein-schaftlichkeit, die in einer Zeit des globalen Zusammenrückens der Menschen umso erforderlicher erscheint. Ökonomie ist als ein konstruktives Zusammenwirken von Lokalität und Globalität zu betreiben unter der Perspektive eines weltwirtschaftlichen Handelns. Wer das übersieht, wird sein Haus nicht erfolgreich haushalten und unbeschadet in die Zukunft führen können. Deshalb ist die Ökonomie als Oikologie aufzufassen, als Wirtschaften unter dem Leitgedanken gesellschaftlicher Verantwortung.

  Das Haus ist ein kulturelles Ordnungssystem. Ein geordneter Lebensraum. Die Umwelt des Menschen. Ein Laboratorium, von dem die Entwicklung neuer Formen des Lebens und die Realisierung neuer Ideen ausgeht. Ein Laboratorium, das die kulturelle Entwicklung des Menschen und der Menschheit befördert.

  Mit diesen vier Prinzipien des Hauses stellt sich wie von selbst ein fünftes Prinzip ein: Selbsterkenntnis. Der Mensch erkennt sich als Hausbesitzer und als ein Kulturwesen. Es ist die gegenseitige Beeinflussung von Mensch und Haus – die Domestizierung –, durch die das Haus mit den prägenden Merkmalen Geborgenheit, Zusammengehörigkeit, Wirtschaftlichkeit und Kultur den Menschen zur Selbsterkenntnis führt.

  Daran wird die Immobilie, das Haus in Zukunft gemessen werden. Die Geschichte zeigt die Bedeutung des Hauses für Unternehmen, die mit Immobilien zu tun haben, denn Häuser und Gebäude sind Herausforderungen, sachgerecht und verantwortungsbewusst mit ihnen umzugehen. Wie den ersten sesshaften Menschen sollten sie Mittel und Zweck eines guten Haushaltens, eines guten Umgangs miteinander und einer intelligenten Ordnung und Logistik sein. Das Haus als Umwelt des Menschen in Ordnung zu halten ist eine ethische Aufgabe.

 

 

 

II.

Fünf Freunde

 

 

„Kritiken von Leuten über zwölf interessieren mich überhaupt nicht.“ So Enid Blyton, die Autorin der Kinder- und Jugend-Romane Fünf Freunde. Dreißig Jahre nach dem Erscheinen ihrer ersten Bücher werden ihr von Kritikern pädagogische Unhaltbarkeiten vorgeworfen. Enyd Blyton, 1897 in England geboren, starb schon 1965, aber ihre Fünf Freunde sind zu Kultfiguren geworden, bis heute beliebt und fortgeschrieben und heute sowohl als Buch, als auch als Hörspiel, Comic und Film zu haben.

Verwunderlich ist das ganz und gar nicht, denn gibt es etwas Wichtigeres als Freundschaft und Abenteuer? Ein Kinder-, Jugend- und- Lebensthema, das auch durch einen Autor nicht zu zerstören ist. Ein Mythos, der einfach nur erzählt werden muss und jedes Kind kann sich sofort mit ihm identifizieren.

Im Mittelalter war Freundschaft lediglich eine andere Bezeichnung für Verwandtschaft. Und auch die Fünf Freunde, soweit sie der Menschenform angehören, sind Verwandte. Georgina, mit Schwierigkeiten, sich in der Mädchenrolle einzufinden und deshalb George genannt, ist die Cousine der drei Geschwister Julian, Dick und Anne. Die echte Vatertochter eines Wissenschaftlers. Der fünfte Freund ist ein Hund namens Timm. Dass Freundschaft und Verwandtschaft sozusagen durch eine Sehnsucht miteinander verbunden sind, nämlich der, eng zusammen zu gehören, zeigen Rituale der Freundschaft wie das Initiieren der Blutsbrüderschaft. Auch bei den Fünf Freunden wird Zusammengehörigkeit mittels eines Paktes besiegelt, in dem alle die Hände aufeinander legen und schwören, obenauf die Pfote des Hundes. Sie leisten den Eid: Freunde für immer. Das Eng und das Immer geben ihnen Geborgenheit und Sicherheit, während sie den Schritt in die Welt tun. Sie schwören, dass sie sich, geschehe, was da wolle, aufeinander verlassen können, was heißt, dass ein wichtiger Baustein der Freundschaft die Treue ist. Diese ist auch eine der auffälligsten Eigenschaften des Hundes, dem ältesten Haustier des Menschen, der sich schon vor sehr langer Zeit dem Menschen, zunächst dem Jäger, zugesellt hat.

Schnüffeln, Forschen, Problemlösen, für einander da sein, einander beschützen, das Böse besiegen, für Gerechtigkeit stehen, die Langeweile bekämpfen. Dafür gibt es sie, die Fünf Freunde, die zumeist ihre Ferien miteinander verbringen.

Das Schlimmste ist die Langeweile. Sie droht sich in den Schulferien anzubahnen, wenn etwa die Erwachsenen mit mehr oder weniger pädagogischem Zeitvertreib aufwarten, kein echtes zu lösendes Problem in Sicht ist, und die Kinder sich an einem Ort befinden, an dem nichts los ist. Die Zeit steht wie eine undurchdringliche Wand vor ihnen und will nicht vergehen. Dann muss ein Abenteuer her. Und es muss gesucht werden.

Auch wenn der Mensch gerne so tut, als käme das Abenteuer als Schicksal daher, so weiß er doch, seit es Mythen gibt, dass er selbst es ist, der das Abenteuer inszeniert. Wozu braucht der Mensch das Problem? Er braucht es, um sich zu bewähren. Um sich im Guten zu zeigen, sich einen Wert zu geben und sich seine Werte immer wieder zu erarbeiten. Auch, um seine Welt moralisch zu ordnen. Und wenn es Böses nicht gäbe, müsste er es zu diesem Zweck erfinden. Kinder scheinen das besser zu wissen als Erwachsene, wenn sie das Abenteuer verlangen. Abenteuer ist ein ritterliches Fachwort, entlehnt aus dem Französischen aventure, das wiederum auf das mittellateinische adventura – das Ereignis heißt – zurückgeht. Und dieses Ereignis zu erschaffen ist die edle Aufgabe von Rittern.

Die berühmtesten Rittersagen sind die Sagen des Chrétien de Troyes. Er ist der Erfinder der ritterlichen Artusrunde. Erfunden zu einem bestimmten Zweck: Die Geschichten um den englischen König Artus sollen den Ritterstand aufwerten, denn Ritter waren lediglich Knechte und Prügelknaben ihrer Herren. Ritter ziehen nun – statt sich für ihre Herren in Händel einzulassen – aus, um sich im Minnedienst und im heroischen Einsatz für die Gemeinschaft zu bewähren. Der Ritter erhält vom Hof des Königs Artus eine doppelte Pflicht: Er muss eine persönliche Aufgabe lösen, etwa indem er im Kampf gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner eine geliebte Frau erlöst. Der Mythos der Artus-Ritter ist der Mythos einer Gemeinschaft, in die nur aufgenommen wird, wer sich selbst findet und über sich hinauswächst. Die zweite Aufgabe muss er für die Gemeinschaft lösen, indem er in einem Kampf auf Leben und Tod eine gute Tat für die Gemeinschaft vollbringt. Mit den Taten für sich und zum Wohle der Gemeinschaft erlangt er die Artuswürde und zieht in einem Triumphzug in den Hof des Artus ein, nimmt auf dem für ihn freigelassenen Thron Platz und ist von da an Ritter der Artusrunde.

Wenn die Fünf Freunde Georgina, Julian, Dick, Anne und Timm sich für das Abenteuer zusammenschließen, wird ihre Freundschaft wachsen. Dazu ist es nötig, den Alltag hinter sich zu lassen, denn das Abenteuer muss den Alltag überschreiten. Es führt zum Unbekannten, in dessen Aufdeckung der Erfolg ihrer Gemeinschaft liegen wird. Einmal ist das Unbekannte die missliche Lage des Vaters von Georgina, der wegen wichtiger Forschungsergebnisse von verantwortungslosen Spekulanten gejagt wird und befreit werden muss. Auch die Forschungsergebnisse müssen gerettet werden. Dann ist ein Schatz zu suchen und ein andermal stellt sich ein Geheimnis ein, das unbedingt gelüftet werden muss.

Jedes Kind der Fünf Freunde trägt in sich eine besondere Begabung, die für die jungen Abenteurer unverzichtbar ist. Um aus dem Alltag ausscheren zu können, muss es jemanden geben, der nach Freiheit und Erkenntnis strebt. Das ist Georgina. Dieses Streben bedeutet Energie, Vision und Passion, die immer anregend, aufregend und motivierend sind. Georgina ist faszinierend und geheimnisvoll. Nach ihr und als Antwort auf sie, muss es dann jemanden geben, der aus der Passion die Idee extrahiert, der die Aktionen ordnen kann und den Überblick behält – das ist Julian, das älteste der Kinder und als primus inter pares Chef der Gruppe. Er ist Dirigent und Ingenieur. Er scheint für jede Schwierigkeit eine Lösung zu finden. Bei Julian liegt die Klarheit. Dafür liegt die Sorge in der Hand von Anne. Sie ist die Jüngste von allen. Sorge und Wertschätzung gehen in ihr eine enge Verbindung ein. Sie ist achtsam, kümmert sich und zeigt den anderen ihre Bewunderung, um sie zu motivieren. Sie lernt und sie weiß Bescheid. Und schließlich muss es jemanden geben, der das Lachen und den Genuss unter die Freunde bringt. Das ist Dick. Er hat den Humor und steht für Kritik und ihre Wichtigkeit, etwa wenn er beim Genießen mahnt, an die Energiezufuhr zu denken. Timm, der Hund repräsentiert das Magische. Er ist der Schutz und der gute Geist, die Klugheit und die Vorahnung. Wenn er die Witterung aufnimmt, ist die Überraschung nicht weit.

Es erübrigt sich, zu sagen, dass alle Abenteuer der Fünf Freunde bestanden werden, die Bösen bestraft und die Guten belohnt werden, was zu retten war, wird gerettet, was zu lösen war, wird gelöst, was zu finden war, wird gefunden. Denn das ist der Sinn der Fünf.

 

 

 

 

 

III.

Die 5. Sinfonie von Beethoven

 

 

„Roll over Beethoven“ singt der amerikanische Rockmusiker Chuck Berry im Jahr 1956. Sein Song wird ein Meilenstein in der Geschichte des Rock ’n Roll. Die Rolling Stones covern den Song im Jahr 1963 und tragen ihn in die Popmusik. Ebenso The Beatles, Uriah Heep, Status Quo und das Electric Light Orchestra.

Chuck Berry komponiert den Song, so die Anekdote, weil seine Schwester Lucy ständig das Klavier belegt, um klassische Stücke einzustudieren, sodass er selbst nicht an das Klavier herankommt. Roll over Beethoven ist ein dramatisches künstlerisches Zusammentreffen von Klassik und Pop – im gemeinsamen politischen Horizont der Freiheit. Die Popgruppe Electric Light Orchestra, die als Einleitung in ihren Song den Anfang des ersten Satzes der 5. Sinfonie von Ludwig van Beethoven spielt, um dann in den Chuck-Berry-Song einzusteigen, ist ein Verweis auf das gemeinsame Interesse am musikalischen Ausdruck der Freiheit. „Beethoven“, könnte man heraushören, „ist einer von uns“, da der geniale Vertreter der Klassik dasselbe kritische Potenzial besitzt wie die Jugend des Pop. Wie sie sagt er mit seiner Fünften: „Ich will. Ich will frei sein.“ Und wie die jungen Pop-Musiker wagt er neue Wege und schafft dabei Kompositionen, die als ein emotionaler Aufbruch in die Freiheit gedeutet werden können.

  Es gibt neben der menschlichen Singstimme fünf Arten von Musikinstrumenten: Das sind Streich-, Zupf-, Blas-, Schlag- und Tasteninstrumente. Spielt das Quintett The Rolling Stones mit drei Gitarren, Schlagzeug und Gesang, nutzt das Electric Light Orchestra bis auf das Blasinstrument alle anderen Arten von Instrumenten. Sobald die Popmusik sich orchestriert – und sei es nur dem Namen nach –, kann das Orchester auch Pop, wie das Londoner Royal Philharmonic Orchestra in ihrem legendären Auftritt mit der Popgruppe Deep Purple zeigt. Der in klassischer Musik ausgebildete Keyboarder Jon Lord von Deep Purple hat ein Concerto for Group and Orchestra komponiert, das im Jahr 1969 mit dem Royal Philharmonic Orchestra in der Londoner Royal Albert Hall, dirigiert von dem Komponisten Malcom Arnold, uraufgeführt wird. Das Werk ist als Classical Hard Rock in die Geschichte der Musik eingegangen.

Die abendländisch-christliche Musik, die beethovensche Vorgeschichte, beginnt mit der Stimme. Zuerst ist das Beten der Mönche ein Sprechen. Dann werden die Gebete immer häufiger auch gesungen. In einfachen Melodien mit einem Tonumfang von zwei bis drei Halbtonschritten. Note folgt zeitlich auf Note. Mit dem Gefallen am Gesang entsteht das Bedürfnis, mehr Töne gleichzeitig zu hören – ein Bedürfnis nach Fülle. Dabei taucht die Frage auf, die auch Komponisten der Zeit noch nicht beantworten können: Welche Töne passen zueinander? Das herauszufinden erkennen Musiker und Komponisten erst seit dem 13. Jahrhundert als ihre Aufgabe. Sie experimentieren mit Tonfolgen und übereinander geordneten Tönen, um sich an Wohlklänge heranzutasten. In ihrem Spielen und aufmerksamen Hören entwickeln sich brauchbare Harmonie-Schemata, die erlauben, komplexere Musikstücke zu spielen und erprobte Harmonien in der Musik theoretisch zu verankern.

Eine Singstimme kann nun von einer zweiten begleitet werden, die eine zweite Melodie singt, dann von einer dritten und vierten. Hinzu kommen Experimente mit Takt und Rhythmus, und im Spätmittelalter dürfen die ersten Instrumente, die den Christen bis dahin als heidnisch gelten, in die Liturgie des Gesangs eingeschlossen werden. So entwickeln und verfeinern Musiker Harmonie, Rhythmus, Takt und das Zusammenspiel von Singstimme und Instrument, bis in der Renaissance begonnen werden kann, an den Dreiklängen, den Akkorden zu arbeiten.

Die Harmonie der Töne ist nicht nur eine Sache der Gewohnheit des Hörens und des persönlichen Geschmacks, sondern hat auch eine physikalisch-physiologische Grundlage. Mit der immer besseren Beherrschung der Vielstimmigkeit, der Polyphonie durch eine sich entwickelnde Harmonielehre und  der Fertigkeit, sie in Tabulaturen und Notationen zu fixieren, lassen sich Töne in ihrer zeitlichen Folge sowie in ihrem gleichzeitigen Auftreten immer besser ordnen und bändigen, bis gewaltige vielstimmige Musikstücke möglich sind – die Sinfonien.

Das Wort Sinfonie bedeutet Zusammenklang und besteht aus dem griechischen synzusammen – und phoneinklingen. In der Mitte des 18. Jahrhunderts entstehen komplexe, vielstimmige Musikwerke (Sinfonien), die von großen Ensembles (Orchestern) zur Aufführung (Konzert) gebracht werden. Die Sinfonie wird die repräsentative Orchestermusik des 18. und 19. Jahrhunderts und bildet eine der wichtigen Gattungen der Instrumentalmusik. Eine der berühmtesten aller Sinfonien ist die Fünfte von Ludwig van Beethoven. Es ist das Spektakuläre und Frische des Anfangs des ersten Satzes, das die jungen Musiker des Rock ´n Roll und der Popmusik angeregt hat. Das Anfangsmotiv, das die Sinfonie prägt: die drei markanten Achtel auf dem G, denen ein langgezogenes Es folgt.

Als Schöpfer der klassischen Sinfonie gilt Joseph Haydn, der Lehrer von Beethoven. Den Höhepunkt des sinfonischen Schaffens bilden die Werke von Mozart. Beethoven revolutioniert die Sinfonie. Mit der 3. Sinfonie, der Eroica, die er im Jahr 1803 vollendet, beginnt seine Hauptschaffensphase. Die 5. Sinfonie – die er fünf Jahre später vollendet – wird am 22. Dezember 1808 in Wien uraufgeführt.

Dieses als Schicksalsdrama charakterisierte Werk vollzieht den Übergang von der Klassik zur Romantik, in der es um die freie Entfaltung der Persönlichkeit und um die damit verbundenen heroischen Gefühle geht. Im Streben nach persönlicher Entfaltung liegt in der Zeit immer auch das Ideal der Entfaltung des bürgerlichen Menschen. Beethoven widmet seine 3. Sinfonie Napoleon. Als dieser sich zum Kaiser krönt, zerreißt Beethoven, wird berichtet, die Widmung mit den Worten „Nun wird er auch die Menschenrechte mit Füßen treten.“

Ein Quintett ist sowohl eine Gruppe mit einem bestimmten Instru-mentarium als auch ein bestimmtes Musikstück. Deep Purple war ein modernes Quintett, das – dank moderner Tontechnik –, wie Beet-hoven mit seiner Fünften einen beeindruckenden, vollen orches-tralen Klang (der Freiheit) erzeugen kann. Wenn man über das geeignete Instrumentarium und das erforderliche Können verfügt, ist die Größe eines Ensembles nicht wesentlich. Das Quintett ist eine Formation, die auch in der Musik beeindruckt. Es ist kein Zufall, dass von den wenigen klassischen Quintetten, die es gibt, viele zu den Meisterwerken ihrer Komponisten gehören.

 

 

 

 

 

 

IV.

Freitag – der 5. Tag der Woche

 

 

Freitag kommt Fisch auf den Tisch. Warum eigentlich? Es ist der Kalender, der hilft, solche Fragen zu beantworten. Der fünfte Tag der Woche ist ein Hinweis auf den weltweit verbindlichen gregorianischen Kalender.

  Kalender sind Systeme zeitlicher Orientierung. Mit ihnen versucht der Mensch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu ordnen. Erst durch sie gibt es eine fixierbare Geschichte und lässt sich Zukunft planen – lassen sich Verabredungen treffen, Projekte entwerfen und vorbereiten.

  Der heute weltweit anerkannte Kalender, den China als letzte Nation im Jahr 1949 angenommen hat, ist der, den Papst Gregor XIII. 1582 einführt. Er ist in Tage, Wochen, Monate und Jahre eingeteilt, deren Dauer und Relationen aus den regelmäßigen Bewegungen von Erde, Sonne und Mond errechnet sind. Ein Jahr ist die Zeit, die die Erde für eine Umkreisung der Sonne benötigt, ein Monat die Zeit eines Mondumlaufs von einer Neumondphase zur nächsten und ein Tag die Zeit einer Umdrehung der Erde um sich selbst. Die Woche dagegen geht auf Mythen zurück. Nach dem biblischen Mythos – der auf orientalischen Erzählungen basiert – erschuf Gott die Welt in sieben Tagen. Der siebte Tag ist ein Ruhetag. Interessant ist, dass das Nicht-Erschaffen – die Ruhe – als Teil des Erschaffens aufgefasst wird. Nachdem Himmel, Erde und Licht erschaffen, Land und Wasser getrennt waren, schuf Gott am fünften Tag Pflanzen und Tiere und am sechsten Tag den Menschen. Am siebten Tag ruhte er.

  Der Fisch kommt am Freitag auf den Tisch, weil zwei Vorstellungen zusammentreffen: in der jüdischen Religion ist der Freitag – da einst die jüdische Woche am Sonntag begann – der sechste Wochentag, also der heutige Sabbat, ein Feiertag, an dem kein Fleisch gegessen werden darf. Im Christentum ist der Freitag ein Gedenktag an den Tod Christi, weshalb am fünften Wochentag kein Fleisch gegessen werden soll, sondern Fisch, wie in der Fastenzeit.

  Die Namen der sieben Wochentage leiten die Römer aus Sonne und Mond sowie aus den fünf mit bloßem Auge sichtbaren Planeten ab: Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn. Die romanischen Kulturen haben die Namensgebung weitgehend beibehalten. In der französischen Sprache sind die ersten fünf Wochentage nach dem römischen Vorbild benannt: Montag lundi (Mond), Dienstag mardi (Mars), Mittwoch mercredi (Merkur), Donnerstag jeudi (Jupiter), Freitag vendredi (Venus). Infolge der Christianisierung hat die deutsche Sprache die Namen nur teilweise übernommen. Der erste Wochentag ist dem Mond (Montag) gewidmet, der zweite dem griechischen Gott Zeus oder Dios (Dienstag), der dritte Tag ist zur Wochenmitte (Mittwoch) versachlicht, der vierte gehört dem germanischen Gott Donar (Donnerstag), der sechste ist an den jüdischen Sabbat (Samstag) angelehnt und der siebente Tag gehört der Sonne (Sonntag). Nur bei unserem fünften Wochentag ist die Sachlage komplizierter.

Die Römer widmen den fünften Tag, den Freitag, der Göttin Venus und nennen ihn Veneris dies (Tag der Venus). Venus ist die Göttin der Liebe. Und die Göttin all dessen, was sich um die Liebe rankt. Schönheit, Fruchtbarkeit und Genuss, Sinnlichkeit, Vergnügen und Ästhetik. Venus ist die Gottheit, die Harmonie ins Leben bringt. Insofern wäre für den fünften Wochentag eine Ableitung aus dem Namen der germanischen Göttin Freya angemessen, denn Freya ist die germanische Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit, des Glücks und des Frühlings, womit sie der römischen Göttin Venus ähnlich wäre.

Nun ist der fünfte Wochentag nicht der Freya gewidmet, sondern Freitag leitet sich von der germanischen Göttin Frigg oder Frigga ab, der Schutzherrin für Ehe und Mutterschaft. Sie bildet mit Odin, ihrem Göttergemahl, die höchste Instanz der germanischen Götterwelt. Liebesgöttinnen wie Venus und Freya fügen sich nicht der christlichen Vorstellung des Freitags ein, da Christus an einem Freitag – dem Karfreitag – am Kreuz gerichtet wurde. Aus diesem Grunde war der Freitag für viele Christen ein Unglückstag, zu dem eine Erinnerung an die Göttinnen Venus und Freya – den Gottheiten der Liebe und der Sinnlichkeit – unpassend gewesen wäre.

In der Kombination mit einem profanen Element wird die negative Einstellung dem Freitag gegenüber noch drastischer, nämlich wenn der Freitag auf den 13. Tag des Monats fällt: Freitag der 13. – ein Albtraum. Denn die 13 gilt als Unglückszahl. Aus der Kombination Tod Christi und Unglückszahl 13 lässt sich kein positiver Bezug herstellen. Die 13 ist eine Primzahl und damit von den anderen Zahlen isoliert, für sich. Hinzukommt, dass sie im Zahlensystem jenseits eines bedeutungsvollen Zusammenhangs steht, da sie den vollendeten Zahlen 10 und 12 nachfolgt.

Wenn auch mancher ein Unglück am Freitag, dem 13. befürchtet, Statistiken bestätigen den Freitag nicht als Unglückstag. Für die Angst vor diesem Tag gibt es einen Namen: Paraskavedekratia-Phobie, aufgrund derer mancher Unternehmungen wie Reisen, Arztbesuche oder sportliche Aktivitäten nicht auf einen Freitag, den 13. eines Monats legt.

In der modernen Arbeitswelt der Fünf-Tage-Arbeitswoche ist der Freitag der beliebteste aller Wochentage – sicher auch dann, wenn er auf den 13. des Monats fällt –, denn die arbeitsfreie Zeit steht unmittelbar bevor. Es sind die Freude auf das Ende der Arbeit und den Freitagabend sowie die Vorfreude auf das frei zu gestaltende Wochenende, die den Menschen am 5. Wochentag ruhig und ausgeglichen machen. Dabei schwingt der biblische Hinweis mit, dass zur Arbeit unbedingt Ruhe und Muße gehören.

Schon bei oberflächlicher Betrachtung der Kalender unterschiedlicher Kulturen wird erkennbar, dass der Mensch eine Ebene braucht, die jenseits seines Wirkungskreises liegt. Nicht sein Aufenthaltsort Erde, sondern der planetarische Raum und die Sterne geben seinem irdischen Leben die zeitliche Ordnung: Die fixen Bahnen von Mond und Sonne und der Planeten, die, wie die Erde, um die Sonne kreisen. Es ist die Ruhe, die der Mensch empfindet, wenn er sich gebettet weiß in einem größeren Zusammenhang von Planeten und Sternen. Es ist das Gefühl der Geborgenheit, in das er seine Sehnsucht einlassen kann und das ihm die Möglichkeit bietet, Halt in der Zeit zu finden. Ob er auf Götter und ihre Namen zurückgreift oder sich unmittelbar auf Sonne, Mond und Planeten bezieht – immer ist es das große Andere, in dem der Mensch sich angesichts der Weite des Alls aufgehoben fühlt, während er auf der winzigen Scholle Erde dahinsegelt.

Arbeit und Ruhe sowie Konzentration und Zerstreuung treffen in der modernen Welt am 5. Wochentag zusammen und geben dem Menschen eine positive Perspektive – das Ende der Woche, das Kraft gibt und vorbereitet auf die nachfolgende Woche, die mit Arbeit beginnt. Dadurch ist es der 5. Wochentag, der die Sorge des Menschen für sich und für die Gemeinschaft ausbalanciert und ihm die Möglichkeit gibt, motiviert und aufrecht durch die Arbeitswelt zu gehen.

 

 

 

 

 

 

V.

Das 5. Buch des Vitruv

 

 

Im antiken Ephesos verpflichtet ein Gesetz die Baumeister beim Bau von Staatsgebäuden zu einer verbindlichen Aussage über die Kosten eines Bauvorhabens. Übersteigen die Kosten die Vorausschätzung um mehr als ein Viertel, wird der zur Fertigstellung erforderliche Mehrbetrag dem Vermögen des Baumeisters entnommen. Der römische Architekt Vitruv bedauert, dass Rom über kein solches Gesetz verfügt. Wer ist dieser Vitruv?

Vitruv (84-27 v.Chr.) ist ein römischer Architekt und Ingenieur. Als Kenner der antiken griechischen und römischen Baukunst ist er Architekturhistoriker und erweist sich in seinem Werk De architectura libri decem (Zehn Bücher über die Baukunst) zugleich als brillanter Architekturtheoretiker. Das Werk, dem Kaiser Augustus gewidmet, ist das einzige, oder das einzig erhaltene, schriftliche Zeugnis antiker Baukunst. Dadurch ist Vitruv gleichsam ein Stellvertreter für alle nicht zu Wort gekommenen Theoretiker antiker Architektur. Und nur, weil es dieses Buch gibt, können sich Baumeister der Renaissance auf ihn berufen: wie Leon Batista Alberti, wie Raffael, Bramante und Michelangelo, die Erbauer des Petersdoms, oder wie der poetischste unter den Baumeistern, Andrea Palladio.

Der Renaissancearchitekt Andrea Palladio (1508-1580), für den die Architektur der römischen Antike unübertroffen ist, hat sich das Werk Vitruvs ausdrücklich zum Vorbild genommen.

Als er den Auftrag der Olympischen Akademie in Vicenza für den Bau des Teatro Olimpico erhält, leitet er den Entwurf aus den Ideen Vitruvs über das Theater ab, wie es im Buch V dargelegt ist. Die Akademie feierte Palladio als den neuen Vitruv: „Palladius noster, qui sit Vitruvius alter.“ (Möge unser Palladio ein neuer Vitruv sein.) Heute gehört das Theater zum Weltkulturerbe.

Palladio folgt in der Gestaltung des Grundrisses den von Vitruv angeführten Maßverhältnissen. Der Grundriss ist ein Kreis. Auf die Umfangslinie werden in gleichem Abstand 12 Punkte gesetzt, die zu 4 gleichseitigen Dreiecken verbunden werden. Die Größe und die Proportion von Bühne und Orchestra und die Grundlinie der Bühnenfront sind bestimmt durch die Dreiecke.

Palladio will in seinen Werken den Zeitgenossen die Ideen seines Vorbildes schmackhaft machen, um die antike Baukunst wiederzubeleben und der Zukunft zu erhalten. Da die Architektur Palladios und seine Ideen zur Architektur in seinem Buch „I Quattro Libri dell‘ Architettura“ bis heute nachwirken, gibt er der Architektur Vitruvs eine nahezu überzeitliche Dimension.

Doch was fasziniert Renaissance-Baumeister an Vitruv, dass sie ihn nach 1500 Jahren zu ihrem Vorbild machen? Weder, dass er im Dienst der Kaiser Cäsar und Augustus für die Konstruktion von Kriegsmaschinen zuständig ist, noch, dass er das Wassernetz Roms verbessert, noch dass er als Architekt die Basilika von Fano entwirft.

Es ist seine Vorstellung, dass der Mensch die Mitte der Welt ist. Das teilt der Renaissance-Mensch mit Vitruv. Vitruv beschreibt, warum der Mensch und seine Maße die Mitte der Architektur zu sein haben. Berühmt geworden ist seine Erläuterung durch die Zeichnung eines anderen: durch Leonardo da Vinci, dessen Zeichnung auch Vitruvianischer Mensch heißt.

Vitruv behandelt in seinem Werk die Architektur und ihre Elemente. Er schreibt über Plätze, Gebäudetypen und Akustik, über Astronomie, Wasserversorgung und Zeitmessung sowie über Kriegsmaschinen, Baumaterial und die Ausbildung des Architekten. Vitruv erörtert die Architektur unter historischen, ästhetischen, praktischen und theoretischen Gesichtspunkten. Im ersten Buch führt er unter dem Titel „Die Ausbildung der Baumeister“ aus, dass der Architekt Arithmetik und Geometrie beherrschen muss, ebenso Musik, Geschichte, Philosophie, Medizin, Jura und Astronomie. Weiterhin muss er über eine gute stilistische Bildung verfügen, gut zeichnen können und Kenntnis in Optik und Akustik besitzen. Er soll – im Grunde – Universalgelehrter sein. Das ist verständlich, wenn bedacht wird, dass gute Gebäude eine positive Wirkung auf den Menschen ausüben.

Das Buch V handelt von öffentlichen Gebäuden. Vom Marktplatz und der Basilika, vom Rathaus, Schatzhaus und Theater, von Bädern und Hafenanlagen. Vitruv macht dabei sichtbar, dass nichts für sich besteht, sondern alles einen Kontext hat, der analysiert, erkannt und architektonisch umgesetzt werden muss.

Der Marktplatz, das Forum ist die Mitte der römischen Gemeinschaft. Auf ihm werden Feste gefeiert, Geschäftsverträge abgeschlossen, religiöse Handlungen zelebriert und Schauspiele inszeniert. Vitruv betont, dass eine gute Architektur und Stadtplanung dem Frieden der Gemeinde und der Zufriedenheit des einzelnen dient. Die Größe des Forums muss der Anzahl der Bewohner einer Stadt angemessen sein: Damit Atmosphäre entsteht, dürfen sich die Menschen weder auf dem Forum verlieren noch darf Gedränge herrschen. Bei den Griechen hat der Marktplatz eine quadratische Form und die Säulen der den Markt umlaufenden doppelten Säulenhallen stehen eng aneinander. Da auf dem römischen Markt auch Gladiatoren-Spiele stattfinden, empfiehlt Vitruv eine Rechteckform mit der Proportion zwei zu drei. Die Interkolumnien – die Distanz zwischen den Säulen – sollen größer als bei den griechischen Vorbildern sein, um Raum zu schaffen für Einrichtungen wie Geldwechselplätze.

Die Basilika – ein Profanbau für Handel, Markt und Gerichtsbarkeit – soll ans Forum angrenzen. Für seinen Standort soll der wärmste Platz gewählt werden, damit sich Geschäftsleute dort auch im Winter treffen können. Auch das Rathaus liegt am Forum. In seinen Maßen soll es der Größe und den Proportionen des Forums sowie der Bedeutung der Stadt angemessen sein.

Der größte Abschnitt des Buches V handelt vom Theater. Der Ort sei behutsam auszuwählen – er brauche eine gute Akustik und müsse einen gesunden Aufenthalt ermöglichen. Damit beim Verlassen des Theaters kein Gedränge entstehe, müssten die Besucher der unterschiedlichen Etagen getrennt bleiben, sodass sie nach dem Theaterbesuch geregelt ins Freie gelangen. Deshalb sollte jede Etage über eigene Ein- und Ausgänge verfügen.

Vitruv untersucht und bewertet die Architektur mit Herz und Verstand. Wahrnehmend und beobachtend, nachdenkend und wissend vertraut er der eigenen Erfahrung und Vernunft. So wie die Menschen der Renaissance nicht länger Wahrheit und Erkenntnis nur in Christus sehen. Leonardo sagt: „Die Mutter aller Erkenntnis ist die Erfahrung.“

Es ist, als ob die Renaissance nahtlos an Vitruv anschließt. So, als hätte es das christliche Mittelalter nie gegeben, oder sei nur eine Laune und ein Umweg gewesen. Zugleich scheint es, als wäre mit der Kultur von Antike und Renaissance etwas Bleibendes angesprochen: So, wie Vitruvs Ideen noch im 20. Jahrhundert ihre Aktualität und Frische haben, wenn etwa der Architekt Le Corbusier in seinem Modulor den Menschen in die Mitte der Architektur stellt.

Die Architektur der Antike und der Renaissance zeigt ihre Aktualität in der Qualität. Darin liegt die Botschaft von Vitruv und Palladio: Halte in den Häusern, den Wohn- und Arbeitsräumen die Qualität der Materialien, der Gestaltung und der Funktionen hoch zum Wohl von Mensch und Gemeinschaft.

 

 

 

VI.

Quintessenz
 

 

Die Essenz der Fünf ist die Quintessenz. Die quinta essentia oder die fünfte Essenz. Allerdings ist die Quintessenz auch die Essenz aller anderen Ereignisse, Dinge, Lebewesen und geistigen Phänomene. Essenz ist der Kern einer Sache. Das Grundlegende und Notwendige, ohne das es die Sache nicht geben kann. Die Quintessenz ist das, wodurch Etwas das ist, was es ist. Aber warum die Fünf?

Die Quintessenz ist die Antwort auf die Frage, was im Wandel der Welt bleibt. Schon früh taucht in der Geschichte der Philosophie die Frage auf, wie überhaupt über etwas nachgedacht und gesprochen werden kann, wenn alles ständig in Bewegung, im Fluss ist, sich im Wandel befindet, wie der griechische Philosoph Heraklit annimmt. „Alles fließt“ ist sein berühmtes „Panta rhei“, und „Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen.“ Das verweist auf die Frage, ob es in der Welt etwas gibt, das bleibt. Etwas Unveränderliches, Unwandelbares. Eine immer gleiche Substanz. Die Frage ist deshalb wichtig, weil wir nur bei einer positiven Antwort Kenntnis von der Welt haben können. Und vom Menschen. Frage und Antwort finden sich in der Elemente-Lehre. Philosophen haben ein, zwei, drei, vier oder fünf unveränderliche Substanzen angenommen.

 Thales von Milet sieht im Wasser die Ursubstanz, aus der alles hervorgeht, Anaximenes in der Luft, aus der durch Druck Wasser und Erde entstehen, und Heraklit nahm im Feuer die Ursubstanz an. Für Parmenides sind es bereits zwei Substanzen, aus denen er die Welt aufgebaut sieht: das helle tätige Feuer und die dunkle passive Masse. Empedokles ist der Begründer der Vier-Elemente-Lehre. Er legt der Welt und ihrem unablässigen Werden und Vergehen die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde zugrunde.

Eine Drei-Elemente-Lehre kommt später bei den mittelalterlichen Alchemisten vor, die im Schwefel, Salz und Quecksilber drei unveränderbare Grundstoffe annehmen.

Der griechische Philosoph und Mathematiker Theaitetos hat bewiesen, dass es nur 5 vollkommen regelmäßige dreidimensionale Körper geben kann. Da sich sein Zeitgenosse Platon in seinem Werk Timaios intensiv mit diesen Polyedern beschäftigt, heißen sie Platonische Körper. Sie sind Tetraeder, Hexaeder (Würfel), Oktaeder, Ikosaeder und Dodekaeder. Alle Flächen eines Platonischen Körpers haben dieselbe Größe und dieselbe Gestalt, alle Kanten weisen dieselbe Länge auf und die Ecken haben denselben Abstand vom Mittelpunkt. Platon hat vier der Polyeder den vier Elementen zugeordnet – das Tetraeder steht für Feuer, der Würfel für Erde, der Oktaeder für Luft und der Ikosaeder für Wasser. Übrig bleibt der Dodekaeder.

Aristoteles, ein Schüler des Platon, hat den vier Elementen des Empedokles ein fünftes Element hinzugefügt. Er hat angenommen, dass ein geistiges Band fehle, um die vier materiebehafteten Elemente zu einem Ganzen zusammenzubinden. Das fünfte Element ist Äther, ein luftartiger Stoff, aber feiner als Luft. Für die Griechen der Antike ist der Äther die luftige Sphäre jenseits der Wolken. Ein geistig-spirituelles Prinzip. Nach Aristoteles durchdringt dieser feine Stoff, den er nun mit dem Dodekaeder assoziiert, die vier Elemente und verbindet sie zu einem Ganzen. Die fünf Elemente Feuer, Wasser, Luft, Erde und Äther sind die unveränderlichen Bestandteile der Welt, von denen nach Aristoteles der Äther das dem Rang nach erste Element ist. Aber nach der Reihenfolge seiner Entdeckung ist er das fünfte Element – eben die quinta essentia, die Quintessenz.

Auch der Mensch besteht aus diesen Elementen. Wie Feuer, Wasser, Luft und Erde materiebehaftet und eher passive Elemente sind, ist Äther ein geistiges, aktives Element. Im Kontext der Elemente-Lehre ist die Quintessenz zum Begriff des Wesens geworden. Zum Kern einer Sache, einer Idee, eines Ereignisses.

Das Wort Quintessenz ist eine nachträgliche Benennung durch römische Denker. Das altgriechische Wort für das lateinische Wort essentia und das deutsche Wort Wesen ist ousia. Ousia ist das, was notwendigerweise zu einer Sache gehört – ohne die sie nicht sein kann. Wesentliche Merkmale sind solche, die bei Veränderung unverändert bleiben. Obwohl sich der Mensch im Laufe seiner Entwicklung vom Säugling über das Kind, den Jugendlichen hin zum Erwachsenen und zum Greis in seiner Gestalt, Beweglichkeit und geistigen Fertigkeit verändert, hat er über die Zeit doch dieselbe Identität und kann sich in höchstem Alter immer noch mit einem mit achtzehn Jahren erworbenen Führerschein ausweisen. Er mag sich in allem noch so sehr gewandelt haben, kaum wiederzuerkennen sein – er ist im Wandel derselbe geblieben. Dieses identisch Gebliebene und Unveränderliche ist die Quintessenz.

Die Lehre von den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde gehört nach Aristoteles in die Physik und die Naturlehre, dagegen seine Fünf-Elemente-Lehre durch die Qintessenz in das, was nach der Physik kommt – in die Metaphysik. Mit der quinta essentia hat Aristoteles eine hierarchische Gliederung bei der Erklärung der Welt ins Sein gebracht.

Die Chinesische Philosophie kennt auch eine Fünf-Elemente-Lehre. Neben Feuer, Wasser, Luft und Erde führt sie das Metall an.

Die der Welt zugrundeliegenden Elemente bauen die Welt auf und sind ihre konstruktiven Bausteine. Sie können aber auch zu destruktiven Kräften werden, die sich in der Sintflut (Wasser), einer Feuersbrunst (Feuer), in Orkanen (Luft), Erdbeben (Erde) und in kulturellen Niedergängen (Äther) offenbaren und in frühen Kulturen immer als Ausdruck eines göttlichen Willens gedeutet werden, dem Sünde, Verfehlung und Versagen der Menschen vorausgehen. Mit der Beherrschung der Elemente ist eine Moral verbunden: Wenn sich die Menschen gut, richtig und gottgefällig verhalten, sind die Elemente auf ihrer Seite.

Jede Kultur hat neben ihrer Weltsicht und offiziellen Religion immer noch eine Elemente-Lehre in der Schublade, die sich in poetischen Formeln offenbart. Inder und Tibeter legen ihrer Weltbetrachtung eine Ursubstanz wie den Äther zugrunde. Es ist der Atem, der Innen und Außen verbindet und sich in der Idee des Praña zeigt. In ihrem Weisheitsbuch, den Upanischaden, heißt es: „Der Atem webt das All“. Hier haben die Elemente Luft und Äther für die Vorstellung der Weltschöpfung den Vorrang. Den Vorrag des Feuers betont die griechische Mythologie. Der Gott Prometheus stielt den Göttern das Feuer, um es den Menschen zu bringen, mit dem sich die Menschen nicht nur zivilisieren, sondern durch das sie auch den Göttern ähnlich werden. Das Feuer ist ein das menschliche Dasein überschreitendes Prinzip, das die Menschen in eine neue Existenz führt. In der ägyptischen Mythologie ist es das Element Erde. Wenn nach der Nilüberschwemmung die Wasserflut zurückgeht, ist der erste winzige Hügel, der aus den Fluten des Nil ragt, ein heiliger Ort, ein Fleck Erde, der Benbenstein genannt wird, auf den sich der Benu, der Reiher stellt. Dieses kleine Stück Erde gilt als der Urhügel, von dem aus die Welt neu erschaffen wird.

Die Essenz eines Quintetts aus Feuer, Wasser, Luft, Erde und Äther ist das Wesen einer dynamischen Mannschaft, in der alle Urkräfte und möglichen Anlagen versammelt sind. Urkräfte sind schöpferische Kräfte, sind Kreativität.

 

 

 

 

 

 

VII.

Das Zahlensystem und die Zahl 5

 

 

Zählen und erzählen. Zählung und Erzählung. Zahlen erzählen. In vielen Kulturen erzählen Zahlen von Organisationsprinzipien des Universums. Das deutsche Wort Zahl und das englische Wort tale für Fabel und Erzählung sind verwandt. Die Jahreszeiten und die Bewegung der Planeten, die Pflanzen- und Tierwelt, Gesteinsformationen, Kristalle und die Harmonie der Musik gründen in Verhältnissen von Zahlen.

Die Fünf ist eine besondere Zahl. Sie ist eine natürliche Zahl und eine Primzahl. In der deutschen Sprache gibt es mit wenigen Ausnahmen von Eigennamen nur drei Wörter, die auf „nf“ enden: Senf, Hanf, Fünf. Die römischen Zahlen für 5 und 10 hängen eng zusammen. 5 ist das römische V und 10 das römische X. Das X ist das doppelte V – einmal nach oben, einmal nach unten offen. Daraus ergeben sich die Betrugsmetapher und die Möglichkeit, jemandem ein X für ein U vorzumachen. Da das römische V ein konsonantisches U ist, bedeutet das, eine 5 als 10 auszugeben.Weltweit liegt das Dezimal- oder Zehnersystem dem Waren-, Vermessungs- und Geldverkehr zugrunde. Es hat seine Basis in der Zehn, den beiden Händen des Menschen: zwei Mal fünf Finger. Die 5 erfüllt in dem Zahlensystem, wie jede andere Zahl zwei Funktionen: Sie ist eine Ordinalzahl und eine Kardinalzahl. Als Ordinalzahl ist sie das Glied einer Folge von Zahlen und zeigt ihre Position zwischen 4 und 6 an, als Kardinalzahl bringt sie die Anzahl und die Menge Fünf zum Ausdruck. Eine einfache Funktion des Zahlensystems ist das Zählen. Beim Zählen von Gegenständen mit Hilfe der Hand wird mit jedem weiteren Gegenstand ein Finger hinzugenommen. Ist man bei 5 angelangt, kommt die zweite Hand ins Spiel. Bei mehr als zehn Gegenständen braucht man andere Verfahren. Etwa das Zählen mit Strichen in Fünferblöcken: vier vertikale Striche und eine Diagonale; wie die vier Finger und der diagonale Daumen. Werden auch die Blöcke unüberschaubar, müssen für Finger und Striche Symbole eingeführt werden – die Ziffern oder Zahlzeichen.

Entstanden sind Zahlen im Zusammenhang mit realen Vorgängen wie der Landvermessung, dem Hausbau und dem Erheben und Eintreiben von Steuern. Für sich sind Zahlen bedeutungslose Zeichen. Bedeutung erhalten sie erst in einem Schema oder Zahlensystem, das den Umgang mit Zahlen vorschreibt.

Zahlensysteme bieten Verfahren für unterschiedliche Berechnungsprobleme: Die Multiplikation als vereinfachtes Verfahren zur Addition und das Potenzieren als vereinfachtes Verfahren zur Multiplikation. Dasselbe gilt für die Division und das Wurzelziehen.

Das Zehnersystem verfügt über zehn Ziffern 0, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8 und 9. Die 0 zeigt den Übergang von den Einern zu den Zehnern an. Durch die Übergänge erhalten Zahlen einen Stellenwert: Die Zahl 245 bedeutet 5 mal Eins plus 4 mal Zehn plus 2 mal Hundert.

Zahlensysteme sind Kalküle. Axiomatische Gebilde aus Elementen, Definitionen (Axiomen) und Umformungsregeln. So besteht im Zehnersystem eine Regel darin, dass keine Zahl durch 0 dividiert werden darf. Oder dass bei Zehn ein Übergang stattfindet von 10 Einern zu einem Zehner und 0 Einern. Die Römer hatten ein Zahlensystem mit dem Übergang bei 12, die Maya bei 20 und die Babylonier bei 60. Ein Zahlensystem zur Basis fünf gibt es nur indirekt. In der Bantusprache sind die Namen der Zahlen 6, 7, 8 und 9 Additionen zur Basis 5, was auf eine Hand hinweist: Danach sind 6=5+1, 7=5+2, 8=5+3 und 9=5+4.

Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz hat das Zählen von den Fingern befreit und das Dual- oder Binärsystem entwickelt. Anstelle der Zehn gibt es nur zwei Ziffern: 0 und 1, mit dem Übergang bei 2. Der Binärcode ist ein Wegbereiter aller digitalen Errungenschaften, in der die 1 Ja bedeutet, das Fließen eines Stromes, und 0 Nein, das Unterbrechen des Stroms.

Mathematiker operieren mit natürlichen, ganzen, rationalen und irrationalen, reellen, komplexen und mit imaginären Zahlen.

Eine Anekdote und eine wahre Geschichte liefern Hinweise auf den besonderen Charakter von Zahlen für den Menschen. Die Anekdote bezieht sich auf den Mathematiker Carl Friedrich Gauß: Als sein Lehrer der Klasse die Aufgabe stellt, die Zahlen von 1 bis 100 zu addieren, um die Schüler eine Zeitlang zu beschäftigen, legt der siebenjährige Carl Friedrich in kurzer Zeit dem Lehrer das Resultat auf den Tisch. Das Kind hat die Zahlen nicht – wie erwartet – addiert, sondern ein Schema erkannt und angewendet. Er hat die Reihe 100 bis 1 gedanklich unter die Reihe 1 bis 100 geschrieben, sodass 1 über 100, 2 über 99, 3 über 98 und so fort stehen. Die Summe beider Zahlen lautet immer 101. Da es 100 Glieder sind, multipliziert er 101 mit 100 und dividiert sie durch 2, da er nur eine Reihe berechnen soll. Die Antwort: 101 mal 100 durch 2 = 5050. Die allgemeine Formel – bekannt als Kleiner Gauß – lautet: 1+2+3+4+5+…+n = ∑= ½ n(n+1).

In seinem Buch Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte berichtet der Londoner Neurologe Oliver Sacks eine wahre Geschichte von zwei autistischen Zwillingen, die addieren und subtrahieren können, aber nicht multiplizieren und dividieren. Sie sind dennoch Experten für Primzahlen. Als eine Streichholzschachtel vom Tisch fällt, rufen sie spontan 111 und 37. Sie haben in der Kürze die Streichhölzer nicht zählen können, sondern – wie sie sagen – die Zahl 111 gesehen. Mit 37 deuten sie die Primzahl in 111 an. Primzahlen sind ihre Leidenschaft: Einer von ihnen nennt beispielsweise eine sechsstellige Zahl und der andere bestätigt die Richtigkeit mit freudigem Kopfnicken, und nennt seinerseits eine Primzahl. Als Oliver Sacks erkennt, dass es sich um ein Spiel mit Primzahlen handelt, besorgt er ein Tabellenbuch mit bis zu 10-stelligen Primzahlen und spielt am folgenden Tag mit. Er nennt eine 8-stellige, dann eine 10-stellige Primzahl, die jeweils durch begeistertes Kopfnicken bestätigt werden. Nun auf den Geschmack gekommen erhöhen die Zwillinge nach und nach die Zahlen und spielen dann ihr Spiel mit 20-stelligen Primzahlen. Das ist bemerkenswert, da bisher keine Bildungsregel für Primzahlen bekannt ist.

Wie zu sehen, sind Zahlen nicht für jeden abstrakte, schwer zugängliche Phänomene, sondern die Beschäftigung mit ihnen kann glücklich machen, wenn man versteht, was sie erzählen. Auch der Autist Daniel Dammit ist so ein zahlenglücklicher Mensch. In einem Interview sagt er: „Mich erfüllt es, schöner Musik zu lauschen, ein Buch zu lesen oder an meine Zahlen zu denken. Das ist für mich wie Meditation.“ 

  Zahlensysteme sind vergleichbar. Die Zahl 48 eines 10-Systems (Basis 10) wird folgendermaßen zur Zahl eines 5-Systems (Anteon-Basis): Schrittweise wird 48 durch 5 geteilt und die jeweiligen Restwerte liefern die Zahl im 5-System: 48:5=9/Rest 3; 9:5=1/Rest 4; 1:5=0/Rest 1. Der erste Rest ist die Zahl mit dem Einer-Wert. Die Zahl 48 im 10-System wird zur Zahl 143 im 5-System.

 

 

 

VIII.

Die 5 Sinne

 

 

Die fünf Sinne gehören zum Menschen und seinem lebendigen Körper. Sie sind seine Antennen, die den Augenblick aufnehmen, der Wahrnehmung zuführen und sein Bild von der Welt konstruieren. In der sinnlichen Wahrnehmung der Welt hat der Mensch das Gefühl des Lebendigseins. Und nur das sinnlich Erfasste, das heißt, die mit den Sinnen besetzte Welt ist seine wirkliche Welt.

Von Welt wird der Mensch durchdrungen. Von einer Innenwelt und einer Außenwelt. Von innen nimmt er Atem und Bewegung, Herzschlag, Körpergrenzen und die eigene Stimme wahr, von außen treffen Geräusche das Trommelfell des Ohres, Lichtstrahlen die Netzhaut des Auges, Aromen die Geschmacksrezeptoren von Zunge und Lippe, Gerüche die Schleimhaut der Nase und Berührungen die Haut. Mit den Sinnen hat der Mensch seinen eigentlichen Bezug zur Welt. Das bedeutet, er hat eine Beziehung zur Welt, die ihm Geborgenheit verschafft, nur dadurch, dass er sie mit seinen Sinnen aufnimmt und dass er mit seinen Sinnen in der Welt in Bewegung ist.

Die Notwendigkeit und das Glück, sich in der Welt zu fühlen und nicht ohne Sinn, sinnlos zu sein und sich in der Welt orientieren zu können, nimmt seinen Anfang bereits in vormenschlicher Zeit: Es beginnt mit dem Auftauchen einer Suchbewegung und dem Erscheinen einer besonderen Zelle – der Nervenzelle –, wie uns der chilenische Biologe Humberto Maturana lehrt. Das Wichtige ist, dass mit ihr die Empfindsamkeit in die Welt kommt, mit der ein lebendiger Körper die Welt in der Bewegung erfährt und in sich hinein holt. Nach und nach schließen sich Nervenzellen zu einem System, dem Nervensystem, zusammen, das zu einem zentralen Organ, dem Gehirn, führt. Das Gehirn wiederum erhält von den aus Sinneszellen gebildeten Rezeptoren der Sinnesorgane seine Informationen aus der Umwelt und verarbeitet sie.

 Im Laufe der Evolution lokalisieren sich die Sinneszellen an taktilen und gustatorischen Orten und in Riech-, Seh- und Hörorganen und bringen die fünf Sinne hervor. Die Sinne werden gebraucht, um zu überleben – bei der Nahrungssuche und der Verteidigung, beim Angriff und auf der Flucht. Aber da die Sinne gleichsam das Lebendigsein repräsentieren und erfahrbar machen, führen sie den Menschen über das bloße Überleben hinaus. Die Sinne, so könnte man sagen, teilen uns gerade das über den Sinn des Lebens mit. Bestünde der Sinn im Wohlbefinden und im Glück des Menschen, so wären die Erfüllung der Sinne – ihr reger Gebrauch und die volle Anwesenheit am Ort und in der Zeit – auch der Sinn des Lebens. Der Sinn ist der Sinn. Und der Sinn ist die Suche.

Die Kapazität der Sinne vergrößert sich durch ihren Gebrauch. Sie werden genutzt und verfeinern sich, oder sie verkümmern. Die Sinne zu gebrauchen bedeutet auch, die fünf Sinne zusammenarbeiten zu lassen. Je mehr die einzelnen Sinne an einer Wahrnehmung beteiligt sind, desto differenzierter ist diese Wahrnehmung, da die Sinne einander ergänzen. So gibt es die entwicklungsgeschichtlich alte Funktion der Intuition, die dem kinästhetischen Sinn zugeordnet ist und hilft, Gefahren zu vermeiden, indem schnelle Entscheidungen ohne Beteiligung der Vernunft – da sie zu viel Zeit brauchen würde – getroffen werden können. Die Intuition basiert auf emotional besetzten Erinnerungen und Erfahrungen, die Entscheidungen über das Gefühl ermöglichen und in dieser Weise die Rationalität ergänzt. Ein beeindruckendes Beispiel für die Entscheidungsart über die Sinne gibt der Psychologe Antonio R. Damasio. Er berichtet von einem Patienten, der nach der Entfernung eines Gehirntumors sein Gefühl verlor. Er verfügte nach wie vor über eine gute Wahrnehmung, eine hohe Intelligenz und ein gutes Gedächtnis, doch mit dem Gefühl verlor er auch die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Er verlor die Intuition, den Urantrieb für seine Entscheidungen. Die Vernunft hatte ihren Grund verloren, ihren Boden unter den Füßen und war allein nicht entscheidungs-fähig. Das Leben zwingt permanent zu Entscheidungen, denn sie liegen sowohl dem Tun zugrunde als auch dem Nicht-Tun, das auch einer Entscheidung bedarf. Aus einer unendlichen Kette solcher Entschlüsse besteht das Leben. Entscheidungen verlangen Gefühl und Verstand. Wer sich nicht spüren kann, kann sich auch nicht entscheiden.

In der Zusammenarbeit der Sinne stellt jeder Sinn ein Fachgebiet dar, das im Zusammentreffen mit anderen Sinnen eine Vieldimensionalität erzeugt. Die Sinne kommen zusammen, registrieren eine Differenz und überraschen den Menschen mit einem Gefühl der Resonanz und der Ausgewogenheit. Sie bilden Paare und Gruppen, um die Wahrnehmung zu erweitern und immer mehr zu differenzieren:

Sehen und Fühlen

Riechen und Schmecken

Hören und Sehen

Riechen und Sehen

Hören und Fühlen

Schmecken und Sehen

Im Zusammenwirken von Hören, Fühlen und Riechen entsteht Atmosphäre, im Zusammenwirken von Schmecken, Riechen und Sehen Genuss. Die Raumvorstellung entsteht durch Hören, Sehen und Tasten unter Einbeziehung des Gleichgewichts, und Zeit wird wahrgenommen über die innere Wahrnehmung von Atem, Herzschlag und Befindlichkeit. Dass das Zeitempfinden eine innere Wahrnehmung ist, hat Immanuel Kant herausgestellt. Und wie wir gesehen haben, ermöglicht die Kombination aus Sehen, Hören und Fühlen die Entscheidung.

Die Sinne arbeiten nicht nur zusammen, sie stellen sich auch aufeinander ein. Sie balancieren und schwingen miteinander, regen sich gegenseitig an, beeinflussen sich und bilden das System einer je individuellen sinnlichen Wahrnehmung.

Jeder Mensch hat dabei seinen eigenen charakteristischen Modus. Das bedeutet, dass Menschen in ihrer Wahrnehmung der Welt sehr unterschiedlich sind. Dieser Unterschied ergibt sich aus einer Hierarchie des Gebrauchs der Sinne. Daraus, dass jeder Mensch einen der fünf Sinne bevorzugt, leiten sich unterschiedliche Wahrnehmungscharaktere ab: der visuelle Mensch, der eher zur Rationalität neigt und analytisch denkt, der kinästhetische Typ, der zur Wahrnehmung der Umwelt eher seine Empfindungen einsetzt und empfindsam ist, der auditive Typ, der gut zuhört, aufmerksam und musikalisch ist.

Diese Unterschiedlichkeit kann zu Schwierigkeiten in der Kommunikation führen, zu bekannten Problemen, die der Mensch Missverständnis nennt. Missverständnisse sind darauf zurückzuführen, dass Menschen ihren favorisierten Sinn und mit ihm ihre persönliche Art der Aufmerksamkeit und der Wahrnehmung als Norm erleben, ohne zu bemerken, dass andere Menschen einen anderen Sinn favorisieren und einer anderen Norm folgen. Der eine kann die Botschaft des anderen nur bedingt empfangen, da ihre Normen, ihre Sprachen nicht kompatibel sind.

Die Inkompatibilität zwischen rationalen und emotionalen Menschen in der Kommunikation ist dabei ein Klassiker, doch die Inkompatibilität ist nicht naturgegeben. In dem Moment, in dem die Gesprächspartner miteinander einen unüberwindlichen Abgrund erleben, kommt es darauf an, dass sie sich aufeinander einstimmen, indem sie bei sich selbst den nötigen Sinn aktivieren: der rationale Typ den kinästhetischen und der emotionale den visuellen Sinn, um die Sinnesmodalität des anderen zu erkennen und sich darauf einzulassen. So kommunizieren sie auf mehreren Ebenen und können achtsam sein, zuhören und die Botschaft des anderen empfangen.

Für eine gute Kommunikation sind alle fünf Sinne wichtig. Gute Kommunikation ist die Fähigkeit, von den unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Denkformen der Menschen zu wissen, und zu verstehen, wie man auf die Sinnesmodalität anderer Menschen eingeht. Das ist die Fähigkeit zu Offenheit und Vertrauen und die Bereitschaft, sich ohne Vorbehalte auf andere einzulassen. Kommunikation gelingt erst, wenn die an einer Kommunikation Teilhabenden dazu bereit sind. Erst dann ergeben sich Möglichkeiten, erfolgreich ein gemeinsam gestecktes Ziel zu erreichen, erst dann kann das gemeinsame Schwingen zu einem gemeinsamen Planen und Handeln führen. Die Sinne bilden dazu den gemeinsamen Ort und seine Transzendenz. Sie bilden das Miteinander und die Achtsamkeit, das Glück und die Zuversicht. Das sind die Augenblicke, in der die Sinne Kreativität erzeugen und Visionen entstehen lassen – dann entsteht so etwas wie ein sechster Sinn. Ein Gespür für das, was kommen wird, um darauf angemessen zu reagieren. Weitsicht und Zukunft ergeben sich aus der guten Kommunikation der Sinne, die in eine gute Kommunikation der Menschen mündet. 

Zwei Menschen, die miteinander in Schwingung, einander zugetan und verliebt sind, harmonieren und bilden ein erstes Wir. Ein Paar. Wenn drei, vier und fünf Menschen sich aufeinander einstimmen, sodass sie gemeinsam schwingen, bilden sie bereits eine kleine Gemeinschaft, immer aber ein großes Wir.

 

 

 

IX.

Die 5 Wirbeltierklassen

 

 

Der Zoologe Ernst Haeckel entdeckt in seinen Forschungen im Jahr 1870, dass sich Embryonen unterschiedlicher Wirbeltiere ähneln. Als er – um die Ähnlichkeit zu veranschaulichen – eine Tafel unterschiedlicher Embryonen in drei Entwicklungsphasen anfertigen will, ihm aber geeignete Abbildungen menschlicher Embryonen fehlen, verwendet er an deren Stelle Abbildungen von Embryonen eines Hundes, ohne dass der kleine Schwindel den Experten jahrzehntelang auffällt.

Haeckels Folgerung, dass alle Lebewesen in ihrer embryonalen Entwicklung noch einmal die Evolution durchlaufen, stimmt nur bedingt, denn durchlaufen oder rekapituliert werden nur bestimmte Strukturen, die die Weiterentwicklung vorantreiben. In der Rekapitulation hat sich die Natur eine Möglichkeit zur Vielfalt geschaffen. Erstaunlich bleibt, wie sich Strukturen der Wirbeltiere ähneln und wie sie über Jahrmillionen bewahrt und bis heute weitergetragen werden.

Das älteste Wirbeltier ist der Fisch. Ihm folgen Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere. Der Paläontologe Neil Shubin hat ein Buch mit dem bemerkenswerten Titel „Der Fisch in uns“ geschrieben und darin festgestellt, dass der Körperbau unserer tierischen Vorfahren einfachere Versionen unseres eigenen Körperbaus sind.

Das Leben arbeitet sich aus der Erde heraus. Bakterien und Kleinstlebewesen bereiteten den Boden für ein Leben auf der Erde vor und mit der Bildung einer Ozonschicht in der Erdatmosphäre wird es möglich, dass Lebewesen das Wasser verlassen und sich an die Luft und das Trockene wagen. Pflanzen sind die ersten. Ihnen folgen die Tiere. Auch die Wirbeltiere – die Stammeslinie, aus der der Mensch hervorgeht.

Wirbeltiere sind Lebewesen mit einer Wirbelsäule und einem inneren Achsenskelett, das die aus Wirbeln aufgebaute Wirbelsäule stützt. Das Skelett gibt dem Körper der Lebewesen Halt und Festigkeit, die Wirbelsäule Beweglichkeit.

Alle Wirbeltiere haben zwei Extremitäten-Paare, zwei Arme und zwei Beine. Das Zentralnervensystem besteht aus dem Rückenmark, das parallel zur Längsachse des Körpers verläuft und am vorderen Ende in das Gehirn mündet, das durch eine harte Schale, die Kalotte geschützt ist.

Die ersten Wirbeltiere, die Fische, atmen durch Kiemen, haben Brust- und Bauchflossen und eine Haut mit Schuppen. Fische schwimmen waagerecht – bis auf gelegentliche, kurze Nickerchen in der Vertikalen. Sie leben in der Schwebe, da das spezifische Gewicht des Wassers etwa ihrer eigenen Schwere entspricht. Durch das Aufnehmen von Sauerstoff können sie ihr spezifisches Gewicht und so die Höhenlage im Wasser verändern.

Für das Heraustreten aus dem Wasser musste sich alles ändern: Organe, Gliedmaßen, Sinnesorgane und das Gehirn. Ein stützendes Element wird erforderlich, das Skelett mit fester Querachse, dem Becken, denn die Schwere wird durch den Verlust des Auftriebs im Wasser wirksam. Eine Muskulatur muss ausgebildet werden, die für die Vorwärtsbewegung auf dem Land kräftig genug ist. Die Kiemenatmung muss durch Lungen ersetzt werden und das Gehirn muss sich zur Bewältigung der neuen Aufgaben umstrukturieren.

Deshalb ist der Übergang vom Wasser zur Luft eine Periode, in der Fische vielfältige Übergangsformen aufweisen. Der Knochenfisch atmet durch Lungen und der Quastenflosser kann lange Strecken auf dem Land zurücklegen, etwa um eine neue Wasserstelle zu suchen. Seine Flossen befinden sich am Ende von stielartigen Beinen. Der Tiktaalik hat ein Arm-Hand-Schema, das allen Wirbeltieren, einschließlich des Menschen, gemeinsam ist: einen Oberarmknochen, zwei Unterarmknochen, eine Knochenansammlung als Handmitte und fünf Strahlen – die Finger. Dasselbe Schema gilt für Bein und Fuß.

Amphibien sind Nachfahren der Fische. Entstanden vor 375 Millionen Jahren. Amphibien sind Frösche und Molche. Sie haben Gemeinsamkeiten mit den Lungenfischen und den Quastenflossern. Als Larven leben Amphibien im Wasser, nach der Reife meist auf dem Land. Die Haut ist mit Drüsen durchzogen, um sie feucht zu halten. Die neuartige Umgebung und neue Funktionen wie das Springen des Frosches oder das schnelle Gleiten von Salamandern und Molchen fordern ein kräftiges Becken. Kiemen sind zu Lungen umgestaltet, das Ohr bildet neben dem Innenohr ein Mittelohr aus und die paarig angeordneten Flossen werden zu kräftigen Extremitäten.

Reptilien sind Nachfahren der Amphibien. Entstanden vor 250 Millionen Jahren. Sie sind Kriechtiere und die ersten echten Landbewohner. Das Wort Reptil stammt von repere, das kriechen bedeutet. Reptilien sind etwa Schlangen, Krokodile und Schildkröten, die durch Lungen atmen, aber kein Zwerchfell haben, sodass sie mit der Muskulatur von Bauch und Brustkorb atmen. Sie haben eine schuppenbedeckte Haut und leben vorwiegend in warmen Regionen, da sie wechselwarme Tiere sind, deren Körpertemperatur von der Temperatur der Umgebung abhängt. Da Reptilien Eier legen und auf dem Land leben, müssen die Eier vor dem Austrocknen geschützt werden. Diese Funktion übernimmt das Amnion, eine schützende, wasserundurchlässige und ernährende Haut, die das Ei umschließt. Erst das Amnioten-Ei macht das Leben von Reptilien, Vögeln und Säugetieren auf dem Land möglich.

Säugetiere sind Nachfahren der Reptilien. Entstanden vor 200 Millionen Jahren. Sie haben Milchdrüsen und können ihre Körpertemperatur unabhängig von der Umgebung konstant halten. Das Beißen und Hören ändert sich. Säugetiere haben eine genaue Okklusion und können deshalb präzise kauen. Sie können durch die drei Gehörknöchel Hammer, Amboss und Steigbügel im Innenohr auch sehr gut hören. Und erstmals gibt es die Ohrmuschel. Das Kriechen haben Säugetiere durch eine neue Position der Beine überwunden, die nicht mehr seitlich abstehen wie bei Fischen, Amphibien und Reptilien, sondern vom Rumpf senkrecht zum Boden verlaufen, sodass ein Abheben des Rumpfes und eine rasche vierfüßige Fortbewegung möglich werden.

Vögel sind Nachfahren von Reptilien, weisen aber auch Merkmale von Säugetieren auf. Entstanden sind sie vor etwa 150 Millionen Jahren. Ihre Merkmale heißen Flügel, Federkleid und Schnabel. Vögel sind Flugtiere. Wie Säugetiere haben sie ein Herz mit vier Kammern und wie Reptilien legen sie Eier. Ihre Federn sind mit den Schuppen der Reptilien verwandt. Ihr leichter Körperbau leitet sich ganz aus der Funktion des Fliegens ab. Deshalb sind die Knochen entweder dünn oder hohl. Dank ihres Flugvermögens sind Vögel überall auf der Erde beheimatet. Das Gefieder dient dem Fliegen und Wärmen, bei den Männchen auch der Schönheit.

Ein spezielles Lebewesen unter den Säugetieren ist der Mensch. Er ist das einzige aufrechte Lebewesen. Mit vertikaler Wirbelsäule, durchgedrückten Knien und gestreckten Hüftgelenken. Eine Bedingung für die aufrechte Körperhaltung ist die besondere Konstellation von Fuß und Bein: Sie müssen in einem rechten Winkel zueinander stehen. Es ist die Aufrichtung, die die Hände vom Boden befreit. Infolge der Differenzierung von linker und rechter Hand beim Herstellen von Werkzeugen spezialisieren sich auch die beiden Gehirnhälften und bringen das charakteristische Gehirn des Menschen hervor.

Der Mensch hat viele Spezialitäten zugunsten allgemeiner Fertigkeiten aufgegeben. Andere Lebewesen sehen schärfer, sind kräftiger, rennen schneller, haben eine bessere Nase und hören besser, doch der Mensch ist außergewöhnlich intelligent, kreativ, willensstark und hat ein Bewusstsein von sich.

Mit solchen Merkmalen ausgestattet ist er in der Lage, Kultur zu schaffen, zu bewahren, zu entwickeln und zu planen. So hat er innerhalb von nur zehntausend Jahren der Erde ein völlig neues Aussehen gegeben. Eine Veränderung, die interessanterweise ihren Ausgangspunkt beim Hausbau nimmt. Umherstreifend durch das Gelände können sich Jäger und Sammler keine territoriale Macht aneignen. Dazu bedarf es eines festen, gesicherten und produktiven Ortes – des Hauses –, um von ihm ausgehend immer weiter auszuschweifen und nach und nach die Erde mit einem Netz zusammenhängender Siedlungen und Handelsrouten, Verkehrswegen und Datenautobahnen zu erschließen.

Das fünfte Wirbeltier hat durch die Immobilie, das Haus, seine leibliche Mobilität stark reduziert. Aber es hat sein Potenzial auch genutzt, um tiefgreifend in die Gestalt seines Wirbeltierdaseins einzugreifen und Geist und Kommunikation durch Technologien enorm zu beschleunigen. Hat es Millionen Jahre gebraucht, um sich aus einer gebeugten Haltung ganz aufzurichten, sind es nur hundert Jahre, um die Aufrichtung in die Beugung des Sitzens umzuwandeln und der Säule eine neue Form zu geben. Der Homo erectus wird zum Homo sedens. Die Alternative aus dieser prekären Position besteht darin, einerseits das Sitzen, insbesondere im Büro, ernst zu nehmen und zu ritualisieren, und andererseits die Beweglichkeit der Säule trainierend zu schützen und beweglich zu halten.

 

 

 

X.

Die Hand

 

 

Hände sind frei. Sie klatschen, greifen und winken, streicheln, lösen und stoßen, schlagen, halten und schieben. Hände können auch drücken, gestikulieren und zählen.

Solche vielfältigen Gesten, Bewegungen und Bekundungen sind möglich, weil Hände frei sind. Frei von den Aufgaben der Vorwärtsbewegung infolge der Aufrichtung. Nur wer Hände hat, kann handeln – das ist der Mensch. Er kann handeln aufgrund seiner Hände. Und aufgrund seines durch die Hände entwickelten Gehirns. Dass der Mensch handelt, bedeutet, dass er etwas mit Bewusstheit tut.

Wie das hoch entwickelte Gehirn eine differenzierte Handtätigkeit voraussetzt, so hat die Hand ihre Voraussetzung im menschlichen Fuß. Erst seine besondere Form macht die Aufrichtung des Menschen möglich und damit die Befreiung der Hand vom Erdboden. Nur der Mensch ist in der Lage, mit vertikaler Wirbelsäule für längere Zeit aufrecht auf zwei Beinen zu stehen und zu gehen. Nur er steht mit gestreckten Knien, gestreckter Hüfte und balanciert den Kopf in vertikaler Position auf der Wirbelsäule.

Die fünf Finger in Verbindung mit der Opposition des Daumens sind das Charakteristikum der menschlichen Hand. Hinzu kommen zwei Funktionen, die meist unbedacht bleiben, über die bereits viele Säugetiere verfügen: Im Vergleich zur Position des Ellenbogens kann die Hand gedreht werden, eine gute Voraussetzung für die handwerkliche Arbeit. Hände und Arme können auch überkreuzt werden, sodass linke Hand und linker Arm, sowie rechte Hand und rechter Arm die Körpermitte überschreiten und in den jeweils anderen Körperraum ausgreifen können. Dadurch kann sich der Mensch umfassen. Diese Konstellationen sind es, die die Hand so vielseitig beweglich und erfolgreich machen. Die hochtechnisierte Welt ist ein Produkt der fünffach gegliederten Hand und ihrer Beweglichkeit.

Handbewegungen erhalten durch die fünf Finger eine individuelle Note, denn jeder Mensch grüßt auf seine Weise, hält die Tasse Kaffee und das Weinglas individuell in der Höhe und hat eine eigene Art, die Tasten von Computer und Klavier zu bedienen.

Doch Hand ist nicht gleich Hand. Die Tätigkeiten und die Art ihrer Ausführung sind auf die linke und die rechte Hand unterschiedlich verteilt. Die Differenzierung der Tätigkeit der Hände hat dem Gehirn zu einem größeren Gewicht verholfen und sein Potenzial in unglaubliche Höhen geschraubt. Es ist gerade diese Differenzierung in die linke und die rechte Hand und in die linke und rechte Gehirnhälfte, die im Verlauf der Evolution aus dem Homo erectus den heutigen Menschen, den Homo sapiens gemacht hat.

Die rechte Hand dominiert. In allen Kulturen der Welt. Seit mindestens einer Million Jahre sind Linkshänder deutlich in der Minderheit. Sie liegen bei lediglich zehn bis fünfzehn Prozent der Weltbevölkerung. Für die Rechtsdominanz sind bisher keine Gründe ermittelt worden, lediglich die Sprache verweist auf den hohen Wert der rechten Hand: Rechtsprechung, Recht, rechthaben und aufrecht, rechtschaffen und Gericht, gerecht, rechtzeitig und richtig. Die Sprache verrät auch die Benachteiligung der linken Hand: link und linkisch, jemanden linken und jemanden links liegen lassen. In manchen Stämmen Ghanas durften Linkshänder nicht König werden, und in Japan konnte sich ein Mann von seiner Frau scheiden lassen, wenn er entdeckte, dass sie Linkshänderin war.

Die dominante Hand hat eine bessere Feinmotorik, da ihre fünf Finger stärker, schneller, exakter funktionieren. Die Spezialisierung der Hände hat beide Gehirnhälften enorm verdichtet, weil das Gehirn die Differenzierung jeder Hand  begleiten und ihr Zusammenwirken präzise koordinieren muss. Daraus ist erkennbar, dass eine Umerziehung von der linken auf die rechte Hand keinen Rechtshänder hervorbringt und sogar erhebliche nachteilige Folgen hat: die Leistungen beim Lernen und Lesen verschlechtern sich, die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab und soziale und psychische Probleme stellen sich ein. Nicht nur eine Umschulung, selbst eine Rückschulung auf die dominante Hand ist ein gewagtes Experiment mit dem Gehirn. Bereits kulturbedingt gibt es viele Zwänge zum Gebrauch der rechten Hand: Begrüßungen erfolgen mit der rechten Hand und der Gebrauch von Gegenständen, Geräten und Werkzeugen kann schwierig werden, da sie grundsätzlich für Rechtshänder gestaltet sind.

Die Finger der Hand können greifen und halten, stützen und drehen und haben feinmotorische Fertigkeiten, wie sie das Schreiben erfordert. Hände und Finger ermöglichen sehr unterschiedliche gestische und demonstrative Funktionen. Das Zeigen und Deuten auf etwas erfüllt wichtige Aufgaben. Der Mensch kann auf einen anderen Menschen zeigen, um ihn anzusprechen, er kann auf einen Löwen zeigen, weil Gefahr droht, oder auf eine Herde Gnus, weil sie eine Nahrungsquelle darstellt. Ein solches Zeigen kann Annäherung, Flucht und Angriff bedeuten. Der Mensch kann auch auf sich zeigen. Dann meint er IchIch will, Ich bin, Ich begreife, Ich erkenne mich.

Mit der Hand kann der Mensch Gefühle ausdrücken. Die Finger streicheln, drücken sanft und ballen sich aggressiv oder hoffnungsvoll zur Faust. Mit der Hand erkennt der Mensch, mit den Fingern greift und begreift er. Er nimmt dabei die Füße zu Hilfe, denn er steht und versteht. Stehend handelt er. Mit den Händen kann er auch manipulieren, indem sie aus Natur anderes, Dinge und Werkzeuge herstellen. Die Hand, lateinisch manus, ist das Organ, mit dem nach griechischer Auffassung der Mensch die Natur überlistet, manipuliert, um daraus Kultur und Technik zu schaffen. Das griechische Wort techne bedeutet List und Tücke.

Auch die Stadt ist ein Produkt der Hand. Der organisierten Hände speziell ausgebildeter Menschen – der Handwerker und Händler. Die Handwerkerhände kommunizieren mit Gegenständen, die Händlerhände mit sozialen Beziehungen, um die Handwerksprodukte handelnd weiterzugeben. Händler und Handwerker ziehen nicht umher wie Jäger und Sammler, bebauen nicht den Boden und halten Tiere wie Ackerbauern, sondern produzieren Gebrauchsgüter, Schmuck und Werkzeuge und treiben mit ihnen von der Stadt aus Handel. Oft sind die Händler aber auch auf großen Handelsrouten und Märkten unterwegs.

Bei dieser Sinnhaftigkeit, Bedeutung und Vielseitigkeit der Hände und ihrer Finger ist es nicht verwunderlich, wenn der Mensch durch sie hindurch auf die Welt blickt. So hat er das Universum, den planetarischen Raum, die Erde, das Leben und die Kulturerzeugnisse immer wieder in Zahlenverhältnissen geordnet, in der die Fünf eine bedeutende Rolle spielt. Im Kosmos sehen einige Kulturen eine Fünferstruktur, indem sie in der Eins den Einen, Gott, annehmen, in der Zwei seine Entzweiung in die Welt, in der Drei ihre Verbindung zu einer geistigen Ordnung und in der Vier Wohlordnung, Maß und Richtung der Welt. In der Fünf aber die ganze Fülle des Seins. Der Gedanke kommt im Begriff der Quintessenz und in der 5-Elemente-Lehre der chinesischen Philosophie zum Ausdruck.

Der Mensch schreibt auch der Erde die Fünf zu – er gliedert sie in 4 Himmelsrichtungen und gibt ihr als fünftes Element die Mitte. Er benennt fünf Kontinente, wie sie die fünf Olympischen Ringe zeigen, in denen jeder Ring einen der Kontinente repräsentiert. Es gibt hierzu auch andere Auffassungen, da mehr als fünf großflächige Landmassen aus dem Meer herausragen.

Der religiöse Ursprung bedient sich oft der Fünf. Die hebräische Religion beginnt mit den fünf Büchern Mose, dem Pentateuch. Das ist die Thora oder die absolute Heiligkeit. Christus wird nachgesagt, dass er mit fünf Broten 4000 Menschen speiste. Auch das christliche Kreuz verweist auf die Fünf: mit dem Querholz und der Vertikalen sind vier Enden benannt, hinzu kommt als fünftes Element die Schnittfläche beider Hölzer als Mitte. Der russische Ikonenmaler Kasimir Malewitsch hat in den Jahren 1914/1915 die Schnittfläche aus ihrem Zusammenhang herausgenommen, die Fünf auf eine Vier verdichtet und im Gemälde Das Schwarze Quadrat dargestellt – eine der Ikonen der modernen Malerei.

Auch der Mensch hält für sich einige Fünfen bereit. In der Renaissance wird der Mensch in ein Pentagramm eingezeichnet. Ein Fünfeck, dessen fünf Ecken aus dem Kopf, den beiden Händen der seitlich gestreckten Arme sowie den beiden Füße der gespreizten Beine gebildet werden. Ebenso gibt sich der Mensch fünf Sinne und entscheidet sich für fünf Farben.

Hier wird offenbar, dass oft der Wille des Menschen in Zusammenarbeit mit Gefühl und Verstand, Menge und Maß bestimmt, nicht immer die Sache, denn Kontinente, Sinne und Farben folgen nur bedingt der Fünf. 

Warum hat die Hand fünf Glieder? Wir wissen es noch nicht, doch man kann Vermutungen anstellen: Fünf Finger bilden eine einfache Einheit, die dennoch einen hohen Grad an Differenziertheit und Komplexität aufweist. Das gilt bereits für Wirbeltiere, doch insbesondere durch die Kombination mit dem Daumen, der den vier Fingern gegenüberliegt, entsteht beim Menschen eine effektive Greif-, Fang- und Fasseinheit. In derselben Weise bilden sich spontan Unterteams aus fünf Teilnehmern aus einem großen Team, weil Fünferteams effektiv und erfolgreich sind aufgrund ihrer Kombination aus Einfachheit und Komplexität.

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21. April 2019

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